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Aus der Provmzialhauptstadt. j Cießen, den 23. November 1928. j Ein Fnedhossgang.

Gs ifi schon batb ein Menschenalter her tiin feiten schöner Spächrrbsttag lag warm und leuch- teno über den Llbhängen des D^elsbergs Da arbeiteten mir un2 langsam auf einem 5ubt>foZ> durch Daurnstüae und Grabgarten hmauf zum Kirchhof des Dorfes. 221.102 butter ging vorwrs ©ÄTiit für Schritt, so wie es ihre schwachen KÄp-rkräfte zullen. Wenn das Herz zu schnell und der Atem zu viel wurde, machten wir Halt, und sie sah unter einem Daum auf einem Klapp» ftubi den ich ihr nachtrug. Biel Kraft zum Sprechen blieb da nicht übrig, auch nicht viel Lust: es ging zum Friedhos.

Wie oft war sie als Jungfrau kräftigen Schrit­tes und pietätvollen Sinnes hinauf zum Kirchhof geeilt, um noch am Ende eines arbeitsreichen Samstags die Gräber ihrer Ahnen mit Blumen zu schmücken; und die Sonntage waren zu zählen, tvo sie vor oder nach dem Gottesdienst nicht ein paar stille Minuten übriagehabt hätte für ihre Gräber auf dem Kirchhof denn Kirche und Friedhof lagen zusammen innerhalb derselben Dasaltmauer. Al- einfaches Bauernmädchen war sie mit einem braven Manne ihres Dorfes, der es zu einer kleinen Beamtenstellung gebracht hatte, hinauSgezogen; vielfacher Wechsel des Dienstortes und sorgsame Teilnahme an der Aus- bildung ihrer Kinder hatten ihren aufgeweckt en Geist genährt, ihren Gesichtskreis geweitet, aber sie auch heimatlos gemacht. Für die Jahre der Ruhe bauten sie sich ein schmuckes Häuschen r-n die Daumstücke am Bande ihres Heimatdorfes, lebten sich mit ihren Verwandten und Jugend- freunden wieder ein und sahen ihre Kinder und Enkel gern und oft bei sich zu Gast. Aach einer Reihe schöner, innerlich voller Jahve starb der Vater, die Mutter wurde leidend: aber sie war daheim.

Ich möchte gern noch einmal auf den Fried­hof," sagte sie, als ich sie an jenem schönen Herbst­tag wieder besuchte.

Bereitwillig griff ich ihren Wunsch auf. Aber nun kamen die Einwendungen. Ob ihre schwachen Kräfte ...

Wir nehmen unS den ganzen Nachmittag vor; unterwegs lannst du ausruhen, so oft du willst, ich nehme ein Klappstühlchen mit; wir brauchen nicht durchs Dorf; die Leute werden sich freuen, dich wieder einmal draußen zu sehen...

So rückte ich ihr die Ausführung näher und näher. Am frühen Rachmittag war sie bereit: Wir wollen gehest!"

Wie freute sie sich des sonnigen, farbenfrohen Herbsttages; aus den Daumstücken und Grab- fl&tten rief es von da und dort, und mancher kam näher zu freundlicher Zwiesprache, auf sein Arbeitsgerät sich stützend. Sie lebte auf, wenn sie auch oft müde auf das Stühlchen sank.

Rahe zu eine Stunde hatten wir gebraucht für einen Weg von knapp zehn Minuten.

Kein- ihrer Gräber wurde übersehen, bei jedem wußte sie etwas zu sagen oder zu tun.

Auf der Höhe des ansteigenden Kirchhofes blieb sie stehen und blickte sinnend zurück.

Heber das alles hier mutz man hinwegsehen," sagte sie, und strich mit der Hand langsam über das Gräberfeld.

Mir war, als teilte sie die Welt mit dieser feierlichen Armbewegung.

Mit sinkender Sonne kamen wir wieder im Häuschen an, müde, aber tief befriedigt.

Vierzehn Tage später trugen wir sie durch die Ortsstraße hinauf zu ihren Gräbern und in ihre Reihe.

Heber das alles hier mutz man hinweasehen," klang es da wieder und wieder in mir, und klingt es fort bis auf den heutigen Tag.

Äe hatte ihre obere Heimat gefunden. R. B.

Borirotizen.

Tageskalender für Freitag. Stadttheater:Der Pattiot", von 191/2 bis 22V2 Ähr. Gesellschaft für Erd- und Völker­kunde: LichtbildervortragLand, Leute und Wirt­schaft in der Mandschurei", 20V4 älhr, in der Aula der Hniversität. Einhorn-Lichtspiele: Vortrag über die Förderung der Farbe im Stadt­bild. Lichtspielhaus, Bahnhofstraße:Die Rothausgasse". - Astotta-Lichtspille:Verlorene Söhne in Marokko", mit Persönlichem Dorttag Carl Bernhardts;Ohne Gesetz und Recht".

Stadttheater Gießen. Aus dem Stadt­theaterbureau wird uns geschrieben: Die heutige Krstaufsührung von Alfred Reumanns Schauspiel Der Patriot" beginnt um 19.30 Hhr. Spiel­leitung Walter Ebert-Grafsow, Bühnen­bilder Karl Löffler. Sonntag, 25. November (Totensonntag), 20.30 Hhr, wird das mit so großem Erfolg aufgeführteStreit- und Trost­gespräch aus dem 14. Jahrhundert,Der Acker­mann aus Böhmen" von Johannes Saaz, ein­malig wiederholt. Spielleitung und Einführung: Intendant Dr. Rolf Präs ch.

Schtzlerabend der Schule Heer­mann. Morgön, Samstagabend, 6 Hhr, ftndet in der Reuen Aula ein SHülerabend der Schule Heermann statt. Der Erttag der Veranstaltung ist für die Gießener Studentenhilfe bestimmt. Näheres in der heutigen Anzeige.

e

** Dom Gießener Wochenmarkt. Für den morgigen Wschenmarkt ist der L i n d e n p l a tz noch einmal zu Marktzweckcn freigegeben worden. Der Verkauf von Blumen und Kränzen kann also . dort stattfinden. Sollte dieser Platz für den Der- taufsbetricb nicht ausreichen, so wird weiterer Raum auf dem Brandplatz und dem Landgraf- Vhilipp-Platz bercitgchaiten. Der Verkauf in den Marktlauben besteht, trotz des Baues des Markt­laubengebäudes, weiter.

** Sie neue staubfreie Müllabfuhr soll in den nächsten Tagen aufgenommen werden. Soweit noch nicht geschehen, sind nunmehr die neuen Mülleimer umgehend anzuschaffen. Die bis­herigen, vielfach unzulänglichen Gefäße müssen außer Betrieb gefetzt werden. Man beachte d«e heu­tige Bekanntmachung der Szadtoerwaltung.

** Der Neu 0 au der Heilstätte für tuberkulöse Erkrankungen der obe­ren Luftwege ist jetzt im Rohbau fertig- gestellt. Das flache Dach ist so weit gedeckt, daß Regen und Schnee dem Bauwerk nicht schauen können, doch erhält die Bedachung im Frühjahr noch eine doppelte Bleidecke und eine doppelte Schicht Pappabdeckung. Die Lieferung der Fenster und Türen, die bis 15. Dezember fertig sein müssen, sind für den Hauptbau der Firma S. H. Müller, für das Treppenhaus dem Glaser­meister Mar? und für das Wirtschaftsgebäude dem Glasermeifter B i c r a u. sämtlich in Dietzen,

übertragen worden. Die Schiebefenster für die Da7»ne hat die Spezialfirma Joh. Schmidt (BDub^uren, Württemberg) zu liefern übernom­men. Die H izungsanlage ist an den Mindest - fordernden, Jakob Nohl in Darmstadt, über­tragen, der sie bis Mitte März k. I. herzustellen hat. Augenblicklich ist man eifrig bemüht, die Entwässerungsanlage noch vor Eintritt der kalten Jahreszett fettigzustellen. Man hofft, bis Mitte Juli k. I. das Dauwett zu vollenden, um dann sofort mit der inneren Einrichtung beginnen zu können.

** Warnung vor einem Betrüger. Wie der heutige Polizeibericht mitteilt, ist gtftern in unserer Stadt ein Mann aufgetreten, der sich Assessor von Hoff nannte. Der Mann hat in verschiedenen Geschäften Grammophonplatten be- tellt und in einem Falle 400 Grammophonnadeln ileich mitgenommen, unter dem Vorgeben, daß er ie bei der Lieferung der Platten mit bezahlen werde. Wie sich später herausstellte, handelt es sich um einen Schwindler. Der Mann trug einen brau­nen Ulster, blauen Anzug, braunen Hut; er ist etwa 1,85 Meter groß. Die Polizei warnt vor die- fern Menschen und ersucht, bei seinem Auftreten die sofortige Festnahme zu veranlassen.

" D e r m i h t wird feit dem 18. November die Arbeiterin Lina Pitz von hier, die im 18. Le­bensjahre steht. Sie ist 1,63 bis 1,65 Meter grob, gesetzt, hat rundes Gesicht, frische Gesichts­farbe, dunkelblondes Haar, blaugraue Augen, blonde Augenbrauen, vollständige Zähne und mittelgroße Ohren, Nase und Mund. Bei ihrem Weggange trug sie ein rotes Kleid mit großen weißen Punkten, ©ammelbut, Hellen Mantel mit Sammettragen. Sammetschuhe und hellgelbe Strümpfe. Wer über ihren Verbleib Auskunft geben kann, möge die Kriminalpolizei Gietzen verständigen.

Zwei feHene Gäste konnte Herr Will von Heuchelheim vorgestern abend auf seinem Grundstück anttefsen. Es waren zwei Johannes- würmchen, die in der jetzigen, für sie ganz un­passenden Zeit, ihren Besuch machten.

* Militärkonzert für Kranke. Zur Erheiterung der Insassen der Nerven Heilstätte in der Sicher Straße gab unsere Militärkapelle unter Leitung des Obermusikmeisters L 0 e b e r am Mittwochmittag ein Konzert in dieser Anstalt. Die Kapelle brachte schneidige Wilitärmärsche und ernste und heitere Kotnposittonen zu Gehör. Die Kranken waren durch diese fteundliche Dar­bietung der Kapelle außerordentlich erfreut. Die­ser schöne Dienst der Nächstenliebe, den die Militärmusiker hier geleistet haben, wurde mit herzlicher Dankbarkeit vermerkt.

D ie Cvangelisationsvorträge vom 19. bis 25. November Im Saale des Lass Leib von Paul Schwefel, Berlin, werden gut besucht. Neues Licht und neue Anregungen gaben so schreibt man uns die ersten drei Dorträge über die Schöpfung im Lichte der Bibel und die Erlösung. Der preußische Buß- und Det- tag brachte einen großen Besucher-Zustrom von außerhalb, so daß imPostbeller" eine Nach­mittags-Parallelversammlung abgehalten werden mußte. Gewaltig und überzeugungstreu sind die Ausführungen Schwefels, umrahmt von persön­lichen Erlebnissen, deren segensreiche Folgen er den Zuhörern vor die Seele stellte und die be­wegten Herzens ausgenommen wurden. Besonders interessant werden die kommenden Ereignisse im letzten Telle seiner mitgeteUten Themen werden, da sie das ewige Teil der unsterblichen Seel« betreffen. Es sei deshalb nochmals besonders auf diese Dorttäge hingewiesen. (Siehe heutige Anzeige.)

Die Hessische Vereinigung für V ol kskunde , deren geschäftsführender Vor­stand seinen Sih in Friedberg hat, hält ihre diesjährige Hauptversamm'u rg am 8. Dezember inLich ab. Auf der Tagesordnung stehen außer den geschäftlichen Besprechungen mehrere Vor­träge. 2n öffentlicher Tersammlung werden spre­chen Oberstudiendirektor Dr. Faber der Vor­sitzende der Vereinigung, über .Volks undliche Sammelarbeit und Prof. Keller, der Schrift­führer der Vereinigung, überDie Kunst in den Kunstwerken der Heimat".

Der Hypothekengläubiger- und Sparer-Schutzverband hatte für Diens­tagabend zu einer öffenllichen Versammlung in das Restaurant Hindenburg eingeladen. Rentner Reiber begrüßte die Erschienenen namens des Sparerbundcs, sowie der Dolksrechtpardei und wies auf den Zweck des Zusammenschlusses der Jnflationsgeschädigten und die Aufgaben des Sparerbundes bzw. der Volksrechtpartei hin. Hierauf sprach Pros. Dr. Axt, M.d. L., Darm­stadt, überden Kampf für das Recht und die Entrechteten eine sittliche Pflicht des Vater­landes". Der Redner gab zunächst der Auf­fassung Ausdruck, daß der Kampf um das Recht eine sittliche Pflicht sei, die nicht nur die Jn­flationsgeschädigten angebe, sondern auch das ganze deutsche Völl. Er kam dann auf den Kamps der Organisationen für die Inflationsgeschädigten zu sprechen, streifte die letzten Wahlen, kritisierte das Wahlgesetz und erklärte, daß die für die Dolksrechtpartei abgegebenen Stimmen ein War­nungszeichen für die Regierung sein müßten. Auch die Stärkung dec Linken sei tellweise aus die Hnzufttebenheit vieler Inflattonsgeschädigten zurückzusühren. Die politischen Parteien seien in Tagesfragen vielfach überaltert. Redner kam dann auf die Reparationsleistungen zu sprechen und warf dabei die Frage auf;Wo stecken die Fehler, die unser Vaterland zu einem entrechteten Larrd gemacht haben?". Er verttat dabei die An­sicht, daß es unklug von Deutschland war, sich seiner Schulden in einer solchen Form zu ent­ledigen; dafür müßten wir das Doppelte an Reparalronslosten zahlen. Wir hätten zwar seit­her unsere Reparationslasten erfüllt, das Gech hierzu aber geliehen, dafür müsse Deutschland für das Ausland arbeiten. Die ßüge der inneren Entschuldung müsse widerrufen werden. Redner forderte Anerkennung der Schulden des Reiches und als deren Folge Herabsetzung der Repara­tionskosten. Den Rentnern gegenüber habe der Staat eine schwere Schuld auf sich geladen. Der Redner besprach dann eine Reihe von Klagen über die Fürsorgepflicht-Derordnung, durch welche die Rentner zu Almosenempiängern gestempelt würden, erläuterte weiter einzelne Forderungen welche die Dollsrechtpartei bezüg­lich der Handhabung der Fürsorge-Vevordnung beim Hessischen Landtag gestellt hat und wies darauf hin, daß die Hauptforderung der Partei die Schaffung eines Rentnernotlagegesetzes fei. Der Redner behandelte dann weiter die Grund- züge des von Dr. Best audgearbeiteten Ent­wurfs zu diesem Gesetz, beschäftigte sich an­schließend mit der Frage der Anleiheablösung und dem hierüber ferttggestellten, aber noch nicht

ein gereichten Gesetzentwurf und kam schlietzsich . auf die städtischen Anleihen und die Aufwertung der Städte, Sparkassen und Banken zu sprechen. Er ist der Auffassung, daß bei der Aufwertung der Städte die Leistungsfähigkeit der letzteren nach dem Vermögen, nicht nach dem Ein­kommen geprüft werden müsse. Er be- prach dann noch die Gesetzentwürfe bett. 2n- lattonsverkäufe und Aufwertung der Danken.

Solange keine Aufwertung durch die Danken er-, olge, sei jede Anregung zum Sparen zwecklos.

Redner streifte weiter eine Reihe innerpolitischer Fragen, deren Lösung nach seiner Auffassung erst noch Regelung der Belange der Jnflattons- gefchäd:glen erfolgen könne. Er schloß mit dem Hinweis, daß ein Staat nur auf der Grundlage des Rechts gedeihen könne. Eine Aussprache and nicht statt, dagegen wurde eine im Sinne >er Ausführungen des Redners gehaltene Ent- chließung einstimmig angenommen.

* Deutschnationale Volkspartei. Man beruhtet uns:Arn Montag abend sprach der Landesvorsitzende, General von Preu- ch e n, in einer sehr gut besuchten Mitglieder­versammlung imPostkeller" über die politischen Vorgänge der letzten Zeit. Redner kam zunächst auf den Austritt von Prof. Dr. Werner zu prechen, den er persönlich sehr bedauerte. Er gab aber die Erwartung Ausdruck, daß Herr Abg. Werner, der ja doch die gleichen Ziele wie die Pattei verfolge, weiterhin für die große nationale Sache kämpfen werde. Was den Fall Lambach anbeträfe, so käme dieser in der Dettretettagung im Dezember in Berlin noch­mals und bann wohl zur endgültigen Verhand­lung. Zur Wahl Hugenbergs bemerkte der Redner, daß zweifellos die Führung der Partei in den letzten Zahlen nicht immer eine glück­liche gewesen sei. Graf Westarp war durch das Doppelamt als Parteiführer und Frakttonsführer überlastet; eine Trennung beider Aemter daher dringend notwendig. Der aufgetauchte Plan, einem dreiköpfigen Direktottum die Leitung der Pattei zu übertragen, fei nach kurzer Heber» tegung erfreulicherweife abgelehnt worden. Man wollte an dem Gedanken einer verantwortungs­vollen Führerperfönlichkeit unbedingt fefthalten. Die Angriffe der gesamten gegnerischen Presse be­weisen, daß die Wahl Hugenbergs die richtige gewesen sei. Seine (des Redners) persönliche Heberzeugung ginge dahin, daß Hugenberg ein Mann wäre, von dessen Führung der Partei nur das Veste erwartet werden könnte. Von dem Volksbegehren, das der Stahlhelm anftrebe, ver­spreche er sich einen Erfolg. Allerdings gingen die Ansichten darüber, ob dafür der Zeitpunkt schon jetzt gekommen sei, noch vielfach auseinander. Zum Schlüsse berührte der Redner noch die Rheinlandtagung in Godesberg, bei welcher ein stark völkischer Wind geweht habe. Mtt der Mahnung, in unsere Lugend wieder den Stolz auf das Deutschtum, auf unser Heer und unsere Marine, auf unsere ruhmreiche Geschichte hinein- zupflanzen, damit in dieser ein stolzes Herrenbewuhtsein wieder emporwachse. schloß der Redner unter stürmischem Beifall. Nachdem der Versammlungsleiter, Dr. Lenz, dem Redner für feine Ausführungen gedankt hatte, wurde die Aussprache eröffnet, die sich sehr lebhaft gestaltete. Besondere Aufmerksamkeit erweckten Die Ausführungen von Dr. Lenz, der sich auf eine Anfrage aus der Versammlung über die Angriffe des Iungdo auf Hugenberg und auf die Partei in eingehender Weise verbreitete."

AelchSbund der Kriegsbeschädigten in Hessen.

Der Gau Hessen des Reichsbundes der Kriegsbeschädigten, Kttegsttilneh» mer und Kriegechinterbliebenen hielt unter der Leitung des 1. Gauvocsitzeirden Seibert (Darm­stadt, seinen 3. Gautag in Offenbach c». M. ab. Zu der Tagung waren 66 Delegierte, 18 Kreis lei ter und der gesamte Gau vorst and er­schienen.

Am ersten Verhandlungstage wurden zunächst die Geschäfts - und Kassenberichte ent­gegengenommen, hierauf hielten die einzelnen Kommissionen ihre Beratungen über Anträge usw. ab. Aus dem Geschäftsbericht war zu entnehmen, daß innerhalb des Gaues auch in der Derichtszeit wieder sehr rege Arbeit geleistet worden ist. Als Beispiele seien erwähnt, daß in diesem Jahre vom 1. Januar bis zum 30. Sep­tember von dem Gau und von zwei Dezitts» buroaus über 30 000 Postausgänge abgefertigt wurden, die sich auf Anträge int Dersorgungs-, Fürsorge- und Spruchverf. hren erstrecken. Die­selben Bureaus verzeichneten in dieser Zeit etwa 22 000 Posteingänge und erteilten in nahezu 17 000 Fällen Auskünfte. Im Berichtsjahre wur­den etwa 14 000 Prozesse im Spruchverfahren vertreten, von denen ein Durchschnittssah von 40 Prozent als erfolgreich zu verbuchen war. Ferner wurden die Interessen der Mitglieder bei den De.sicherungs- und Oberversicherung lämtern vertreten, weiter befaßte sich die Organisation mit Fragen des Siedlungs- und Heilstätten­wesens. Im Berichtsjahre wurden durch 'den Reichsbund mit Hilfe der Hessischen Wvhnungs- fürsorge-Gesellschast 369 Wohnhäuser mit *87 Wohnungen erstellt. Die Mitgliederbewegung hat einen weiteren befriebigenben Aufstieg genommen. Der Kassenbericht zeigte, daß die Finanzen des Baues auf gesunder Grundlage stehen. In der Aussprach? kam völlige Zufttedenh'it mit den Leistungen des Gauvvrstandes und der einzelnen D^ttksleitungen zum Ausdruck. Gesondert wurde, daß seitens des Reichstages wesentliche Korrek­turen in der Versorgung der Kriegsbeschädigten vorgenommen werden, damit die Not in den Reihen der Kriegsopfer sich nicht noch mehr steigere.

Der zweite Derhandlungstag stand unter der Leitung des 2. Gauvorsitzenden Kautzmann (Heppenheim), der zunächst die zahlreichen Ve- hördenvertreter begrüßte. Vom Bundesvorstand war Kamerad Noa, vom Bundesausschuß Frau D e tz e l (Koblenz) erschienen. Einige Vertreter der Behörden betonten in warmen Worten da- Interesse ihrer Aemter für die Opfer des Krie­ges, und versprachen ihre Mitwirkung an einer gedeihlichen Zusammenarbeit mit den Organi­sationen der Kriegsbeschädigten und Krieges- Hinterbliebenen. Hierauf hielt Frau D e h e l (Koblenz) einen etwa eineinhalbstündigen Vor­trag, in dem sie zunächst die Stellungnahme des Reichsbundes zur Versorgung behandelle und dabei barlegte, wie die Versorgung in aus­reichender Weise zu gestatten sei. Sie wies daraus hin, daß der Reichsbund eine grundlegende Aen- derung der bishettgen Versorgungsbestimmungen gefordert habe, und hob bann die Forderungen

der Kttegsopfer hervor. Besonder- ausführlich beschäftigte sich die Rednerin sodann mit der Be­handlung der Hinterbliebenenversorgung, wobei sie erklärte, daß die Versorgung der KttegS- hinterbliebenen heute nicht al- ausreichend an» zusehen sei. Weiter beschäftigte fie sich mit der Frage der Berufsausbildung der Kriegettoaisen, für die der Instanzenweg bis zur Bewilligung einer DerufSausbildungSbeihilfe viel zu lang sei und die finanzielle Auswirkung in den meisten Fällen illusorisch werde, well eine ganze Reihe bestehender Renten teile der Kriegerwaisen zur Anrechnung komme. Daran- habe sich ergeben, daß gerade die Halbwaisen der Kttegerwitwen aus den Arbeiterschichten die BerufsausbildungS- beihilfe nicht erhielten. Sodann besprach die Rednettn die Fürsorgernahnahmen deS Reiche-, an denen ebenfalls allerlei Mängel festzustellen seien. Mit einer Zusammenfassung der For­derungen des Reichsbundes, die In einer Ein­gabe den zuständigen Instanzen bereits vorgelegt wurden, schloß die Rednerin ihren beifällig auf­genommenen Vortrag. Auf Vorschlag des Der» Handlungsleiters wurde von einer Aussprache abgesehen. Eine Entschließung im Sinne des Vorttages wurde einstimmig angenommen.

Als nächster Redner sprach Kam. Roa vom Bundesvorstand über die Rechtsprechung in der Versorgung vor den Dersorgungsgerichten. Reichsversorgungsgericht, Derficherungsbehörden und Reichsversicherungsamt. Der Redner, der seil zehn Jahren Leiter der Rechtsabteilung des Bundesvorstandes ist, behandelle sein Thema in sehr erschöpfender Weise und verstand es, seinen Zuhörern ein eingehende- Bild über die Ent­wicklung der Gesetzgebung und über die Rechts­lage auf diesem Gebiete der Kriegsopferversor- gung zu geben. Er betonte dabei, daß bis jetzt zwar beachtenswette Fortschritte zugunsten der Kriegsopfer erzielt seien, für die Zukunft aber noch allerlei Mängel bei der Durchführung der Verfahren beseitigt werden müßten. Vor allem forberte der Redner eine größere Beschleunigung bei der Erledigung der Verfahren, weiterhin ver­langte er wesentliche Aendenmgen der Versor­gungsrechtsprechung, die in weitgehendstem Maße auf sozialer Grundlage aufgebaut werden müsse.

Im weiteren Verlaufe der Tagung machten die Dettchterstaller der Kommissionen mit dem Er­gebnis der Kommissionsarbeiten bekannt. Die vorgelegten Anträge waren in zufriedenstellender Werse behandelt und wurden vom Gautag an­genommen. Der bisherige Gauvorstand wurde in der Haup^sac^ wieder gewählt. Der n ä ch st e ©autag soll in Gießen stattfinden. Mit Dankeswotten an die Delegierten und die übrigen Mitarbeiter des Bundes schloß dann der Ver- handlungsletter den Gautag.

Bundestag deutscher Orchestervereine.

Der Bund deutscher Orchester­vereine, d-m der Orchesterverein Gießen und alle die Orchestervereine angehören, die unter Ausschluß gewerblicher Zwecke auf gemeinnütziger Grundlage im Interesse der Volksbildung wirken, hielt in Wiesbaden seinen 2. Bundestag ab. Wie aus dem Geschäftsbettcht zu entnehmen war, hat sich der Bund in ständig auf steigender Rich­tung bewegt: ihm gehören Deute 39 Vereine mit etwa 1400 aktiven und annähernd 4030 inaktiven Mitgliedern an. Unter seinen Mitgliedern sind alle Berufsstände vertteten, die selbstlos der Kunst dienen und die Früchte ihres StubiumS in Konzerten der Oefsentlichkeit barbieten. Der Jahresbericht bes Vorstandes wies weiter auf den Programmaustausch die Unterstützung der Vereine bei Konzerten, die Aufstellung von Pro­grammen, den Notenaustausch die Vergnügungs­steuer usw. hin. An Stelle des bishettgen ersten Vundesvorsitzenden Franz Menge (Mainz), der wegen geschäftlicher Heb ttastung ein Amt nieder­legen mußte, wurde Dr. Georg Manhe (Berlin, Akademisches Orchester) zum 1. Dor ihenden ge­wählt und der bisherige 1. Vorsitzende und Gründer des Bundes, Franz Menge, zum Ehrenvorsitzenden ernannt Wan beschloß weiter die Einteilung des Bundes in Gaue, sowie die Eintragung in das Vereinsregister. Der nächste Bundestag soll in Köln stattfinden.

Als äußerer Höhepunkt des Bundestages fand eine öffentliche Morgenfeier im Wies­badener Kurhaussaale statt, der voll besetzt war. Das Orchester, im ganzen über 130 Mitwirkende, war aus Mitgliedern der Bundesverein« Wies­baden, Mainz, Frankfurt a. M. und Gießen zusammengestellt. Die Darbietungen unter bet Leitung von Professor Brückner, Wiesbaden, fanden den lebhaften Beifall der großen Zu- horettchaft. Der erste Bundesvvrsitzenbe Hitti eine Ansprache, in der er kurz die Ziele de- Dundes barlegte und um die Förderung der volksbildenden Tätigkeit der Orchesterverttne durch die Oeffentlichkeit bat. Regierungsrat Dr. Lan­genhagen überbrachte die Grüß« des preußi­schen Innenministers, sowie des Minister- für Kunst und Wissenschaft und sagte dem Bunde die Untetttühung seiner gemeinnützigen Aufgabe zu. St abtrat Dr. Osterheld überbrachte die Grüße der Slabt Wiesbaden. Max Trauner, Frankfurt a. M., sprach dann über das Thema Orchestervereme und Volksbildung", wobei er das ideale Streben der Orchestervereine wir­kungsvoll hervorhob. Die wohlgelungene Der- anftaltung gab der Tagung einen ausgezeichneten Abschluß.

Meinhessen.

Lpd. Mainz, 22. Nov. In der letzten Stabt» verordnetensitzung fand ein Antrag ber Stadt­verwaltung Annahme, der die sofort ige Jn- angriffnahme des Baues von 1500 Wohnungen fordert. Ein vorläufige Kredit von sechs Millionen Mark wurde bewilligt.

Berliner Börse.

Berlin, 23. Nov. (WTB. Funkspruch.) Wie­der herttcht im heutigen Vormittagsverlehr eine sehr starke Zurückhaltung, ohne daß jedoch die Tendenz zur Schwäche neigt. Hmsähe sind bi- jetzt noch nicht zustande gekommen Man tariert Farben 262 und Siemens 411 bis 41 IM Am Devisenmarkt hört man: das Pfund 485,03, den Dollar 4,195750, Madrid 30,09, Patts 124.13.

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