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ttr.249 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)" Montag, 22. Gttober 1928

Erinnerungen an Rasputin.

Die Entdeckung der Mordtat. - Der blutige Stiefel. - Rasputins Leiche wird aus der Newa gezogen. - Milde Bestrafung der Mörder.

Von Maria Grigorjewna Rasputin.

Copyright

by United Press Association ok America. Nachdruck, auch im Auszug, verboten.

(Schluß.)

Meine Schwester Maria und ich lagen noch im Bett, als unser Dienstmädchen Katia ins Zim­mer stürzte:Maria, wissen Sie, wo Gregor Esinwwitsch ist? Die Polizei ist da und fragt nach ihm. 3n seinem Zimmer finde ich ihn nicht."Gestern abend ist Papa zum Fürsten Jussupow gegangen. Wan wird ihn wahrscheinlich die Nacht über im Palast an der Moika zurückbehalten haben." Ich fühlte mich aber von einer plötzlichen Llnruhe ergriffen, stand auf und wollte gleich an Protopopow tele- phvnieren.

Da klingelte auch schon das Telephon und eine Stimme sagte, daß der Minister des In­neren <Tm Apparat fei. Auch Protopopow wollte wissen, wo mein Naler die Nacht ver­bracht habe.Bei Jussupow", erwiderte ich abermals. Auf die Fragen, die ich ihm selbst stellte, konnte ich aber keine Antwort von Pro­topopow erlangen.

Dann kam mir der Gedanke, an die Freundin Jussupows, Fräulein Munia Golowin, zu tele­phonieren, die Jussupows Bekanntschaft mit mei­nem Vater kürzlich vermittelt hatte. Aber auch sie konnte mir keine Auskunft geben.

Eine Stunde später kamen die Polizeiinspekto­ren wieder, um mich persönlich zu vernehmen. Dabei erfuhr ich, daß man Revolverschüsse auf dem Grundstück Jussupows gehört hatte, daß mein Vater wahrscheinlich noch dort sei, daß aber ein Gerücht, er sei ermordet, in der Stadt umlaufe.......

Ich fühlte mit einem Schlage, daß meine schlimmsten Befürchtungen sich bestätigten. In meiner Angst und Verwirrung wagte ich nicht, das Haus zu verlassen. Ich telephonierte nach Zarskoje Selo, um Anna Wirubowa zu bitten, die Zarin von den Vorgängen in Kenntnis zu sehen. Zu meiner äleberraschung erfuhr ich, daß sie bereits von Protopopow gehört hatte, und daß man Purischkewitsch und Jussupow für das Verschwinden meines Vaters verantwort­lich machte.

Eine schaurige Entdeckung kam hinzu, um meine Angst zu steigern und die furchtbare Annahme eines Mordes wahrscheinlich zu machen. In Be­gleitung des Bischofs Isidor, der ein Freund meines Vaters gewesen war, erschien ein Poli­zeibeamter mit einem von Blut besu­delten Stiefel, von dem wir feststellten:, daß er zu dem Paare gehörte, das mein Vater am Abend vorher beim Fortgehen getragen hatte. And jetzt überstürzten sich die Nachfor­schungen und Entdeckungen. Der Stiefel war im Schnee, in der Nähe der Petrowsky- Brücke, nicht weit von der Spur eines Auto­mobils, gefunden worden, das in der vergange­nen Nacht bis hart an das Ufer gefahren fein mußte. Polizeipräsident Ball und Innenminister Makarow übernahmen auf Befehl der Kaiserin persönlich die Leitung der Nachforschungen. Man fand dann einen blutbefleckten Tuchfehen. Tau­cher begannen die Newa in der Amgegend der Fundstellen abzusuchen.

Nur im Palast an der Moika wurden noch keine Untersuchungen von der Polizei angestellt. Die Immunität, die die kaiserliche Familie genoß, erstreckte sich auch auf die Wohnung von Felix Jussupow, dessen Gattin Irena Alexandrowna eine Nichte des Zaren war. Man mußte daher warten, bis der Zar, der allein eine Haussuchung anordnen konnte, aus dem Großen Hauptquartier zurückgekehrt war.

Nachdem die Taucher infolge des Frostes ihre Arbeit einstweilen wieder hatten einstellen müssen, fügte es der Zufall, daß man am dritten Tage

Geld W vom Himmel.

Roman von Paul Enderling.

Copyright by Carl Duncker, Verlag, Berlin.

23. Fortsetzung. Nachdruck verboten.

Die Blätter kommen nicht aus dem Hause", be­fahl er schroff.Sie werden sie meiner Tochter ein­händigen und unter ihren Augen, wann sie es für richtig hält, in die Maschine übertragen."

,Za, Herr Brodersen."

Wünschen Sie sonst noch etwas?"

Soll alles heute Geschriebene stehenbleiben?" Warum fragen Sie?^

Nur, weil sie den letzten Abschnitt schon mehrere Male diktiert haben."

Brodersen runzelte die Stirn. Das Fräulein, das zitternd zu ihm hinübersah, bemerkte erschreckt, daß fein schwerer Körper in sich zusammensank. Sie wollte ihm zu Hilfe eilen. Mer sein Gesicht sah so drohend aus, daß sie mitten im Zimmer steyen- blieb, mit ihren Tränen kämpfend.

Ich werde es noch oft diktieren", sagte Broder­sen endlich.Oft. Ost. Noch viele Male. Denn die Wett wird doch einmal wissen wollen. Und jedesmal werde ich stärkere Ausdrücke finden. Man inuß mir nur Zeit lassen." Er lachte plötzlich laut auf, und dies Lachen war noch schlimmer als sein Zorn.Seien Sie unbesorgt. Sie zarte Taube, ich linde schon solche Ausdrücke. Im Notfall stehen mir ja noch einige andere Sprachen zur Verfügung."

Gewiß, Herr Brodersen." Sie sah sich hilfe­suchend um.

Während er sich schwerfällig aus dem Sessel erhob und dem Schreibtisch zuging, setzte er in gleichgültigem Ton hinzu:Uebrigens diktiere ich Ihnen nicht etwa Lebenserinnerungen. Alles ist freie Erfindung, Phantasie, Roman. Sie dürfen nichts andres annehmen."

Er drückte auf einen Knopf am Schreibtisch den sie bis dahin nicht bemerkt hatte, und einige Minu­ten später trat Inge ein.

Guten Tag, mein Kind. Das Fräulein will dir das Stenogramm geben."

Inge nahm die eng bekritzelten Blätter und drückte aufmunternd die Hand des Mädchens.Vie­len Dank und nun geleite ich Sie hinaus."

der Nachforschungen im Ei e in der Nähe des Afers einen dunklen Fleck fand. Der Anter- suchungsrichter wurde benachrichtigt, als man hier ein Stück Pelz zutage befördert hatte. Eine Stunde später war die ganze Leiche an die Oberfläche geschafft, und meine Schwester und ich wurden vom Antersuchungsrichter zur Identtfizierung der Leiche an die Fundstelle berufen.

Nie werde ich das grausige Bild vergessen. Das Gesicht meines Vaters war aufgequollen und die Augen bereits verglast. Das wirre Haar und das durch den Erstickungstod blau angelaufene Ant­litz waren voll von schwarzem geronnenem Blut. Am seltsamsten aber war die Haltung des rechten Armes, der, während er bereits im Tode er­starrte, noch versucht zu haben schien, das Zeichen des Kreuzes zu machen.

Wir hatten die Herausgabe der Leiche ver­langt, da wir meinen Vater in Sibirien bestatten wollten. Aber angesichts der Begleitumstände des Verbrechens schlug Protopopow uns vor, ihn einstweilen in Zarswje Selo begraben zu lassen, um politische Demonstrationen zu ver­hüten, die sich leicht in den Straßen oder am Bahnhof beim Abtransport hätten ereignen können.

Beim Trauergottesdienst in der kleinen Tscher- mensk Kapelle, der am 21. Dezember, drei Tage vor dem Weihnachtsabend, stattfand, war außer mir und meiner Schwester fast niemand anwesend. Auf der Brust meines Vaters lag das Heiligen­bild aus Nowgorod, das Anna Wirubowa ihm am Vorabende des Verbrechens von der Zarin gebracht hatte. Ein Automobil brachte den Sarg dann nach Zarskoje Selo, wo mein Vater in der Nähe des kaiserlichen Parkes auf einem Grund­stück beerdigt wurde, auf dem Anna Wurubowa später ein Krankenhaus errichten wollte. Die Kaiserin war mit den vier Großfürstinnen er­schienen. Dichter Nebel lag über den Bäumen. Es herrschte eine eisige Kälte. Nachdem Pater Alexander die Gebete gesprochen und eine Hand­voll gefrorener Erde auf den Sarg geworfen hatte, deren hohler Klang uns erschauern machte, zogen wir uns weinend zurück.

Inzwischen hatte der Kaiser nach seiner Rück­kehr aus Mohilew trotz der Versuche, die ver­schiedene Mitglieder der kaiserlichen Familie, insbesondere Großfürst Alexander Michailowitsch, unternommen hatten, um ihn von seinem Vor­haben abzubringen, beschlossen, Strafmaß- nahmen gegen die Schuldigen zu ver­hangen. Einige Tage nach seiner Rückkehr empfing er uns persönlich im Wohnzimmer der Kaiserin und versicherte uns seiner huldvollen Fürsorge. Die Kaiserin selbst stellte uns aus ihrer Privat­schatulle den Betrag von neunjigtaufenb Rubeln zur Verfügung, die zu drei Teilen auf die Namen von uns drei Geschwistern bei einer Dank depo­niert wurden.

Zwei Monate später brach die Revolu­tion in Petersburg aus und trennte uns von der kaiserlichen Familie, die ich nie Wiedersehen sollte. Mein Vater war der einzige gewesen, der das Anheil vorausgesehen hatte, das Rußland jetzt heimsuchte. In einem Brief an seine Kinder, den wir nach seinem Tode fanden, schrieb er:

Liebste! (Eine Katastrophe droht uns, ein großes Unheil zieht heran. Wehklagen werden ertönen, und Blut wird fliehen. Brüder werden von ihren Brüdern erschlagen werden. Die (Erbe wird erzittern. Hungersnot und Krankheit wer­den herrschen. Betet für (Euer Seelenheil, dann werdet Ihr mit Gottes Gnade gereitet werden."

Wer hatte klarer gesehen, er oder seine Mör­der? Weder Jussupow noch Dimilri Pawlowitsch sollten aber die Strafe für ihr Verbrechen finden.

Aach einer heftigen Szene, die ihm Großfürst Alexander Michailowitsch gemacht hatte, be­schränkte sich der Kaiser darauf, gegen die beiden Verbannungsmaßnahmen zu verhän­gen. Diese Strafe, die wir für ungenügend hielten, erschien der kaiserlichen Familie ganz ungeheuer­lich, und sie protestierte in einem Kollek­tivschreiben dagegen. Statt jeder Antwort schrieb aber der Zar eigenhändig auf den Rand des Briefes die einfachen Worte:Niemand hat das Recht, zu töten."

Duralumin.

Heber 50000 kg schwer und dochleichter als die Luft":

Das neue LuftschiffGraf Zeppelin", Deutsch­lands Stolz, wiegt mit Last über 50 Ton­nen. Anglaubhaft groß mag den Laien eine solche Zahl zunächst dünken, und doch erscheint sie gering, wenn man sich die Ausmaße dieses Riesenschiffes in seiner Länge von 1/i Kilometer vor Augen hält.

Es bedurfte natürlich eines ungewöhnlich leich­ten und zugleich leistungsfähigen Baustoffes, um dem Schiff solch gewalttge Maße geben zu können, ohne ihm feine Selbsttragfähigleit zu rauben, wobei noch besonders darauf Rücksicht zu nehmen war, daß diesem Verkehrsmittel als wertvollste Last doch dauernd zahlreiche Menschen­leben anvertraut werden sollten.Leicht und doch stark!" war somit die gegebene Parole für den Baustoff. Eisen bzw. Stahl erwies sich für die Erfordernisse des Lufttchisfgerippes als zu schwer, das leichteste zur Verfügung stehende Material, Aluminium, hingegen als zu schwach. So gingen beispielsweise die ersten, noch aus Aluminium hergestellten Luftschiffe zum Teil schon sehr bald an der geringen Festigkeit zu Bruch. Das Baust offpr ob lern fand erst seine Lösung, als man sich endgültig für ein Konstvuktions- material entschied, das erst seit wenigen Jahren am Markte war, dasDuralumin". Dieses neue Leichtmetall, in der Hauptsache aus Alu­minium bestehend und durch gewisse Legierungs­zusätze und eine eigenartige Wärmebehandlung nach einem patentierten Verfahren veredelt, ist eine deutsche Erfindung und wird lau­fend in Düren im Rheinland hergestellt. Seine Festigkeit entspricht etwa derjenigen des Eisens bzw. eines guten Flußstahls, während sein Ge­wicht nur ungefähr ein Drittel desselben be­trägt. Dieses Material machte die deutsche Ma­rinebehörde Anfang 1914, also bereits vor dem Kriege, als Dcrustoff für die Luftschiffe zur Vor­schrift, und aus ihm wurde daraufhin durch den Grafen Zeppelin sein 26. Luftschiff erbaut, wie denn auch die etwa 100 im Laufe der nachfolgen­den Jahre konstruierten Luftschiffe ausschließlich aus Duralumin erbaut wurden. Gestützt auf die praktische Bewährung des neuen Baustoffes, konnte man nach uno nach in den Ausmaßen der Schiffe immer weiter ausgreifen, derart, daß der soeben vollendeteGraf Zeppelin" (L. Z. 127) nunmehr 105 000 Kubikmeter faßt. Er ist mit­hin 5- bis lOmalx so groß wie die in den Jahren 1901 bis 1914, d. h. vor der Verwen­dung von Duralumin erbauten Luftschiffe, die, anfangend mit einer Fassung von 11 300 Kubik­meter beim erstenZeppelin", in jener ganzen Zeitspanne das Fassungsvermögen allmählich nur ungefähr verdoppeln konnten. Gegenüber seinem jüngsten Bruder, dem vor vier Jahren heraus­gebrachtenZ. R. III. (L. Z. 126) mit 70 000 Kubik­meter Fassung, ist derGraf Zeppelin" um ge­nau die Hälfte gewachsen, und es ist besonders erfreulich, daß wir dieses bisher größte Luftschiff im Gegensatz zu einem an Amerika ab» gelieferten Vorgänger a ls Eigentum be -

Als Brodersen allein war, wandte er sich plötzlich dem Fenster zu, öffnete es und holte aus feiner Westentasche ein Silberstück hervor. Er wartete, bis draußen die Tür des Vorgartens klirrte, dann rief er, das Geldstück hinunterwerfend:Fräulein, Ihr Frühstück!"

Die Münze blitzte im Sonnenschein auf und fiel in einen Syringenstrauch. Das Fräulein lief davon, als würde nach ihr geschossen.

Als Inge zurückkam, ging Brodersen ihr mit geöffneten Armen entgegen. ,Ich habe dich ver­mißt, Inge."

Es war allerlei zu tun, Vater."

Ja, aber du weißt doch, daß ich dich am lieb­sten in jeder Minute um mich habe. Du bist ja schon an meinen Egoismus gewohnt, wie?"

Sie streichelte feine Rechte.Setz' dich. Das Dik­tieren wird dich wieder angestrengt haben. Soll ich dir nicht etwas bringen?"

Er nahm wieder im Sessel Platz.Du sollst mir nichts bringen als deine Iuaend."

Inge schob einen Hocker näher und setzte sich zu seinen Füßen.Du hast mich ja immer, Vater."

Ja, ich habe dich ... dich. Aber wie lange noch?"

Sie erschrak.Fühlst du dich nicht wohl, Vater?"

So meinte ich es nicht, Kind. Ich habe eine Bärengesundheit und bin noch auf ein paar Jahr­zehnte abonniert." Er legte beide Arme um sie. Meinst du nicht, daß ich dich noch immer mit meinen Armen zerdrücken könnte?"

Ja, aber du tust es nicht", sagte sie lächelnd.

Nein, ich tue es nicht. Ich schütze dich. Ich hüte dich. Aber für wen, Inge? Für wen?" Sein Kopf neigte sich, als wolle er ihre verborgenen Gedanken lesen.Für wen?"

Für dich, Vater."

Er wiegte den Kops.Deine Stimme zittert, Kind. Du täuschest mich nicht. Es ist ein neuer Klang in deiner Stimme."

Du irrst, Vater."

Du verbirgst mir etwas", sagte er argwöhnisch.

Sie erhob sich und ging langsam von ihm fort. Was sollte ich dir wohl verbergen?"

Er nickte.So hast du immer gesprochen. Und immer ist es wahr gewesen. Bis heute."

Sie überhörte den Doppelsinn seiner Worte. In ihre Stimme kam eine fliegende Angst, als sie

fragte:Was ist mit Blinfky? Du verbirgst mir wichtige Dinge, Vater."

Was soll mit ihm fein?"

Er arbeitet nicht mir dir. Er ist fast Tag und Nacht unterwegs. Wenn man ihn fragt, weicht er aus. Und was für verdächtige Menschen besuchen ihn!"

Verdächtige?" Der Blinde lachte lautlos vor sich hin.Wer ist heutzutage nicht verdächtig?"

Du zum Beispiel nicht. Und ich."

Don dir ist hier nicht die Rede. Aber ich dürfte wohl manchem verdächtig fein. Nun, um Blinfky kümmere dich nicht. Laß ihn feiner Wege gehen. Er weiß schon, was er will/

Inge nahm alle Kräfte zusammen.Ich fürchte, er weiß es nur zu gut."

Der Blinde fuhr auf.Wenn er es wagen sollte, seine Domestikenaugen zu dir zu erheben, wenn er es wagen sollte .. .1"

Sei ruhig, Vater. Ich wehre mich schon selber. Er hat es nicht getan. Noch hat er es nicht getan. Aber wer weiß, was er nicht alles auf dein Ver­trauen aufbaut."

Du meinst, auch mein Vertrauen fei blind, wie?"

In Inges Augen traten Tränen.Quäle dich doch nicht selber, Vater!"

Er soll dich nicht haben. Niemand soll dich haben. Ich will nicht, daß dich einer liebt." Seine Stimme war wie Erz.

Wer redet denn davon?"

Alles redet davon. Alle Wände reden es. Jede Stunde, wenn ich allein bin, höre ich es. Jeder neue Frühling brennt es in mich ein." Seine Stimme wandelte sich jäh zu einer erkünstelten Gleichgültigkeit.Ich hatte vorhin Besuch. Vor einer Stunde."

Ich weiß: Herr Grotteck. Du hast mich nicht rufen lassen. Und du weißt ja, daß ich ohne dein Zeichen nicht komme."

Cs war nicht nötig, um so mehr, als ich ihn prüfen wollte."

Inge flog herum.Prüfen?"

Ja, ich prüfte ihn. Ich zeigte ihm die Schön­heit unsrer Aussicht. Wie ich das so mache. Und bann ..."

Und bann?"

5 alten können. Der große Fortschritt in dem Ausmaß dieses Schiffes ist zu einem wesentlichen Teile wohl auch einer weiteren Vervollkommnung des Konstruktionsmaterials zu verdanken, in­dem es im vorigen Jahre gelungen ist, die Festig­keit des Duraluminiums noch um etwa ein Fünf­tel zu steigern. Das eingebaute Duralumin dürfte ungefähr die Hälfte des Schiffsgewichtes aus­machen.

Die äußere Hülle der Zeppelinluftschiffe besteht übrigens nicht, wie vielfach infolge ihres Aussehens vermutet wird, aus Metall, sondern aus mit metallischer Farbe überzogenem Baum­wollstoff. Auch bei dem anderen Lustverkehrs­mittel, dem Flugzeug, hat das Leichtmetall Duralumin die beherrschende Stellung inne. Es ermöglichte auch dort, insbesondere dank der Pionierarbeit von Prof. Junkers, nicht nur die Schöpfung desGanzmetallflugzeuges'', sondern auch dessen Fortentwickelung zu immer größeren und stattlicheren Formen, sei es nun in den Junkers scheu Konstruktionen oder in den be­kannten Typen von Dornier, Rohrbach, Adet usw. Den Vorsprung, den Deutschland auf diesem Ge­biete errungen hat, durfte das Ausland Wohl so bald nicht einholen, trotzdem auch ihm der gleiche Baustoff (Duralumin wird z. B. auch von der bekannten Firma Vickers in England nach dem deutschen Patent hergestellt) zur Verfügung stehl- ___________________

SarMnoffenschast 1894 Gießen.

Die Baugenossenschaft 1 894 zu Gie­ßen hielt am Samstagabend im Kaufmännischen Dereinshaus ihre diesjährige Hauptver­sammlung ab. Der Besuch war ein guter.

Der 1. Vorsitzende, H. Fourier, begrüßte die Erschienenen im Namen des Vorstandes und des Aussichtsrats. Zum ersten Punkt der Tages­ordnung: Geschäftsbericht, führte der Vor­sitzende aus, daß die Arbeitslast des engeren Vorstandes auch im abgelaufenen- Geschäftsjahr erheblich angewachsen sei. Den im Vorjahr ge­faßten Beschluß der Hauptversammlung betr. Drucklegung des Geschäftsberichts habe der Vor­stand bis zur Hauptversammlung nicht entspre­chen können. Es sei jedoch die Herausgabe einer Broschüre, die alle seit Bestehen der Genossen­schaft und von ihren beiden Vorläufern, der Bau­genossenschaft des Evangelischen Arbeitervereins und der Gemeinnützigen Baugenossenschaft von 1912, geleistete Arbeit den Mitgliedern in vollem ümfartg zur Kenntnis bringen werde, noch im laufenden Jahre in 2lussicht genommen. Als besonders schwierig schilderte der Vorsitzende die Suche nach geeignetem Baugelände und die Be­schaffung des zum Dau von billigen Wohnungen benötigten Kapitals. Die außer den Zuschüssen der Stadt Gießen beschafften Daugelder erfor­derten eine hohe Verzinsung: das sei vor allem der Grund, warum die Mietpreise der neu­erstellten Wohnungen leider höher würden, als es vom Vorstand selbst und den Mitgliedern ge­wünscht werde. Die bestehenden ungünstigen Ver­hältnisse beeinflußten die gemeinnützige Woh­nungsbeschaffung ganz erheblich. Trotzdem seien im Jahre 1928 wiederum 15 Wohnungen in der Liebigstraße in Angriff genommen worden, die Anfang 1929 beziehbar sein würden. Der Vor­stand hoffe, daß die Stadtverwaltung der Bau­genossenschaft gegenüber, wie seither, auch in Zukunft größtes Entgegenkommen zeigen werde.

Den Bericht über die Jahresrechnung gab der Rechner H. Wolfer. Die gedruckt vorliegende Bilanz weist folgende Summen aus: Aktiva: Vor 1918 erbaute Häuser 52 992 Goldmark, nach 1918 erbaute Häuser 1 151837,71 Goldmark (zusammen 1 204 829,71 Goldmark), Hypothekenkonto 3960 und Kassakonto 361,04, zusammen 1 209 150,75 Gold-

Dann bot ich ihm Geld an, wie allen andern. Viel Geld."

Vater wie konntest du?"

Warum nicht? Weil sie ihn Baron nennen? Weil er diesen hochmütigen, sichern Ton in der Stimme hat? So, als klirrte ein Kavaliersdegen von einst an seiner Seite?"

Inge kam Schritt für Schritt näher. Ihr Körper flatterte vor Erregung.Weiter!" Mehr wagte sie nicht zu sprechen. Sie fürchtete, sonst aufschreien zu müssen.

Haben nicht alle Geld von mir genommen? Ob sie es nötig hatten oder nicht? Oh, Brodersen ließ sich niemals lumpen, wenn es ihm darauf an­kam. Ich habe alle abgekauft, die ich kaufen wollte. Alle. Die Infekten, die in das Licht deiner Schön­heit flogen, find am Licht meines Reichtums elend verbrannt. Alle."

Und er, Vater? Und er?" Sie stand nun neben ihm. Ihre Hand schüttelte feine Schulter. In fie­bernder Spannung beugte sie sich über ihn. Und er?"

Der Blinde hob seinen Kopf. Scharfe Fallen schnitten in die Mundwinkel.Glaubst du, er wäre her einzige, der nichts von mir nahm?"

Ja, Vater, das glaube ich."

Brodersen ließ den Kopf sinken. Er hatte genug aus dem Klang ihrer Stimme gehört.Tröste dich. Ich erlitt eine Niederlage. Du hast recht."

Er nahm es nicht?"

Nein, es fehlte wohl nicht Diel, daß er mich gefordert hätte."

Inge fiel vor ihm auf die Knie. Ihre Hand griff nach der seinen.Sag' mir, daß du ihn nicht ge­prüft hast, wie du es nennst. Sag' mir, daß du ihm das erspart hast, ihm und dir!"

Und dir, meinst du doch, nicht wahr?"

Antworte mir doch, Vater!"

Der Blinde umkrampfte beide Lehnen des Ses­sels.Ich mußte es tun."

-Nein, du mußtest es nicht. Es war nicht nötig, ihn zu demütigen."

Nun, er hat die Probe ja bestanden."

Inge stand auf. ,Lch muß jetzt gehen."

Was willst du?"

Ich muß ihm schreiben. Ich muß ihn in deinem Namen um Entschuldigung bitten, daß du ihn be­leidigtest."

(Fortsetzung folgt)