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Ur. 120 rrfte; Blatt

178. Jahrgang

Mittwoch, 23. Mai (028

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Sietzener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

Druck »nb Verla-: vrbhl'schr UntoerfitMstBn*' nnö Stetnönidcret R. taiqe tu Sietzeu. Sdjriftletting und GeschLftrAele: Schulltraße 7.

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llbefrebakteur

Dr Fnebr CUll) Lange. Verantwortlich für Doluifc Dr St Wild Lang» für Feuilleton Dr H Lhynol, fflr ben bbrigen Teil Ernst Blumschein, für den In» zeigexteil Port ßiCmann.

ILmtltch in Gießen

Grauer Werkeltag.

Die ie\U auf bei Jubel ron, teil» auf ein» Trau«rm«.od'.e obgeftitnmlen Wahlde.rachtungen tot eben nun wohl abthngen muffen Tot un» steht t«r graue W«rkellag bet par.amenlarrschen Arbci! Der Dterte Reichstag bet Republik unterscheidet sich auch darin nicht von feinen drei Vorgängern bah er nicht Über die klaren Parleiverhältniffe r-er Ügt. die für die politisch« Willen-Bildung mm einmal not- wendig find Rus dem Papier läßt eS fich ja mühelos ouSrechnen, dach e'c und jene ^a rte.cn für bl« aroh« Äoalitiou. für erne Koalition der Witte ober gar für eine Koalition der Rechten in Frage kommen. So le'chl auch der Rechenstifi arbeitet, zumal ihn keine Verantwortung daran hindert, fo hart stoben fich im Raum die Sachen.

Wenn die sozialistische Presse auch erklärt, dah die Partei entschlossen sei. daS starke Schwcr- gewicht der Fraktion im Reichstag durchzu setzen, so ist auch diese Durchsetzung nicht gar so ein­fach. wie die Auspeitschung der materiellen Inter­essen bet Wähler im Wahlkampf. Trotzdem die Republik auf Gründ der Weimarer Verfassung saft neun Jahre schon besteht, hat eS die Sozial­demokratie vorgezogen, lieber auf den Ränken der Opposition zu bltIben, als nach der Regierungsbanl hinüberzuwechseln, wo allein bi« schwere Bürde bet Verantwortung Heal. Seit den Juniwahlcn 1920 hat lein sozialdemokratischer ReichSkamler geatmet, hat eS nur in der Zeit vom Mai 1921 bit zum Rovembcr 1922 drei ReichSkabinette gegeben, denen sozialistische Parlamentarier al- Minister anaehörten. Hur im Herbst 1923. al» der poli­tische und wirtschaftliche Zusammenbruch dcS Reiche» drohte, hat die sozialdemokratische Partei noch einmal zwei Monate lang einige ihrer Mitglieder in da» erste Aabtnett Dr. ©trete- mann» gesandt.

Di« Sozialdemokratie zählte damal» im ersten Reichstag vor der Bereinigung mit ben Unab­hängigen 185 Abgeordnete, nach der Bereini­gung immerhin noch 173. Diese Scheu vor der Verantwortung ist doch wohl nicht zufällig w nennen, erklärt sich noch weniger barmte, haft die Sozialdemokratie nicht hätte (Belegen- J)«lt slnden kdruien. e.ne Reichsregierung ent* cheidend zu führen oder sich doch maßgebenb an ihr zu beteiligen. Heute zählt die Sozialdemo­kratie etwa 20 Abgeordnete weniger al» im ersten Reichstag, bei dessen Wahl sie von 23 Mill. Stimmen über 11 Mill. Stimmen, also Vto. für sich «nfammeln konnte, während sie bei den Wahlen am 20. Mai 1928 von 30 Millionen Stimmen

rund 9 Millionen, gleich drei Zehntel, erhielt.

Die Sozialdemokratie kann nicht in Anspruch neh­men. dost sie heute die ausgesprochene Trägerin de» Volkswillen» ist. Wer auf den Bänken der parla­mentarischen Opposition sitzt, wer hinter sich eine Jahrzehnte geübte oppositionelle Vergangenheit hat. wird bald erkennen müssen, daß der Beruf des Rc- gierungvsuhrers doch schwerer ist, als der des Rörg. len auf der Straße. Der Reichstag hol andere Auf­gaben zu erledigen al» die Landtag« der Länder. 3m Reichstag handelt es sich um die bewegenden Strafte In Politik und Wirtschaft während die Länder in der Hauptsache nur verwalten.

Die Sozialdemokratie wird sich, mit der Regie­rungsbildung beauftragt, nach einer Gemeinschaft mit anderen parlamentarischen Parteien um- sehen müssen. Nicht» würde die soziale und politische Gestaltlosigkeit der Sozialdemokratie schneller offenbaren, wenn sie gezwungen würde, ganz allein nach ihren Heften zu regieren. Allein, solche Besuche kann sich daS deutsche Bofk nicht erlauben, da es ja alle seine Strafte zusammenfassen must, um sich im poli­tischen und wirtschaftlichen Wettbewerb der Böller durchzuscnen. Ob die Sozialdemokratie dafür da» richtige Berständni» hat. das muß erst die Erfahrung lehren. Sic bat die Steuer- und Finanzpolitik deS Reiches in Grund und Boden kritisiert, obfchvn 3orm und Inhalt dieser Politik durch den Dawesplan zwangsläufig fest- gelegt sind. Wer über bie steuerliche Belastung der Mafien durch die Verbrauchs steuern und die

Zoll« leidenschaftlich gezetert und gewettert hat. wird sehr bald erkennen, daß der Abbau bietet Steuerlast leere Reichs- und noch viel lecrcrc Länderkaffen schafft. Wer die Zollpolitik für einen Raubzug in die Taschen de» DvlkeS er- Bart hat. kann sehr leicht in Verlegenheit kom­men. wenn er Handelsverträge mit Ländern abschliehen muh. die sehr tvohl bereit sind, alle» zu nehmen, um nicht» oder Unzulängliche» dafür zu gewähren.

Mit dem Schlagwort von dem sozialen Dolk-- prvblem allein ist eS nicht getan. Wer sich be­rufen fühlt, die» Probiem zu lösen, wird gerade aus Grund der bi»herigen Taktik der Sozial­demokratie bald wieder den Ä'ageruf Scheide» mann» im Sommer 1919 aus st osten müssen, dah die ganz« schöne Revolution zu einer Lohnbewe­gung verpfuscht worden fei SS ist allerding» möglich, den bo-ch nur schleppend in Gang ge­kommenen KapitalbildungSprozeß durch Abwälzung der Steuern auf den Besitz, lotete durch scharfe Maßnahmen auf prcispollli chem Gebiet durch Riederkämpsung der Kartelle zu hemmen, allein es wird nicht möglich fein, daS wichtige Produktionsmittel. das Betriebs­kapital. durch AuSlandkredit^ zu be­schaffen, weil das internationale Finanzkapital eine sehr seine Witterung dafür hat. ob und wo die gewährten Kredite durch die kapitalistische Wirtfchast gesichert oder durch sozialistische Ein­griffe gefährdet sind.

Der graue Werkellag der parlamentarischen Arbeit wird nicht durch die zeitllch überholten

Die Hamburger Gistgaskaiastrophe.

Mörderisches Gistgas.

Don Dr. Siegfried Rurty.

3n geradezu beängstigender Weite häuten sich in den letzten Jahren die Explofion-katastroph.m in Deutschland, kaum sind die Schäden der letzten UnglüekSsälte beseitigt, da erschüttert die Hach- richt von der H a mb urger Giftgas fata- strophe die Ocssentlich.eit. 3m Januar diese» 3ahreS erst wurde in Berlin bie Seitmwand eine» Haufe» durch eine Ga-ervlosion vom Keller bis zum Dachboden ausgerissen, achtzehn Tote wurden nach tagelangen Bemühungen geborgen. Wenige Tage später wurde eine Dllla in Dah­lem durch eine Explosion schwer beschädigt, und im ®ebä (fehlte aller Äunftireunbe ist wohl noch der tragische Tod der Tänzerin Lucie Kiesel- Haufen. die an den Verletzungen starb, die sie durch Entzündung von Benzsichämpsen da­vongetragen £at Da» fürchterlichste Explosion«- Unglück aber, das Deutichland je erlebt hat. war die Katastrophe in den Oppauer Stick­st o f f w e r k e n. die fich im September 1921 er­eignete und bei der em ganze« D-»rs zerstört und die Häuser der umliegenden Ortschaften schwer beschädigt wurden. Mele Hunderte fanden damals den Tod.

Wenn auch daS Hamburger Diftgasunglück bisher nur elf Tote gefordert hat. fo ist doch daS Befinden der bunbertunbfünfaig Personen, die krank in die Hamburger Krankenhäuser über­führt worden sind, so besorgniserregend, bah man mit weiteren Todesfällen rechnen muh. Haben doch biete Unglücklichen ein Giftgas PhoSgen eingeatmet, bas zu ben gefähr­lichsten feiner Art zählt. Diese» au» bem Krieg unter bem Hamen .Gelbkreuz" bekannte Gas wirkt fürchterlich, unb man kann ba» Entsetzen berjenlgcn begreifen, bie kein Mittel hatten, um sich vor bem Einatmen bet giftigen Gase zu schützen. Bisher steht ein solcher Fall von Phosgenvergistung in Deutschland vereinzelt da, unb nur einer Verkettung von unglücklichen Zufällen kann es zuzuschrc den fein, bah bet Tank, ber ba» Giftgas einfchloh, explodierte. Unerklärlich, dah gröbere Mengen de» fürchter­lichen PhoSgenoases in einem bich 1 b « völ - kerten Stadtteil aufbewahrt werden dursten, denn diese» durch Oxydation von Ehloro- form mit Ehromsäure entstehende GaS, daS auch au« Ehloc- und Kohlenoxydga» bergestellt wirb unb im -^ritg al» Kampsmiltel Mente, wird seit Jahren in Deutschland nur noch in ganz geringen Mengen hergestellt. Dem hätte die chemische Jnbustrie ganz auf diese» überaus gcsährlichc GistgaS verzichtet: doch ist eS zur Erzeugung verschiedener Farbstoffe wie Kri­stallviolett unb Billvriablau sowie zur Herstel­lung eine- Lungenheilmittels unentbehr­lich. Schon ein halbe- Gramm PhoSaen auf «inen Kubikmeter Lust genügt, um Menschen zu töten, die nur eine Minute lang diese Mischung ein­geatmet haben und nicht weniger al- acht Kubik­meter Phosgen sinb durch bie Explosion au- bem Behälter entwichen. Glücklicherweise bat der Regen die DaSmassen absorbiert, so dah in einiger Zell die DistgaSwolkc aqtaelöft wurde. Wendet man doch bei lokalen Phosgenvergistun- gen Regenapparate unb Sprühspritzen an, damit da« Wasser auf seinem Wege durch die Lust da- Ga» aufnimmt unb damit beseitigt.

Da- einzige Mittel, da» man au Herdern gegen da» Phosgen anwenden kann, ist der Ammo­niak. zu dem jedoch nur im äußersten Bot* sall gegriffen wird, da man bei seiner Ver­wendung äuherst vorsichtig vorgehen muh. DaS Hmmomafga». daS eine Verbindung von Wasser- floff und Stickstoff darstellt. kann nämlich für den Menfchen fahr unangenehme Folgen haben: e» reizt die Schleimhäute stark und kann selbst

zu Herzlähmungen sühren. Auch Qlmmoniaf kann explodieren, wenn er sich in seine Bestandteil« Wasserstoff unb Stickstoff spaltet und sich der Wasserstvll m.t der Lust vermischt. ES ent­steht dann das sog. Knallgas, da- fünfe ter- 1:4k Explosionen Hervorruft. wenn es mit einer offenen Flamme in Berührung kommt. Bei der Expkosionskatastrophe. die sich im Januar in Berlin in der Landsberger Allee ereigne*.«, zog man auch die Möglichkeit «in«r solchen Knall- gaSexploslon In den Bereich der Betrachtungen: doch kam man später zu der Ueberzcugung. dah da» Unglück auf eine Leuchtga-explo- sion »urückzusühren sei. Eine ganz andere Ur­sache hatte bas Unglück in der Dahlem-Vllla. das wahrscheinlich durch Knallquccksilbcr entstanden ist. Dieses leicht explosible Gemisch setzt sich au» Quecksilber. daS in kalter Salpeter­säure ausgelöst wird, und au» starkem Alkohol zusammen. Zwar behaupten verschiedene Sach­verständige, dah die Dahlemer Katastrophe nicht durch Knallquccksilbcr. sondern durch ba» Tro- tyl, einen mit ber Pikrinsäure eng verwandten Körper, hervorgcrusen worden sei, doch handelt e» (ich dabei nur um Mutmaßungen. Die wahre Ursache wird wohl erst in dem Prozeß ermittelt werden, der gegen den Jnhaber der Villa an­gestrengt worben ist und tn den nächsten Wochen zur Verhandlung kommt.

Meist ist e» für ben Menschen schon au spät, sich vor der tödlichen GaSwolke zu retten, wenn er den stechenden und erstickenden Geruch der Giftgase verspürt. Mit an gc üblichsten, tückischer als viele andere chemische Verbindungen Ist das KohlcnoxydgaS, das völlig geruchlos ist und daher keinerlei warnende Reiz­wirkungen besitzt. Schon 0,04 Volumenprozent dieses Gases in der Atemlust genügen, um schwere Vergiftungen hervorzurusen, und wenn man sich fünfzehn Minuten einer Kohlenoxydlon- -entration von 0,3 Prozent ausfetzt, fo tritt eine tödliche Vergiftung ein. Die schädliche Wirkung des Kohlenoxyd« merkt man schon, wenn man sich längere Zeit in schlecht gelüsteten Räumen aufbält, in denen geraucht wird. Der Tabakrauch enthält stets Kohlenoxyd, und dieses verursacht uns die fleine DergiftungSerschcinung, die wir Kopsschmerzen nennen. Jn den letzten Monaten haben sich schwere Kohlenoxydvergistungen in den Autogaragen ereignet, denen nicht selten Menschen zum Opfer fielen. Die AuSpuff- gafc von Explosionsmotoren enthalten stets Kohlenoxyd. besonder« bann, wenn der Motor ohne Delastung läuft Sine Kohlenoxydvergiftung ist gerade deshalb so gesährlich. weil der Dc- troftene meist plötzlich von einem OhnmachtS- ansatt befallen wird und dadurch verhindert wird, den mit dem giftigen GaS ungefüllten Raum au verlassen. Man sollte daher besonders in un terir dis chen Garagen niemals die Motoren laufen lassen, ohne darauf zu achten, dah die Auspuffgase in- Freie geleitet werden. Der Plan, innerhalb der deutschen Groß­städte unterirdische Autostraßen anzulegen, dürfte auch aus diesem Grunde starken Widerspruch erregen, denn eine solche unterirdische Straße ohne ausreichende und sorgsültig kontrollierte Lüftung würde schwere Desahren für die Passan­ten in sich bergen.

Glücklicherweise kommt daS Publlkum nur selten mit giftigen Gasen in Berührung. Weist sind Angehörige ber chemischen 3nbuftrie einer solchen VergiftungSgesahr au-geteht Ehlor, Schwetelwusserstoss unb Schwefelkohlenstoff sind gefährliche Gate, bei deren Verarbeitung in ben chemischen Fabriken durch ausreichende Lüftung unb durch den Gebrauch von Gasmasken und Atenischühern alles getan werden muh, um ge­werbliche Schädigungen zu vermeiden. Als nicht ungefährlich ertöte» sich auch ein neues Feuer* löschmittcl, ber Tetrachlorkohlenstoff.

Die Dämpfe diese» an sich nicht brennbaren Körper» werden bei erhöhter Temperatur an der Lust zum Teil )u dem gefährlichen PhoHzcn oxybtert. trenn fl« mit getoiifen Stolsen, ule Eiten, Kup cr oder Hotz in Berührung kommen. Während die geringste Spur von PhoSgen z.r- störende Wirkungen aut den menschlichen Di- aantemu» ausübt, wirken minimale Hlcngcn von Blausäure, Chlor unb Kohlenoxyd nicht unbe­dingt schädlich.

Der cinz ge Schutz, den wir bisher gegen rte giftigen Gase kennen, Ist bie G a S in a s k e. Selbstverständlich muß man bei einem Unglüd«* soll zunächst daraus achten, den Verunglückten an die srlsche Lust zu bringen unb für ungehinderte Atmung zu sorgen. S.'cnfo wichtig ist c», Ich.eunigft einen Arzt herbetzurute i. u n dem vergifteten Organismus möglichst >chn«!ck sachverstänbige H'lje zu verlchafsen. Ader auch die Rettercrfltcn bei aller ßllfsoereitschast flarcn Kops behalten unb sich n bl blinbltna» von ihrem Bestreben, bem M aglück.en Hilie leisten zu wollen, hinreißen lasicn. Sie müt'cn fich stelS vor Augen halten, baß sie fich Ixt ber Re lungsarbeii oergtjlen können unb daß nur kühle, klare Hebet legi1 ng unb fachge­mäßes Vorgehen bem Derunglück.cn nützen kann.

Die Opfer des Unglücks.

170 Kranke in ---Handlung. Die Zahl her toten auf 10 erhöht

Hamburg, 22. Mai. (WB.) Bon den durch da» Exploflon»uoglück Erkrankten haben sich Im Laufe de» gestrigen Tage» wettere 49 Per­sonen in die Hamburger staatlichen ftrunfrn- HSofer begeben Vie meisten von ihnen konnten nach der Untersuchung wieder entlassen werben. Jnsgesaml befanden sich heute vormittag In den Hamburger staatlichen Ürankenhäufcm zur Beob­achtung 12 kranke, seiner 85 Leichter?rankte. 39 mitteischwer Erkrankte. 6 schwer Erkrankte, 27 in ambulanter Behandlung. Lio Erkrankter brfinbrt fich In einem prioatkrankenhau». Bon den Schwer- trfranflrn Ist In ber vergangenen Tladjl einer ge­storben, |o daß sich die Gesamtzahl der loten In Hamburg allein auf fech » er­höh I, wozu noch drei Tote in Wilhelm»- b u r g und eine Tote in Altona kommen. Bei drei weiteren Schwererkrankien ist der Befund zur Zeit noch zweifelhaft. Alle übri­gen kranken find außer Leben»gefahr. Vie Be­stände der Kahrungsmittelläden in dem betroffenen Gebiet sind von amtlichen Sachverständigen unter­sucht worden. Alle irgendwie verdächtigen Rah- rungemlttel wurden beschlagnahmt.

Die Explosion des phosgenkeffels.

Eine Erklärung ber -irma Stolzenberg.

Berlin, 22. Mai. Zu dem GaSvergiftungS- unglück in Hamburg teilt die Firma Chemische Fabrik Dr. Hugo den Vlättern u. a. folgende» mit: .Am 20. Mai meldete nachmittag- der Ober- teuertrerfer Apel, dah ein Phosgenkeffel auf der Peute in die Luft gegangen fei und dah eine PhoSgenwolke von ungefähr 100 Metern Länge in Form eines fchmalen StricheS von dem Gelände des Stahlwerkes Werner in südwestlicher Richtung über daS Süduscr deS Müggenberger Kanals und die Orte Hieder- aeorgSwerder und Wilhelmsburg wegziehe. Am Platz fei keine GaSgefahr mehr. An der Un» glücksstelle war ein neben dem Gleis lagernder PhoSgenkesfel, der etwa.10 Tonnen flüsfi-

Kämpfe über die Staatsform ausgefüllt. Ob wir den Hationalf eiertag am 11. August oder am 18. Januar begehen, wirb uns nicht davor fchützen. dah wir den Lebensunter­halt für das deutsche Volk, dah wir die DaweS- tribute nur im schärfsten Wettbewerb mit anderen Wcrrfchaftsvölkem erarbeiten und erringen müssen. Wer daS soziale DollSprvblem nur darin sicht, dah daS zu schweren Tributen vcrpslichtete deuhchc Volk den Achtstundentag einsührt. oder ebenso hohe Löhne bezahlt wie sreie und reiche Völker, der wird dieS Problem mit soziattstischen Mitteln gerade so wenig lösen können, wie es in Eowjetrußland geschehen ist. DaS deullche Volk hat von 1919 bis 1923 einen Leidensweg gehen müssen, well die Partei vieisach höher stand als die nationale Gemein­schaft. Bewahre uns der Himmel davor, daß wir dielen Weg noch einmal gehen muffen.

Amerikanisches Echo.

Neuyork, 22. Mai. (TU.) Die große amerika- nische Morgenpresie zeigt sich über den deutschen Wahlausgang befriedigt. Sämtliche Zeitungen legen das Stäupt gemufft darauf, daß die bisherige Außenpolitik Deutschlands fortgesetzt wird unb daß wahrscheinlich Außenminister Stresemann bleibt Ne uyork Times" schreiben, es sei mit dem Bündnis der Parteien im nächsten Reichstag zu rechnen, die für Locarno, Kellogavorschlag und Döl- kerbund sind. Die Scrlufte ber Rechtsparteien seien nicht so sehr auf bie Ablehnung der nationalistiichen Anschauung zurück zuführen, sondern auf bie U n

zufriede nheit der Massen mit ben hohen Cebensfo ften. Die Stoalitionsbildung sei ohne Mitwirkung der Deutschen Sollspartei un­möglich, daher muffe Frankreich Äonjeffionen i m R h e i a n d machen, um das neue Minifte- rium zu starten. Poincarö muffe aber fchne 11 handeln

Die Hearst-Presi« erllärt. daß die kleinen Splitterparteien ben Deutfchnationalen ben größten Verlust )ujüglen. Die Sozialisten wurden wahrscheinlich an Stelle der Deutschnationalen in die Koalition eintreten, was für den europäischen Frieden und den Wiederausbau durchaus kein Ver­lust fei. JjeranT bezeichnet «s als paradox, daß die Riedcriaqe der bisherigen Regierung einen Tri­umph für die Politik Strefemanns bedeute: denn die Sozialisten, bie am allerstörkftcn für den Dawcsplan und Locarno gewesen seien, hätten Gtrefemann am stärksten unterstützt. Locarno unb Dawcsplan hätten im neuen Reichstag eine Mehr- hell von 2:1. Die Schwierigkeiten der Roalitionsbilbung seien trotzdem im neuen Reichstag vielleicht noch größer als im alten; denn es müsi« die Basis gefunden werden, die für die Sozialisten und di« Teutschnotionalen gang­bar sei. Es fei dabei zu bedenken, daß die Sozia­listen die Tatiache in Rechnung zu stellen hätten, daß auch die Kommunisten stark gewonnen hätten. Gerald- schreibt, die Deutschnationalen waren in jeder Koalition ^u Kompromissen gezwun­gen. obwohl viele unter ihnen sich dagegen auf- lehnten, daß die Partei nicht an alten Grundsätzen fefthiett. Die Deutschnationalen setzten sich dadurch zwischen zwei Stühle. Der Wahlausgang

bedeutet für Deutschland die Stabilität der Repu­blik und der auswärtigen Politik.

Auch Polen ist zufrieden.

Warschau, 22.Mai.(Tel.) Der Erfolg der Linksparteien, mit dxm man bereit» gerechnet hatte, wird in Polen überall offen be­grüßt, weil man fich eine größere Nachgiebigkeit der künftigen deutschen Re­gierung in außenpolitischen Fragen davon ver­spricht Die Tatfache, daß die polnische Min­derheit in Deutschland überhaupt keinMan- d a t erhalten hat. wird ohne Kommentar kurz notiert. Der .GloS Prawda" stellt sesi, daß fich die innere Entwicklung in Deutschland durch die Riederlagc der Rechtsparteien radikal geändert habe, unb baß die Stärkung ber So- zialisten ton der demokratischen Oessentlichkeit Europa- mit Befriedigung begrüßt werde. Je­doch dürfe man tom polltisHen Standpunkt aus nicht zu früh weitgehende Schlüffe aus dem Re­sultat herleiten. Der .Robvtnik" glaubt zweifel­los damit rechnen zu können, daß die neue deutsche Regierung zu einem Abschluß de- Handelsvertrages mit Polen kommen Verde, und daß dies im Zusammenleben beider Staaten stusenweise zu einer Verständigung süh­ren werde. Don den Rechtsblättern erklärtGa* zetta Wartzawska Poranna', daß man in Polen ruhig den Sieg der Linken mit ansehrn könne. Ma n habe jedoch noch feine Sicherheit dafür, daß «ich in der Außenpolitik etwas ändern werde und es sei deshalb nach wie vor Wachsam­keit und Aklivllät der polnischen Politik geboten.