Nr. 121 Drittes Stan
Sietzener Anzeiger (Senerat-Anzeiger für (Vderhesseu
Donnerstag, 2$. ziiai 1928
Zur Schristreform in Hessen.
Von Lehrer 3- Berkes, Offenbach a. Main.
Der ©ebanlc, bah eine Tie u g e ft a lt u n g des Schreibunterrichts erforderlich fet. hol sich in weiten Schichten ui*rce Hessenlundes durchgeleyl und terlangt in Wirklichkeit Der- wandelt zu werden. Die Rachlriegszeit brachte unserer deutschen Volksschule so viel pädagogische Neuerungen, daß bei den Lehrern und Lehrerinnen eine durchaus begreifliche Reformenmü- digke't eingetreten ist Man ruft nach innerer Sammlung und Stetigkeit für die Schularbeit, trotzdem gesellt sich zu dieser ungestümen Flut von Tleuetungen in Hessen nun noch die Schristreform. Es ylefee aber wirklich .7k)- gel-Strauhpolitis' tr.iben, wenn man glauben wollte, durch .Kopt -n den Sand stecken . durch Schweigen die LÄristreform überhaupt abzuwenden. 71 ein. nachdem sie in ganz Preußen gekommen und vom Hess. Landesamt s. d. V. durch Verfügung d. 21. Mai 1926 in die Töege geBntet worden ist. kommt sie bestimmt, und wir Lehrpertonen des Hessenlandes müssen neben Kaufleuten. Tflabemilern und Künstlern als solche, die es in erster Linie angeht, durch unsere Mitarbeit in TDort und Schrift die Entscheidung mitgestatten helfen. Tlur aus diesem Grunde nehme ich im folgenden Stellung zur Frage der Schriftreform.
Unsere bisherige Schrift geht im wesentlichen auf englische Formen zurück, die im Jahre 1809 durch den Krefelder Schreibmeister Ioh Hen- rigS in Deutschland einaesührt wurden. Rahezu 120 Jahre lang Hal sich diese Schrift von Generation zu Generation vererbt und mit der Spitzseder zusammen typische Derfallser- scheinungen und eine sortschrcii-ndc Entartung ta- Formgesühls Hera ui beschworen. sLö erübrigt sich, die Tlotwendiakeit der Schristreform näher auszuführen.) Pädagogen und Künstler find deshalb seit Jahren an der Arbeit, untere Schrift zu einer Schrift der Einfachheit, Klarheit und Schönheit zu machen.
Unter den Männern. die sich mit Hingabe dieser groben Sache widmeten, ist in erster Linie der Mannte Schriftlünstler Pros. Ludwig S ü t t e r l i n zu nennen, der Lehrer der Schrift- furfe am Berliner Kunstgctverbemuseum. Dein Harne drängt sich jedem auf, der sich heute mit der Reform des Schreibunterricht« ernstlich beschäftigt. Wissend, dah die reichen Erfahrungen und die Einsicht des Künstler- einer unerlässlichen Ergänzung durch praktische Schulmänner bedürfen, erarbeitete er mit zaUreichen ■Berliner Vorfchul- und Volksschullehrern zunächst in drei Kurten von je neun Monaten Dauer die heute soviel genannte Sütter- linschrift. Die Kurse hatten die Form von Arbeitsgemeinschaften. in denen jede Unterrichts- frage und jede Vuchstabenform eingehend besprochen wurde. Infolgedessen sind die aus dieser Arbeit hervorgegangcnen Schriftsvrmen nicht ein Erzeugnis schulfremden KunstaewerbeS, sondern das Ergebnis gemeinsamen Wirkens berufener Fachleute! Richt Augenblicksvorteile sollten erzielt werden nein Künstler und Mitarbeiter liehen sich vielmehr von dem Gedanken leiten, eine wc.t chauende Deform vorzunehmen durch eine Schrift. die 1. historisch verankert ist durch Lage. Form und Feder. 2. von allem unnötigen Beiwerc befreit ist und stets Rücksicht nimmt aut Schreibleichtigkeii. Schreibflüssigkeit. Deutlichkeit und Dohlgefälligkeit und die 3. nur eine Ausgangsschrist ’ein will, auf der sich später eine schöne, flüssige und deutliche Eharalter- schrift entwickeln kann.
L-ehen wir unS die S-Schrift genau an. so stellen wir zunächst fest, dast I. die Buchstaben in ihrer Grundform nicht geändert find. Die geschichtlich gewordenen Formen muhten ja erhalten bleiben 2. Die Schrift ist ausgerichtet. Sütterlin begründet die Steillage wie folgt: a) Durch die Steillage ergibt 'ich eine gröbere Weite. Offenheit und Klarheit der Formen, b) Die Steilschrift ist ein Bild der Ruhe, eine
ruhende Schriftreihe läßt sich leichter erfassen, als eine fich bewegende, schräge Schriftreihe, c) Unser Auge bevorzugt unbewubt aradlinige Betonungen Diese Behauptungen werden durch ein Aebencinanderlegen der beiden Ausgaben A und B der HeN EomeniuSlibel (23erlag: Emil Roch. Giehen) glänzend bewiesen und bestätigt! d) Mit der Aufrichtung der Schritt berücksichtigt Sütterlin die geschichtliche Gebundenheit der Schrift. Die hohe Schönbeit alter Schriften ist u. a. in ihrer Slecklage begründet, e, Die schräge Schrisllage ist bisher lt ärztlicher 21tteste mittelbar eine Ursache gewesen. Tlück- grafoerfrümmungen bei Kindern zu begünstigen, f) Ein Schriftsachverständiger schreibt u. a.: .In der Tat können wir dem Eittartungsprozeß u. a. dadurch begegnen, dab wir der Rormalschrist wieder die frühere Ärci»form zugrunde legen
Muskelarbeit verlangt und deshalb für den Anfangsunterricht zu schwer ist. Erst vom 3. oder 4. Schuljahr ab verwendet die S-Schrift in der Hauptsache die Breitkant feder, die alle Reformen erst dem reiferen Schüler in die Hand geben!
Bei aller Rücksichtnahme auf leichte Erlernbarkeit lag es Sütterlin jedoch absolut fern, wahllos alle- aus den Formen der Ausg^ngS- 'chr.ft zu entfernen, was bet Hand unbequem werden könnte. Er unterschied vielmehr stets zwischen wertlosen Schrciberkünsten und Hebungen mit wirklichem DildungSwert!
Trotz der Erkenntnis, dah daS Schnclltchreiben wenigsten- im Berufsleben durch Schreibmafchine und Kurzschrift an Bedeutung verloren bat. legt Sütterlin noch Wert auf &trcibflüffigtcit. woyl deshalb, weil die weitaus größte Fahl der Men
VtOIWVW 41/K
clt/r evrt -^rcr^uez) XjqxlKvc- ’tyÄSL -u/rudL Sege/rtz.
Deutsche und lateinische Schriftprobe aus dem „Neuen Leitfaden" Sütterlins.
und die Grundstriche au- der schrägen in die ursprüngliche Steillage aufrichten." — 3. Die Mahverhältnisse erfuhren nut Recht eine Verschiebung zugunsten der Mittellänge. Während in der bisherigen Schrift die Ober und Unterlängen unnötig grob waren, sind bei Sütterlin Ober-, Mittel- und Unterlängen von gleicher Gröhe! Die- DerhältniS 1:1:1, das fich leicht einprägt, wurde der deutschen, wie der lateinischen Buchstabenreihe zugrunde gelegt. 4. Aus Schreibleichtigkeit nimmt die S-Schrift stets Rücksicht, und gerade dies will der praktische Schulmann beachtet wissen. Soeben wurde erwähnt. dah das MahverhültniS 1:1:1 sich leicht einprägt Die Buchstaben wurden ferner von manchem sie umwuchernden und die klare Grundform verwischenden Liniengeschlinge gereinigt. Der überkünstliche Flammenstrrch bei E, L, D. K, F, H, usw. wurde durch die schlichte gerade Linie ersetzt. und der Keckstricy und alle, geflissentlichen Tterftärtungen lSchwellzug. Spihseder) ausgemerzt. In neun Fällen wurden im Hinblick auf leichte Erlernbarkeit die Formen der kleinen lateinischen Buchstaben zugleich für die groben benutzt (n, m, u. v. tt>, f, y. c. p), ebenso stimmen mehrere Lateinbuchstaben mit den deutschen Formen überein (3,3,0, 3). Als erste Schreibfeder gibt Sütterlin aus demselben Grunde dem kleinen Anfänger im 2. Schuljahr die leicht zu handhabende Schnurzugfeder (S 10, S 11, S 12) in die unausgebildete Hand und nicht die bisher gebräuchliche Spitzfeder, die eine fein ab gestufte
schen. besonders im Privatleben, noch darauf angewiesen ist, ihre Schreibarbeiten mit der in der Schule gelernten Schrift möglichst rasch zu erledigen. 21uch von unserer Jugend in DolkS- und höheren Schulen wirb ja täglich verlangt, so schnell und so schön wie möglich zu schreiben. (Diktat, Riederschriften im Sachunterricht.) Und solange noch nicht in jeder Familie für wenig Geld eine Schreibmaschine zur Verfügung steht, muh bei einer Schristreform die Schreibflüssigkeit beachtet werden. Deshalb die Beseitigung aller Flammenstriche, Keilstriche und geflissentlichen Verstärkungen. aller unnötigen Züge und ver- meintkichen Verzierungen (Dor- und Rachschwünge. Spiralen und Schnörkel), die ein großes Hindernis für bai fliehende Schreiben bildeten. Deshalb auch die Derbindungsschleifen bei h, p, P usw. Die Schleifen bei 21. f, St. T werden ohne Absetzen auSgesührt, ebenso werden die auf .b“ folgenden Buchstaben, z. D. de, di, da, do. dS. df usw. stets unmittelbar an die Schleife des .d" angehängt. Ueberall ist die TJcrbinöung der Buchstaben ohne 2lufheben der Feder angeftrebt! Dom dritten Schuljahr ab sieht der Sütterlin-Schreib- lehrgang auch leichte Beschleunigungsübungen vor mit der Ueberschrift .So schnell und so schon wie möglich I" Doch warnt er zugleich vor Mebertrei- bung, weil Schönheit und Deutlichkeit durch solche Massnahmen nicht benachteiligt werden sollen.
Schließlich hebt Sütterlin im 7. und 8. Schuljahr die Bindung an die bisher geübten AuS- gangSformen auf. um dem Lehrer die Pflege
aller nach Ausdruck strebenden wirklichen Eigenwerte und Persönlichkeitswerte zu ermöglichen, llebcrhaupt läßt er auf allen Stu en und in allen fftneltracTcn den Lehrpersonen dasjenige Mast von Freiheit, tai für einen lebensvollen Schreib- unterrich: erforderlich ist.
Zur Hebung des Kunstsinnes, zur Heranblldung geschmackvoller Schreiber, die ein Schrijtseld schön gestalten können, empfiehlt er im letzten Schul- jabr bescheidene Hebungen in ornamenla er Schritt und im schmückenden Schreiben mit einfachen Kopfleisten und zierlichem Randschmuck mit Schnurzug- und Bandzug'eder. ohne zu verkennen, dah die GcbrauchSfchrist die erste und wichtigste Sorge der Schriftübung und Dchriftpflege in der Volksschule verlangt
Dieses Arbeitsergebnis aus den von Sütterlin geleiteten Kursen wurde nochmals von einem amtlichen Sachverständigenausschuß. dem allster zwei Historikern und einem Künstler noch sechs Herren al« Vertreter der Volksschule. tar höheren Schule und der Lehrerbildung angehörten und deren gründliche Sachkenntnis niemand anzweifeln wird, geprüft und gutgebeifxm! WaS getan werden konnte, ist geschehen, um die S-Smrift allen Anserderungen. auch denen der Schulpraris gerecht zu machen. Das schlieht jedoch nicht aus, dass trotzdem einige nicht sympathische Buchstaben- fvrmen in der S-Schrift zu finden find. Dennoch bezeichnen preußische Sachverständige die S-Schrift als daS Veste, was wir zur Zeit haben Amrer- dem verdienen folgende Worte Sütterlins besondere Beachtung: _Ss soll eine Ausgangs- schrist sein, kein starres System für eine gebundene Nachahmung, fonbem nach der Grundschulzeit steht einer geschmackvollen Aenderung der nicht gefallenden Formen nichts im Wege.'
An Ostern 1917 gab Sütterlin den durch viele DersuchSklassen notwendig gewordenen ..Reuen Leitfaden für den Schreibunterricht" heraus. ES sind also erst zehn Jahre verflossen, nicht zwanzig, wie unlängst zu lesen war. WaS atzer betauten zehn Jahre für daS Bestehen einer Schrift. Hat doch unsere bisherige Schrift fich 120 Jahre lang von Generation zu Generation vererbt. 21m 20. Rovember desselben IahreS starb der Künstler. Seine vielen Mitarbeiter in Berlin und anderen Orten führten fein Werk tatkräftig weit r. An Ostern 1925 erschienen die methodischen Ergänzungen zu Sütterlins Öeitfatan unter dem Ramen „Im Geiste Sütterlins" von Rektor Otto Schmidt. Berlin. Heute ist die Sütterlinschrift in Preußen amtlich eingefüfirt und hat sich sehr gut bewährt. Auch in Hessen hat sie überaus viele Freunde. Die bekannte ^Beifügung des L. f. d. 2 vom 21. Wai 1926 erwähnt, „dast die Sütterlinschreibweise z. Z. immer mehr an Boden gewinnt, weit sie von einer ungezwungenen Hand- und Fetarhaltung ausgeht und psychologische, ästhetische und materialtechnische Forderungen und Fortschritte berücksichtigt". Die Bindung an die bisher vorgeschr «ebenen Rormalschriftformen wurde durch diese Qkrfügung aufgehoben und die Ginrichtung von Sütterlin-2)erfuchSklasfen in Stadt und Land empfohlen. Lieber daS örgebniS dieser praktischen Versuche ist an Ostern 1928 berichtet worden.
Die hessischen Erfahrungen lauten übereinstimmend sehr günstig und lassen sich wie folgt wietaroeben: 1. Die Schüler schreiben die Sütterlinschrift mit wachsender Begeisterung und mit wachsendem Erfolg. 2. Der allgemeine Stand und Erfolg des SehreibunterrichtS hat sich bedeutend schoben. Dre Schriften sind klarer, ausgeglichener und lesbarer geworden, besonder- die Schrift der sog. Schlechtschreiber hat fich ganz bald bedeutend gebessert. Die einzelne Schriftseite als Ganzes bietet ein wesentlich befriedigenderes Bild, als es die frühere Schreibweise ergab. 3. Das Ilmlernen geht sehr schnell. Auch Kinder, die durch Umzug usw. neu in die Klasse kommen, stellen sich ganz bald ohne Be- einsiussung durch den Lehrer auf die ©üttcrlin- schrist um. 4. Dom Lehrer braucht eine Umbildung der eigenen persönlichen Handschrtft nicht verlangt zu werden: eS genügt die Kenntnis der AuSgangSformen für die Zwecke taS UnterrichtS. 5. Die Sütterlinschrift erfüllt die vier Forderungen, die wir an eine brauchbare
Die Ifir mH Den fleDen Sfllöfleni
Roman von Edgar Wallace.
Copyright by Wilhelm Goldmann, Verlag, Leipzig.
15 Sortierung. Nachdruck verboten.
(Er hatte am Abend die schweren Vorhänge so forgfältifl vor die Fenster gezogen, dast kein Lichtstrahl nach auhen bringen konnte. Auch die Jalousie in der Küche harte er Herabgelaffen. Wer auctz von brausten feine Wohnung beobachten mochte, nichts würde ihm die Anwesenheit des Be- sttzers verraten.
Aks er feinen Ankleideraum auffchloß, um feine Hausjoppe herauszunehmen, erinnerte tr sich schaudernd daran, dah einst zwischen diesen engen Wänden Lew Pheeneys letzte Blutwärme verhaucht war. Was mochte Lew in den Gräbern der Selfords gesehen haben, welche Zoienlammer hatte er öffnen sollen in dieser unheimlichen Gruft, in der die Sünden, die Leidenschaften und Laster der Selfords ebenso zu Asche aewortan waren wie ihre ehrgeizigen träume, ihre hochfliegenden Pläne?
Er braute sich einen Kaffee und trug einen der sechs Sammelbände, die an diesem Nachmittag ein- getroffen waren, auf den Mitteltisch. Die London Gazette" ist nicht ganz so unterhaltend wie die neueste Revue, aber Dick fand diese Blätter, die von Schreckensnachrichten und Eensationsprozessen sttotzten, so ausschlustreich, dah es zwei Uhr schlug, als er fich endlich erhob, um in fein Schlafzimmer M gehen
Als er sich entkleidet hatte, drehte er das Licht aus, schlug die Vorhänge des Fensters beiseite, öffnete keife einen Flüacl und blickte hinaus. (Ein abnehmender Mond schwamm in einem wölken- kosen Himmel. Als er den Vorhang zurückfallen lieh, bewegte ihn ein sanfter Wind, so daß ein »ondstrahl den Weg durchs Fenster fand und steil auf die gegenüberliegende Wand fiel. Form und Gestatt mit jedem Wehen des Vorhangs oerän- tarnb Dick legte sich aufatmend in feinen Kisten zurecht und fiel baft» danach m traumlosen Schlummer.
Langsam wanderte der Mondstrahl über die Wände, bis er die wsihlackierte Tür traf. Da schreck^ Dick plötzlich aus dem tiefen Dunkel des Nichts zur völligen Wachheit auf. Das hatte ihn
geweckt? Der Schimmer des Mondes? Das Wehen des Vorhangs? Er wuhte es nicht. Aber ein tief innerer Instinkt warnte ihn, daß in der Finsternis der Nacht eine Gefahr auf ihn lauerte. Er lag auf der linken Seite der Tür gegenüber, deren Messing- griff er deutlich im Mondlicht aufschimmern sah, und dieser Griff — nein, es war keine Täuschung feines schlaftrunkenen Hirns, es war drohende Wirklichkeit — bewegte sich auf ihn zu. Ec öffnete feine Augen starr und weit, und wahrend er rote hypnotisiert auf die Tür starrte, die plötzlich fetn totes Stück Holz mehr war, sondern ein unheimliches Wesen mit selbsttätiger Willensfunktion, trat in seinen Blickkreis, schauerlich klar rm bleichen Mondlicht, eine menschliche Hand. Nur eine Hand, doch sie war von einer Form und Bildung, daß ihr Anblick ihm eisige Schauer über den Rücken jagte. Die langen kräftigen Finger schoben sich wie die Tentakeln eines Tintenfisches durch die Türritze un- aufhaltsam nach innen.
Da gab sich Dick einen gewaltigen Ruck und liefe sich aus dem Bett auf den Boden rollen In der gleichen Sekunde sprang eine grofec schwere Gestatt von riesigen Ausmasten auf das Bett und fließ einen gutturalen Schrei aus, der nichts vom Men- fchen und nichts vom Tiere hatte. In dem Moment, als er auf den Boden aufprallte, fchofe Dicks sinke Hand empor und griff nach dem Browning, der unter dem Kopfkisten lag. Dabei kam fein nackter Unterarm sekundenlang in Berührung mit einem angeschwollenen Handrücken, und ein würgendes Gefühl der Uebelfeit schüttelte ihn. Die Zähne wfammcnbeifeenb, kehrte er dem unjidjtbaren Feind sein Gesicht zu, griff nach rückwärts in die Falten des Vorhangs und rife ihn mit jähem Ruck herab. Der Mondschein überflutete im gleichen Moment das ganze Zimmer mit feinem bleichen Licht. Es war leer! Kem Mensch atmete darin außer ihm! Die Tür stand weit offen. Jenseits gähnte das Dunkel der totenftiflen Nacht. Dick tastete vorsichtig nach dem Schalter. Das Licht flammte auf. Nichts! Eine Zugluft wehte kühl, auch die Tür zur Küche war von unbekannter Hand wett aufgeriffen worden, und das Fenster In der Küche liefe dem Nachtroinde freien Zutritt. Dick eilte auf den Balkon und beugte sich über die Brüstung hinab. Da sah er seinen fing reifer, eine unförmige Gestalt, eilig eine Strickleiter herabklettern, die am Eifengelänoer befestigt war. Schon faßte seine Hand den Browning fester, da verschluckten die Schatten des Hofes den unheimlichen Eindringling.
Dick stand unbeweglich. Mtt den Blicken suchte er in den Winkeln des Hasses, in den Gängen zwischen den Garagen, doch alles lag ruhig und still. Nir- aendwo bewegte sich ein Schatten, zeigte sich eine herkulische Gestatt. Doch während er noch stand und schaute, ertönte von tar Straße her das Surren eines angekurbelten Motors. Es schwoll eine Sekunde an. verlor sich bann und verklang in der Ferne.
Dick verließ den Balkon und begab sich ins Arbeitszimmer. Sein erster Blick fchofe auf die Uhr. Berta Zeiger deckten sich auf der Vier. Im Osten überzog sich der Himmel mit einem fahlen Schein. Wer war der unbekannte Mordbube gewesen? Eine Ahnung von Lew Pheeneys Ende stieg in ihm auf. Eines schien ihm sicher: Sein Angreifer im Galgen - hoi und dieser nächtliche Besucher waren ein und dieselbe Perfon.
Er ging wieder in die Küche zurück und zog die Strickleiter empor. Sie war augenscheinlich mit der Hand geknüpft, die Sprossen aus gedrehiem Hanf standen in unregelmäßigen Abständen zwischen den ßängsfeUen. Er zerbrach sich zunächst den Kops darüber, wie die Strickleiter auf den Balkon gelangt war. Bei näherer Ueberlegung sagte er sich, dafe wahrscheinlich zunächst eine Schleuder über die ausladende Brüstung geworfen und die Leiter dann mit Hilfe des Sells hinaufgezogen worden war. Seine Vermutung fand er bestätigt, als er bei Tagesanbruch im Hof nach den Spuren der Täter suchte. Er fand die Schleuder, eine Schnur, die um einen kleinen eisernen Bolzen gewunden war, und das daran befestigte Seil. Das Rätsel, das Lew Pheeneys Tod bisher mit undurchdringlichem Dunkel umgeben hatte, war jetzt gelöst. Auf der Strickleiter war der Mörder in die Wohnung gedrungen. Der Rückzug über die Höfe war leicht. Eine niedrige Mauer trennte sie von einer stillen Seiten- gaste, auf die sich fetten ein Fußgänger verirrte.
Die Sonne stand jetzt hoch am Himmel. Dor ihren blendenden Straften entfloh der Nachtspuk. Dick taumelte vor Müdigkeit. Halb angefleibet warf er fich auf fein Bett und versank in den bleiernen Schlaf tiefster Erschöpfung.
14.
Dick wurde durch das anhattende Läuten des Telephons geweckt. Widerwillig drehte er sich im Bett um und griff nach dem Hörer. Aber sein Ge- ficht Härte sich auf, als er die Stimme vernahm, die hell und klar an sein Ohr drang.
,Hallo, Sie sind es? fragte er in freudigem Erstaunen. „Das ist lieb von Ihnen, daß Sie an mich denken."
Am andern Ende der Leitung erHang ein leises Lachen.
„Wissen Sie denn, wer ich bin? Ich habe ja meinen Namen gar nicht genannt"
„Wer Mife Lansdown! Ihre Stimme sollte ich nicht erkennen?"
Darauf entstand drüben eine verlegene Paufe.
.Haben Sie irgendeinen besonderen Anlaß zu Ihrem Anruf?" fragte Dick. Plötzlich waren chm die Ereigniste der Nacht eingefallen, und Angst um die Sicherheit des geliebten Mädchens beschlich ihn.
„Nein, das eigentlich nicht", erwiderte Sybil zöaernd. „3d) möchte etwas mit Ihnen persönlich oesprechen, das sich am Apparat schwer aus ein- andersetzen läßt"
„Dann kommen Sie bitte sofort", bat Dick. ,xkf) werde tarn Portier sogleich Bescheid sagen."
Sybil hängte den Hörer an. Sie begriff nicht, wozu eine Verständigung des Pförtners nötig fei. Allerdings konnte fie nicht ahnen, daß Dick fett dem Vorabend offiziell auf längere Zeit verreist war.
Dick versuchte inzwischen drei Dinge zu tun. Er stieg ins Bad, legte den Seifenschaum auf die Wange und rasierte sich, während die Spiegeleier in der Pfanne schmorten.
Da ertönte auch schon die Flurklingel. Dick warf in fliegender Eile den Schlaftock um und rannte auf die Diele. Mit geroaltigem Schwung rife er die Tur auf und begann fich sogleich bei Sybil zu entschuldigen. Er l>abe die Wirtschafterin beurlaubt, wenn eine so pompöse Bezeichnung für ihre bescheidenen Dienste nicht zu anspruchsvoll sei, und müsse seinen Haushalt selbst besorgen.
Das junge Mädchen krauste die Nasenflügel.
„Es riecht ja so brenzlig", sagte sie argwöhnisch.
Dick schlug sich statt aller Antwort vor den Kopf und jagte mtt Marathonschritten in die Küche zurück. Sybil folgte ihm auf dem Fuße Aus der Pfanne erhob sich ein blauer Dunst, und die Eier protestierten mit lautem Zischen gegen die ihnen Mell gewordene Behandlung.
„Stenn man Spiegeleier brät, pflegt man Fett in die Pfanne zu tun, mein Herr", sagte Sybil strafend und liefe einen Löffel Butter »ergehen, um zu retten, was noch zu retten war. „Suppen scheinen Sie sich ja einbrocken zu können, vom Braten verstehen Sie nichts."
(Fortsetzung folgt)


