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Dienstag, 24. April 1928
Lietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffenf
Nr 96 Zweites Blatt
Auf den Liparischen Inseln lebendig begraben.
Wo das faszistische Italien mit seinen politischen Gegnern bleibt. - Als Verbannter in der Strafkolonie.
Dos Attentat auf den Äönig von Italien wird zur Folge haben, dah sich die laizistische Diktatur In Zukunft noch schärferer Unter- drückungSmahnahmen bedienen wird als bisher. Unterem Sonderberichterstatter Dr. H. B. ist eS auf einer Helfe durch Sizilien gelungen, nach der verbannleninfel Lipari zu fahren und dort mit einer Anzahl Anttfafzisten zu fprechen. hie alS Zwangsverschickte auf der kleinen Infel leben.
Palermo, im April.
2elus, der Sott der Winde, hat nach hellenischer Ausfassung auf jenen fieben vulkanischen Inseln gewohnt, die z w i s ch e n S izi l i e n und .Kalabrien liegen und die Ae 0 lischen Inseln genannt werden Oft ist da« Wittek- 'ändische Meer in dieser Gegend von befugen «türmen bewegt; doch fanden sich früher viele Touristen, die der Seekrankheit auf. den kleinen Dampfern trotzten, um die feuerspeienden Berge <uf Dulcano und Stromboli in ihrer grausigen Schönheit au bewundern, heihe Quellen auf Äpari, erloschene Krater BimSsteingruben, Ob- ftbianfttöme und Schwefeldämpfe auSströmende ^umarotenfelber zu sehen. Wer aber heute von Milazzo die Uebersahrt antritt, ohne au wlsfen. txie ihn auf Lipari. der grvhten Insel der Gruppe, erwartet, wundert sich zunächst über da« yvMen von Dergnügungsreisenden und über die ^chllosen Formalitäten, die zu erfüllen sind, bevor man in Lipari an Land gehen darf. Schon wenn man in der Schiffsagentur die Fahrkarte lösen will, muh man sich durch seinen Past legitimieren; auf dem Schiff wird der Reisende dann Ton Carabinieri empfangen, die fich nochmal« Pah und polizeiliche Anmeldung vorigen lassen. Personalien aufschreiben, ganz genau ren Zweck der Reife wissen wollen und dem Reisenden einschärfen, keinesfalls den Dampfer 411 versäumen der noch am selben Tag nach Sizilien zurückfährt; auch erkundigen fte fich ebenso wie später viele andere Kontrolleure, ob »an diese Reise zum erstenmal unternimmt. Aus -em Schiss sieht man neben zahlreichen Carabinieri. Faszisten und wenigen Fischern nur noch einige Herren, die auf den ersten Blick an ihrer Gewollten Unbefangenheit, ihren lauernd beobachtenden Bewegungen und sonstigen, bei den Kriminalisten aller Länder ähnlichen Ungeschicklichkeiten a l s Detektive erkannt werden ton- ren. Mühsam entzieht man sich einem Gespräch mit diesen aufdringlichen Gesellen, die natürlich bet der Rückfahrt wieder auf dem Schiff zu treffen sind.
Ueber zwei Stunden dauert die Fahrt; im Hintergrund wächst aus den Bergen Siziliens Ser mächtige Aetna hervor, rechts erscheint her Kegel des Stromboli, dessen Spitze von einer Rauchwolke verhüllt ist. Da« kleine Schiff steuert auf die Insel Dulcano zu. deren zahlreiche Krater zur Zeit gerade al« erloschen gelten; doch ist ihr Anblick noch immer unheimlich genug, beängstigend der Kranz vulkanischer Kuppen, die roch vor wenigen Jahren Feuer spieen. Langsam «leitet das Schiff an einer schrägen Hochebene dieser Insel vorüber, au« der in geisterhafter Beleuchtung Fumarolendämpse emporsteigen. .Zeugnis davon ablegend, dah der Untergrund seine vulkanische Krast keineswegs eingebüstt hat. Zwei Kilometer trennen Dulcano von der 37 Quadratkilometer groben Felseninsel Lipari. die keinerlei Hafen besitzt, und vor der nun der Dampfer liegt, um feine Passagiere auszubooten.
Die kleine Bucht, in der der Ort Lipari aus der Insel gleichen Ramens liegt, ist derart zum Meere geöffnet, daß man von ihr aus toeber die Rachbarinsel Dulcano, noch den Strom- ■mH, noch einen Zipfel Siziliens sieht- endlos
dehnt sich nur das scheinbar grenzenlose Meer Don der übrigen Insel ist die Stadt Lipari durch eine einförmige Bergkette getrennt, die verhindert, dah man vom Ort au« einen Blick aus die rauhen Schönheiten dieses vulkanischen Felsens werfen kann. Wenige Stunden von Italien entfernt, ist man hier, zwischen 3‘rila und Europa, von dem Leben der europäischen Völker. von den Dorgängen der kultivierten Welt ebenso weit entfernt, als wäre man im fernem Sibirien »ber in Reu-Caledvnien. Tatsächlich benutzt die italienische Regierung diese Insel nun zu demselben Zweck, den bisher Sibirien und Reu-Kaledonien erfüllen muhten: al« Strafkolonie für politische Derbrecher. Ohne Gerichtsurteil, auf administrativem Wege, sind führende Intellektuelle Italiens in diese steinerne Einöde verbannt, sozusagen leben- d i g begraben worden. Aus dieser den glühenden Pfeilen der afrikanischen Sonne ausgesetzten. dem furchtbaren, atemraubenden Sei» rvcco besonders offenen Infel müssen nun Uni- versitätSprosessoren. Wissenschaftler aller Fakultäten. Künstler und Politiker, die von jeder ihnen angemessenen Betätigung ängstlich femge- balten werden, ein zermürbendes, seelisch ausreibendes Leben führen.
Vierhundert bis fünfhundert Verbannte leben in dem Städtchen Lipari. das ungefähr 6000 Einwohner hat Man sieht sie einzeln und in kleinen Gruppen auf allen Straben der Stadt, stets sehr leise sprechend — und das ist auberordentlich ausfällig in einem Land, dessen Bevölkerung sonst nur mit lauter Stimme und heftig gestikulierend redet. Auf allen Plätzen dieses traurig-langweiligen Ortes sieht man die „Confinati". die ..Derkannten", faszistische Zeitungen lesend — andere gibt es nicht - - und eifrig Zeitungen austauschend. Man spürt den Hunger nach Rachrichten, der doch nie gestillt werden kann, da die Zeitungen gerade das nicht enthalten, was die Verbannten wissen wollen. Rirgends sonst in Italien, in keinem römischen ßitcratencafi* und selbst in keinem italienischen Eisenbahnzug habe ich soviel Zeitung lesen sehen.
Man geht in ein Restaurant und unterhält sich mit dem Kellner, mit dem Koch. Beide sind Verbannte, ebenso wie der Friseur Gegenüber. der Schlächter, der Schuhmacher, ebenso wie der Wirt deS Restaurants und wie die Gäste. Ungeheuer vorsichtig flieht die Unterhaltung; kaum ein Wort der Klage — man kann nicht wissen, ob es nicht weitergetragen wird — mir der schinerzlich-resignierende AuSrus: .La vita c cosi“, ,60 i st da« Leben". Erkundigt man fich nach einigen Sehenswürdigkeiten, fragt, wie weit der Weg zu den heiyen Quellen auf dem Monte San Calogerv sei, so wird man freundlich, doch mit etwas müder Stimme daraus hingewiesen. dah Derbarmte die Stadtgrenze nicht überschreiten dürfen, also niemals einen Blick über das Steinmeer des ton keinem Baum, keinem Strauch belebten Städtchens hinausgeworfen haben.
Bon der Wahrheit dieser Auskunft farm man sich sofort überzeugen, wenn man eine der kurzen Strafen des Städtchens bis an ihr Ende verfolgt. Dort steht ein Doppelposten Carabinieri. der den Pab eingehend prüft und eine Reihe von Fragen stellt, ehe er den Weg frei- gibt. Dabei ist eine Flucht von keiner Seite der Insel aus möglich, da es keinerlei Landungsmöglichkeit gibt Natürlich wimmelt es überall von Bewaffneten, ständig ziehen kleine Trupps von Faszisten mit geschulter- tem Gewehr durch die Stadt. Raht einmal eine gröbere faszistische Demonstration — ich sah
einen solchen Zug der vorwiegend von in Schwarzhemden gehüllten Fischern und Bauern- burlchen gebildet wurde — oder hört man auch nur von weitem die Klänge der .Giovine^a . der laizistischen Hymne, so verschwinden die Derbannten schnell in die Häuser um nicht Zeugen eines verhakten Schauspiels zu werden. Dennoch tonnen sie diesen Dingen nicht ganz entgehen. überall hat man Bilder Mussolinis an die Mauern geklebt, die Häuser mit erleuchteten Liktorenbündeln .verziert . um den Gegnern des Regimes recht deutlich in jeder Minute vor Augen zu führen, wer Herr in Italien ist. Der Druck, der auf allen Derbannten lastet, hat natürlich ein starkes Zusammengehörig- f e 11 6 g c f ü b I erzeugt. 3m Restaurant speisen vornehme Verbannte mit dem Wirt und dem Kellner an einem Tisch, schenken au« derselben Flasche Wein ein. Dennoch bestehen grobe Unterschiede in der Lebenshaltung; man sieht eine Reihe gutgekleideter Männer — einige sollen sogar ihre Frauen nach Lipari geholt haben; viele andere, die über kein eiaenes Vermögen verfügen und auch keine passende Arbeit finden konnten, fristen jedoch nur mühsam ihr Dafein. Allen gemeinsam, auch den Wohlhabenden, ist aber die grobe seelische Rot. das Heimweh. der Drang nach sinnvoller Beschäftigung, die Sorge um das Schicksal ihres Daterlandes. Der Ausflug nach Lipari. voll Reugier begonnen, endet in tiefster Riedergelchlagenheit; denn es gibt nichts Traurigeres als den Anblick intelligenten, geist- und charaktervoller Menschen. die ohne Schuld von der Menschheit entfernt, zu einem sinnlosen Leben auf eine öde Insel verbannt worden sind
Sie argentinische Präsidentschaft.
Argentinien hat einen neuen Staatspräsidenten. Unter ganz besonders reger Wahlbeteiligung begannen am 1. April in der südamerika- nischen Republik die Wahlen der Wahlmänner, die den neuen Staatsches zu bestimmen haben. Richt weniger als 91,5 Prozent aller Wahlberechtigten hatten sich an der Wahlmännerwahl beteiligt Es gibt im Grunde in Argentinien nur eine einzige grobe politische Partei, die der .Union Clvice Radical". die fich aber in zwei feindliche Lager gefpalten hat, und so hatte es sich dann bei den Wahlen weniger um programmatische Unterschiede al« um die Wacht von Gruppen und Interessen gehandelt, die sich um zwei hervorragende Persönlichkeiten geschart hatten. Präsidentschaftskandidaten waren der nun schon achtzigjährige Expräsident der argentinischen Republik, Don Hipp ollto Irig 0 ven, und — da die argentinische Verfassung die pausenlose Wiederwahl des herrschenden Staatschefs nicht zuläbt und der bisherige Präsident Dr. Marcelo de A1 vear nicht persönlich kandidieren formte — an feiner Stelle Dr. Melo.
Itigoyen stand während des Weltkrieges an der Spitze des argentinischen Staates, und hauptsächlich feinem direkten Eingreifen ist es zu verdanken, wenn Argentinien dem Drängen der Entente widerstand und die Neutralität bewahrte. Er ist ein Mann von selt ner Energie und von grobem staatsmännischen Können, eine der viel umstrittenen Persönlichkeiten Argentiniens. Während feiner Amtsperiode von 1916 biS 1922 warf man ihm ein allzu persönliches Regiment vor, niemand aber wagte es — wenn die finanzielle Mibwlrtschaft auch nicht geleugnet werden kann — dem greifen Prüf identen Unredlichkeit vorzuwersen. Irlgoyen hatte vielmehr während ferner ganzen Amtszeit auf jedes
Gehalt verzichtet und überwies es uneigennützig Wohltat.gke.tSanstalten. Sr beschränkte iich aui fein für Buenos Aires recht bescheidenes Privat- einfommen von etwa lOOü Peso« monatlich (zirka 1800 Mark'
Als seine sechsjährige Amtsperiode im Jahre 1922 ablief, erschien es selbstverständlich, dah fein Parteigenosse, der damalige argentinisch« Gesandte in Pari«, de Alvear, al« fein Rachfolger gewählt wurde. Aber auch Dr de Alvear ist eine überragende Persönlichleit, und bald nach dem Antritt seiner PräsidentschaslSwürde tarn cs zwischen ihm und Irlgoyen zu einem Zer- würsnlS. Die „Union Civica Radical" spaltete sich in di« „P e rf on a l i st a «" und in die „AntipersvnalistaS", von denen sich die letzteren um de Alvear. die ersteren um Irlgoyen gruppierten. Bis zum Sturz des Präsidenten Larez 6-elman im Jahre 1890 hatte in Argentinien uneingeschränkt die Partei der Agrar- feudalen, der groben Latisundienbesitzer. geherrscht. Gegen sie bildete sich die Union Civlca. die unter Irigvven zur vollen Herr- schäft gelangte und die in der Gesetzgebung mit dem bisherigen verschleierten Feudalsystem brach und u. a. das allgemeine Wahlrecht durchsetzte Aber auch Im neuen Argentinien blieb das alte Prinzip mehr oder weniger in Äraft Richt die politische Ueberzeugung. sondern die Person des Führers gab den Ausschlag Die Antipersonallstas. die Anhänger des bisherigen Präsidenten 2llvear, hatten mit den Konservativen, d h. mit den Drobaarariern die keinen eigenen Kandidaten aufstellten einen Wahlpakt geschlossen und dem Vertreter der letzteren. Dr Gallo, die VizepräsidentfLaft versprochen, fic sind dadurch im Grunde ihrer eigenen Tradition untreu geworden, da sie ja der Union Livica Radical entstammen. Aber dies Manöver hat ihnen nicht geholfen. Don den 376 Wahl männern sind 207 Anhänger Irigvyen». so dah die Proklamation de« greifen Irigotzen zum StaatSpräfidenten gesichert ist und sein offizieller Einzug in die .Casa Rosada" (Der Regierungspalast) nur noch eine Frage von wenigen Tagen ist.
Die deutschen Interessen in Argentinien wachsen mit jedem Jahre, und viele Deutsche nehmen in der südamerlkanischen Republik eine angesehene und einflubreiche Stellung ein. Kürzlich während des Besuches des argentinischen AubenministerS Dr GaNard 0 in Berlin wurden die diplomatischen Vertretungen der beiden Länder zum Rang einer Botschaft erhoben. Im Gegensatz zum scheidenden Präsidenten Alvear. dem man französische Sympathien nachsagt, gilt Irigvyen als sehr deutschfreundlich, so dab sich die guten deutsch-argentinischen Beziehungen nach seinem Einzug in die Casa Rosa da voraussichtlich noch herzlicher gestalten werden. Unter Irlgoyen wird auch die Frage des Wiedereintritts Argentiniens in den Völkerbund akut werden. Er war es. der die Beziehungen mit Genf schroff abbrach, uni>. wie der argentinische Außenminister Dr. Gallardo versichern konnte, waren es nur die Irigvyenisten. die unter Alvear den Wiedereintritt Argentiniens in den Dölkerbund verhinderten. Es ist möglich, daß das Beispiel Spanien« auch für Argentinien vorbildlich und anspornend wirken wird. Sicher ist, dab Irl- gaben mit einer starken Opposition wird zu rechnen haben. Wan wird ihm, der eine Autv- kratennatur ist. wieder sein persönliches Regiment. Finanzmistwirtschast, Repvtensörderung usw.. mit mehr ober weniger Grund vorwerfen, aber der greife Präsident hat eS Immer zu beweisen verstanden, dah er sich keiner fremden Beeinflussung fügt.
Freundschaft mit Gummibällen.
Besuch bei dem Jongleur Castelli.
Von Frank Warschauer.
Hummer 5 im Darietä: ein Drahtfeilvirtuose. Ein Wann, der sein Leben in keiner Weise ernst nimmt. Wenigstens scheint eS so. Er geht nicht mir auf dem Drahtseil spazieren, als wäre er ruf der Berliner Tauentzienstrahe, nein, vielmehr benutzt er seine fragwürdige Situation da oben, um auSgercchnet Charleston und Black Dottom zu tanzen. Richt nur das. Gr läßt das Seil etwas locker und schunkelt bann wild umher. Rechts, links. Rechts, links. Ich muh. mit manischer Ausfchliestlichkcit an eine Zeitungsnotiz denken, etwa so: Infolge unvorsichtigen Schaukelns der Insassen kenterte gestern ein Boot auf dem Wannfee Die au« Friedenau gebürtige siebenjährige Elise HenScke konnte mit Mühe gerettet werden usw.
Der Drahtseilkünstler schunkelt iwch immer. Wenn sein Drahtteil schon nicht gespannt ist. so sind es die Rerven der Zuschauer. Alle fühlen sich lauft gekitzelt durch die dreisten Spähe, die der Artist mit dem Tode treibt Wer wird eine« Tages der Stärkere sein? Dielleicht doch der verhöhnte Feind — Absturz, Entsetzen, tödliches Unglück?
Ein guter Mensch, den ich seit langem kenne, ängstigt sich immer bei solchen Gelegenheiten fürchterlich. Er fühlt fich in diesem Augenblick für das Leben des Artisten mit verantwortlich. Wein Gott denkt er. der Wann da oben treibt die tollsten Dinge, begibt fich in schauerliche Situationen, alles nur. um mir nach dem Abendbrot ein kleines Vergnügen zu bereiten! Geht die Sache einmal schief — bann bin ich der Blamierte. Dann habe ich ein Menschenleben auf dem Gewissen. Weine Sensationslust ist Schuld an feinen Extravaganzen.
Rümmer 6: Es kommt noch ärger. Drei berühmte Gleichgewichtsgenies. Zwei ganz jung, der Dritte gar ein Änäblein von nicht vielen Jahren. Das Änäblein ist sogar die Hauptperson. Ss klettert auf den anderen Artisten herum, steht Kopf auf ihren Köpfen. läßt fich in den unwahrscheinlichsten Situationen von ihnen bis in steile Höhen hinauf tragen, fast bis tum Schnürboden des Darietßs. So jung und schon so fähig I 8s ist eigentlich zum Heulen! Wenn ich denke, was ich in jenen Jahren noch für Dummheiten trieb, und in den folgenden ebenfalls...
Der gute Wensch, von dem ich sprach, muh sich wieder ängstigen. Wein Gott, so denkt er, was geschieht, wenn jetzt in dem Augenblick, wo das Änäblein, Bein nach oben, den Kopf auf irgendeine dazu sicherlich brnfbar ungeeignete Metall- spive stützend sich In einer absurden und letzten Endes auch ungesunden Situation befindet, — was geschieht, wenn jetzt eine Dame einen Schrei- krampf bekommt ober ein älterer Herr plötzlich irrsinnig wird ober sich ein Streit zwischen einem Ehepaar entwickelt sbas kann ja vorkommen) — kurzum, wenn das Änäblein erschreckt und jählings aus seiner mühevollen Konzentration ae- rissen wird? Glücklicherweise ereignet sich nichts derartiges. Das Änäblein kommt aus irgendeine merkwürdige Weise wieder in eine normale Stellung und klettert, glücklich, dah die Sache vorbei ist. aus den Boden. Der gute Mensch atmet aus.
Rümmer 7: Der berühmte Jongleur Rastelli. Sin junger, feiner, liebenswürdiger Herr. Sämtliche Folterwerkzeuge, wie eiserne Leitern, patador geformte Gerüste, Drahttelle usw. sind von der Bühne verschwanden. Rastelli bringt durchaus nichts mit. als ein paar normale Gummibälle. Marke Kinderspielzeug, und einige runde Stäbe. Und mit diesen harmlosen Gegenständen fängt er nun an, zu spielen.
Diesmal droht kein Genickbruch. Richt nur der gute Wensch, auch alle anderen fühlen es. Eine Atmcsphäre der heiteren Spannung verbreitet sich. Alle lind gut gelaunt, alle unter der Führung des Meisterjongleurs.
Der macht nun seine Spähe mit den Gummibällen und den Stäben. Aus irgendeine magische Weise hat er sie behext. Jedermann weih, was Gummibälle für unzuverlässige Geschöpfe sind. Jedermann hat schon seine schlechten Erfahrungen mit ihnen gemacht. Sie sind unrubiaer als — nun als Heine Kinder. Sie lullern beständig herum, ganz besonders, wenn sie das nicht sollen. Hier aber sind sie plötzlich folgsam und artig.
Sic fliegen durch die Luft, eins. zwei, vier, acht, kehren zu dem jungen, heiteren Mann zurück, taffen sich wie trauliche Vögel nieder auf feinen Kopf, auf den schmalen, senkrecht balancierten Stäben, auf Schultern und Fingerspitze, auf einem Vein und einem Arm. Es ist, als liebten sie ihren Weister, der liebenswürdig und lächelnd über sie herrscht, sie dirigiert, auftlattcrn, zurück- kehren läßt, mit ihnen in unzähligen Situationen ein Feuerwerk der Leichtigkeit, des geistreichen Spiels zaubert. Dazwischen flattern einmal größere Vogel durch die Luft, eine ganze Serie von Tellern, und schliehlich fliegen Suuunrbälle,
wen und übermütig geschleudert, zu den Zuschauern.
Wie verläuft fo ein Leben, das eines Artisten von Rang? Rach der Vorstellung suche ich den (eingliedrigen Italiener auf und lasse mir erzählen von dem Schicksal einer ganzen Familie, oas den Gummibällen gewidmet ist. Der Kunst, sie und andere mehr oder weniger aufsässige Gegenstände zu dressieren, dem virtuosenhaften Spiel, daS im tiefsten Grunde dem aller anderen Künstler verwandt ist. Enrico Rastellis Vater ist nach vierzigjährigen Reisen nach seiner Heimatstadt Bergamo zurückgekehrt; besitzt dort eine Landwirtschaft und ein Dutzend Häuser; erzieht seine Enkelkinder, während der Sohn reist; und Iaht höchstens in träumerischer Erinnerung an seine Vergangenheit ab und zu ein Paar Teller. Messer und Gabeln durch die Lust fliegen, ohne dah irgendjemand dabei zu Schaden kommt. Enrico aber zeigt in allen Weltteilen unablässig fein Spiel, das leicht und heiter ist, mag es auch in täglich sechsstündigem Training stets von neuem geschlissen, vielleicht ’ogar erkämpft (ein.
Rein, es ist kein Kampf. Dies nicht. Und ist es nicht gut, zu wissen, dah In einer Welt der Mühe und harten, oft bösen Arbeit ein Mensch Sristcnz, Ruhm und Geld erwerben kann durch biele Kunst, die erstaunt und erfreut — die der Freundschaft mit Gummibällen?
Das Pariser Wohnungselend.
Angesichts der Tatsache, dah das Pariser WohnungSelend ärger ist denn je. hat der Pariser Gemeinderat schnelle Hilfsmaßnahmen beschlossen. Rach einer vorgelegten Berechnung wohnt zur Zeit ein Viertel der Pariser Bevölkerung unter Umständen, nach denen höchstens ein halbes Zimmer pro Familienmitglied zur Verfügung steht, während 11 Prozent bet Bevölkerung möbliert wohnen. Sachverständige betonen, dah Parts tatsächlich 100 COO Wohnungen nötig hat. Doch das Bauen schreitet langsam vorwärts. 1913 wurden noch 1021 Häuser gebaut, 1926 dagegen nur 306, und dann noch meistenteils Hotel«. Die Gemeindeverwaltung baut jetzt selbst 1000 Wohnungen, um die bereits übet 77 000 Menschen anstehen. Dor allen Dingen fehlt es an Geld. Man spricht von einer Sondersteuer, außer dem ist vorgeschlagen worden, dah die Bank von Frankreich Geld zu einem niedrigen Zinsfuß vvrschiehen soll. Ein dritter Plan sieht den Dau von Häusern auf Reparationsrechnung vor, 1
Orient.
In dem jetzt fo beliebten Algier.
Sine Händlergasse.
Kommt ein Fremder.
Springt ein Händler auf ihn zu.
„Darf ich Ihnen al« meinem Gast eine Tasse Tee anbietenT'
.Danke."
.Oder eine Schale Mokka?"
.Danke."
.Aber vielleicht eine Taffe Schokolade?"
.Rein. Verzichte. Aber Sie haben da eine nette
Seide. Was kostet sie?"
.Sofort. Mir liegt nichts daran, mit Ihnen Geschäfte zu machen. Ich will nicht verkaufen. Lassen Sie das doch, Herr Doktor. Vielleicht doch eine Taffe Tee?"
.Danke. Habe keine Zeit. Also was kostet die Seide?"
.3a, was fall ich sie Ihnen rechnen? Ich mochte an Ihnen nicht gern verdienen. Was ist sie Ihnen wert?"
.Ditte, machen Sie einen Preis, sonst gehe ich.
.Schön. Wie Sie wollen. Ich will nichts verdienen an Ihnen. Geben Sie mit das, was sie mich kostet. Geben Sie 150 Franken,"
.Aus Wiedersehen."
.Dieiben Sie. Ich habe eS ja gleich gesagt, die Seide ist nichts für Sie. Also was wollen Sie dafür anlegen?“
.Zehn Franken."
.Zehn Franken? Da büße ich ja SO dabei eins"
.Also?"
.Geben Sie mir meinen wirklichen Einkauf, geben Sie mir fünfzig Franken."
.Zehn-"
.Vierzig."
.Keinen Sous mehr."
.Dreißig."
.Adieu?
. Fünfundzwanzig."
Endlich einigt man sich auf fünfzehn Franken.
Stolz trägt der Seine Globetrotter seine Seide heim.
Rähert sich ihm ein zweiter Händler.
.Dars man fragen, was der Herr Engländer für die Seide bezahlt Jkü?“
IFünfzehn Stanten? Großer Go» so ein schönes Stück Geld. Bei mir hätten Sie denselben Stoff für acht Franken bekommen."
(Aus dem Französischen von 2. H. R.)


