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Nr.§8 Zweites Blatt Snetzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesfeu) Zamrtag, 25. Zebruar Y23

OerAfghanenbesuchinBerlin.

Autzcnpolitischc Umschau.

Don Dr. Otto Hoehsch, o. Prof, der Geschichte an der Universität Äerlin, M. d. fR.

In der letzten Woche hat der König von Afghanistan auch Berlin besucht. In den bekannten wirtschaftlichen und politischen Sorgen des Tages scheint das mehr eine Kuriosität au fein; der Besuch eines exotischen Königs, ver sich auch Berlin ansieht, llnb mancher dachte an jene Besuche des persischen Schahs in den siebziger und achtziger Jahren In Berlin, dir Anlaß zu vielen Anekdoten gaben Das hieße nun freilich den Sinn dieses Besuches falsch einschätzen. Die Welt verwandelt sich auch dort in Mittelasien, in einem Lande, wo es noch keine Eisenbahnen und erst die Anfänge der Telegraphenverdindung gibt, ilnö wenn heute der Emir nach Berlin kommt, so besucht ein unabhängiger souveräner Herrscher unser Deutschland und seinen Reichspräsidenten. Ein Herrscher, der sehr genau weis), was Un­abhängigkeit bedeutet, der für die Behauptung dieser Unabhängigkeit aus den Wandlungen der Weltlage die Folgerungen zieht und nun für feinen Staat die europäischen Hilfsmittel aller Art zum modernen Ausbau sucht. Man erinnere sich an den englisch-afghanischen Krieg der letzten siebziger Jahre, an Afghanistan als Platz der Rivalität zwischen den Aus en und Engländern, als Aufmarschgebiet für den erwarteten Zu­sammenstoß zwischen den beiden im Kampf um Indien. Longe waren die Engländer dabei in der Borhand, während die Ru-sen hart an der Grenze standen.

Der Weltkrieg hat auch hier die Dinge völlig verändert. Rußland wie England haben die Un­abhängigkeit die es Staatswesens anerkannt, und der Emir Aman Ullah der 1919 seinen ermor­deten Vater Habibh Ullah folgte, hat sehr scharf die neue Situation seines Staates erkannt, der 8/< Millionen qkm und 10 Millionen Einwohner zählt. Er weiß zunächst, was militärische Stärke und Organisation bedeutet, und arbeitet dafür. Er weiß, was europäisches Kapital und europäische Technik bedeutet, und sucht das zu gewinnen. Er weiß schließlich, was der russische Bolschewismus bedeutet, und hält ihn trotz des Bündnisses mit Rußland seinem Lande energisch fern. Er steht w iter im Bunde mit Persien und der Türkei. Er ist fo ein Glied in der Kette der Staaten von den Dardanellen bis hin zur indischen Grenze, wo ja heute noch ein Strci'en afghanischen Lan­des englischen und rus.ischen Besitz von ein­ander trennt. Das Pamir-Abkommen von 1895, das die Rivalität der beiden großen Staaten auf diesem sogenannten »Dach der Welt" still­legte, ist heute noch in Kraft!

Als Vertreter der sich auch verwandelnden islamischen Welt kommt der Emir von Afghanistan nach Europa. Es ist keine Rede von einem Panislamismus, der alle Bekenner des Islam zusammenfassen könnte zu einer ein­heitlichen Masse, aber es ist auch keine Rede davon, daß diese islamischen Gebiete eine Art Kolonial- und Ausbeutungsgebiet der europä­ischen Mächte noch seien. Die Türkei ist un­abhängig und frei. Persien hat die Kapitu­lationen gekündigt. A s g h a n i st a n ist unab­hängig und frei. Eine Kette von freien, ihrer Selbstverständlichkeit bewußten Staaten liegt zwi­schen England und Rußland.

Alles das sollte der Besuch des afghanischen Königs vor Augen führen. Es ift somit wichtig für die Länder, tu dringen) den Export b auchen,

den Export ihrer Güter und ihrer technischen und kaufmännischen Intelligenz. Und je weniger ein Land für Afghanistan gefährlich fein kann, um so geneigter wird letzteres sein, mit einem solchen europäischen Staate in Geschäftsverbindung zu treten. Das ist zunächst Wert und Aussicht für Deutschtand dabei. Sodann: heute ist von diesen Staaten erst Persien im Völker- bunde. als der einzige islamische Staat. Es wird nicht der einzige bleiben. Die Entwicklung wird von selbst weiter drängen, daß diese selbst­ständig werdenden Staaten auch ein Verhält­nis zum Völkerbund suchen und finden und ihre Interessen auch dort entsprechend vertreten.

Dor allem aber ist es für den englisch- russischen Gegensatz, der ein wichtiger Faktor in der heutigen Weltpolitik ist, von größter Bedeutung, wenn zwischen di sen bei­den an schwierigen und wichtigen Reibungs­stellen eben Staaten stehen, t>ie nicht nur zur

Sebständigkeit erwacht sind. sondern sie haben. Keine Pufferstaaten find eS mehr im alten Sinne, und Afghanistan am allerwenigsten, sondern unabhängige und freie Staa­ten, die sich mit ihresgleichen zusammen,inden auf der Grundlage der eigenen Rationalität und ihres Eelbständigkeitswillens und auf der Grundlage des islamischen Bekenntnisses.

Damit wird aber der englisch-russische Ge­gensatz sich zu wandeln gezwungen. Und in­dem daS einmal im Zusammenhang Europa vor Augen geführt wurde, gewinnt der Besuch des afghanischen Königs in dieser ganz anderen europäischen Welt, in die er h.reintritt und für die er zunächst nur eine Kuriosität ist, eine große, wirtschaftliche vor allem aber auch po­litische Bedeutung. Auch in diesem Sinne war es politi ch sehr richtig, daß dieser asiatische Fürst in Berlin vom Reichsprälidenten und vom Reich so ausgenommen und begrüßt wurde!

Der Faszismus und die Krise des modernen Gtaatsgedankens. Von unserem römischen E-Äcrre'pcntenten.*)

IV.

Oie Zukunft

des faszistischen Staates.

Rom, Ende Februar 1928.

Der faszistische Staat in seiner heutigen Form ist eine Heber Weigerung der abso­luten Autokratie: die Verkörperung eines einzigen Me ischen. Selbst die Cäsaren mußten nicht selten mit wiferstre'e -.den Volkslrä ten pak­tieren, selbst die So.datenkaiser zitterten vor der Macht, die sie auf den Schild hob, Auflehnung und Ausstand sind das Kennzeichen des Despoten- tums. Erst der faszistische Saat schuf dadurch, daß er nicht nur sämtliche Gegner vernichtete, sondern auch, was wichtiger sein kann, recht­zeitig das Salrapenlum abzuschüt eln verstand, einen neuen Typ, e nen singulären: er hat rein mussolinische Prägung. Darin liegt seine Stärke und feine Schwäche.

Er ist das verkörperte Dolkesgnadentum v) wenn Rom ei e i Tyrannen hat, so einen T,- rannen im ursprünglichen Sinne des Wortes, einen Alleinherrscher, der zum Inbegriff der Ration geworden ist und sich auf die größte Macht stützen kann, die wir kennen: auf d i e Liebe. Indem Mussolini aber den Staat nach seinem Bilde formte, gab er ihm zwar alle Tu­genden, die diesem Menschen eigen sind, be­reite.e aber gleichzeitig ein um so unheimlicheres Richts nach dem Ablauf feiner Lebensbahn vor. Wenn es wahr ist, daß der Duce dielen Organis­mus durchpulst bis in die letzte Ader, was bleibt dann von dem Staatsleben übrig, wenn eines Tages der Herzschlag aussetzt?

Mussolini hat, obwohl ein vom Romantizismus des Nachruhms freier Mensch einer täglich sich überstürzenden Epoche, die Gefahr sehr bald ge­fühlt und daher mit fieberhaftem Eifer, unter­stützt von allen Leuten, die auf Gedeih und Ver­derb mit feinem Werk verbunden sind, die Gxe- kutive in allen ihren Neuerungen sofort in die Legislative gebettet, er diktierte nicht nur, er regierte nicht blindlings nach feiner Laune, sondern gab seinem Slaatsbau e n funft-

) Vergl. die voraufgegangenen drei Aufsätze in Nr. 30, 36 und 42 desGieß. Anz." vom 4., 11. und 18. Februar.

gerechtes juridisches Gerüst, das von den Schuh- ge ei en für das Regime angefangen bis zu un- polui.chen Sozialresormen keine» Dalken und keinen Nagel vermisfen läßt, aber dennoch in dem Augenblicke, wo die Umlörperung des Duce davon abiällt, nichts anderes übrig lassen wird, als eben ein lebloses Skelett. Was dann?

Die Geschichte weiß wenig Tröstliches für einen solchen Fall zu erzählen, wohl aber viel über Diadochen und Erbstreitigkeiten aller Art. Der Faszismus, meint Mussolini, werde das ganze zwanzigste Jahrhundert erfüllen. Mag sein. Sicher aber wird der faszistische Staat in seiner heutigen Form seinen Schöpfer nicht überleben, gerade deswegen nicht, weil er mit ihm identisch ist. Er hinterläßt kein litera­risches Werk, das man nachdrucken, nicht ein künstlerisches Oeuvre, das man unter Glas auf- bewahren kann, sondern einen kopflosen, von Leben strotzenden, der Führung baren Organismus. Die Probleme, die uns umringen, haben zum Teil ohne Zweifel ein längeres Leben als ihr Dompteur Musso­lini, und wüchse er auch über das Patriarchen­al t-er hinaus. Werden sie sich auch von seinen Nachfolgern Dek.eten bändigen lassen?

Die historische Bedeutung kann man der faszi­stischen Bewegung wie dem faszistischen Staate schon heute nicht mehr absprechen, denn das neue Rom, das vierte Italien hat selbst dann, wenn man darin nur ein Experiment sieht, die Ent­behrlichkeit, die Zweck- und Sin..wid.igkeit so mancher Einrichtungen bewiesen, ohne die wir uns einen modernen Staat nicht vorstellen konnten. Mussolini selber gibt zu, daß es nicht möglich ist, den Faszismus im Ausland ohne weiteres zu kopieren, weil die historischen, geographischen, wirtschaftlichen und moralischen Beziehungen ver­schieden sind, behauptet jedoch, daß im Faszis­mus lebendige Kräfte stecken, deren universeller Charakter nicht bestritten werden kann. Unb das ist kein Dogma, sondern eine erwiesene Wahrheit, beit.

Wir haben gesehen, daß ein Staat sehr wohl das Raubrecht deS Stärke:en, diese Ka'-dinallehre des Kommunismus, ablehnen und doch ge­meinnützig sein ka. n. Wir haben ersahren, daß man soziale Fragen auch ohne Sozialis­mus zu lösen vermag. Wir wissen jetzt, daß das Majorilälsprinzip und Mehrheitssystem gerade

Gießener Stadttheater.

Moliöre:Tcr eingebildete Kranke".

Ich kenne und liebe Mokiere seit meiner Ju­gend und habe während meines ganzen Lebens von ihm gelernt. Ich un.e.lajse nicht, jährlich von ihm einige Stücke zu lesen, um mich immer im Derkehr des Dortrefflichen zu erhalten. Es ist nicht blos das vollendete künstlerische Der- fahren, was mich an ihm entzückt, sondern vor­züglich auch das liebenswürdige Naturell, das Hochgebilde.e Innere des Dichters. ES ist in ihm eine Grazie und ein Takt für das Schickliche und ein Ton des feinen Umgangs, toie es seine angeborene schöne Natur nur im täglichen Ver- kehr mit den Vorzug.ichsten Menschei feines Jahr- Hunderts erreichen lor.n e. Don Menander kenne ich nur die wenigen Bruchstücke, aber die.e geben mir von ihm gleichfalls eine so hohe Idee, daß ich diesen großen Griechen für den e.nzigen Men­schen halte, der mit Moliöre wäre zu vergleichen gewesen."

Wenn wir davon absehen, daß es aus.lchtslos ist, Unbekanntes mit Unbekanntem erklären und deuten zu wollen nicht vielen werden die wenigen Bruchstücke des Menander ge äu ig oder auch nur bekannt sein, so finden wir, daß auch der moderne K.itiker den eben angeführten Worten Goethes (in den Gesprächen mit Eckermann) nicht viel hi.izuzu^ügen habe.

Man kann etwa, um ein äußeres Bild jenem inneren gegenüberzustellen, um das Stilgefühl am sinnlichen Eindruck ein wenig zu orientieren und vorzubereiten, auf den verhältnismäßig bekannt gewordenen Stich von Ancelin Hin­weisen, welcher Moliere in eine Barockgesell- schaft bei Ninon de [ Enclos theatralisch hin­ein stellt: improvisierte Dorlesung aus dem .Tar- tuffe"; und wer etwa noch mehr und noch Aeußerlicheres wissen möchte, für den hat die Schauspielerin Croisy folgende Beschreibung des Dichters Poquelin hinterlassen:®r war weder zu dick noch zu mager, eher großen als kleinen Wuchses und hatte ein schönes Dein, seriösen Gang, seriöse Miene, große Nase und großen Mund, dicke Lippen, braunen Teint, schwarze starke Augenbrauen, und die verschie- denen Bewegungen, die er ihnen gab, machten seine Physiognomie höchst komisch. Don Charakter war er sanft, gefällig, großmütig.' Genug

Wir haben früher an dieser Stelle (fKr. c9 vom 16. Februar 1927) anzudeuten versucht, wte Wolidre in seiner Zeit gestanden, was er für die Kunst und für das Theater seiner Epoche be­deutet hat, und wie er, weit über seinen Tod hinaus, mit seinem Werk bis an und in unsere Gegenwart hineinreicht. (Hnsere Gegenwart tren­nen von seinem Todestage beiläufig zweieinhalb Jahrhunderte.) Wir wollen uns hier nicht wiederholen, nur eben flüchtig daran erinnern.

Molidre hat viele Dramen geschrieben, leichte unb schwere, gute und geringe, bestellte unb erlebte, Ge- legenhcitearbeiten unb Bruchstücke einer großen Konfession. Auf die leichten unb flüchtigen kommt cs nicht an. Man hat sie in neuer Zeit wieder ent- beckt, wieder gespielt um des berühmten Namens willen, unb bald wieder vergessen. Aber die großen Komödien, die ernsthaften, tief menschlichen, tragisch umleuchteten, die wirb man nie vergessen, die wirb man immer spielen, so lange man überhaupt vor lauter Sport unb lauter Maschinen unb lauter Po­litik unb Geschäft noch dazu tommt, sich mit den unwirklichen unb unnützen Dingen der Bühne ab= xugeben, unb mit den erlebten Gestalten dichteri­scher Phantasie, die in jedem Jahrhundert, in jedem Kostüm, vor jeder Kulisse und vor jedem Parkett ihre Gültigkeit beweisen.

Molidres letztes Stück ist derEingebildete Kranke" vom Jahre 1673. Er inszenierte es selbst und er spielte die Hauptrolle darin, den Argon. Bei der vierten Aufführung des Stückes, als er im dritten Akt bas WortJuro" aussprach, überkam ihn ein Krampf. Er wehrte sich vergeblich gegen bie übermächtig ausbrechende Krankheit. Man mußte ihn von der Bühne weg Heimtragen. Ein paar Stunden später war er tot. Kaum einer hatte gewußt, daß er leidend war.

Ungeheure Ironie des Schicksals, den eingebilde­ten Kranken von einem an der Schwelle des Todes Stehenden spielen zu lassen. Wir wissen nur sehr wenige Ereignisse in der großen Geschichte des Theaters, die von so erschütternder Tragik unb von so verzweifelt tiefsinniger Symbolik erfüllt sind, wie das Ende des Komödianten Poquelin. Es ift wie ein schicksalhaftes Anerkenntnis der zeittosen Wirk­lichkeit seiner großen Stücke, bie er aus dem Geben genommen unb mit blühendstem Geben gefüllt hatte bis ins kleinste Wort wenn die unerbitt­lichste Wirklichkeit, bie ein menschliches Herz zu fassen vermag, der Tob, unversehens aus bie Bühne stieg, dem Schauspieler ins Wort fiel, ihm bie Rolle aus der Hand wand und den Vorhang fallen^ließ. In so unheimlichem Jneinandergleiten von Spiel unb bitterstem Ernst scheint sich das tiefste Geheim­nis der dichterischen Kräfte des großen Franzosen zu offenbaren.

Die Aufführung wurde, wie wir hören der Theaterzettel gab keine Auskunft darüber von Teleky geleitet. Sie war nicht uneben; aber man spielte, für unfern Geschmack, das Ganze zu sehr als Situationslustspiel, zu wenig auf Charakter. Die bombastischen Doktorenaus­tritte sind, bei allem grotesken Humor, der von ihnen ausceht, mit so viel Bitternis getränkt, mit fo grimmiger Satire gegen ein unfähiges und korruptes medizinisches Psuscherturn und unwürdiges ärztliches Handwerk geladen, daß diefe Szeiren, obwohl sie heute gottlob viel von ihrer sachlichen Argumentation und ver­nichtenden Durchschlagskraft verloren haben, doch

nicht nur lächerlich und ausschließlich als barocke Farce wirken sollten. Schon deswegen nicht, weil sie eine wohlerwogene Voraussetzung zum Charakterbild der Mittelfigur des ganzen Stückes darstellen.

Auch dürfen in der Ausführung die tragischen Hintergründe nicyt völlig verdeckt werden, kraft deren das Werk entschieden und für alle Zeit über das Niveau eines heiteren Einfalls und Kulisfenscherzes hinausgehoben wird. Nur we­nigen ist aber doch wohl die umschlagende Stim­mung bewußt und eindringlich fühlbar geworden, die in den Schlußszenen von dem abgründigen Spiel mit dem Tode ausstrahlt und von der unbarmherzigen Demaskierung der sich unbe­lauscht wähnenden Seelen. Da sich jedoch die quälende Spannung alsbald in au,trumpfender Heiterkeit und glücklicher Verbindung des lieben­den Paares löste, dem Doktor vor dem Hause mit hörbarem Knall eine geräumige Medizin­flasche auf die Allongeperrücke geworfen wurde, und überdies auch jedermann schriftlich zuge­sichert worden war, sich in einer Komödie zu be­finden, so ist am Ende gegen niemanden etwas einzuwenden, der sich, ohne viel nachzudenken, schrankenloser Heiterkeit überließ. Daß man auf die Zwischenspiele und rein unterhaltenden Einlagen verzichtet hatte, ist gewiß nicht zu tadeln; dergleichen tut nichts zur Sache. Textlich hätte im übrigen manches präziser gegeben wer­den dürfen; die Dekoration war, wenn auch nicht stilwidrig, so doch ein wenig plump und altfränkisch.

In der Hauptrolle sah man Goll bei guter Laune und mit viel Behagen sich die unmög­lichsten K.anthciten wehleidig einbilden, mit Arz­neien und Mixturen umgeben, hustend, ächzend und stöhnend, rnedizinschluclend, die Zunge im Spiegel ängstlich prüfend, stets bereit, sich was verschreiben und den Puls fühlen zu lassen, mit chrl r fch-cxalti rten Anfällen, verleg n, miß­trauisch und geizig nach einem sorgsam zu- fammengeiebien Rezept; häufig aber doch zu absichtlich, zu komisch um jeden Preis und der handgreiflichen Pointe zu augenscheinlich ge­wärtig.

Cs ist sodann der Dienstmagd Toinette zu ge­denken, die von Alix Krahmer munter ge­plappert wurde, und welche nicht nur das Herz, sondern auch, mit Verlaub, das Maulwerk aus dem rechten Fleck hat, mit gesundem Mutterwitz und ansehnlicher Frechheit begabt ist und sich sogar unter der Hand in einen ganz schauerlichen Medizinmann von L0 Jahren vermummte, was allen Leuten viel Spaß machte. Aber auch die echten Heilkundigen konnten sich sehen las en: Dolck, Gehre und Baste marschierten als würdige Ahnherren des weiland berühmten Eisenbart auf, führten gar wunderliche Reden und waren höchst lächerlich anzusehen. Aus

für seine Anhänger tödlich wirken kann. Wir erlebten am Beispiel, daß Streik und Aussper­rung vermeidbar sind. Wir haken einen Staat vor Auren, der nun schon jahre.ang ohne politische Drehbühne, ohne Kabine.tskrisen, ja selbst ohne Par.eien auskommt.

Cs müßte erst durch ein geglücktes Gegen- expeli.: ent bewiesen werden, daß die Herrschaft der Masse größere Er olge zei.igt, als die Herr­schaft der Auslc c wie sie im fasz. lischen S:c.at verwirklicht ist; müßte durch ein belfer s Positi- vum, nicht bloß durch tbeoreti d e K.itik bc- wie en werden, daß die individualistische Wirt­schaft befser ist als die staatlich eingespannte. Man kann behaupten, es sei nicht richtig, die Wirtschaft ter Politik unterz. ordnen, wie Musso­lini es tue, aber die Richtigst t einer umge- kehrten Ordnung müßte uns In Europa erst noch einer praktl ch vorführen. Italien ift durch die nationale Idee zu Internationa er A-.er!c nnng gelangt; daß ein Volk durch die inte'.' ationale Idee etwas anderes erreichen könnte als natio­nale Derkümm.e.ung, da ür fehlt noch das Muster.

So sehen wir bis zu dieser Stunde auf allen Gebie en nur vorte.lha te Auswirkungen des faszi­stischen Staates, und man kann diese Tatsache nicht mit der billigen Wendung abtun alle neuen Te'en kehrten gut, denn die russischen Neuerungen haben sich weder im Anfang noch während einer doppelt so langen Zeit, als sie die faszistische Revolution hin.er sich hat, bewährt.

Dennoch wäre es verfrüht, de.n faszisti.chen Staat das Zeugnis auszustellen, er habe auch nur annähernd einen zukunitsficheren Jdeal- zustand gescha sen. Alles Menschenwerk bleibt Stückwerk, und gerade das Regierui^jS- und Derwaltungsgebilde Mussolinis hat eminent menschlichen Charakter. Es fehlt ihm zur Vollständigkeit zum Beispiel ein Organ, mit dessen Hil c es seine Zufriedenheit oder Uni Zufriedenheit ausdrückcn könnte: es fehlt ihm die Zunge. Mussolinis Staat ist, abgesehen von der behördlich eingelegten Dpielplatte. stumm. Er gleicht eher einem jener mechanischen Wunderappa rate, an denen sich früher die Herr­scher ergötzten, etiem automatischen Menschen, als einem Dolksbeari.s, der aus sich selber heraus handlungsunfähig ist, ohne aufgezogen, gerichtet und Überwacht werden zu müssen. Nicht ihm, sondern fet.e.n Hersteller gi't die Bewunderung.

Fragen wir nicht, wem die Dewunderüu.a des Auslandes gilt, sehen wir uns in Italien selber um. Gewiß ist auch das jetzt so überaus kunst­voll n e.hanis er!e italienische Volk begeifierungs- fähig, ge fliegen selbst in den Oasen Tripoli- tauieiu. die Arme zum römifchen Gruße hoch, wendet sich aber der Jubel dem Faszismus zu? Nein, er umbraust den Abgott der Nation, Mussolini. Mythos Mussolini, weil er die Nation, als sie strauchelte, vom Abgrund zurück- riß, weil er sie groß machte. Begeisterung, weil der Führer sie nicht nur herrlichen Zeiten ent- gegenzuführen verspricht, sondern auch schon al.erhand erreicht hat. Dabei wird un^e echue.-- weise sogar nur zu gerne vergessen, daß er seine Erfolge eben mit Hilfe des Faszismus errang. Der Glaube an ihn Ist so groß, daß et auch dann den stürmischen W.nd der Volksgunst in die Segel bekäme, wenn er heute seinen Auto­maten In die Ecke werfen und statt nach dein! Rutenbündel zu Hammer und Sichel greifen würde.

Das Volk zeugt für l h n, wie eS aber übev Staat und FalziSmuS denkt, daS kann te n Außenstehender toif'en, weil ja auS Italien nut die Stimme des Staates selber kommt; das kann der in Italien lebende Unbefangene nur ab* schätzen, denn es gibt ja keine Pressefreiheit, keine Meinungsfreiheit, keine Der'ammlungs-

Argans Familie sind noch die böse Sieben Deline (Baumann) und das eigensinnige und verliebte Töchterchen Angeli ue (Scherer- mit Anerkennung namhast zu machen. Dr. Th.

Oberhessischer Geschichtsverein.

3m dritten Vortrage dieses Winters sprach der Literarhistoriler der Ludoviciana. Prof. Dr. Karl Victor, über Georg Büchner. Die Absicht dieses Vortrags war, die geistige Artung Büchners und das Wesen seines Dicht:rtums darzustellen. Neben den Parteigängern des jungen Deutschland, denen Büchner durch Alter und persönliche Beziehung verbunden ist, steht dieser ganz ursprüngliche, traditionslose Politiker, Den­ker und Dichter völlig selbständig da. Während jene Schriftsteller aus dem Bezirk der Literatur und der Programme nicht heraus'anen, hatte Büchner po itisch gehandelt und dabei erfahren, daß die Zeit nicht reif war für seine radikale Denkweise und seinen revolutionären Willen. DerHessische Landbote" blieb der einzige poli­tische Versuch Büchners, der sich dem Kreis der Gießener liberalen Verschwörer vorübergehend angcschlossen hatte. So bestimmt er in feinen revolutionären lleberjeugungcn ist, fein Blick ift unbestechlich, fein Wirklichleitssinn fo un­bedingt, daß er sich felbft nicht einen Augenblick mit Wunschbildern betrügt. Die gestaute Kraft, nun aus der Sphäre der Tat verwiesen, sprengt an einer andern Stelle den Boden. Aus der schweren Lebenskrisis der Gießener Zeit entsa't t sich unversehens seine dichterische Genialität. Tas Bild einer von brutalen Naiurge eyen beherrsch­ten Welt gestaltet er in seinen beiden Dramen Dantvns Tod" undWoyzet". Der Mensch ist da unsreies Werkzeug von Gewa'tm, die mit uns unter den Sonnen des Zwanges verfahren. Ihren Willen, ihren Sinn erkennen wir nicht. Vor der pessimistischen Konsequenz dieser An­schauung wird das jugendliche Genie nur durch seine Leidenschaft für das Geben, seine Demut vor dem Seienden und seine BereitschaT zur Hingabe an diese chaotisch-gärende Wirklichkeit bewahrt. Dadurch ist Büchner in seiner Zeit einzigartig, und dadurch steht er unserem heu­tigen Fühlen und Wollen so nahe. Seine Dich­tung endlich hat lange vor Gerhart Hauptmann den Ton säst schon gesunden, der über die Bil­dungsunterschiede hinweg zu allen fühlenden Menschen spricht. Der Vorsitzende, Geh. Rat Dehaghel, dankte dem Vortragenden für die klare, lebensvol'e Darstellung der Persönlichkeit Büchners. In der sich anschließenden Hauptv-r- fammlung des Vereins erstattete der Vorsitzende den Gefchä'tsbericht, und der Rechner berichtete über die Finanzlage des Vereins. Der bi herigr Vorstand wurde einstimmig wiedergewäh.'t

Dr.C.W.