Schlichtungszwang zu einer großen Unehrlichkeit geführt, unter der gerade die guten Schlichter leiden, Vie bestrebt sind, die Autorität iijceö Schiedsspruches in Einklang zu bringen mit dem Bewußtsein beider Parteien, in den Verhandlungen die richtige Grenze zwischen vertretbarem Anspruch und vertretbarer Belastung erkämpft zu haben. Den Schlichtern ist es in vielen Fällen unmöglich geworden, diese Grenze, die ein versöhnendes Kompromiß ergibt, zu ermitteln, weil beide Parteien ihnen keinen reinen Wein über die Tatsachen und die wirkliche Stimmung ihrer Angehörigen einschenken. Zuweilen haben beispielsweise Arbeitgeber sich bis zur Fällung des Schiedsspruches heftig gegen eine geringe Lohnerhöhung gewehrt, sber sofort danach den Schiedsspruch durch freiwillige Lohnaufjchläge überstürzt und dadurch gerade die Autorität des maßvollen Schlichters geschwächt. Anderseits kehrt sich der Zwang der Berbindlicherklürung praktisch nur gegen den Unternehmer. Er ist faßbar, aber nicht der einzelne Arbeiter. Eine Derbindlicherklärung versagt also durchweg gegenüber ■ einer streikenden Arbeiterschaft: sie kann allenfalls ihre Unterstützung durch die Gewerkschaften verhindern. Sie wirkt aber gegenüber dem Unternehmer; er kann Mit Erfolg auf Zahlung der erhöhten Löhne verklagt werden.
Die Entwicklung wurde noch kürzlich bestätigt bei dem Lohnstreik in der mitteldeutschen Metallindustrie, wo der Vertreter des Reichsarbeits- ministers es nicht wagte, den Dreipfennigschieds- spruch für verbindlich zu erklären und erst ein neues Verfahren den Zuschlag erhöhen muhte, ohne daß Lage und Voraussetzungen sich geändert hätten. Auch hier siegte also nach vorheriger Zurückhaltung das übliche Verfahren, ziemlich eine Mitte zwischen aufgeblähter Forderung und grundsätzlicher Ablehnung zu ziehen.
Es ist nach alledem verständlich, daß die Autorität des Schlichtungswesens stark einge- schrumpft ist. Der Schiedsapparat gleicht nicht mehr genügend aus; unter der Decke formaler Zwangseinigung stauen sich die Reibungen. Es ist falsch, die Zwangsschlichtung zu übertreiben. Sicherlich ist ein langer Arbeitsfriede durch eine Steigerung des Lohnniveaus nicht zu teuer erkauft, vor allem, in einet' Konjunkturzeit. Sicherlich ist ohne Streiks und Aussperrungen der Ertrag der nationalen Wirtschaft, das Sozial« Produkt größer. Aber die dauernde bureau- kratische Betreuung des Arbeitsfriedens durch ein System, das zudem einseitig arbeitet, wirkt ebenfalls zersetzend. Entweder muß eine größere Zurückhaltung des Schlichtungswesens in der Anspannung der Wirtschaft eintreten, oder eine Auflockerung des Systems erfolgen, die wieder natürlichere Grenzen zwischen sozialer Forderung und wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit ermitteln laßt. Es scheint fast, als ob regelnde, Grenzen für beide Parteien seyenbe Mittel des Arbeitskampfes nicht ganz verstopft werden darf. Außerdem sollte man erwägen, die Verbindlicherklarung an die vorherige Zustimmung, zumindest an den Richteinspruch des Reichswirtschaftsministers zu binden, weil das Reichsarbeitsministerium in gewissem Grade zur Betreuungsbehörde der Arbeitnehmerschaft geworden ist.
Spielplan der Frankfurter Theater.
Opernhaus. Sonntag, 25. März, 19.30 bis gegen 22.30 Uhr: Cosi fan tutte. Montag, 26., 18.30 bis 23 Uhr. Tristan und Isolde. Dienstag, 27., 19.30 bis gegen 22.30 Uhr: Cosi fan tutte. Mittwoch, 28., 19.30 bis 22 Uht: Gastspiel Margherita Salvi: La Traviata (Violetta). Donnerstag, 29., 19 bis gegen 22.30 Uhr: Die Zauberflote. Freitag, 30., 19.30 bis 22 Uhr: Tiefland. Samstag, 31., 20 bis nach 21.30 Uhr: Elektra. Sonntag, 1. April, 19.30 bis nach 22.30 Uhr: Der Zigeunerbaron. Montag, 2., 19.30 bis gegen 22.30 Uhr: Cosi fan tutte.
Schauspielhaus. Sonntag, 25. März, 20 bis gegen 23 Uhr: Reidhardt von Gneisenau.
Montag, 26., 20 bis 22.30 Uhr: Das Käthchen von Heilbronn. Dienstag, 27., 20 bis 22 30 Uhr: Schinderhannes. Mittwoch, 28., 20 ins gegen 23 Uhr. Reidhardt von Gneisenau. Donnerstag, 29., 20 bis 22.30 Uhr: Ein Volksfeind. Freitag, 30., 20 bis nach 22 Uhr: Max der Prominente. Samstag, 31., 20 bis gegen 23 Uhr: Reidhardt von Gneisenau. Sonntag, 1. April, 15.30 bis 17.45 Uhr: Im weißen Rößl. 20 bis nach 22 Uhr: Max der Prominente. Montag, 2., 20 bis gegen 23 Uhr: Reidhardt von Gneisenau.
Aus der Pwvinzialhauptstadi.
Gießen, den 24. März 1928.
Oie Arbeiismarkttage im nördlichen Oberhessen.
Veranlaßt durch die günstige Witterung um die Mitte des Monats Februar hatte man damals im Bereiche des Arbeitsamtes für das nördliche Oberhessen (Stadt und Kreis Gießen, sowie die Kreise Als'eld, Lauterbach und Schotten) gehofft, daß sich die Lage b e QI r» beits Marktes im Verlaufe der nächsten Wochen wesentlich günstiger gestalten werde. Qlllein das Auftreten der neuen Frost- Periode zu Beginn des Monats März machte diese Hoffnung zunichte. Ein Teil der baugewerblichen Betriebe stellte die bei der günstigen Witterung angenommenen Arbeiten alsbald wieder ein, und bis heute kann erst nur ein ganz langsames Wiederaufleben der Arbeit auf diesem Gebiete bemerkt werden. ZU beachten ist weiter, daß die Holzhauerarbeiten im Bereiche des Arbeitsamtes im Laufe der letzten Wochen beendet wurden und dadurch neue arbeitsuchende Kräfte auf dem Arbeitsmarkte erschienen sind. Lediglich dem Umstand, daß die Landwirtschaft einen Teil Arbeitskräfte anforderte und ferner Ql ö t st a n d s a r b e 11 e n in Dießen, Lauterbach, Schlitz und Allendorf (Lahn) ausgeführt werden, ist die geringe D e fs e r u n g der Arbeitsmarktlage in der Zeit vom 15. Februar bis 15. März zuzuschreiben. Im einzelnen ist ziffernmäßig zu berichten:
Arbeilslosenfllrsokge:
GießeN-Stadt: Am 15. März: 218Haupt- unterstützungsemp änger» 265 Zufchlagsempsänger (am 15. Februar: 279 bzw. 403); Kreis Gießen: Am 15. März: 837 Hauptunterstühungs- empfänger, 1222 Zuschlagseinpfänger (am 15. Februar: 978 bzw. 1322); Kreis Alsfeld: Am 15. März: 577 Häuptunterstühungsempfänget, 883 Zuschlagseinpfänger (am 15. Februar: 589 bzw. 754); Kreis Lauterbach: Am 15. März: 308 Hauptunterstützungsempfänger. 463 Zuschlags- empfäNger (am 15. Februar: 302 bzw.. 484); Kreis Schotten: Am 15. März: 319 HaUpt- unterstühUNgsempfänger, 479 Zuschlagsempfänger (am 15. Februar: 327 bzw. 520); insgesamt: Am 15. März: 2339 Hauptunterstützungsemp- sänger, 3312 Zuschlagsempfänger (am 15. Febr.: 2475 bzw. 3483).
krisenfürsorgeempfänger:
Gießen-S tadt: Arn 15. März: 108 Hauptunterstüh ungsempfänger, 195 Zuschlagsempfänger (am 15. Februar: 129 bzw. 219); Krels Gießen: Am 15. März: 51 Hauptunterstühungs- empfänger, 84 Zuschlagsempfänger (am 15. Februar: 72 bzw. 89); Kreis Alsfeld: Am 15. März: 46 Hauptunterstützungsempfänger, 42 Zuschlagsempfänger (am 15. Februar: 30 bzw. 39); Kreis Lauterbach: Am 15. März: 20 Hauptunterstühungsernpfänger, 28 Zuschlagsempfänger (am 15. Februar: 4 bzw. 7); Kreis Schotten: Arn 15. März: 38 Haupt- unterstützungsempsänger, 47 Zuschlagsempfänger (am 15. Februar: 8 bzw. 35); insgesamt: Am 15. März: 263 Hauptunterstühungsempsänger, 396 Zuschlagsempfänger (am 15. Februar: 243 bzw. 389).
Oie Autostraße Frankfurt — Basel.
WSN. Nach einer Mitteilung der S) a f r a b a soll mit dem Bau der Au to st räße strecken- weise dort begonnen werden, wo die verkehrswirtschaftlichen Verhältnisse besonders günstig liegen. Die Teilstrecke WirtschaftsgebietFränkfurt— Mainz —Wiesbaden über Darmstadt nach dem Wirtschaftsgebiet Heidelberg—Mannheim—Ludwigshafen ist als e r ft e r Bauabschnitt unter Einbeziehung der in baureifer Vorbereitung befindlichen Autostraße Mannheim—Heidelberg in Aussicht genommen.
Gießener Wochenmarktpreisc.
Es kosteten auf dem heutigen Wochenmarkt: Butter 160 bis 180, Matte 30 bis 35, Käse (10 Stück) 60 bis 140. Wirsing 40 bis 45. Weißkraut 20 bis 25, Rotkraut 40 bis 45, gelbe Rüben 20, rote Ruben 20,, Spinat 50 bis 60, Unter Kohlrabi 10 bis 12, Ärünkohl 45, Rosenkohl 80, Feldsalat 150 bis 200, Endivien 100 bis 120, Tomaten 130, Zwiebeln 25, Meerrettich 40 bis 100, Schwarzwurzeln 60 bis 90, Kartoffeln 4 bis 5. Aepftzl 10 bis 18, Birnen 10 bis 15, Suppenhühner 100 bis 120 Pf. das Pfund; Eier 11 bis 12, Blumenkohl 60 bis 180, Salat 40, Lauch 10 bis 25, Sellerie 10 bis 50 Pst das Stück; Radieschen Bd. 30 Pf.
*
' Bekämpfung dSr Schnäkenplage. Die Grundstückseigentümer werden nochmals auf die Bekanntmachung des Kreisamts Gießen im Amtsverkündigungsblatt Rr. 18 vom 6. März hin- gewiesen, wonach jeder Grundstückseigentümer verpflichtet ist, im April jedes Iahres aus seinem Grundstück befindliche, den Schnaken zur Brut dienende Gewässer (Wassertümpel) Regenfässer, Bassins, Wasserlachen, Iauchegruben, Abort» gruben usw. mit einem zur Vertilgung der Brut geeigneten Mittel (Saprol, Petroleum usw.) zu übergießen. Richtbefolgung hat Bestrafung zur Folge.
** Vieh markt in Gießen. Am Dienstag Nächster Woche findet in Gießen Rindvieh-lRuh- vieh°)Markt statt. Der für den folgenden Mittwoch vorgesehene Schweinemarkt ist auf den 18. April verschoben worden.
*■* Festgenommen wurden, wie der Polizeibericht mittcilt, eine Person wegen Urkunden- sälschung und Betrugs und eine weitere Person, die in Klein-Linden einen Diebstahl in einer Wirtschaft ausgeführt hatte. Ferner wurde Noch eine Person verhaftet, die sich auf dem hiesigen Wohlfahrtsamt ungebührlich benähm, sich des Hausfriedensbruches schuldig machte und einem zu Hilfe gerufenen Polizeibeamten Widerstand leistete.
Diebstähle. Wie der gestrige Polizei- bericht mitteilt, wurden in der Rächt zum 29. Februar aus einem Gärten hinter einem Hause in der Liebigstratztz drei Paar neue graue Strümpfe und ein noch gut erhaltener lila Unterschlüpser, die dort zum Trocknen aufgehängt waren, gestohlen. Ferner wurde in den letzten Wochen aus dem Heßschen Lager an der Margaketenhütte der größte Teil eines Ballens Lumpen, der aus bunten Deckenabfällen bestand, entwendet. Sachliche Mitteilungen erbittet die Kriminalpolizei.
** GoldeneHochzeit. Am 27. März feiern der Friebhvfsverwalter i.R. Friedrich Lö - b e r und Frau Marie, geborene Wagner, das Fest der goldenen Hochzeit. Der mln 75 jährige Iubilar genügte von 1875—1878 in der Leibkompagnie des 116. Infanterieregiments seiner Militärpflicht und trat als Hilfsschuhmann im Iahre 1883 in den städtischen Dienst. Am 1. Iuli 1889 wurde er zum Friebhvfsverwalter Ernannt, und er hat dieses Amt auf dein alten Friedhof bis zum 11. Rovember 1926 geführt. Infolge dieser langjährigen Tätigkeit ist Friedhofsverwalter L ö b e r zu einer in allen Kreisen der Bevölkerung bekannten Persönlichkeit geworden. Auf dem alten Friedhof hat et bei 7014 Beerdigungen mitgewirkt. Zeitweise hat er während des Krieges auch die Arbeit des zum
Heeresdienst eingezogenen Friedhof sverwakkerS des neuen Friedhofs übernommen.
** Der Verband fürDeutscheFrauen- kleidung und Frauenku^lfur, Ortsgruppe Gießen, hielt seine diesjährige Frühjahrsmesse am Dienstag und Mittwoch im großen Saale des Cof6 Leib ab. Der Verband verfolgt bekanntlich mit den Messen — im Frühjahr und im Herbst — den Zweck, die fortschrittlichen Leistungen modernen deutschen Kunsthandwerks und die künstlerisch veredelten industriellen Erzeugnisse in geschmackvoller, zusammenfassender Weise hervorzuheben. Der Erfolg dieser Messen und der immer größer werdende 'Zuspruch beweisen, daß es notwendig und zeitgemäß war, diese Wertarbeit den deutschen Frauen näher- zubringen. Die Auslese, die die Ausstellung brachte, sollte einen Einblick in die verschiedensten Werkstätten sein und für die hiesigen Geschäfte — (Röhr, Kühn, Werkstatt WehrUm, Schuhhäuser Metropol, Süß und Waldschmidt; außerdem für Thalysia Frau Schlumberger Und für Handweberei (Sappe Frau Roese) — eine Gelegenheit bieten, ihre Einstellung für die Verbandsbestrebungen zu zeigen. Mit dem ersten Tage der Messe war eine Vorführung der Bodeschuie für Körpererziehung unter Leitung von Rudolf Hartung, Mitarbeiter der Bodeschuw, der schon datz zweite Mal mit einigen Schülerinnen der Bode-Lehrerin Frt. Striedinger (Frankfurt) in Gießeki an die Oefsentlichkeit getreten ist, verbunden. Es wäre zu wünschen gewesen, daß die Vorführung besser besucht gewesen wäre, da woyk selten so klare Richtlinien für allgemeine Körpererziehung vorgezeigt wurden, wie bei dieser kleinen, aber sehr vielseitigen Aufführung. Eine Kleiderschau, der Höhepunkt der Ätesse, zeigte den zahlreich Erschienenen Erzeugnisse aus den verschieoensten, dem Verbände angeschlossenen Werkstäten. Sie wurden mit großem Beifall ausgenommen.
Oberheffen.
Landkreis Gießen.
* Wieseck, 24. März. Dieser Tage sanden sich die 6 5jährigen Altersgenossen beiderlei Geschlechts, die in unserem Orte noch 25 bis 30 Personen zählen, bei Alterskollege Walz zusammen. Es wurde beschlossen, im M a i eine Feier zu veranstalten, wozu einige in Amerika und in Deutschland lebende Alters»' töllegen erwartet weiden.
61 Lollar, 23. März. Die Provinz Oberhessen hat im Bdrjahke die Durchgangs st rage Gießen-^Marburg von dek Stadtgrenze Gießen bis zum Ortsei ngaag von Lbllär und vom entgege g-sehtch Ortsausgartg von Lollar bis zur Abzweigung der Straße Odenhausert-— Staufenberg mit Kleinpflaster versehen lassen. Man mühte f. Z. die Pflasterung al dieser Stelle vorläufig beenden, weil das Restfrück der Straße bis zur Landesgienze ohne größere Ausgleichungen in der Höhenlage zllk Pflasterung nicht geeignet schien. Der Zustand dieser Teilstrecke war jedoch derart, däß eine Aenderung dringend als notwendig erachtet wurde, da das Befahren drr „Tiefenbach" mit steilem Ab- und Aufstieg auf kurze Entfernungen, insbesonbere bei nasser Witterung mit Gefahr verbunden war. Die jetzt im Gange befindliche Ausgleichung erstreckt sich vor allem auf eine Höher- legung der Straße im Tale und auf eine Abtragung der beiderseitigen Köpfe. Die Durchführung dieser Straßengestaltung bedingt größere Erdbewegungen. Gegenwärtig find, nachdem das Postkabel anderweitig verlegt ist, etwa 60 Arbeiter mit der Aotragung der alten Straßendecke auf dem Stück her Aufschüttung beschäftigt. Mit leichten Sprengungen zu werden. Der Steinschotter wird mittels Kippwagen auf mehrere hundert Meter langem Schienengleis durch einen Buildogg gleichfalls zum Zwecke der späteren Wiederverwendung in höhere Lagen verbracht. Diese Arbeit dürfte vor- aussichsllch" gegen Ende dieser Woche durchgeführt fein, um dann alsbald mit den Erdöe» toegungen zu beginnen. Die neue Straße kommt im Tale an ihrer jetzigen tiefsten Stelle etwa 3,80
■■■■»■■»■■■MCW» III1 nimm BM—M—t»
Wolfgang Goetz: „Reidhardt von Gneisenau".
Erstaufführung
int Frankfurter Schauspielhaus.
Es war eigentlich eine Sensation von vorgestern. Sehr spät ist der „Gneisenau" nach Frank- surt gekommen. An vielen deutschen Bühnen ist er inzwischen erschienen, und in Berlin haben sie ihn vielleicht schon vergessen über G o e h e n s jüngstem Werk, dem irischen Freiheitsdrama „Robert Emmet".
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„Radetzky arbeitet gleich mir hinter der Gardine und verdient den Lorbeer, den man auf Schwarzenbergs Haupt setzt" —„ dieser merkwürdige Ausspruch Gneisenaus über Schwarzenbergs Generalstabschef könnte, wie Goetz selber bemerkt, als Motto über dem Schauspiel stehen. Mit diesen Worten hält man den Schlüssel zu seinem Stück in der Hand.
Das ist ein Schauspiel voller Uniformen. Voller Männer, voller Soldaten und Waffenlärm. (Rur zwei Frauen tauchen flüchtig auf und verlieren sich bald.) Ein preußisches Stück. Zwischen Tauroggen und Waterloo, spielend in 17 Bildern. Aus dem Wirbel kriegerischer Gestalten, mehr oder weniger vertrauter Ramen, wird dieser eine grell und scharf herausgehoben, den man minder im Mittelpunkt erwartet hätte, als etwa Borck, Stein oder Friedrich Wilhelm. Mit nichten: für Goetz sammelte sich menschlichstes Schicksal in diesem einem: in Gneisenau. Unruh mit seinem „Louis Ferdinand" gestaltete Aehnliches von ganz anderm Blickfeld aus.
Im Programmheft erzählt Goetz etliches über feinen Weg zu Gneisenau; man vernimmt hier etwa, wie der kleine Knabe Wolfgang schon mH dreitausend Männlein Bleisoldaten die Schlacht von Waterloo historisch getreu ausstellte. Man hört von einer wertvollen Autographensamm- iung, deren frühestes und köstlichstes Stück ein Brief Gneisenaus war. Der Neunjährige findet in einem Geschichtswerk seines Helden Bild und „verliebte sich in diesen wunderlichen Offizier, der so gar nichts Bärbeißiges und Eisenfresse- risches an sich hatte, sondern der eher an die Köpfe der Musiker erinnerte, die in den Zimmern des Großvaters... hingen." Später findet er im Subskribentenverzeichnis zu einer Wozart- biographie von bekannten Ramen außer Humboldt und Mendelssohn nur Gneisenau „Das wunderte mich, denn bei kommandierenden Generälen ... war ich auf allzuviel Musikverständnis nicht getroffen." Rimmt man hinzu, daß Goetz,
einer griffen Porträtähnlichkeit wegen, zum Posener Gneisenau-Denkmal dem Bildhauer Modell sitzen mußte... die spätere Bekanntschaft mit den Briefen des Generals, in denen seelische Konflikte unter glatter Oberfläche verborgen schienen, mit den dicken Wälzern von Hertz und Treitschke... und die vorhin angeführten Worte über Radetzky —, dann ist Goetzens Weg zu GneisenaU mit den HauptmeileNsteinen bezeichnet.
Was war es also mit Gneisenau? Wieso ist er es, gerade er, nicht etwa QJotcf, dessen Prinz- Von-Homburg-Schicksal geradezu nach würdiger Gestaltung schrie, und dessen Äfsäre hier doch nur eben gestreift wird. Gneisenau ist bei Soetz eine ähnliche Rolle zugeteilt wie jenem Hannibal in Grabbes bestem Drama: fein Geschick ist dem des Puniers verwandt; et ist das Genie, das ewig im Schatten steht und von der ilmtoelt erdrückt wird; so wird der Sinn des Ganzen ^vielleicht am einprägsamsten und bildhaftesten zusammengefaßt in der prachtvollen Fahnenszene am Leipziger Rathaus nach der Schlacht. Ungeheurer Iubel umbrandet Blücher, Friedrich Wilhelm, die beiden stemöen Kaiset und die Generalität... den Gneisenau steht kaum einer art, der König geht mit kühleN Worten ah ihm vorbei; aber der junge Scharnhorst läßt die Fähnenkompagnie die erbeuteten Trikoloren huldigend vor ihm senken... der Präsentietmarsch wikbelt, Gneisenau hebt dankbar lächelnd den Arm — da kommt der Generaladjutant und verbittet sich den Lärm, der die Majestäten stören könnte. Mag äußerlich sein, dieses Bild... Theater, Schauspiel für die Sinne ... aber die Szene war von hinreißender Wirkung.
Man könnte ängstlich werden und für das Gelingen der Aufgabe fürchten, bei so viel itni«= formen, Säbeln. Sporen, Armeemärschen, Kanonendonner und Schlachtgetös. Aber dies ist das Feine an dem Schauspiel: Gneisenaus Gestalt, obwohl ganz soldatisch, ganz preußisch, ganz streng gezeichnet, ist für Goetz nicht ein General wie alle andern, sondern, um es zugespitzt zu Tagen, jener höchst täte und merkwürdige Offizier, oet sich neben Humboldt und Mendelssohn für die Mozart-Biographie interessierte. Mit anderen Worten: fein Wesert wird, ohne vom Militärischen, ohne vom Preußischen, das tief irt diesem Schildauer wurzelt, im mindesten etwas zu verlieren, vergeistigt, verinnerlicht und vermenschlicht. Der Rame. der zuvor leerer Schall war, bekommt Resonanz im Charakterbild. Dies bebt das Schauspiel über ein gutes Dutzend waffenklirrender Hurradramen kleiner Dilettanten hinaus. Die „innere Mischung" des Helden rückt düs Werk wiederum in Untuhs Rachbärfcha t: Gneisenau ist ein Schöngeist, Freund aller Künste wie der
Preußenprinz: er sitzt im Feldlager und macht Dürfe wie Fridericus. Et sieht mehr als die andern und darf nicht Führer fein. Er ist das wahre Genie im preußisches Stabe, aber die anderen sehen es nicht, oder wollen es nicht wissen. Er wird immer im Schatten des draus- gängerischen, volkstümlichen, geistig belanglosen Blücher stehert. Et wird immer in die Ecke gestellt werden» immer die Tür vor bet Rase zugeschlagen bekommen, immer andere sich vor- gezogen, andere die Früchte seines Könnens ernten sehen. Er wird zuletzt immer einsam sein. Wie Hannibal. Wie Bork. Wie Unruhs „Louis Ferdinand".
Gneisenau ist ehrgeizig. Er ist ein Rebell äus preußischem Pflichtgefühl. Et ist ein Mensch von arkastischem Weitblick, der den Dingen ins Herz ieht. Et ist ein einsamer Obetster, der hakt ein muß gegen seine liebste FraU, der im Feldlager die Marketenderin bet sich fingen läßt, indes die andern den Sieg feiern. Liber wie er das Mädel kaum im Arm hält... kommt der rotnasige Blücher hereingeplaht und feixt mächtig, wie er die Umarmung sieht. Diese Szene rückt neben jene andere mit den Fahnen, und eigentlich neben alle übrigert. Bis ganz zuletzt ... Zwar ist auch ihm einmal seine Welt- mihüte geschenkt, wenn et bei Waterloo unter der Mühle das Schicksal seines Volkes, die Zu- kuhst Europas in seinen Händen halten darf und wunderbar hält. Dann aber, zum Schluß, in den Tuilerien, ist er doch wieder nur der Mann aus Schildau... den als kleines Kind feine Mütter verlor... der ewig auf falschem Posten steht... den keiner sehen mag ... und der Von Friedrich Wilhelm angeschnarrt wird.
Was gegen das Stückzu sagen ist? Richt sehr viel. Dies etwa: der Martn Goetz, preußischer Regierungsrat bei der Filmprüfstelle seines Zeichens, ist immer noch ein wenig Kind geblieben, der kleine Wolsgartg, der sich mit unzähligen Bleisoldaten die Schlacht bei Waterloo aufstellte. Er hängt noch am AeUßerlichen, am Anekdotischen, am Beiwerk; er liebt es, Trommelwirbel zu schlagen, Kommandos schmettern und ausntarschieren zu lassen. Gr gerät auch bisweilen ins Erzählen; er kommt nicht vom Monolog los, und manchmal^ auch nicht vom wirksam gestellten Bild, das nicht viel mehr als „Bild" ist. (Scharnhotsts Tod.) Don, historischen Einwürfen soll keine Rede fein. Sichet ist sein Gneisenau nicht geradezu ^falsch". Die Figuten- fiille zersplittert aber hier und da die dramatische Linie, führt ins Chronikalische ab, und läßt auch manches blaß und unscharf erscheinen neben dem helldunklen Helden.
Belanglos bleibt am „Gheisenau" im letzten Grunde das Geschichtliche. Wichtig ist, daß dieses Preußendrama zutiefst ein Menschenschauspiel wurde, daß die vox Humana den Schlächtehlärm nachhallend übertönt.
Rach der zweiten Pause ging der Vorhang unzählige Male auf Und nieder. Der Beifall schwoll immer aufs neue art die Rampe, rief immer aufs neue die beiden heraus, die vor allen andern den stürmischen Erfolg auf ihren Schultern trugen: Robert Taube und Fritz Peter Buch.
Buch, der Spielleiter, zwang die Vielfalt der Szenen zur Einheit, sammelte Stimmen und Gegenstimmen zu einem klingenden Chor. Die Drehbühne reihte eilig Bild an Bild... in großer Sparsamkeit winklig und hoch oder relief- artig schmal gebaut, aber niemals dürftig, alles von Farbe und Stimmung erfüllt. Däs sichere Stilgefühl des Malers Walter D t n s e stand dem Regisseur vortrefflich zur Seite, schuf ruhige, klare Lokaltöne Und schlichte Raumslächert als Hintergkund und Rahmung für die bewegliche Fülle an leuchtendem Blau, Rot, Silber, Schwefelgelb und hellem Grau der Monturen.
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Wir kennen nicht den Berliner Gneisenau des Werner Krauß, aber wir lieben den Frankfurter, der von Robert Taube meisterlich gefaßt war. Seit langem sahen wir nicht eine so blutstrotzende, überlegen geformte, ganz geistige Gestaltung. Dieser Gneisenau war weit mehr als eine pot- trätähnliche Reminiszenz, chronikal sche Mittel- sigut — kämpferisches, leidendes Menschentum sprengte die einschnürende Korrekihe t der Uniform, grübelte, quälte sich, mühte sich, trotzte, herrschte und verzichtete in jedem Wort, jedem Blick, jedem Schritt. Männlich» gütig Und vornehm stand er da — ein Offizier voller Strenge und Pflichtgehorsam» ein Mensch mit einem brennenden Herzen.
Rebtzn ihm, für und wider ihn — wert soll man noch nennen, wen herausgreifen aus der klirrenden, wogenden, blitzenden Menge? 0 b e • marS Friedrich Wilhelm, scharf Umrissen, eine sehr echte, recht unrühmliche Gestalt. Impekovens Blücher: gemütlich, bieder und bierehrlich, er ist bei Goetz vielleicht doch ein bißchen schlecht weggekommen. Schneider, bet intrigante ®erteralabjutant Knesebeck; Mom* bet« (a. M) Scharnhorst, ein wenig blaß; sehr gut Engels (Boek) und B i b c r 11 (Cläuse- Witz). —
Born großen Erfolg haben wir schon gesprochen. Dr. Th.


