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Samstag, 24. März 1928

Eichener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Nr.72 Drittes Statt

Täglich 19 Millionen!

Die Kriegsschuldlüge von Versailles und die Dawes Ketten des internationalen Großkapitals senken die Lebenshaltung unserer arbeitenden Klassen, verschärfen das Wohnungselend und er­drosseln die deutsche Wirtschaft unaufhaltsam. Wie sich die Vertreter des Weltgewissens und der Menschenwürde nun Deutschlands Zukunft denken, schilderte Mc Garrah, das amerikanische Mitglied des Generalrates der deutschen Reichs- bank, in einer Rede über den Dawesplan am 15. Januar 1926 in Veuyork: »Wenn die Deut­schen willens sind, täglich 10 bis 14 Stunden zu arbeiten, ohne sich vor irgendeiner Arbeit zu scheuen; wenn die deutsche tirau als Pferd den beladenen Arbeitskarren ziehen hilft; wenn der deutsche Knabe nach der Anleitung des Vaters den Garten bearbeitet, dann kann der Erfolg und die Ernte nicht ausbleiben I" 2Irmer A^unzehn Millionen Mark muh das deutsche Volk jetzt tagtäglich für die Daweslasten. für Schuldzinsen und für Mehreinfuhr an die 27 -Sieger" entrichten, die ihm den . Dedens, vertrau" von Versailles, unter Vruch des Ab- fommenS vom 5. November 1918 (Wttsons 14 Punkte), mit der unwahren und unhaltbaren Behauptung von Deutschlands vorsätzlicher Schuld am Kriege aufgezwungen haben. . . .

Eine befreiende Lat war es deshalb, das, der sozialdemokratische »Volkswille" in Hannover am 29 November 1927 forderte, »daß das ganze Volk einig sein sollte in der Abwehr seiner Be­lastung mit der Verantwortung für den Krieg .

Nur wenn wir unterschiedslos unsere ganze Kraft einsetzen gegen die Kriegsschuldlüge, deren Widerruf fordern und Aufhebung der ihr zu-

Oie Deutschen in Ostafrika.

Im Kolonialamt der Abteilung Berlin der Deutschen Kolonialgescllschaft fand ein Vortrag des Dr. H i n d 0 r f über den Wiederaufbau der deutschen landwirtschaftlichen Unternehmungen in Ostafrika statt. Der Vortragende schilderte ein­gehend die Lage, in die das Deutschtum in der ostasrikanischen Kolonie durch den Versailler Ver­trag gekommen sei. Wie die ehemaligen An­siedler, aus kleine Entschädigungssummen ange­wiesen, Jahr und Tag hätten warten müssen, bis ihnen Juni 1925 die Rückkehr wieder möglich ge­macht worden sei. Dann setzte sofort eine st a r k e deutsche Einwanderung ein, die sich heute auf eine deutsche Gesamteinwohncrzahl von über 1000 heraufgeschoben hat. Allerdings haben nur kleine Teile davon vermocht, sich eigene Siedlungen wieder aufzubauen. Größere Prozent­sätze arbeiten als Angestellte auf Pflan­zungen oder in kaufmännischen bzw. technischen Betrieben. Deutsche Missionen sind wieder ins Land eingezogen. Die Stellung der Deutschen gegenüber dem Angclsachsentum ist recht kom­pliziert. Während sich die Behörden im all­gemeinen korrekt verhalten, seht die englische Einwohnerschaft den deutschen Elementen starken Wider st and entgegen, und fordert darüber hinaus, daß man behördlicherseits die Einwanderung sperren solle.

Schwerwiegender noch für den Wiederaufbau als die vorhandenen beschränkten Mittel der deutschen Kolonisatoren sind die widrigen Ar­beiter- und Lohnverhältnisse. Ar­beiter sind zahlenmäßig gering vertreten, ihre Lohnansprüche sind erheblich höher als früher, ihre Arbeitsleistungen dagegen wesentlich ge­ringer. Trotzdem ist die Wiederaufbauarbeit zu begrüßen, denn sie gibt vielen deutschen Kolo­nisten Möglichkeit zu lohnender und befriedigender Tätigkeit, die sie in der Heimat nicht einmal in diesem für sie wirtschaftlich beschränkten Aus­maße finden würden. Doch auch auf unserer Seite liegt in der neuen Bewegung ein Plus, da vor allem der Export nach Ostafrika sich tn steigendem Maße wieder fühlbar macht. Den größten Anteil hieran hat die Eisen-, chemische und Kunstdüngerindustrie. Aber über diese Fest­stellung hinaus muh nach wie vor die Forderung ausgestellt werden, Ostafrika wie die anderen Kolonien aus den Mandaten zu lösen und sie wieder einem deutschen Kolonialreich zuzusühren.

gründe liegenden Verelendungsverträge, wird eine bessere Zukunft möglich. Denn was sich seit dem letzten Kanonenschuß vor unseren Augen abspielt, ist lediglich eine Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln, um den deutschen Wettbewerb auf dem Weltmarkt auszuschalten.

Darum begrüßen wir mit Freuden das präch­tige, 140 Seiten starke, in Ganzleinen gebundene Taschenbuch von Hans Dräger »Anklage und Widerlegung". Preis 1,25 Mark. Verleger ist der aus allen deutschen Parteien zusammengestellte »Arbeitsausschuß deutscher Verbände", Berlin

In einer gemeinschaftlichen Sitzung der Ge­meinderäte von Wieseck und Alten- B u s e ck, die gestern abend stattfand, erstattete der Verbandsausschuß des Gemeindever­bandes Wieseck-Alten-Buseck den Ge­schäfts- und Kassenbericht des Unternehmens für das erste Geschäftsjahr 1927. Aus den Mitteilungen des Verbandsvorstehers Benner ist folgendes hervorzuheben:

Gemäß 8 12 der Veroandssatzungen umfaßt das erste Geschäftsjahr die Zeit vom 9. De­zember 1926 bis 31. Dezember 1927. Der Betrieb trägt öffentlich-rechtlichen Charakter und hat seine eigene Verwaltung. An der Spitze des Unternehmens stehen ein Derbandsvorsteher, Rechner und 6 weitere Vcrbandsausschußmitglie- der. Von letzteren entfallen 3 auf die Gemeinde Wieseck und 3 auf Alten-Buseck.

Der Betrieb wird so billig wie nur möglich verwaltet. Die Entschädigung der Ausschuhmit­glieder für ihre Aufwendungen an Zeit und baren Linkosten besteht in der Gewährung freier Fahrt. Die Ausgaben für Verwaltung be­tragen im verflossenen Geschäftsjahr (55 Wochen) zusammen 2059,73 Mk.---1.93 Prozent der ge­samten Betriebseinnahmen. Hiervon entfallen auf Vergütung persönlicher Mühewaltung 831,61 Mk. In den restlichen 1228,12 Mk. sachlicher Verwal- tungskosten sind 550 Mark für einen feuerfesten Fahrkartenschrank enthalten.

LLmfangreich war die Tätigkeit des dem Ge­meindeverband als verwaltende Instanz vorge­setzten Verbandsausschusses. In 23 Abendsihungen hatte er über 159 Gegenstände zu beraten und zu beschließen: Erlangung der Kon» zession und Beschaffung eines Mietwagens zwecks Aufnahme des Betriebes nach Alten-Buseck bil­deten die ersten Schwierigkeiten. Kauf zweier neuer Omnibusse und des 6-sihigen Personen­wagens, Erweiterungsbau der Garage, Fahr- und Dienstpläneregelung, tarifliche Regelung der Lohn- und Arbeitsbedingungen des Personals durch Beitritt zum Rheinisch-Mainischen Arbeit­geberverband, die Beförderung der bei Buderus in Lollar und in Mainzlar beschäftigten Ar- beiter zur Arbeitsstelle und zurück und schließlich Abschluß einer Jnsassenunfallversicherung neben der Haftpflicht- und der Versicherung gegen Feuer und Totalschaden dürsten Beispiele dafür sein, vor welch schwerwiegende und weittragende Beschlüsse der Derbandsausschuß im ersten Jahre seiner Amtswaltung gestellt wurde.

Das finanzielle Ergebnis des ersten Betriebsjahres ist befriedigend und dürfte die Rentabilität der Linie nachweisen. Die Ge­samteinnahme (ausschl. des Zuschutzkapi­tals von 32 500 Mk. der Gemeinde Alten-Bu­seck) beträgt 106 522,32 Mk. Hiervon entfallen 31 937,10 Mk. auf die Beförderung auf Wochen­karten, 5724,60 Mk. auf den Verkauf von Fahr- scheinheftchen und 58 198,30 Mk. auf die Be­förderung von Einzelfahrgästen. Der Verkauf von Monatskarten brachte einen Erlös von 3294 Mk. Die Einnahmen aus Gesellschafts- bzw. Taxameterfahrten und Sonstige betragen 7368,32 Mk. Der Detriebseinnahme von 103 522,32 Mk. stehen Betriebsausgaben in Höhe von 76 975.14 Mk. gegenüber. Der Betriebs­überschutz beträgt somit 38771,04 Mk.

Es konnten 15 Prozent am Betriebsvermögen abgeschrieben und 6090,00 Mk. Zinsen lt. Be­stimmung der Deröandssahungen an die Ge­meinden anteilmäßig gezahlt, ferner notwendiges

NW 7, Schadowstraße 2. Das ganz ausgezeichnete Buch dient nicht nur für die eigene Unterrichtung des Lesers, sondern bietet auch für Vorträge und Aufsätze eine außerordentlich geschickte Zusammen­stellung der großen bei der Bekämpfung der Versailler Schuldthesen in Betracht kommenden Gesichtspunkte. Neben der Entstehung des Welt­krieges ist daher auch die Frage der Dölker- rechtsverlehungen während des Krieges behandelt, and zwar durchweg unter Benutzung der neuesten Forschungsergebnisse.

Prof. F. D r e h e r, Friedberg (Hessen).

Betriebsinventar angeschasft und die Werkstatt eingerichtet werden. Die Stadt Hamborn erhielt für den von ihr auf4 Monate geliehenen Sechsradvnmibus an Wagenmiete 8529,73 Mk. Ohne diese Ausgabe hätten etwa 6000 Mark dem Reservefonds zugeführt werden können. Hier hat sich gezeigt, daß die Eröffnung oder Aus­dehnung von Kraftfahrlinien ohne eigenen voll­ständigen Wagenpark nicht zu empfehlen ist.

Die Gesamtjahresleistung beträgt 110 000 Km. Befördert wurden 452 600 Personen, ohne die Gesellschaftsfahrten. Gefahren wurden 9570 Doppelfahrten, so daß sich eine Durchschnitts­besetzung von 23 bis 24 Personen pro Fahrt er­gibt. Der Taxameter wurde an 72 Tagen im Planbetrieb benutzt und leistete hier 600 Km. Die hierdurch erzielte Ersparnis an Betriebsaus­gaben beträgt 400 Mk. In 266 Fällen, in welchen der Personenwagen zu Taxameterfahrten benutzt wurde, brachte et eine Einnahme von 1900,85 Mk. Im Verhältnis zur Gesamtjahres­leistung von 110 000 Km. beträgt die Durch­schnittsleistung des einzelnen der vier Omnibusse 27 500 Km. Diese Leistung steht nicht in günstigem Verhältnis zum Gesamtbetriebskapital, Kraft­fahrzeugsteuer, Versicherung und den sonstigen von der Kilometerleistung unabhängigen Betriebs- lasten. Der Spihenverkehr erfordert aber die vor­handenen vier Wagen, auch ist der vierte Omni­bus als Reservewagen unentbehrlich. Ander­seits sind 15 Prozent Abschreibung in Anbetracht der geringen Beanspruchung durchaus aus­reichend. Bekanntlich leisten die Lastwagen be- währter Fabrikate 250 000 Km. Das setzt natür­lich voraus, daß nach 120130 000 Km. eine Lieberholung stattfindet. Die Lleberholung der zwei Sechsradomnibusse ist für diesen Sommer vorgesehen.

Im allgemeinen hat sich der Gesamtver­kehr im ersten Betriebsjahr zufrie­denstellend und ohne nennenswerte Llnfälle abgewickelt. Wenn auch einmal Llnpünktlichkeiten und kleine Verspätungen vor­gekommen sind, so ist dies in keinem Verkehrs­betrieb (besonders mit Motor und Luftbereifung) vermeidlich. Trotzdem kann gesagt werden, daß die Nichterreichung der Anfchlutzzüge große Seltenheiten waren.

Die Kraftfahrlinie stellt mit 24 Fahrten hin und zurück Werktags und 13 Fahrten Sonntags für Wieseck, und mit 10 Fahrten Werktags und 7 Fahrten Sonntags für Alten-Buseck, sowohl wie für die Stadt Gießen eine ausgezeichnete Verkehrsverbindung dar. Dazu kommen noch die billigen Fahrpreise: Für Einzelfahrten pro Km. 7 Pf. (Post 10 Pf.), für Abonnement 3 Pf. (Post 5 Pf.). Von vielenWinter- oder Schlechtwetterfahrgäste n" wird allerdings nicht gewürdigt, daß so niedrige Abonnementspreife ander­seits auch zu Dauerabonnement ver­pflichtet.

Mit dem erzielten Jahresergebnis bei Bei­behaltung der verhältnismäßig niedrigen Fahr­preise und dem Abschluß einer speziellen Jn­sassenunfallversicherunggegen Tod 5000 Mk., Invalidität 8000 Mk. und 5 Mk. bei vorübergehender Erwerbsunfähigkeit" im Rah­men der bestehenden Fahrpreise glaubt der Vor­stand den beiden Gemeinden sowohl, wie allen Fahrgästen gegenüber im ersten Betriebsjahr des Gemeindeverbandes das menschenmögliche getan zu haben.

Oie Abgrenzung

des Sparkassenverkehrs.

Das Reichssinanzministerium hat dem Reichs­rat eine Verordnung über die Abgrenzung des eigentlichen SParkassenver- kehrs im Sinne der Reichs st euer- gesehe zugehen lassen, die auch für die Oefsent- lichkeit, insbesondere die Wirtschaft, von Be­deutung ist.

Die Verordnung bezeichnet als zum eigent­lichen SP a rl a s sen v e r r e yr gehörig insbesondere folgende Geschäfte: Annahme und Auszahlung von Spareinlagen, die Verwahrung und Verwaltung von Wertpapieren und anderen Wertgegenständen, die Vermietung von Sicher­heitsfächern, den Kontokorrentverkehr, sofern er jedoch mit Krediteinräumung verbunden ist, nur unter der Voraussetzung, daß der Kredit durch Faustpfand, durch eine oder mehrere Bürg­schaften oder durch einen Dreimonatswrchsel mit einem oder mehreren anderen wechselmäßig Haf­tenden gesichert ist, oder daß der Gesamtbetrag der ungesicherten Krediteinräumungen nur einen geringen Hundertsah der im Depositenverkehr bei der Sparlasse vorhandenen Guthaben ausmacht. Ferner werden als zum eigentlichen Sparkassen­verkehr gehörig bezeichnet: Die Einlösung fälliger Zins- und Gewinnanteile, der Giro- und Scheck­verkehr, d. h. der Ein- und Auszahlungsverkehr für fremde Rechnung, die Anlegung verfügbarer Bestände, hierzu gehört auch die Einräumung von Personalkrediten an den Mittelstand (Mittel­standskredit) unter denselben Bedingungen wie bei dem Kontokorrentverkehr, mit dem eine Kre­diteinräumung verbunden ist.

Zum eigentlichen Sparkassenvertehr geboren dagegen nicht: Der Ankauf von Wertpapieren ohne sofortige Bezahlung, der Berkaus von Wert­papieren ohne sofortige Hinterlegung, der An- und Verkauf von ausländischen Zahlungsmitteln für fremde Rechnung, die Einräumung von Per- sonalkredit, wenn die vorherbe,zeichneten Voraus­setzungen nicht erfüllt sind, ferner Geldgeschäfte von spekulativem Charakter.

In einem ausführlichen Gutachten hat der Reichsfinanzhof a s allgemci e Grundsätze, die bei der Einräumung des kurzfristigen Per­sonalkredits gewahrt werden müssen, bezeichnet: sichere Deckung des Kredits und Beschränkung auf die für Mittelstandskredite gezogene Grenzen. Diesem Grundgedanken entspricht die in der Ver­ordnung vorgeschlagene Regelung. Entsprechend dem vom Reichsfinanzhof in seinen: Gutachten eingenommenen Stand, unlt sollen ausnahmswe.se auch ungedeckte Kredite den eigentlichen Spar- kassengeschästen zugerechnet werden können, vor­ausgesetzt, daß sie nur einen geringen Prozentsatz der Depositengelder ausmachen. Als Höchst­grenze soll in den zur Durchführung der Ver­ordnung zu erlassenden Richtlinien ein Satz von 5 Prozent der im Depositenverkehr bei der Spar­kasse vorhandenen Guthaben bestimmt werden. Was den Begriff »M i t tel st an ds kred i t" anbetrifft, so soll dieser In den zu erlassenden Richtlinien nach seiner Höhe abgegrenzt werden, wobei allerdings zu berücksichtigen ist, daß eine einheitliche Höchstgrenze den örtlichen Verfchle- denh^iten der wirtschaftlichen Verhältnisse in keiner Weise Rechnung tragen würde. Die ört­lichen Verschiedenheiten sollen deshalb dadurch berücksichtigt werden, daß die Höchstgrenze für die einzelnen Kredite m ein bestimmtes Ver­hältnis zu den gesamten, bei der Sparkasse vor­handenen Einlagen gebracht wird. Der einzelne Kredit soll V2 Prozent dieser Einlagen nicht über­steigen dürfen, wenn er noch als Mittelstands­kredit gelten soll. Daneben sollen aber noch zwei Höchstgrenzen aufgestellt werden von 15 000 Mk. und 30 000 Mk. Jeder Kredit, der innerhalb der einen Grenze (15 000 Mk.) bleibt, soll ohne weiteres als Mittelstandskredit g.'Iten, und jedem Kredit, der die andere Grenze (30 000 Mk.) über­steigt. sott zunächst die Anerkennung als Mittel- standslredit versagt teerten. Damit soll erreicht werden, daß bei kleinen Sparkassen alle Kredite bis zu 15 000 Mk. und bei großen Sparkassen alle Kredite bis zu 30 000 Mk. als Mittelstands­kredite gelten, während sich bei den mittleren Sparkassen die Höchstgrenze in dem Rahmen zwischen 15 000 Mk. und 30 000 Mk. nach der

©emeinbetobanb Wieseck - Men-Zuseck.

Das Ergebnis des ersten Geschäftsjahres.

Nachdruck verboten.

22 Fortsetzung.

forschend an.

stach ..

nix bei. Ich bin fein dich nit zu genieren. .....- -,, _ , ,

auch emal jung." Er seufzte:Lerder setzt ntt mehr! Aber so viel weih ich doch noch: et ^nn einem en Malör passieren, und man kann eigentlich doch nix dafür du verstehst mich, Maria? Er sah sie

Die MSenen Berge.

Vornan von Clara Diebig.

Copyright by Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart.

Maria räumte den Mittagstisch ab. Herr Douse- mont saß im Lehnstuhl zum Schläfchen, da sing er gleich an:Laß jetzt das Klappern, Kind, komm doch mal her." Er faßte sie bei der Hand und zog sie näher zu seinem Ähnstuhl heran. ^Jetzt sag mir mal ehrlich, warum willste eigentlich fort.

Sie stutzte, aufschreckend sah sie ihn an, es war etwas in feiner Stimme, so etwasellnehmendes, und das beunruhigte sie. Sie schwieg, drehte den Kopf zur Seite, um den Blick seiner Augen zu ver­meiden und lachte verlegen.

Gefällt et dir nit mehr hier?

D doch." Sie bekräftigte es durch mehrmaliges Nicken.

,^at dich die Lena geärgert?!

O." Sie schüttelte jetzt ebenso lebhaft ver­neinend, wie sie vorher bejahend genickt.

Syxt dir irgend jemand rvat zuleid getan ? Nein." Es kam leise heraus und langsam.

Dann in Dreideibels Namen macht' ich wahr­haftig wissen, wat dich, du dumm Dingen, denn anficht! Dich sticht wohl der Haber, oder ha, wat is los, heraus mit der Sprach!

Et zieht so!" Sie riß auf einmal ihre Hand aus der seinen und stürzte zum Fenster.

Et is ja zu," sagte Herr Dousemont trocken und erhob sich vom Lehnstuhl. Er ging zu ihr, die am Fenster stehengeblieben war, mit brennenden trocke­nen Augen in den Garten hinaussah, und legte chr die Hand auf die Schulter, .sch will dir n>atJagen Maria" - er sprach sehr ernsthaft und, so, daß es von seiner gewöhnlichen Art und Weife fefyr ab- wir machen all Dummheiten, da is weiter " - -herziger, vor mir brauchte ) kenn die Well und war

Sie war rot gewesen, nun wurde sie sehr bleich: Ich verstehn Sie nit, Herr Dousemont. Ich weiß gar nit, wat Sie wollen." Sie sah ihn mit weit aufgerissenen Augen starr an: ,Zch soll doch nach Haus kommen. Ä)ir haben zu Haus zuviel ju_ tun, und der Joseph, mein großer Bruder, der kömmt nie mehr, und bloß mit den Jungens schafft et der Vater nit mehr ich muß mit in den Berg.

Du?!" Er sah sie ungläubig an.

In, ich!" Sie wurde plötzlich heftig: ,Hch bin auch bat faule Leben hier satt. Et is viel besser für mich, ich gehen mit in den Berg. Ich will ar= beiten ich muß arbeiten. Ich will nach Haus, lassen Sie mich doch gehen!" Sie schrie es fast: ,Lch muß nach Haus!" .

No, no!" Er schüttelte den Kops.Ich hab ia kein Recht, dich hier zu halten, so gern ich et auch tat. Dat du zur Lese gehn mußt, bat seh ich ja wohl ein, da will ich auch kein Wort mehr über verlieren; aber über die Zeit, daß mein Sohn kömmt, tonntfte du noch hier bleiben. Und bann bei der Nachfeier von der Hochzeit. Denn fiehste, dann en fremd Mädchen im Haus, bat wär mir gräßlich. Ich würde et dir reiflich vergüten, iüaria, wenn du mir den Gefallen tätft. Ich werd et deinem Vater schreiben; der kann sich solang en Aushilf nehmen, ich bezahlen ihm die."

Nein, nein!" Sie fuhr fast wild auf.Dat geht nit, ich muß nach Haus. Ich kann nit mehr bleiben."

So," sagte Herr Dousemont und lächelte fast: das arme Ding, wie es sich verriet! Ihn bauerte die Maria. Sie verschwieg es tapfer, aber wäre es nicht besser, sie offenbarte sich ihm? Er wollte ihr ja helfen. Und seinen Arm um ihre Schulter legend, jagte er, seine Stimme dämpfend:Siehst du, Kind, ich dacht ich meint" nun wurde es ihm doch schwer, es ihr auf den Kopf jo zuzusaaen, er sprach noch leiser:Ich dacht, ihr hättet euch zu lieb ge­habt, du und dein Kaspar, und darum müßtest du °TStet Kaspar?!" Sie lachte plötzlich so laut auf, daß er zusammenfuhr.Der Kaspar?! Sie lachte wie besessen, schier krampfhaft.

Erschrocken klopfte er sie auf den Rucken:Uto, no!" So zum Lachen war das doch nicht. ,Et hatt doch leicht sein können."

Nein, Herr Dousemont," sagte sie auj emmw mit einer Stimme, die ganz heiser geworden war

durch das allzu heftige Lachen, und wischte sich Tränen ab,da sind Sie ganz irr."

Sie sagte das so fest und sah ihn dabei so an, daß er es ihr glauben mußte. Aber wer, zum Kuckuck, konnte es bann gewesen sein? Er wurde unsicher: täuschte er sich am Ende, hatte er sie in falschem Verdacht gehabt? Um so besser!Dann tonntfte aber doch wirklich noch über die Hochzeit bleiben," stotterte er.Tut et mir doch zulieb ja?" Er hielt ihr die Hand hin und sah sie bittend an mit dem guten Blick seiner etwas verschwom­menen blauen Aeuglein.So lang dann wenigstens, Maria, ja? Maria, gib mir die Hand drauf!'

Da legte sie, sich überwindend, in seine sie be­drängende Hand ihre Hand. Die war kalt und zuckte.

In Porten waren sie sehr erstaunt, daß die Maria schrieb, sie würde bald heimkommen. Die Mutter war die einzige, die es nicht so überraschte; sie hatte es ja damals beim letzten Besuche im Mai schon bemerkt, daß nicht alles ganz stimmte. Die Maria war also doch nicht so gern dort gewesen. Ihr war es ganz lieb, daß die Tochter nach Haus kam, wenn sie ehrlich fein sollte, mußte sie sagen, sie freute sich daraus. Dann hatte sie doch jemand, mit dem sie sich aussprechen konnte, die anderen Kinder waren noch zu jung, und mit Stemm war ja jetzt nicht zu reden. Oh, wie hatte sich ihr Mann doch verkehrt! Nichts an ihm war wie früher. Und er ging dahin^ ganz in sich versunken. War es bas Schicksal mit dem Joseph, bas ihn so verstörte? Er hatte doch nie viel von dem Jungen gehalten, nicht halb so viel wie sie, und doch mußte sie jetzt die Stärkere sein.

Totenblaß war Bremm an jenem Morgen zu seiner Frau zurück ins Haus gestürzt, er hatte sie mit sich hinaus auf den Hof gerissen sie war noch im Unterrock, ohne Schuh und Strümpfe, da hatte er ihr es gewiesen, den Finger stumm ausstreckend. Auf der Stalltür stand mit Rötel ge­kritzelt, aber doch deutlich zu lesen:

,Zch laß mich anwerben. Lebt wohl.

Joseph."

Die Mutter war in unstillbares Schluchzen ausge­brochen:Der Joseph? O mein Joseph?" Und im Bösen war er von ihnen gegangen, das war zu schrecklich! Bremm hatte fein Naß im Auge ge­

habt, er stand nur stumm und bleich da, so bleich, daß die Frau dachte, er fiele um, und hielt die Fäuste geballt. Sie hatte ihn angefleht:Laus ihm nach, sieh zu, daß du ihn kriegst bat hat er heut nacht geschrieben, gestern abend stand noch nix da er kann noch nit weit sein. Lauf, fahr mit der Bahn'. Hol ihn ein, such ihn, mach, mach!" Sie drängte ihren Mann dem Hause zu:Mach, zieh dich an, mach doch, dat du forttömmft! Du darfst nit wiederkommen ohne ihn bring den Joseph zurück, bring mir den Joseph!"

Aber Bremm hatte sich nicht gerührt; die Arme schlaff herunterhängen lassend, stand er da, als wäre er aus Stein. Seine Augen stierten die Stall­tür an: rot war die Schrift auf ihr, rot, mit Rötel geschrieben nein, mit Blut! Mit Blut!

Mann, Mann!" Die Frau rüttelte ihn:Hör doch, lauf, bring ihn wieder! Die dürfen ihn nit behalten/

Dürfen? Wer fragt nach »dürfen'? Wat die haben, behalten die auch. Tot der dritte tot!" Und damit schob er sie non sich und ging ohne weiteres Wort fort in den Weinberg.

Seit der Zeit kannte die Bremm ihren Mann nicht mehr; sie hätte ihn bester verstanden, wenn er mit ihr gemeint hätte. Bremm war vor kurzem in Trier gewesen, da hatte sie aufgeatmet: wenig­stens verkaufen wollte er jetzt, er war auch bloß darum nach Trier gefahren, aber er kam wieder ohne Erfolg. Es war fo, wie der Feiden gejagt hatte: fein Geld, fein Geschäft und nach dem Ein­undzwanziger schon gar keine Nachfrage mehr. Das Fuder blieb im Keller immer noch, immer noch! Die Frau begann es zu hassen. Was hatte ihr dies Fuder schon für Kummer gemacht! Erst, weil er es durchaus nicht verkaufen wollte, und jetzt, weil er es nicht verkaufen konnte. Da lag es, bequem hinge­lagert, fo voll und rund und behäbig es war ihr wie ein Hohn ihr Mann war ausgezehrt.

Sie waren alle mager. Selbst die zwei Jüngsten, der fjanni und das kleine Christinchen, hatten die runden Kinderwangen nicht mehr. Frau Anna mußte sehr sparen. Wenn die Sonne nicht gewesen wäre, die alles durchtränkende Sonne, die auch dem Men- chen ins Blut bringt und bis in den Magen scheint, 0 wären sie dazu noch blaß gewesen. Aber das war nicht möglich, goldig getönt so wie Berge und Mosel und Muren auch Ine Gesichter. (Forts, folgt.)