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Sie Auswirkungen der Reichstagswahl.

Kombinationen.

Erst nach Pfingsten Verhandlungen zur Regierungsbildung

Eigener Drahtbericht des(Siebener Anzeigers".

Berlin. 23. Mat. All« Meldungen und Nach­richten, die noch im Laufe dieser Woche über Ver­suche zur Regierungsbildung austauchen werden, sind im wesentlichen in das Bereich der Kombinationen und vagen Mutmaßungen zu verweisen, da die Fraktionen der großen Parteien, soweit man bis jetzt Übersehen kann, er st nach den Pfingstfeier- tagen sich über die zukünftige Politik ihrer betr. Parteien klar werden können.

Aus der Presse der verschiedenen Parteien und ihrer Stellungnahme zu den Möglichkeiten einer Regierungsbildung läßt sich bis jetzt im allgemeinen eindeutig nur die Bereitschaft der Demokraten zur Zusammenarbeit mit den Sozialdemokraten im Rahmen einer großen Koalition herauslesen. Die sozialdemokra­tische Presse selbst ist äußerst zurückhaltend und vermeidet so gut wie jede Aeußerung über die künftige Regierungsbildung, wahrend anders Blätter sich schon sehr lebhaft mit einer an­geblichen Kanzlerkandidatur Otto Brauns und mit der Frag« der Verbin­dung des Reichskanzlerpostens mit dem des preußischen Ministerpräsidenten etwas sehr voreilig beschäftigen. Auch die füh­rende Zentrumspresse zeichnete sich durch große Vorsicht aus und weicht jeglichen Kombinationen über Koalitionssragen ängstlich aus. Bemerkens­wert sind Stimmen aus der Bayerischen D o l k s p a r t e i. die im Falle eines Angebotes, sich an eine große Koalition anzuschliehen und daS ist für daS Zentrum ein wichtiges Pro­blem unbedingt die vorherige Siche­rung wichtiger Interessen der Bayeri­schen Dolkspartei verlangen. Vor allem spielt dabei das Schulgesetz und das bayerische Konkordat eine Rolle.

Sehr interessant sind die Gerüchte, die von der Möglichkeit eines Zusammenschlusses der Dauerngruppen im neuen Reichstag zu einer Fraktion sprechen. Es handelt sich da um die acht Mandate der Deutschen Bauern­partei und die dreizehn Mandate der Christ­lich-Rationalen Bauernpartei. Die weltanschaulichen Gegensätze zwischen diesen Gruppen sind allerdings recht beträchtlich, aber trotzdem dürfte es nicht ausgeschlossen sein, daß man sich aus der Grundlage der reinen Bauern­interessen, die natürlich in einer Partei mit Fraktionsstärke wesentlich besser zu wahren sind, zusammenfindet. Als 45. Abgeordneter auf der Reichsliste der Deutschen Volkspartei ist Generaldirektor Köngeter aus Düsseldorf gewählt worden. Der in der Pfalz gewählte Abgeordnete Dahersdörfer ist nicht dem Zentrum

zuzurechnen, wie es di« erst« amtliche Meldung tat, sondern der Bayerischen Volks­pariei. Damit ermäßigt sich die Zahl der Zentrumsmondate im neuen Reichstage von 62 auf 61, während sich die Zahl der Bayerischen Dolksparteiler von 16 auf 17 erhöht.

,/Der Weg

zur Großen Koalition."

Ein Kommentar derKölnischen Leitung".

Köln, 22. Mai. (TU.) lieber b<nWeg zur großen Koalition" schreibt die ..Kölnische ötg.*: Wenn die sozialdemokratische Presie die Möglich­keit eines Fortbestandes der Weimarer Koalition in Preußen noch erörtert, so geschieht dos vornehmlich aus dem taktischen Grunde, die Deutsche Dolkspartei dort in der Rolle des Bittstellers erscheinen zu lassen und dadurch Trümpfe für dl c Verhandlungen im Reich in die Hand zu bekommen. Die Sozialdemo, kratie wird zu zeigen haben, ob sie den wirt­schaftlichen Interessen, die von dem größten Teil der bürgerlichen Parteien vertreten werden, und die im kommenden Reichstag die aus­schlaggebende Rolle spielen, aus stoatspolitischem Verantwortungsgefühl ebenso viel Entgegen­kommen zeigen kann, wie es die Deutschnatio­nale Partei innerhalb der letzten Regierung sowohl hinsichtlich der Festigung der Stootsform durch die Zustimmung zur Verlängerung des Re- publikschutzgesctzes als auch auf sozialpoli­tischem Gebiet gegenüber den Programmfor- berungen der Linken gezeigt hat.

Der sozialdemokratische Pressedienst hat dieDe- hauptuim, daß die Sozialdemokratie nicht geneigt sei, die Verantwortung zu übernehmen, wenn das Gemeinwohl gegenüber Klossenintcressen in den Vordergrund trete, als unbewiesen und falsch bezeichnet. Wir werden und freuen, wenn die Sozialdemokratie in Zukunft die Vertretung einseitiger Klasseninteressen zu­rück stell en und staatspolitische Verantwortung übernehmen wollte. Die natürliche Folge der Erreichung der großen Koalition im Reich ist ihre Uebertragung auf Preußen da­mit endlich einmal die Reibungen zwischen dem Reich und seinem größtm Lande aushären. Ob man, wie es verschi.'dentlich vvrgesch'agen worden ist, noch weiter gehen und in einer Personal­union von Reichskanzler und preußischem Mi­nisterpräsidenten das Band zwischen Reich und Preußen noch enger knüpfen soll, ist eine F.age, die aus Zweckmäßigkeit und staatsrechtlichen Gründen entschieden werden muß. Es darf als selbstverständlich gelten, daß im Reich bie Sozial­demokratie als die stärkste Partei das Recht hat. den Reichskanzler zu stellen, mag er nun Otto Braun, Hermann Müller oder anders heißen.

ges PhoSgen enthält, derart erplodiert, daß der an der Oberfläche des 11 Kubikmeter fassen­den Stahlzylinders befindliche sog. Mann­loch d o m an der Schweißstelle vollkommen her­ausgerissen und neben dem Kessel nieder­gestürzt war. In dem Kessel selbst, in den man ohne Masken bei verhaltenem Atem hinein­schauen konnte, betäuben sich schätzungsweise noch ein biS zwei Kubikmeter flüssiges Phosgen, dessen Oberfläche in kleinsten Bläschen siedete. Die Untersuchung am 20. Mai ergab, daß die Schweißstelle porös ist und dunkle Echlackenbildung zeigte. Trotz dieser Fehler hat der Kessel am 25. 3uni 1927 d i e amtliche Druckprobe auf 22 Atmosphären laut Kessel­papieren ausgehalten."

W'e die Blätter weiter melden, ist die Unter­suchung der Staatsanwaltschaft und der Krimi­nalpolizei über den Hergang deS Unglückes noch in vollem Gange. 2Iuf Grund der gestrigen Konferenzen der beteiligten Stellen ist heute be­reits mit dem Abtransport der auf dem Gelände der Chemischen Fabrik Dr. Stolzen­berg noch lagernden weiteren Phosgen­gasmengen begonnen worden, wobei umfang­reiche Vorsichtsmaßnahmen getroffen worden sind.

Oie politische (Seite.

War die Hamburger Firma zur Herstellung von Giftgasen berechtigt?

Eigener Drahtbericht desGießener Anzeigers".

Berlin, 23. Mai. Nachdem der erste Schreck über die fühlbare Hamburger Phosgen-Gas- Sxplosion vorüber ist, ist selbstverständlich d i e politische Bedeutung dieser Angelegen­heit in den Mittelpunkt des öffentlichen Inter­esses im In- und Ausland« gerückt. Die Unter­suchungen sind allerdings noch nicht abgeschlossen, so daß ein endgültiges Urteil selbstverständlich noch nicht möglich ist. An und für sich ist Deutsch­land nach Artilel 171 deS Versailler Vertrages, in dem es heißt, daß mit Rück­sicht darauf, daß der Gebrauch von erstickenden, giftigen oder ähnlichen Gasen, sowie von allen derartigen Flüssigkeiten, Stoffen oder DersohrenS- arten verboten ist, ihre Herstellung in Deutschland und ihre Einfuhr streng untersagt wird, zur Her­stellung nicht berechtigt. Im freien Handel kann aber Deutschland jede Gasmenge verkaufen, mit einer Einschränkung nur, und zwar wird durch das KriegSger^tegesetz bestimmt, daß eben nur bestimmte Firmen dafür in Frage kommen. DaS allgemeine Herst lllungSverbot des Te.sailler Vertrages wird jedoch dadurch aus- gehoben, daß einer Reihe von deutschen Firmen späterhin die Herstellung von selten der Alliierten genehmigt worden ist, näm­lich der Badischen Anilin-Gesellschaft in Lud­wigshafen und der Chemischen Fabrik von Hey­den in Dresden-Radebeul. Es gilt also jetzt fest- zuftellen, ob die Hamburger Firma Stolzenberg Segen den Versailler' Vertrag und auch daS kiegsgerätegesetz verstoßen hat, indem sie selb st das Gas her stellte. In diesem Falle müßte die Firma gerichtlich belangt werden.

DaS Ausland hat sich natürlich mit beson­derer Begierde aus diese Angelegenheit gestürzt und weih bereits von einer Völkerbunds­aktion zu melden. Davon kann selbstverständ­lich in keiner Weise die Red« fein, denn eS be­stehen keinerlei Beziehungen zwischen der Hamburger Firma und den offiziellen deut­schen Stellen. Wenn andererseits vom »Vor­wärts" die Nachricht verbreitet wird, daß hier doch gewisse Zusammenhänge mit dem Ruh­la n d g e s chä s t der Vorgängerin der Firma Stolzenberg bestünden, so haben sich hierfür bis­her jedenfalls keinerlei Anhaltspunkte ergeben. Cs könnte wohl sein, daß die Gas- mengen noch aus jener Zeit stammten, doch muß dieses erst noch eingehend nachgeprüft werden. Wie wir erfahren, werden die untersuchenden Stellen noch heute einen ausführlichen Bericht über die Angelegenheit veröffentlichen.

Oie Güdarmee vor den Toren Pekings.

rfchanqtfolin entscheidend geschlagen.

Peking, 22. Mai. (IU.) Die letzten japanischen Znililärlckgramme besagen, daß die Südtruppen heute die Entscheidungsschlacht südlich von Peking auf der Linie PaulingTschang- tschau gewonnen haben und ihren Vormarsch aus PekingTientsin fort,eben. Man erwartet einen erneuten widerslandsoersuch Ischangtsolins vor den Stadlmauern Pekings. Die ja­panischen Frauen und Kinder haben Peking ver­lassen. Die Generale Ischlantaischek, Feng und penhsihsen befinden sich vor Pauling, um ge­meinsam In Peking einzuziehen. 3n der Stadl selbst isl es ruhig. Vas Gefandlfchastsviertel ist in Verteidigungszustand gesetzt. Die Japaner beabsichtigen, TschanglsoUn nach seinem Fusamuienbruch nicht nach der Mandschurei zurück- zulafsen, sondern die gesamte Mukdenarmee an der Grenze der Mandschurei zu en t w a s s n e n.

Rußland und die Vorgänge in China.

Tschitscherin gegen die japanische vesriedungtzpolitik" in der Mandschurei.

Moskau, 22. Mai (Telear. Agentur der Sowjetunion.) Der Volkskommissar des Aeußern, Tschitscherin, gewährte Pressevertretern eine Unterredung über bie japanische Politik in China. Auf die Frage, wie sich das Außen- kvmmissariat zu den Ercignifsen in Tiinanfu und zu dem japanischen Memorandum, das sich aus Rordchina bezieht. verholte, erwiderte Tschitsche­rin:Unbedingt ablehnend. Die Sow­jetunion kann irgendwelche Interventionen oder militärische Besetzungen allgemein und besonders gegenüber China weder direkt noch in­direkt billigen." Auf die weitere Frage, wie die von Tschitscherin angenommene Billigung der japanischen Politik durch andere Möchte mitber FriedenSrolle" deS Völkerbundes, den AbrüstungSplänen. den PlänenDom ewi­gen Frieden und der Konvention über da« Ver­bot der Waffeneinsuhr in China" tu vereinen fei. sagte TschitscherinLogisch ist dies selbstverständlich nicht vereinbar, dock bie Worte Dom Frieden, die un Völkerbünde ge­sprochen werden, sind etwa« ganz andere«

als die Tatsachen der militärischen Inter­vention. Die Tatsachen sind stärker als die Worte. Deshalb werden die Reden bürgerlicher Politiker über den Frieden kein Vertrauen er­wecken."

DasamerilanischeMißvergnügen

Tic Mandschurei als japanisches Reservat.

Tokio, 22. Mai. (WB.) Reuter. Die Zei­tungen geben dem Bedauern Ausdruck über Er­klärungen Kelloggs, in denen er seine R t ch t- befriebigung über die japanische Erklärung über die Aufrechterhaltung des Frie­dens in der Mandschurei geäußert haben soll. Die Zeitungen erklären, die amtlichen amerikanischen Kreise begriffen offenbar schwer die Lage Japans. Die ZeitungAsahi" fragt, wie Amerika feine Handlungsweise in Nicara­gua begründe.Nischinischi" erllärt, die Befürch­tungen Kelloggs seien voreilig und entbehr­ten jeder tatsächlichen Grundlage. Japan teile den Standpunkt Großbritanniens, der am 19. Mai in der britischen Antwort an Amerika nieder- gelegt sei, wonach Großbritannien sich in den» lenigen Gebieten, wo es Lebensinteressen wahr­zunehmen hat. die Handlungsfreiheit Vorbehalt.

Amerika mit der britischen Antwort zufrieden.

AuchWa'h ngton bedingt sich Reservate aus.

Washington, 22. Mai. (WTB) Wie der Kvrrcspondcm des Reuterschen Bureaus erfährt, wird die Regierung der Bereinigten Staaten un­verzüglich die britischen Dominions und Indien auffordern, an den Verhandlungen über einen allgemeinen Antikriegspakt teilzunehmen. Die Einladungen werden an den Premierminister von Kanada und an denjenigen des irischen Freistaates direkt ergehen, an Australien, die südafrikanische Union, Neuseeland und Indien durch Vermittlung des Londoner Auswärtigen Amtes. Kellogg ist der Meinung, daß die britische Note inihrerGesamtheitentgegenkom- in e n b und g ü n st i g ist und daß ein Fortschritt erzielt wurde. Er fühlt sich in der Hoffnung be­stärkt, daß ein solcher Vertrag demnächst abge- schlossen werden könne. Was denjenigen Teil der britischen Antwort betrifft, in dem Chamberlain Aktionsfreiheit für gewisse Gegenden ver­langt, bie für das Britische Reich lebenswichtig sind, so sind die Vereinigten Staaten der Meinung, daß Großbritannien da« Recht hat, seine Inter- effen in irgendeinem Teile der Welt zu verteidigen, ebenso wie die Bereinigten Staaten dasselbe Recht besitzen.

Die amerikanische Presse beider Parteien drückt zwar bei der Besprechung der britischen Antwort auf den Antikriegspaktvorschlag ihr Bedauern darüber aus, daß England Kelloggs Dorschlag nicht oarbehalNos annehme, sondern dem fron- zösischen Standpunkt zuneige. Sie sieht jedoch iy den britischen Bemerkungen keine u n - überwindlichen Schwierigkeiten und betrachtet Chamberlains Note eher als eine Ser- mittlungsattion zwischen den Bereinigten Staaten und Frankreich und daher als einen wertvollen Bei­trag zu einem schließlichen Erfolg der Verhandlungen. Man glaubt zuversichtlich, den englischen Bedenken durch einen Notenaustausch bei der Unterzeichnung oder durch die Einfügung einer Klausel In die Prä ambel Rechnung tragen zu können.

Oer Moskauer Zngen'eurprozeb.

Moskau, 22. Mai. (WB.) In ber heu­tigen Sitzung des Schachty-Prozesses führten vier weiter« Belastungszeugen Einzelheiten über die von dem angeklagten Ingenieur Beresow­ski herbeigeführte Schachtersäufung und eine Reihe anderer schäbigender Handlungen an. Sie wiesen darauf hin, bah er bie Arbeiter schlecht behandelt und di« österreichischen Kriegsgefangenen mißhandelt habe. Weiter habe er Arbeiter gehindert, im Jahr« 1920 an die polnische Front zu gehen. Der angeklagte In­genieur K a l g a n v f f gestand, zusammen mit Beresowski und Genossen an der gegen- revolutionären Organisation betei­ligt gewesen zu sein, ferner für schädigende Tätigkeit von Beresowski eine Belohnung erhalten und an ander« Belohnungen weiter­geleitet zu haben.

Oie Plädoyers im Autonomistenprozeß.

Colmar, 22. Mai. (WB.) Rechtsanwalt I a e g l e erinnerte in feinem Plädoyer an bie wechfclnben Schicksale, bie daS Elsaß in den letzten fünfziMIahrcn burchzumachen hatte. Richt bas Elsaß sei wetterwendisch gewesen, sondern es sei wie eine Wetterfahne den ver­schiedenen Windstremungen aufgesetzt gewesen. Die Tragik des Elsaß bestehe darin, daß bie Elsässer es früher den Deutschen und jetzt den Franzosen nicht recht machen könnten. Die Deutschen hätten von den ,verdammten Elsässern" gesprochen, die Franzosen steckten Männer wie Ricklin, der während des ganzen Krieges feinen engeren Landsleuten geholfen hatte, ins Ge­fängnis. RicklinS Verurteilung würbe für die Elsässer, die aI8 französische Geschworene wir­ken, einen Verrat am eigenen Blut be­deuten. Der zweite Verteidiger Rechtsanwalt F o u r r i c r erklärte, das Leitmotiv deS Staats­anwalts sei gewesen, den Autonomismus als eine deutschfreundliche Bewegung hinzustellen, bie kein anderes Ziel habe, als das Ellah wieder zu Deutschland zu bringen. Di« wirtschaftlich« Entwicklung cks Elsaß von 1871 bi« 1914 sei sehr gut gewesen. Die Bereicherung des LandeS sei dem Elsaß selbst zugute gekommen.

Jetzt flössen die Reichtümer bes Canbe» i n die Taschen besComlle desForges. Auch fei bei dem Verlaus von wichtigen Fa­briken, die früher in deutschen Händen waren, das Elsaß geschädigt worden.

So feien drei Fabriken, wie sich auS dem Be­richt des KammerauSschupeS zur Untersuchung von SpekuIationSmanövem ergebe, von einem Gesamtwert von 1.4 Milliarden Franken für 385 Millionen Franken dem Käufer zugesprochen worden, und bis 1928 seien von diesen 385 Mil­lionen Franken erst 38 Millionen tat­sächlich bezahlt. Hier liege die wirtschaft­liche Ursache des AutonomiSmu«. Die Landwirt­schaft habe ihre natürlichen Absatzgebiete nach Deutschland hin. Der Weinbau im Elsaß sei seit Kriegsende um die Hälfte zurückgegan­gen, da die relativ teuren elsässischen Weine gegen die französischen Weine nicht konkurrieren konnten. Es fei eine Lüge, zu behaupten, daß daS Elsaß französisch fei. Ss fei vielmehr erst durch den Westfälischen Frieden 1648 en Frank­reich vom >'0 igen Rörnifchen Reick Deutscher Nation abgetreten ttrtben. Die lranz'siscke Revo­lution habe die Einheit deS Elsaß geschaffen. Die Iffimilienme fei durch Einführung der

Gulllotine im Slfah erfolgt. Die Slfäffer hätte» aber ihr« Tradition und ihre Muttersprache verteidigt. Um 1846 hätten die obersten Schich­ten im Elsaß französisch zu sprechen begonnen während die unteren Schichten weiter deutsch sprachen. Das habe zu dem gleichen Zustand geführt wie jetzt, daß weder französisch noch richtig deutsch gesprochen toerbe.

1871 habe Frankreich, wie Deroaftbe sich au> drückte, das Elsaß auigcgeben, am sich selbst zu retten.

Deutschland habe dem Ellatz gewisse autono* mistische Möglichkeiten gegeben. Die Alldeutschen hätten allerdings dagegen protestiert. Wenn man ihre Proteste aus jener Zeit nehme und bas Wort »Deutsch" durch bas Wort »Französischs ersetze, bann hab« man ben Stil des Hclley'S im .Journal" von heute. Die QüitonomlebetDegunfl sei von Grunb aus pazifistisch. AIS der Ber- teibiger in biefem Zusammenhang das Wort von Anatole France zitiert: .Man glaubt baß man sich sür Ideen schlägt, in Wirklichkeit schlägt man f i ch für Fabriken", erhebt der Vorsitzenbe unter Hinweis auf bie währenb bes Krieges Gefallenen Einspruch,^der unter bem größten Zeile deS Publikums eine laute BeifallSkunbgebung hcrvorruft. R.-A. Sourrier erllärt, baß ber Angeklagte Hauh ihm ben Sinn ber Autonomiebewegung dadurch klar mackie, daß er auf sich selbst zeigend auSries: .Ich habe ein französisches Herz, aber einen deutschen Kopf. Wenn man deutsche Bildung ber Elsässer als ein Verbrechen ansehe unb sie beseitigen wolle, bann toät*' eS doch am einfachsten, ihnen den deutschen Kops durch die Guillotine abschlagen zu lassen. Rechts­anwalt Sourrier schließt mit einem Appell an bie Drüberlichkeit der Völler und ben Frieden. Ideale, bte bie Männer auf ber Anvagebank für sich in Anspruch nehmen.

Rückfragen bei der Reichsbahn.

Berlin. 22. Mal. (Tel.) DaS Reichs- verkehrSministcrium hat gestern der Deutschen ReichSbahngesellschaft auf ihren An­trag aus Tariferhöhung mitgeteill, baß zunächst noch bie Klärung einzelner Fragen er­forderlich ist. Diese betreffen Insbesondere bie Einnahmen für das lausende Jahr, die A b - schreibungsmahnahmen der Gesellschaft in den verflossenen und künftigen Geschäfts­jahren sowie die Finanzierung b e 6 An - lagezuwachseS.

Aus aller Well.

Neues Bersiwerkunsilstlk in Amerika.

Harlan (Kentucky), 22. IHal. (ID 13. Funk- jpruch.) In dem zwölf Meilen westlich von Har­lan gelegenen BlarfmoiUain - Kohlenbergwerk er­eignete sich eine Explosion. 15 Bergarbeiter werden vermißt. Zehn Leichen wurden bereite geborgen. 50 gelang es. sich unverletzt in Sicherheit zu brin­gen. Das Bergamt In Bristol (Virginia) hat einen Sonderhilfszug entsandt.

82 Todesopfer

der Katastrophe im Mather-Vergwerk.

DrvwnSville, 22. Mai. (WB.) Rach ben letzten Feststellungen beläuft sich bk Zahl ber TobeSopser ber Erplosion im Mather-Dergtrerk auf 82. 115 Mann werben vermißt. Man glaubt, bah si« ebenfalls ums Leben ge­kommen sind. An ber Stätte bes furchtbaren Grubenunglückes haben d.« Rettungsmannschaften einen ber Verschütteten lebenb inmitten von fünf Toten aufgefunben.

(Eröffnung ber Schuhbunblagung.

In Essen wurde im überfüllten Krupp-Saal die erste öffentliche Sitzung des Deutschen Schutz­bundes für G .enz- unb Auslanbdtu'.schtum er­öffnet. Dec Dun^csvorsitzende. Dr. v. Loef ch, begrüßte bie auS allen beutfchen Grenzgebieten unb auS ben europäischen Staaten erfchienenen Vertreter ber bem Bund angeschlossenen Ver­bände. Aus Schleswig sind allein etwa 40 Ver­treter erschienen, ebenso auS Ostpreußen und Danzig. Dom Reichspräsidenten, bem österreichischen Bundespräsidenten und bem Prä­sidenten des Danziger Senat» sind BegrüßungS- telegramme einge.au'en. Frau Ministerialrat Weber sprach über das ThemaDie deutsche Stau im deutschen Wahlkomps", Dr. v. Loes ch

>erDi« Ziele und Wege deutscher VollstamS- arbeit", Oberbürgermeister Bracht. Essen, über ..Essen im Ruhrkamps". Rachm l!a?S sanden Vor­st an dssitzungen und die erste Mitgliederversamm­lung statt.

Die Nordpolflieger in Bergen.

Die Norbpolslieger WHkinS und E i e l - s o n sind in Bergen eingetroffen. Schon lange vorher hatten sich am Hafen und in den an­stoßenden Straßen gewaltige Menschenmengen ongesamrnelt. Der Direktor deS Bergener Mu­seum- hielt eine Begrüßungsrede an Die Flieger und betonte die Bedeutung, die ihr Flug für die wissenschaftlich« Forschung, besonders sür bie Meteorologie gehabt habe Die Antwort bet beiden Flieger löste beim Publikum stürmischen Jubel aus. Die Ovationen galten besonders Sielson. bet norwegisch sprach und erllärte. daß er stolz daraus sei, Sproß eines norwegischen Geschlechtes zu sein. Der amerikanisch« Konsul gab zu Ehren ber Flieger ein Frühstück. Für beut« abenb sind sie bei König Haakon auf Schloß Gamlehaugen zur Tafel geladen.

Schwere» Brandunglück.

Bermutlich infolge Brandstiftung wurde das An- wesen des Landwirts Huber von Bayerbach bei Ergoldsbach (Niederbayern) gestern ein Raub ber Flamme?. Da» vier Jahre alte Kind des Landwiriv fand hierbei den Flammentod. Di« Mutter eilte mit angebrannten haaren au» dem brennenden Wohnhaus und hatte in der ersten Auf­regung das Kmd im Bett liegen losten. Die größeren Kinder konnten sich nur durch einen Sprung aus bem im oberen Stockwerk befindlichen Fenster retten.

Eifenbahnunglück bei Köln.

Dienstag nacht gegen 2 Uhr entgleist« bei bet Einfahrt in ben Bahnhof Rvisdvrf auf bet Strecke KölnKoblenz bet von Köln tormnenbe Eilgüterzug. wobei der Packwaoen und drei Weitzer« Wagen aus dem Sk:S geschleudert wur­den. Ein Schaffner war fvfort tot, bet Zug­führer würbe leicht verletzt. Die Strecke ist ge* sperr' Der Per'onenvrrkehr wird vorläufig durch Umsteigen ausrechterhalten, bk Schnellzüge wer­den umgreifet Heber ixt Ursache ist noch nicht- bekannt.