Nr. 276 Drittes Blatt
GietzenerAnzeiger(General-Anzeiger für Gberheffen) Zrettag, 25. November (928
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Zeitungsschau.
Die .Deutsche Allgemeine Zeitung" veröffentlicht einen Aufsatz „Kaprtalbil- vung", in dem es u. a. heißt: „Es besteht kein Zweifel darüber, daß seit 1918 die Situation so ist daß in Deutschland ganz erheblich zu wenig Kapital gÄildet und gespart wird. Hinzu kommt, dah von unserer Kapitalbildung, soweit sie vorhanden ist, jetzt 2,5 Milliarden jährlich für die Reparationen geopfert werden müssen. Wie groß der Kapitalmangel ist, ergibt sich aus den Zinssätzen, die sich für die verschiedenen Zwecke durchweg in doppelter Höhe der Vorkriegszeit halten. Aus dieser Situation resultiert für die Wirtschaftspolitik die Forderung, die Kapitalbildung in jeder Weise jju fördern, und zwar sowohl die Kapitalbildung m den Wirtschaftsbetrieben selbst, als auch di« Kapitalbildung, die im persönlichen Sparen liegt. Dah diese Forderung berechtigt ist. wird kaum irgendwo nennenswert bestritten, dagegen ist die Bereitschaft, die praktischen Konsequenzen daraus zu ziehen, bei Regierungen, Parlamenten und Stadtverwaltungen nur gering. Die Rentabilität der Betrieb« leidet, abgesehen von den ungünstigen und gekünstelten Umständen, in die Deutschland durch das Versailler Diktat verseht worden ist, unter einer Heber st eigerung der sozialen Lasten und der Steuern. Diese Belastungen gehen zweifellos über das durch staatliche Rotwendigkeiten und den sozialen Ausgleich gebotene Mah hinaus. Sie sind teilweise auch kompliziert und verorganisiert eingerichtet, lassen also den rationellen Effekt zwilchen den von den Betrieben aufzuwendenden Leistungen und den erstrebten Ergebnissen vermissen. In dieses Kapitel gehört auch die llebersteigerung des öffentlichen Aufgaben- und Behördenapparats, die nur zu einem Teil mit den unbefriedigenden Dersassungszuständen im Zusammenhang steht. In dieses Kapitel gehört ferner der in vielen Großstädten und Mittelstädten bemerkbare kommunale Größenwahn, der in einer unfruchtbaren privat- wirtschaftlichen Betriebsamkeit mit dem Ergebnis ungezählter Krachs und Skandale gipfelt und sich in einer grotesken Deranstal- tunasmcmi« auswirkt. Die Kosten tragen gewöhnlich die Grund- und Gewerbesteuerpflichtigen. Auf dem Wege über den Finanzausgleich wachsen sich die übersteigerten Kommunalausgaben natürlich auch zu einem Berhängtiis für die Reichsfinanzen aus, und jeder, der Reichsst«uern zahlt, wird durch kommunale Verschwendungen mitbetrofsen, also auch der Arbeiter.
Der Eparbetrieb der privaten Einkommensbezieher wird ebenfalls durch die deutsche Staatsund Kommunalpolitik weit mehr gehemmt, anstatt, wie es notwendig wäre, gefördert. Eine gleichzeitig fparfeindliche und unsoziale Erbschaftssteuer geht zum Beispiel soweit, daß für Zuwendungen, die in ihrem Wohlstand aufstrebende und sparsame Kinder ihren durch die Inflation (was die Regel sein dürfte) um ihr Dermögen gebrachten Eltern machen, eine Steuer von nicht weniger als 12 Prozent fällig wird. Aehnlich ist es mit Schenkungen, die einer auf den Anstand zu nehmenden Rücksicht entsprechen. Ausgerechnet diese Steuer halten nun Sozialdemokraten und Demokraten noch für ausbaufähig und gehen soweit, die Wiederbesteuerung des jetzt im wesentlichen befreiten Gattenerbes zu verlangen. Wirksamere Maßnahmen, um d e n Sparbetrieb zu töten, lassen sich gar nicht ausdenken. In ähnlicher Richtung mühte sich auch eine neue, ebenfalls von der Linken diskutierte Vermögenszuwachssteuer auswirken.
Wird so auf der einen Seite Sparsamkeit mit Strafe bedroht, so wird auf der anderen Seite der Konsum über Gebühr angestachelt. Abgesehen von einer dem plattesten Amüsement zugewandten Zeittendenz wirkt sich auch hier die Kommunalpolitik aus, da die gleichen Veranstaltungen, deren Inszenierung mit positiver Kapital
verschwendung verbunden ist, durchweg auch neue Gelegenheiten zum überflüssigen Gädausgeben mit sich bringen, durch die dem Volk die Spargroschen zugunsten der kommunalen Kassen und zur Deckung des neuen Defizits der Unternehmungen, die auf den Ausstellungen und Rummelplätzen nolens volens mitmachen müssen, aus der Tasche gelockt werden. Die mangelnde persönliche Sparsamkeit ihrerseits trägt auch wieder zu einer Verringerung der Kapitalbildung in den Betrieben insofern bei, als durch das un
genügende Angebot von heimischem Sparkapital Der Zins hoch bleibt und folglich die Selbstkosten namentlich in der Landwirtschaft und in jungen, auf starke Investierung angewiesenen Unternehmungen erhöht. Es ist Zeit, diese verderblichen Wirkungen eines volksüblich gewordenen, von den Verantwortlichen geförderten Leichtsinns zu erkennen und die allgemeine Wirtschafts- und Finanzpolitik nach ernsteren und weitsichtigeren Gesichtspunkten zu orientieren.
Geschichten aus aller Welt.
Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.
Fräulein Fifi wird operiert.
(f) London.
Tom Morris, Prokurist eines Londoner Bankhauses, wurde anläßlich seines zehnjährigen Dienstjubiläums von der Ko liegen schäft mit einem wertvollen Diamanten ring beschenkt. Rach Beendigung der Geschästsstunden eilte der Jubilar glückstrahlend nach Hause, um das Kleinod seiner treuen Lebens bea le iterin Fräulein Fifi zu zeigen. Fisi war entzückt und griff hastig — wie schon die „Frauen" sind — nach Dem schönen Ring, um sich diesen näher zu besehen. Sie beschnupperte das kostbare Schmuckstück so lange, bis sie es zu ihrem und ihres Herrn Unglück — verschluckte. Morris war der Mann der Tat, zu dessen größten Tugenden die Geistesgegenwart gehörte. Dementsprechend packte er die vor Aufregung zitternde Fisi kurz entschlossen unter den Arm, holte eine Taxe und begab sich ohne Zeitverlust nach Dem Royal Veterinary College. Als ihn daselbst der Leiter der klinischen Abteilung, Professor Dr. Frederick Hobdah, wohlwollend untersuchen wollle, zerrte er die verschämt heulende Fifi aus feiner Tasche hervor: „Ich bin gesund, Professor, meinen Hund müssen Sie aber sofort operieren, da er einen großen Ring verschluckt hat!" Professor Hobday war ein kaltblütiger Engländer: er erwiderte keinen Ton und flingelte nach seinem Assistenten. Fräulein Fifi wurde auf den Operationstisch gelegt, in aller Form chloroformiert und operiert. Der ärztliche Eingriff ist einwandfrei gelungen: der Ring kam zum Vorschein und Fräulein Fifi konnte am Leben erhalten werden. — Professor Hobday, einer der vorzüglichsten Chirurgen der englischen Hauptstadt, rettete bereits zum zweiten Male ein „Hundeleben". Vor etwa Jahresfrist ließ ein alter Schiffskapitän seinen Lieblingsköter ebenfalls in dem Royal Veterinary College operieren. Der Hund holte seinem Herrn täglich für einen Penny Tabak, und es kam des öfteren vor, daß er das ihm anvertraute Geld verschluckte. Das viele Kupfergeld ist aber Dem Tier schlecht bekommen, unD es wurde schwer krank. Da ließ Herrchen es ebenfalls operieren, und nach Dem Eingriff kamen nicht weniger als Dreizehn Penny ans Tageslicht, so daß Der alte Seebär hocherfreut feststellen konnte: „Dieser Hund ist nicht nut ein treuer Kamerad, sondern gleichzeitig eine vorzügliche Sparkasse!"
Herr Wilkins kauft WiSky ...
(a) TteuDort
Herr James Wilkins, Rechtsanwalt in Reu- York, fuhr geschäftlich nach Europa und vertraute die Leitung des Bureaus seiner treuen erprobten Sekretärin Jenny an. Eines Tages klingelle das Telephon: „Hier- spricht Bradley, Der Steuermann Des soeben aus England eingetroffenen Dampfers „Equinoctia". Ist Da Das Bureau Wilkins? Ich soll einen schönen Gruß von Ihrem Chef. Herrn Rechtsanwalt James Wilkins bestellen, Fräulein. Herr Wilkins übergab mir in Southampton eine Kiste — Schuhcreme und bat mich, diese bei Ihnen abzuAeben. Verstehen Sie, Fräulein. Schuhcreme?! Sie müssen Die wertvolle Sendung persönlich übernehmen. Fräulein Jenny.
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und haben Die quittierte Rechnung über Drei» hundertsechzig Dollar zu bezahlen. Mein Bote wird in einer Stunde bei Ihnen fein.“
Die treue Sekretärin war zunächst sprachll^. Was fiel nur ihrem Herrn ein, für dreshundert- sechzig Dollar Schuh:reme zu bestellen? Oder? Jenny rief bei Der Hafenpolizei an und bat um Auskunft. Es wurde ihr bestätigt, daß der Frachtdampfer in der Tat vergangene Rocht aus Southampton angekommen fei und daß der Steuermann wirllich Bradley heiße. Da ging Der vorsichtigen Jenny ein Licht auf. Als die Kiste ankam, übernahm sie Die „Schuhcreme" an- standslos und bezahlte Die angegebene Summe. Sie lächelte dabei verständnisvoll und zweifelte keinen Augenblick daran, daß der schlaue Wilkins sich einige Flaschen englischen Whisky auf Diese Weise verschafft habe.
Rach einiger Zeit kehrte Wilkins heim. Jenny erstattete über Die Vorkommnisse während der Abwesenheit des Chefs Bericht und erwähnte auch die geheimnisvolle Sendung aus Souchamp- ton: „Gllicklicherwei.se habe ich hie Annahme nicht verweigert; es fiel mir im letzten Augenblick ein, Da£ Sie sich Wohl Alkoholika besorgten! . .
„Ich habe zwar keinen Whisky bestellt", erwiderte der Rechtsanwalt zum Entsetzen feiner Sekretärin, „doch kann man so etwas immer im Haushalt gebrauchen."
Man öffnete in hoffnungsfreudiger Erwartung die geheimnisvolle Kiste und war erschlagen. Sie enthielt nämlich tatsächlich — Schuhcreme.
Wilkins beeilte sich, Die Anzeige gegen Den unbekannten SchwinDler zu erstatten. Er wurde Damit vertröstet. Daß bereits ein Dutzend Leute vor ihm hineingefallen sind!
Drakons würdige Erben.
(p) Athen.
Ilm 621 vor Christus hat ein gewisser Drakon. seines Zeichens Gesetzgeber von Athen, Die erste Aufzeichnung des geltenden Landrechts vorgenommen. Wegen der außerordentlichen Strenge seines „mit Blut geschriebenen" RechtsbuchÄ spricht man bekanntlich heute noch von drakonischer Strenge und drakonischen Gesetzen. Anno 1928 nach Christi Geburt wollen nun die jetzigen Gesetzgeber von Athen den sonderbaren Ruhm für sich in Anspruch nehmen, als würdige Erben von Drakon anerkannt zu werden und arbeiten Gesetze aus, die alles bisher Dagewesene an Strenge weit übertreffen. Dor allem wurde kürzlich aL8 ein „brennendes Problem" die Frage des — Trinkgeldes gesetzlich geregelt Da gab es nämllch häufige Differenzen zwischen den Gästen und bediensteten Geistern, die mitunter zu höchst unliebsamen Zwischenfällen in den öffentlichen Lokalen führten. (Man bedenke, daß es sich um ein Dallanland handelt!) Dieser Zustand befragte weder Dem großen Publikum noch Dem standesbewuß ten Bedienungspersonal, und so führte man nach mitteleuropäischem Muster das System des 10- und 15 prozenti gen Zuschlages ein. Der restlos Dem Bedienungspersonal zufiel. Mit dieser Lösung waren wohl die Besucher der Lokale sowie Die oben erwähnten stMiDeSbcwußten Elemente Der Kellnerschaft zufrieden, nicht aber die weniger auf ihre ©tau- desehre als auf ihre Tasche bedachten Individuen.
Konzert des Gießener Gängerkranzes.
Da das diesjährige Konzert dem Andenken Franz Schuberts gewidmet war, so wies das Programm fast ausschließlich (abgesehen von dem Programmanhang) Chöre und Lieder des geehrten Meisters auf. Waren es auch nicht alles Originalwerke, die geboten wurden, so wurde doch andererseits eine Reihe von Chören wieder wach, die man unverdienterweise nur sehr selten zu hören be- kommt.
Hatte in den früheren Konzerten der Verein sich ein Orchester als Begleitkörper gesichert, so über nahm diesmal das Klavier allein die Begleitung. Da die Singstimmen so markanter heroortraten, so erforderte die VorKreitung des Konzertes um so größere Sorgfalt. Besonders angenehm fielen die Damcnstimmen auf; der Sopran verzichtete auf Hervorhebung starker Akzente, und wahrte so edle Ausgeglichenheit. Ein gesättigter Chorklang gab der „Allmacht" das Gepräge; die mannigfachen Stimmungen in „An die Sonne" waren liebevoll herausgearbeitet. Ein besonderes Kabinettstück hinsicht- lich der Stilisierung war „Der Gondelfcchrer". „Das Dörfchen" hätte in Originalfassung als Männerquartett vielleicht noch nachhaltender gewirkt. Der »Hirtenchor" aus „Rosamunde" stellt besondere Aufgaben in bezug auf die Herausstellung einzelner Episoden. Der ursprüngliche Soloteil ,Hier zu den Fußen ... hätte ebenso eine Dehnung des Tempos erfahren tonnenjoie der besinnliche Teil „In schot- tigen Talen ..; sicher wäre die Wiederkehr des Hauptthemas bann noch wirksamer gewesen.
Die Begleitung Der Chöre hatte Mimi Bock (Gießen) übernommen. In der „Allmacht" überzeugte sie durch kraftvollen, aber auch modulationsfähigen Anschlag. Das treffliche Gelingen des „Gondelfahrers" ist zu einem guten Teile ihrem akzentuierten Spiele zu danken. Wenn auch die Begleitung des Hirtenckores nicht jeden Wunsch restlos besrie- digte, so erfüllte sie doch ihren Platz in der Begleitung des Solisten.
Franz Völker (Tenor am Opernhaus in Frankfurt a. M.) besitzt von Natur aus phänomenale Stimmittel, die er beim Vortrag der Schubert-Lieder nicht voll für die Durchoestoltung aus- Sen verstand. Zwar war die Art, wie er die
■ sang, fein durchdacht, aber nicht ganz rei von konventionellen Fesseln. Sicherlich hatten sich auch noch einige Schubert-Gaben gefunden. Die einem Temperament mehr Gelegenheit zur Ent al-.
tung gegeben hätten. Daß er aber den Schubert- Abend mit zwei Puccini-Arien abschloß, ist ein Verstoß gegen den musikalischen Geschmack; denn letzten Endes sind doch Konzertveranstaltungen wie eine Schubert-Feier sachlich orientiert und nicht da- zu da, dem Sänger als Folie für einige hohe Paradetöne zu dienen.
Daß die Schubert-Feier einen so würdigen Verlauf nahm und zumal durch die Chöre für das Lebenswerk Schuberts warb, ist ein besonderes Verdienst des Dirigenten Albert Kasten und ein Zeugnis für die sachkundige Arbeit, die er dem Verein gewidmet hat. Dr. H.
König Lustig.
Der Don Juan Der Fami-lle Bonaparte, schön, leichtsinnig, tocibertoH wie ein Operettentenor, Das war Jerome Bonaparte, Der jüngste Bruder Des großen Korsen, schon fast frinemgeboren in Den Glanz DeS napoleonischen Kaisertums, kaiserlicher Prinz von Frankreich Durch Die GnaDe Des BruDers, ohne all Verdienst und Würdigkeit König von Westfalen, verschwägert mit Dem königlichen Haufe Württemberg —, unD Dann, als aller 2tufrm Dahin, doch noch wieder auf Die Beine gefallen, unter Dem Reffen Rapo- leon 111. als Greis zwar, aber immer noch schön unD stattlich, verschwenderisch und liebeSbedürstig, Marschall von Frankreich, Gouverneur Der Invaliden, Senator Des Kaiserreiches. Wahrlich em Leben, Das zwar ohne jede Gröhe, fast ohne eigene Leistungen, ganz im Schatten Des großen Rapolcvns feinen Laus n. fr n, aber doch d.s Interessanten genug bietet, um eine Biographie zu rechtfertigen. Friedrich M. Kircheisen, Der bekannte fruchtbare Rapvleonforscher, hat sich Dieser Aufgabe mit viel Anteilnahme an diesem Stoff und Verständnis für feinen „SjclDen“ unterzogen*). Wir sehen, wie der Benjamin der Familie Bonaparte sehr schnell dahinter fornmt, wie man die günstig« Situation, in die die Stellung des großen Bruders die Famllie gebracht hat. für feine eigenen kleinen Zwecke ausnutzen kann. Schon als Sechzehnjähriger machte er Schulden auf den Kredit des ersten Konsuls hin, hatte Liebschaften und sogar ein Tmell. Als er dann zur Marine kam, nahm er es als selbstverständlich an, daß
*) Friedrich M. Kircheisen: König Lustig, Rapoleons jüngster Bruder. Mit 16 Bildbeilagen. Verlag August Scherl. Berlin. Gebunden 6 Mk. (500)
feine verwandtschaftliche Stellung zum Staatschef von seinen Vorgesetzten respektiert wurde, und man ihm, wo immer es auch sei, die eigene Geldbörse und den Staatssäckel zur beliebigen Verwendung zur Verfügung stellte. In Amerika, wohin er als Marineoffizier gesandt wurde, machte er dann Den ersten Streich, Den sein gutmütiger Bruder ihm ernstlich Übel nahm. Der Neunzehnjährige heiratete in Baltimore 2MH Elisabeth Patterson, di« Tochter eines amerikanischen Kaufherrn, prompt kam aus Paris der bestimmte Befehl zur sofortigen RücKehr. Seine Heirat wurde, als mit Den Gesetzen Der französischen Republik nicht in Einklang, für nichtig erklärt, Miß Patterson überhaupt nicht erst in Frankreich ans Land gelassen und Dem jungen Ehemann bedeutet, daß es nur ein Entweder- Oder gebe: Verzicht auf Die Heirat oDer Bruch mit Dem Bruder. Jerome zögerte nicht einen Augenblick. Er erbat und erhielt die Verleihung seines Bruders, Der ihn Dann später nach dem glücklichen Feldzuge von 1806/07 zum Monarchen des neugegründeten Königreichs Westfalen machte und Den neugebackenen König mit Der Prinzessin Katharina von Württemberg, Tochter König Friedrichs, vermählte.
Man kann nicht sagen, daß Jerome sich in Kassel, feiner neuen Residenz, nicht um das Wohl seines Landes gekümmert hätte. Aber von Paris aus wurden alle Maßnahmen unterbunden, Die niefrt ton Sinne des Kaisers lagen, Der in seinen Reugründungen ausschließlich französische Vasallenstaaten sah. So hörte die schwere finanzielle Bedrückung Des Landes, das zu Den hohen Ks^gÄosten Der napoleonischen Feldzüge beträchtlich beitragen muhte, niemals auf. Dazu brauchte auch Der neue Herrscher Unfununen für fein« eigene ponrpöse Hofhaltung. Auch Katharina war nicht übermäßig sparsam, man nahm ihr besonders übel, daß sie ihren umfangreichen Bedarf an Kleidung und Schmuck fast ausschließlich in Paris deckte, statt die einheimische Wirtschaft zu unterstützen. Das Verhältnis zwischen den beiden Ehegatten scheint durchweg em sehr gutes gewesen zu fein, was jedoch nicht hinderte, daß Der galante König sich von einem Liebesabenteuer in das andere stürzte, und am Kasseler Hof eine Favoritin die andere ablöste.
Die Herrschaft des Königs Luftig — unter diesem *21 amen ist 36röme auch heute noch Inden Gebieten des Damaligen Königreiches Westfalen in lebendiger Erinnerung — hatte mit Dem Sturz des großen Korsen ihr natürliches Ende. Jeromes Verwandtschaft mit Dem württembergi-
UnD solche gab es in Hellas in Hülle und Fülle. Die Leute steckten ihre Prozente ein unD folterten Dann noch ein Extra-Trinkgeld. Bekamen sie's. sagten sie höflich „Dante schön", wurde ihnen ihr Obulus mit Hinweis auf Die neuen Gesetze verweigert. tourDen sie a uff al» lenD oDer gar handgreiflich: Balkan bleibt eben Balkan. Da frit dos zuständige Arbeitsmini- fteiium energischere Maßnahmen ergriffen und beantiagte im Parlament Gefängnisstrafe nicht unter fünfzehn Tagen für all Die Bediensteten, Die ein Trinkgeld auch nur annehmen. Das Gesetz wurde angenommen und Drei Tage später wanderte Der Portier des größten Athener Hotels ins Kittchen. Seine Entschuldigung, er hätte Dem betreitenDen Gast Sonderdienste geleistet, tourDe mit Der Begründung abgelefrnt, daß Hotelangestellte sowieso sämtliche Wünsche Der Gäste zu erfüllen hätten. Die griechische Regierung, Die Drakons Erbe so energisch an getreten hat, erhofft von Dem neuen Gesetz nicht zuletzt die Hebung des Fremdenverkehrs.
Der Mann mit den 60 Frauen.
(g) Kairo.
In Europa sind Bigamisten leider nichts Ab- sonderliches mehr. Auch Männer, die sechs bis sieben „legitime“ Frauen besitzen, kommen des öfteren vor die Schranken des Gerichts. Aber von Leuten, die sechzigmal vor dem Standesamt erschienen sind, ohne daß auch nur eines von Den bedauernswerten Opfern ihrer Heiratswut von den übrigen Frauen gewußt hätte, das gehört doch wohl zu den Seltenheiten. Solches leistete sich nun tatsächlich in Aegypten, wo der Harem bereits der Vergangenheit an gehört, Der mehr oder weniger ehrenwerte I s s a u i E l Charif Bei, Den nun vor einigen Tagen Das Schicksal ereilte, indem man ihn in Kairo verhaftete und vor Den Kadi führte. Bemerkenswerterweise wurde der gute Charif frei- gesprochen. Alle 60 Frauen waren bei dem Urteilsspruch anwesend, in all ihrer Trostlosigkeit, Verbitterung, Wut, Haß und beleidigtem Stolz. Dennoch wurden sie durch den Freispruch zufriedengestellt. Die rächende Hand des Schicksals hat Charif ereilt, Denn er wurde gezwungen, jeder Der Frauen, Die sich von ihn scheiden lassen wollen, 1000 Pfund Sterling Schadenersatz unD jedem Anwalt der betreffenden Frau 5 Pfund Honorar zu zahlen. Wie Dem aber auch nun sei, ob alle 60 Frauen bei Charif bleiben, ober ob sich alle 60 von ihm scheiben lassen, ihm wirb nach bem Urteil seiner Lanbsleute nichts anderes übrigbleiben, als an einer mehr oder- weniger schönen Stelle am Ufer des Riis schnellstens einen Baum zu suchen, an dem er sich aufknüpfen kann.
Der staatsgefährliche Bienenkorb.
(n) Moskau.
In bet letzten Zeit häufen sich in ben Moskauer Zeitungen Die Berichte über Entlassungen von Lehrern imb Lehrerinnen, die, von den Dorf- sowjets mit ben verschiedenartiasten Begründungen ausgesprochen werden. Da diese Maßnahmen anfänglich mit der Behauptung gerechtfertigt wurden, die Lehrer seien keine loyalen Jünger und Anhänger Lenins und be rieben ant bo.schewistische Propaganda, sahen sich bie höheren Sowjetautoritäten nicht zum Eingreifen veranlaßt. Seit- bem jedoch diese Entlassungen einen Derartigen Umfang angenommen haben, daß dadurch das ganze Erziehungswesen in Frage gestellt wird, haben die Sowjetbehörden in Moskau Untersuchungen der einzelnen Fälle eingeleitet, und dabei sind wieder einmal herrliche Ding« ans Tageslicht gekommen. —
Es wurde festgestellt, dah die — zum großen Teil aus blutigen Analphabeten bestehenden — Dorffowjets die Lehrerschaft auf tyrannische Weise behandelten. Dpn antibolschewistischer Propaganda konnte bei dieser schon wegen der Angst vor Brotlosigkeit nicht die geringste Rede sein. Meist lag den Entlassungen kleinliche Gehässigkeit, persönliche Antipathie usw. zugrunde. Den Vogel aber schoß jener südrufsische Lehrer ab, der
scheu Kömgshause bewahrte ihn vor dem Schicksal fernes Bruders. Als Graf von Montfort wohnte er in Triest, Rom und Florenz, und als ihm nach dem Tode Katharinas eine bis dahin von dem russischen Zaren gezahlte Rente entzogen wurde, heiratete er, der immer viel Geld gebraucht hatte, noch als Sechsundfünfzig- jähriger die reiche Witwe des Marquis Bar- tolinL Unter dem Dürgerkönigtum Ludwig Philipps wurde ihm sogar die Rückkehr nach Paris gestattet, und als sein Reffe. Rapoleon Hl., sich zum Kaiser Der Franzosen gemacht batte, erhielt Jerome Den Titel eines kaiserlichen Prinzen toieDer, wurde Gouverneur Der Invaliden, Präsident des Senats und Marschall von Frankreich. Die Hauptsache bei dieser Restauration war ihm jedoch Die Zivilliste von einer Million Francs, die ihm gestattete, das frrchere Lotterleben fot±- zusehen. Erst 1860 ereilte ihn der Tod. Im Dom der Invaliden wurde seine Leiche neben der seines Bruders Napoleon beigesetzt. Er war der letzte seiner Geschwister, hatte das große Glück, zwar das Wiederaufleben des Hauses Bonaparte mitzuerleben, nicht aber seinen neuen Fall.
Hochschulnachrichten.
Professor Dr. Heinrich Weber, Direktor des Forstlichen Instituts an der Universität Freiburg i. Dr., begeht am 24. Rovember seinen 6 0. Geburtstag. Der besonders auf Dem Gebiete der Forstpolitik, Der Forstverwaltung, sowie des WalDbaus fachliterarisch tätige Gelehrt« ist zu Londorf, Kreis Gießen, geboren. An der Gießener Universität absolvierte er feine Studien, besonders unter R. Heß und K. Wimmenauer, war zunächst einige Jahre im Forst dienst angeftellt, übernahm 1904 den neuerrichteten Dritten (außerordentlichen) Lehrstuhl für Forstwissenschaft an Der Universität Gießen unD erhielt dort 1910 Die Ernennung zum Ordinarius für Forstwissenschaft, insbesondere für forst- bche ProDuktionslehre als Rachfolger von Geheimrat R. Heß. Michaelis 1920 kam Weber nach Freiburg i.Br. Prof. Weber ist Herausgeber Der Allgemeinen Forst- und Iagdzeitimg. Sterner hat er Lorehs Handbuch Der Forstwissen- fdjaft in vierter Auslage herausgegeben. Von feinen an Deren Werken nennen wir: „Grundriß der deutschen Forst- und Iagdgeschichte" (zusammen mit K. Wimmenauer) 1907; „Die Besteuerung des Waldes" 1909; „Die Großherzogllch Hessische Staatsforstwirtschast" 1911.


