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Nr. 23 Zweites Blatt Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen) Zreitag, 27. Januar 1928

Demokratie und Außenpolitik in Japan.

3« den japanischen Wahlen.

Don unserem f-Berichterstatter.

(Flachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!) London, Ende Ianuar 1928.

Die Auflösung des japanischen Abgeordneten­hauses ist überraschend gekommen, obgleich seit längerer Zeit bekannt war, daß die politische Situation auf diese Auflösung hindrängle. Die ständigen Angriffe der Opposition, die weit­gehende Unzufriedenheit der Geschäftswelt und nicht zuletzt das Schwanken der japani­schen Währung, waren Sturmzeichen, die In um zu übersehen waren. Gleichwohl nahm eigentlich niemand an, daß die Reuwahlen so bald zur Tatsache würden, da ohnehin im Mai das Abgeordnetenhaus gesetzmäßig hätte neu ge­wählt werden müssen und da man gemeinhin er­wartete. daß die Regierung Tanaka wenig­stens einmal dem Ansturnr der Opposition zu trotzen wagen würde. Sie war seit säst sieben Monaten am Ruder, hatte es aber bis­her wegen ihrer parlamentarischen Schwäche die Regierungspartei der Seiyukai ist in der Minderheit noch nicht riskiert, sich dem Par­lament formal überhaupt v o rzu stel le n , ge­schweige denn, es zu einer Abstimmung über das Mißtrauensvotum der Opposition kommen zu lassen. Die Auflösung der Kammer ist denn auch /in einer Form geschehen, die ebenso charakte­ristisch für die japanische Mentalität ist, wie für den Widersinn des sogenannten parlamantari- schen Systems in Japan: die Regierung hat. ohne es zu einer Debatte kommen zu lassen, der Opposition die Leviten gelesen, ihre Politik nach innen und nach außen verteidigt, und hieraus, ohne die Opposition auch nur zu Wort kommen zu lassen, das Auflösungsdckret verlesen. Gin Vorgang, der jedenfalls in der Geschichte der europäischen Parlamente seinesgleichen suchen dürfte.

Dennoch ist die Haltung der Regierung Ta- nara verständlich, wenn man bedenkt, welch un­geheuere Bedeutung die Formalien (das, was man bei uns in Europa plump und rohd i e Wahrung des Gesichtes" nennt) in Ja- van heute noch haben. Ebenso, wie seinerzeit die Vorgänge der jetzigen Regierung, das Kabinett Wakatsuki, nicht über das Parlament, sondern über eine Mißfallensäuherung des sog. G e - Heimen Rates (der Genro, in Wirtlichkeit die Clique der erfahrenen Staatsmänner) gefallen war, ist die Regierung Tanaka mit der Parla­mentsauflösung formaldie Regierung des Kaisers" geblieben, und kann daher vor dem Lande als Verteidiger des Rechtes und des Her­kommens auftreten. Das isteinVorteil der in einem konservativ, wenn nicht sogar ausgesprochen alt­väterlich gesinnten Lande, wie Iapan, nicht zu unterschätzen ist. Gerade der kleine Grundbesitzer und mittlere Angestellte, dessen Stimme beim Wahlgang am schwersten wiegt, ist im allge­meinen Anhänger des konstitutionellen Prinzipes und nur recht bedingt ein Freund des Parlamen- larismus und der moderneneuropäischen Demo­kratie", die der Vorgänger Wakatsukis, der Mi­nisterpräsident Gras Cato mit seiner Erwei­terung des Wahlrechts nun auch in Iapan for­mal zur Herrscherin des politischen Lebens der Ration gemacht hat.

Aus diesem Grunde ist auch kaum vorauszu­sehen. wie sich der Wahlkampf abspielen toirb vder was als voraussichtliches Ergebnis erwartet werden kann. Gewiß, diese Wahlen am 20. Fe­bruar werden d i e e r st e n sein, die in Iapan unter dem Zeichen des allgemeinen, glei­chen und geheimen Wahlrechtes für alle Männer über 25 Icchre abgehaltcn werden, aber ob sie damit im kommenden Parlament neue Verhältnisse zur Geltung bringen werden, ist mehr als ungewiß. Wenn man nach den vor kurzem abgehaltenen Präfekturwahlen Schlüsse ziehen kann, so werden sich die Städte vor­aussichtlich wieder als wenig politisch interessiert

Kaiser Friedrich der Zweite. Bemerkungen zu dem gleichnamigen Werk von Ernst Kantorowicz.

Von Albert H. tausch, Äerlin.

2n einem kleinen Prospekt, welcher dem Re­zensionsexemplar des oben genannten Werkes")' beilag, steht zu lesen:

©eit den letzten Gesamtdarstellungen des Zeit­alters der Hohenstaufen und insbesondere des Kaisers Friedrich II.. die noch aus der wissen­schaftlichen Schule Rankes stammen, ist nicht nur durch Einzelforschungen eine Unmenge neuen Stoffes zutage gefördert worden, sondern auch aus den Spuren Rietzsches der geschichtliche Sinn für Völker und Personen von Grund auf gewandelt. Von dieser neuen Stoffkunde und Geisteslage aus unternimmt es jetzt Dr. Ernst Kantorowicz, der dem Kreis um Stefan George angehört, die sämtlichen Urkunden zur Geschichte Friedrichs II., kritisch gesichtet und durch eigene Untersuchungen bereichert, in ein umfassendes Bild seiner Person, seines Lebens und seiner Welt zu gestalten, das zugleich den strengsten Ansprüchen der Wissenschaft und dem Ver­langen nach künstlerischer Anschauung genügen soll."

Diese Worte sind wegweisend. Sie zeigen vor allem, woher dieses Buch kommt und wohin es zielt. Daß sein Verfasser der Gedankenwelt Georges nahesteht, könnte auch ohne das r ,cne Bekenntnis der Zugehörigkeit zum George- schen Kreise selbst von einem flüchtigen Leser kaum übersehen werden. Daß dieses Bekenntnis manchen Kritiker in eine Voreingenommenheit zwingen wird, hat er wohl im voraus gewußt und sich eher zur Ehre als zum Gegenteil an­gerechnet. Daß aber vielleicht auch liebende und unbedingte Bewunderer Georges, ja sogar solche, bie in ihm den unzweifelhaft größten Dichter unserer Zeit erblicken, eine Darstellung der Ge­schichte und des Lebens Friedrichs II. lieber ohne eine allzudeutliche Anlehnung ihres Ver­fassers an die Georgesche Ideen- und Wertewelt gesehen hätten, mag ihn vielleicht erstaunen. Es sei im voraus gesagt: die wissenschaftliche (historische) und stilistische Leistung, von der

) Verlag G. Bondi, Berlin 1927. 14

polen sabotiert das Mderlassungsrecht.

Eine unglaubliche

3n diesen Tagen ist im Polnischen Staats­anzeiger eine Dcwvrdnung des Präsidenten vom 23. Dezember v. I. veröffentlicht worden, die auf den ersten Blick dazu bestimmt scheint, ein Haupt­ziel der laufenden Handelsvertragsverhandlungen im voraus zu vereiteln. Es handelt sich um ein am 30. März in Kraft tretendes Gesetz über die Staatsgrenzen, in dem das Riederlassungsrecht in einem Streifen von 30 Kilometer Breite praktisch unwirk­sam gemacht wird, weil Ausländer ohne Er­laubnis in dieser Zone keine Grund st ücke erwerben, erben oder für Erbmassen verwalten dürfen, weil auch Pachtung, Rut- zung und Verwaltung solcher Grundstücke und sogar Ausübung von Handel und Gewerbe und Leitung von Arbeiten und Unternehmungen Aus­ländern in diesem Gebiet verboten werden kann. Für die bereits dort ansässigen Aus­länder gilt, daß sie innerhalb eines Jahres diese Erlaubnis erwerben und, wenn sie ab­schlägig beschieden werden, innerhalb eines wei­teren Iahres veräußern bzw. Pacht- oder Gewerbebetrieb a b g e b e n müssen. Durch dieses Gesetz wird nahezu die Hälfte der deut­schen Abtretungsgebiete rund 20000 von 43000 Quadratkilometer betroffen: im polnischen Korridor mit seinen rund 100 Kilo­meter Breite fallen zu beiden Seiten je 30 Kilo­meter, also 60 von 100 unter das Gesetz, und damit wird allen Deutschen in dem be­troffenen Gebiet die Existenz je nach der Will­kür der örtlichen Behörden innerhalb kurzer Frist unmöglich gemacht.

Es ist selbstverständlich, daß ein bei den Ver­handlungen in allererster Linie verfolgtes Ziel, die Sicherstellung des Riederlas­sungsrechts für Deutsche nicht in der Weise preisgegeben werden kann, daß die Be­stimmungen dieser polnischen Verordnung hin­genommen werden. Damit steht und fällt aber auch der Handelsvertrag, um den es sich bei den gegenwärtigen Warschauer Verhand­lungen dreht. Und das neue Vorgehen Polens ist so auffällig und zerschlägt anscheinend mit

Grenzverordnung.

so plumper Faust das ganze Porzellan, daß man kaum annehmen kann, daß sich die Ur­heber dieser Verordnung die oben dargestellte Wirkung im voraus klar gemacht haben. Es ist vielmehr durchaus möglich, daß dabei nicht in erster Linie an die Deutschland anliegenden Grenzgebiete gedacht wurde, sondern an die Ost grenze gegen Rußland oder an dieR ord- grenze gegen Litauen. Aber wie dem auch sei. wird man von deutscher Seite zunächst auf das entschiedenste fordern müssen, daß durch ent­sprechende Ergänzungs- und Crläuterungsbestim- mungen die Möglichkeit geschaffen wird, d i e Deutschen in Polen von den Konsequenzen einer solchen Maßnahme mit Sicherheit und für die Dauer zu befreien, ehe man es über­haupt verantworten kann, unter dem Druck einer derartigen Sabotagebestimmung weitere Verhand­lungen zu führen. Wenn in der Tat die War­schauer Zentralbehörden sich die von uns oben skizzierten Konsequenzen bei dem Erlaß der Ver­ordnung nicht vor Augen gehalten haben sollten, so wird ihnen eine derartige Konzession nicht schwer fallen. Sie ist um so notwendiger, als erfahrungsgemäß die örtlichen Unter­behörden der deutschen Bevölkerung gegen­über jeder polnischen Regierungsmahnahme die rigoroseste Auslegung geben und sich ihrer in diesem Falle sicherlich dazu bedienen würden, um die seit einiger Zeit inhibierten Liquidationen deutschen Eigentums und die Vertreibung deutscher Sied- l e r aus ehemals deutschem Boden nach Kräften a u f I e b e n zu lassen.

Es besteht schon bisher eine sog. Grenz­zone von 10 Kilometer Breite, und auch dieser Umstand und die weitgehenden Befugnisse zur Behinderung und Ausweisung von Ausländern im Verwaltungswege hat Anlaß genug zu Be­schwerden gegeben: daß man die Erweite­rung der Zone und der Befugnisse nicht hin- nehmen fann und zugleich über dann wirkungs­lose Erleichterungen auf sachlich entsprechendem Gebiet verhandeln, liegt wohl auf der Hand.

zeigen. Vielleicht zieht auch eine kleine Gruppe von Arbeiterparteilern (acht bis zwölf) neu in das Parlament ein, und es ist nicht an­zunehmen, daß im übrigen das Kräfteverhältnis der beiden großen Parteien, der konservativen Seiyukai (bisher 189 Sitze) und der liberalen Minseito (bisher 222 Sitze) wesentlich ver­schoben wird.

Schließlich sind ja auch die Programme der beiden Parteien kaum unterschieden. Interessanterweise ist das, was man für am meisten umkämpft halten sollte, das neue demo­kratische Wahlrecht, weder für die eine Partei, noch für die andere ernsthaft Gegenstand des Wahlkampfes, da man in Iapan der an sich richtigen Ansicht ist. daß das System nichts, die Persönlichkeit und die sachliche Politik alles sind. 2m Wahlkampf spielen, soweit innerpolitische Dinge zur Debatte stehen, auch in Europa nicht unbekannte Dinge eine Rolle, so etwa die Frage, ob das Goldausfuhr- Verbot aufgehoben werden soll, welche Wirt- fchaftskreife staatliche älnterstühung erhalten sol­len. ob die Seidenindustrie oder die Landwirt­schaft. ob die Fischerei oder die Schiffahrt. Wo­bei allerdings cie SKhukei sich im toc entlichen für die Landwirtschaft, die Schwerindustrie und die Fischerei einfetzen, während die Minseito mehr die Interessen des Finanzkapitals und des Han­dels vertreten.

Doch würde man den Wahlkampf mißverstehen, wenn man ihn nur unter diesen innerpolitischen Gesichtspunkten sehen wollte. Denn das wesent­liche. wenn auch im Lande niemals selbst aus­gesprochene, entscheidende Moment ist nicht der

innerpolitische Gegensatz zwischen Seihukei und Minseito. sondern vielmehr der große welt­politische. höchst bedeutsame Gegensatz in der Fxage der äußeren Politik Iapans. Die Bil­dung des Kabinetts Tanaka bedeutete in dec vor­sichtigen Sprache des Ostens, daß Japan außen­politisch eine positive (lies: imperialistische) Politik in China und der Mandschurei zu treiben beabsichtigte und die Politik der Richteinmischung in China aufgab. Diese Reutralität hatte, wie zu erwarten war, Iapan große Schwierigkeiten wirtschaftlicher und politischrr Art gebracht und die Situation der Iapaner sowohl in der Mand­schurei wie in Südchina erschwert. Erst die letzten beiden großen Gegenaktionen die Moskaureise Gotos und Kuharas, sowie die Wiedereinsetzung Tschiangkaischeks im Süden Chinas haben wie­der das Gleichgewicht zugunsten Japans ver­schoben. Zugleich brachte Tanakas eine weitere Annäherung an Rußland (trotz der mandschurischen Frage!) sowie den Versuch, aus der Zurückhaltung gegenüber Amerika eine Annäherung, wenn nicht sogar ein Bündnis zu machen unter der bestechenden Parole: der Pa­zifik den pazifischen Ufetftaaten!

Demgegenüber würde ein Sieg der Liberalen ein Rückfall in die Politik des S.chtreibenlassens, also eine Wiederannäherung an den englischen Standpunkt bedeuten, der bekamcklich Frieden und Geschäft um jeden Preis wünscht, selbst unter Ausgabe aller bisherigen Besitzungen und Vorrechte in China, nur, um endlich wieder einmal Gewinne aus China herausziehen zu können unddie Wirtschaft" zu sanieren. Ein Interesse, in dem die englischen und japanischen

Ernst Kantorowicz in diesem Werke Zeugnis ablegt, ist außergewöhnlich bedeutend. Daß die rein psychologische Deutung Friedrichs II. ebenso gelungen sei, möchte ich bezweifeln. Iedenfalls hat die Darstellung dqr seelischen Dinge nichts von der souveränen Sicherheit, mit der die poli­tischen, kulturellen, sozialen und kirchlichen Wel­ten. welche den Hintergrund und die Voraus­setzung des kaiserlichen Schicksalsablaufs bilden, vor uns entfaltet werden, Uni) wenn Frage­zeichen gesetzt werden können, so ist es eben da, wo cs um die rein menschliche Auswertung von Worten und Taten Friedrichs II. geht: also da. wo ein bewußt und unbewußt von George her übernommenes Bild desheldischen" Men­schen zu Bewertungen führt, die der unbefangene Betrachter ablehnt, und oft genug mit aller Ent­schiedenheit. (Der GeorgescheHeld" ist nicht der in Treue gegen fein eingeborenes Gesetz in den Realitäten ausharrende und diese, sofern sie negativ sind, durch die Macht dieser Treue schließlich besiegende Mensch: sondern das von Gott in die Welt gesandte, mit übernatürlichen Kräften ausgestattete Individuum, welches nach einem apriorisch in ihm ruhenden und von Gott eingegebenen Weltbilde die vorhandenen Realitäten umformt.)

Das Bekenntnis zu dem grandiosen Dichter und Künstler Stefan George bedingt durchaus nicht die widerspruchlose Hinnahme dessen, was der Georgesche Mensch heißt. Im Gegenteil. Vielleicht sogar hat derjenige das tiefste künst­lerisch-dichterische Ergriffensein durch die auto­nome (d. h. von allen indirekten Einflüssen freie) Wirkung des Georgeschen Werkes erlebt, welcher den unbewußten Lebensgestalter und Menschenbildner der frühen und mittleren Iahre (Menschenbildner durch das Mittel seiner nichts als Kunst sein wollenden Dichtung) dem be­wußten der späten Zeit vorzieht, älnd vielleicht wehrt sich keiner so sehr gegen das Georgesche Dogma gegen das ursprüngliche (Stern des Bundes") oder das von Iüngern schon irgend­wie verwandelte -- als derjenige, welcher die ganze Fülle und Bluthaftigkeit des Georgeschcn Seins unmittelbar im Werk verspürt hat.

Das Georgesche Bild desHelden". ist ganz offenbar für Kantorowicz zur Rorm geworden. Dieses Bild ist die innere Richte, nach der sich der gewaltige Stoff des Buches teilt, gliedert und gruppiert. Es ist so allmächtig, so apriorisch

in dem Menschen, Gelehrten und Geschichtsschrei­ber Kantorowicz, daß er selbst den Grad der Intensität, mit dem es in ihm bestimmend und zeugend wirkt, gar nicht mehr fühlt. Es ist immer im Geheimen da. im Vordergrund oder im Hintergrund: wartend, daß die einzelnen inneren und äußeren Geschehnisse aus dem wirk­lichen Leben Friedrichs in es hineinprojiziert werden, älnd so scharf der Sinn des Verfassers für dingliche Realitäten ist: so wenig scharf ist er für seelische. Immer blendet das vorgefaßte Bild des Heros. Divus. Augustus, das rein menschliche ab, das oft so deutungsvolle, so er­greifende. Immer wird dann etwas zurechl- gerüeft, was in einer vorhandenen Ideologie Störungen. Maßverschiebungen Hervorrufen könnte. (Derselben Gefahr, in weit verstärktem Maße, ist Gundolf ausgesetzt, ein anderer be­deutender Gelehrter aus dem Bannkreis Ge­orges.) So kommt es, daß die Lektüre dieses Buches ich habe seine 650 Seiten (groß-oktav) zweimal hintereinander gelesen die rein sprachlich ein besonderer Genuß ist, ihren tiefen Reiz, ja ihre verzaubernde Kraft jedesmal da einbüht, wo jene Terminologie durchbricht, die sich innerhalb des Kreises um George, haupt­sächlich unter der Führung Gundolss. aus der Georgeschen dichterischen Grundsubstanz heraus- geformt hat. Es ist - so sehr Kantorowiczs innere Zugehörigkeit zu der Bildungs- und Ideenwelt Georges selbstverständlich den äußer­sten Respekt verdient und ihm zu ©uitften an­gerechnet werden muh sehr schade, daß seine Diktion, gerade in einem so gewaltigen Buch, nicht frei blieb von Begriffen, die wir jenseits ihrer dichterischen älrgebundenheit - nur noch schwer ertragen können. Ganz zu schweigen von dem Begriff desHelden", den uns die eigene Zeit gründlich und ein für alle­mal verleidet hat! Ie tiefer man in die un­gewöhnlichen Schicksale des großen Kaisers ein­dringt, je logischer und notwendiger man die Kreise seines Kräftespieles um ihre Mitte herum wachsen sieht: um so weniger möchte man ihn irgendeinem Wertbegriffe angeglichen fef>en. Held Divus Augustus: es sei, aber wesentlich ist uns doch schließlich nur eines: wie war die einfachste menschliche Grundlage, von der aus sich Trieb und Wille, Anlage und Ent­wicklung in diese und jene Ebene hinaufhoben ober hinabsenkten, ilnb dieses eben aber auch

Kaufleute trotz aller sonstigen Rivalität einig sind. Da dies ein Standpunkt ist, dem man immerhin die Berechtigung nicht ohne weiteres abstreiten kann, wenn man ihn auf lange Sicht auch für unzweckmäßig halten möchte erst die Erfahrung muh ja zeigen, ob die positive oder die abwartende Positik die richtige ist, kann man also die Frage, um was die japanischen Wahlen gehen, auch anders formulieren: nämlich Krieg ober Frieden in China.

Oberheffen.

Lau-, reis Gietzen.

ch W i e s e ck. 27. Ian. Rach kurzer Winter­pause fand gestern abend die erste diesjährige Gemeinderatssihung statt. Vor Eröff­nung der Sitzung fragte Gemeinderat Hilde­brand nach dem Stande der nachträglichen Bewilligung der W i n t e r b e i h i l f e für eine weitere Anzahl Erwerbsloser usw. Es wurde beschlossen, diesen Punkt im Anschluß an die ordentliche Tagesordnung zu erledigen. Verschie­dene Anfragen über Straßenbeleuchtung, Stif­tung eines Chrenvreises für den Hundesport­verein wurden auch im Anschluß an die Tages­ordnung erledigt. Zur Tagesordnung übergehend wurden als Vertreter zur Bezirksspar­kasse Gießen Bürgermeister Schomber, Gemeinderat Karl Benner und Dr. Rein bestimmt. Laut Mitteilung des Kreisamts sollen die seinerzeit durch die Gemeinde beschafften Baudarlehen für Private (die den Ge­meindeetat noch immer stark belasten) auf dem Wege der privaten Anleihe durch die betreffen­den Schuldner abgelöst werden. Da diese Anfrage des Kreisamts erst eine Rücksprache mit den Betreffenden erforderlich macht und eine glatte Regelung zur Zeit überhaupt nicht möglich ist, auch den Leuten nicht zugemutet werden kann, wird dieser Punkt auf eine spätere Sitzung ver­tagt. Dem Gesuch des Heinrich H o r m a n n zwecks Erteilung der Konzession zum Betriebe einer Schankwirtschaft in dem früheren Zieg- lerschen Anwesen in der Philosophenstraße wurde entsprochen. Das Rücktrittsgesuch des ®c- meinderats Heinrich Kümmel wurde mit 11 gegen 4 Stimmen genehmigt. Als sein Rachsolgcr wird der Landwirt und Vor­sitzende der Ortsgruppe Wieseck des Bauernbundes Friedrich Decker in den Gemeinderat einziehen. Als letzter Punkt der Tagesordnung lagen Gesuche um Erlaß von W a s s e r g e l d und sonstigen Außenständen vor. die aber mit der nachträglichen Bewilligung von Winterbeihilfe für Erwerbslose in nicht­öffentlicher Sitzung behandelt wurden. Der seiner­zeit bei Gründung des Gemeindeverban­des Wieseck-Alten-Buseck mit der Ge­meinde Alten-Duseck abgeschlossene Vertrag be­darf hinsichtlich des Betriebsvermögens einer Klarstellung, die durch den Gemeinderat von Wieseck noch zu genehmigen ist. Rach län- ?ercn Erklärungen seitens der Derbandsvertreter am der Gemeinderat zu dem Entschluß, bah bet Anregung ber Wiesecker Verbanbsvertreter un- bebingt zuzuftimmen ist, die besagt, bah die AnteilsummevonWieseck nicht, wie vor­gesehen. 97 500 Mk., sondern nach Abzug ber Abschreibung nur 83 500 Mk. betragen soll. Der Anteil von Alten-Buseck beträgt 32 500 Mk., so bah der Betrieb mit einem Betriebsver­mögen von 116 000 Mk. und nicht mit 130 000 Mark eröffnet würbe. Hiergegen stimmte nur Gemeinderat Karl Scherer. Dem Ausschuß der Winterobstausstellung Gießen wurde auf Anregung des Vorsitzenden des Obst- und Gartenbauvereins Wieseck ein Betrag von 20 Mk. zugebilligt, da der Gemeinbevorstanb eS für seine Pflicht hält, den heimischen Obstbau in jeder Weise zu fördern.

s Mainzlar, 26. Ian. liniere Kanali­sation ist nunmehr bis auf die Hausanschlüssc sertiggestellt. Damit wurde dieser Tage ebenfalls begonnen, sie werden auch von Maurermeister A m e n b - Treis a. d. Lba. ausgeführt. Die Vor­züge der Kanalisation machen sich bereits in allen Kellern ber kanalisierten Straßen bemerk»

nur bieses ist die Stelle, wo ich nicht mit Kantorowicz gehe. Denn ich kann die Gewichts- Verteilung der psychologischen Rückschlüsse, zu denen ihm das charakterliche Bild des Kaisers Anlaß gibt, nicht gut heißen und überhaupt nicht finden, daß der Mensch Friedrich II. in diesem Buche vor dem König und Kaiser , wirk­lich sichtbar werde. Der Prinz, der König, ber Kaiser, ber Tyrann, der Cäsar-Augustus, ber Antichrist ber Staatsmann, en somme, ist immer gegenwärtig. Gegenwärttg auch, bis in eine manchmal unwahrscheinliche Rähe, alles Ambiente", alles Drum und Dran dieser ein­zelnen Grade und Schichtungen aber der so viel bewunderte, so wenig geliebte, so namenlos gehaßte M e n sch spricht nirgends unmittelbar zu uns. Ein Standbild ist uns errichtet ber Kaiser Friedrich II. das Blut bleibt stumm. Immer nur wird der Grad feiner Wirkung gewiesen - niemals ber Ton des innersten Gehäuses gegeben. Rie wird im klaren, un­zweideutigen Wort ausgesprochen, was für ein namenlos geplagter, gequälter, zerschundener, ge­hetzter, oft genug elender Mensch dieser Kaiser war: trotz aller angeborenenmajestätischen" Heiterkeit (Apollinität). die er besah. Fast alle schöpferischen Akte dieses Kaisers gingen hervor aus Rvtwendigkeiten, die ihm feindliche Mächte aufzwangen: seine Taten waren der Aus­fluß der Widerstände, welche die geiftigen und politischen Mächte seiner Zeit ihm entgegen» stellten. Unb gerade bei einem Genie, wie er es verkörperte, bleibt die Frage offen, ob sich seine ©runbbegabung die ganz realpolitisch­diplomatisch war, vollkommen unkriegerisch nicht sehr anders ausgewirkt haben würde, wenn er groben, freien Plan vor sich gehabt hätte... Der Realist Friedrich II. verschwindet in ber Auffassung Kantorowiczs zu sehr hinter dem gottbegnadeten" Augustus: und nur von dem Realisten her, der jeglicher Aura entrückt ist. liehe sich auch der Mensch deuten. Viele Rega- tive seiner Ratur zwar würden dann sichtbar, aber es würde auch ganz bestimmt mehr als ein Zug positiv erscheinen, der bei der Dar­stellungsart Kantorowiczs überhaupt nicht über­zeugend zum Vorschein kommt. Um nur einen zu nennen: die wundervolle Skepsis und Ironie dieses gänzlich unromantischen Kaisers! Glaubt denn ein Mensch, daß Friedrich etwa den Stil seiner Hofkanzlei vor sich selber ernst nahm?