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Nr. 123 viertes Blatt

Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Vberheffen)

Samstag, 26. Mai (928

AusstellungReligiöse Kunst aus Hessen und Aaffau" in Marburg.

sarlophag mit realistischer Reliefplastik, lato Lin* gische Kapitelle, ein Kruzifix auS Caldern. alles Arbeiten von sehr hoher Qualität, die bisher unbekannt geblieben waren.

Sehr ergiebig ist die Plastik des 14. Jahr­hunderts in Franlenberg. lleberauS lebendige, teilweise bemalte Figuren, allerlei spielerisch aus- gearbeitete Ornamcniil, Putten, holzgeschnitztc Emporenksnsolen und eine umfangreiche und ein« seltene Sammlung kostbarer Ofenplatten.

3m anschließenden Raum findet sich eines der wertvollsten Stücke der ganzen Ausstellung: der überlebensgrobe Kruzifixus aus der Friedberger Burgkapelle, von ausladenden Dimensionen, grob, wuchtig, auf Fern Wirkung und weite Sicht ge­stellt, doch mit feinen technischen Details und einer bezwingenden Stärke des Gesamteindruckes. Ferner Ehorgestühl mit drastischen Schnihfiguren (Tiermotiven) und drei romanische Kreuzigungs­figuren (Frihlar, Deckbergcn). ziemlich mitge­nommen, aber von starker Wirkung in der ft ren­nen Linearbetonung und der blockmähigen Ge­schlossenheit ihres körperlichen Wesens.

Die Glockenabteilung veranschaul chl in sehens­werten Modellen, Photographien und Skizzen die Geschichte des Glockengusses bis zur Gegen­wart. Heben Glocken des 13. Jahrhunderts sind hier schmiedeeiserne Türen des 14. und 15. Jahr­hunderts und ein feiner Kruzifixus des 13. Jahr­hunderts (aus Waldorf) besonders bemerkens­wert.

Vehr interessantes und vielseitiges Material (Vorhänge, Wandbänder, rituelle Gefähe und anderes mehr) vereinigt die Jüdische Abteilung, die fast ausschließlich aus Privatbesih zusammen­gebracht wurde Zu bedenken ist, daß das we­nigste eigentlich jüdische Kunst darstellt, das meiste vielmehr Proben von guten und mit feinem Empfinden der kultischen Eigenart und dem Sonderzweck angepahten hessischen Kunst- arbetten vermittelt.

Wertvolle und wenig bekannte Stücke auS Hessen, Hessen-Rassau und Waldeck vereinigt der sog. bürgerliche Kirchenramn: eine geschnitzte Kanzel aus Biedenkopf mit Renaissance-Intar­sien, gotisches Gestühl, Bronzeleuchter und ein ganz einzigartiges Taufbecken aus Alsfeld Außerdem vier bisher völlig unbekannte Ge­mälde- besonders hinzuweisen wäre auf eine Heimsuchung" (Mitte des 15. Jahrhunderts) auS Lauterbach, die sich durch Schmuyschichten tadel­los konserviert hat und sich in erstaunlich frischer Erhaltung und bestechender Leuchtkraft des Kolo­rits präsentiert. Ein sehr feines Gethsemanebild auS Alsfeld ferner, und eine bemerkenswerte Darockmalerei von Franz Kehler aus Wetzlar. Mainzer Holzplastik vervollständigt das Bild dieses Raumes, der zu den eindruckvollsten der ganzen Sammlung zu zählen ist.

An erlesenen und seltenen Stucken aus dem Staatsarchiv ist in einer anderen Gruppe die Geschichte der Schrift vom 5. bis zum 16. Jahr­hundert zu verfolgen. Erne Siegelsammlung schließt sich organisch an, und weiterhin eine An­zahl kostbarer Handschriften: ein Evangeliar auS Hardeshausen vom 12. Jahrhundert, mit wunder­vollen Buchmalereien, wohl die schönste hessische Handschrift: ein Evangelienbuch deS Klosters Abdinghof mit Clfenbeindeckel und Federzeich­nungen, und Fritzlarer Missalen des 14. und 15. Jahrhunderts.

3n einer weiteren Gruppe beanspruchen die Teppiche aus der Marburger Elisabethkirche be­sonderes Interesse, welche in primitiv erzählen­der Form, aber mit merkwürdig lebendigem Aus­druck die Geschichte vom verlorenen Sohn dar- stellen: daneben die landgräflichen Totenschilde, bedeutende Glasmalereien, eine große Anbetungs­gruppe aus Corbach. und die in ihrer dürftigen Bemalung seltsam ergreifende Fritzlarer PietL aus dem 14. Jahrhundert.

Aus einer Sammlung qualitativ hochstehender, säst gänzlich unbekannter Plastiken des Mittel­alters ist vor allem eine Steinmadonna aus Hirzenhain. Mitte 15. Jahrhunderts, zu beachten, die übrigens dick mit Oelfarbe überschmiert war.

Einer Sammlung von Paramenten und Sticke­reien (die vor allem durch die schönen und un­gemein wertvollen Stücke deS Berliner Schloh- museumS, 13. Jahrhundert, ausgezeichnet wird) schlieht sich ziemlich unvermittelt eine Gruppe von modernen Vertretern religiöser Kunst an: neben der bekannten, sehr eigenartigenKreuz­abnahme" DeckmannS unferm Gefühl nach dem stärksten Werk dieser Eonderabteilung die .Erweckung von Jairi Töchterlein" des Pc ter Rasmussen, eine ganz unkonventionell be­handelte, an Kolbe erinnernde, grobe Christus- plastik für die Frankfurter Friedenskirche und ein stark stilisierter Palmesel von Prof. Scheibe. Solche unvermittelte Konfrontierung früher und moderner Werke sollte überhaupt wegen der in mehr als einer Hinsicht ungemein lehrreichen Ver­gleichsmöglichkeiten häufiger durchgeführt wer­den: das Verständnis gerade der zeitgenössischen Kunst mit ihren unterschiedlichen Stiltendenzen würde dadurch nicht unwesentlich erleichtert werden.

Mit der bedeutsamsten Neuentdeckung der Aus­stellung. einem unbekannten, frühen Altarbilde aus Hofgeismar zusammen sind Stickereien des 13. bis 15. Jahrhunderts und eine gemalte Per- gamenturlu-dc der Stiftung d:s Klosters Wacien- ftatt ausgestellt. Reben verschiedenen Kruzifixen weiterhin Reliquienstücke, ein Band der hl. Ger­trud und Elisabetherinnerungen.

Es sind ferner einige lokale Sonderkollektionen zu bezeichnen: Warburgs Plastik ist durch Ar­beiten des bekannten Meisters Juppe charakteri­stisch vertreten, Fuldaer Kunst mit zwei großen Reliefs ("Beweinung" undFrauen unterm Kreuz"). Wetzlarer Plastik mit der versilberten Kupferbüste einet weiblichen Heiligen.

Als künstlerisch bedeutsames Zwischenglied der Entwicklung ist ein Raum mit einer Reihe aus­gezeichneter Barockplastiken von Wichtigkeit: es handelt sich durchweg um sehr wenig bekannte Stücke, z. D. einen Kruzifixus aus Aidda von ungewöhnlicher Güte, die fragmentarische Gruppe eines Fritzlarer Darockaltars (18. Jahrhundert), Mabasterfiguren aus Warburg: alles von be­merkenswerter Erhaltung.

Das Prunkstück der GruppeMalerei des 19. Jahrhunderts" ist Dantzers berühmte , Abend­mahlsfeier in Hessen": ferner begegnet man hier

Nachdem bereits am vergangenen Mittwoch eine Vorbesichtigung mit Führung für die Presse veranstaltet worden war, wurde am gestrigen Freitagvormiltag mit einem Festakt in dem dem JubiläumSkunstinstitut gegenüberliegenden neuen LichtspielhausCapitol in Warburg die Aus­stellungReligiöse Kunst aus Hessen und Nassau" der OeffenUichkeit übergeben.

In Anwesenheit einer großen Zahl geladener Gäste, worunter sich u. a. die Spitzen der Be­hörden, Vertrete: der Rachbarstädte und Rach- baruniversitäten, der Stadt und Universität War­burg und der Presse befanden, ergriff nach einem musikalischen DorsPiel Oberbürgermeister Wül- l e r. Warburg, das Wort zu seiner Begrüßungs­ansprache. in der er als Dertreter der Stadt die Erschienenen wllllommen hieß: sein Dank galt allen, die am Zustandekommen der Aus­stellung und deS diesjährigen Festspieles mit» J«wirkt haben Beide, Ausstellung wie Festspiel, eien aus religiösem Geiste erwachsen, dessen unsere Zell so sehr bedürfe, und von dem jeder Besucher ein wenig mit sich heimtragen solle. AuS dem Zusammengehörigkeitsgefühl mit der Provinz und auS bau Bestreben, der Provinz für die Schenkung deS Kunstinstituts Dank abzu- ftatten, habe die Stadt Warburg die Ausstellung zustandegebracht, die heute vollendet sei und nun­mehr eröffnet werden solle.

Hierauf sprach der Direktor deS Kunstwissen­schaftlichen Institut», Professor Dr. Hamann, Warburg: er beantwortete die Fragen, warum man wieder eine Ausstellung oeranftoltc, warum gerade eine Ausstellung religiöser Kunst und warum dieS gerade in Warburg auS Liebe zu da, Ausstellungsobjekten, die hier in ihrer Gemeinsamkeit zu neuem Leben erwachen und einet einheitlichen Idee dienen sollen: um hie kulturelle Einheit Hessens und RassauS im Bilde sinnfällig zu machen, und welche Wacht der Erde habe mehr einigende Wacht alS die Religion? Warburg aber sei gerade als Heine Stabt, als DurchgangSpunkt und auf Grund feiner kunstgeschichllichen Stellung dazu berufen und besonders geeignet. Rach einem kurzen Ucberblld übet die Schätze der Ausstellung dankte Professor Hamann den Herren, die die Ausstellung zustandegebracht haben, Dr. Stein­bach. Privatdozent Dr. Dcckert, Dr. Mein­hard, Dr. A n d r 6, Dr. W e i k e 11 und Dr. Kippenberger.

Der Oberpräsident der Provinz Hessen-Rassau. D. Dr. Schwandet, Kassel, richtete hiernach Worte deS Dankes an die Stadt Marburg, ins­besondere an deren Oberbürgermeister Müller, Professor Hamann und seine Mitarbeiter, und betonte, die Ausstellung, die well über die Pro­vinz hiuauS reute, sei ein eindringlicher Gegen­beweis gegen die verbreitete Meinung von der Kulturleere und ReligionSferne unserer Zeit: der Geist der hier gezeigten Kunstwerke möge tief in unsere Zeit hinein wirken: mit diesem Wunsche erklärte Dr. Schwandet namens der preußischen Regierung die Ausstellung für er­öffnet

Rach einem abschließenden Mufikvor trage be­gann barm in großen Gruppen die Fichrung bet Ehrengäste durch die Ausstellung. Rach bet Besichtigung vereinigten sich die Geladenen zu einem Festessen in den ötabtfälcn, wo Stabt- Verordnetenvorsteher Justizrat Rohde namens bes Magistrates die Anwesenden willkommen hieß, während Oberpräsibent Dr. Schwandet im Ramen der Gäste Worte des Dankes an die gastgebende Stadt Marburg richtete. Rach dem Essen begab man sich auf den Schloßberg, wo auf bet neuemcfrteten Freilichtbühne bald nach 5 llhr die erste Aufführung des diesjährigen Marburger Festspieles begann.

Ein Rundgang durch die Räumlichkeiten des neuerrichteten Kunstinstitutes ergibt, obwohl die Ausstellung noch nicht ganz vollständig ist und nach Pfingsten noch ergänzt und erweitert werden soll, einen imposanten, stellenweise ganz über­raschenden Eindrud von der Mannigfaltigkeit und der fast durchweg ungewöhnlich hohen Quali­tät der kirchlichen Kunstschähe aus den für dia Ausstellung ins Auge gefaßten und systematisch bearbeiteten engeren Heimat gebieten.

Die Ausstellung sol( im wesentlichen regional aufgebaut und nach landschaftlichen Gesichts­punkten geordnet und zusammengesaht, einen llcberblid geben über die Buntheit, den Formen­reichtum und die Ausdruckskraft kirchlicher Kunst in Hessen und Hessen-Nassau vom Mittelaller bis in die moderne Zeit hinein. Besonders be­merkenswert ist dabei, daß etwa 80 Prozent aller ausgestellten Werke bisher ganz oder so gut wie unbekannt waren: ein Umstand, der durchaus dazu angetan ist, das kunsthistorische und kultur­geschichtliche Interesse an der Ausstellung über ben feftgekgicn Rahmen einer räumlich und stofflich begrenzten Sonderschau hinaus ganz er­heblich zu steigern.

Einen überaus wuchtigen Eindrud macht die aus ausstellungstechnischen Gründen verdunkelte Eingangshalle, die einen würdigen Auftakt zu der Gesamtschau bildet. Hier fesselt vor allem eine überlebensgroße Pieta aus dem Wetzlarer Dom das Auge des Beschauers, ein Werk, das menschlich wie künstlerisch von starker, unmittel­barer Wirkung ist. Die Gruppe wird von kost­baren Chormänteln flankiert. Prunkvolle Para­mente aus Fulda und ein sehr interessanter, figurenreicher, aus plastischen und malerischen Elementen kombinierter Altar von Butzbach, dessen Flügel mühsam gereinigt werden muhten, ergänzt die Einleitungsgruppe.

Ein _ sehr wertvolles Stück ist der berühmte Gelnhäuser Teppich, mit einer zugleich primi­tiven und überaus lebendigen Darstellung des Lebens Christi: das Stück, um 1400 zu datieren, ist das früheste millelrheinische Werk feiner Art.

Dann gibt es eine ausgezeichnete Sammlung hessischer Steinplastik des 14. Jahrhunderts, deren erstmalige Z usammenstellung dem Spezialarbeits­gebiete des Marburger Kunsthistorischen Semi­nars unter Leitung von Professor Hamann entspricht. Da ist die für uns lokalgeschicht­lich besonders interessante Schiffenberger Ma­donna. die kleine Cappenberger Sitzmadonna. ein sehr einheitliches und feines Stück, eine Ma­donna aus Machern. Figuren vom Lettner der Marburger Elisabethkirche, der Erfurter Severi-

S kein les frommem Razarenertum. Stein­haufens typischer, verwischter Malweise. Sil­bern von Thhlmann und RaSmussen und einer .Betenden Bäuerin" von Giebel, etwa in DantzerS Manier, gut und charakteristisch.

Ein Raum mit einer Kollektion großformatiger Photographien dient der Ausstellung xur Er­gänzung und will einen Eindruck dessen ver­mitteln. waS schlechterdings nicht auSstellbar ist. Vor allem Architekturen, wenig bekannte Motive, in vorbildlichen Aufnahmen: Dorfkirchen. Inte­rieurs. Kapitelle u. a. m.

Aus anderen Gruppen sei abschließend noch auf einige besonders wertvolle, seltene und cha­rakteristische Ausstellungsstücke aufmerksam ge­macht: die Tragaltäre des Roger von HelmarS- hausen (1100). des bedeutendsten Goldschmiede- meifters des Mittelalters, dessen Technik und Stil grunblegcnD für alle spätere Entwicklung wurde: ein Rcisealtärchen des äüeren Cranach für den Landgrafen Wilhelm II.; kostbare Stücke aus dem Fritzlarer Dom schätz, die Glasfenster mit der Darstellung der klugen und törichten Jung­frauen.

Der hier in großen Zügen gegebene Ucbcrblid über die Ausstellung .Religiöse Kunst auS Hessen und Rassau" fann auS mehrfachen Grün­den, vor allem mit Rückficht auf die gebotene räumliche Beschränkung, keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben, sollte aber dazu dienen, wenigstens einen ungefähren Eindruck von der Dielglicderigkeit und den künstlerischen wie kul­turgeschichtlichen Werten des hier vereinigten Materials zu vermitteln, auch von dem unermüd- llchen Fleiß, der Findigkeit und dem Organi­sationstalent der Ausstellungsleitung ehrenvolles Zeugnis ablegen. hth.

Marburger Festspiel 1928.

Die diesjährigen Marburger Festspiele wurden gestern nachmittag mit der Erstaufführung des Spiel« von St. Elisabeth eröffnet. Die Handlung, der historische Ereignisse aus dem ersten Drittel des 13. Jahrhunderts zugrunde­liegen. ist entworfen von A. Pfeffer (der Schöpferin de« vorjährigen ReformationSspieleS), in Worte gefaßt von Franz Johannes Wein- rich und für die Bühne bearbeitet und in Szene gesetzt von Dr. Fritz Dudde, in dessen Hän­den die künstlerische Oberleitung der ganzen Ver- anftattung liegt und der sich vor allem um die Schaffung der sehr interessanten. eigenartigen und wandlungsfähigen Freilichtbühne verdient gemacht hat. Die Bühne ist praktllabel und mit guten technischen Einrichtungen versehen: äußer­lich von großer Schlichtheit, faßt sie die weit­läufigen Spielfelder in vier großen gotischen Bögen zusammen, welche zugleich eine einfache und ästhetisch überzeugende Einordnung der Bühne in die umgebende LanÄchaft bewirken. Die Weit- räumigleil der Anlage gestattet die Entfaltung größerer Massen im Spiel, die an mittelalter­liche Vorbilder erinnernde Anordnung der Spiel­felder erlaubt pausenlose Verwandlungen und gibt vielseitige Möglichketten szenischer Grup­pierung.

Das Spiel selbst kreist mit Dorspiel. Zwischen­spielen, Rachspiel und drei tn lockere Bilder gegliederten Akten um die verklärte Gestalt der Landgräftn Elisabeth von Thüringen. Der Ort der Handlung ist die Wartburg und ihr Umkreis. Hm daS Kernmottv. die wunderwirkende, mit­leidsvolle Rächstenliebe der Landgräfin (die Rosenlegende ist nicht verwendet) ranken sich in Massen- und Einzelszenen mehr oder minder organisch eingewirktc Degleithandlungen, die als Gegenspieler Heinrich Raspe, den Bruder de« Landgrafen, einführen, als den Betreuer der Elisabeth aber den wortgewaltigen und glau­bensstarken Priester Konrad von Marburg. Der volkstümliche Charakter des Spiels wird m den Szenen der Dauern, der Aussätzigen und Hung­rigen betont, der kulturelle Hintergrund im Kreuzzugsmottv angedeutet, die religiöse Domi­nante des Ganzen im PassionSspiel des dritten Aktes und im Epilog mit der Verklärung der Elisabeth sinnfällig gemacht.

Die Regie Dr. Buddes brachte unter ge­schickter Ausnutzung der Bielfeitigen bühnentech­nischen Möglichkeiten ein bewegtes, fliehendes Spiel, große Gruppenauftritte und wirksame Dia- logszenen heraus. Einzelne Mängel werden sich im Laufe der späteren Ausführungen von selbst beheben, manches wird regiemähig noch abzu­schleifen und zu runden fein. Im ganzen würde der Aufführung unserem Gefühl nach eine ge­wisse Dämpfung im klanglichen und visuellen Stil des Spieles tvohl zustatten kommen: eine Milderung im stimmlichen Einsatz der meisten Massenszenen, wie auch eine koloristische Verein­fachung der abschließenden Szenerie; je schlichter, einheitlicher und ruhiger die Dekorationselemente sich den groß stilisierten, szenisch-architektonischen Grundformen der Bühne anpafsen. um fo ge­schlossener und wirksamer wird der Charakter des Festspieles sich ausprägen lassen.

Das Solistenensemble (7 Damen, 15 Herren) zeigte durchweg ansprechende darstellerische Lei­stungen. Eine glückliche Besetzung der Hauptrolle, der Landgräfin Elisabeth, lieh sich ermöglichen durch die Gewinnung einer jungen Berliner Künstlerin, Dorothea Thieß, die Schlichtheit. Ursprünglichkeit des Gefühls und frauliche In­nigkeit für die Gestaltung der legendenhaften Gestalt einzusetzen hat. Gleichmähig gut wirkten ferner Firmbach als Landgraf, Roland (Konrad von Marburg) sowie Dr. Wiesner und 61 r i e b e ck in der Dovpelgängerpartie des Raspe und de« schwarzen Höflings, obwohl diese beiden Chargen stimmlich stellenweise allzusefw forciert wurden, was in Anbetracht der guten akustischen Verhältnisse der Bühne durchaus ver­mieden werden kann. Auch die große Zahl der übrigen Spieler war mit Lust und Liebe bei der Sache.

Ein vielköpfiges Auditorium füllte den über 2000 Plätze faffenden Zuschauerraum und folgte der Aufführung mit lebhafter Anteilnahme.

-y*

Aus dem Amtsverkündigungsblatt.

* D a s 2l m t s v e r k ü n d i g u n g s b l a t t Nr.38 vorn 25. Mai enthält: Sttaßensperre-Ausdehnung. Straßensperre. Ferngasleitung GießenWieseck. Polizeioervrdnung über ben Krastfahrzeugverkehr in der Gemeinde Großen-Linden. Orisbausatzung für die Gemeinde Annerod.

Wirtschaft.

Oie Erhöhung der Eisenpreise.

Don Or. Wegener.

Die kürzlich bekannt gewordene Erhöhung der Eisenpreife stellt, objektiv betrachtet, nicht eine Sondermahnahmc der Eisenindustrie, sondern lediglich ein Glied in der Kelte der gegenwärti­gen WirtschattSentwicklung dar, bet der Preis­erhöhungen und Lohnerhöhungen emander un­ablässig folgen, so daß man b'Sweilen tn bedenk­licher Wese an die Verhältnisse der Jnllation erinnert w.rd Daß diese Entwicklung unerfreu­lich ist. darüber sind stch wohl alleBeteiligten einig, und auch die Eisenindustrie selbst wird sich zu der Preiserhöhung, die dies­mal beträchtlicher alS die vorungegangene ist. nicht leichten Herzens entschlossen haben. Aber eS blieb kaum ein anderer Ausweg, nachdem die Lohnerhöhung im Bergbau zu einer sehr erheblichen Verteuerung der Kohle, deS wich­tigsten Rohstoffes der Eisenindustrie, geführt halte. Bei der engen Verflechtung von Kohle und Ecken müffen sich eben die neuen Belastungen deS Berg­baues notwendig in einer weiteren beträchtlichen Steigerung der Selbstkosten der Hüttenwerke durch den verteuerten Kohlenverbrauch auSwirken. Die DerbrouchSverbände der Eisenindustrie haben vor Dtr Verbindlichkeitserklärung deS Schiedsspruches sowohl den ReichSarbeitSmtnister, wie den ReichswirtschattSminister rechtzeitig auf die Fol­gen einer solchen Maßnahme aufmerksam ge­macht. Es wird verschiedentlich die QHcinung ge­äußert. die Eisenindustrie werde von der Lohn­erhöhung im Ruhrkohlenbergbau gar nicht be­rührt und habe deswegen auch keinen Anlaß, eine Preiserhöhung vorzunehmen AlS Begrün­dung für diese Anschauung führt man an. ba.fr der Preis für Kols vom Syndikat ja gar nicht erhöht sei. Diese Schlußfolgerung hält ernsthafter Prüfung jedoch nicht stand. Richtig ist, daß die Verkaufspreise für KokS nicht erhöht sind. Da­von haben aber nur die Teile Der Eisenindustrie Vorteil, die keine eigenen Zechen und Kokereien besitzen und fremden Hochofeickoks verbrauchen. Solche Hvcho.enwerke gibt eS in Deutschland heute nur wenige, in erster Linie die soge­nannten Küstenwerke, soweit diese nicht zum Tell sogar ausländischen KokS beziehen oder ihre Kokereien ganz oder zum Tell mit aus­ländischer Kokskohle betreiben. Die reinen Stahl­werke hingegen beziehen so gut wie gar keinen Koks, sondern nur Kohle. Der weitau» über­wiegende Teil der ganzen deutschen Stahlerzeu­gung liegt außerdem bei den Werken, welche eigene Zechen und Kokereien besitzen. D« Kohlenmengen, welche von der Eisenindustrie, sei es unmittelbar in Der Form alS Kohle, sei es als Koks, im Selb st verbrauch von ihren eigenen Zechen bezogen werden, sind selbst­verständlich in gleicher Weise durch die Lohn­erhöhung betroffen und verteuert. Für diese Verteuerung konnte naturgemäß bei Den Ver­handlungen über die Kohlenpreiserhöhung gar kein Ausgleich geschaffen werden, weil diese Kohle und dieser Koks ja nicht an Den Markt kommen unD infoIgeDeffen keine wirklichen Ver­kaufspreise haben. Die Verteuerung der Selbst­kosten der im Hüttenselbstverbrauch bezogenen Kohle stellt sich durch den Schiedsspruch, Die auch auf dem Hüttenselbstverbvauch liegende Syndikatsumlage und durch Steigerung der Ge­neralunkosten infolge verringerter Förderung auf reichlich 2 Mk. und für den HochosenkokS auf 2,50 bis 2,80 Mk., je nachdem, welche Verwer- tungsmöglichkeit des Gases gegeben ist. Gin Ausgleich für diese Verteuerung der Selbst­kosten kann mithin, da diese Kohlenmengen, wie gesagt, nicht an den Markt kommen, auch nicht bei der Kohle erfolgen, sondern lediglich bei Eisen und Stahl.

Von Den Gegnern der Eisenpreiserhöhung wird nun auf die wachsende Festigkeit der internatio­nalen Eifenpreife hingewiesen, von der die deutsche Industrie indirekt Vorteile habe. Da sie ihr Den Export erheblich erleichtere. Indirekt auch soll die Möglichkeit, die Ausgleichs sähe für Den Ex­port der o er arbeiten Den Industrie herabzusehen, für die eisenschaffende Industrie weitere Er­leichterungen bringen. Schließlich wird auch darauf hingewiesen, daß Frankreich im avge- (aufenen Vierteljahr Aum ersten Male feilte Be­teiligungsquote bei der Internationalen Roh- stahlgemeinschaft überschritten hat, waS die Roh- stahlacmeinschafl der Rotwendigleit überhebe, Aus­gleichszahlungen für die llnterkontingentSproduk- tion, die bisher durchweg aus Zahlungen der deutschen Industrie finanziert worden sind, an Frankreich zu leisten. Es beginne sich also eine Angleichung deS ausländischen Preisniveaus an das deutsche durchzusetzen, und es wäre gerade in diesem Augenblick unverständlich, wenn die deutsche Industrie die Preise erhöhen wollte. Gegen diese These läßt sich leider allerhand ein­wenden. Die Verteuerung Der Eisenproduktion wird nämlich durch die höheren Weltmarkt­preise nicht ausgeglichen, da auch der heutige Weltmarktpreis noch immer unter Den deutschen Selbstkosten liegt. Der ausschlaggebende Faktor ist daher das Mengen-Verhältnis deS Jnland- absahes zum Auslandadsatz. Da aber daS In­land zur Zeit nicht mehr so au'uahmefähig ist wie im vergangenen Jahre, ergibt sich die Rot- wendigkeit. den Export zu vergrößern. Dadurch gebt logifcherweise für den DurchschnittSerlös wieder das verloren, was durch die Steigerung der Auslandpreise gewonnen werden kann. Die vielfach verbreitete Ansicht, daß Der Durch- fchnittSerlös Der Werke gestiegen sei, ist daher falsch. Im Gegenteil ist trotz Der gestiegenen Auslandpreise eine erhebliche Verminderung Der Durchschnittserlöle eingetreten, eine Entwicklung, die einleuchtet, sobald man bedenkt, daß infolge Der Einschränkung Des Jnlandab'ahes Der Wegfall Der Reichsbahnaufträge spielt hier eine entscheidende Rolle seit einigen Monaten mehr als 40 Prozent der Erzeugung exportiert und Dafür die niedrigen Auslandpreise erlöst werden.

Es tritt noch hinzu. Daß die Auswirkungen Des EcsenschieDsspruches vom Dezember vorigen Jahres bisher noch rricht voll in Die Erscheinung getreten sind. Heute läßt sich aber schon so viä sagen. Daß erst die Anfangsschwierigkeiten Der großen IhnfteHung überwunden find, die Der Eisenindustrie durch den Dezember-Spruch auf* erlegt wurden, Daß die vollen Leistungen Der früheren Schicht auch heute noch nicht wieDer erreicht sind und daß bei Der allgemein rückläufig