Montag, 24. Dezember (928
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheifen)
Nr. 502 Drittes Matt
Aus der pwvmzialhaupistaSt.
Gießen, den 24. Dezember 1928.
Die Bescherung.
Nuch eine LZeihnachtsgeschichie.
Von Franz Gros.
Die liebe gute Großmutter, die seit Jahren an ihrem Tische im Lehnstuhle sitzt, freut sich ganz besonders auf den Weihnachtsabend, schwelgt in Kindheitserinnerungen und, wenn es nroglich wäre, rutschte sie selbst noch mit ihren Sieben- sachei'i auf dem 'Boten umher wie die Kleinen.
Heute hat sie eine Vorfreude, die sie allein genießt. Dor drei Lagen nämlich hat ihr die älteste Enkelin, die auf te.n Lande verheiratet ist und deshalb an ihr Gebäck ein Stück Butter mehr tun kann als die Stadtfrauen, ein feiires Weih- nachtspaketel geschickt, aus dessen Hülle zu lesen steht: „Guten 2lppetitl Erst am Weihnachtsabend zu öffnen!" ..Wie lieb", dachte Großmutter. Unb das Paketel duftete nach Tannenzweigen, Marzipan, Anisgebackenem und Pfeffernüssen.
„Großmutter, was hat dir denn der Postmann gebracht", fragten die Enkel. „Wartet's ab", sprach die Muhme und schob daS Paketlein in die Tischschublade. Darinnen war es allen neugierigen Augen entzogen. Den Schlüssel zog sie ab und ließ ihn in ter unergründlichen Tiefe ihrer Kleitertasche verschwinden.
Endlich war der Weihnachtsabend gekommen. Die Buben und Mädels hatten sich um die Groß" mutter versammelt. Sie frug ein Dreivierteljahrhundert auf dem Rücken, war nicht mehr stark auf den Füßen, humpelte gerne am Stock und lieh sich noch lieber führen. Aber Enkel sind oft ungeduldig und führen nicht gerne eine alte Großmutter. "Stenn die jungen Toren wissen's nicht oder denken doch nicht daran, daß auch sie einmal alt werden können und einer Stütze bediirftig! Aber am heiligen Abend? Da will ein 3eber die Großmutter führen, da sind die Herzen weiteraus- getan als sonst zu profaner -Zeit. An diesem Abend hat Großmütterlein, mit Respekt zu vermelden, das Gerißl
Eben zündet ter Familienvater im Weihnachtszimmer die flammenden Kerzen an. Schon verspürt man den köstlichen Dust angesangter harziger Tannenzweige. Um Großmütterlein wimmeln die Enkel gleich unruhigen Ameisen, des Klingelingelings tes Weihnachts- glöckleins harrend. Endlich ertönt es.
„Großmutter komm, Großmutter komm", tief die jüngste, die siebenjährige, die es am eiligsten hatte.
Großmutter aber suchte nach ihrem Schlüssel — zum Weihnachtspaketel. Aus dem Bescherzimmer erklang ter Helle Sopran der Mutter: „Ihr Kinterlein kommet, 0 kommet doch all"! und der Vater sang mit sonorem Ton die zweite Stimme.
Aber die Kinder kamen nicht. Großmutter suchte doch nach ihrem Schubladenschlüssel. Ohne Großmutter gingen sie nicht In das Vescherzimmer. Vater und Mutter sangen ihr Lied im Duett weiter und begriffen nicht, wo denn die anderen blieben.
Großmutter hatte zum Heiligen Abend das Kleid gewechselt und ihr Werktagskleid. in dem der besagte Schlüssel steckte, hing drüben überm langen Flur in ihrem Schlafzimmer. Endlich war das „Werttagene" gefunden und. Gott sei Dank, auch in seiner Tiefe der besagte Schlüssel.
Also „Ausschließen!" hieß es. Großmutter tat es mit Bedacht. Großmutter zog am Schlüssel, zog einmal, zog zweimal. Aber die Schublade versagte den Dienst. — „Großmutter, laß mich einmal ziehen", ries Oskar. — „Rein, mich zuer st", rief Fritz. — Großmutter bekam einen Schupps und mußte zur Seite weichen. — „Ihr Kinder, ihr seid zu hastig", sprach sie. — „QSo bleibt ihr denn nur", rief Vater zur Türe heraus. - „Großmutters Schublade geht nicht auf“, rief Fritz. — „Laßt doch die Schublade, kommt doch herein". - „Rein," entgegnete die Großmutter, „da ist mein Weihnachtsparetel von unserer Liesel drin und ohne das komme ich nicht." — „Aber Großmutter, das Paketel kannst du doch auch noch nachher bekommen. Wir wollen doch jetzt bescheren! So komm dochl" — „Rein, das muh doch für einen Mann eine Leichtigkeit sein, die
Lache Naiarr» r
Vornan von J. Schneider-Foerstl.
Urheberrechtsschutz Oskar Meister, Werdau i. Sa.
29. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
„Ich kann nichts vorzeigen als mein Ingenieurdiplom und meine Doktorarbeit I" sagte Hettingen resigniert.
„Was wollen Sie denn noch mehr? Das genügt ja! Es bleibt also dabei. Ab morgen gehe ich in Urlaub. Vormittag möchte ich Sie bitten, bestimmt bei mir vorzusprechen. Ich will noch einmal genau nachsehen, ob alles innen und außen bei Ihnen in Ordnung ist. In ein paar Tagen, denke ich. daß Sie alles hinter sich haben.. Möglich, daß die Achsel Schonung braucht. Dann schreibe ich Ihnen einen Krankenzettel. Auf Wiedersehen, mein lieber Baron!"
Er drückte Hettingen kräfttg zurück, als dieser Miene machte, sich zu erheben. An ter Wegbiegung winkte er noch einmal zu ihm heraus.
Joachims Rücken fiel schwer gegen das Gestein des Hanges. Schon während tes Gesprächs hatte er kalten Schweiß auf seiner Stirne gefühlt, es mußte doch irgend etwas in seinem Innern entzwei sein. Wenn es nur erst Rächt wäre. Vielleicht half ihm einer ter Kameraden in die Tram. Die Sanität durfte er nicht an Anspruch nehmen. Die Mutter würde zu Tod erschrecken.
Dazwischen sprang ein Gedanke auf. Vielleicht war Fcßmann schon aus ter Schweiz zurück. Der würde ihn am ersten wieder auf die Beine bringen und ihm ehrlich sagen, wie weit es fehlte. Den Schmerz verbeißend, der ihn zeitweise durchraste, schob er sich langsam hoch.
Der Vater tes Jungen kam herbeigelaufen und faßte ihn, ohne zu fragen, unter. „In zehn Minuten ist Feierabend, Hettingen, dann bringe ich dich heim. Du brauchst nur zu sagen, wo du wohnst."
„Ich möchte zuerst noch an den Ring. Da kenne ich einen W?zt — der hat mich auch früher schon einmal behandelt." Hetttngen würgte an den Worten. „Es ist nicht nötig, daß du dich bemühst. Hassoltt"
Was Molli Ihr werden?
Ltnsere Weihnachts-Preisaufgabe 1928.
Diesmal wollen wir zu Weihnachten etwas ganz anderes veranstalten als bisher — für die Kinder nämlich, für alle Kinder etwa vom 6. bis zum 18. Lebensjahr (falls sie sich im 18. noch für Kinder halten), einerlei, ob Knaben oder Mädchen.
Rätsel gab es im vorigen Jahr und im vorvorigen und im oorvorvorigen und so weiter zurück — Rätsel wird's wohl auch im nächsten Jahr zu Weihnachten wieder geben. Wir fanden alle in der Redaktion (den überlasteten und kreuzwortverstörten Rätselonkel in seiner Weihnachtsnervosität natürlich einbegriffen) — und wir hoffen, daß recht viele unserer jungen Freunde und Freundinnen, die schon früher mitgeraten haben und auch heute wieder aufs „Preisrätsel" warten, das auch finden werden:
— daß man einmal abwechseln muß. Deshalb gibt es heute keine Rätsel, nicht ein einziges, sondern es gibt nur eine ganz gewöhnliche, ganz alltägliche, ganz bescheidene Frage, die jeder Bub und jedes Mädel wird beantworten können. Die Frage lautet:
Was wollt Ihr werden?
Und diese Frage soll, wie wir hoffen, zu einer besonderen vielstimmigen Beantwortung anregen. Jeder, der eine Antwort einschickt, ist, fofem er im übrigen den Bedingungen entspricht, schon Anwärter auf einen Preis. Es ist diesmal anders als in den früheren Jahren, wo es ans Rätselraten und schwere Kopfzerbrechen ging. Früher konnte eine Lösung entweder falsch oder richtig sein. Diesmal gibt es keine falschen, nur „richtige" Lösungen. Unter denen wollen wir die uns am besten und originellsten erscheinenden aussuchen, abbrurfen und mit einem schönen Preis auszeichnen.
Damit jedermann versteht, wie wir uns die Beantwortung unserer Preisfrage und die Bewertung der Einsendungen denken, machen wir folgende
Bedingungen:
1. Teilnehmer am Preisausschreiben kann jeder Jugendliche — Knabe oder Mädchen — im Alter bis zu 18 Jahren fein.
2. Die Einsendungen müssen selbstoer- f a ß t und selb st geschrieben sein. Sie sollen enthalten: die Angabe des Berufs, den der Einsender oder die Einsenderin später zu ergreifen gedenkt, und eine Begründung dafür, warum sie gerade diesen Beruf wählen wollen, was sie sich davon oer- I sprechen, was ihnen daran gefällt, oder was sie |
daran besonders reizt. Die Beantwortung darf im Höchstfall 400 Silben umfaffen, keinesfalls mehr, wohl aber weniger.
3. Für die Preisverteilung kommen besonders schlagkräftige oder originelle Begründungen in Frage. Knaben und Mädchen werden getrennt und außerdem natürlich in verschiedenen Altersklassen bewertet.
4. Sie Entscheidung liegt in den Händen der Redaktion und ist endgültig ujib unanfechtbar. Die den Preisrichtern am besten erscheinenden Arbeiten sollen, soweit sie den Bedingungen entsprechen, im „Gießener Anzeiger" veröf f en tli cht werden.
5. Es stehen eine Anzahl schöner Preise in Gestalt von Büchern und Bildern zur Verfügung.
6. Die Einsendungen sollen erfolgen bis zum Montag, 7. Januar 1929, an die Redaktion des „Gießener Anzeigers" in Gießen und sollen auf dem Umschlag den Vermerk „Preisausschreiben" tragen. Sie müssen enthalten: die selbstoerfaßte und selbstgeschriebene Beantwortung der Preisfrage nebst einer Begründung: die Niederschrift darf 400 Silben nicht überschreiten. Außerdem: Vor- und Zunamen, Alter, Schulklasse und genaue Adresse des Einsenders.
7. Die Veröffentlichung der Ergebnisse erfolgt am Samstag, 12. Januar 1929.
*
Also frisch ans Werk! Jeder kann sich beteiligen. Die allermeisten werden ja ihre Antwort schon lange bereit haben. In den Weihnachtsferien ist Zeit genug, eine kurze Begründung auszudenken und niederzuschreiben. Einmal, früher oder später, wird die hier gestellte Frage an jeden herantreten, und dann ist in der Regel fein Preis für die beste Beantwortung ausgesetzt. Wir wollen hören, wie Ihr, Mädels und Buben, Euch Euer späteres Leben denkt. Und den Großen wird es gewiß lehrreich und erfreulich zu lesen sein, was Ihr dazu au sagen habt. Gehe jeder daran. Es- ist ja so einfach zu beantworten. Kein Vexierbild, keine Rechenaufgabe, kein Rätsel. Nur eine einfache klare Frage. Wir hoffen, eine recht große Anzahl von Antworten zu bekommen. In diesem Sinne wünschen wir allen unfern jungen Lesern
ein recht fröhliches und gesundes Weihnachtsfest I
Schublade aufzubekommen. Du hast doch mehr Kraft wie ich!", sprach die Großmutter zum Sohne. — „Die dumme Schublade", murrte Oskar. — Oskar, das sagt man nicht au Großmutters Schublade am Heiligen Abend," sprach das achtjährige Käthchen, „man flucht nicht! Und am Hriliaen Abend erst recht rächt." — „Ist das vielleicht geflucht, dumme Gans?" entgegnete ihr Fritz.
„Großmutter," sprach die Mutter gütig, „komm laß uns doch in das Vescherzimmer gehen, die Kinder tooTIen doch auch ihre Freud« haben."
„Erst muh daS Weihnachtspaketel herbei," tU schelte die Muhme. Avec das Paketel war sperrig geworden. Die Schublade ging keinen Millimeter mehr nach vorne, fo sehr sich auch Vater mühte. Run zogen sie selbdritt an der Late, ter Vater, Fritz und ter freche Oskar. Aber es half nichts. Es gab ein Gebalge um den Tisch. Ein edler Wetteifer war entbrannt. Der Weihnachtsbaum war vergessen und der Gabentisch dazu. Denn Großmutters Paketel mußte heraus, heraus aus ter vermaledeiten Schublade. „Kreuzhimmelsakra," rief der Vater. „BCan flucht nicht, Vater!" ries Käthchen weinend. Da chackte den Vater die Wut und eins, zwei, drei lag der Tisch — am Boten. Großmutter tat einen Schiri, denn irgendjemand hatte ihr im Gedränge auf den gelähmten Fuß getreten. Es schellte an der Vorplatztüre. Die Herrschaft im unteren Stocke, getreue Rachbarschaft, lieh fragen, ob etwas Schlimmes geschehen sei und ob geholfen werden könne. „Meinetwegen," ries ter Vater, „Großmutters Paketel
ist eingezwängt, es muß heraus, und wenn die Feuerwehr gicholt wird." So kamen die Nachbarn gerate dazu, als ter behexte Tisch wieder auf seinen vier Beinen stand — das heißt, eigentlich waren es deren nur noch drei, denn ein Hinterbein war im Sturz den Weg aller Beine gegangen. „Das ist doch alles ganz einfach zu machen," sprach tn Seelenruhe ter Rachbar von unten, zog den Rock aus, krempelte die Hemdsärmel hoch und fragte: ^Haben Sie vielleicht ein recht langes Messer?" „Was wollen Sie denn damit?" rief erschrocken die Großmutter. „Warten Sie mal ab, Frau Rachbcrrin," sprach der Aachbar Kraft- seppä. Oskar holte aus der Kirche das lange Schinkenmesser, vorne spitz und hinten axtbreit. „Herrje, herrje," schrie die Großmutter, „mein schönes Weihnachtspaketel."
Aber schon fuhr der hilfreiche Rachbar, mit ter Schäle seines Schlachtschwertes unerbittlich von links nach rechts säbelnd, in ter Schublade umher, bis ein Mark und Bein erschütterndes „Autsch, autsch" die ßuft durchzitterte, denn das Schinkenmesser hatte mit einem plötzlichen Ruck das Paketel durchschnitten und war dem Helfer in ter Rot blind und tückisch in die rechte Hand gefahren--. Der war von Jugend
an ein strammer Linkshänder und Linkshänder sind bekanntlich nach neueren Forschungen von besonderer Begabung I
„Autsch, autsch," rief immer wieder Freund Rachbar.
„Warum läßt du deine Finger auch nicht davon?, Fritz, lauf schnell zum Doktor!"
Oskar aber säbelte im Hintergründe mit dem Schinkenmesser immer weiter in der Schublade umher und zerschnitt das Paketel zu Atomen. Jetzt gab es endlich nach. Als Grohnrutter heranhumpelte, sah sie nur noch zwischen Pa- pierfeycn zertümmerte Buttersterne und Makronen. schwer verletzte Katzenpfoten und aniS- gebackene Mämilein und Weiblein. Großmutter schluchzte, die Kinder crüllten. Ob vorVergnügen?
„Heiligkreuzsteinach!", rief ein übers anteremal zu Käthchens Entsetzen ter Vater, und als endlich der Herr Doktor kam. und dem verwundeten Helfer durch die Maus ter rechten Hand die erste krumme Radel mit dem Seitenfaten hindurchzog. sprach er mitleidig: „Das heiß ich mir einmal eine schöne Bescherung!"
„Ja, eine schöne Bescherung!", heulte und brüllte es durcheinander. Der freche Oskar schob sich ein Anisbein in den Mund. Die Frau Rach- barin aber sprach gefühlvoll zu ihrem Manne: „Bastian, die Bescherung ist nicht so schlimm, du bist ja im Unfall!"
Daten für Dienstag, 25. Dezember.
Sonnenaufgang 8.04 Uhr, Sonnenuntergang 15.57 Uhr. — Mondaufgang 14.27 Uhr, Mondimtergang 6.27 Uhr.
800: Krönung Karls des Großen zum römischen Kaiser: — 1356: Kaiser Karl IV. erläßt in Metz das Neichsgrundgesetz der Goldenen Bulle: — 1728: der Komponist Johann Adam Hiller in Wendisch- Ossig bei Görlitz geboren (gestorben 1804); — 1742: Charlotte von Stein, Goethes Vertraute, in Weimar geboren (gestorben 1827); 1840: der russische Komponist Peter Tschaikowsky in Wetkinsk geboren (gestorben 1893).
Daten für Mittwoch, 26. Dezember.
1769: der Dichter Ernst Moritz Arndt in Schoritz auf Rügen geboren (gestorben 1860); — 1896: der Physiologe Emil Du Bois-Reymond in Berlin gestorben (geboren 1818).
*
** Zweifelhaftes Unternehmen. Vom Arbeitsamt Gießen wird uns geschrieben: In verschiedenen deutschen Zeitungen (nicht im Gieß. Anz. D. Red.), so gibt der Präsident ter Reichs- anstalt in einem Erlaß unter dem 3. De-cmber 1928 an die Landesarbeitsämter bekanirl, sind Anzeigen erschienen, in denen ein gewisser Henry Uziel, Paris, Ab. P. O .P., 86 Rue Miro- mesnil. teils unter Angabe seines Ramens, teils unter Chiffre mitteilt, daß jüngere Herren für deutschsprachliche Korrespondenz bei einer französischen Firma gesucht werden. Von anfragenten Bewerbern wird bei ter Antwort die Einzahlung einer Gebühr von 10 Mk. verlangt. Uziel hat unter der angegebenen Adresse keine eigene Wohnung, sondern nimmt dort bei einem Vermitt- lung^bureau für Postsachen seine Korrespondenz in Empfang. Da der Verdacht eines Betrugs- versuches vorliegt, ist der Polizeipräsident von Paris auf Uziel aufmerksam gemacht Worten. Wir warnen dir Arbeitsuchenten vor diesem Unternehmen und empfehlen, auch allgemein^ gegenüber derartigen, mit GÄdopfern verbun- denen Stellenangeboten aus dem Auslande größte Vorsicht walten zu lassen.
** Vorbildlicher Pferdepfleger. Dieser Tage war auf dem Lindenplatz ein Menschenauf- lauf, der sich vor dem Tore des bortigen Bauzaunes staute: ein Fuhrwerk war tn dem aufgewühltem Boden steckengeblieben. Das ist an sich nichts besonderes. Was aber hier weiter paffierte, war sehenswert und verdient als Vorbild für andere festgehalten zu werden. Anstatt die vorgespannten Pferde mit Peitschenhieben und Prügeln zu attackieren, stieg der Fuhrmann selbst auf den bis an die Achsen eingesunkenen Wagen und reichte Stein um Stein herab, bis auch der letzte Brocken abgeladen war. Die Pferde staunten, spitzten die Ohren und schauten halb mißtrauisch, halb vergnügt über die Schultern, denn so etwas hatten sie noch nicht erlebt, und die Zuschauer wahrscheinlich auch noch nicht. Es ist nur zu bekannt, wie es bei ähnlichen Anlässen auf Baustellen und in den Waldschneisen oft zugeht. Polizeistrafen helfen anscheinend nicht, aber die Pferdebesitzer könnten bessernd eingreifen, wenn sie auf ihre Leute und auf Verwundungen ihrer Tiere ein wachsames Auge haben möchten und Rohlinge nicht als Gespannführer duldeten.
„Red nicht lange! Wir nehmen uns ein Kleinauto! Das ist auch nicht viel teurer und geht schneller. Ich habe ja doch keine Ruhe mehr, bis ich weiß, wie weit es bei dir fehlt."
„Gar nicht weit!" Joachim wurde ganz weiß und verfallen im Gesichte. „Aber wenn du mir 'sofort um einen Wagen sehen möchtest —"
„Ratürlich! In fünf 2Iiinuten bin ich wieder dal"
Roch vor ter angegebenen Zeit hielt unten auf ter Straße ein Kleinauto. „Bleib," bat Hetttngen, als Hassolt mit ihm einsteigen wollte. „Run bin ich ja geborgen. Morgen sehen wir uns ohnedies wieder! Ich danke dir!" —
Der Schlag klappte zu. Richts als eine Staubwolke blieb von dem Wagen zurück, ter in hetzender Eile der Stadt zufuhr.
* * *
*
Feßmann stand am Telefon seines Arbeitszimmers und trommelte ungeduldig auf die Platte des kleinen Tisches, worauf der "Apparat ruhte.
Run hatte er schon vor drei Minuten die Verbindung mit der Bahnmeisterei der Südbahn von ter Zentrale verlangt, und noch immer meldete sich nichts. Endlich kam eine Stimme aus dem Hörrohr. Die Antwort, welche er auf seine Frage erhielt, war kurz und bündig. „Ein Hetttngen wäre seit drei Wochen bei ter Strahenerneue- rung tätig. Ob er ihn zu sprechen wünsche."
„5a —“
Gr warf den Hörer auf den Tisch und lief in das Wohnzimmer hinüber, um seine Frau zu verständigen, sie möchte sich inzwischen um eine Verbindung mit der Rax bemühen.
Unterdessen schellte draußen im Flur die Klingel. Er öffnete die Tür für einen Spalt und hielt die Schwester, welche als Empfangsdame bei ihm angestellt war, am Arme fest. „Ich bin heute für niemand mehr zu sprechen! Für gar niemand! Wer jetzt noch kommt, den schicken Sie zum Kollegen Henning — ohne jede Ausnahme."
„Gewiß, Herr Doktor!"
Er horchte, wie sie die Flügeltüre öffnete und dem späten Besucher von der Schwester Bescheid gegeben wurde. Der Mensch lieh sich scheinbar nicht abtoeijen, denn er Ijiörte Rede und Gegenrede, und wie die Schwester sagte, „ich
werte versuchen, ob der Herr Doktor Sie nicht doch empfängt, aber er hat Eile und ist bereits im Ausgehen!"
Während sie den Gang zurücklief, trat Feh- ntamt schon aus der Tür, sah den Mann vorne im Dunkel tes Flurs stehen, das gestreifte Hemd uni) die Leinenhose glaubte er zu erkennen, er hatte ihn, so erinnerte er sich, vor Monaten schon einmal behandelt, es war ein junger Mensch aus dem Viertel, in dem er früher gewohnt hatte. Etwas ungeduldig rief er ihm „Guten Abend" zu: „Es tut mir leid, mein Lieber, aber du siehst, daß ich Eile habe", sagte er und lieh sich von der Schwester in den Mantel helfen. „Geh zu Dr. Henning — das zweite Haus rechts, morgen kannst du dann zu mir kommen. Schwester, notieren sie ihn gleich als den ersten Patienten für die Vormittagssprechstunte."
Das Gesicht des Mannes, ter vorne in der Ecke lehnte, wurde wie Wachs. Seine Augen glichen erloschenen Seen, die nichts mehr widerspiegelten. Aus seinem Munde kam ein unverständliches Gurgeln: „Hans —“
Der Doktor hörte es gar nicht, denn er lies zurück in das Zimmer, wo er seine Brieftasche liegengelassen hatte.
Als er wieder in den Gang trat, war ter Arbeiter verschwunden. Die Schwester war noch mit ihm ins Treppenhaus getreten und knöpfte ihm den oberen Haken an ter Leinenjoppe zu, daß das blutbefleckte Hemd nicht mehr zu sehen war. Er lächelte abwesend und stützte mit ter gesunden Rechten den sinken Arm, tn dem die Schmerzen rasten. „Ich danke Ihnen."
Auf dem ersten Absätze ter Ssiege blieb er noch einmal stehen und sah zurück, schüttelte den Kopf und hielt sich mit tem rechten Ellenbogen stützend am Geländer.
Die Schwester sprang die wenigen Stufen herab, um ihm den Arm zu bieten, ater er lehnte mit höflichem Danke ab. Rach wenigen Minuten verlor sich ter Hall seiner Schritte unten auf tem Marmorpflaster des Einganges.
Als Fehmann in das aus ihn wartende Auto stteg, war nichts mehr von tem Arbeiter zu sehen. Mit höchsterlaubter Geschwindigkeit ging es nach dem Südbahnhof. Die Leute hatten aber
bereits Feierabend gemacht. Riemand vermochte ihm zu sagen, wo Hetttngen wohnte, nur ter Bahnmeister erzählte ihm, dah ihn heilte kurz vor Schluß eine Maschine gestreift habe. Cs wäre aber zu allem Glück noch ganz, glimpflich abgelaufen. Er wäre bereits nach Hause.
Fehmann muhte sich erst auf der Polizei Hettingens Wohnung herausschreiben lassen. Er fieberte einem Wiedersehen mit tem Freunde entgegen und sah so viele unnütze Zeit vergeudet. Endlich hielt der Wagen vor der kleinen Villa am Ende der Cottage, wo die Baronin zur Miete wohnte.
Mit ein paar Sätzen nahm er die Stufen zum ersten Stock. Die Klingel gellte durch den Flur! Aber es blieb totenftill. Roch einmal suchte er Einlaß zu bekommen und klopfte mit tem Knöchel fest gegen den weihen Rahmen ter Entreetüre. Richts regte sich.
Eine ältere Dame kam die Treppe herauf und verständigte ihn, daß ter junge Baron vor etwa zehn Minuten von der Sanität nach ter Klinik gebracht Worten wäre und die Mutter es sich nicht hatte nehmen lassen, mitzufahren. „Es ist soviel Leid auf einmal, das über diese armen Menschen kommt," sagte sie mitfühlend. „Kaum ist das andere verwunden, fonrmt für die arme Frau die Sorge um den einzigen Sohn."
In welche Klinik man Hettingen gebracht hatte, vermochte sie nicht zu sagen. Lehmann mußte aufs neue kostbare Zeit vertrödeln, bis er in Erfahrung brachte, wohin er zu gehen hatte, um Joachim zu treffen.
Rach einer halben Stunde lieh er sich bei tem jourhabenden Arzt in der Chirurgischen Klinik melden. Der empfing den bekannten Kollegen überaus entgegenkommend. „Der Baron ist zwar im Moment eher alles als gut beisammen, aber für ein paar Augenblicke können Sie schon zu ihm kommen," sagte er liebenswürdig und beauftragte eine Schwester, Dr. Feßmann sofort zu melden.
Mit einem feinen Rot auf den Wangen kam diese bereits nach kurzer Zeit wieder zurück „Der Herr Baron hat Ihren Besuch abgelehnt, Herr Doktor!"
(Fortsetzung folgt)


