Samstag, 24. März 1928
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Vberheifeni
Nr. 72 Zweites Blatt
Der Dienst am Kunden.
Lohn Wanamakers Laufbahn vom Ziegelerarbeiier zum Reuyorker Warenhausbesitzer. — Das Zeitungsinserat im Dienst -er Reklame.
Dor kurzem ist in Neuyork der bekannte Warenhausbesiher Rodman Manama k e r im Alter von 65 Jahren gestorben. Damit wechselt in kurzer Zeit ein riesiges Unternehmen, das für die Entwicklung der deutschen Warenhäuser vorbildlich gewesen ist, zum zweitenmal seinen Besitzer.
Wohl auf keinem anderen Gebiet des modernen Handels hat Europa soviel von den Amerikanern gelernt wie in der Entwicklung und dem Ausbau der Warenhäuser. 3n den Bereinigten Staaten gibt es die größten und kapital- krästigsten Unternehmen dieser Art, und erst vor anderthalb Jahren Huben die Besitzer deutscher Waren- und Kaufhäuser eine längere Studienreise nach den Bereinigten Staaten unternommen, um sestzustellen, was seit dem Krieg dort an Neuerungen eingesuhrt worden ist. Unter den Unternehmen, die bahnbrechend für die Gestaltung des modernen Warenhauses gewirkt haben, ragen — im wahrsten Sinne des Wortes — die gewaltigen Wolkenkratzer hervor, die John Wanamaker in Neuyork und Philadelphia bauen ließ. Wanamakers Warenhaus, das sechzehn Stockwerke hoch ist, ist das höchste in Neu- hork. Jede Etage bedeckt einen Flächenraum von 150 000 Quadratmeter. Die gesamte Inneneinrichtung dieses Warenhauses ist aus Mahagoni angefertigt: in einem zweiten, älteren Bau der Firma werden neben Manusakturwaren und sonstigen Damenartikeln auch Juwelen, Bücher und Kunstgegenstände verkauft, während der Neubau alle übrigen Branchen beherbergt. Allein die 'Baulichkeiten dieser Warenhausfirma haben einen Wert von zwölfeinhalb Millionen Dollar, also von 53 Millionen Mark, und an einem einzigen Tage werden in den drei Geschäftshäusern in Neuyork und Philadelphia bis zu eineinviertel Millionen Dollar umgesetzt. Das sind Ziffern, die in Europa geradezu phantastisch erscheinen müssen und von anderen Warenhäusern nur in Amerika erreicht oder vielleicht sogar noch ein wenig übertroffen werden. Das größte Warenhaus in den Bereinigten Staaten steht nämlich nicht in Neuyork, sondern in Chicago und gehört der Firma Marshall F i e l d & Co.: es beschäftigt 10 000 Angestellte und hat einen jährlichen Umsatz von mindestens 150 Millionen Dollar, also über 600 Millionen Mark. Sehr bedeutend sind auch die Warenhäuser von Alt man, dessen Baulichkeiten etwa 16 Millionen Mark wert sind, von Gimbel Brothers, der über 7000 Angestellte beschäftigt, von R.H.Mach & Eo. und der Siegel Cooper Company. Fast jedes dieser Warenhäuser nimmt einen ganzen Straßenblock ein, und keines hat weniger als 6000 Angestellte.
Das erstaunlichste an diesen riesigen Unternehmungen ist, daß sie sich in einer verhältnismäßig sehr kurzen Zeit aus kleinen Anfängen zu ihrer heutigen gewaltigen Bedeutung entwickelt haben. Wanamakers Warenhäuser verdanken ihre Blüte der Initiative Iohn Wana- makers, der im Iahre 1838 a l s Sohn deut- scherEltern in Amerika geboren wurde und fein Unternehmen sozusagen aus dem Nichts geschaffen hat. Sein Vater besaß eine sehr kleine Ziegelei, von der eine sehr große Familie leben sollte. Iohn, der Aelteste unter sieben Geschwistern, konnte trotz seiner großen Begabung nicht daran denken, sich auch nur eine durchschnittliche Bildung anzueignen, sondern muhte schon in früher Iugend als einfacher Arbeiterin der Ziegelei seines Vaters tätig sein. Mit dreizehn Iahren schichtete er die Ziegel auf Schubkarren und verrichtete ähnliche einfache Dienste. Dann gelang es ihm, seine Position erheblich zu verbessern: er wurde nämlich Verkäufer rn einem Kleidergeschäft. Die neue Stellung war sein Gluck: denn er fand einen
tüchtigen Chef, der es verstand, seinem Angestellten etwas beizubringen, und der ihn auch gut bezahlte, so daß er — natürlich bei sparsamster Lebensführung — mit einundzwanzig Iahren schon ein kleines Vermögen von zweitausend Dollar erspart hatte.
Damit machte sich Iohn Wanamaker selbständig, und diese zweitausend Dollars wurden der Grundstock seines Vermögens. Hatte dieser junge Mann nun einfach nachgemacht, was alle anderen Kaufleute auch taten, so wäre er wahrscheinlich niemals der Inhaber des größten Neu- Yorker Warenhauses geworden. Aber Iohn hatte einen neuen Gedanken. Er erfand die Idee des „Service", des „Dienstes am Kunden", den Henry Ford später in seinem berühmten Buch „Mein Leben" auch in Europa volkstümlich gemacht hat. In Wanamakers Geschäft durfte kein Kunde „angeschnauzt" werden, bei ihm hatte sich jeder Angestellte nach den Wünschen der Käufer zu richten, stets höflich und guter Laune zu fein. Und Wanamaker hatte noch einen neuen Gedanken: sobald er über größeres Kapital verfügte, begann er einen Reklamefeldzug, wie man ihn so großzügig bis dahin noch nicht gekannt hatte. Er inserierte in den Zeitungen grundsätzlich nur auf ganzen Seiten und scheute nicht vor den Ausgaben zurück, die viel größere Firmen bis zu jener Zeit gescheut hatten. Solch ein Inserat, das Wanamaker stets persönlich verfaßte, sah ganz anders aus als die Annoncen, die man bis dahin in amerikanischen Zeitungen gesehen hatte. Zunächst unterschied es sich von den Anzeigen der Konkurrenten schon dadurch, daß Wanamaker niemals etwas behauptete, was er nicht beweisen konnte. „Kunden sollen ehrlich bedient werden, damit sie wiederkommen und nur noch bei mit kaufen", war einer seiner Grundsätze. Wenn er ein Inserat verfaßte, so überlegte er sich nicht, wie man den Kunden etwas vormachen könne, sondern dachte darüber nach, was der Käufer wissen will, bevor er seine Besorgungen macht. Heute ist es nicht nur in Amerika, sondern in vielen anderen Ländern und auch in Deutschland üblich, daß man möglichst viel Waren im Inserat in guten Abbildungen zeigt, sie genau beschreibt und einen reellen Preis angibt, so daß sich der Käufer ein Bild davon machen kann, was ihm geboten wird. Einer der Männer, der in geradezu genialer Weise das Insertionswesen bis zu dieser Hohe entwickelt hat, dem die Insertion aber auch ungeahnte Erfolge brachte, war Iohn Wanamaker.
Eine unerschöpfliche Arbeitskraft besaß dieser Mann, der in seinem 22. Lebensjahre von den Aerzten schon aufgegeben wurde, weil er „unheilbar" tuberkulös war, der aber erst am 12. Dezember 1922 im Alter von 84 Iahren gestorben ist. Sein Erbe, der jetzt verstorbene Warcnhaus- besitzer Rodman Wanamaker, hatte nur das Unternehmen im Sinne des Gründers fort- zuführen, und man muß sagen, daß er dies mit großem Geschick getan hat. Schon der alte Iohn wußte, daß man der Kundschaft alles möglichst bequem machen müsse. Da die Bauern und die Kleinstädter nur auf ein oder zwei Tage in die Großstadt kommen können, um dort möglichst schnell ihre ganz verschiedenartigen Besorgungen zu erledigen, kam er auf den Gedanken, möglichst viele Waren am Lager zu _ halten, um einen möglichst großen Teil der Wünsche seiner Landkundschaft auf einmal befriedigen zu können, das war die Keimzelle seines Warenhauses, das im Iahre 1876 als solches in Philadelphia gegründet wurde. Im Iahre 1896 wurde dann der Riesen- palast der Firma in Neuyork errichtet. Inzwischen ist man in den amerikanischen Warenhäusern dazu übergegangen, den Kunden weitere Annehmlichkeiten zu verschaffen. Zum Kaufhaus gehört e i n K i n d e r s p i e l p l a h, auf dem die Mütter ihre Spröhlinge unter Aufsicht zurücklassen können, bis sie ihre Einkäufe erledigt haben. Es gibt Erholungsräume, in denen man an kleinen Tischen allerlei Unterhaltungsspiele spielen kann, und hat man keinen Partner, so bittet man einen der Angestellten, die sich nur für diesen Zweck im Raum aufhalten, am Dominospiel teilzunehmen. Manche anderen Einrichtungen sind inzwischen auch in deutschen Kaufhäusern üblich geworden: auch in Deutschland gibt es Geschäfte, in deren Schuhabteilung geschulte Orthopäden angestellt sind, und in denen man den Fuß mit Röntgenstrahlen durchleuchten lassen kann, um festzu- stellen, ob der Stiefel paßt. Die Erfrischungsräume mancher deutschen Kaufhäuser sind sogar luxuriöser als die entsprechenden Einrichtungen in Amerika: denn in den Vereinigten Staaten ist es nicht üblich, daß dem Publikum die Speisen mit Musikbegleitung verabreicht werden: aber das würde ja nicht dem amerikanischen Geschmack entsprechen, dem der Lärm auf den Straßen vollkommen ausreicht, und der Amerikaner ist zufrieden, wenn wenigstens im Erfrischungsraum des Warenhauses Ruhe herrscht. Iedensalls ist das Haus Wanamaker für die Entwicklung des Warenhauses in der Neuen und der Alten Welt richtunggebend gewesen.
Krise des deutschen Schlichtungswesens?
Don Or. Joseph Glaser.
Während man in England augenblicklich bestrebt ist, den industriellen Arbeitsfrieden durch bestimmte soziale Einrichtungen zu sichern, ist in Deutschland das Schlichtungswesen sehr problematisch und umstritten geworden. Wohlgemerkt, nicht das soziale Schiedssystem als Ganzes, wohl aber das bisher geübte Schlich- tungsversahren, vorzüglich die Zwangsschlichtung von Arbeitsstreitigkeiten durch eine Verbindlicherklärung von Schiedssprüchen, die zwingendes Tarifrecht schasst. Das deutsche Schlichtungswesen befindet sich zur Zert zweifellos in einer Vertrauenskrise, und es tul not, ihr etwas auf den Grund zu gehen. Man muh daher fragen: auf welchen Ursachen beruht diese Vertrauenskrise und wie kann sie behoben werden? Ist das Schlichtungswesen noch em zweckmäßiges Werkzeug zum Ausgleich „atuter sozialer Spannungen, oder ist es reformbedürftig?
Diese Krise des deutschen Schlichtungswesens ist besonderer Art: ihre Ursachen liegen keineswegs
in einer Entwertung des Schiedsgedankens, sondern in seiner eigentümlichen deutschen Anwendung, die nach Ansicht weiter Kreise übertrieben, einseitig und in ihrer Richtung erstarrt ist. Denn eigen» tümlicherweise befindet sich das soziale Schiel S- system auf der ganzen Welt im Vordringen. Allerdings find Anwendungsbereich und Strenge des Schlichtungsfystems in den einzelnen Ländern sehr verschieden. Innerhalb dieser Skala gehört nun Deutschland mit seiner umfassenden staatlichen Schiedsorganisation und der für alle Industrien geltenden Zwangsschlichtung zur Gruppe der gründlichsten und strengsten Anwendung des Schlichtungsgedankens, zu der nur noch Australien, Neuseeland, Italien und Norwegen gehören.
Untersucht man den Weg und die Wirkung des deutschen Schiedsshstems, so mutz man unterscheiden zwischen den materiellen, also vorzüglich den lohnpolitif chen Ergebnissen und den
psychologischen Folgen. Das Schlichtungswesen hat, unterstützt durch die Ecwerbslosen- sürsorge, den starken Lohndruck aufgefangen und verwandelt, der nach dec Stabilisierung natürlicherweise zunächst über der deutschen Arbeiterschaft lag. Der von Cassel geforderte „Freihandel der Arbeitskraft", das Gesetz von Angebot und Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt, konnte sich nicht auswirken, durfte sich auch nicht völlig frei auswirken. Die Löhne wurden aber nicht nur gehalten, fondetn sie stiegen planmäßig unter der bewußten Leitung des Reichsarbeitsministers, dessen Bestreben es war, durch eine zentral beeinflußte Schlichtungspolitik das deutsche Lohnniveau zu heben. Der mögliche Lohndruck aus die Arbeiterschaft verwandelte sich also bald zu einem gewissen Lohndruck auf die Wirtschaft. Sowohl eine planmäßige, aber maßvolle Lohnerhöhungs- Politik mit ihren günstigen sozialen und konsum- befruchtenden Folgen als auch ein gewisser Lohndruck auf die Wirtschaft war an sich nationalpolitisch zu vertreten. Der Lohndruck hat zweifellos viel zur Rationalisierung beigetragen. Es kommt aber auf die Grenze an. Und diese Grenze scheint seit einiger Zeit erreicht, in einigen Industrien sogar gefährlich erreicht zu sein.
Die Lohnerhöhungspolitik, die in den ersten Deslationsjahren, als der Lohndurchschnitt sehr niedrig lag, vielleicht ein Gebot, zumindest aber verständlich und ungefährlich war, ist nunmehr in ihrem Schematismus bedrohlich für die Entwicklung der deutschen Wirtschaft geworden, die, gemessen an den umliegenden Volkswirtschaften und Wettbewerbern auf dem Weltmarkt, z u hohePreise, zu hohe Löhne und einen zu hohen Zinsfuß hat. Leider ist aber diese Lohnerhöhungspolitik inzwischen fast mechanisch geworden. Es ist zu selbstverständlich geworden, daß bei Ablauf eines Tarifvertrages — und die meisten Verträge haben noch immer kurze, meist einjährige Laufzeiten — eine Lohnerhöhung verlangt, der Schlichter angerufen und die Lohnerhöhung auch zu einem beträchtlichen Teil bewilligt wird. In diesem Frühjahr laufen nun insgesamt 247 Tarife mit 3195 000 Arbeitern ab. Alle Tariskündigungen werden aber mit beträchtlichen Lohnforderungen begleitet, und von den Schlichtungsausschüssen und Schlichtern wird erwartet, daß die Löhne überall erhöht werden. Bei dem bisherigen Kurs des Schlichtungswesens muh man annehmen, daß dieser Erwartung der Arbeiterschaft auch entsprochen wird, trotzdem die Lebenshaltungskosten feit längerer Zeit stabil geworden find. Cs ist aber klar, daß diese mechanische Lohnerhöhungspolitik nicht fortgesetzt werden kann. Andererseits ist aber der Mechanismus des deutschen Schlichtungswesens so stark auf eine konsequente Lohnerhöhungspolitik, überhaupt die Befriedigung sozialer Ansprüche feftgelegt, daß man mit einer Umkehr des bisherigen Schiedskurses kaum rechnen kann.
Gegen diese Entwicklung wenden sich die Unternehmer mit dem Hinweis, daß die Schlichtungs- Politik nur auf ihre Kosten und ihr Risiko gehl, aber längst nicht mehr einem gefunden Ausgleich zwischen notwendigem sozialen Anspruch und wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit dient. Dieser Hinweis hat viel Richtiges. Nicht aus Unternehmer- mund fiel vor kurzem das Wort, daß die Gewerkschaften ihrer heutigen „kalten" Lohnpolitik „aus der Loge" zusehen können. Das Schlichtungswesen hat zu einer Ueberspannunq gewerkschaftlicher Ansprüche geführt, die zweifellos weit maßvoller, realer abgestimmt wären, wenn man wüßte, daß man diese Ansprüche auch nötigenfalls durchkämpfen muh. Andererseits ist auch das lohnpolitische Verantwortungsgefühl dec Unternehmer stark geschwächt worden. Auf beiden Seiten hat der übertriebene
Gießener Gtadttheater.
Georg Kaiser: „Der Brand im Opernhaus".
„1763 brannte die Pariser Oper."
Auf der Wanderung durch Zeitalter und Stilepochen, auf der Suche nach Form und Gefäß, worein sich die außerordentlichen dialektisch-dramatischen Energien — Kräfte, die sich im Herzen entzünden und im Gehirn kristallisieren — zu ergießen vermöchten, gelangt Kaiser ins fron- zöfische Rokoko des galanten fünfzehnten Ludwig.
Qiuf solcher Wanderung, die, bei frappierender Sprunghaftigkeit des Schaffens, Nächstes und Fernstes, zeitlich und räumlich, geistig und materiell, mit gleicher Leidenschaft und gleicher Einfühlungskraft ergreift, die aus vorgeschichtlichem Mythus über die hohe Gotik bis in die aktuellste Gegenwart sich erstreckt — auf solchem Wege gelangt der vielleicht genialste, sicherlich vielseitigste Dramatiker unserer Zeit an die einfache, chronikalisch gefaßte Begebenheit: 1763 brannte die Pariser Oper.
Aus rücktastender, phantasievoller Neubelebung dieses Ereignisses wächst das Drama, ein „Nachtstuck" des Theaters... man könnte sagen: in Callots Manier: mit dem gleichen Namen, der E. T. A. Hoffmanns Novellen literarisch berühmt gemacht hat, benennt Kaiser sein Stück. Die Bezeichnung ist kein formal oder gehaltlich zu umgreifender Gattungsbegriff: aber Kaiser hat es nicht nötig, etwas zu bemänteln. Mag man ihn sehen, wie man will: dramatische Stromkraft, aus Gegenpolen fliehende Entwicklung wird niemand seinem Werk absprechen können.
In diesem Stück, das zum Seltsamsten uti) Problematischsten gehört, was Kaiser schrieb, bereinigen sich der Denkspieler und der Romantiker in geheimnisvoller Personalunion, oener baut in messerscharfer, psychologisch sich einwuh- lender Derstandesarbeit die Fa^el; dieser umkleidet sie dichterisch, ftimmungbann^nö, zwischen Diesseits und Ienseits die magische Grenze löschend, vielleicht sogar sinnbildlich mit dem Helldunkel eines Nocturnos, das feiner schweifenden Phantasie aufsteigt vor der nüchternen Notiz, über die man leicht hinweglesen könnte : 1763 brannte die Pariser Oper.
Das Schauspiel läht kaum darüber nachdenken, daß es gar nicht einmal innerlich notwendig oder begründet war, eine vielleicht längst erwogene Zusammenstellung von Menschen und Ereignissen gerade in diesen Rahmen zu fassen. Dafür rollen die drei Akte zu hastig ab, dafür ist der Stil — Kaisers eigengeschaffener Stil, der ein Ausdruck künstlerischer Persönlichkeit und innerer Form ist, der, nachgeahmt, äußerlich und unpersönliche Manier wird —, dafür ist die Sprache des Stückes viel zu knapp, zu verdichtet, zu wesentlich. Man muh ihr gespannt folgen, darf keinen halben Sah, kaum ein Wort verlieren, wenn einem der Faden nicht aus den Händen gleiten und der Sinn der Episode verloren gehen soll, die das Schicksal des Herrn von in sich sch lieht.
Was geschieht, hört sich an wie eine Anekdote. Es ist, als ob mit dem plötzlich ins stille Rokoko- gartenzimmer der Pariser Villa fallenden Feuerschein und Feuerlärm vom Opernplah her eine jener kleinen Geschichten bitterernst lebendig geworden wäre, von denen Herr von * und „der alte Herr" sich unterhalten. Richt geheuer ist es im Hause in dieser Nacht, wo Gestalten lebendig zu werden scheinen, die vor manchen Iahren durch die Räume gestreift und langst gestorben sind, und wo die Lebendigen, die Ueberlebenden aus der großen Feuersbrunst, wesenlose bösartige Schatten zu werden anfangen. ,
5>err von erfährt infolge der Katastrophe die Untreue seiner Frau Sylvette und rettet sein furchtbar getäuschtes Gefühl zu einer aus dem Brand geborgenen Leiche, die gleichsam im Feuer geläutert wurde. Furchtbarer die neue Offenbarung, daß es die an einem Ring kenntlichen Ueberrefte einer königlichen Mätresse find, die auf Ludwigs pompösem chinesischen Mas.ensest in der Oper den Tod gefunden hat. Das Ganze rundet sich anekdotisch zu der überraschenden und hoffnungslos traurigen Wendung, daß Sylvette, mit dem Ring jener Mätresse, ins Feuer zurückkehrt, darin umkommt und gegen hohe Belohnung dem König ausgeliefert wird. Sie leidet den Sühnetvd und bringt ihr Frauenopfer bar, wie jene griechische Alkestis, deren Name sich dem einsam und überwältigt zurückbleibenden adligen Herrn auf die Lippen drängt.
Soll aus dem Schauspiel ein Symbol gefunden werden, so ist das Nachtstück das pessimistischste und resignierteste Werk des romantischen Denkspielers und verkappten Ethikers Georg Kaiser.
Spielleitung: Hans Tannert. Ihm fei mit Vergnügen bescheinigt, daß er mit dieser Inszenierung eine der bisher besten Aufführungen der Saison geliefert hat. Merkwürdigerweise, d. h. obwohl er an dem, was Georg Kaisers Bühnenstil eigentlich ausmacht, vorbeispielte. Es war nicht Kaiser, was er gab. Man muh andere Aufführungen dieses Stückes gesehen haben — wir denken an eine im Berliner Staatstheater, in der man beklommen vor der unentrinnbaren Wucht der hereinbrechenden Begebenheiten sah — um das zu erkennen. Hier war nichts vom Staccato im Sprech ton, nichts von der jähen Ueberrumpelung des Gefühls in einem, mit knisternden Energien geladenen Dunstkreis nächtlicher Szenerie.
Tannert gab das Nachtstück wie ein Kammer- spiel, in schwingenden Akkorden, creszendo und decreszendo, musikalisch fast im Wechsel von Laut und Leise, von vortreibendem Dialog und bleiernen Pausen. Aber Kaisers dichterische Form ist nicht von der Musik, sondern von der Architektur her in wechselseitiger Erhellung der Künste zu erfassen.
Obwohl es also nicht Kaiser war, was gespielt wurde, war es doch gut insofern, als mit äußerster Klarheit und besonnenster Mäßigung im Tempo versucht wurde, das Gebäude des Stückes aus dem Grundriß Zug um Zug erwachsen zu lassen, Licht in die dämmernden Vorgänge der nächtlichen Szene zu werfen, dem Beschauer und Hörer durch scharfe Artikulation im Miterleben zu helfen. Dies das hohe Verdienst seiner ausgearbeiteten Regie. Hätte er Kaiser gespielt, wie Kaiser ist, würde der ohnehin schwache Kontakt mit dem Parkett vermutlich nach wenigen Szenen völlig verloren gegangen sein.
Tannert war auch der Herr von **'; ein verhaltener, unerbittlicher Charakter: Träger eines Schicksals, dem er schon nach den ersten Worten verfallen scheint, ein vom Feuerschein schrecklicher Gewißheit Geblendeter, dem auch das Letzte, Elendeste zerbricht. — Sylvette: 3nge-
borg Scherer: schlanke, geschmeidige Chinesin, vom kleinen Turmbau schweren, schwarzen Haar- geflechtes kokett bekrönt; sie hat das Kindlich- Verderbte, das Sehnsüchtige, den primitiven Lebensdrang ihrer Rolle durchaus: das Dämonische, das von der Gestalt ausstrahlt, hat sie nicht; und es wird ihr nicht leicht, Wandlung und Opferung verstehen oder fühlen zu lassen. — Hennig (Opernsänger) mühte sich redlich um seine undankbare Ausgabe. Gehre, als verlebter Greis und lüsterner Anekdotenerzähler, gut im Anfang, wurde schwächer zuletzt: den Totenkopf sollte man vermeiden; es ist ein hohler Effekt, der die Stimmung vergröbert. Dr.Th.
Oie Technik des Röntgen-Films.
Es ist schon vor mehreren Iahren gelungen, an ganz kleinen Objekten direkte Röntgen-Kinofilmaufnahmen zu machen, jedoch durfte das aus- zunehmende Objekt niemals die Gröhe eines Einzelsilmbildchens, die ja nur 18X24 Millimeter beträgt, überschreiten. Das liegt darin begründet, daß man bei der Röntgenaufnahme nicht mit einer Kamera arbeitet, sondern daß sich der Film direkt zwischen Röntgenröhre und Aufnahmegegenstand befindet. Man hat allerdings auch Röntgenaufnahmen von größeren Gegenständen auf der Leinwand gezeigt, jedoch waren diese mit unerdticher Mühe und Arbeit aus Einzelaufnahmen zusammengesetzt. Unser Tageslicht und auch künstliches Licht wird durch die Linsenshsteme der Objektive beliebig gebrochen, so daß wir jede Verkleinerung erzielen können. Bei den unsichtbaren Röntgenstrahlen ist dies nicht möglich, denn sie gehen durch die Linsenshsteme gradlinig durch. Ieht macht man Versuche, das Objekt nicht direkt zu photographieren, sondern mit Hilfe überempfindlicher Filme daS auf dem fluoreszierenden Schirm, wie ihn jeder Arzt bei einer Röntgenuntersuchung verwendet, erscheinende Röntgenbild aufzunehmen. In Verbindung mit den Fortschritten, die unsere optische Industrie auf dem Gebiet besonders lichtstarker Objektive in der letzten Zell macht, liehe es sich immerhin denken, dah man so zu einem befriedigenden Ergebnis kommen könnte.


