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Ur. 18 Drittes Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Samstag, 21. Zanuar 1928

Kommunalpolitik und presse.

Früher wurde die Presse oft als siebente Großmacht bezeichnet. Heute ist sie nach der An­sicht vieler Zeitgenossen sogar die erste Groß­macht. Als unmittelbare Sachbeteiligte wollen wir hier zu dieser Rangfrage keine Stellung neh­men. Eines aber mochten wir als richtig heute einmal unterstreichen: daß die Presse, ob an erster oder an siebenter Stelle stehend, in der Tat ein Machtinstrument bei der öf­fentlichen Meinungsbildung ist. Sie beeinflußt und formt zum größten Teile das Urteil der Zeitgenossen, ja sie übt häufig genug ausschlag- g^beirden Einfutz aus die Entwicklung und Gestal­tung der Dinge aus. Das gilt natürlich nur von der ernsten Presse. Wie wichtig die Position dieser Presse ist, im Reich, in den Ländern oder in den Gemeinden, je nach ihrem Wirkungskreise, ist von Staatsmännern, Politikern, Kommunal­verwaltungen, Wirtschaftern usw. schon ost genug öffentlich gesagt worden. Es ist nicht etwa Ruhm­redigkeit oder überheblicher Sinn, wenn wir hier auf diese Bewertung der ernsten Presse Hin­weisen und damit bis zu einem gewissen Grade auch pro domo sprechen. Aber ein gewichtiges und sehr wahres Wort, gesprochen von einer Autorität der deutschen Kommunalpolitik, erin­nert doch an diese Einschätzung der Presse durch maßgebende Kreise unseres Volkes. Es war der Präsident des Deutschen Städtetages, Dr. M u - lert, der wie wir in unserer Mittwocbaus- gäbe berichteten vor dem Reichs verband der deutschen Presse gelegentlich eines Vortrages in Berlin überKommunalpolitik und Presse" er­klärte:Publizität ist das Lebens- element der deutschen Städte, die Atmosphäre, in der allein sie wirk­lich leben können." Ein solches Bekenntnis von der hervorragendsten Stelle der deutschen Städteorganisation verdient nicht nur ernste Be­achtung, sondern zwingt auch zu ganz bestimmten Schlußfolgerungen überall da, wo diese bis heute noch nicht gezogen sind. Das gilt in erster Linie für die Stadtverwaltungen, dann aber auch für die Presse als Wortführerin der Dürgergesamtheit selbst.

Zu den Gemeinwesen, die aus dem Mulertschen Gcdankengange:Publizität ist das Lebens­element der deutschen Städte" bis heute noch die erforderlichen Schlußfolgerungen zu ziehen haben, gehört auch unsere Stadt Gießen. Das KapitelKommunalpolitik und Presse" ist in unserem Gemeinwesen ein belang­reicher Teil der kommunalpolitischen Arbeit, der bisher noch am wenigsten zeitgemäß ausgestaltet ist, obwohl hierfür ganz im Gegensatz zu an­deren kommunalen Aufgabenbereichen keinerlei finanzielle Aufwendungen erforderlich sind. Da­mit soll nicht etwa gesagt sein, unseve Stadt­verwaltung stehe mit uns auf wenig gutem Fuße: im Gegenteil: wir freuen uns, bei dieser Gelegenheit auch einmal öffentlich mit voller An­erkennung für die Stadtverwaltung feststellen zu können, daß sie uns bisher immer beveitwilligst die Erfüllung unserer Aufgabe im Dienste der Oesfentlichkeit erleichtert hat, daß sie ebenso wie Wir aus ein vertrauensvolles Zusammenarbeiten zwischen Verwaltung und Presse zum Wohle unserer Stadt großes Gewicht legt. Wenn wir hier trotzdem -aussprechen, daß das Verhältnis zwischen der Verwaltung und der Pvesse in unserer Stadt noch wenig zeitgemäß ausgeftaltet ist, so meinen wir das vor allem in sachlich- technischem Sinne, daneben aber auch in gewisser persönlicher Hinsicht. Dis heute ist der Stand der Dinge in sachlich-technischer Be­ziehung so, daß die Presse häufig nur auf mehr oder minder großen Umwegen, zum Teil auch nur durch günstige Zufälligkeiten von den Plänen und dem Wirken der Stadtverwaltung Kunde erhält. Auf Anfrage bekommt man dann zwar Auskunft, aber die Lücken, die bei solcher Art Presse-Information über die kommunal- politischen Ges^ehnisse bestehen, werden bei die­sem Rachrichtenverkehr nicht beseitigt, denn es wird eben immer Dinge geben, deren Kenntnis für die Bürgerschaft von Wichtigkeit ist, die aber wie kleine Veilchen nicht aus ihrer Verborgenheit herauskommen, weil die Presse von ihnen nichts erfährt und infolge­dessen auch nicht danach fragen kann. And dabei ist es doch sicherlich nicht unwichtig, sondern geradezu dringend erforderlich, daß die Bürger­schaft weit mehr als bisher in stärkstem Maße in Zusammenhang gebracht wird mit dem Schaf­fen und Planen ihrer Geschäftsführung: der Verwaltung. Der Personenkreis der Stadtver- ordneten-Versammlung ist für diese Intensität der Mobilisierung aller geistigen Kräfte und des guten Willens der Bürgerfamilie durchaus nicht hinreichend groß: übrigens kann man es auch oft genug erleben, daß selbst Stadtverord­nete nicht genügend wissen, was vor sich geht und was geplant ist. Ein bemerkenswertes Zeug­nis über die mangelnde Verbundenheit zwischen Bürgerschaft und Derwaltungsarbeit erhielten wir erst wieder vor acht Tagen in einer Ver­sammlung der Seltersweger-Vereinigung. Hier­bei trat zutage, daß diese steuerlich doch sicher­lich nicht unwichtigen Mitbürger über kommunal­politisch wichtigste Dinge so gut wie gar nicht unterrichtet waren. Ein Vorwurf ob dieses man­gelnden Wissens kann natürlich nicht an die Adresse dieser Seltersweger gerichtet werden. Es fehlt eben in unserer Stadt bis­her noch an der dringend notwen­digen, grob angelegten kommunal- politische nAufklärungsarbeit durch die Verwaltung! Soll diese Tätigkeit frei von Zufällen und unter Vermeidung von Um» wegen, die auch nicht ganz risikolos sind, in gedeihlicher Weise für unser Gemeinwesen und zur Erleichterung der Arbeit der Stadtverwal­tung mit Hilfe der Presse ausgeübt werden, so ist zunächst zweierlei notwendig. Einmal die Schaffung einer städtischen Rach­ri ch t e n st e l l e, die ganz von sich aus, von Amts wegen und fortlaufend die Presse, das gegebene Bindeglied zwischen Verwaltung und Bürgerschaft, über alle wissenswerten Vor­gänge der Verwaltungsarbeit unterrichtet, damit auf diese Weise eine umfassendere Aufklärung der Bürgerschaft als bisher möglich wird. Für diese Stelle braucht nicht etwa ein neuer Personalapparat aufgezogen zu werden, sondern die Aufgabe könnte zu den ständigen Obliegenheiten einer leitenden Derwaltungsper- sönlichkeit mit gehören. Kosten würden hierdurch, abgesehen von den geringfügigen Aufwendungen

ür Schreibpapier, gar nicht entstehen. Zum andern wären regelmäßigePresse-Kon- erenzen mitderVerwaltung erforder­lich, in denen durch Fragen und Antworten wert­volle Arbeit zum Besten der Stadt geleistet werden könnte: auch vertrauliche Informationen wären hierbei den Pressevertretern in aller Offenheit zu geben, wodurch erreicht werden würde, daß etwaige Rachteile für die Stadt, die sehr leicht aus der in durchaus gutem Glauben vorgenommenen Veröffentlichung einer indirekten Information entstehen könnten, von vornherein verhütet wären. Derartige Ein­richtungen haben sich in vielen anderen Städten chon in bester Weise bewährt und dort in hohem Maße dazu beigetragen, daß die förderliche Anteilnahme der Bürgerschaft an der Arbeit der Stadtverwaltung weit lebhafter ist als bei uns. Wir sind gewiß, daß auch für unsere Stadt aus derartigen Reueinrichtungen gewichtige Vor­teile erwachsen werden. Wer hierin, lediglich eine unberufene Einmischung der Presse in den Dienstbetrieb der Verwaltung sieht, verkennt völlig die Aufgaben der Presse und das Recht der Bürgerschaft auf Publizität. Richt minder notwendig ist die Wiederherausgabe alljährlicher Verwaltungsberichte. Seit 1914 ermangelt unsere Gießener Kommunal­politik dieses außerordentlich wichtigen Rüst­zeugs, das durch seine vielseitigen Aufschlüsse über die Iahresarbeit und -Entwicklung der

Stadt sehr wichtige Archaltspunkte für die noch bevorstehende kommunale Wirtschaft bietet. Heute weih kein Mensch, abgesehen vielleicht von einigen wenigen Männern inmitten der Derwaltungs- leitung selbst, wie unsere kommunale Arbeit in den Iahren von 1914 eigentlich verlausen ist. An diesem Wissen ist aber die Bürgerschaft, wie wir schon ost hören konnten, sehr stark interessiert. Soviel zu der sachlich­technischen Seite dieser Betrachtung. Und nun noch ein kurzes Wort in persönlicher Hin­sicht. Von der Bürgerschaft würde cs sehr be­grüßt werden, wenn die leitenden Herren unserer Stadtverwaltung über wichtige kom- munalpolitische Dinge ihrer Dezernate nicht nur mehr oder weniger eingehend vom Magistratstisch aus zu den Stadtverordneten sprechen, sondern sich öfter in der Presse auch unmittelbar an die Gesamtheit der Bürgerschaft wenden würden. Derartige Veröffentlichungen von autoritativer Seite der Verwaltung, bisher nur allzu selten, wären selbstverständlich in keiner Weise eine Beeinträchtigung der Rechte des Stadtparlaments. In vielen anderen Städten hat diese Gepflogenheit der kommunalpolitischen Auf­klärung schon längst Platz gegriffen, und sie ist dort bisher auch nur zum Vorteil der Sache und der Verwaltungsarbeit gewesen. Weiter ist von der Bürgerschaft vermißt worden, daß die Stadtverordneten in Dürgerversammlun- gen ihre Auftraggeber, die Wähler, mit dem

kommunalen Geschehen bekannt machen. Man empsindet es als ungenügend, wenn die Beauf­tragten der Bürgerschaft es bestenfalls wenige Tage vor der Reuwahl für angezeigt halten, einige Reden vom Stapel zu lassen, die dann naturgemäß ganz unter dem Gesichtspunkt der Parteipolitik stehen. Für die Parteipolitik in der Kommunatarbeit hat man nämlich schon lange nichts mehr übrig, aber interessiert und dankbar ist man für rein sachliche Aufklärung, bei der die Parteijacke von dem Redner daheim gelassen wird.

Das Bedürfnis nach fortdauernd-er ob­jektiver kommunalpolitischer Auf­klärung ist in den breitesten Schichten unserer Bürgerschaft groß. Diesem Verlangen der Bür­ger sollte von allen berufenen Stellen weitgehend Rechnung getragen werden. Um hierbei die bis­herigen Lücken zu beseitigen, haben wir es als Pflicht angesehen, untere Gedanken über eine befriedigende Losung dieses Problems in breiter Oesfentlichkeit auszusprechen. Wer andere oder bessere Vorschläge zu machen hat, möge sich zum Wort melden. Entscheidend ist aber die Tat, die nach Mulerts Bekenntnis geleitet ist von dem großen und zutreffenden Gedanken: Publizität ist das Lebenselement der deutschen Städte, die Atmo­sphäre, in der allein sie wirklich leben können!

Berufswahl und Berufsberatung.

Von Bürgermeister Or. Zoh. $reh, Beigeordnetem der Stadt Gießen.

Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.

Die Ausweise der Arbeitsämter zeigen eine erschreckende Zunahme der Erwerbslosigkeit. Diele Hunderte neuer Anträge aus Arbeitslosenunter­stützung sind in den letzten Wochen beim Arbeits­amt Drehen eingelaufen. Wer nun einen Sohn oder eine Tochter hat, deren Schulentlas­sung bevorsteht, wird sich die Frage vorlegen, wie er den jungen Menschen am besten vor der Gefahr der Arbeitslosigkeit schützt. Denn Arbeitslosigkeit ist immer ein Un­glück. Da gibt es zwar die Arbeitslosenunter­stützung. Aber sie ist knapp bemessen. Wen die Familie nicht mehr burchhalten kann, für den bedeutet sie ein Darben. Auch ist sie auf ein halbes Iahr beschränkt. Die Hauptgefahr für jüngere Menschen liegt nicht in den geringen Be­zügen, sondern in der Untätigkeit selbst. Wer rastet, der rostet. Der zunächst erzwungene Mühigang zerstört bald mit der Gewöhnung an regelmäßige Arbeit auch die Arbeitslust und Arbeitsfreude. Rur zu oft ist längere Erwerbs­losigkeit in jungen Jahren der Anfang zum Ab- gleiten in jenes Lumpenproletariat, das der Spott aller Anständigen und der Schrecken der Wohlfahrtsämter ist. Es gibt nur ein Mittel, die Gefahr häufiger und langer Arbeitslosigkeit zu bannen: Etwas Ordentliches lernen! Viele Eltern lassen sich nun verlocken, den Schul­entlassenen nicht in eine richtige Lehre zu geben, weil er als ungelernter Arbeiter gleich schön ver­dient, während die Lehrjahre für einige Iahre Opfer der Eltern verlangen. Diese Verlockung ist ganz besonders groß, wenn eine augenblicklich» gute Beschäftigung der Industrie starke Rach­frage nach ungelernten Kräften entstehen läßt, wobei der frische und elastische Jugendliche be­sonders bevorzugt wird. Auch kommt nun dis Zeit, da die Jahrgänge die Schule verlassen, die im Kriege geboren sind. Der starke Ge­burtenausfall der Kriegsjahre wird sich in Kürze durch einen Mangel an jugendlichen Arbeits­kräften bemerkbar machen, so daß nach den wirt­schaftlichen Gesetzen vielleicht sogar besonders günstige Lohnbedingungen für diese jugendlichen Ungelernten geboten werden. Und doch ist diese Verlockung in hohem Maße trügerisch. Roch lange ist die Zeit häufiger und starker Schwan­kungen der Wirtschaftslage nicht vorbei. Bei jeder Verschlechterung der Konjunktur sind es zuerst die Ungelernten und bald a^ch die Angelernten, die entlassen werden. Seine gelernten Kräfte such' jeder Arbeitgeber selbst um den Preis vorübergehender Verluste bis zur nächsten Besserung der Lage zu halten. Die an­fängliche Besserstellung wird also erkauft durch die Gefahr häufiger und langer Crwerbslosig- fe;t. Und wie sieht es später aus? Mit fort- chreitendem Alter, in den Zeiten, da eine Familie gegründet und erhalten werden soll, steigt der Lohn des Ungelernten nicht wesentlich. Der Wert seiner Arbeitskraft beruht nicht auf Kennt­nissen und Fertigkeiten, sondern auf Frische, Schnelligkeit und Kraft. Diese Vorzüge aber nehmen mit vorgerückten Jahren ab. So wird der ältere Familienvater, der sich auf diese Vor­züge allein verlassen hat, immer unbrauchbarer und auf dem Arbeitsmarkte immer weniger ge­fragt. Wer aber etwas Ordentliches gelernt hat, dem bleibt das Gelernte als unverlierbares, durch keine Geldentwertung bedrohtes Kapital. Sein Wert steigt, je mehr dlese Fertigkeiten durch Uebung ausgebildet und vervollkommnet werden. Ja, er allein, niemals der Ungelernte oder An­gelernte. ist bei Tüchtigkeit und Glück in dev Lage, sich selbständig zu machen und vom Arbeit­nehmer zum Arbeitgeber aufzusteigen. Und noch eins: Von Jahr zu Jahr weniger kommt die menschliche Muskelkraft in unserem wirtschaft­lichen Leben als Energiequelle in Betracht. Auf die Dauer ist der Mensch als Dewegungsmaschine für die Wirtschaft viel zu teuer. Die Rationali­sierung schreitet fort. Immer mehr wird Men­schenkraft durch Maschinenkraft erseht: immer we­niger wird daher der Mensch gebraucht werden, der lediglich die Kraft seiner Anne anzubieten hat. Und es handelt sich doch bei der Berufs­wahl nicht um eine Entschließung für heute oder morgen: auf viele Jahrzehnte hinaus werden Schicksal und Wertung des Menschen damit be­einflußt.

Die Berufswahl selbst ist schwer und toiegt schwer. Ein Fehlgriff kann das ganze Leben un­heilvoll beeinflussen. So oft erlebt man es als Richter im Arbeitsgericht, daß bei ebnem Lehr­vertragsstreit die völlige Ungeeignetheft des Lehrlings vom Meister behauptet und dann auch bewiesen wird, obwohl der Lehrling schon über Iahr und Tag in diesem Berufe tätig ist. Dann ist die aufgewandte Zeit und Mühe völlig verloren. Zum Uebergang in eine andere Be­rufslehre fehlen die Mittel und fefjlt nun auch

die Lust. Dreierlei ist bei der Berufswahl zu beachten: der Berufswunsch, die Berufs­eignung, die Berufsaussicht. Bisher hat meistens der Berufswunsch die Wahl be­stimmt. Hatte der junge Mensch selbst einen solchen Wunsch nicht, so waren es die Eltern, die durch Ratschläge Bekannter sich bestimmen ließen. Der Derufswunsch des Jugendlichen Derbient gewiß Beachtung. Er wird einen selbitgewählten Beruf mit Lust und Liebe ergreifen und leichter den Berufsstolz und die Berufsftendigkeit erwer­ben, die soviel bedeutet und doch heute recht selten ist. Vorn Berufswunsch hat daher auch jede rechte Berufsberatung auszugehen. Ist ein Derufswunsch nicht vorhanden, so ist es Aufgabe der Eltern, Lehrer und Erzieher, die Bildung eines solchen zu fördern durch Heranziehung des Berufslebens zu Erziehung und Unterricht. Die den Arbeitsämtern angegliederten Berufs- ämter werden mehr wie bisher künftig be- Erzieher darin zu unterstützen haben. Aufllärende Vorträge, vor allem Besichtigungen von Werk­stätten und Fabriken schon im letzten Schuljahre sind dazu ein geeignetes Mittel. Hier ist nun auch die Jugend einer Mittelstadt von der Art Gießens und der kleinen Städte in besonders günstiger Lage. Die Stätten der Arbeit, ins­besondre die Handwerks- und Kleinfabrikbettiebe, liegen zwischen den Wohnungen verstreut und sind gilt den Wohnungen der Inhaber vielfach verbunden. Die natürliche Teil, cchme des Kindes und seine frische Aufnahmefähigkeit für diese Dinge wird leicht eine Hinneigung zu bestimmter Tätigkeit entstehen lassen. Viel f* Smieriger ist es für ein Großstadlttnd, davon ex.zen Eindruck zu bekommen, da dort WohlUlNFen Uick) "Betriebs meist weit auseinander liegen. Was mitunter ein Rachteil ist, wenn etwa neben der Gelehrten- Wohnung die Kreissäge des Schreiners kreischt, ist für die Berufswahl sicher ein Vorteil. Aber der Berufswunsch allein hat schon viele auf eine falsche Dahn geführt. Ob der Iunge oder das Mädchen für einen Deruf nach seinen natür» liefen Anlagen geeignet ist, vermögen die Eltern höchstens dann zu beurteilen, wenn sie selbst dem "Berufe angehören. In der Regel kön­nen sie es nicht, und der Jugendliche kann es noch weniger. Am wenigsten aber können sie be­urteilen, ob der gewählte und an sich geeignete Beruf Aussicht auf dauerndes Unterkommen bietet. Wie Derufswunsch und Derufsaussicht auseinandergehen können, zeigt die Reichs- stattstik von 1924/25. 18 345 auf den Deruf des Maschinen- und Autoschlossers, 7849 auf den Beruf des Mechanikers, und 6537 auf den Deruf des Elektrotechnikers gerichteten Deru'swünschen entsprechen nur 9631 bzw. 4074 bzw. 2554 offene Lehrstellen. Umgekehrt standen 888 auf den De­ruf des Formers, 3933 auf den Deruf des Spenglers und Installateurs, und 2493 auf den Beruf des Schmiedes gerichteten Berufswünschen nicht weniger als 2904 bzw. 4876 bzw. 3287 offene Lehrstellen gegenüber. Bekannt ist der Mangel an Menschenkraft in der Landwirtschaft trotz gleichzeitiger ungeheurer Arbeitslosigkeft, dem abzuhelfen eine der wichtigsten sozialwirt­schaftlichen Aufgaben unserer Zeit ist. Wir haben Hunderttausend e ausländischer Arbeiter ein­gelassen und dabei an Millionen der Scholle des Ackers entfremdeter Volksgenossen Unter­stützung bezahlt. Bekannt ist andererseits der Zu­strom zum kaufmännischen und Dureaudienst, der so bequem, gefahrlos und fein erscheint. Aber die Ueberfütlung ist ungeheuer, und der Stehkragen wird bezahlt mit fortwährender, in vielen Fällen hoffnungsloser Stellenlosigkeit.

Die Berufswünsche in Einklang zu sehen mit der Berufseignung und mit der Derufsaufsicht, ist Aufgabe der Berufsberatung. Die "Be­ruf dämter, die sie pflegen, sind errichtet worden nicht nur um dem einzelnen zu dienen, sondern weil das Gedeihen der gesamten Wirt­schaft und das Gemeinwohl es erheischt, daß die blühenden und ausstrebenden menschenkraft­bedürftigen Berufe keinen Mangel an geschulten Fachkräften leiden, während Tausende Arbeits­losenunterstützung bezichen: nicht Facharbeiter­stellen unbesetzt bleiben müssen, während ein Heer Ungelernter zum Stempeln strömt. Das aber ist in den letzten Jahren häufig vorgekom­men. Ohne einen ausreichenden Stamm gelern­ter, tüchtiger Facharbeiter kann die deutsche Gütererzeugung niemals den Absatz im _ Aus- lande erzielen, der bekanntermaßen das Rückgrat unterer Volkswirtschaft bleiben muh. Der Ju­gendliche, der vor der Schulentlas­sung steht, soll sich deshalb an die Berufsberatungsstelle seines Ar­beitsamtes wend en, mag er sich nun zu einem bestimmten Derufswunsch nicht durchgerun- gen haben, mag er zwischen verschiedenen Beru­fen noch schwanken oder mag er einen bestimm­

ten Beruf sich vorgenommen haben. Das Beruf s- amt kann dem Jugendlichen nicht sagen, er müsse einen ganz bestimmten Beruf unter der Tausend- zahl der gelernten Derufe ergreifen. Aber es kann ihm sagen, welche Berufe heute Aussicht auf Fortkommen bieten. Cs kann ferner mit sehr großer Sicherheit feststelten, für welchen ge­wählten oder empfehlenswerten Beruf der Junge oder das Mädchen sich nicht eignet. Cs kann z. D. einem Jungen, der einen Verkehr sberus er­greifen will (Ersenbahnbeamter, Straßenbahn- Wagenführer, Kraftwagenführer) zeigen, daß er zu den 4 Prozent aller männlichen Personen ge*>. hört, die Rot und Grün nicht oder nicht sicher unterscheiden können, daß er also in diesem Be­ruf, mag er sich sonst dazu noch so gut eignen, durch Mißversteh en von farbigen Signalen sich und zahllose Menschen in schwerste Gefahr brin­gen kann. Zu diesem Zwecke steht das Berufs­amt in enger Verbindung mit der Schule und dem Schularzt. Es bekommt von ihnen Mittei­lung über die Schulleistungen und den körper­lichen Zustand. Die gute Entwicklung oder das Fchlen bestimmter Veranlagungen und Fertig­keiten, die für einen Beruf wesentlich sind, kann es durch einfache Versuche feststellen, über die heute bereits eine Wissenschaft besteht. Richt schreckensvolle Folterwerkzeuge werden babei ver­wendet man hat dergleichen Versuche zu Zeiten Überschätzt, die schon durch ihre ver­wickelte Art unsicher machen und verblüften. Davor braucht also niemand Angst zu haben. Dadurch endlich, daß das "Beruf 8 amt eng verbunden Ist mit der Arbeitsvermittelung, weih es, welche Berufe a-lS aussichtsreich zu empfehlen ftnd und vor welchen zu warnen ist. Denn Über ganz Deutschland ist seit einigen Jahren ein' Reh von Arbeitsämtern mit ein­heitlicher Spitze in Berlin audgebreitet. Genaue Stastiken über Angebot und Rach'rage auf dem Arbeitsmarkt in ganz Deutschland werden sorg- sälttg geführt und jedem Arbeitsamt zugänglich gemacht. Das Berufsamt ist demnach auch be­reit- und in der Lage, allen denen Lehrstellen zu vermitteln, die nicht schon durch ihre persönlichen Beziehungen oder Vermittelung des Lehrers eine solche haben.

Zusammenfassend sei gesagt: wer vor der Be­rufswahl für sich oder seine Kinder steht, der benutze jede Gelegenheit, Berufe kennen zu ler­nen und sie dem jungen Derufsanwärter vor Augen zu führen. Haben sich diese Kenntnisse zu bestimmten Wünschen verdichtet, so lasse er beim Deru'samt prüfen, ob der junge Mensch für den gewählten "Beruf geeignet ist und ob der Beruf Aussicht auf Unterkommen und dauernde Be­schäftigung bietet. Ist ein Derufswunsch nicht entstanden, so folge er nicht nur den Ratschlägen wohlmeinender, aber meist nicht genügend be­wanderter Freunde, sondern lasse sich eben'alls vom "Berufsamt beraten. Niemals aber ver­gesse man: Wichtigstes steht auf dem Spiel! Ein Menschenleben gilt es in seine enbgiltige Dahn zu leiten!

Oie Zremdenvorstellungen im Gtadttheater.

Ein Wunsch aus dem Busecker Tal.

Man schreibt uns aus einem Orte irn Dü­se ck e r T a l:

Dor einiger Zeit wurde imGießener An­zeiger" bedauert, daß vom Lande her, wenigstens aus manchen Dörfern der .Umgebung Gießens, die Fremdevorstellungen des Gieße­ner Theaters noch nicht in diesem Umfange besucht würden, wie es mit Rücksicht auf die hohe "Bedeutung dieser Einrichtung wünschens­wert wäre.

Es besteht bei unseren Dorfbewohnern ohne Frage das Bedürfnis, hin und wieder eine Theateraufführung zu besuchen. Dies wird da­durch bewiesen, daß die Theateraufführungen kleinerer Unternehmungen in den Dörfern un­seres Tales einen guten Zuspruch haben, und daß die Theatarabende, die die Vereine ab­halten, in der Regel außerordentlich gut be­sucht werden. Im letzteren Falle sind das rein gesellige Moment und das Interesse an den persönlich bekannten ober gar befreundeten Laien­spielern gewiß mit eine Haupttriebfeder zum Besuch der Veranstaltung. Qlber es sind auch viele Leute da. die sich nach einer fröhlichen Unterhaltung oder nach innerer Bereicherung in einem guten Theater sehnen.

Für das Dusecker Tal liegen aber die Frem­denvorstellungen des Gießener Theaters nicht günstig. Sie beginnen um 18 Uhr und enden zwischen 20 und 21 Uhr. Die Besucher aus dem Dusecker Tal müssen schon 16,27 Uhr in Gießen eintreffen und können erst 22,48 Uhr zurück-