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Nr. H6 Drittes Blatt Eichener Anzeiger IGeneraf-Anzeiger für Gberhesseu)Samstag, 25. Juni 1928

Wandern und Reisen Bäder und Sommerfrischen.

Mit dem Faltboot auf Fulda und Weser.

Don Walter Mahr.

Äafkl ift der Ausgangspunkt lux eine Reife durch stilles deutsche« Land. daS (ein grober DerfehrSstrvm burd>r>Tmflt und daS doch 3in- brüdc oon unvergleichlicher Schönheit offenbart. Der Weg «st das Wasser und da« diel nur durch die deit kxgrettzt. So reisen wir gebunden an den natürlichen Weg. aber tonst ohne Pro­gramm. Ich holte diese Art deS Reisens für die schönste

Im Schaden der Aue entsteht das leichte kleine Boot. Bald schaukelt uns der Rüden der Fulda vorbei an der reifenden Altstadt unter Brüden hindurch hinaus inS freie Land. Die Türme der Stadt gittern bald in der Ferne und entschwin­den gapA nur der Herkules drüben im Habichts- wald bleibt noch lange am Hprizont sichtbar, wo er winzig allerdings wie ein Äom aus der Kimme emvorstcigt. Das Land aus den Ufern schweigt. GS klatschen nur die Paddelschläae im lang! am en Takt in die von einem leichten Wind gekräuselten, schüchternen Weilchen. Der Fluß tritt Zwilchen laubdewaldete Höben. Hier ent» faltet die Einsamkeit der idyllischen Landschaft von Wald unb Wasser den zarten Rety. tote wir ihn von Lahn und Mosel kennen. Dabei wechselt die Landschaft stets im Weilertreiben ihr Bild, und man wird nicht müde, sich daran satt zu sehen. Velten kommen Dörfer vorüber, selten einzelne Häuser. Wan glaubt kaum, vor Stunden noch im Menschengewimmel gewesen zu sein.

Wir erreichen Münden, die Stadt an der Wiege der Weser. Snge alte Gassen und präch­tige Architekturen deuten auf eine lange (De- schichte hin. Kirche und RathauS sind Dohimentc herrlicher mittelalterlicher Baukunst. WaS sind wir heutzutage dagegen für arme Schluder ge­worden! An der Aegidienkirche steht her Grab­stein dks bekannten Doktor Eisenbarts, der als man noch von keiner Lehre Tour'- wußte aus besonders handfeste Weise die Leut? kurierte.

Man merkt jetzt: die Weser hat unS mit sestem Arm gepadt und trägt uns schneller aU die Fulda davon. Die Fahrt gebt in den Abend

hinein. Schon lenkt der Reinhardswald zur Linken seine Schalten schwor» au die Wasserfläche Wir haben 3rit Dir brauchen kein Dorf, kein Gast- Hau» am Ufer. Im Bug des Bootes ist daS deh verstaut DaS schlagen wir. bevor die Rächt anbricht. auf weicher , Uferrand auf. Wir sind unabhängig von jedermann. Lager und Abend- mahlxeit find soldatisch einfach. Das erhöht erst den Reiz einer echten Wanderfahrt. Während das Teewaffer im Kessel hebet, fpielt leise das Grammophon Leyte Rcquifiten aus der zivili- liertrn Welt, die man vergißt. Die Weser gluckst unten beständig, aus den fernen Dörfern schlägt mitunter ein Hoth.ind an Man sryt am Feuer vor dem delt und wünscht sich nichts mehr..

Wie soll ich den Morgen dem beschreiben, der ihn nie im freien Feld erlebt hat? Die Morgen­kälte läßt einen erwachen. Da ertönt ein Konzert aus dem Schilf und bem nahen Wald und aus ber Luft von jubelnden Bogel stimmen. Wan tritt hinaus in den jungen Morgen. Zuerst ein frilcheS Bad. bann heißen Tee und Schwarzbrot SS ist köstlich. Die Sonne scheint schon warm. Schnell verschwindet unsere ganze Lagerstatt im Bauch bes Bootes, unb nichts läßt Spuren ber beweg­lichen Wohnstätte erkennen. Weiter geht die Fahrt stromab

Ich sagte schon, daß diese Gegend vom Derkehr wenig berührt ist. Keine staubigen Autostraßen laufen am Flusse her, unb bie Dahnschienen be­gleiten ihn nur kurz um ftd) bald ins Lanb bineiTuutoenbcn. Zwar benkt man an den Dau einer Wafscrtalbahn. aber biS dahin wird noch einige Zeit vergehen. So liegt eine heimliche Romantik über diesem Land.

Rechts an bem Hange des Bramwalds taucht aus einem Busch von grünem Laubwerk BurS- selde mit wundervoller in romanischem Stil ge­bauter Kirche auf. Hinter Lippoldsberg tritt der Solling an den Fluß und tnidt fernen nordwärts gerichteten Lauf stracks nach Westen ab. Gs er­scheint LarlShafen, daS ursprünglich unter bem Romen Sieburg von bem Qanbgrafen Carl von Hessen-Kassel gegründet wurde. Man nennt es die Perle des Weserlandes und sagt nicht zuviel damit. Auf beiden Seiten von Höhenzügen ein­geschlossen. liegt es geschützt in einem Talkessel an der Diemel, die hier in die Weser mündet.

Jener Fürst plante damals einen direkten Wasser­weg mit feiner Hauptstadt Kaslel. um daS lästige Münden er Stapelrecht zu umgehen wonach die bort passierenden Schilfe anlcgcn unb einen Teil ihrer Fracht verkaufen mußten. Die begonnenen Arbeiten gelangten nicht zur Bolle-idun.; und die Weiterentwidlung gestaltete LarlShafen nicht zu einer bedeutenden Handelsstadt, sondern dank feinen Solguellen und keiner reizenden Lage zu dem beliebtesten Kur- und Ausflugsort an der Weser

Bald grüßt eine Stätte aller deutscher Ge­schichte zur Weier herunter: Herftelle 79? wurde die Kaiserpf al» von Karl bem Großen auf seinem Zuge gegen bie Sachsen gegründet Auch keine Söhne Pippin und Ludwig, der eine aus Italien, ber andere von dem spanischen Feldzug zurück- kehrenb. hielten hier Winterquartier, um im Frühjahr wieder nach Italien und Spanien zurüdzukehren.

Wenn wir die politische Karte aufschlagen, so finden wir mancherlei Farben in bunter Reihenfolge am Flußlauf verstreut Hesfen- Raffau, Hannover Braunschweig. Westfalen. Soll ich sortfahren, all die Orte und Sehens­würdigkeiten darin zu nennen, die an beiden Seiten vorüberziehen? Ich will es nicht tun. man würde des Gr zahlens nicht müde Du findest sie auf der Karte unb im Baedeker mit Sternen ver­sehen. Rur einige Romen laß mich noch erwäh­nen: Hörter. Corvey, Holzminden. Hameln, wohl­klingende Ramen alter Kultur, reich an Geschichte und Sage. Unb nicht zuletzt fällt mir babei Wilhelm Raabe ein. dieser Dichter von echt deutschen Humor unb voller Lebensweisheit. Wer den Meister kennt, bem wirb dieses Land be­sonders viel zu sagen'wissen.

Don Hamels abwärts fliehen die 'Berge inS Land hinein. Devor aber der Fluß in bie Rordbeutsche Tiefebene tritt, kommen sie noch einmal heran und wollen ihm den Weg ver­sperren. Aber die Weser wollte zum Meer unb brach sich burch das Hindernis Dahn. Das Tor heißt Porta Westfalica.

Jetzt hemmen den Dlid keineBerge mehr, jetzt bietet sich weite Sicht über endloses Land. West­falen! Minden ftredt sich behaglich in der Ebene und zieht vorbei. Ich denke an eine alte per­sische Weisheit, die sagt:Rur die sind glüdlich auf der Welt, bie in Freiheit eines weiten Hori­

zonts sich erfreuen"* Man sieht, soweit man will. Wir erleben einen Sonnenuntergang so tief am Horizont, daß wir glauben, am Meer zu fein. Wir fpüren seinen Atem <chvn. wenn ber Wink» von dorther kommt An ben Ufern reihen sich Dörfer von holländischer Schönheit und Ruhe. Aus einem Kira)hof finden wir cmen Grabstein mit der.Inschrift .Das Meer gibt seine Toten wieder", unb darunter stehen die Rainen von vierzehn auf See verschollenen Männern. Das Meer kündet sich weit inS Land

Versonnen unb sonnverbrannt nehmen wir Ab­schieb von dem Fluß und seiner Landschaft. AuS dem Unkultiviert- Rann lid en gk

Stätten der dwilifation entgegen. Unb mit uns führen wir bie taufenberlei Bilder unserer Reife als köstlichen Besitz

AusdemSchwarzbrotknuft"..

ftrhmorn bie holsteinische C ft kein kl

WaS kennen wir die Schleswig-Holfteiner vielleicht ausgenommen - im allgemeinen von deutschen Ostsee-Inseln? Usedom Wollin Rügen und dann noch Hiddensee, das ist alles. Diß auch die hvlsteinilche Ostseeinsel Fehmarn den Besuch lohnt, wissen nur wenige. Wo ist Feh­marn? Die Landkarte zeigt» einen unscheinbaren, grünen Fleck an bet Rordspitze Holsteins, nur durch den wenig mehr alS einen Kilometer breiten Fehmarnsund, den eine moderne Fähre überbrückt, rom Festland getrennt. Fabre einmal dorthin, und du wirst Chxtbederfreube empfin­den können. . .

Man kommt mit der Dahn von Lübed oder mit dem Dampfer von Kiel oder Travemünde: mit dem Dampfer ist'S am schönsten Die blaue Ostsee umfängt daS Schiff, man atmet frische Seeluft, lieht daS Festland entschwinden, da taucht auS der See ein flaches, grünes, langge­strecktes Eiland auf. In dem kleinen, verträumten Hasen liegen weiße Segelboote und schwarze Kutter. Gin mächtiger Silo redt sich in die Luft: man merkt, Fehmarn ist nicht, wie manche andere Insel, nur Fremdenverkehrslanb. Dieser Silo ist Wahrzeichen ber fast unbegrenzten Fruchtbarkeit der Insel. 'Durch alle Jahrhunderte, von den frühesten Wendemeiten an. wurde he alS Kornkammer von ben Ostfeevölkern begehrt. Den ..Schwarzbrotknust" bannte man sie Feh-

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