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Nr. 96 Erster Blatt

178. Jahrgang

Dienstag, 24. April 1928

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Eichener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

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Chefredakteur

Dr. Fnedr TBilb. Lange. Verantwortlich für Politik Dr Fr Will» Lange für Feuilleton Dr fylbnriot, für den übrigen Teil Ernst Slumfdtein; für den An« zeigenteil Äurl hillmann, lämtlt* tn öttfien

Die Wahlen zur französischen Kammer.

Der erfft <bang bet französischen Wahlen hat eine Entscheidung noch nicht gebracht. Dicht einmal tn einem dritten Teil der Wahl- kreise hat ein Kandidat die absolute Mehrheit aller Stimmen aus sich vereint, in den übrigen mehr als vierhundert Wahlkreisen kommt eS zur Stichwahl, teren Au-gang bei der un­endlichen Kombination-Möglichkeit tn den Wahl­bündnissen schwer Ku übersehen ist. Aber die Zahlen und Ergebnisse, die bisher schon vor- liegen, lassen doch mancherlei Rückschlüsse zu, die vom Standpunkt der deutschen Politik auS nicht gerade erfreulich sind.

GS ist wohl kaum ein halbes 3abr her, da glaubte man auch in amtlichen deutschen Kreisen noch an die Wechrschetnlichkeit. daß die franzö­sischen Wahlen einen Duck nach linkS und einen Sieg Arlands bringen würden, der Potn- car<, in den Hintergrund drängte und dadurch den Weg für eine deutsch-französische Derstän- blgung öffnete. Wir haben diesen Prophezei- ungen von Anfang an skeptisch gegenüberge­standen und haben immer daraus hingewiesen, daß P 0 i n c a c 6 gerade a l S Rett er des Franken in dem Vertrauen deS französischen Volkes sich unerichütterlich sestgesetzt hätte und siegen würde ohne Rücksicht auf alle anderen Bewegungen. So ist eS denn auch gelommcn: der AuSgang der Wahlen ist ein. man kann schon sagen, uneingeschränktes Vertrauensvotum des französischen Volkes für Poincarv. Llbgesehen vielleicht von Slsah-Lothringen. Aber hier sind die Dinge so besonders gelagert, daß sie auch besonders beurteilt werden müssen, weil der Mißerfolg der Rechtsparteien dort ausschlieh- lich auf ihre Bekämpfung der elsaß-lothringischen Heimatbewegung zurückzuführen ist. 3m ganzen übrigen Frankreich dagegen ist nichts daran zu ändern, dah von dein Ruck nach linkS. wie ihn die Wahlen 1924 brachten, s a st nicht« mehr übrig geblieben ist. Damals ein über­wiegender Sieg der Linken, der eine unmifj- versländliche Absage an Potncare« Rubrpolitik bedeutete, der Poincarü al« Ministerpräsidenten wegfegte und eine Mehrh.it des Kartell« brachte, die sogar stark genug war. Herrn Millerand vom Präs d-ntenstuhi der Republik heru'.terzu- holen. Heut« dagegen hat Poincarö die Scharte von 1924 wieder au-gewetzt. er hat einen Sieg erfochten, der über alle« Erwarten groh ist, möglicherweise iogar größer als er selbst e« gewollt hat.

Denn die klugen Leute, die das GraS wachsen hören, haben unS. nicht erst seit der Rede von Larcassonne gesagt, dah Herr Poincartz von 192S nicht mehr der de« Ruhrkrieges sei. Sie haben zu versteh-n gegeben, dah Poin- care in die Linie Bria.tds eingeschwenlt sri und nun von s i ch aus den Ehrgeiz habe, die Der- ftänbigung mit Deut'chland zu machen. Möglich, dah sie Recht haben. 3mmerhin a>cr war doch der Verdacht nicht ganz von der Hand zu weisen, dah Poincar.^ nur einen Haken schlug, um für die Wahlen d e nötige Stimmung zu machen und dah er die Maske fallen lieh, sobald er sein Ziel erreicht hatte. Denn wenn er mit Deutsch­land zu einem Akkord kommen will, dann mühte eS seine Ausgabe sein, dafür zu sorgen, dah die radikale Rechte geschwächt wurde, um dafür der Mitte eine größere Schlagkraft zu geben. Aber nicht einmal davon farm die Rede fein; im Gegenteil, die einzigen, die allen Grund haben, mit dem Ausgang des ersten Wahl­ganges zufrieden zu sein, sind gepade die Rechtsradikalen, die Partei deS Herrn Marin, der zu den Unversönlichm gehört. Sie hat in der französischen Kammer 128 Mandate besessen und hat au« dem ersten Wah'gang bereits 72 herausg holt. sie wird also unter allen Umständen mit einem erheblichen Zuwachs in die neue Kammer heimkehren, während die Radikalsozialisten des Herrn Herriot von 135 Sitzen bisher nur 16 sich gesichert haben und die Sozialisten auch bei Ausnutzung aller Möglichkeiten im zweiten Wahlga ig nicht nur nichts gewinnen, sondern nicht einmal in der alten Stärke wiederkommen werden. Auch die K 0 m m u n i st e n haben nicht ein einziges Mandat Im ersten Wahlgang sich gesichert. Aber sie haben trotzdem stark an Stimmen gewonnen, sie haben ein erhebliches moralisches Plus und hauptsächlich in Paris haben sie die Sozia­listen weit überflügelt.

Wan soll sich hüten vor voreiligen Prophe­zeiungen. Es wäre deshalb auch nichts ver­fehlter. als aus dem ersten Wahlgang bereits die künftige Politik der französischen Kammer herausdestillieren zu wollen; vieles kann der zweite Wahlgang ändern, an der Stärkung des rechten Flügels aber vermag er nichts mehr zu ändern. Die nationalistischen Bleigewichte Poin- car6s sind stärker, als früher, die Macht, auf die Driand sich bestenfalls stützen kann, wird erheblich kleiner fein. Das Gleichgewicht der Kräfte zwischen diesen beiden Exponenten der französischen Politik hat sich also erheblich zu­gunsten Poincare« verschoben, so dah vorläufig diejenigen Recht zu behalten scheinen, die von Anfang an befürchteten, daß die Neuwahlen der französischen Kammer bessere Aussichten für die deutsch-französische Versöhnung nicht bringen würden.

Der erste Wahlgang.

Die Autzsichken für die Ltichwahlen.

pari», 24. April. (IDIB. Funkspruch.) L» liegen nunmehr sämtliche Wahlergebnisse bi* auf eine» vor. hieraus ergibt sich, dah 183 Sitze end­gültig vergeben sind, die sich auf folgende Parteien verteilen:

Rechtsstehende 13;

Red)t»republlfaner (Marin und Maginol) 72; Linksrepublikaner 42;

Radikale Rechte (Loncheur) 15;

Radikale 21;

Sozialrepublikaner 5;

Sozialisten 15; zusammen 183.

Rach Berufen gezählt sind von den 183 Gewähl­ten 51 Advokaten, 38 Grundbesitzer, 14 In­dustrielle, 12 Mente, 11 Professoren und Lehrer, 16 Journalisten, 5 Kaufleute, 5 Landwirte, 5 Rich­ter, 4 Ingenieure, 4 Apotheker, 5 handeisange- slellte, 3 Offiziere, 3 Arbeiter, 3 Notare, 2 Geist­liche. 1 Tierarzt, 1 Diplomat, 51 Abgeordnete sind neugewählt, 132 wiedergewählt.

Ein Uebcrblid. in welchem Mähe die einzelnen Gruppen an den 427 Stichwahlen, die vom Ministerium des 3nnern festgestellt sind, betei­ligt sind, läht sich nicht geben, doch glaubt man in gewissen politischen Kreisen, namentlich in den Kreisen der Radikalen. Voraussagen zu können, dah durch da- Ergebnis de« zweiten Wahl­ganges die 'Lage der Parteien de« Kartells der Linken sich so gestalten werde, dah Sozialisten und Radikale je etwa zehn Sitze zugunsten der radikalen Linken unb der LinkSrepubllkaner ab- geben werden. Von rechtsrepublikanischer Seite rechnet man mit einer Verstärkung der Gruppe Marin.

Bereits jetzt zeigt sich durch die bekannt ge­wordenen Beschlüsse inzelner radikaler und sozialistischer Bezirksvereinigungen, dah da, wo die Kandidaten dieser beiden Parteien im Kamps gegen die Republikanische Vereinigung von Louis Marin und die auf dem rechten Flügel deS Zentrums stehenden Linksrepubliianer einander Schaden zufügen könnten, ein gegenseitiger Verzicht des einen Kandidaten zugunsten deS zahlenmäßig begünstigten anderen Kandidaten. Da gesetzlich neue Kandidaturen für den zweiten Wahlgang bis Mittwoch um die Miticmachl- stunde amtlich angemeldct werden können besteht also die Möglichkeit, gefährdete radikale und sozialistische Führer noch in günstigeren Wahl­kreisen in die Stichwahl zu .bringen. Ungewiß ist d i e Haltung der Sozialisten gegen­über den Kommunisten und umgekehrt.

Die Wahlen in Elsaß-Lothringen.

Eigene Drahtmeidung desOiefjener Anzeigers".

Berlin, 24. April. Aach den bisherigen Er­gebnissen läht sich unmechrn schon einiges über die gründ ätzliche Stimmung und Tendenz der elsaß- wthringischc Wähler sagen. Gewiß sind das einstweilen nur sehr ungefähre Angaben, aber schätzungsweise kann man doch leststellen, dah von 400 000 abgegebenen Stimmen rund die Hälfte ein entschiedenes Bekenntnis für die Partei abgegeben haben, die sich um die Erhaltung der elsah-lothrin- gischen Eigenart und ihrer Kultur im Rahmen Frankreichs bemüht. Der im Oberelsah gewählte Abgeordnete Bilger gehört dem autonomistischen Flügel der elsässischen Volks­partei an und gilt nach französischer Auffassung als ein sog. ..heimlicher Aut 0 n 0 mi st". Er ist christlicher Gewerkschaftler und war schon Mit­glied der letzten Kammer. Auch der eben allS im Oberelsah im Bezirk Thann gewählte Ab­geordnete Brom gehört der gleichen Gruppe der Elsässischen Voltspartei an und gilt ebenso tote Bilger auf französischer Seite als ein heim­licher Autonomist. Dagegen ist der in Rappolts- toeiler gewählte Dr. Pfleger, der zum natio­nalistischen Flügel der Elsässischen Dolkspartei gehört, französisch eingestelll. allerdings wurde er in einem auch besonders stark französisch durchsetzten Kreis gewählt. Der im Bezirk von Schlettstadt gewählte Abgeordnete Oberkirch ist ebenfalls Mitglied der Elsässischen Vvlks- partei, kokettierte aber zeitweilig mit dem fran­zösischen Rohalismus und hat in der Kammer ge­legentlich scharfe antideutsche Reden gehalten. Er stammt zwar von badischen Eltern ab, steht aber trotz gelegentlicher Fühlungnahme mit autonom i st ischen Kreisen im Grunde auf der nationalistischen Seite der Elsässischen Volks- Partei. 3m Kreis Erstem wurde der Präsident der Elsässischen Volkspartei, Seih, gewählt, der in nationalistischen Kreisen durch seinen Antrag auf Verwaltungsautvnsmie sehr verhaßt ist.

Elsässische preffestimmen.

Paris. 23. April. (WB.) Rach einer Havas- meldung aus Straßburg liegen von folgenden führenden elsässischen Blättern bereits Stimmen zu dem gestrigen Wahlergebnis im Elsah vor. Das .3 0 u r n a l d' Als ace et de Lor­raine" (in französischer Sprache erscheinend, gcmähigt radikal) schreibt: Es würde zu nichts dienen, sich die Gefahren zu verheimlichen, die

die gestrige Abstimmung für die Zukunft der französischen 3 bet im Eil ah bedeutet. Fortan, so kann man sagen, hat öle Politik s 0 r t- währender Verschleppungen end­gültig Bankrott gemacht. Die wahren Franzosen dieses Landes mühten sich aufrassen, um im zweiten Wahlgang den nationalen Kan­didaten den Erfolg zu sichern. Die Regierung muh dem Rechnung tragen, daß fünftig eine Politik fortgesetzter Assimilierung und eine energische Aktion gegen die Feinde Frankreichs notwendig ist. Das .3 0 u r n a l d e f« ft" (rcpublikannch, in französischer Sprache) schreibt. Angesicht- der Ergebnisse des ersten Wahlgange- sind zwei Feststellungen notwendig. Einmal, dah von denen, deren heftige Campagne durchaus antinational war, niemand ge­wählt wurde: die Rosse, Krähling. Brogly, Dahl und Huber stehen in Stichwahl. Anderer­seits aber ist keiner von ihnen heute zu übersehen und selbst so anrüchige und verdächtige Leute, wie Paul Schall, haben Resul­tate von unerwartetem Umfange erzielt. Der .Courier deStrahbourg" (franzö­sische Sprache, katholisch) schreibt: Man Hal ge­glaubt. gut daran zu tun. den Prozeß wegen de- Komplotts gezen die Sicherheit des Staate- bi- nach den Wahlen zu verschieben trotz der Proteste unserer Abgeordneten, die ocr- langtcn, dah der Prozeß vor den Wahlen liqui­diert würde, um eine klare Lage zu schaffen. Die falsche Methode, die Partei der Volks­vereinigung de« AntinationaliSmus zu beschul­

digen. weil sie die 3ntereffcn der elsässischen Be­völkerung verteidigte, hat nur schlechte Früchte für die Parteien getragen, die diese Methode mihbraucht haben. Die Wahlen vom Monat April 1926 in Elsah-Lothringen werden Jweifelsohne diejenigen, die sich bisher mit den treignissen tn unserem Lande noch nicht ver­traut gemacht haben, viele« lehren.

Die .Action Fran^aise" beschästigt sich al« einzige« Pariser Blatt mit den Ergebnis en der Wahlen in Elsah-Lothringen. Si? schreibt, der Erfolg der Autonomisten In Elsaß und Lothringen sei zwar ein bedingter, der sich überdies nur durch die Ziffer dec abgege­benen Stimmen äußere, aber doch ein Er'olg. der geeignet sei. alle guten Franzosen In Be­stürzung zu versetzen. 3m Lothringen deut­scher Zunge stünden die katholi chen Autonomis.en und Kommunisten bei weitem an der Spitze. 3hre Vereinigung werde ihnen wahrscheinlich d e Sitze sichern. 3m Elsah schlügen die beiden .Führer des Verrats". Dr. Rick! in und Rosse hei weitern ihre Konkurrenten. 3hre Freunde, die Krähling. die Schall usw. er-je: len eben­falls eine beträchtliche Anzahl von Stimmen. Das flarftc Ergebnis dieser Wa'> en werde also sein, di? häßliche Wunde in« V ' t zu rüden, die die schädliche Sinnlosigkeit ic« Regimes und die verbrecherische Politik eine« Briand dem Vaterland beigebracht haben. Die Republik habe ihnen einen großen Sieg verschalt.

Korinth vom Erdbeben zerstört.

$urd)tbore Verheerungen. - 20 Tote. - Oer Kanal bislang unversehrt.

Athen. 23. April. (MV.) Vie Gegend von Korinth Ist von einem schweren Erdbeben heImgcsuchI worden. 3n der Stadl Korinth sind fast alle Häuser zerstört. Jlur die neueren Häuser haben dem Beben standgehallen, aber auch diese sind schwer beschädigt. Die , Bevölkerung muhte die ganze Rächt unter , freiem Himmel verbringen. Das Armenhaus ! ist vollständig zerstört. Vie Stadl Ist ohne Licht. Ls ; sollen zwanzig Personen getötet worden fein. Lin schwerer Lrdstoh wurde auch In C u I r a - ! klon wahrgenommen. 3n Kalamaki stürzten ' fünfzig Häuser ein. Jn IsthnIa wurden zahlreiche 1 Häuser beschädigt. Das Erdbeben Hal einen 6 r ö - ; r I h von etwa achtzig Meter Länge hinterlassen. ' Der Finanzminister hat bereite einen Kredit von fünf Millionen Drachmen für das Hitsswerk zur Verfügung gestellt. Ls ist sicher, dah der Kanal von Lorinth intakt blieb, obwohl die Sauatschlsfahri aus vorsichlsgründen vorläufig unterbunden ist.

Rach einer ergänzenden Meldung der lele- graphen-Union hat die Stadl das Aussehen eine» neuen Pompeji. Jn Korinth selbst und in den Dör­fern Cutrafion, Kaiamaki und Amazdebris find etwa 80 0. h. aller Häuser zerstört, lieber zehn- I tausend Menschen sind obdachlos ge­worden. Durch das Erdbeben wurden in Korinth alle Bäckereien zerstört, so dah die G e s a h r einer Hungersnot droht Aus Athen wur­den daher 20 000 Kilogramm Brot als erste Hilfe abgesandt. Die Regierung hat sofort Hilfszüge und Truppenabkeilungen nach Korinth enlfandt; ferner find aus Athen zwei Dampfer nach Korinth abge­gangen, um die Bevölkerung nach Athen zu brin­gen. 3m Kanal von Korinth hat da» Erdbeben einen solchen Seegang verursacht, dah die Schiffe den Kanal nicht oerlaifen konnten. Der erste Erd­stoß erfolgte um 22.15 llhr unb dauerte fünf Se­kunden. Durch diesen Lrdstoh wurde das Elek­trizitätswerk Korinth zerstört, so dah die ganze Stadt im Dunkeln lag. Aus den ersten Lrdstoh folgten zahlreiche weniger heftige, und 1 zwar wurden bi» gestern vormittag 10 Uhr ins­gesamt 47 Erdflöhe verzeichnet, deren Zentrum Patras und Korinth ist. Die weiter sestgestellt wurde, ist das Beben tektonischer Ratur. Montag mittag find der Innenminister und der Justizmini­ster nach Korinth abgereist. Der Präsident der Republik, der einen Ausruf zur Spendensamm- lung für die Rotleidenden an die Bevölkerung ge­richtet hat, wird sich gleichfalls in das Erdbeben­geb iel begeben.

Ein Friedhof.

Athen, deu 24. April. (WTB. Funkspruch.) Der Sonderberichterstatter des BlattesEthnes" meldet, dah in Korinth 2500 Häuser unbewohnbar geworden sind. Korinth und Sena bieten ein furcht­bares Bild Die Zahl der Opfer wäre noch gröher, , wenn nicht durch die vorhergehenden Erdstöße die Bevölkerung alarmiert worden wäre und die Häuser verlosten hätte, um Schutz zu suchen. Die Stadt sieht wie ein Friedhof aus Auf den Straften liegen überall Schutt und Trümmer von den Häusern. Es herrscht eine Totenstille, und zwischen den Ruinen der Häuser gehen einzelne Personen w i e Gespenster umher.

Der Schauplatz der Katastrophe.

Es ist nicht Da« alle, klassische Korinth, öu« von einem schweren Erdbeben zum großen Teil in Trümmer gelegt worden ist Das Korinth de« Altertum«, die reiche und glänzende Stadt der Hellenen, ist schon seit runo 2100 Fahren eine Ruinenstütte, denn als die Römer bn Fahre 146 v. Ehr. Korinth unter Mummius einnahmen, wurde es gänzlich zerstört Wohl hat E a s a r kurz vor feiner Ermordung die Stadt neu auf­bauen lassen, auch die berühmten Tempel und andere öffentliche Gebäude au# der Hellenenzeil wurden aufs neue errichtet. Aber schon am Ende des dritten nachchristlichen 3ohrhunderts wurde Korinth abermals verwüstet, diesmal von gotischen Scharen, deren Führer A l a r i ch war. Was im Laufe der folgenden 3ahrhunderte au« dem Schutt wieder erstand, das t>ernid)tetcn im 8. Jahrhundert die Slawen. 3mmer elender und unbedeutender wurde die dereinst hoch­berühmte Stadt, zumal nach ihrer im 3ahre 1'59 erfolgten Eroberung durch die Türken Ter blühende Handel von Korinth war langst völlig verfallen und hatte sich ganz nach Pakra« ge­zogen.

Erst al« vor rund einem 3ahrhundert. 1822, Korinth von der Türkenherrschast befreit war, begann es von neuem langsam auszublühen. Aber das Unheil blieb der Stadt nicht fern; diesmal war e3, wie jetzt, ein Erdbeben, dem am 21. Februar 1353 der nur erst kleine Ort völlig zum Opfer fiel. Damit schließt einstweilen die Geschichte der 3000 3ahre alten Stadt ab; denn f.e wurde bis heute nicht wieder aufgebaut, und inmitten der im 3ahre 1853 oerbllgbenen Trümmerstätle hat sich bisher nur ein arm­seliges. aus wenigen Hütten bestehendes Dörfchen angcfiebelt. Die j e t) t durch das Erdbeben ver­heerte Stadt liegt fünf Kilometer nordöstlich vom alten Korinth unmittelbar am Meere, dem herrlichen, in tiefem Blau leuch­tenden Golf von Korinth, und ist eine ganz neue, erst nach dem Erdbeben entstandene Stadt, die die Griechen Rea-Korinthos, Reu-Korinth, nen­nen. Rur der Rame erinnert noch an ihre be­rühmte Vorgängerin; denn von dem Glanz und der Größe Alt-KorinthS hat sich nichts auf die Nachfolgerin übertragen. Rur etwa 7000 bis 8000 Seelen zählt das Gemeinwesen, das gerade, regelmäßige Straßen und vorwiegend nüchterne Bauten aufweist, während das klas.ische Korinth in seiner Blütezeit 80 000 Einwohner gehabt haben soll.

Aber der leuchtende Himmel Griechenlands verklärt noch heute diese heroische Landschast. und bei der Erinnerung an den Hamen der be­rühmten Stadt wird ihre glanzvolle Vergangen­heit wieder lebendig.

Kaum zwei Kilometer von Reu-Korinth ent­fernt beginnt bei dem kleinen Hasen Pvseidonia der Kanalvon Korinth, der den schmalen Isthmus durchschneidet und den Golf von Ko­rinth mit dem von Regina verbindet. Rur 6,3 Kilometer ist an dieser seiner schmälsten Stelle der 3sthmus breit; aber dieser kurze Kanal hat beim Bau nicht geringe Schwierigkeiten verur­sacht. Die ihn zu beiden Seiten erschließenden hohen Gesteinswände besaßen aus weite Strec'en hin nicht die genügende Festigkeit und mußten durch Mauerwerk erst künstlich gegen die Unter» Waschung geschützt werden. Ueberdies bildet ge­rade die Landenge den Herd der zahlrei­chen Erdbeben, die sich hier immer wieder