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Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesse«)

§reitag, 23. November (928

Nr 276 Zweiter Blatt

Men drangt aus Bezahlung

Bon unserem römischen ^.-Korrespondenten.

Rom. Rovenrber 1928.

Zwischen den lateinischen Schwestern ist es wieder einmal zu einem drolligen Mrßverstand- nis gekommen. Seit Wochen, ja seit Monaten wird in Paris über Tunis und Tripo­lis verhandelt, der französische Botschafter in Rom. Herr von Beaumarchais, hat sein Haupt­quartier am Quai d'Orsay aufgeschlagen, in der internationalen Presse munkelt man bereits von dem unmittelbar bevorstehenden Abschluß eines Freundschaftsvertrages. Der Oeuvre glaubte aus der Schule zu plaudern, als er versicherte. Mus­solini lege schon die letzte Feile an den Entwurf. Zuerst habe der Duce den Mond verlangt, die Aufrichtung eines italienischen Staates im fran­zösischen Staate Tunis und ähnliche Kleinig­keiten. schließlich sich aber mit einer kleinen tripolitanischerr Grenzberichtigung begnügt.

Also ein neues Geschäft? 3n Paris tut inan so. Run aber stellt sich heraus, daß Rom ledig­lich eine alte, noch unbezahlte Rech­nung präsentierte. Diese aber um so energischer.

ihn den darüber entbrannten Streit zu ver­stehen, muß man sich an den Londoner Pakt erinnern, der demspontan gewollten Kriege Italiens", wie sich Mussolini anläßlich der zehn­jährigen Siegesfeier ausdrückte, vorausging. Aus Rittisfriedlosem Europa" wissen wir. daß dieses Geheimablommen, eines der dunkelsten der Ge­schichte, über die Verteilung des Bärenfells zum Teil recht unklare Bestimmungen aufstellte. Fiume sollte zum Beispiel danach zuKroatien" ge­schlagen werden und Frankreich verpflichtete sich Italien gegenüber zu kolonialen KomPen­sa t i on en auf Kosten Deutschlands. Fiume hat Mussolini zu nehmen gewußt, obwohl Wilson, der den Londoner Pakt nicht unterschrieb, es verweigerte. Run sind die kolonialen Kompen- sationen an der Reihe. Als seinerzeit Italien auf der Pariser Friedenskonferenz nahezu wie ein Besiegter behandelt wurde, hatte Orlando demonstrativ den grünen Tisch verlassen, war aber dann reumütig zurückgekehrt, um unter allgemeinem iroirischen Lächeln erfahren zu müs­sen. daß inzwischen die Volker wie Schachfigu­ren verschoben und die deutschen Kolonien an die Anwesenden verteilt worden waren. Italien ging endgültig leer aus.

Mussolini besteht nun aber auf seinem Schein. Hier die Londoner Rechnung heraus mit den Kompensationen!Italien hat das unbezweifel­bare, undiskutierbare Rechet, von Frankreich die Bezahlung zu verlangen!" So kann man es jetzt schwarz auf weiß lesen. Abgesehen von den deut­schen Kolonien, über die noch zu reden sein wird, verlangt Rom zunächst einmal die Ausdeh­nung der tripolitanischen Grenze bis zum Tschadsee und einige Korrekturen an der tunesischen Westgrenze. In Tunis selber hält es seine alten Forderungen ausrecht also wohlverstanden: es ist erst von alten Schulden die Rede, nicht von neuen Geschäften, bei denen auch Italien etwas bieten müßte. Rein, Italien hat schon seine Schuldigkeit getan, sechshunderttausend Tote bezeugen es. Jetzt ist die Reihe an Frankreich.Wenn Frankreich nicht zahlt, hairdelt es also nach der Papierfetzen­theorie, die es selber seinerzeit Deutschland vor­geworfen hat. Wenn es nicht zahlt, werden die internationalen Beziehungen durch berechtigte Zweifel an seiner Ehrlichkeit gestört." Deutlicher kann man nicht gut sein.

Bliebe noch zu fragen, wo denn die ilrsache des Mißverständnisses zu suchen sei. Warum glaubte man in Paris, es handle sich um einen von den Kriegsgeschäften unabhängigen italieni­schen Vorschlag? Run, die Antwort ist nicht schwer. Wenn Mussolini plötzlich die Freund­schaft Frankreichs vertraglich sichern wollte, so mußte er seine Gründe haben. Diese Gründe sind mit der kalten Schulter, die ihm Deutsch­land zeigt, identisch. Deutschland zeigt sich

Georg Kaiser.

3u seinem 50. Geburtstage.

Von Geheimrat Professor Or. Oskar Watzel. Nachdruck verboten.

Georg Kaisers BühnenspielDer gerettete Alkibiades" deutet alte Ucberlicferung gründ.ich um. Don dem sinnenstarken Glücksgefühl, das noch vor . nicht langer Zeit den Hellenen zuge- schrieben wurde, bleibt nichts übrig. Qual durchzuckt diese Griechen Kaisers noch dort, wo sie ein höchstes Glück zu erleben meinen. Maßlos schreit sich diese Qual aus. Rur Verzicht auf das Leben bringt Erlösung. Hnb was einer späten Vergangenheit wie Heroismus erscheinen mag, wurzelt in unedlerer Sucht, ist vom Zufall be­dingt. Sokrates hat dem schwerbedrängten Alkr- biades in der Schlacht das Leben gerettet, nicht aus Heldenmut und nicht aus Freundschaft, nur weil ein Dorn, den er sich in den Fuß ge­treten hatte, ihn dazu treibt, den kaum ertrag» I lichen Schmerz irgenbtole auszutoben. Alkibiades könnte cbenfo gut Opfer dieses Wutanfalls wer­den wie die feindlichen Krieger, die ihn gefangen» nehmen wollen. Run bleibt für Sokrates nur übrig, den Goldkranz, den man ihm wegen seiner I Tat zuerkennt, dem Geretteten zu schenken. Alki- > biades ringt jetzt um die Freundschaft seines Retters. Was er da erlebt, wühlt ihn derart auf, | daß er die Tat begeht, um derentwillen ihn nach alter ilcbcrlieferung Athen zum Tode ver- I urteilt: er stürzt geheiligte Hermensäulen um. Zum Tode verurteilt wird aber auch sein Lebens- ' rettet Sokrates. Der trinkt gelassen den Schier­lingsbecher. Die Knaben Athens, die von Alli- biades für Sokrates gewonnen worden waren, wollen Sokrates die Bahn zur Flucht öffnen; er weist sie ab.

Wieder einmal will ein Dichter zeigen, wie tatsächlich gewe en ist, was von der Legende in ein verklärend falsches Licht gerückt wird. Der­gleichen taten die Dichter des 19. Jahrhunderts gern, nicht bloß Hebbel, vor allem die Tra­giker um 1900, aber auch Shaw, zuletzt in Die heilige Johanna". Dennoch wirkt Kaisers ;Der gerettete Alkibiades" ganz anders Wohl trägt auch ihn ein tiefeingewurzelter Skeptizis­mus. Rur noch scharfer als in Hebbels .Judith' waltet herbste Ironie in der Wertung der über» 3 lieferten Vorgänge. Die Menschen sind vollends

spröde wegen Südtirols. Südtirol wurde Italien damals von Poincare-Clemenceau in der Berechnung überlassen, daß es das Danaer- gescheirk nicht durchschauen werde. In der Tat hat diese mit Raffinement in den deutsch-ita­lienischen Damm gelegte Dresche bisher ihre Aufgabe erfüllt; es ist nicht zu der Derbindung Ro dse.-Mittelmeer gc ommcn, nicht zu de: Mauec gegen das Vorträgen der französischen Hegemo­nie, nicht zu einem Bollwerk gegen die Ver­bindung Frankreichs mit seinen östlichen Vasal­len, b^onders Jugoslawien. Italien sieht sich vielmehr durch die Annahme von Südtirol von

von einer inneren Wucht beseelt, die sogar Heb­bels Holofernes und Judith nicht kennen, noch weit weniger die Bühnengestalten des Impressio­nismus oder auch Shaws. Etwas von Rausch­sucht ist bei Kaiser noch in Sokrates, ist beträcht­lich stärker in Alkibiades und in seiner geliebten Phryne wirksam. Wie sie, noch widerstandsloser als Alkibiades, dem Zauber der Persöirlichkeit des Sokrates verfällt, das kündet von dämoni­scher Macht eines Menschen, die um 1900 wie heute auf der Bühne etwas Unerhörtes be­deutet. lind dank solcher Steigerung ins Heber» lebensgroße gewinnt die Tragödie von Kaiser eine Monumentalität, der die Gegenwart gar nicht mehr gewachsen ist. Wittig ist sie zu schlich­ten bürgerlichen Gebärden zurückgekehrt. Der ex- pres.ionistische Stil der Schauspielkunst ging aufs Monumentale. Gr ist jetzt, gleich anderen Tat­sachen expressionistischer Kunst, abgetan, ist un­erträglich geworden, wird nicht länger verstanden, gilt für eine Entgleisung.

Daß der Aufschwung, dessen die Zeit des Ex­pressionismus fähig war, heute vorbei ist, spricht nicht für dies Heute. Man hat verlernt, die Dinge in großem Sinn zu nehmen, ist recht anspruchslos und bescheiden geworden. Katzen- jammerftlmmung nach dem Rausch! Wer gleich Kaiser fein Bestes in der Zell solchen auf- schwungsfrohen Wagemuts geleistet hat, ist nun übel daran. Schon die expressionistische Wort- kargheit ist jetzt ein Hemmnis; im Fortschreiten war sie den Dramen Kaisers immer geläufiger geworden. Das läßt sich auf dem Wege von Kaisers WilliardärdramaDie Koralle" zu deren Fortsetzung, zuGas", beobachten, zmnal am zweiten Teil vonGas". Wer ist heute noch nach so wenig Jahren fähig, die gedrängt ausgezirkelte Wortkunst dieser Dramen zu er­tragen? Oder auch das geometrisch Ausgezirkelte (soll man sagen: Kubistische?) im Aufbau?

Kaiser selbst gibt nun dem Zug der Zeit nach, ganz so wie andere aus dem Kreise der Expressio­nisten von einst. 1920 istDer gerettete Alki­biades" erschienen, im selben Jahr wie die letzten anderen Stücke, in denen Kaiser den Expressio­nismus ausgestallet hat. Es ist das Todesjahr des Expressionismus geworden. Seitdem konnte Kaiser der Bühne etwas zumuten wie sein Stück Kolportage". Kolportagchaftes stellt sich auf der Bühne dar, feiren Unwert zu bezeugen. Wimi.che Satire nennt man das. Unzulängliches beweist in seiner eigenen Sprache die eigene Unzuläng­lichkeit. Aber zuweilen weckt dies Stück Kaisers

seinem natürlichen deutschen Bundes genossen, dein es, mit Venedig 1866, mit Rom 1870, die Eini­gung verdankt, getrennt, isoliert.

Folglich muß es sich wieder Frankreich nähern. Die Freundschaft eines derart starken Waffengenossen ist aber nicht umsonst zu haben. Also läge es an Mussolini, etwas zu bieten und nicht den Mond zu verlangen. Sagt Frankreich.

Wie man sieht, kommt allmählich der Pferde­fuß unter demTriumph des Rechts und der Gerechtigkeit" hervor. Wie wird es in abermals zehn Jahren sein?

den Eindruck, als fühle er sich in solch Kolpor- tagehaftem selbst recht wohl. Einer, dem viele Sättel gerecht sind, bietet im Gewand der Satire dem unkerhaltungslüsternen Publikum so will- Eommene Speise, daß es darüber die Satire ver­gißt und sich unbedenllich an dem Dargebotenen ergötzt. Williger kamen andere, die um des Augen­blickserfolges willen dem Expressionismus ab­sagten, den Wünschen der Zuschauer kaum ent­gegen.

Kaiser war dieser Gefahr dank der ungemeinen Beweglichkeit seines Könnens mehr als die meisten ausgesetzt. Sind schon anDer gerettete Llliibi- ades" Züge zu erkennen, die von der expreß io- niftischen Gesamthaltung ins Impressionistische abweichen, so bewegen sich seine älteren Stücke auf allen Bahnen des Expressionismus, gehen aber zuweilen sogar nur wenige Schritte über Ibsens Haltung hinaus. Das wurzelt auch in Kaisers ungewöhnlich bühnengemäßer Fähigkeit, Menschen zu gestalten und Stücke zu bauen. Vollends handhabt er alle Mittel, die eine starke äußere Spannung, ein atemraiibenbeä Warten auf die konunende, immer wieder hinausgerückte Ent­scheidung erwirken, mit zielgewisser Fertigkeit. Oder er führt mit unbeirrbarer Hand ein Stück, Die Flucht nach Venedig", zu dem Schlußepi- gramm hin, läßt es in diesem Epigramm ebenso sicher gipfeln wie französische Bühnenbeherrscher die Dramen, die ein Sprichwort zur Heberschrist haben und es am Ende einem der Darsteller in den Mund legen. Virtuosität ist das. die sich frei von einer Ausdrucksart zur anderen be­wegt. So nimmt Kaiser für sich das Recht in Anspruch, in allem seinem Schaffen nur einen Durchgang zu sehen, wehrt sich sogar dagegen, auf eine seiner Fähigkeiten festgelegt zu werden.

Der vielgestaltige Reichtum von Kaisers Be­gabung lieh ihn zur Zeit des Expres,ionismus auch lebendige Menschen auf die Bühne stellen, während sonst an deren Stelle gern nur Abstrak­tionen sich aufdrängten. Seine Dramenbaukunst verzichtete gleichfalls minder unbedingt auf alt­bewährte Bräuche. Dielen, die das Gewohnte ungern aufgaben, empfahl sich solch vermitteln­des Verhalten. Es war imstande, etwas so Mäch­tiges zu schaffen wie Kaisers unbestrittenstes WerkDie Bürger von Calais". Strenge sitt­liche Haltung, wie der Expressionismus sie er­strebte, viel von der Wortgebung, die ihm lieb war, das Monumentale und die große Gebärde, die er suchte, werden in dieser reifsten Leistung

Ferner wurde der bedeutsame Entschluß gefaßt, das Abkommen mit dem Deutschen Reiche, das die belannte Streitfrage der Banca Generala-Roten und der Sequestrierung deutscheir Eigentums in Rumänien endgültig regelt, sofort zu unterzeichnen, die Verhandlungen über An­leihe und Stabilisierung unverzüglich wieder aufzunchmen und den Staatsvoranschlag für 1929 so rasch als möglich fertigzustellen.

Die Aufstellung des neuen Budgets kann aber nur unter Mitwirkung aller Ministerien erfolgen. Es ist nun eine große Sorge der neuen Regie­rung, ob sich die innere Organisation der Mini­sterien arbeitsfähig erhält. Um diese Sorge auch dem deutschen Leser begreiflich zu machen, muß ich wohl erwähnen, daß es bisher in Rumä­nien zur Tradition gehörte, daß bei einem Re­gierungswechsel sämtliche Stellen von den bisherigen Inhabern gesäubert und mit An­hängern der neuen Regierung besetzt wurden. Es ging also mit dem Minister nicht nur der Staatssekretär, der Präfekt, der Polizei- und Postchef, sondern auch die verschiedenen Unter» beamten, die selbstverständlich während ihrer Amtszeit" soviel nebenbeiverdienen mußten", daß sie in der Zeit, wo ihre Partei nicht am Ruder war, zu leben hatten. Es gibt also heute in Rumänien keinen außerhalb des Par­teilebens stehenden Beamtenkörper, der unbeirrt durch politische Parteizugehörigkeit allein den Dienstobliegenheiten sich widmen würde. Es erwuchs damit der Regierung Maniu die Ausgabe, nicht nur die leitenden Minister zu stellen, sondern auch für alle mehr oder weni­ger wichtigen Dienststellen die Ablösung be­reitzuhalten. Ob die neue Deamtenarmee so ganz den Idealen des neuen Ministerpräsidenten ent­spricht, ob man in Hinkunft im Verkehr mit den Behörden des bisher gewohntenBakschischs" en traten kann, das wird man auch erst abwarten müssen.

Am 1. Dezember dieses Jahres plant man in Erinnerung an die vor zehn Jahren erfolgte Einverleibung Siebenbürgens in das großrumä- nische Reich überall im Lande repräsentative Feiern. Die zwei Wochen, die bis dahin noch fehlen, wird die neue Regierung dazu benützen müssen, um sich ordentlich in den Sattel zu sehen. Denn das Rationalsest vom 1. Dezem­ber soll gleichzeitig das Siegesfest der Regierung Maniu fein, die auch, wie ich eben erfahre, zum gleichen Zeitpunkt ein großes, diplomatisches Re­virement vorzunehme.i beabsichtigt. Wahrschein­lich wird u. a. der bisherige rumänische Gesandte in Berlin, Commen, abberufen, und durch einen nationalzaranistischen Parteimann ersetzt werden.

Vierte Aeichstagung der EdangeüschenVoWgemeinschast.

Eigener Bericht desGießener Anzeigers".

Die Evangelische Volks gemein - s ch a s t hielt in Bad-Rauheim ihre aus allen Teilen des Reiches beschickte vierte Reichstagung unter dem Vorsitz des Reichsvorsitzenden, Pfarrer Weidner (Ober-Lais), ab.

Der Samstagnachmittag brachte interne Sitzun­gen, die sich mit organisatorischen Fragen be­schäftigten. Rach Eröffnung der Tagung gedachte der Vorsitzende mit ehrenden Worten des ver­storbenen Parteifreundes Bürgermeister Völker (Lich), der die Partei im Provinzialtag Gießen als Qibgeorbneter vertrat. Abends sand im Tur­nerheim die erste öffentliche Versamm­lung statt, die Pfarrer Weidner mit kurzer Begrüßung eröffnete, die vor allem auch den Pressevertretern und Landtagsabg. Dr. Ziegen­rücker (Berlin) galt, lieber

Schulpolitik"

sprach dann der hessische Landesvorsitzende, Leh­rer G r e b (Weisenau-Mainz). Das Reichsschul­gesetz könne nur als Rahmenprogramm in Frage kommen, das den einzelnen Ländern die Möglich­keit geben müsse, ihrer besonderen Eigenart und historischen Entwicklung Rechnung zu tragen. Die

Kaisers von Menschen verwirllicht, die leibhaftiger geraten sind, als es damals den menschlich und künstlerisch gleichgesinnten Dramatikern glücfen wollte.

Oie Zdealgestatt der Dame vor hundert Jahren.

In dem von Ludwig Kainer entzückend illustrierten Jahrbuch für die Dame von heute: Velhagen & Klasings Almanach für 1 9 2 9 veröffentlicht Dr. Paul W e i g I i n einen an vielen amüsanten Einzelheiten reichen Aufsatz, dem wir entnehmen, daß damals Gummi eine schöne neue Erfindung war. Man benutzte ihn zu Ueberschuhen. Wichtiger war er für den Schnüvleib.Während ein gewöhnliches nur die Engherzigkeit befördert und ein Geschwisterkind der Schwindsucht ist, gibt dieser elastische Schon» Heils- und Taillenmesser Raum für das größte Herz, für die auherordentlichsten Gefühle." Die Idealgestalt der Dame fordert anders als heute fließende, runde Formen. Doch denke man nicht an Rubens dabei, und wenn die Figur zu wün­schen übrig läßt, kann em schönes Gesicht solche Mängel ersetzen. Unsere sportlich eingestellte Zeit denkt darüber anders. Sie macht auch nicht mehr Vorschriften wie, daß der Mund nicht breiter sein soll als die Rase. Auch die Dame von 1829 kannte Schönheitsmittel, nur wurden sie nicht industriell so mannigfach wie jetzt hergestellt, ob­gleich in Paris jährlich anderthalb Millionen Schminktöpfe in den Handel kamen. Schminkeir galt in Deutschland für unfein. Allzugrvhe Magerkeit war peinlicher als Fülle, gegen die ein Arzt als sicherstes Mittel Kummer emp­fahl. Doch verstand man bereits durch Operatio­nen Fett zu entfernen. Gegen die Schnürleiber wandte sich jeder Arzt. Die Gesichtsfarbe fällte möglichst blaß sein. Gegen Muttermäler, fieber» flecke, Sommersprossen gab es allerlei harm­lose Mittel von zweifelhaftevr Erfolg. Hellblondes oder rotes Haar galt als häßlich und muhte ebenso wie graues gefärbt werden. Eine altzu feste Gesundheit war nicht vornehm. Damen muhtenVapeurs haben, wenigstens etwas nervenschwach sein und mit Krämpfen Bescheid wissen. Sie brauchten eine Frühlingskur zu Hause unb gingen auf Grund einer Sommer­krankheit ins Bad, um an der Sabie d'hvte zu glänzen, um zu spielen, zu tanzen.

Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.

Bukarest, Rovember 1928.

Machthunger seiner Parteifreunde etwas ein» zudämmen. Das Lluhenrninisterium ist mit einem im Ausland völlig unbekannten Mann, G. G. M i r o n e s c u, besetzt worden. Offenbar hat Herr Mrronescu nur als Platzhalter für Situ» lescu zu fungieren, der wahrscheinlich nach den Reuwahlen in das Kabinett eintreten dürfte.

Rumäniens neuer Herr.

Ministerpräsident Maniu. - Das liberale Parlament wird aufgelöst. -Frei Neuwahlen" am 12. Dezember. Ein Beamtenheer wirdabgelöst^. Oie Bauern jubeln.

Von unserem 8lc.--Berichterstatter.

Run ist die erste Begeisterungswelle über Ru­mänien hinweggebraust, die durch den Sturz der Liberalen und die Ernennung Dr. Ju­lius Manius zum Ministerpräsidenten her- öorgerufen wurde. Man hat überall, in allen Städten des Mtreiches, vor allem aber in Sie­benbürgen wahre Freudenfeste gefeiert und sich vor Glück nicht fassen können. Man schwelgte m Seligkeit und wiegte sich in den kühnsten Hoffnungen. Dre Dauern strahlten. In allen Dörfern herrschte Jubel. Jetzt ist ja Maniu am Ruder, jefct muh ja alles wieder gut und schön werden!

Der Rame Maniu klingt wie Glockenton in den Herzen der runränischen Dauern. Ec ist seit Jahren ihr Heros, ihr angebeteter Führer, ihre Hoffnung, er stand feit Jahren in erbitterter Opposition zu den jeweiligen Regierungen, die enttoeber von den Liberalen oder deren Platz- haltern gebildet waren, er bekämpfte die Kor­ruption, ohne sich eine Seltenheit für den Balkan selbst der Bestechung schuldig zu machen, er eittwickette ein großes, vielversprechen­des Programm und mußte fast zehn Jahre warten, bis die Partei Vintila Dratianus sich gezwungen sah, die Herrschaft an ihren einzigen großen Gegner abzutreten.

Run soll Herr Dr. Maniu beweisen, daß er seinen schönen Worten auch die Taten folgen lassen könne. Don seinem guten Willen kann man überzeugt fern. Denn er ist der Mann mit der weihen Weste er hat bisher allen lockenden Angeboten mannhaft widerstanden, sogar eine Ehrenpension, die ihm der verstorbene König Ferdinarrd ungebeten hatte, abgelehnt und sich nicht ein einziges Mal mit politischen Geschäften beschmutzt, kurz, es ist ein außergewöhnlich ehr­licher, anständiger und ideal geftmtier Mann. Ob aber diese menschlich großen Eigenschaften für einen Politiker und Staatsmann, gar erst für einen Dalkanpolitiker, nicht eher hin­derlich als nützlich sind, das muh man erst ab» warten. Gewiß Herr Maniu will fein Land aus dem Dallansumpf in kühnem Schwünge her- aussühren, er will die Korruption mit Stumpf und Stiel ausrotten, die Verwaltung von allen ausbeuterischen Elementen befreien und einen geordneten Staatshaushalt begründen, aber Maniu ist doch nur ein Mensch Viele seiner führenden Parteianhänger fmb gewissermaßen ausgehungert, hoffen jetzt, da sie an die Macht gelangt sind, ihr Profitchen herauszuschlagen, möchten ihre eigenen Süppchen über dem Re­gierung sseuer kochen und halten von den idealen und schonen Programmpunkten Dr. Manius nicht sonderlich viel.

Es wird sich also erst zeigen müssen, ob Dr. Maniu auch die Energie hat, den begreiflichen

Diese Reuwahlen sollen für Rumänien wirk­lich ein Rovum bedeuten. Denn Maniu will freie Wahlen" diirchsühren; die Regierungs­partei will also die vermutlich oppositionell ge­sinnten Wähler nicht mehr zwangsweise von der Wahlurne fernhalten, sie wird nicht mehr ganze Distrikte mit Kontumaz belegen, Thphus- und aridere Epidemien vortäuschen, um die Be­völkerungwegen Ansteckungsgefahr" an der Wahl zu verhindern, sie verspricht sogar, daß die Wahlurnen nach erfolgter Wahl nicht ,,auS» gewechselt" werden, um auf diese Weise eine sichere Regierungsmajorität zu erzielen man beabsichtigt demnach wirkliche Wahlen zu ver- anftatfen, in denen der allgemeine Dolkswille gum Ausdruck kommen soll.

Gelege nllich des ersten Ministerrates, den das neue Dauernkabinett (dem iratürlich kein ein­ziger Dauer angehört, weil es sich natürlich nur um intellektuelle Bauernführer handelt) abhielt, machte Maniu seine Kollegen darauf aufmerksam, daß, getreu dem Programm der nationalzara- nisttschen Partei, die gange Tätigkeit der Regie­rung vom Geiste der strengsten Gesetz­mäßigkeit inspiriert sein müsse. (Dve Oppo- sitionspresse behauptet etwas ironisch, daß bei dieser Erklärung die Ministerkollegen Manius sich bedenklich die Köpfe gekraut hätten...) Willkür, Eigemnächtigkeit und Hebertretung der bestehen­den Vorschriften müßten ein für allemal aus der Verwaltung verschwinden. Dann beschloß der Ministerrat, vom verfassungsmäßigen Faktor die Ermächtigung zur Auflösung des gegenwär­tigen Parlanrentes und zur Ausschreibung von Reuwahlen zu »erlangen. Es wurden dabei folgende Termine festgesetzt: 12. Dezember Kammerwohlen, 15. Dezember allgemeine SenarS- wahlen, 19. Dezember Wahl der Fachorganisatio­nen der Universitäten und Ackerbaukammern für den Senat, lind am 22. Dezember, also knapp vor Weihnachten, soll das neue Parla­ment, auf dessen Zusammensetzung man wirklich neugierig fein darf, zusammentreten.

Um die vollkommene Freiheit der Wahlen zu gewährleisten, wurden die Minister des Innern (Alexander Daida-Voevod, der vor rund 10 Jah­ren der erste Ministerpräsident des neugebildeten Grohrumänieirs war), der Justiz (Gngore Iu» nian) und des Krieges (General Cihosii) beauf­tragt, dem Ministerrat geeignete Vorschläge zu unterbreiten, wie jeder bisher übliche Wahl» mißbrauch und jede unzulässige, aber in der Praxis bisher gern geübte Einmischung der Ver­waltungsbehörden hintangehalten werden soll.

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