vr.2l Dritter Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Dberheflen)Mittwoch, 25. Januar (928
Aus der Welt des Ulms.
Dom Filmen.
Don Franz Blei.
Als mich der Intendant Leopold Iehner einlud, in einem von ihm und Anton Kuh verfaßten Kinostück „M a r i a Stuart" eine Rolle zu übernehmen, sagte ich, ohne die Rolle und daS Stück zu kennen, zu. Weil ich dieser Angelegenheit des Kinos ein bißchen ins Eingeweide sehen wollte. Also aus Neugierde. Diese wurde ja damit bestrast — weil sie eine An- tugend ist —, daß ich in dieser Rolle des Predigers John Knox nichts als fanatisch zu sein hatte, immerzu und in allen Situationen, was mir bei meinem gutmütigen runden Kindergesicht und meiner mir innewohnenden Nachgiebigkeit nicht leicht wurde. Aber ich kam nicht allzu häufig vor die Kurbel und fand Zeit genug, mehr als ich eigentlich wollte, mir diese Filmarbeit im Technischen wie im Geistigen anzusehen. Ich habe ein Vorurteil gegen verfilmte Historie. Ich traue ihr schon im Sprech- theoter gar nicht. Die Meinung, daß man der geschichtlichen Wahrheit im Film nahe komme, finde ich absurd, wenn ich, ganz abgesehen von der inneren Anmöglichkeit solcher objektiver Wahrheit, an die wenigen Historiker denke und an die Legionen historischer Figuren. (Weil eine solche zu werden viel leichter, also häufiger ist als ein großer Historiker: auf den einen Tacitus kommen drei Dutzend Cäsaren.) Aber eS war sehr interessant, zu sehen, wie der Intendant Zehner so was anpackte, wobei er sich garnicht weiter viel um Zeitumstände kümmerte, sondern eher davon ausging: alles, was wichtig war, das war um 1580 genau so wie um 1927. Eine Frau war eine Frau wie heute — anders eingestellt könnte weder diese so scharmant kokettierende, so herzbrechend leidende Frau Magda Sonja noch sonst irgend eine Frau die Maria Stuart spielen. Ketzerisch denke ich dabei: wozu dann diese Zeit bemühen? Wozu, wenn es sich um nichts als den Dialog: „Guten Tag, wie geht's?" „Danke gut", handelt, die Frage von Plato stellen, die Antwort von Aristoteles geben lassen? Aber das sind wie gesagt nur persönliche Abneigungen gegen Ritterkostüme und Fischbeinkorsette, in denen heutige Männer agieren, die sich in der Pause die gewohnte Zigarre in den Mund stecken, und heutige Frauen, die nie ein Korsett getragen haben. Der Intendant paßte sehr auf. daß niemand, der da ein Eisenkoller trug, ins Pathos dieses Kollers rutschte und seinem Gesichtsausdruck etwas von fünffüßigen Jamben gab, sondern ordinäre Alltagsprosa von Heute. Militär zog auf, obwohl es so was wie Militär in unserem Sinn damals gar nicht gab. Fünfhundert Dauern konnten 1576 in London einziehen und Revolution machen. Man hatte nichts als Wachen. Der Armee wird der Fahneneid abgenommen. Plakate, die das Standrecht verkünden, werden angeschlagen. Aufständische tragen Tafeln mit „Rieder mit. . . .' wie die Strahenpolitiker von heute, wenn sie Arnzug machen. Kurz und gut: Maria Stuart ist unserer Zeit so nahe gebracht, daß man ihr im Autobus begegnen könnte oder mit den Händen am Volant ihres Car- dillac. Ich fand es unpassend, daß Herr Kortner, der den Vothwell spielte, immer feine Zigarre weglegte, wenn er vor den Apparat trat. 2lber ich bin sicher, daß man in einigen Monaten, unsere Zeit geht schnell, dem Historischen auch diese kleinen Konzessionen nicht mehr machen wird. And ein Theaterdirektor up to datc ein im Jahre 1928 spielendes Stück von Herrn V r e ch t ins Kostüm von 1800 stecken wird, wo doch die Hosen so egal sind!
Da meine in den langen Pausen vorgebrachten Bemerkungen zum Thema Film immer wieder die Ablehnung erfuhren, daß, so wie man es mache, der Wunsch und Wille des Publikums seien,
„Kronprinzessin Louise."
Lichtspielhaus Bahnhofstraße.
Dies ist der erste Teil des groß angelegten Königin-Louise-Films, zu dem Ludwig Verger (durch ein vor einiger Zeit mit vielem Erfolge aufgeführtes, den gleichen Stoff behandelndes Schauspiel schnell bekannt geworden) das Manuskript geschrieben hat: die Jugend der Königin, das Leben der mecklenburgischen Prinzeß darstellend, in der zarten und feinfühligen Regie von Karl Grüne, eine sehr hübsche, lustspiel- mäßige Introduktion zu den ernsten und getragenen Klängen des zweiten Hauptstückes, das die Königin auf der Höhe des Lebens, in den' Stürmen einer schweren und großen Zeit vergegenwärtigt.
Bild und Musik, Kostüm und Maske, Handlung und Stimmung verschmelzen zu einer Stileinheit, beschwingt von Glanz und Grazie einer scheidenden Epoche, vom abschiednchmenden Rokoko. Angezwungen reiht sich Szene an Szene. Die erste Lebensceise der beiden blutjungen und liebreizenden Prinzessinen Louise und Friederike, ihr fröhlicher Besuch bei der Frau Aja in Frankfurt, ihre Begegnung mit dem preußischen König, die Doppelverlobung mit dem Kronprinzen Friedrich Wilhelm und dem Prinzen Louis. Der feierliche Empfang in Potsdam, die Hochzeitszeremonien und der anfangs gar nicht immer und überall leichte und reibungslose Einzug des frischen, unbekümmerten und unverbildeten Raturkindes Louise ins Preußische, in Strenge, Pflicht- bewutztsein, Rüchternheit und steifes Zeremoniell, hinter dem die Herzlichkeit und heitere Angezwungenheit sich verstecken lernen muh.
Dem Regisseur Grüne sind, ohne viel Experimente und Mätzchen, reizende Bilder gelungen: der große Hofball, wo die „unmögliche" Louise mit ihrer Vorliebe für den geradezu sittenlosen, neuesten Modetanz auffällt, den man Walzer nennt: die heimliche Extratour der beiden nach-Berlin verschlagenen Schwestern zum Besuch eines Wanderzirkus in der Vorstadt: die Begegnung mit Louis Ferdinand: die entzückende Episode, wo die wahrhaft ahnungslose Louise einen Haufen Gassenkinder ins Schloß bringt und mit Milch und Kuchen bewirten läßt, über welch grenzenlose Entgleisung männiglich in
das man genau kenne, gab ich's auf. Wie soll man gegen so mysteriöse Begriffe wie „Publikum" eine Widerlegung versuchen?
Also dieses Filmen war höchst interessant. Regisseure und Photographen müssen Nerven aus einem Stoff haben, gegen den Stahl Zwirn ist. Dieser Stuart-Film, zu dem 30 000 Meter gedreht wurden, aus denen man 3000 Meter für die Aufführung herausschnitt (auf mein Zureden recht Diel, wo ich vorkam) hatte, so kompliziert war er, sogar zwei Regisseure, denn außer Herrn Zehner arbeitete noch Herr F e h e r vor und bei der Kurbel, spielend und anordnend und nicht wenig brüllend. Aber es wird, wozu der große Atelierraum zu verlocken scheint und der immer herrschende Spektakel der hämmernden Arbeiter, beim Filmen überhaupt sehr viel gebrüllt. Am schönsten, wenn es zwei gleichzeitig tun, zum Beispiel Herr Kortner und Herr Jeher. Das ist so homerisch und endet nur mit der völligen Heiserkeit eines der beiden weit voneinander distanzierten Känipen. Wie bei Homer. Auf der stummen Leinwand merkt
man davon nichts, aber zum Film gehört es trotzdem.
Ganz allgemein: c8 wird, was die Stücke betrifft, viel zu viel oder fast nur „verfilmt", besonders abgespielte Operettentexte. Aber zu wenig oder fast nichts gefilmt. Zch meine, es werden keine Stücke für den Film gemacht. Das ist sehr schade. Erst richtige, für den Film gearbeitete Stücke würden zeigen, was er leisten kann. Anderes als das Sprechtheater, anderes als der Roman. Z m R e i n - technischen vollendet, ist der Film inhaltlich er st auf einem Drittel der Höhe, die er erreichen müßte, um so gut zu sein, wie seine photographische Technik. Aber schließlich wird ja alles, was es aus Theatern gab, einmal verfilmt fein. And Historie zu verfilmen, wird zu teuer werden. Dann könnte es, wenn der Film bis dahin nicht schon wieder alter Kientop in der Gunst seiner Besucher geworden ist, ein höchst sehenswertes Kinotheater geben mit ganz spezifischen Ausgaben und Leistungen.
Aos dem Znedhos der Mmanuskriple.
Eine Gesellschaft beerdigt jährlich 6000 „gute Ideen".
Don Siegfried Ascher.
Die Arngruppierungen in der deutschen Filmindustrie legen die Frage nahe, auf welche Weise der deutsche Film wieder Weltbedeutung erlangen kann. Anser Mitarbeiter hat die größten deutschen Filmgesellschaften und erfolgreiche Filmautoren über die Möglichkeiten befragt, diesen kulturell wichtigen Zndustriezweig durch gute Manuskripte zu fördern.
Eine moderne Grabkammer könnte man das Archiv einer großen Filmgesellschaft nennen, in dem viele Tausende Filmmanuskripte ruhen, die, von Dilettanten versaht, täglich in Hausen bei der Gesellschaft einlaufen. Von Ruhm, Erfolg und Reichtum haben die „Autoren" geträumt, bis die unglücklichen „Dichter" nach bangem Warten durch einen ablehnenden Bescheid in die rauhe Wirklichkeit zurückgestohen wurden. Rur selten finden besonders energische Skribenten dann noch den Mut, die Gesellschaft darauf aufmerksam zu machen, daß sie sich durch die Ablehnung den größten Schaden zugefügt habe. Den skeptischen Dramaturgen erschüttert nicht einmal die schreckliche Drohung mit der Konkurrenz, die angeblich Himmel und Hölle in Bewegung seht, um sich dieses kostbaren Manuskriptes zu bemächtigen.
„Sechstausend von Dilettanten verfaßte Manuskripte habe ich jährlich zu prüfen", erklärt der Dramaturg der größten deutschen Filmgesellschaft. „Anter all diesen schriftstellerischen Ergüssen befindet sich kaum ein brauchbares Erzeugnis : doch sind sie meist eine Quelle unfreiwilligen Humors. Etwa sechzig- mal im Zahr werden uns namhafte Werke wie „Ekkehard" oder „Soll und Haben" angeboten. Ein besonders schlauer Autor brachte uns den glücklichen Gedanken, die Zungfrau von Orleans zu verfilmen, bemerkte aber vorsichtig, daß er sich „alle Rechte Vorbehalte". Ein anderer findiger Kopf sandte uns einen Brief mit geheimnisvollen Andeutungen, aus denen wir entnehmen konnten, daß er einen glänzenden Einfall habe, der einer Filmgesellschaft unzählige Millionen einbringen würde. Der Mann wollte erst seine Zdee Preisgeben, wenn die Filmgesellschaft eine größere Summe bei einer Bank hinterlegen würde. Schließlich bequemte er sich auch ohne „Sicherheit", die Verfilmung von Ahlands Drama „Herzog Ernst von Schwaben" vorzuschlagen. Eigenartiger war schon der Einfall eines Autors, einen Film über die Entwicklung des Germanen
tums zu schreiben und dabei mit der Schlacht im Teutoburger Wald zu beginnen. Rur schwer ließ er sich davon überzeugen, daß dieser „M onu- m e n t a I f 11 m“ die Zuschauer erdrücken würde. Aeußerst komisch wirkte auch ein Mann, der über seine Arbeit „Anverkäufliches Manuskript" schrieb und damit recht behielt, da das Machwerk wirklich unverkäuflich war. Zch bebaute diese Leute, die einem unerreichbaren Phantom nachjagen: denn die wenigen Manuskripte, die angenommen werden, stammen fast ausschließlich von beruflichen Filmautoren oder Filmregisseuren".
„Zeder Laie überschätzt dieWichtig- feit des Manuskriptes" meint der Produktionsleiter einer anderen Filmgesellschaft: „denn nur Wenige wissen, wie ein Film entsteht. Keine Gesellschast dreht einen Film, ohne einen festen Abnehmer dafür zu haben; dazu ist man in Deutschland nicht kapitalkräftig genug. Erst wenn eine .Filmgesellschaft einen Vertrag mit einer Verleihsirma vorweisen kann, wird sie Geldleute zur Finanzierung des Auftrages finden. Meist wird von einem Verleih kein bestimmter Film, sondern nur ein Genre bestellt, das gerade beim Publikum Anklang gesunden hat, etwa ein historischer oder ein Rheinfilm. Dann wird der Regisseur engagiert und der „Star" verpflichtet. Erst zuletzt geht man auf die Suche nach einem Manuskript, das auf den Star zugeschnitten sein muß. Meist wird es von einem Autor mit großem Namen oder einem routinierten Filmschriftsteller verfaßt, oft auch von dem Dramaturgen oder dem Regisseur der Gesellschaft, und zuweilen durchsucht man das Archiv nach geeigneten Stossen. Welche geradezu nebensächliche Rolle das Manuskript augenblicklich spielt, geht schon daraus hervor, daß man es noch während der Aufnahmen oft willkürlich verändert. Ein besonders markantes Beispiel dafür liefert das Drehbuch des Zannings-Films „Der Weg allen Flei» s ch e s", der augenblicklich in allen größeren Lichtspielhäusern Deutschlands läuft. Während der Film tragisch endet, wies das Manuskript einen versöhnlichen Abschluß auf. der auch schon gedreht war. Erst als Zannings energisch Einspruch erhob, weil er dieses Ende als kitschig und un- künstlerisch empfand, wurden die Schlußszenen nach einer Manuskriptänderung nochmals ausgenommen. Zn Amerika geht es also nicht anders zu. auch dort tauchen nur selten neue Namen auf; meist schreiben die bekannten Verfasser von
blasses Entsetzen fällt; das Pareher Zdhll, das oft wie ein zweites Rheinsberg anmutet, und manches andere; man kann nicht alles aufzählen. Wer sich den Film ansieht, wird noch viel Hübsches und Stimmungsvolles in den sechs Akten- zu sehen bekommen.
Die Besetzung ist ausgezeichnet. Für die junge Louise kann man sich keine glücklichere Verkörperung denken, als Mady Christians (auch die Dorsch nicht, die die Louise in Bergers Schauspiel darstellte). Die Christians verbindet Anmut, Vornehmheit und Zugendlichkeit mit einer oft verblüffenden Porträtähnlichkeit — und bringt damit alles, was man hier erwarten muß.
Auch sonst hat die Regie einen glücklichen Griff in der Auswahl der wichtigsten Rollenträger bewiesen. Wir nennen nur den von Mieren - dorff famos gespielten Friedrich Wilhelm II. Ferner den begabten Wiemann, von dem, wenn man ihn auf der Sprechbühne sah, kaum zu erwarten war, daß er den Kronprinzen so sicher treffen würde: ungeschickt, steif, preußisch, männlich und herzlich zugleich. Reizend die kleine Anita Dorris als Prinzeß Friederike; sehr pikant die Madame Ritz der Lotte Lor ring; unnahbar die strenge Oberhofmeisterin Voß der Adele S a n d r o ck. Von den übrigen: Schiet- tow, Prasch-Grevenberg und 2da W ü st.
Außer einer stellenweise flimmerigen und unscharfen Photographie ist gegen den Film kaum ernstlich etwas einzuwenden; im Gegenteil: man darf dem zweiten Teil nach diesem Vorspiel mit großen Erwartungen entgegensehen. -r-
Zugendirauni in der Glashalle.
Don Alfred Richard Meyer.
Berlin, Mitte Zanuar.
Rur zwanzig Minuten Autofahrt von meiner Wilmersdorfer Wohnung — dann ist man in Staaken, im ehemaligen Luftschiffhafen, am Flugplatz. Wie ein phantastisches, verwestes Antier aus der Eiszeit mutet die Luftschiffhalle durch den nebligen Morgen an, ganz unwirklich. And unwirklich ist auch die vielseitige Welt, die sich hier eingenistet hat — wie in den Kaiserpalast Diokletians die ganze dalmatinische Stadt Spa- lato. nur noch geräuschvoller, viel geräuschvoller, nur noch bunter, viel bunter und phantastischer.
Der Regisseur Me inert, mit des neuesten Phönix-Films Vollendung beschäftigt, beherrscht sozusagen den ganzen Magen und das Gedärm dieses Antiers von Halle. Worum geht es? Am „dBera Mirzewa" von Arbanzofs. international-erstllassig beseht wie nur toenigo Filme zuvor. Italien ist üertrelen durch Maria Zacooini, Rußland durch die Gattin des Volksbeauftragteii Lunatscharski, Rosenelli geheißen, Frankreich durch Scan Angelo, England durch Warwick Ward, Angarn gleich zwiefach durch Szöreghi und Nikolaus Farkas, den Chefoperateur, Deutschland eigentlich nur durch den sehr schönen und eleganten Harry Frank und — ja, da wären ja noch verschiedene bekannte Ramen ...
Abseits von dieser Welt, die aus ewigem Szenenumbau besteht, nach Oelfarbe riecht, von grellsten Lampen durchzuckt ist, daß einen die Augen schmerzen und daß man es nicht verstehen kann, wie all diese Prominenzen abends noch Frische und Lachen haben, auf einen Ball gehen zu wollen — von den Nerven ganz zu schweigen, denn die darf man bekanntlich beim Film überhaupt nicht haben!— abseits von dieser Welt, die, photographiert, Hunderttausenden von Menschen die Sehnsucht nach Schönheit, Abenteuern, Leidenschaften, Landschaften erfüllen muß, steht ein junges blondes Mädchen, kichernd, albernd, kalbernd, ein noch sehr junges Mädchen. Aber bisweilen tritt in dieses Kichern, Albern, Kalbern etwas, das noch von einer anderen Welt ist, vielleicht schwankend zwischen irrer Sehnsucht und einem Zweifel, vielleicht einem Gemisch von Zweifeln überhaupt. Es ist Fee Holz, die junge Tochter des Dichters Arno Holz, die hier in diesem Film ihre erste Rolle, ihr Röllchen in einer Gesellschaftsszene mit all diesen Prominenzen der Film-Znternationale gehabt hat. All das, was ihr Dichter-Vater an Schönheit, Abenteuern, Leidenschaften, Landschaften und noch viel mehr in seine beiden Hauptwerke „Phanta- sus" und „Blechschmiede" in jahrzehntelanger Askese einer kleinen Schöneberger Dachkammer eingefangen hat, sieht sie hier in einem anderen, grelleren Licht. Die eine Sehnsucht wird von vielen anderen verdrängt, wie sie Dichters-Kindern von heute wohl eigen sein müssen. Klaus Mann, Pamela Wedekind, Fee Holz. Für morgen werden sieben Billetts erster Klasse besorgt:
Magazingeschichten die Filmmanuskripte. Anders verhält es sich bei den großen amerikanischen Filmkomikern wie Chaplin, Harald Lloyd und Buster Kraton^ die gewöhnlich kein Manuskript, sondern nur Zdeen und Tricks suchen. Diese Komiker beschästtgen sog. „gag- men“, Zmprovisateure, die ihnen gegen hohe Bezahlung besonders komische Trick-Einfälle bringen. Das werden dann die Höhepunkte des Films, auf die die ganze übrige Handlung zu- geschnitten ist. So laufen in den Ateliers von Hollywood Hunderte von jungen Leuten umher, die ihre Einfälle zu verwerten suchen. An besonders witzigen Einfällen herrscht natürlich stets Mangel, und Chaplin soll ein ganzes Zahr gebraucht haben, um alle Tricks für seinen neuen Zirkusfilm zusammenzubekommen.
Aeber die allzu bescheidene Rolle, die man dem Manuskript bei der Herstellung eines Films einräumt, flogt auch der bekannte Filmschriftsteller Hans Kyser, der außer dem Manuskript zum „Faust"-Film das Dreh-Buch für die Filme „Nathan der Weise" und „Arabella, Roman eines Pferdes" geschrieben hat. „Zunächst bitte ich Eie", meint der Schriftsteller, „das Märchen von dem Reichtum des Filmautors zu zerstören. Hunderte von hauptberuflichen Filmautoren wissen heute nicht, wovon sie ihr Leben fristen sollen und sind bereit, für geringe Summen jedes gewünschte Manuskript zu liefern. Zch selbst werde, wenn mein großer Luther-Film beendet ist, zunächst meine Tätigkeit als Filmautor aufgeben, da die mir gebotenen Honorare in keinem Verhältnis zur geleisteten Arbeit stehen. Außerdem ist es für einen Schriftsteller von Rang auf die Dauer bedrückend, nicht frei nach feiner Eingebung arbeiten zu dürfen; denn die meisten Gesellschaften, die ein Filmmanuskript bestellen, geben zugleich eine ganze Anzahl von Richtlinien, an die sich der Autor halten muß. Da soll vor allen Dingen der Star genügend zur Geltung kommen, denn der größte Teil der Kinobesucher sieht sich einen bestimmten Film nur an, weil sein Lieblingsschauspieler mitwirkt. Mit kostspieligen Außenaufnahmen muß gespart werden; dazu kommt die Rücksicht auf die strenge Zensur, da sich im Vertrag der Filmgesellschaft mit der Verleihfirma eine Klausel befindet, die dem Verleih das Recht gibt, den Film erst abzunehmen, wenn er von der Zensur genehmigt worden ist; trotzdem soll der Znhalt des Manuskripts natürlich spannend sein. Damit sind die Leiden des Schriftstellers aber noch nicht erschöpft; immer wieder wird er daran erinnert, daß er den Geschmack des amerikanischen Publikums ebenfalls treffen muß, denn der Film soll selbstverständlich exportiert werden! Bedenkt man alle diese Schwierigkeiten, so sollte man annehmen, daß ein Filmmanuskript wenigstens gut bezahlt wird. Doch ist es augenblicklich für einen Autor lohnender, ein literarisches Werk zu schaffen; die Filmgesellschaften zahlen zwar hohe Summen, um das Derfilmungsrecht eines erfolgreichen Romans oder Theaterstücks zu erwerben, suchen jedoch die Ausgaben für ein Filmmanuskript möglichst einzuschränken. Niemals wird der Filmautor an den Einkünften seiner Schöpfung beteiligt, während die Komponisten Dafür Tantiemen erhalten, Daß Bruchstücke ihrer Kompositionen als Begleitmusik verwendet werden."
Man sieht also, Daß auch Die Annahme eines Manuskripts seinen Verfasser keineswegs auf einen Schlag reich und glücklich macht. Gewiß kann man es verstehen, wenn die meisten Einsender in ihren Begleitbriefen Die naive Frage stellen, weshalb sie sich durch ihre schriftstellerische Betätigung nicht etwas nebenbei verdienen sollten. So einfach ist aber das Verfassen von wirksamen Filminhalten nicht; diese Tätigkeit erfordert eingehende Beschäftigung mit Dem Wesen des Films, eifrige Milieustudien und nicht zuletzt eine gewisse Begabung. Deshalb sollten die vielen Dilettanten diese ebenso mühevolle wie zwecklose Nebenbeschäftigung aufgeben und ihre Kräfte einer lohnenderen Tätigkeit widmen.
nach Monte Carlo, nach Florenz, nach Rom oder noch sonst wohin ... Da mitfahren zu dürfen ...! Nicht nur erst bloß ein Röllchen haben zu dürfen... Schon so berühmt fein wie Die schöne Zacobini... Ein Traum, vielleicht all zu kühn Der Zeit vorweggenommen — möchten wir älteren meinen, selbst wenn wir uns Mühe geben, Schritt zu halten im raschen Lebenstempo dieser jüngsten Zugend ... Angst, diese Zugend vor allzu raschen, all zu großen Enttäuschungen zu bewahren ... Zhr dieses Leben hier in der unendlichen Halle in prosaischere, nacktere Beleuchtung zu stellen: Zehn Stunden, zwölf Stunden täglich hier zwischen Szenenumbau, Zupiterlampen, Oelfarben- geruch, Pfeifen der Regisseure, Witzeln, Frotzeln, Pfeisen des Chefregisseurs, seiner Kommandostimme: „Achtung — Aufnahme!" Zhr schonen Frauen, ihr herrlichen Männer, wo nehmt ihr überhaupt noch Zeit und Kraft her, stille Stunden zu haben, Mensch sein zu Dürfen, ein Buch zu lesen, familiäre Teile einer Familie zu sein, im Aufstrom tiefster Gefühle, tiefer, echter, als ihr sie hier immer wieder unterschiedlich nach dem erbarmungslosen Willen eines Filmmanuskriptes einer ganzen Welt vorlügen müßt! Zunge Fee Holz — weißt du, wie reich dein Herz ist, das bang und doch so sehnsüchtig llopsende — ahnst Du, wie arm es hier werden kann? Dielleichl antwortest du lachend, so lachend, wie es nur Die Lippen eines achtzehnjährigen Mädchens können: Dummer sentimentaler Feuilletonist, Du! Zch bin Des Phantasus Tochter doch: Phantasia! Das ist mein Reichtum, Den ich von mir ans an die Welt weiter zu geben habe!
2a, da bleibt dem Dummen Feuilletonisten nichts anderes übrig, als sich seiner Sentimentalität zu schämen, da er sich seiner eigenen 2ugend entsinnt, da aus der Halle seines Hirns Die kühnsten Luftschiffe entschwebten — um nie wiederzukehren, verschollen, zerschellt, untergegangen im Ozean dieser schonen, gefährlichen Welt... Das herrlichste Recht ist eben immer bei Der 2ugenD, mag sie hernach scheinbar noch so unrecht gehabt haben! 2hr gilt nichts anderes als das Leben. Kuhn genug kann es gar nicht fein. Rur muß es ipi Aufstrom tiefster Gefühle geschehen — liebe, junge, blonde Fee Holz! Dein Feentum wird sich das schon zaubern können...


