Nr. 9? Dritter Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)
Mittwoch, 25. April (928
Jugend und Hochschule.
Aussichicn der Juristen einst und jetzt.
"Bom Verein Oberhessischer Rechtsanwälte gehen unS die folgenden. sehr bemerkenswerten AuSiüh- rungen zu.
Die Hörerschaft der deutschen juristischen Fakultäten bildete schon vor dem Kriege ein Reservoir. au» dem ein mannigfaltiger Bedarf gedeckt wurde. S cher hat es den Zudrang zum Studium der Rechtswissenschaft von jeher gefördert. daß dem Juristen vielerlei Zukunftsmöglichkeiten offen standen und daß die Entscheidung über die Berufswahl nicht in dem Sinne cn den Beginn deS Universität»- studium« geknüpft war. wie bei den anderen Fakultäten. Darüber, ob der junge Jurist eine Beamtenlausbahn in Staat oder Gemeinde ein- schlagen, ob er sich der Tätigkeit eine» leitenden Angestellten in Handel. Industrie ufw. zu- wenden. oder ob er den freien Beruf der Anwaltschaft ergreifen wollte, brauchte er sich bei der Entscheidung über die Wahl de» Studiums nod) nicht den Kopf zu zerbrechen, im Gegensatz etwa zum Thevloarn oder Mediziner.
BiS zu einem gewissen Grade hat sich hieran auch heute nicht» geändert. Aber e» besteht ein ganz gründ! gender Unterschied zwischen dem Einst und Jetzt dar n daß damals een normal gefüllte» Reservoir a ifnahmesähige Gebiete speiste, während heute der Inhalt eine« zum Bersten übcr- fülltcn Becken» auf verstopfte Kanäle stößt. Wenige Zahlen — sie sind zumeist neueren Ber- öffentlichungen der Juristischen Wochenschrift und de» Anwaltchlattes entnommen — lassen erkennen. wie trostlos die Aussichten find!
Zunächst da- Reservoire die Zahl derStu- dierenden der preußischen RechtSsakultLten betrug vor dem Kriege etwa 6000 — und schon damals wurde mit vollem Recht von Maßgaben- der Stelle aj» vor dem juristischen Studium ae- warnt! Im Jahre 1926 wurden aus den preußischen Universitäten nicht weniger als 1 2 300 Studierende der Rechts- Wissenschaft gezählt. Die badifchen rcchts- wissenschaftlichen Fakultäten hatten vor dem Kriege eine durchschnittliche Hörerzahl von 2X im Semestern in den letztvergangenen Semestern war der Durchschn ttsbesuch über 403. In den anderen Ländern liegt e» nicht anders: so ergibt sich für das Reich eine Verdoppelung der Zahl. . nd das trotz der Beschneidung der Grenzen und der Verminderung der Bevöl- kerung-zahl.
Wie fleht eS nun mit den Kanälen, in die diese» überströmende Becken feinen Ueberfluh entsenden kann?
Die Zahl der Richter und Staatsanwälte ist beträchtlich zurüctgegangen. In Preußen beispielSweiie ist sie in der Zeit von 1913 bi» 192a von 6320 auf 5T32 gesunken: also eine sehr erhebliche Abnahme der verfügbaren Stellen Hinzu kommt, daß auch die Beschästi- gungSmöglichleiten außerhalb der festen Anstellung als Richter sich gerade in der neuesten Zeit ganz bedeutend verschlechtert haben. Der aus Anstellung wartende Gerichtsassessor konnte bi» vor kurzem infolge der Ueberflutung der Gerichte mit AufwcrtungSfachen ohne Schwierigkeit besoldete Kominisforicn finden und damit einigermaßen über die Wartezeit Hinwegkommen. Das hat sich mit dem Abflauen der Aufwertungssachen gründlich geändert, und schon heute sind zahlreiche Assessoren ohne Beschäftigung und damit ohne Einkommen.
In der Verwaltung liegt eS nicht ander» al» in der Justiz. Auch hier beträchtlicher Abbau. der bekanntlich mit Snerg e fortge'e ft werden soll und allem Anschein nach auch ernstlich durchgeführt wird. Unter diesem Zeichen steht die ..BerwaltungSresormUnd die verminderte Stellenzahl gehört nicht mehr auslchliehllch dem Juristen: der Volkswirt und auch der sachlich nicht vorgebildetc Politiker nimmt seinen Teil in Anspruch. Die Aussichten für ein Unterkommen in der Kommunalverwaltung sind nicht besser, als die in den Staatsämtern, denn auch dte Kommunen. und ganz besonder- die Kommunen, sind ja gezwungen, zu sparen und abzubauen. Und auch hier wird die juristische Vorbildung nicht
Studium und Auslese.
Don Or. 3- L- Mitgau, Heidelberg.
Der deutsche Student war vor dem Kriege Rentenempfänger Die Rot des Mittelstandes, der sozialen Schicht seiner Herkunft, entzog ihm nach dem Kriege diefcks Vorrecht und reihte ihn ein unter feine Altersgenossen, die fast sämtlich im Erwerbs- und Berufsleben ihr täglich Brot verdienen müsfen So entstand das Werkstudenten- tum, feinem Ursprung nach nichts anderes als eine unmittelbare Selbsthilfe der Minderbemittelten. Ein bedeutungsvolles Rovum für Deutschland nur insofern, als es — im Gegensatz zur Vorkriegszeit - innerhalb weniger Semester eine Massenerscheinung wurde. Die an Hand statistischer Erhebungen von der .Wirtschaftshilfe der Deutschen Studentenschaft" geschätzten Zahlen geben an, daß mitten in der Inflation sich ungefähr jeder zweite deutsche Studeltt durch Werkarbeit in den Ferien Geld für fein Studium zu verdienen suchte.
Beachtenswert an diesen Semestern der Rachkriegszeit. vor allem der letzten Jahre, ist einerseits der für die Verwendung von Werkstudenten, relativ günstige Arbeitsmarkt. Die ausgedehnte durch die Inflation künstlich außerordentlich stark beschäftigte Export Industrie war aufnahmefähig für eine große Zahl ungelernter Arbeitskräfte. die. wie alle Handarbeiter größtenteils gut. oft glänzend entlohnt wurden. Weiterhin bot das durch die Inflation geradezu ungeheuerlich beanspruchte Bankgewerbe zahlreichen Werkstudenten ein gutes Unterkommen, das vielen gleichzeitig Gelegenheit zur Spekulation gab. Hier hat mancher Student nicht unerhebliche Mittel für fein Studium erübrigt. — Darlehen und Stipendien halfen dann noch in vielen Fallen dem Examenskandidaten. ein bis zwei Semester unmittelbar vor dem Abschluß, sich ohne Rebenerwerb ausschließlich dem Studium zu widmen.
mehr in dem Maße verlangt wie vor dem Kriege. Die vvlkSwirttchaftllche und auch die technische Vorbildung habrn sich hier zur Gleichberechtigung burd)gerungen; bezeichnend ist beispielsweise. daß in allerneuester Zeit eine mittel- deut'che Großstadt die Stellung ihre» zweiten Bürgerin.isters. die 'eit Men'chcngedenken von einem Juristen verwaltet wurde mit dem Bemerken auSschreibt. daß auch Techniker für diese» Amt in Frage kommen
Die Wirtschaft. Industrie. Handel usw. nahm vor dem Kriege und bi» In die neuere Zett einen großen Teil de» juristischen Rachwuchk« auf. Auch die» ist ander» geworden; Verbände und Unternehmungen sind viclsach nicht mehr in der Sage. Juristen anzustellen; auch sie bevorzugen anders Vorgebildek. Volkswirte ufw-
Bleibt schließlich die Rech t-a nw a lisch ast! Hier sprechen wieder die Zahlen: im Jahre 1915 gab eS im Deutschen Reiche das damals eine Einwohnerzahl von etwa 63 Millionen hatte, 12 544 Rechtsanwälte; am 1. Januar des Jahres 1928 hatte das Reich etwa 64 Millionen Einwohner und 15 329 Rechtsanwälte. Es entfiel also 1915 auf je 5418 Ein- wohner ein Rechtsanwalt. 1928 schon auf je 4175 Einwohner ein Rechtsanwalt. Hinzu kommt
aber, daß die BelätigungSmöglichkeiten für die Anwalt'chaft feit der Vvr'r.cgs e.t mehr und mehr e.ngefchränk: worden find: die Wirtschaft;.' lege hat den Bedarf an Anwaltsarbeit vermindert, Ge'etzgebung.'maßnah r.e.t. wie der Ausschluß der Anwa l'chaft von Arbe.t»grrichten. ferner aber de' Ueberhandnehmrn der Schiedsgerichte, die Lätlgleit der Recht»-. Jnkaffo- und Ein- ziehungsbureau». und viele» andere haben der Anwaltschaft da» Feld abgegraben. E» beleuchtet die Lage, wenn über die Anwaltschaft eine- großen Gericht» gemeldet toub. daß 30 Prozent der Anwälte ein jährliche» Einkommen von weniger al» 3000 M k. erzielen.
Das niederdrückende Ergebnis ist: auf den deutschen Universitäten find Taufende von Slu- bicrcnbcn ber Rechtswissenschaft, bie nach einer einfachen zahlenmäßigen Voraus brrechnung keinerlei Aussicht haben, jemals eine ihrer langewährenben und kostspieligen Vorbildung entsprechende Position zu erreichen! Deshalb kann nur dringend vor dem Zugang zur juristischen Lausbahn gewarnt werden, wie es ja auch der Präsident deS Preußischen 2anD?d1'rüfung»amty ein gewiß le- gilimierter und objektiver Beurteiler, noch kürzlich getan hat!
pädagogischer Kongreß 1928 in Berlin.
Don Kreisschulrat Mischer, Gießen.
In Berlin sand vom 12. bis 17. April ein Pädagogischer Kongreß statt, der in der Stärk deS Besuch» wie in der Bedeutsamkeit seiner Verhandlungen weit hinausgeht über Tagungen ähnlicher Art, und dessen Bedeutung nicht aus den Kreis Der Schulsachmänner beschränkt ist. ..'S) i e neuzeitliche deutsche Volksschule" soll auigezeigt und in ihren Zielsetzungen und ihrem inneren Leben erörtert werden. Man sucht einen ilcbetblid zu geben über die Ideen und Krä te, die die pädagogische Welt der letz en Jahrzehnte und insbesondere seit der Reugestaltung unserer politischen Verhältnisse nach dem Kriege zu neuen Forderungen und Zielen in der Volksschule geführt Haven. Daß der Zeitpunkt für eine solche Ueberschau bereit» gekommen ist, wird jeder -ugeben. der mit der pädagogischen Literatur und besonders mit den Reformbestrebungen der letzten zehn Jahre auch nur einigermaßen vertraut ist. Wir sind heute so weit, daß manche- Reue auf diesem Gebiete sich im wesentlichen durchgeseyl hat wenn e» auch noch nicht bei allen — wer wollte daS erwarten? — völlig unbestritten ist.
Die Tagung in Verlin hat einen eindrucksvollen An>takt durch einen Vortrag deS preußischen Kultusministers Pro cf o Dr. V e ck e r über „Internationalen Geist und national e E r z i e h u n g" erhalten. Wir haben auch auf diesem Gebiet eine Ausgabe vor un«, die Aufräumearbeit und Aufbauarbeit zugleich ist. Was an internationaler Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Schule vor dem Kriege geschaffen war, und was bann der Krieg zerschlagen hat, muß wieder von vorn ausgerichtet werden. Die Beziehungen, die über die Grenzen der Rationen hinausgehcn, und die auf anderen Gebieten — Politik und Wirtschaft — längst wieder geknüpft find, müflen neu wieder hergestellt werden. Sine unerläßliche Voraussetzung ist dazu aber, daß wir den Geist untersuchen, in dem wir datun wollen, und da- Ziel, da- wir damit erstreben. Wir müssen bereit lein, hn andern Menschen da- gelten zu lassen und anzuerkennen, was wir in uns selbst erleben, und waS n?i» wollen, und für das wir den Respekt der M» menschen fordern. Das sollten wir aber nicht eioschränken auf die Beziehungen de» täglichen Lebens und der rcligiöfen Anschauung (tun wir das immer?), wir müssen auch Ernst damit machen, diese tie ftc Toleranz zu üben auch gegenüber den Menschen einer anderen Klasse und einer anderen Ration. So gilt es, allgemein auf eine ©eUnnung hinzuarbeiten, zu einer seelischen Haltung, die jedem andern daS zubilligt, was man für sich selbst fordert. Es wiederholt
sich hier das Gleiche in zwei verschiedenen Lebenskrei'en: im Rationalen ilc?crb..üdung und Versöhnung der Klassengegensätze und reli- giöse Toleranz, darüber hinaus aoer Verständnis lür den Gedanken der Derbundenheit der Menschheit überhaupt, als Pflege des internationalen GedarilenS.
So muß also in der Hauptsache vom rein Menschlichen ausgegangen werden, und da ist zunächst von größter Bedeutung, daß jedes Volk sein eigenes Wunschbild besitzt, nach dem eö km nationales Dasein gestalten will. Jcde Rallon muß zunächst den Mut des Delcnntnisses z i sich selbst au bringen. So kann allo das Idealbild ur die bcuiiojc Erziehung nur der deutsche Mensch sein, der Deutsche, der alle wertvollen Wesenszüge unsere» Volkes bewußt und stolz, entwickelt. H er ist also kein Raum für liebedienerische Gleichmacherei oder Leugnung der Unterschiede in der Eigenart der verschiede xm Völker. Gerade in der bewußten Verschiedenheit erblicken wir den Reichtum und da- bunte Bild der Menschheit. Also Deutschsein ist ber Ausgangspunkt Darüber hinaus aber sollen wir und auch bekennen zum Mrnschsein, zu dem Gedanken Der überstaatlichen Verbundenheit. Werden die Menschen voneinander getrennt durch die Rationale, verbunden 'nerben sie doch immer wieder durch da» Menschliche. ..So wird jeder Dienst am nationalen ^.ce.cichen zualeich Dienst an der Ration wie an der Menschheit, und jede Pflege De» Menlchhettsgedankens verleiht der nationalen Erziehung erst Hintergrund, Tiefe und Bedeutung."
In da- eigentliche Leben der täglichen Schularbeit hinein Rührte ein Vortrag von Kerfchen- steiner, München, über den „Lehrer a 1S Erzieher". Der tiesgehende Wechsel, der sich in dem geistigen Gehalt des SchulbetriebS seit einem Menschenalter vollzogen hat, wurde von dem greifen Pädagogen ergreiiend und auf- rüf.elnd aufgezeigt. Wie aus der Stätte ber Belehrung eine Stätte gemeinsamer 21. beit und Gemeinschaftssinns geworden ist, — wie aber auch die DerufSausgaöe des LehrecS, wie wir ihn heute sehen wollen, zu neuen Auffassungen (besonders im Erziehlichen) hin'ührt, — daß et tief erfüllt sein soll von religiöser GrunDüberzengung und wirklich sozialer Gesinnung, bas kam überzeugen b zum Ausbruck.
Hebet ,.Die Grundfchule" sprach Weise. Dresden. Eine Beobachtung ber Sechsjährigen lührt zu ernsten Heberlegungen über die Frage, wie weit die gerade bei diesen Kindern stark auffallende Verschiedenheit in Anlage, Reigung und Leistungsfähigkeit im Un erricht berücksichtigt
werben kann, ohne bah da» gleichmäßige Fort- 1 breiten aller K n der m ber Klass« not leibet. 2t3er wir haben längst erkannt, baß gerade dann Dc i einzelnen Kmbe ber Weg zum Vorwärts- ioi.imcn am besten frei gemacht wird, wenn wir es nicht allzu stark kit buhen in UnterrichtS- ternten, die. auf bie Klaffe als Ganz.» berechnet, die Klaffe immer nut un Querschnitt im Auge haben können. Also Auflockerung im Lehr- veNahren ber ersten Schuljahre, da» führt zu einer freieren orm De» Unterricht», al» wir ei aus unktet Schu.zett in der Erinnerung haben. Dazu Aufbau de» Unterricht» auf Dem. wa» das Kind als wertvoll ansieht Das werden abefl in Der ersten Zett in ber Hauptsache eigene Erlebnisse sein Erst mit wachsenbem Konzentratio's- vermögen führen wir zu mehr schulmäßiger 2k- trachtuogSweife hin. Die 2latur bei Kinde», da» von ..Fächern" im Unterricht noch keine Ahnung bat. lübrt auch dazu, anlang« ganz auf festliegende E.nteilung der Unterrichtsstoffe zu verzichten und Den ..Gesamtunterricht" anzust reden. Er will da« Kind au» ber Unbe angenheit de» ?ci»idbrigcn behutsam hinüber'ühren zu der 2lrbcit»weise, die wir Erwachsenen al« selbst - ve.ständ.ich ankben. zu Gliederung. Einteilung. Scheidung in Wesentliche» und Unwekntlichc«. Auf diesem We^e wird namentlich am Anfang manche» von heimlichem Schulzwang verschwinden. und da« Äinb wird von vornherein er ü'.lt sein von dem Bewußtsein. daß die Schulwelt doch auch nicht» anderes ist als eine Gemeinschaft wie das Elternhaus, eine Gemeinschaft, in ber gearbeitet werben muß, in ber biese Arbeit aber genau die gleiche ‘Be.riebigung genäh-t, wie seine seitherige Beschä ligung, Da« Sp ell Dabei kann der Örn st der Arbeit keine Einbuße erleiden , eins aber wird gewonnen, eine größere, vorwärtstreibenbe und Darum unterrichtlich wie erziehlich wertvolle Arbeitsfreude. War die früher immer vorhanden?
Ein voller Tag war ber Behandlung der körperlichen Ertüchtigung unserer Jugend fe.vivmet. Man weiß, daß sich qerc e auf diesem Gebiete starke Wandlungen bet'il» vollzogen haben, Wandlungen, die auch dem Turnen im Verein und bei dem Militär neuer Antrieb und ein neue» Gevräge gegeben haben. Wir fliegen heute in Den Ordnung»- und Freiübungen nicht mehr da» schöne Schaubild mit kunstvollen Veweaungen und Umformungen der Gruvpe. mit vielzeitigen, kunstvoll aufgebau en und scharf im Tem.'o durchgeführten Ucbun ;cn. Wir suchen Dafür in der „Körperschule" durch Weglassung al es Rebensächlichen an den Kem der Sachs heranzukvmmen. und da» kann nur sein eine möglichst tiesaehende Durcharbeitung des Körpers jede» einzelnen Kinde». Die Herrschaft über feinen Körner zu gewinnen,. Schäden auszugleichen, die ihm durch unsere heutige Lebens- und Arbeitsweise drohen (Ihnge» Sitzen, ungenügende Entwicklung von Herz und Lunge, mangelhafte WohnungSverhältnisse). vor allem aber auch bie Freude am eigenen gesunden Körper und an einer ausgesprochenen Körperkultur zu wecken und Damit Die Leibesübungen dem Kinde zum Bedürfnis zu machen auch über Die Jahre der Schulzeit hinaus. Da» gilt heute al« wertvollste» Ziel. Auch hier ergibt sich ganz von selbst eine gewisse Auslockerung in ber Form; aber Damit schaffen wir gerade die Möglichkeit für Da« einzelne Kind, seine Leistungen so weit zu steigern, wie feine körperliche Ter- faffung e« ihm erlaubt. Wie weit Kinder «hier: Grohstadtkinderl) bei diesem Verfahren gefördert werden Dunen, konnte bei zahlreichen Vorführungen von Klassen aller Altersstufen in Turnen, Spiel und Sport mit Erstaunen sestgestelli werden. Einen besonderen Eindruck machte auch facr wieder Die deutlich erkennbare Hingabe Der Kinder an Die Sache und Die Freudigkeit, von Der ihre Arbeit getragen war.
Die Reformbestrebungen auf Dem Gebiet Der Volksschule haben in der Praxi- ihren stärksten und eigenartigsten Au-druck In den Versuch-- schulen gefunden, deren e- In Deutsch'and 25 gibt. Die Versuch-schulen wollen keine Einrichtung zum AuSprobieren von methodischen Reue- rungvn fein. Sie unternehmen e» vielmehr, die Hauptordan'en Der Schulreform — Arbeitöunter- richt, Eigentätigkeit, Betonung de» Gemcinschaf t»- geDaalen», Heberwinbung von Stunden- und
le. Reben der Be-
Stubium in Frage gestellt. Die vielen Tausende auf Rebenerwerb angewiesenen StuDicrenbcn ober trifft Dte allgemeine Arbeitslosigkeit besonders hart.
Andererseits sind die Berufsaussichten für den akademischen Arbeitsmarkt Der meisten Berufszweige (nicht aller, wie es so oft in den .Warnungen" heißt), keineswegs besser geworden Rirgends findet sich in diesem Augenblick ein Abwanderungsgebiet größeren Umfanges. So steht eine große Anzahl von Examenskandidaten und Fertigstudierlen ber nächsten Zukunft rat- unb hilflos gegenüber.
Die mit biefer Veränderung der Lage verbundene größte Gefahr ist eine mechani'che plutokratische Auslese des Studenlennach- wuchfes. Deshalb fällt für bie nächste Zeil Den Studentenhilfen ihre Bekämpfung als vornehmste Pflicht zu. Hierbei muffen fie fich wohl hüten ein Studium der breiten Mittelmäßigkeit künstlich zu unterstützen Anstelle allgemeiner gemeinnütziger Einrichtungen hat deshalb immer mehr ber Gesichtspunkt einer strengen AuSIese in den Vordergrund zu treten Es soll einzelnen, wissenschaftlich besonder» Begabten ber Weg zum Studium offen gehalten werden, wenn he aus eigenen Mitteln bie Studienkosten nicht aufbringen können Die Auslese dieser für daS Studium besonders Geeigneten ist an und für sich außerordentlich schwer, so baß Mißgrisse nie ganz zu vermeiden sind Die Den Studenten- Hilfen zur Verfügung stehenden knappen Mittel — die Stipendien älteren Datums sind ja durch die JnflationSperiobe fast sämtlich vernichtet worden — machen es zur Pfticht. nach bestem Wilsen und Gewissen zu versuchen, sie in gerechter Weise verteilen und dem Tüchtigsten zukommen zu
An vielen Hochschulen bestehen bereit- jetzt Vertrauensausschüsse, Die Mitglied er Der Studentenschaft. Dozentenschaft und erffabrene Freunve ber Hochschule umfassen Diese beraten sory-
So finden wir Den Bestand bet Studierenden an den deutschen Hochschulen trotz ber Rot Der Zeit erhalten, gegen Den Friedensbestand sogar gesteigert. 1914 waren an Den Deutschen Universitäten 61 250 Studierende immatrikuliert, im Sommer 1923 waren eS 84 728 Universitäts- besucher, ein nur geringer Rückgang gegenüber Den im Herbst 1919: 88 420 Immatrikulierten, Sommersemester 1927: 72 000. An Den Technischen Hochschulen ist die Steigerung nur stetiger: 1914: 12 232, 1919: 19 890, Sommersemester 1927 : 22 000. Hiervon sind abzuziehen Wertstudenten. bie nicht am Ort ber Hochschule woh- nen (sog .Listenstudenten"), und ‘Berufstätige, bie nur Abendvorlesungen hören, außerdem mehr als 8000 Ausländer (gegen etwa 6000 bei Kriegsausbruch). Also'eine Gesamtfrequenz. Die nicht im Verhältnis steht zu unterer Verarmung und ber Verkleinerung Des Reichsgebiete-. —
Wit der Stabilisierung des Markkurse- war auch für Die wirtschaftliche Existenz Des Stu» Deuten eine neue Zeit angebrochen. Zwar waren Die Kosten Der allgemeinen Lebenshaltung (Ernährung und Belleidung) toieDer erschwinglich. Doch in sehr viel höherem Maße sind zwei Ausgabenposten gestiegen. Die Den Haushalt Des Stu- benten mit einem in vielen Fällen unerträglichen MehrauswanD belasten. Die Mietpreise für möblierte Zimmer — Damals künstlich nieDergehalten — stehen heute weit über Den FrieDen-sätzen. Die Vorlesungsgelder, S?amen»gebühren und Lehrmittelkosten haben sie zum Teil ebenfalls nicht unerheblich überschritten. Ein großer Teil der Studentenschaft verlor Die Mittel seines Unterhaltes nun überhaupt. Die Inflation hat Das Vermögen DeS MtttelstanbeS völlig zerstört. Da» in so vielen Fällen für Die Ausbildung Der Kinder zugrunDe gelegt und bestimmt war. Da. tt>o DaS väterliche Einkommen da« Studium finanziert, ist Durch Den Beamten- unD Angestelltenabbau und Die Damit verbundene Kürzung Der Gehälter ein nennenswerter Zuschuß zum
faltig Gefuche unD Vorschläg« Dürftigkeit sollen lediglich Die wissenschaftlich« Eignung sowie Wert und Bewährung al« Mensch bei ber Auswahl maßgebend sein Hierbei ist besonder» zu betonen, bah eine ‘Beurteilung dc» Bewerb«» nach intellektuellen Gesichtspunkten burchau» ergänzt werben muß Durch eine WürDi- gung feiner ganzen Persönlichkeit.
Wie bei Dieser Lluswahl Die Verbindung mit Der Dozentenschaft unentbehrlich ist, so muß unbedingt auch bie Mitarbeit Der Höheren Lehranstalten angerufen werden. Das Abiturientenzeugnis ist zu «ganzen durch die Beurteilung Der Lehrer, die Den Schüler oft jahrelang haben beobachten können. Sie feilten angesichts der Wichtigkeit d« Aufgabe Die Verantwortung auf sich nehmen, auch ein Werturteil über die Persönlichkeit Dc« Schüler« abzugeben, fei e» bei Vorfchlägen, die Die Schulen in Einzel- fallen an Diele Vertrauensausfchüsfe machen, fd es auf Anfrage bei Der Erteilung von vertraulichen Auskünften. Viele Lehrer werden freudig von einer solchen Gelegenheit Gebrauch machen, die sie gerade in der gegenwärtigen Zeit be- sonders schmerzlich vermtssen mußten, wenn sie für daS Fortkommen eines wissenschaftlich begabten Schüler« keinen Rat wußten
Hier «öffnet sich für Die Schule ein weite-, unendlich wichtiges Gebiet, da- mit viel Vorsicht und Takt, aber auch mit zielbewußter Festigkeit beschritten w«Den muß. Daß bereit» in Den letzten Jahren manches geschehen ist, infonDerheit fetten» einzelner psychologisch unD berufskunb- lich erfahren« Lehr« soll nicht verkannt werden. Doch gerade auf Dem Gebiete psychologisch« und berufskundlich« Orientierung ist noch viel zu tun.
Der Mensch, die P«sönllchkeit, nicht Bestimmungen und Einrichtungen, ist da» Entscheidend«, und bas geheime Wirken de» Erzieher« läßt sich durch äußere Mittel technisch-organisawrisch« Art ein wenig ergänzen, nie aber ersetzen.


