IM4 Zweiter Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen) Dienstag, 2\. Hebruar 1928
Die Türkei im Weltkriege.
Marschall Lzzet Paschas Enthüllungen zur Kriegsschuldfrage.
Man nennt die Literatur über die Vorgänge, die zum Weltkrieg geführt haben, überreich. Kein Zwenel, sie ist so umfangreich, dah sie kaum mehr von dem eifrigsten Forscher überschaut werden rann. Wenn man aber unter „überreich" verstanden wissen will, das; alles Wesentliche bereits zutage gefördert worden sei, dann wird, man die Weltkriegs.itcratur noch immer nicht überreich nennen dürfen. Die beiden Mittel- mächte hoben wohl das wertvollste, weil vielseitigste Material geliefert. Die Staatsmänner und Feldherrn der Vorkriegszeit, nicht minder ober ihre Widersacher in den eigenen Ländern haben zur Feder gegriffen und eine Darstellung der Vorgeschichte, des Verlaufes und des Ausgangs des Weltkrieges aus einander widerstrei- lenden Gesich spunk en geliefert. In England und Frankreich sind vorwiegend die „Akteure" in dem großen Drama zu Worte gekommen. In Italien hat der Faszismus den erstell Ansatz zu Enthüllungen erstickt. In den Vereinigten Staaten ist die „persönliche Darstellung" der „Verantwortlich n" gar bald von einer wissenschaftlichen Betrachtung der Hrsachen und Wirkungen durch den Ereignissen ferner- stehcilde Männer abgelöst worden. Manche kleinere Kriegführenden haben über die welterschüt- ternden Vorgänge so gut wie gar nichts (Portugal) oder nur wenig gesagt (Belgien) oder aus guten Gründen nichts sagen wollen (Serbien). Roch zwei Staaten, und zwar solche, die ungemein wertvolle Beiträge zur Kriegs- schuldsrage liefern könnten, sind im Rückstand geblieben: Bulgarien und die Türkei. Die einschlägige bulgarische Literatur verzeichnet die Erinnerungen Radoslawows, die türkische Literatur die Denkwürdigkeiten D s ch e m a l Paschas als wertvollste, aber ziemlich vereinzelte Veröffentlichungen.
Die türkische Literatur ist nun vor wenigen Tagen um die aus der türkischen Handschrift übersetzten, also zuerst in deutscher Ausgabe bei St F. Koehler in Berlin erscheinenden Denkwürdigkeiten des Marschalls Izzet Pascha (26) — ehedem Chef des Generalstabs, Kriegsminister, Oberbefehlshaber, Grohwcsir Außenminister, Innenminister und gelegentlich auch albanischer Thronprätendent — bereichert worden. Dieser abgeklärte Mann hat zur Feder gegriffen, um den Hebergang von einer autokratisch regierten Türkei (Zeitalter Abdul Hamids) über einen oligarchisch beherrschten Staat (Aera der Jung türken) zu einem modernen Staatswesen (Türkei Kemal Paschas) auszuzeigen, zu erklären und zu rechtfertigen. Die eigenen Erinnerungen unterstützen eine kritische Betrachtung der Ereignisse, die sich während seines bewegten liebens, vor seinen Augen, oft unter feiner Einwirkung abspielten.
Fällt denn — so lassen uns die Zeitungsnachrichten aus Angora oftmals fragen — das moderne Türkentum vom Himmel, etwa gar vom Himmel Moskaus mit seiner blutigen Morgenröte; scheint nicht dec Modernismus im türkischen Volkskörper eine Art chemisches Elixier zu sein, Dessen Infusion vielleicht mehr schadet als nützt, das dank der bohrenden Tiefe der Einspritzung zwar Zuckungen auslöst, aber keine Zuckungen, die einer wirklichen Gesundheitskrise eigen sind? Izzet Pofcha, ein Repräsentant des albanischen Hcchadels, dessen Anstieg und gelegentlicher Sturz in die hamidische Aera fällt, gibt uns die Antwort. Was schwingt nicht alles in Haupt und Herzen dieses Mannes! Prachtvolles Empfinden für Würde von Amt und Person - charakteristisch für die Zeit patriarchalischer Staatsfügung, deren letzte Reste heute, zum Schmerz vieler Deutscher uni) der Romantiker der ganzen Welt, in der Türkei wie anderwärts zu Grabe getragen werden! Dazu echter Diplomatengeist, hohe ethische Cmpsindungsweise und eine tiefe Vaterlandsliebe! Sind dieser Mann, den wir m t vollem Rechte, aber mehr im geschichtlichen als im politischen Sinne einen Alttürken nennen
dürfen, zollt einer Entwicklung Beifall, die in der Geschichte der Völker nur ein Beispiel — Japan — kennt! Einer Entwicklung, die nicht organisch,' evolutionär, aus dem Gewesenen und Gewordenen formend ist, sondern revolutionär die ureigenste und — eigentümlichste Vergangenheit preisgibt und mit einem Ruck zum Rachahmer abend.ändischer Lebens- und Denkensformen wird.
Hm das zu können, must man viel und tief über sich und die Seinen nachgedacht haben. Kemal Pascha hat es getan, Izett Pascha tat das gleiche. Dieses Rachdenken führte sie dazu, einen Strich unter die Vergangenheit zu machen, für die Gegenwart und die Zukunft eine neue Seite im Lebensbuche des Volkes und Staates zu eröffnen. Welche Erkenntnisse ihnen aus einer kritischen Betrachtung der Vergangenheit geworden sind?.. Hns interessiert — wen wollte es Wunder nehmen? — hauptsächlich, zu welchem Urteil sie über öie Teilnahme der Türkei am Kriege und über die Verantwortlichkeit am We tiriege gelangt sind.
Das Urteil Izzet Paschas ist in diesen Belangen (man merkt es auf jeder Seite) ein durchaus selbständiges und deshalb eigenartiges. — Izzet Pascha hat glückliche militärische Lehrjahre in Deutschland verlebt, ist in Albanien auf Oesterreich gestoßen, hat mit T a I a a t der besonderen Bot;chaft angehört, die, vom Sultan knapp vor dem Kriege nach der Krim entsandt, S a s o n o s f durch den Mund Talaats c i N Bündnis anbot, hat in vergangenen Zeiten für England geschwärmt. Man verzeichnet mit Befriedigung den Kampf Izzets gegen seine natürlichen Voreingenommenheiten, sein Streben nach unparteiischer Gerechtigkeit. —
Dieser Türke nun ist zu dem Schlüsse gelangt, daß die Entente den Krieg gewollt, Oesterreich die Gelegenheit hierzu geschaffen hat. Die politi chen Morde, hinter Denen Rußland in den letzten Jahrzehnten stand, seine Rüstungen, die Handlungen, Hinterlassungen und Reden seiner verantwortlichen Staatsmänner in der Vorkriegszeit stützen jene Annahme bis zur Beweiskraft. „Die einzige Großmacht, der es ernstlich daraus ankam, den Krieg zu vermeiden, ist nach meiner Ansicht Deutschlan d." Cs hat viele günstige Kriegsanlässe vorübergehen lassen, sogar die beste Gelegenheit nach Rußlands Riederlage gegen Japan. Es hat vor dem Attentat von Sarajewo eine Verständigung sowohl mit Frankreich als auch mit England ongestrebt.
Den Eintritt seines eigenen Vaterlandes in den Krieg sieht er als schweren politischen Feh - l c r an. Interessant sind da des Marschalls Enthüllungen über die Vorgänge, die sich in Konstantinopel an den das Schicksal der Türkei bestimmenden Tagen abgespielt haben. Am 2. Aug. wurde das Bündnis zwischen Deutschland und der Türkei geschlossen. Das Abkommen sah vor, daß weder Deutschland noch die Türkei einzugreifen hätten, solange der Krieg auf Oesterreich und Serbien beschränkt bliebe. Wenn aber Rußland den Kampf aufnähme, dann waren beide Teile gehalten, in die Vertragspflicht einzutreten. CBon dem bewaffneten Eingreifen Rußlands wurde, wie man bemerkt, als von einem erwarteten Ereignis gesprochen. Am 2. August war es aber bereits Tatsache geworden. Diese „geschichtliche Untreue" im Vertragstext läßt sich damit erklären, daß das Dokument schon einige Tage früher entworfen worden, aber gewissen Wider st änden begegnet ist. Diese Widerstände erklären auch, warum die Türkei vorerst eigentlich „vertragsuntreu" wurde. Sie trat nach dem Losschlagen Rußlands gegen Oesterreich und Deutschland nicht sofort in den Krieg ein. Drei gewichtige Personen waren gegen den Krieg: Said H a l i m, Grohwesier und zugleich Außenminister, T a l a a t Pascha, der Innenminister, und Izzet Pascha, der Marschall. Den Krieg
überstürzten Enver und D s ch e m a l Pascha. Es würbe hier zu weit führen, den von Izzet interessant dargestellten Kampf der beiden Parteien zu schildern. Die Friedenspartei wurde nicht in regelrechtem Ministerrate, sondern anders besiegt. Das Losschlagen der „Soeben“ und „Vres 1 au" im Schwarzen Meere, für das Enver und Dschemal die Verantwortung tragen, und der Wunsch Rußlands, die Türkei in den Krieg zu verwickeln, entschieden die Frage.
Das Auslaufen der Flotte ins Schwarze Meer ist seinerzeit gegenüber den gemäßigten Mitgliedern des Kabinetts mit „harter Rotwendigkeit" begründet worden: „'Shirtf) die Dardanellen kann unsre Flotte nicht aus- lauten ... und das Marmarameer reicht nicht ans, weder für Hebungsfahrten und Gefechts- manöver, noch um die Iungrnann schäft an den Dienst auf hoher See zu gewöhnen." Wegen des Zwischenfalls, zu dem es im Zusammenhang mit diesen wiederholten Exkursionen ins Schwarze Meer gekommen ist — kommen mußte —, fand gerade bei der Zeremonie des Kürban-Bairam- Festes eine erregte Erörterung statt. Einige Minister mißbilligten den Vorfall ganz offen und wünschten noch immer, den Frieden zu erhalten. Andre schienen ebensowenig einverstanden zu fein, nahmen aber nicht so offen Stellung. Enver Pascha verschmähte es. zu den Einwendungen Stellung zu nehmen, aber fein Gesichtsausdruck und sein ironisches Lächeln ließen keinen Zweifel über das. was er dachte. Dschemal Pascha verhielt sich schweigend und nachdenklich. Rachdem indessen das Gerücht nicht verstummen wollte, er hätte den Kommandanten der Schiffe den versiegelten Befehl mitgegeben, wortwörtlich alle Weisungen des Admirals Souchon auszuführen, muß man (besonders auch nach seinen Bekenntnissen in den „Denkwürdigkeiten") glauben, daß ereingeweiht war! Eingewecht in das, was Enver wollte ...
Rach dem Zwischenfall schnitt jedenfalls die Entente der Friedenspartei die Möglichkeit ab, die Türkei aus dem Krieg herauszuhalten. Die Gegner stellten Forderungen, die die Pforte ohne Preisgabe der Ehre und der Sicherheit des Reiches nicht erfüllen konnte. (NB.: Rußland hätte auch wegen der Meerengen den Krieg angezettelt! Said Halim und seine Gesinnungsgenossen hätten also der Türkei aus die Dauer — auch ohne die Aktion im Schwarzen Meere — den Frieden nicht erhalten können.)
Izzet Pascha sucht aTo die Schuldigen an dem Hnglück, das der Weltkrieg für die Türkei bedeutete, in den eigenen Reihen. Es gibt natürlich auch in der Türkei Leute, die Deutschland anl'lagen. An ihre. Adresse richtet Izzet Pascha die noble und wahre Lehre: „Wenn ein Minister Vaterland und Volk in Gefahr sieht, bann kann er unmöglich auf fremde Hnter- stützung verzichten. Rur dann verdient ein Staatsmann Vorwürfe, wenn er die beim Abschluß eines solchen Bündnisses gegebenen Versprechen nicht hält. Hat man aber jemals etwas davon gehört, daß die Deutschen ihr uns gegebenes Wort nicht eingelöst hätten ..
K. v.W.
Wrrffchastsvschandlungen mit Rußland.
Die russische Delegation für die neuen Verhandlungen über die wirksamere Gestaltung des Wirtschaftsabkommens vom 12. Oktober 1925 ist in Berlin cingetro'fen und hat ihre Besprechun- gen mit der deutschen Delegation begonnen. Beide Selegaticnen bestehen aus je sechs bis acht Herren, auf russischer Seite geführt von Schleifer, auf deutscher von Ministerialdirektor Wall- rot h; die russische Botschaft in Berlin ist durch den ersten Botschaftsrat Bratman-Bro- dowski und mehre.e Wirtschaftssachverständige beteiligt, das Reichswirtschaftsministerium durch Ministerialdirektor Posse. Weiter sind, wie angegeben wird, zufällig von der russischen Staatsbank die Direktoren Scheimann und R u d s u t a k gleichzeitig in Berlin anwesend.
Es handelt sich also um recht groß angelegte Besprechungen, deren Ausnahme in Rußland zu-
Herr Mips setzt sich durch.
Von Fritz Müller Partenkirchen.
Ein wenig ratlos stand Herr Wipf vor diesem Riesenhaus mit den zehn Aufzügen und den tauend Bureaus. „Drandversicherung', stammelte er eine goldbelitzte Mühe an, „Schadensfall im Dachstuhl — wohin — ?"
„Dritter Aufzug — fünfter Stock — Zunmer 545.“
Herr Wipf wird Don einem zweiten Goldbe- lihten in den Aufzug gelotst, verpackt hinaufgeschnellt und ausgestoßen. Er steht allem auf weitem Flur. Ricmand, öen man fragen konnte. Halt, Gelärm? Aha, Studenten. Roch vom Fastnachtsdienstag gestern angeheitert, hercrnvcrmrt ins Hous der tausend Bureaus, untergefafjt, Lieder singend. _
„Meine Herren, Drandversicherung, Schadensfall, wohin —" .
„Wolin mer emol — wolln mer emol , stru- delt's vorbei. . .
Herr Wipt seufzt. Herr Wipf irrt einen Seitengang entlang. Da hängt ein Karton. Auf dem Karton ist eine Hand: Brandversicherung. Herr Wipf geht der Hand nach. Zimmer 554, Visitenkarte: Schadensfälle: Assessor Kom. Herr Wipf strahlt: „Man mutz sich durchzusetzen wissen." m ,
Er klopft, tritt ein, nennt Ramen, Wohnung. .Es ist wegen des Hauses. Herr Assessor —"
Es raschelt eine Kartothek: „Zunächst, wie schätzen Sie den Wert des ganzen Hauses?"
.Ganzen Hauses? Aha, verstehe, danach im Verhältnis soll der Dachstuhl — hm das ganze Haus — unter Brüdern, Herr Assessor —
„Mindestens siebzig —“
Ein Bleistift ist gezückt.
„Wollte sagen achtzig — also um es kurz zu TTlGCf)dT ” r
„Reunzigtausend Mark, nicht wahr? murmelt s überm Bleistift, bet was durchstreicht.
Einen kühnen Anlauf nimmt Herr Wipf. »Hunderttausend, wenn es geht —“ .
„Es geht," notiert der Bleistift, und ich danke ^s lächelt hinterm Kartothekkasten, auf dein man seitlich einen Teil der Aufschrift lesen kann:
Vermögens-. Dahinter liegt ein Schatten. Mag er liegen, dentt Herr Wipf. ich habe meine Sache durchgeseht. „Meine Angelegenheit wird also reguliert in diesem Sinne. Herr Assessor?" „Aus der Basis hunderttausend, Sie können sich verlassen, „laut Selbstangabe" kann ich doch vermerken ?"
„Sie können." sagt Herr Wipf mit Würde und empfiehlt sich.
Draußen an der Treppe steht er, eine andere Tafel sieht er aufgehängt mit einer Hand, die weist: Grund- und Gebäudesteuer.
Herr Wipf hat eine Idee. Herr Wipf geht der Hand und der Idee nach. Aha, Zimmer 545. Visitenkarte: Haussteucrn: Assessor Frank.
Herr Wipf klopft, tritt ein, nennt Ramen, Wohnung. „Es ist wegen —"
Der andere hat die Karte schon vor sich: „Ihr Haus hat also einen ungefähren Wert von sechzig —"
„Aber Herr Assessor!" sagt Herr Wipf mit mildem Vorwurf.
„Hm wieviel also schätzen Sie es höher?
„Höher? Haha, guter Witz — niedriger, Herr Assessor, niedriger — ich bitte Sie, bei diesen Zeiten!"
Der Bleistift neigt sich beifällig: „Endlich mal ein Mann, der es genau nimmt —
„Das muß man heute, Herr Assessor."
„Ich notiere also: Doller Hauswert berichtigt auf fünfzigtausend?"
Einen kühnen Anlauf nimmt Herr Wipf. „Vierzigtausend, wenn es geht —"
„Cs geht. Wir werden danach diesen berechnen. „Laut Selbftangabe", kann ich doch vermerken?" .
„Sie können," sagt Herr Wipf mit Wurde und empfiehlt sich.
Draußen auf dem Gange reibt er sich die Hände: Zwei mit einem Schlag, ich habe heute einen guten Tag — „Ah, Freund Wimmer, auch zu tun hier oben?" begrüßt er einen Mann, der die Treppe heraufkommt.
„Ja, nichts Angenehmes, die Beamten springen hier mit einem um —“
„Ra, ich kann mich nicht beklagen, reibt Herr Wipf zum anbermal erfolgreich seine Hände.
Herr Wimmer schaut ihn giftig an und biegt nach links.
Herr Wipf sieht ihm überlegen- nach. „Auch einen Brandfall anzumelden, he?"
„Ach was: GebäudesteuerI" brummt Herr Wimmer.
„Die ist rechts."
„Links".
„Rechts, mein Lieber, ich komm' ja grade her davon und habe —"
Aus bcm Dunkel links taucht eine goldbelitzte Mühe auf. eine Visitenkarte in der Hand und im Mund ein Grollen: „Diese Malefizstudenten — vom Karneval noch nicht genug — jetzt gar am Aschermittwoch auch — eine Hnverschämt- heit. die Visitenkarten an den Türen auszutauschen —"
Er bleibt stehen und sieht wütend nach der Wand: „Ah, ah. ah. und auch hier haben sie die Tafeln umgetauscht, die Malefiz!"
Der Goldbelitzte schaut ihn psychologifch an: „Ja. ja, der Aschermittwoch seht sich durch — da hören die Dummheiten auf.“
MaSkenspäffe der Wirklichkeit.
So sehr wir die Maskenfreiheit bei Festen lieben, so bedenklich erscheint uns das Hebertragen einer Maske ins Leben. Das strenge Gesetz wittert da bald Betrug und Hochstapelei. Aber jugendlicher Hecermut führt immer wieder dazu, eine solche Verkleidung einmal in der Wirklichkeit zu probieren, und besonders der Bruder Studio neigt dazu, wie manche Maslen- spähe der Vergangenheit bezeugen. Ein_ Oxforder Student hat sich jetzt eine solche Komödie geleistet, die in London großes Aus »en erreg te. An verschiedenen ö'se.ttlichen Orten zeigte sich ein ausfällig gekleideter, exotisch aussehendes Paar, das sich als den Mcriaradichah und die Maharanee von Ardwan bezeichnet. Der Maha- radschah trug ein scharlachrotes Seidengewand, über und über mit Perlen be'etzt, und auf dem Kopf einen leuchtend grünen Turbans feine Gemahlin, die durch ihre besondere Schönheit auf« fiel, war mit mächtigen Perlen e ton behangen, deren einzelne Perlen „groß wie Mottenkugeln" waren. Das Paar wurde überall mit der größten Auszeichnung begrüßt; die Menge jubelte ihnen
nächst einigen Widerständen begegnete, vermutlich in erster Linie aus Besorgnis um die gleichzeitig schwebenden Verhandlungen mit Frankreich und Polen. Aber man hat diese Bedenken überwunden, indem man einen besonderen Plan aufftcllle, der jetzt nach Berlin mitgebracht wurde. He.er diesen Plan verlautet bisher, daß er im wesentlichen auf die Festlegung einer gewissen Anteilsquote fürDeutsch- lanö~an der russischen Gesamteinfuhr hinauslaufe. Denn die deutschen Beschwerden beruhen daraus, daß die Gewährung des 300-Millionen-Kredits von 1926 nicht, wie erwartet wurde, zusätzliche russische Käufe erbracht habe, sondern umgekehrt, Rußland veranlaßt habe, nur die auf Kredit erhältlichen Waren in Deutschland zu lausen und solche, die bar bezahlt werden muhten, haupt- fäch.ich in anderen Ländern. Heber diese Quoten°2dee, die übrigens schon 1925 bei den Verhandlungen eine Rolle spielte, damals aber nicht durchgesührt werden konnte, scheinen die Russen nun neuerdings eine zweite feste Relation anbiefen zu wollen, und zwar zwischen den Käufen auf Kredit und denjenigen gegen Barzahlung. Obwohl das einerseits natürlich eine größere Sicherheit für eine verstärkte deutsche Aus,uhr nach Rußland bieten würde, sieht man bei diesen: Gedankengang deutlich den Pferdefuß: das russische Streben nach Erlangung neuer Kredite, obwohl die alten sich als Mittel zur Förderung der russischen Bezüge aus Deutschland nicht eben bewährt haben und die Reigung zu solcher . Kreditgewährung demgemäß nur sehr gering ist.
Es wird also Gegenstand der Verhandlungen sein, über diese Kappen Hinwegzukommen, wobei man auf deutscher Seite zunächst von der berechtigten Forderung ausgeht, daß die russischen Bezüge ohne neue deutsche Leistungen erst einmal in eine angemessene Beziehung zu den bereits gewährten Krediten und — was bei dem russischen Gedankengang anscheinend überhaupt nicht berücksichtigt ist — zu der gestiegenen Einfuhr Deutschlands aus Rußland gesetzt werden. Derartige Vereinbarungen sind bei internationalen Wirtscha.tsablommen sonst nicht üblich; man überläßt es vielmehr der durch die Vereinbarungen angeregten und begünstigten beiderseitigen Wirtschasts-Initia.ive, den gerechten Ausgleich zwischen Ein- und Ausfuhr herbeizusühren. Im russischen Falle jedoch, wo der ganze Außenhandel nicht nur staatlich kontrolliert, sondern im wesentlichen auch vom Staat selbst betrieben wird, ist der wirtschaftliche Rutznießer des Abkommens mit dem Vertragsgegner Deutschlaichs identisch, und es ist deshalb möglich, konkrete Abmachungen über die unmittelbare Gutereinfuhr mit ihm selbst zu treffen.
Außer dieser Hmsatzfrage stehen aber noch eine Reihe von Rechtsfragen zur Erörterung, in denen besonders die Rotwendigkeit einer russischen Staatsgarantie für die Geschäfte mit den formell privaten Gegenkonlra- henten der deutschen Lieferanten als deutsche Forderung aufgestellt werden dürfte. Denn der Rechtsschutz für das in Rußland in Kreditform oder sonstwie investierte Kapital hat sich bisher als unzulänglich erwiesen. Die Verhandlungen dürsten längere Zeit in Anspruch nehmen.
Oer Lubiläurnsfastnachtzug in Mainz.
WSN. Mainz, 20. Febr. Schon in den Morgenstunden drängte sich in den festlich geflaggten Straßen von Mainz eine unübersehbare, erwartungsvolle Volksmenge. In den Mittagsstunden konnte man die Straßen, durch die der Zug seinen WeH nehmen sollte, nur noch mit größter Mühe passieren. Gegen 1.30 Uhr begann der Zug durch das närrische Mainz. Eine ungeheure Menge von Darstellungen, darunter auch Frankfurt mit seinem Eingemeindungshunger und Darmstadt mit der großen Woog, zogen vorüber. Die Ereignisse des Jahres mußten sich eine närrische Kritik gefallen lassen. Eine Schwebebahn zeigte, wie man die Besucher von Mainz am schnellsten vom Hauptbahnhof zu den Rheinschifsen befördern kann, damit sie in Mainz keine unnötige Zeit verloren. Mainz und Rüsselsheim als „Kurstädte", letzteres mit He-
zu, und bei einem Besuch des Zoos wurden sie von dem Direktor empfangen. Der Maharadschas setzte die Wärter dadurch in Verlegenheit, daß er fragte: „Bitte, zeigen Sie mir doch den Tiger, der von meinem Vater geschenkt worden ist." Der Spaziergang der exotischen Fürstlichkeiten endete in einem eleganten Restaurant, und hier wurde ein Kellner aufmerksam, als sich die Maharanee die Rase wischte. Er bemerkte nämlich, daß dabei unter dem gelblichen Teint einige weiße Stellen sichtbar wurden. Er machte den Hoteldiener aufmerksam, ter bei näherer Betrachtung in dem Waharadschah einen Oxforder Studenten und in seiner Gattin die Tochter eines bekannten englischen Peers erkannte. Als er darauf den scheinbaren Inder ansprach, blieb dieser aber dabei, daß er mit seiner Frau auf einer Reise nach Paris begriffen sei, und er erzählte auch, der grüne Turban besage, dah er dreimal in Metta gewesen fei. Der verwirrte Direktor ließ sie ungehindert aus dem Restaurant herausgehen, und so gewannen die beiden eine Wette, die sie darüber eingegangen waren, dah sie sich einen Tag lang in ihrer Verkleidung öffentlich bewegen würden, ohne verhaftet zu werden. Der gewählte Rame Ardwan erinnert an das wirklich existierende Burdwan, so dah viele Leute glaubten, sie hätten diesen Ramen eines indischen Staates schon einmal gehört. Londoner Blätter erinnern an ähnliche Maskenspähe früherer Zeiten. So besuchte im Jahre 1910 ein Oxforder Student in der Verkleidung eines abessinischen Fürsten das damalige Flaggschiff der englischen Flotte, den „Dreadnought", und wurde auf Grund eines vorher abgeschickten gefälschten Telegramms mit allen Ehren empfangen. 2m Jahre 1920 erregte ein schöner junger Mann in orientalischer Kleidung in einer Loge des Lyric-Theaters großes Aufsehen. Er befand sich dort mit dem bekannten Diplomaten Wonckton Hvfse und wurde Seine Exzellenz der Artak von Bararaim aus Abessinien vorgestellt. In Wirklichkeit war er der Bruder der Frau Hoffe, der unerwartet erschienen war, als sie mit ihem Gat en ins Theater gehen wollte. Da er leine Abendtoilette hatte, steckte man ihn in das Maskenkostüm, aber am nächsten Tage enthüllte Hoffe den Scherz.


