Aus der Provinzialhaupistadt.
Gießen, den 25. Februar 1928.
Vorfrühling in der Stadt.
.Fräulein, passen Sie auf! Treten Sie nicht auf meinen Kreisel!"
Dieser leidenschaftliche Angstruf war die 11t» fache eines fabelhaften Seitensprungs meinerseits, und eines höchst vergnügten darauffolgenden Lächelns. „Fräulein." Merkwürdig, bah man sich immer erfreut fühlt, für das gehalten zu werden, waS man nicht ist. Ein junges Mädcken strahlt, wenn man es als „gnädige Frau" anspricht, und fühlt sich später als Frau geschmeichelt, wenn es als „Fräulein" angeredet wird. Doch bas nur nebenbei.
Also ich machte einen Seitensprung und sah dann interessiert seiner Ursache nach, einem weihen Kreisel, der tanzend über Stock und Stein, »wischen Kieshausen und Menschenfühen dahin sprang und förmlich zu singen schien- „Die Welt ist rund und muß sich drehen".
Wahrhaftig, das tut sie. Und wie es scheint, immer schneller. Denn sah man srüher je Kreisel im Februar? Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer, und ein Kreisel noch lange keinen Frühling. Aber aufmerksam geworden, sah ich nun plötzlich in allen Ecken und Enden die Kreisel tanzen, und dafür gibt es nur eine Erklärung: der Frühling kommt. Und ich beschloß ihn zu suchen. Kreisel und Schneeglöckchen sind die naturgegebene Reihenfolge. Also ging ich durch eine Straße mit Dorgärten. Himmel, sahen die gräßlich aus. Schmutzig, voller Papierfetzen, hinein» geh'nrfcn<'T 7fhr-'Trt'irnt-*aIen. verwelkter Herbst
blätter. ES flimmerte mir schließlich vor den Augen von den Hunderten eiserner Zaunstäbe, durch die hindurch meine Augen nach Schneeglöckchen ausschauten, vergebens.
Ob nitch mein Seitensprung etwa auf einen falschen Weg gelockt hatte? Das soll vorkommen. Blühten die Ähneeglöckchen schon anderswo? 3n den Vorgärten meines Vorbeigehens hüpften zwischen den Häßlichkeiten der vergangenen Monate einzelne Sperlinge herum, pickten melancholisch hier und da und piepsten leise. Früher traten sie en mässe auf und krakeelten laut und anmaßend. Die pferdeverdrängenden Autos haben die Struktur ihres Wirtschaftslebens vollständig verschoben. Produktion und Rachftage sind in ein katastrophales Mißverhältnis getreten, und die Spatzen haben die einzig mögliche Konsequenz gezogen: den Verbraucherkreis zu verkleinern. Ob durch Wegzug? Familienbeschränkung? Zweilindersystem? Das bedarf noch der Untersuchung.
Jedenfalls fühlen sie sich jetzt als kleiner Kreis und daher vornehm. Und piepsen nur noch gedämpft und leise.
Ich ließ sie in ihren frühlingslosen Vorgärten hinter mir und wanderte weiter in die Anlagen. Alles noch kahl. Aber nein, hier der Flieder hatte schon dicke Knospen, und ein Strauch trug sogar halbentfaltete Vlättchen.
Ich glaube, wenn jetzt länger warmer Sonnenschein aus all die Regentage folgt, dann kann man direkt zusehen, wie es wächst. Allerdings, die Schneeglöckchen. Sie warten bestimmt aus den vorschriftsmäßigen Schnee um zu erscheinen. Wenn sie bloß nicht den Anschluß darüber verpassen; denn in wenigen Tagen ist es Marz,
und es kommen die Märzveilchen. Und eS will vorwärts gehen, die Kreisel tanzen an allen Ecken und Enden und singen: „Die Welt ist rund und muh sich drehn."
Sva von Massow.
Vornotizen.
— Tageskalender für Samstag. Volkshochschule: 8 Uhr, Kroßer Hörsaal der Universität, Abendfeier. — Verein Rudersport: 9 Uhr, Bootshaus, Monatsoersammlung. — A. D. 1878/1928: 8 Uhr, Cafs Astoria (1. Stock), Versammlung. — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Das Geheimnis des Abb6 I." — Astoria-Lichtspiele: ^Künig im Sattel".
— Tageskalender für Sonntag. Stadttheater: 6 Uhr, „Peer Gynt" (Ende nach 9 Uhr). — Oberhessischer Kunstverein: 11 Uhr vormittags, Turmhaus am Brand, Eröffnung der Kollektivausstellung von Oelgemalden Rudolf Hellwag (Berlin).— Bund deutscher Radfahrer: 4 Uhr nachmittags, Eaf6 Leib, Austragung der Gaumeisterschaften 1928. — Lichtspielhäuser: wie Samstag
— Stadttheater Gießen. Am Dienstag, 28. Februar, gastiert in der Rolle der Eva Gerndl in Hermann Bahrs Lustspiel „Das Konzert" Frl. Tr u d e Heß vom Landestheater in Detmold.
— Der Vauersche Gesangverein veranstaltet in der Aula der Universität am 10. März ein Konzert für seine Mitglieder und am 11. März ein solches für die Oefkentlichkeit. Cs wirken mit die Konzertsängerin Elsa Schade aus Kassel. Pianist Jul. Hahn und ein Horn- quartett. Der erste Teil des Programms ist dem Gedächtnis Franz Schuberts gewidmet, dessen Todestag sich in diesem Jahre zum hundertsten Male jährt, und enthält Chöre, Lieder
und eine Klaviersonate des großen Meisters. Im zweiten TeU werden neue Kompositionen von Vrahms. Reumann, Othegraben, Heinrichs, Kann. Trunk und Hanemann zu Gehör gebracht (siehe die heutige Anzeige).
•
•• Von der LandeSuniversität. Ernannt wurde der Privatdozent Dr. Paul K 5 t t - gen zu Gießen zum außerplanmäßigen außerordentlichen Professor an der Landesuniversität Gießen.
" Pros. Dr. H o r n e f f e r über „D e u t sch - land alsCinheitsstaa t". Der bekannte Gießener Philosoph Professor Dr. H o r n e f f e r wird während der Leipziger Frühjahrsmesse am Montag, 5. März, in der Leipziger Handelshochschule über „Deutschland als Einheitsstaat" sprechen.
•* Straßensperre. Wegen Vornahme von Hausanschlußarbeiten ist die Liebigstraße zwischen Frankfurter Straße und Riegelpfad am Montag und Dienstag, 27. und 28. Februar, für allen Fahr verkehr polizeilich gesperrt.
** Rindermarkt. Am nächsten Dienstag, 28. Februar, findet hier Rindvieh (Nutzvieh-) Markt statt.
** Der Gießener Frühjahrs-Pferdemarkt findet am 14. März auf den städtischen Marktanlagen an der Rodheimer Straße statt. Mit dem Pferde- und Fohlenmarkt ist wieder eine Prämiierung verbunden, für die über 2000 Mark als Preise zur Verfügung stehen. Die Anmeldungen der aufzutreibenden Tiere sind von den Besitzern bis zum 12. Mär» vorzunehmen.
(Weitere Lokalnachrichlen im 2. Blatt.)
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