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IM7 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Zreitag, 24 Zebruar 928

Zu viel Gummi auf der Wett.

Amerikas Kampf gegen das britische Kautschukmonopol. Automobilindustrie und Gummiproduktion.

Die schleichende Krise auf dernWcltgummi- markt, die soeben zu einem plötzlichen Zu­sammenbruch der Preise und zu einer maßlo en Verwirrung der Händler geführt bat. ist auf politische Zwistigkeiten zwischen England und Amerika zurückzuführen. Es ist durchaus möglich, daß der gewaltige Gummikrieg zwischen den angelsächsischen Mächten zu einer Vernichtung des engli­schen Gummimonopols führt eine Aus­sicht, die auch für die deutsche Wirtschaft von größter Bedeutung ist.

Eine Panik ist auf einem der wichtigsten inter- ationalen Rohstoffrnärkie ausgebrochen. An einem einzigen Tage haben die Gummihändler am der Londoner Börse 30 MillionenMark »er loten, nachdem sie schon kurz vorher emp- silndliche Verluste erlitten, und man kann damit rechnen, daß darüber hinaus die Existenz vieler oiagloindischer Plantagenbesiher gefährdet ist. Für die großen indischen und malaiischen Plan- t-igen gäbe es. so paradox das klingt, nur dann 2us:icht auf eine Verlängerung der Hochkonjunk­tur der letzten vier Jahre, wenn eine schwere Mißernte eintreten würde. Cs gibt nämlich augenblicklich zu viel Gummi auf der Welt, mehr, als verbraucht und bezahlt werden kann. 2m 2ahre 1913 erntete man nur 110 OCO Tonnen Kaut chuk, von denen weniger rls die Hälfte, nämlich 48 000 Tonnen, in den indischen Besitzungen der Riederlande und Groß­britanniens, in den Malaienstaaten und den übrigen Gebieten der Plantagenwirtschaft er­zeugt wurden, während 62 000 Tonnen sog. Wild- kautschuk den Pflanzen der Urwälder, besonders iti den weiten Waldgebieten Brasiliens, abge­zapft wurden. 2n 13 Jahren hat sich die Kaut- ichukproduttion der Erde dann aber mehr als versechsfacht; im 2ahre 1926 wurden näm­lich rund 650 OCO Tonnen geerntet, davon 610 C00 Sonnen in den niederländischen und englischen Plantagen. Das ist eine ungeheure Menge, zu deren Transport man 65 000 Cifenbahnwaggons brauchen würde. Betrachtet man nur die Ent- tuldlung der Gummiplantagen, sieht man also »on der Gewinnung des Wildkaut,chuks ab, fo geigt sich, daß sich der Gummianbau nicht nur »er sechsfach t. sondern sogar fast verdreizehn- s a ch t hat. Den Anstoß zu dieser Entwicklung haben sowohl der gewaltige Gummiverschleiß während des Krieges als auch die wachsende Bedeutung der Automobilindustrie mit ihrem ungeheuren Reifenbedarf gegeben. 2n den Vereinigten Staaten gibt es heute mehr als 22 Millionen Automobile, und auf der ganzen Welt sind sicherlich weit über 30 Millio­nen Fahrzeuge im Gebrauch, die Gummireifen tragen; wenn man nach äußerst vorsichtigen und wahrscheinlich zu niedrig gegriffenen Schätzungen annimmt, daß jährlich 60 Millionen neue Auto­reifen gebraucht werden, so kann man sich eine ungefähre Vorstellung vom Kauttchukhunger der Welt machen. Würden doch .diese Autoreifen, aufgeschnitten und als zusammenhängendes Gummiband um den Erdball geschlungen, zwei- mal um den Aequator reichen.

Schon aus der Tatsache, daß die Vereinig­ten Staaten das größte Automobilland sind, geht hervor, daß Amerika der größte Kaut­schukverbraucher sein muß. Raturlich benötigt man Gummi noch für eine Reihe anderer Zwecke, besonders für elektrotechnisches Isoliermaterial, a_ber der größte Teil der etwa 375 000 Tonnen Kautschuk, die 11. S. QL im Jahre 1927 verbraucht hat, dürfte doch in Autoreifen verwandelt worden lein. Die Vereinigten Staaten, die mehr als einen wichtigen Rohstoff monopolisiert haben, sind nun nicht gewöhnt, monopolistische Metho­den auch gegen s i ch selb st angewendet zu sehen, und sie sind daher über die Politik

der englischen Regierung sehr erzürnt, die durch eine einfache Erhöhung des Gummi­preises mindestens so viel, in manchen Jahren aber mehr Geld aus den Vereinigten Staaten herauspreßt, wie sie der amerikanischen Re­gierung für die Verzinsung und Amortisation der englischen Kriegsschuld zahlen muß. Kurz nach dem Krieg machte sich nämlich ein großes Ueberangebot an Kautschuk bemerkbar; noch im Jahre 1900 begnügte sich die Welt mit 50 000 Tonnen Gummi jährlich, und 20 Jahre später sollte sie 300 000 Tonnen verbrauchen. Da sie dazu nicht imstande war, fielen die Preise ganz außerordentlich, und im Jahre 1922 beschloß die englische Regierung, nach dem Vor­schlag von Stevenson, einen Teil der Ware z u r ü ck z u h a l t e n, um die Preise wieder in die Höhe zu treiben. Dieses Manöver gelang glänzend. Zeitweise wuchs dann die Nachfrage nach Gummi so schnell, daß im Jahre 1926 sogar die ganze Ernte zur Ausfuhr freigegeben werden konnte. Zur Zeit dürfen aber nur 60 Prozent der Erzeugung exportiert werden, und soeben ist bekannt geworden, daß trotz den un­geheuren Vorräten auf dem Kautschukmarkt das früher so erfolgreiche Restriltionsgeseh von Ste­venson vielleicht ganz aufgehoben wer­den sott. Das hat nun zu der Panik an der Londoner Börse geführt, da Händler und Pflan­zer mit Recht befürchten, daß die Gummipreise unter Umständen ganz beträchtlich fallen werden.

Man muß annehmen, daß der Vorschlag der englischen Regierung, den sog. Stevenson-Akt neu zu prüfen und vielleicht auszuheben, auf einen doppelten Druck der Vereinigten Staa- t e n zurückzuführen ist. Schon vor Jahresfrist hat der amerikani'che Staatssekretär Hoover drohend erklärt, daß sich die amerikanische In­dustrie diese englische Sonderbesteuerung nicht gefallen lassen werde. Auf allen Gebieten der Weltpolitit muh ja das britische Imperium seit dem Ende des Krieges vor den mächtig auf­strebenden Vereinigten Staaten zurückweichen, in der Flottenpolitik, in der Beherrschung des inter­nationalen Geldmarktes und sogar in Kolonial­fragen. Older es scheint, daß die Vereinigten Staaten sich nicht darauf beschränkt haben, einen politischen Druck auszuüben. Die amerikanischen Automobilkönige, unter ihnen in erster Reihe Ford, haben schon vor einigen Monaten beschlos­sen, eigene Gummiplantagen anju> legen, um das englische Monopol zu brechen. Ford und der amerikanische Jndustriemagnat Fi- restone, der Inhaber der größten Automobil- reisen-Fabrik der Welt, haben in Liberia und in Südamerika große Gebiete gekauft, auf denen sie den Hevea-Baum ziehen wollen. Das ist zwar eine Bedrohung, die sich erst in einigen Jahren auswirken wird, da die Heveapflanze erst nach sechs bis acht Jahren ihren vollen Ertrag liefert. Wenig ernst zu nehmen ist wohl die Meldung, die im August vorigen Jahres aus Amerika kam, daß nämlich Edison unter die Botaniker gegangen sei und versuche, in den Südstaaten der Union geeignet« Gummigewächse anzupflanzen.

Qlber die Amerikaner haben noch etwas anderes unternommen, was durchaus geeignet ist, den englischen Plantagenbesitzern das Geschäft zu ver­derben. Es ist nämlich der britischen Regierung bisher nicht gelungen, sich mit den niederlän­dischen Gummiplantagen im Sunda-Ar- chipel zu verständigen und zu erreichen, daß diese ständig wachsenden Unternehmungen in den Restriktionsplan ausgenommen werden. Das war umso erstaunlicher, als in den niederländischen Plantagen ziemlich viel englisches Kapital arbeitet. Run verlautet aber, daß auch ame­rikanisches Kapital in diese Unterneh­mungen eingedrungen ist, zu ihrer Ausdehnung

Jahrmarkt in Brig.

Von Hans Siemsen.

Knotenstock und Knotenpunkt! Brig ist ein . Knotenpunkt". Die Bahn, die vorn Thuner See über den Lötschberg kommt, die Bahn, die von Paris über Lausanne die Rhone entlang kommt, d»ie von Qlnbermatt über den Furka, und die aiiiS Italien von Dvmodossola durch den Simplon femmt, sie treffen sich im Rhonetal, in Brig.

Was über Brig zu sagen ist, das steht im Baedeker. Rur wie die Sonne hier scheint und taic hier die Lust ist. wie die Berge dastehen unb wie es Abend wird, das kann nicht im Baedeker stehen. Auch bah hier morgen Jahr­markt ist, steht nicht im Baebeker. Das kann man aber auch nicht verlangen. Cs ist nur ein s«hr bescheidener kleiner Jahrmarlt. Ein Ka­russell, eine SchiffsschaukeL zwei Schießbuden unbQUonfieur Dan te".

Monsieur Dante ist ein Zauberkünstler, und tairb auf den Plakaten dargestellt in einem roten Frack, mit einem gewaltigen schwarzen Schnurr- birt im Gesicht und einem eleganten kleinen Zauberstab in der Hand. Umgeben von Tauben, Kaninchen und Goldfischgläsern steht er in einem Ävkolosalon mit vielen Sviegeln. Rosen, Spiel» (arten und Hühnereier fliegen durch die Luft. Monsieur Dante hat seinen Zylinder neben sich auf einen Stuhl gestellt unb, indem er sich vor einem imaginären Publikum verbeugt, lächelt er, ton einem imaginären Applaus geschmeichelt.

So sieht Monsieur Dante auf den Plakaten aus. OTber heute, am Vorabend des Jahrmarkts, hat er keinen Frack an, unb keine Rosen fliegen um ihn her. Richt wie ein Zauberkünstler sieht aus, sonbem' wie ein ganz gewöhnlicher Mensch. Er muh seine Dube aufbauen unb muß arbeiten, nicht mit seinem Zauberstab, sonbern wie ein gewöhnlicher Mensch mit Hammer unb Hagel. Mit dem Zaubern ist's heute nichts

Die anderen Buden sind schon beinahe fertig. In den Schießbuden stehen Türken, Jnd'.a: er und Herren im Zylinder, Französinnen und Scht^i- z<rinnen mit kleinen, weihen Tänbelschürzen. Sie find aus Eisenblech und lächeln und warten, daß man auf sie schießt. Unb wenn man sie a.n einer bestimmten Stelle trifft, bann fallen sie um unb es gibt einen Knall. Die Stelle if schon ganz schwarz vor lauter Treffern.

Am schönsten aber ist bic Schiffsschaukel. Sie ist renoviert. Die kleinen Schiffchen sind zwar bieselben geblieben. Sie sinb sehr klein, unb ihr roter Plüsch ist etwas abgeschabt. Qlber die großen Bilder oben über der Front sind neu. Sie schildern die Gefahren des Seemannslebens. Schiffbrüchige aus einem Floh, von blau» und weihlackierten Wetten bedroht. Ein ganz kleines Boot mit ganz grohen Matrosen, von zahlreichen großen Hattischen belagert. Aber die Matrosen haben Glück gehabt. Cs war gerade Sonntag, als die Haifische kamen. Die Matrosen haben ihre weihen Sonntagsblusen an. Und sie waren wohl auch gerade in einer Schießbude. Jeder hatte ein elegante^ kleines Schiehbudengewehr. Damit schicht er auf die Haifische. Qlber wie nebenan die Französinnen, so scheinen hier die Haifische aus Eisenblech zu fein, sie haben keine Angst vor den Gewehren, sie sperren ihre g ohen Hattischmäuler auf und zeigen den Matrosen ihre blendend weihen Zähne. Unb niemanb kann wissen, wie biese Belagerung noch ausgehen wirb, wenn erst ber Sonntag vorüber ist. Auch ein Fliegerunglück auf hohem Meer gibt es zu sehen. Unb in einer Cis- unb Schneeland- schast ziehen winterlich vermummte Matrosen zwischen Eisbergen unb Eisbären umher unb suchen ben Rorbpol. Einer scheint ihn schon gefunben zu haben. Er hat sich seitwärts gewandt unb hackt mit einer großen Spitzhacke ein Loch ins Eis. Aber bann ist er boch wohl wieder enttäuscht und hackt so mißvergnügt im Eis umher, als wollte er sagen:Olein, nein, nein! Ich spiele nicht mehr mit! Ja, das Seemanns­leben ist voller Gefahren. Qlber auf neuen, frisch­lackierten Bildern sieht auch das Unglück und das Elend gar neu und frischlackiert und sauber aus.

Es ist zwar erst Vorabend, morgen erst ist Jahrmarkt. Aber ein paar Kinder finö_ schon da. Vielleicht kann man schon heute ein Stückchen Geld verdienen? Der Schis schaukelbeützer hat seine elektrischen Lampen angedreht unb sein Orchestrion in Gang gesetzt und steigt höchstselbst in eines seiner ll.inen Pvlsterschif chen unb schaukelt sich, um zu zeigen, wie herrlich man sich bei chm schaukeln kann. Das sehen wir gern. Qlber uivere Groschen, bie er haben Witt, behalten wir lieber noch in ber Tasche für morgen, wenn Sonntag unb richtiger Jahrmarkt ist. Er schaukelt allein, immer höher unb höher, als ob ihm gar lustig zumute wäre. Und das Orchestrion spieltTra-

beiträgt und dadurch mit den Engländern in einen recht fühlbaren Wettbewerb tritt. Ferner werden in letzter Zeit sehr große Mengen alten, verbrauchten Gummis wieder neu ver­arbeitet, 200 000 Tonnen alten Materials sollen durch Zusatz neuen Gummis wieder verwendungs­fähig gemacht werden. Dazu kommt, daß der deutsche Chemietrust vor zwei Monaten aufsehenerregende Mitteilungen über dir bevor­stehende Fabrikation künstlichen Gum- m i s gemacht hat. Synthetischer Kautschuk ist schon vor einer Reihe von Jahren hergestellt worden, doch war das Erzeugnis so minder­wertig, baß bie Produktion bald wieder ein­gestellt wurde. Jetzt scheint Deutschland mit einem durchaus wettbewerbfähigen künstlichen Gummi auf dem internationalen Markt konkurrieren zu wollen. Das alles wirkt zusammen, die Eng­länder zu einem freiwilligen Rückzug auf dem Gummimarkt zu veranlassen, bevor eine allzu empfindliche finanzielle Riederlage erfolgt ist. Deutschland hat im letzten Jahr 39 003 Tonnen Gummi verbraucht, eine Menge, die für die deutsche Handelsbilanz nicht unwichtig ist. Der deutschen Industrie kann es nur recht sein, wenn dieser unentbehrliche Rohstoff verbilligt wird: denn es ist schließlich nicht Deutschlands Auf­gabe, ben britischen Gummiplantagen durch Ge­währung überhoher Preise die Ausschüttung einer Dividende von 25 bis 30 Prozent zu ermöglichen.

Dr. Ignaz Sauer.

Wie komme« wir a« unsere Jugend heran?

GrundsätzlichcszumLtettlitzcrLchülcrProzctz Von Dr. Franz Lüdtke.

Roch gehen die Wogen hoch. Kritik unb Anti­kritik wird laut, prüft, verteidigt ober bekämpft, was b.eser Prozeß brachte. Richter. Rechtsanwalt, Staatsanwälte. Zeugen, Sachverständige und ber Qlngellagtc werben dem Kreuzfeuer von Mei­nung unb Gegenmeinung a usgefeht. bie Oeffent- lichkeit ist erregt wie seit langem nicht: die Presse bietet ein Spiegelbild jener Vorgänge. Qlber alles das ist nicht das Wesentliche. Ob es recht ober unrecht war, bie Anklage überhaupt zu erheben, dem Qlngcttagten monatelang bie Freiheit zu nehmen, ben Prozeß zu führen unb für ihn eine Oef'enilichk:it weitesten Umfanges herzustetten im Grunbe erscheint bies als nebensächlich gegen­über ben Tatsachen, auf Grund deren die Tra­gödie erwuchs. Eltern und Erzieher melden sich zum Wort: die Jugend, die sich im Mittelpunkt der Dinge empfindet, schweigt auch nicht, sondern klagt an. Auf die Anklage folgt die Widerklage, und fo erleben wir ein aufwühlendes Durch­einander und sehen keinen Weg, keine gerade Linie, die zu einer lebensvolleren und lebens­freudigeren Zukunft führt. Alles scheint morsch und faul; vieles, weiß Gott, ist es auch. Die Weltanschauungen, sogar die politischen Parteien, stellen ihr Für oder Wider auf. Und doch handelt es sich hier nicht um Dogmen, nicht um Partei- Punkte. nicht einmal um We'taunschauungs ragen, sondern einfach und schlicht um praktische Arbeit an der Jugend, fürdieJugend und mit der Jugend.

Wir dürfen nicht stehen bleiben bei der An­klage der Jungen:Wir werden nicht verstanden!" unb bei ber QBibcrilage der Alten:Wir kommen nicht an die Jugend heran." Diese Klagen sind uralt: uralt auch bic tragischen Vorgänge, die hier einmal wie von grellem Blitzlicht beleuchtet wurden und nun erschreckend wirken. Was sich rein tatsächlich abgespielt hat unb schließlich zu dem Unglück einzelner Menschen unb ganzer Fa­milien führte, hat es zu allen Zeiten gegeben; es

viata". Cs spielt auchPüppchen, bu bist mein Augenstern" unbWenn du meine Tante siehst" undLa Valse amotireuse. Unb wenn es bamit fertig ist. bann fängt es wieber mitTraviata" an. Musik ist wirklich international.

Dor ber Schießbube stehen brei Solbaten unb zielen nach ber Tänbelschürze ber Französinnen. Unb wenn einer die ba'ür bestimmte Stelle trifft, dann fällt die Französin um unb es gibt einen Knall. Knall auf Knall ertönt von ber Schieß­bude her.

Drei kleine Mädchen gehen vorüber. Sie sehen nicht rechts, noch links, stecken bie Köpfe zusammen und sind in ein Gespräch vertieft. OTber die brei Solbaten sinb ins Schießen vertieft. Unb so bleibt den drei Mädchen nichts anderes übrig, als noch einmal vorboizugeh n Run sind sie nicht mehr so fürchterlich verlest tn ihr G.spräch. Ein Soldat kann ja auch mit seiner knappen Löhnung nicht gut ben ganzen Abend vor der Schießbude stehen.

Ueber die Schießbuden unb Schiffsschaukel hin­weg sehen bie bollen Berge wie große, stille Riesentiere auf ben engen, kleinen Platz hin­unter. Roch ist es soweit hell, baß man ganz deutlich alle Einzelheiten auf den Hängen unb Bergwänben erkennt: F:tten unb Steine unb bie kleinen Wege unb Gebüsche. Qlber wie es nun dunkler wird, da werden auch bie Berge immer dunkler unb größer unb großartiger und scheinen immer näher heranzurücken. Und unser beschei­dener kleiner Jahrmarkt sieht noch bescheidener und kleiner aus hier unten am Fuß der riesen­großen dunklen Mauer.

Monsieur Dante ist fertig geworden mit seiner Zaubcrbude. Er hat sich Hals und Gesicht ge­waschen und trocknet sich ab. Sehr ausgiebig und langsam trocknet er sich ab. Abtrocknen scheint seine belief teste Beschäftigung zu sein. Ein weißer kleiner Kächenjunae mit einer großen weißen Mütze auf dem Kopf steht daneben und sieht ihm zu.

Verein der Freunde des humanistischen Gymnasiums.

Im Hörsaal des physikalischen Instituts sprach vor einem zahlreich versammelten Publikum die Archäologin un'erer Universität. Pros. Dr. Mar­garete Bieber überPompeji im Lichte neuer Ausgrabungen und Forschun­gen. Ausgehend von zwei erfreulichen Crschei-

tritt aber in krisenhaften Zeiten, in UcbcrgangS- perwden wie der unserigen, schärfer, krasser her­vor. Und so mögen die Steglitzer Vorgänge wie auch die Form, In der sie sich abf hielten. für unsere Zeit typischer sein als etwa für die, da der Großvater die Großmutter nahm.

Wir stehen eben noch mitten in der furchtbarsten aller seelischen Krankheiten, im Materialis­mus. Er kam im vorigen Jahrhundert über uns. wie in früheren Jahrhunderten Schwarzer Tod und Pest die Menschheit heimsuchten. Sie wichen dann wieder oder erloschen: der Materialismus blieb. Und mit ihm blieb bieUeberschähung des I ch. das sich im Genuß ausleben will. Das Alter sieht sich, die Lugend sieht sich: wie sollen beide da zusammenkommen? Wie sott der Gemeinschaftsgeist entstehen, der notwendig ist. wenn das Leben gedeihen sott? Wohl hat man theoretisch die Rotwendigkeit des Gemeinschasts- geistes erkannt und praktisch zu üben versucht. Auch die soziale Frage ist ohne Gemeinschafts­geist nicht zu lösen: ebensowenig aber alle an­deren Fragen der Familie und des Volkes, so auch die Crziehungsfrage. Erziehung ist nur mög­lich. wo Erzieher und Zöglinge (Eltern-Kinder. Lehrer-Schüler) durch Gemeinschaftsgeist verbunden sind.

Und nun die Erkenntnis, daß Gemeinschafts­geist nur erwachsen kann auf dem Boden der Liebe! Die Wahrheiten von Jahrtausenden stehen vor uns auf. Es scheinen Binsenwahr­heiten zu sein, und es sind doch Tatsachen, ohne die das Leben nicht bestehen kann. Das Leben der Menschen, menschlichen Gruppen unb Ver­einigungen vermag nicht zu bestehen ohne bic Liebe. Liebe förbert das Leben, Unliebe tötet es. Die Bezeugung biefer schlichtesten aller Wahr­heiten war biefrohe Botschaft" Jesu.

Dieses angewendet auf den Steglitzer Fall: war die echte, lebcnforbcmbe Liebe zwischen den Er­wachsenen, Erziehungsverpflichteten und den Kin­dern, ber Jugend vorhanden? Die lebenfördernde. echte Liebe... Es gibt auch eine lebengefähr­dende, unechte Liebe. Wo echte Liebe, wo das Gefühl der unlösbaren Zusammengehörigkeit, des Verbundenseins, besteht, erblüht das Ver­trauen: erwächst als Frucht die Wahrheit. Wo Liebe, Vertrauen und Wahrheit vorhanden sind, ist kein Boden für solche Tragödien, wie wir sie miterlebten. Wo Liebe, Vertrauen^ und Wahrheit vorhanden sind, kann es keine vöttige Entfremdung zwischen Jugend und Alter geben. Jene Klagen über das Richtverstehen zwischen Alter und Jugend sind nur möglich, wenn Liebe. Vertrauen und Wahrheit fehlen. Die großen Pädagogen haben zwar gelebt und gewirkt, man baut ihnen Denkmäler und prüft ihre Lehren beim Staatsexamen: aber die Praxis hat sich weit von ihnen entfernt Rur wo jene echte Liebe vorhanden ist, ist wahrhafte Autori- t ä t, eine Autorität von innen heraus denkbar. Und nur eine solche vermag bie Jugend zu führen.

In meinem ErziehungsromanMenschen um achtzehn" habe ich zwei Familien einander gegen- übergcßellt; in ber einen herrschen Liebe, Ver­trauen und Wahrheit in der anderen fehlen sie. In ber einen wird dem fielen gedient, in ber anderen wird es zwangsläufig zerstört Die rein menschliche Rot, unb so auch die sexuelle Rot der Jugend, ist hier wie dort vorhanden: aber sie kann auf ber einen Seite gemildert unb ge­meistert werden, während sie auf der anderen zum Qkieder- unb gar Untergang führt Dort Freihe t, hier Unfreiheit: bort wirkliches Herren­tum. hier Sklaverei gegen die Triebha'tigkeit.

Man schreit nachAufklärung". Aufklä­rung als solche nützt in ben meisten Fällen über­haupt nichts, weil sie etwas Intellektuelles, Aeußerliches barftcllt. Man hat auch auf die Gefahren einer zu frühzeitigen oder verkehrten

nungen, denen sich ber beutsche JttUienreisende neuerdings nicht mehr verschließen kann der zunehmendenDeutschsreund.ichleit und dem wieder- erwachenben Interesse am klcusi.chen Altertum und der archäologischen Wissenschaft. führte bic Vortragende an Hand eines umfangreichen unb schönen Lichtbilbermaterials in bie burch neue Grabungen erschlossenen Funbe pompejanijcher Altertümer ein, vor allem eine vom Leiter des Deutschen Archäologischen Instituts, Amelung, zusammengesetzte Aihlctenstaiue des Myron, ferner bie Dronzestatue eines Cpheben, ben Ame­lung . als Ganymed des Aristokles ansprach. Von großem Wert ist die jetzt allgemein angewandte Methode ber sog. horizontalen Ausgrabung, die sorgfältig Schicht um Schicht abhebt. Die plasti­schen Funde werben ergänzt durch Mosaikfuß­böden unb Wandgemälde (ein sehr int resfanter Sturz des Ikarus") verschieb ner Stilperioden. Auch die Hausdecken, Fassaoen unb Straßen­biiber sinb burch bie sorgfältige neue Methode aufs glücklichste zu erhalten ober zu rekonstruieren. Man gewann einen klaren Einblick in die Anord­nung unb ben Aufbau der alten Häuser, ganzer Straßenzüge unb Stadtv'ertel. Uebersicht iche ©runbrißbarftellungen unterstützten bie eingehende Darstellung bet aiten Wohnungsanlagen, die zu­gleich bemerkenswerte Einblicke in bas antike Leben vermittelte; ebenso waren aus neuerbings aufgefundenen Inschriften, Dilbern. Tischgeräten und Tafelaufsätzen, aus der Einrichtung von Läden. Werksti tten unb Wirtshäusern mancherlei Ausschlüsse über bie kulturellen Verhältnisse ber alten Stadt zu gewinnen. Sehr lohnend war fernerhin ein Vergleich der Pompes anischen Gr» gebniffe mit neuen Ausgrabungsrcsuttaten in ber Hasen- unb Handelsstadt Ostia (vor Rom), das in mancher Hinsicht, z. D. mit seinen vielfach vier Stockwerke auftoeifenben Häusern, einen ganz moderten und großstädtischen Eindruck erweckt unb jedenfalls einen schroffen Gegensatz zu der kleinstädtisch-provinziellen Behaglichkeit Pom­pejis gebildet haben muß; auch bie neuerbings rekonstruierten Stadtpläne von Pompeji und Ostia weisen fundamentale Unterschiede auf. Zu­sammenfassend war sestzustetten, baß nirgends so gut wie in Pompeji die Entwickelung der antiken Stadt und ihrer schichtweise sich ausprä- genben Kulturen zu verfolgen und aufzuzeigen ist gerade infolge der elementaren Plötzlichkeit der vernichtenden Katastrophe vom Jahre 79 n. Ehr.