h
47
'Wie Uen t
ung ittet
Un irz)
iiten, nötig iurch Jens- ?63D sa
ctag, vor«. Ubt ab: WM 6 Ämcnv". itn. 2 litt: lloW
.Boruisia"- :aokjurt.
lbends: Mngioles mfiiiflo indenbura'. I»r Ferflisif.
Feiertag ir: Stancil in danneSkirche Gottesdirnit rgelbübnei : 3uifltnmcn: mit Familie wim. Screin^ (SRitgL Sinn).
Feiertag: LicbigSbolic. , ab 16 Uhr:
dttheater Stad-25.^ SÄ [91;. bl) veoioWoii- @ebutt6tao
" I »»tu 8e»* voL.26.Dc?.- SSSÄ -M nto< ln lentomdbi«. J SK- ZL Sjs. tette ij •> turlrt
E«6«Ä«- 4sS» Hs jiwC« PA fielt v°"Msir
Montag. 24- Dezember 1928
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheifen)
Nr 502 Zweites Blatt
Verheißung.
SrSanken am ersten Weihnachtstage.
Von Dr. W. Sl. Krannhals.
Schleuß mich, so ftreng du willst, in tausend Eisen ein, ich werde doch ganz Frei und ungefesselt sein.
(Aus des Angelus Silesius cheru- bimischen Wandersmann.)
Es ist ein feiner Duft in allen Zimmern: Die Sanne steht im Lichte des Tages, und wenn man ixe Augen schließt, heute morgen nach gestern dbenb, dann ist ein feines Flimmern darin und Sem ein Klingen von Liedern, die wir als Kinder fangen, und es sind aufjauchzende Kinder- itunmen und leuchtende Augen, die schier das reine Flimmern der Kerzen überstrahlen. Nun ist c$ still, der Tag ist da und ist frei von Arbeit, und wir haben ein wenig Zeit, nahe beim Daum oll sitzen und in ihn hineinzusehen mit sinnenden 1 (Gedanken.
Wie haben wir es uns doch anders gedacht, das vorige Weihnachten schon und nun dieses, dieses unser deutsches Heimat-, Kinder- und Familienfest! Cs tut fast körperlich weh, wenn man sich so überlegt, daß wir diese grüne Tanne eigentlich an ein großes Grab sehen! Dicht nur an ein Grab, an dem Dater und Mutter knien und den suchen, der nicht mehr dabei ist, nicht nur an ein Grab all unserer stolzen Hoffnungen, nicht nur an ein Grab unseres Glaubens cm den Frieden in seiner süßen Eintracht, sondern faft als an ein Grab unserer selbst!
Wer es sich nicht abgewöhnt hat, itn Volks- ganzen zu denken, sich selbst nur als ein Teil einer großen Gemeinschaft au fühlen, ... und wer kann dos, ob er es vielleicht gleich möchte,... wer sich das aber nicht abgewöhnt hat, der steht an solch einem Grabe! Denn was i st Deutschland? Was ist unser Volk? Wo ist Deutschland? — Wo ist das deutsche Volk? Manner sehen wir und Frauen, Jünglinge und Greise, es ist eine wirbünde Masse, die hierhin sprüht und dahin, und nur das äußere Band der Feindschaft der Welt preßt sie zusammen. Dacht ist über diesem Grabe! Was ist Deutschland? Ein geographischer Begriff! Was bist du? Was bist du, daß du dich, ohne zu erröten, Deutscher nennen kannst?
Aber die Tanne steht am Grabe! Was ist das? ?<hrc reinen Zweige sind so grün, als wenn nicht Winter toärc; und die kleinen Lichtflämmchen, die gestern noch hell flackerten, redeten eine gar wundersame Sprache. Glanz schufen sie und Licht, und brachten es, vielleicht nur auf Minuten, aber sie brachten es doch fertig, daß alles, was uns an das Geschehen der Tage fesselte, von uns abfiel, wie Ketten durch ein Zauberwort: Sie \ brachten es doch fertig, daß unsere Herzen warm und schnell schlugen und unsere Augen ineinander - leuchteten. Sie aber brannten und verzehrten sich!
„Schleuß mich, so streng du willst, in tausend .Ketten ein, ich werde doch ganz frei und unge» 1 leffelt sein!"
Was ist vor dem ewigen Licht, was ist vor dem grünenden Baum alle Angst unserer Herzen? Was sind alle Fesseln der Welt, was ist alle Macht der Feinde, wenn ich nur frei sein will und ungesesselt? Dur bis zur Tür des Herzens, nur bis zu dem Raum, den mein Ich leuchtend zu erhellen vermag, kann Feindesmacht dringen: sie kann mich nicht mit solcher Macht umgeben, daß ich sie nicht zu erhellen vermöchte! Eines srcilich muß fein! Wenn das Lichtlein Brennen soll, muß sich die Kerze verzehren!!
Sei du solche Kerze im grünenden Baum! Daß du dieses Weihnachten feierst, daß seine Lieder an dein Herz rühren, das bindet dich mit reinen - Lilberfäden, die vom Baume hingen, mit Tau- lei-den und aber Tausenden, die deines Geistes sind. Hnö nun, nun siehst du, w 0 das deutsche Volk ist! In diesen brennenden Kerzen, in diesen brennenden Herzen, da ist das deutsche Volk! ilnö es ist, wo es in Andacht kniet vor der zerbrochenen Krippe im kleinen Hirtenhause: der
Wind pfeift durch die Sparren, Schnee lastet aus dem Dache, Ochs und Esel schauen zu, und die Hirten, sie sprechen, wie deine Hirten sprechen, die Sprache deines Volkes: Winternacht ist, deutsche Winter nacht, — und das Mar- lein geschah doch fern im Süden, wo nicht Schnee ist noch Eis und wo keine Tannen stehen.
Das ist das Wunder des deutschen Geistes! Erst wenn du dieses Wunder nicht mehr verstehen willst, — nein, verstehen Cann man es nicht —. wenn du es nicht mehr fühlen wirst, dann wirst du auch in dem Grabe sein! 3 n dem Grabe, nicht an dem Grabe, an dem du die Hoffnung aufpflanzt, die Hoffnung, die dir nicht aus der Welt kommt, nicht aus Deutschland, wie du es jetzt siehst, nicht aus dem Volke, das seinen inneren Halt verlor. Es ist Cwigkeitshoffnung l Das leuchtende Rad der Sonne kr nst im Walde unserer Vater. Baldur, der Frühling, kann nur schlafen, niemals sterben. Wintersonnenwende ward Weihnacht! Durch die Jahrtausende hindurch ist das so geblieben und ist heute da, heute, da wir so tief stehen, wie wir kaum standen in den Jahrtausenden.
Wenn vor bem Kriege die Fremdlinge zu uns kamen als Freunde oder als Neugierige, eines war und blieb, was sie nicht fassen konnten und was sie uns nicht nachmachen können, das war unser Weihnachten. Tausendfach haben sie es versucht, haben die Tanne genommen und die Lichtlein, haben ihren Kindern Geschenke gegeben und haben Lieder dazu gesungen, und es war doch nicht deutsche Weihnachten. Denn die Lichter brannten nicht in den Herzen und leuchteten nicht in den Augen, sie konnten es nicht und können es nie und nimmer! Hnö wenn sie es mit Gewalt versuchten, und wenn sie uns alles nähmen, wie sie es unseren deutschen Brüdern in Tirol taten, denen sie den Weihnachtsbaum verboten, — was hätten sie? Dieses nicht!
Wenn ich aber etwas habe, was mir niemand nehmen farm, wenn ich weiß, daß Tausende in der Welt find, die mit mir solches haben, weih ich da nicht auch, wo ich anfangen muh, wieder das Haus z u bauen, das uns Brüder gemeinsam schirmt?!
Wir sprachen früher viel vom deutschen Geist und meinten die Kraft, die nach außen strahlt, die in den Dingen der Welt wirksam ist. Wir vergaßen aber, daß es gerade der Oejjt ist, der sich selbst verliert, wenn er all seine Kraft nach außen trägt und sein Heim leer st e h e n läßt und öde. Waren wir vor dem Kriege nicht auf dem besten Wege, Weihnachten ebenso zu feiern wie die, die uns nicht verstanden? Waren nicht Tausende unter uns, die nur den äußeren Glanz nahmen: War der äußere Schein nicht auch bei vielen Deutschen mehr geworden als das innere Licht? Wer all fein Hoffen, Glauben und Wollen nur auf das Außen stellt, muß damit rechnen, daß dieses Außen stärker ist als er, und er zusammensinkt unter der Last seines Leides.
Wer aber Weihnachten im Herzen feiern kann, der wird ein Baustein sein an unseren: Volke. Von ihm werden immer neue Lichtquellen' ausgehen, und an ihm werden sich immer neue Kerzen entzünden. Das Sonnenrad hat sich für uns nach unten gedreht. Nicht ohne unsere Schuld stehen wir tief in der Nacht. Aber wir wissen: Wie jahraus, jahrein sich das Rad dreht, so werden auch toir wieder aufsteigen zum Tage, wenn die Flamme unseres Herzens sich selbst verzehrend zum ewigen Lichte strebt. Das ist der immergrüne Baum, den wir heute Pflanzen, an den wir Lichtlein stecken, dessen Silber- I fädcn in unser deutsches Land wehen und sich von den schwingenden Glockentönen forttragen lassen, überall hin, wo Deutsche wohnen, suchend, rufend, mahnend und verheißend!
Begrenzen oder gestalten?
Von Professor D. iheol. A. H. Stolzenburg.
Das Thema „S e x u a le t h 0 s" ist im Augenblick Gegenstand des allgemeinen 3n eresses. Den äußeren Anlaß bildet einerseits das vielgelesene Buch Lindseys über die Kameradsch af ts- ehe mit seinen einzelnen praktischen Reform- Vorschlägen bezüglich Eingehen und Führung der Ehe, andererseits das gegenwärtige Bestreben unserer Gesetzgebung, das Scheidungsrecht neu zu gestalten. Dahinter aber steht die furchtbare Not unserer Tage, wie sie in Zerrüttung der bestehenden Ehen, in der häufigen Unmöglichkeit eine Ehe zu schließen, der daraus sich ergebenden Wendung zu Surrogaten verschiedener Art und der aus alledem abfolgenden Unsicherheit und Zerrissenheit unserer Kultur auf diesem (Gebiete zum Ausdruck kommt. Wer diese Not nicht selbst aus verhetztem Geschrei herauszuhören weih, sollte lieber von vornherein nicht mitreden.
Es bedarf nicht erst des Beweises, daß einer so ungeheuren Not gegenüber mit einzelnen Reformvorschlägen wenig oder nichts getan ist. Man muß tiefer graben, sowohl, wenn man die Wurzeln der Gegenwartssituation aufdecken als auch, wenn man auf Abhilfe sinnen will. Den tiefsten Grund bilden Weltanschauungsprobleme. Gründlicherem Eingehen auf die Sache aber zeigt sich nun die wissenschaftlich interessante und praktisch eminent wichtige Tatsache, daß es nicht einfach um den Gegensatz von Materialismus und Christentum dabei geht, wie oberflächliche Behandlung so oft glaubt feststellen zu können. Wohl handelt es sich um einen Gegensatz, aber um einen solchen höherer Art, unterhalb dessen dann zwei sonst so verschiedenartige Größen wie Materialismus und kirchliches Christentum in Gefahr sind, in dieselbe Verdammnis zu geraten. Es geht im Grunde über dem allen heute um den großen Gegensatz von mechanischem und organischem Denken, von Begrenzen, resp. nicht mehr Begrenzen oder Gestalten.
Gewiß ist zunächst einmal die materialistische Weltanschauung schuld an der Zersetzung des
Sexualethos. Wenn man auf stoischer Basis mit dem Begriffe des Daturrechts den einzelnen so verabsolutiert und isoliert, tote es jene große Linie der Geistesgeschichte von der Renaissance über die Aufklärung des 18. Jahrhunderts bis zum Materialismus der Gegenwart getan hat, dann ist krasser Libertinismus gerade auf dem Gebiete des Sexuellen die unvermeidliche letzte Konsequenz. Ein mechanistisches Denken mit kritisch negattoem Vorzeichen, wie das dieser Linie, nruß der Auflösung sämtlicher Bindungen und der völligen Emanzipation des einzelnen zuführen.
3st es nun aber — um die Frage kommt man angesichts des Kampfes der Meinungen von heute nicht mehr herum —, auf die Gesamt st ruk- t u r gesehen, etwas anderes, wenn man diesen Mechanismus mit einem positiven Vorzeichen ausstattet? Ist es nicht derselbe Mechamsmus, wenn man, statt auf Aulosen, an einzelne, gewiß an sich wertvolle und einmal aus innerer Notwendigkeit hervorgegangene Gebote, Institutionen, Satzungen und Formen sich anklammert und von ihrer Erhaltung die Abhilfe erwartet? Muh alleinige Normierung, zumal wenn sie sich mit griechischem Duali;mus verbindet, nicht zu bloßer Limitierung herabsinken? Und doch ist ein „Dein" und „Diemals" keine Lösung! Ein alleiniges solches wird gerade dem Materialismus gegenüber, bei dem der Hebel an einem ganz andern Punkt, im Innersten der Gesinnung selbst, in Uebertoin- dung seiner Gebe und Rezeptivität durch ein Positives, Größeres, Produktives angeseht werden muß, völlig wirkungslos bleiben und in der Tat statt einer Ueberwindung nur einer scharfen Trennung zu führen.
Um was es den zukunftsfrohen Elementen der jungen Generation — ich denke vor allem an die Jugendbewegung und alles was damit zusammenhängt — heute geht, ist aus einer absolut anderen inneren Haltung heraus in Theorie und Praxis, in Degation und Position eine völlig neue Struktur. Wir empfinden wieder or
ganisch. Wir zerreißen die alte verhängnisvolle Verbindung des Gottesgedankens mit den statischen Elementen der aristotelischen Philosophie und heben die damit gegebene Ablösung eines statutarischen Gesetzes vom Wesen des Göttlichen auf zugunsten der Dynamik in der Gottesvorstellung der Propheten, des Denen Testaments« bei Luther und in der Romantik. Mag die letztere, um gleich einem Einwand zu begegnen, auf den Inhalt gesehen, die nötige Bestimmtheit des Gottesgedankens durch das Moment des Persönlichen vermissen lassen und infolgedessen vielfach in Daturhaftigkeit abglciteir Das ist ihre spezielle Grenze. Eine Notwendigkeit war das nicht. Dem Recht, der Ueberlegenhüt des Orga- nismusgedankens an sich tut das keinen Abbruch. Aus Organisnrusempsinden aber folgt Gcstal- tnngswi11e. Folgt die Gewißh.it, daß, mag sich das Verständnis der aus der Gottverbunden- heit abfolgcnben Qlottoenbigtciten auch immer wieder in konkreten Formen und Institutionen niederschlagen, diese doch immer nur mehr oder weniger zeitbedingter Ausdruck und darum im Prinzip wandelbar sein können. Dabei ist die Möglichkeit des Libertinismus von vornherein ausgeschlossen. Das Gesetz des Organismus ist Zuch t. Diese im Sinne einer inneren Bindung, die Atoar individueller Gestaltung Raum läßt, ja geradezu solche verlangt, aber den einzelnen doch niemals zugunsten egoistischer Selbstherrlichkeit aus dem Gesamtzusammenhang entläßt. Das gilt insbesondere auch gegenüber einem Stück des Organismus und seiner Verwendung, das dem einzelnen so unmittelbar anvertraut ist, wie der eigene Körper. Von da aus ist unsere Arbeit gerade auf dem Gebiete, wo die natürlichen Kräfte des Lebens so unmittelbar pulsieren, auf dem des Sexuellen, nie abgeschlossen. Wissenschaftlich wie praktisch stehen wir in der Beziehung allerdings nach Jahrhunderten alleiniger Normierung, trotz der Anregungen eines Schleiermacher, erst in den allerersten Anfängen. Darum gilt es, gerade hier die Augen offenzuhalten und in starkem Bewußtsein von Pflicht und Verantwortung aus festem Prinzip und sich wandelnden Verhältnissen immer wieder neue Gestaltung des Lebens wachsen zu lassen.
Für diesen neuen Gestaltungswillen scheidet aber naturgemäß alles müde Resignieren und alleiniges Verurteilen von vornherein aus. Aus Gestaltungswillen erwächst Schaffenskraft und Freudigkeit, die, mögen die Verhältnisse, wie heute, noch so verfahren erscheinen, unabtrennbar ist von dem Glauben an das letztlich bestehriide Hebergewicht der Idee, des Geistes, des weltenschasfcnden und -erhaltenden Gottes. Um das Recht dieser andersartigen Grundhaltung und ihrer inneren Heberlegenbelt gegenüber materialistischer Flachheit, aber auch gegenüber so manchem ernsten und doch fruchtlosen Bemühen sollte es in der Auseinandersetzung heute zunächst immer einmal gehen. Alles einzelne, allo z. B. auch der Punkt, auf den die Diskussion sich heute festbeißt, die Frage der Kameradschaftsehe, ist demgegenüber sekundärer Natur und kann, wenn die eigentliche innere Not, das Festgelegtsein auf einen so oder so mechanischen Standpunkt, behoben ist, verhältnismäßig leidenschaftslos unter dem Gesichtspunkte, ob die betreffende Form sinn- und zeitgemäßer Ausdruck ewigkeitsgebundenen Gestaltungswillens ist oder nicht, durchdiskutiert werden. Was man in Wirklichkeit mit der Ablehnung z. B. der Kameradschaftsehe heute leider meistens zurückweist, ist dies prinzipielle Recht zur Fortbildung der Form überhaupt, Hnd doch dürfte nach dem oben Gesagten nur die Betonung eines solchen, ja die grundsätzliche Anerkennung einer Notwendigkeit aus dem Gottesgedanken heraus, wirklich dem Wesen des Christentums und insbesondere dem evangelischen Prinzip gerecht werden. Wenn man so, seinem eigenen Wesen entsprechend, das Christentum mit einem nicht mehr mechanisch gefaßten, sondern organisch verankerten Entwickelungsgedanken verbindet, wird man ihm den so dringend wünschenswerten Einfluß auf die unter allen Umständen, so oder so, neu werdenden Formen zu sichern! vermögen.
Krippe im Teufeismoor.
Von Wilhelm Scharrelmann.
Heber bem Moor steht ehi Nebel, so dicht wie etn Brett. In leisem Sprühen fällt die Nässe herab, unb Feuchtigkeit und Winterstille ringsum send so groß, daß man auch aus der Entfernung noch das leise Aufklalschen der Tropfen hört, wenn sie von den Zweigen der Moorliefern herab auf die Erde fallen. Dabei ist es am Sage bi>r Weihnachten. Dein, es will wohl kein Winter werden in diesem Jahre, so unnatürlich warm wie die Luft ist . . .
In der kleinen Kate am Eingang des Dorfes, in der Schlafkoje an der Diele, die eigentlich für eine Wagd gedacht ist, liegt 'Annkathrin, die junge Frau des Moorbauern unter rotgewürsel- tem Federbett. Sie hat vor ein paar Stunden hr erstes Kind geboren, es jetzt zum ersten Wale .tu die Brust gelegt und liegt da, erschöpft noch nnd ein wenig benommen, aber gelassen und 'Hill, während der blaue Qualm des offenen Zeuers vom niedrigen Herde aus an ihr vorbei and über die abenddunkle Diele zieht.
Gewiß, es ist auch noch ein Bett drüben in Jwr kleinen Dönze da. Aber darin schläft Oma, die Mutter ihres Mannes, und Oma hat trotz chrer Jahre immer noch das Regier im Hause. Gerade schlurft sie, das verknitterte, braune Gericht unter schwarzem Kopftuch, in ihren Holz- chuhen an der Bettstatt der jungen Frau vorder, setzt sich und beginnt die Kuh zu melken, langsam und bedächtig, wie sie alles angreift, was cs zu tun gibt. Mit leisem Sirren hört man i>m Milchstrahl im hölzernen Eimer, so still ist es. Nur die Hühner auf ihrer Stange sind noch nicht ganz zur Ruhe.
Da fällt von fern der dumpfe Schlag einer Pauke in die Stille. Klarinette und Dudelsack erheben sich.
Für einen Augenblick hält bte Alte mit Melken inne Wat's bat? Dann weiß sie: Wandernde Marktbezieher, wie sie zuweilen durch die -Dörfer kommen. Nun Hingt auch ein Triangel in das Genäse! des Dudelsacks. Näher und näher i kommen sie. Kinderstimmen mischen sich in den ’ Lärm ... Da sind sie schon vor dem Hause. Ohne einen Blick zur Tür hinauszuwerfen, steht
Oma vom Melken auf und trägt den Eimer zum Herd, um die Milch durchzuseihen
Aber da bricht die Musik mi. einem Ruck ab. Jawohl, der Gendarm ist es! Er verlangt Ausweis und Genehmigung . . . Gut, die Papiere sind fn Ordnung. Aber heute ist heiliger Abend, zum Kuckuck, und sie sollen aufhören für heute.
Ja, das wollen sie wohl. Sie sind selber müde genug. Aber wohin nun? Zum nächsten Krug ist es noch eine gehörige Ecke und Menschen und Tiere sind müde.
Da tritt einer von ihnen in die Kate hinein, fragt, ob sie nicht hier bleiben können über Nacht. Das Kamel kann auf der Diele liegen, und der Tanzbär drüben im leeren Schweinetoben. Dein, es ist keine Gefahr dabei. Er hat einen Ring in der Rase unb ist zahm tote ein Hunb, jawohl, und den Asien behalten sie sowieso bei sich. Er hat auch eine Kette am Fuß. Cs braucht durchaus nicht umsonst zu sein, sie wollen gern bezahlen. Wenn sie nur etwas Heu und Stroh für das Kamel haben können und vielleicht einen halben Laib Schwarzbrot für den Bären. Da! Wenn Großmutter will--zehn Mark wollen
sie geben!
Oma macht mißtrauische Augen, aber das Geld lockt sie nicht wenig. Wenn nur ihr Hinnerk wieder zurück wäre. Drei fremde Mannsleute im Hause und das Getter dazu, das ist keine Kleinigkeit.
Aber da kommt Hinnerk, gerade zur rechten Zeit. Er ist vorgestern mit dem Torfbovt zur Stadt gefahren unb legt nun soeben wieder in dem schma en Graben am Hause an.
Was los ist? Ja, er soll Einquartierung bekommen: Drei Mann! Hnb Kamel und Tanzbär dazu.
Hinnerk ist genau so mißtrauisch wie die Akte. Mer das ausgelobte Geld, das sogar im voraus bezahlt werden soll, be iegt allen Widerstand.
Da wird auch schon der Riegel der hohen Tür auf gestoßen, und das Kamel braucht nur ein wenig den Kopf zu senken, so ist es schon unter Dach, unb den Bären zieht man an feinem Dosen- ring in den leeren Schtoeinekoben. Das Schwein, das man über Spmmer darin grohzog, hängt ja schon seit Wochen unter der Dtele im Rauch.
An die junge Frau denkt niemand. Sie liegt da in ihrem Bett, blaß und müde, aber halb auf*
gerichtet hat sie sich doch. Die fremden Menschen unb das Kamel dort! Aufgeregt brüllt die Kuh yon ihrem Stand herüber.
Erst als Tiere und Menschen versorgt sind, und auf einer Strohschütte auf der Diele liegen, winkt sie verstohlen ihrem Mann.
Ja, richtig, das Kleine ist ja gekommen! Verlegen geht Hinnerk auf seinen schweren Holzschuhen zu ihr, hebt die Laterne hoch und betrachtet das Kind.
Annkathrin lächelt. Ihre Augen stehen hell im Schein des Lichts...
Cin paar Stunden später kommt die Hebamme noch einmal, um nach der Mutter zu sehen, stellt draußen ihr Rad ab.
Ja, was für eine Unvernunft! Ob Hinnerk denn ganz von Gott verlassen ist, daß er die fremden Leute ins Haus genommen hat!
Aber Hinnerk weih sich zu entschuldigen. Oma! sagt er kurz.
Da, denn soll Annkathrin nur aufpassen, daß sie nicht erschrickt, wenn sie in der Dacht aufwacht und mit einem Male das Kamel vor ihrem Bett sieht. Hinnerk muh bei ihr wachen, unbedingt!
Hinnerk nickt nur stumm. 3a, das will er wohl machen, hängt die Laterne unter die rauchgeschwärzten Deckenbalken, rückt einen Binsenstuhl neben das Bett und beginnt Besen zu binden, damit er nicht einschläft.
Als die Hebamme weg ist, wickeln sich auch die Fremden in ihre Mäntel, decken ihre braunen Gesichter mit den Hüten zu, und es wird still im Hause. Dur zuweilen, wenn das wieder- fäuenbe Kamel den Kopf hebt, kttngeln die Glöckchen an feinem Halfter in die webende Stille, schinunert das Zaumzeug des Tieres rot unb golden im Schein der Laterne auf.
Hm Mitternacht beginnt das Kind zu schreien, leise hebt Annkathrin es aus den Kissen, aber Hinnerk nimmt es ihr ab, unb während er hilflos unb ungeschickt mit ihn: dasitzt, beginnt er zuletzt mit dem Stuhl zu wippen, zu stupp- ' stoppen, wie die Alten es nennen, und summt leise durch die Zähne:
Deester, Käuh und Schop, n’ Danzbär und 'n Aap, Kamel feem ut bat Morgenland bit int Dübelsmoor gerannt — stop, Kindchen slop!
Draußen ober steht die Dacht, und die braune Erde des Moores atmet schweigend im Licht dey Sterne wie eine schlafende Mutter, ruhig und voll Zuversicht.
Weihnachtszeit -er Königin Luise.
Welche Bedeutung die Tage um das Christfest für die schöne vielverehrte und vielgeprüfte Königin gehabt haben, erzählt in einem Aussatz „D t e Weihnacht und bte Weltg eich ichte" Fritz Martin Rintclcn im neuen „Ä a h e i m" (65. Jahrgang Nr. 12): „Napoleons Stern fuhr flammend vorüber. Zweimal brachten in jener Zeit wechselnder Geschicke die Tage um Weihnachten den guten Geist Preußens, die Königin Luise, in die Hauptstadt ihres Landes. Am 22. Dezember 1793 zog die Prinzessin Luise von Mecklenburg-Strelitz, die Braut des Kronprinzen von Preußen, zum Potsdamer Tor in Berlin etn und fuhr durch das Spalier von 26 Kompagnien der Bürgerbrigade in der Wilhelmstraße und der Straße Unter den Linden zum königlichen Schloß. Zwei Tage später, am heiligen Abend, stand das junge Paar im Weißen Saale vor dem Altar, und der 5)ofprebiger Sack segnete die Ehe ein, die beiden und mit ihnen dem ganzen Lande reichen Segen bringen sollte. Drei Weihnachten aber tarnen, die das Königspaar auf der Flucht verbringen mußte. Durch den Sieg in der Dreikaiserschlacht bei Austerlitz und den faulen Frieden, den Oesterreich zu Preßburg am zweiten Weihnachtstag 1805 mit Bonaparte schließen mußte, hatte Napoleon den Gipfel seiner Macht erklommen. Am 23. Dezember 1809 konnte Berlin König und Königin nach langer, schmerzlicher Abwesenheit neu willkommen heißen. Jedoch schon übers Jahr, am gleichen Tage, zog ein trauriger Zug in dunkler Frühstunde am Schloß vorüber: er führte die bisher im Dom beigesetzte Leiche der geliebten Königin nach ihrer lebten Ruhestätte im Charlottenburger Schloßpark. Siebenundsiebzig Jahre später, wieder in einem Christmonat, am 4. Adventfonntaa 1870, traten die von Berlin nach Versailles entsandten Abgeordneten des norddeutschen Reichstags vor den Sohn der Königin Luise mit der Bitte, durch Annahme der deutschen Kaiserkrone das Eiegeswerk und die Einigung Deutschlands zu vollenden."


