Sm
rin ite*
403.
M. |
NA ,
tm
3:
Übftfle:
Uäng. igeb.m.
imöU 1 se-r :var. | StIOf- | acher « Ml r
jufeet Dl.«..) ’-unt.
D. n. tz. a,v Sektion Gießen. Xnsta8-Mar—
"U
machen. £.*ÄQ Hörsui
n M7
N»i
M«
jfjass
»sich
—— waltichaftiratea
Pr\AIbrecbi.Frank. kurt am Main nl|. n 15.3. seife dir BeeritriBi u> dea Oetilaier Men”. Gäste willkommen. 7^d
i Stadttheater
I ko°°iaa,SL.JaN'
UUU Nutzer Slöonnenieni
«bonnemem
Marcheniviel in 7 Silben m Gesang und Tanz von Gerdt v. Sassewib Munkv.SchmaM Abend-
»m.Nr. !tz-Anz.
Donl4',b.nad)17 U. Dnlnnnknitn UnnnUkJ iSNWWW
Stelle, H 50000, ärmliche mer Nr. en Gieg. rbeien.
■iiiiim
ahre, tü, Außer Abonnement
xt\ ßid)*
in an- stellunfl, b, angen. cht ganz wünscht
“ ^»enfpifi
w ö-E
Atzwank >l>
inflebote »Ätam w« an den W ö. 8aW ME
& SLS
8 *"ÄÄT i Ui M MM«
ravsiag' llbr m -onvooo gtbcifflj,
SiemöesDbiiifüiinfl v. IS b. gea.NiUtn epielimSW Komödie in 3 Akter von Kranz Molnar I Tie»s/ag,2j.Ian., IMsmgM ft von 10', b. nadj 22 U. Herrn'. Hy'M ^6to\bti Werinnen Qxtiieu. \ Tchwank in 4 Akter ftdh nnt. von oranz u. Paa. » „bet I o. ScbiintbaiL
A. erbet.! - - .
Mt»wock,2-i.san
U5
kü^.L'SS abrealt,srettag,27.Ja». l, firm, iß.StEitagMrt cheinung i v. 19'/, b. nachu
geb. um. M WM ied- unz-1 flouiööte in o auj ?mc"'ter zagen von N. GM >g. Kind, deutsch v. W-rang träulem gonntafl,201 ■ sjitwe Außer ^bonnemen. wnd-n.
------ WM DM ■ai
° 9% Uhr
... (LrleLberg) «iederbeiMen ****** ** ,.,ffi(1]beinflin8)
r neuen v
Nr. 18 Zweiter Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Samstag, 21. Januar 1928
Weltvolk ohne Kolomalboden.
Deutschlands Rohstoffnot.
Don Or. Arthur Dix.
Auf den geschichtlichen .Untergang des Abendlandes" — einige Jahrhunderte vor der Prophetie OswaldSpengiers — folgte mit einer gewissen Zwangsläufigkeit der Eintritt der westeuropäischen Staaten am Atlantik in die neue Epoche der Kolonialpolitik. Beim Ausgang der Kreuzzüge war das christliche „Abendland" gegenüber dem islamitischen „Morgenland" militärisch und politisch erfolglos geblieben, auf kulturellem Gebiet weit mehr zum nehmenden als zum gebenden Teil geworden, wirtschaftlich noch schärfer als zuvor durch die Barre der islamitischen Welt abgeschnitten von den begehrten Schätzen Indiens. Der vorübergehende Zusammenschluß der „abendländischen" Staaten zu den Kreuzzugsunternehmungen fiel auseinander, und jedes einzelne Land am europäischen Rande des Atlantik begann auf eigene Faust Seewege nach der indischen Schatzkammer zu öffnen. „
Die unglückseligen Verkettungen spanisch-österreichischer Hauspolitik der Habsburger mit der Reichsgewalt brachten es mit sich, daß in jener entscheidenden Zeit das Deutsche Reich abseits der neuen Kolonialpolitik verharrte und daß die Lande der Rheinmündung, im Widerstand gegen jene Hauspolitik vom Reiche losgelöst, zu einem eigenen Staats- und Sprachgebiet sich entwickelnd, ihrerseits eine weitausgreifende kolonialpolilische Sonderstellung zu erringen begannen.
Das alte Deutsche Reich hatte den Anschluß an den Uc&crgang zur überseeischen Kolonialpolitik verpaßt. Als durch Jahrhunderte Versäumtes im Jahre 1884 durch den ersten Kanzler des neuen Deutschen Reiches nachzuholen begonnen wurde, hatten Kolonial- und Weltwirtschaft ihr Gesicht gegenüber den früheren .Zeiten vollkommen verändert. Waren die Entdecker des ausgehenden 15. Jahrhunderts über die Meere gezogen, um für den aristokratischen Bedarf der Machthaber Kostbarkeiten aller Art hohe Quantitäten von geringer Qualität nach Europa zu holen, so gewann man später von dem lolonialen Boden in großen Massen R o h - stoffmengen für den Bedarf aller Volksschichten für neu aufkommende Industrien, für eine demokratisierte Wirtschaft.
Das mit so großer Verspätung in die Kolonialwirtschaft eingetretene Deutschland hatte bei zeitlicher Versäumnis den moralischen Vorsprung, dah es sich nun nicht mehr wie seine Vorgänger der vorangegangenen Jahrhunderte auf einen brutalen kolonialen Raubbau, sondern auf eine vorsorgliche Kolonialwirtschaft nach modernen Methoden einstellen und die in früheren Zeiten rücksichtslos ausgebeuteten Eingeborenen als wichtigstes Aktivum ansetzen konnte. Immerhin verliefen die ersten beiden Jahrzehnte mit von mancherlei Fehlgriffen begleiteten und überwiegend zaghaften Experimenten ohne großzügige Forderung durch das Reich. Erft das letzte Jahrzehnt vor dem Kriege gehörte einer wirklich planmäßig weitschauenden Kolonialerschlie- tzung. Allbekannt ist der Anteil des Staatssekretärs Dernbura, fast unbekannt die wesentliche Mitarbeit eines der tüchtigsten international anerkannten kolonialwirtschaftlichen Experten Deutschlands, des heutigen Leiters des Kolonial- wirtschaftlichen Komitees in Berlin, Geheimrats Geo A. Schmidt, den sich, als Deutschland seiner Kolonien verlustig gegangen war, nacheinander die Regierungen Mexikos und der Angorarepublik von der deutschen Regierung ausgeliehen habei^ um ihm an leitender Stelle die Forderung der Landwirtschaft ihres Staates zu übertragen. Roch weniger bekannt ist, daß selbst in den Zeiten entscheidender Kämpfe um die
Verkehrserschließung der deutschen Kolonien in Afrika gewisse amtliche Kreise in der Wilhelm- straße es fertig bekamen, sich der hierfür nötigen Propagandatätigkeit hemmend in den Weg zu stellen! Auf alle Fälle haben die deutschen Kolonien, insbesondere in dem letzten Jahrzehnt vor dem Weltkriege, nachdem der Reichstag sich auch für die Verlehrserschliehung bewilligungsfreudiger erwiesen hatte, einen wirtschaftlichen Aufschwung genommen, den man unter Berücksichtigung der kurzen Zeitspanne ohne Heber- treibung als einzigartig bezeichnen darf. Die angebahnte Entwicklung verhieß die Aussicht, daß wir schon in absehbarer Zeit mindestens ein Drittel der notwendigen Rohstoffe tropischer und subtropischer Herkunft von eigenem Kolonialboden würden beziehen können.
Rach dem Verlust der Kolonien ist das deutsche Volk das einzige Weltvolk ohne Kolonialboden. Es bezieht aus unter deutscher Verwaltung stehenden Gebieten nicht einen Ballen Baumwolle, nicht ein Kilo Kautschuk, Tee, Kaffee, Kakao, Gewürze, Tropenholz, Südfrüchte, Glimmer, Sisalhanf, Elfenbein, Strautzsedern usw. usw. Wohl sind heute nach den schlechten wirtschaftlichen Erfahrungen der Mandatare in verschiedenen Kolonialgebieten wieder deutsche Farmer, Plantagen- und sonstige Wirtschafter zugelafsen, aber die von ihnen erarbeiteten <3 teuerer träge fliehen an fremde Regierungen, die Frachtgewinne überwiegend an fremde Reedereien, die erzielten Rohprodukte an fremde Unternehmungen. Die heimische deutsche Wirtschaft ist mit dem Bezug all ihrer tropischen und subtropischen Bedarfsartikel restlos angewiesen auf den Bezug aus fremden Ländern, der sich selbstverständlich unter vielerlei Gesichtspunkten beträchtlich teurer stellt als der Bezug aus deutschen Unternehmungen auf eigenem Kolonialboden, mit eigener Verwaltung, mit eigener Schiffahrtsverbindung usw.
In der Zeit unseres kolonialwirtschaftlichen Aufschwungs gingen immer mehr industrielle Unternehmungen in Deutschland dazu über, draußen in Uebersee eigene Gewinnungsstätten für ihren Bedarf an tropischen und subtropischen Lebens- und Gcnuhmitteln oder Rohstoffen selbst in die Hand zu nehmen. Deutsche Spinnereien hatten eigene Baumwollpflanzungen angelegt, deutsche Gerbereien im eigenen Kolonialbetrieb Mangroven gewonnen oder sich wenigstens sinanziell an der Produktion beteiligt. Dieser Umstand in Zusammengang mit dem Transport durch direkte Verschiffungen, durch Vermeidung von Umschlag und Lagerung und dem Ausschalten preistreibender Faktoren der Spekulation, der Leitung von Handel und Verkehr über deutsche Unternehmungen, die Regelung von Versicherung und Zahlungsverkehr durch deutsche Gesellschaften ergab für die heimische Volkswirtschaft bei der Beschaffung der Rohstoffe aus eigenen Kolonien Gewinne aus jeder Phase des Geschäfts von der Produktion tm Schutzgebiet bis zur Einfuhr nach Deutschland. Umgekehrt war uns dort unter entsprechenden Bedingungen ein steigender Absatzmarkt gewährleistet.
Aller dieser Vorteile ist die deutsche Volkswirtschaft verlustig gegangen. DaS Ausland diktiert chr die Rohstoffpreise, die Frachtbedingungen, die außerordentlich beschränkten Absatzmöglichkeiten auf kolonialem Boden. Durch gewissenhafte Berechnungen ist nachgewiesen worden, dah wir unter den heutigen Verhältnissen, gemessen am Stande unserer Kolonialwirtschaft vom Jahre 1913, schon mindestens um eine halbe Milliarde Marl jährlich ungünstiger in unserer Zahlungsbilanz gestellt sind, und dazu gesellen sich, abgesehen von allen ideellen Werten, noch mancherlei andere materielle Einbußen. Wenn wir aber abschähen, was bei einer durch keinen Krieg
unterbrochenen Fortentwicklung unserer jungen Kolonialwirtschaft heute von dem Boden unserer ehemaligen deutschen Kolonien gewonnen werden könnte, so ergeben sich zweifellos zwischen unseren gegenwärtigen reinen Aufwendungen für tropische und subtropische Erzeugnisse jeder Art und dem Verbleib des Kolonialbesitzes wahrscheinlichen lleberschuh der Ausgaben über koloniale Cigengewinne jeder Art Differenzen von einigen Milliarden, die unsere ohnehin so verarmte Volkswirtschaft zu ihren Lasten verbuchen muß.
Das deutsche 62-Millionen-Volk verfügt auf Boden ausschließlich gemäßigter Zone nur über rund 470 000 qkm, 44 Millionen Briten dagegen über fast 36 Millionen qkm, 37 Millionen Franzosen über fast 17 Millionen qkm, 6 Millionen Portugiesen und 7,5 Millionen Belgier über je 2,5 Millionen qkm. Deutschland ist in den Völkerbund eingetreten, Deutschland hat auch einen Platz in dessen Mandatskommission erhalten. Aus den Kreisen der Mandatare heraus konnte der so kurzfristigen deutschen Kolonialverwaltung der Vorkriegszeit das Llrteil nicht dauernd vorenthalten werden, daß wir — erst im Zeichen moderner Kolonialwirtschaft nach lleberwindung langer Epochen des kolonialen Raubbaus in die Kolonialpolitik eingetreten — für die koloniale Erschließung nicht nur im Dienste des eigenen Marktes, sondern im Dienste der gesamten weltwirtschaftlichen Entwicklung Hervorragendes geleistet haben und daß auch die Eingeborenen der
Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.
Revolution im Lchachjpicl.
(ni) Moskau.
In Sowjetruhland gibt es heute nichts, aber auch rein gar nichts mehr, was die Moskauer Gewalthaber nicht der kommunistisch^ Idee gesetzlich angepaßt hätten. Die letzte „Anpassung" in diesem Sinne hat jetzt durch Regierungsverordnung das Schachspiel erfahren, was einen ja an und für sich nicht in Erstaunen sehen kann, ist es doch wiederholt „das königliche" Spiel genannt worden. Aber auch der Ämstand, daß als Figuren dieses Spiels z. B. Könige fungieren, hat den Herren der moskowitischen Staatsgewalt oft Alpdrücken verursacht.
Und so sind nun die Figuren durch „volkstümliche" und „klassenbewuhte" Symbole erseht worden. Der „König" hat es sich gefallen lassen müssen, in einen „Roten Soldaten" umgewandelt Ku werden, während die „Königin" sich sogar leben Verwandtschaftsverhältnisses zu ihm begeben und die bescheidene Garderobe der „Bäuerin" anziehen mußte. Türmer und Springer sind gleicherweise Sowjetgestalten geworden, und die Verordnung droht demjenigen mit „empfindlicher Strafe", der beim Schachspiel mit den veralteten Figuren einer „überwundenen" Gesellschaftsordnung betroffen wird ober der etwa den neuen Figuren die alten Bezeichnungen verleiht.
„Schach dem König!" — die Frage ist noch offen, ob die Sowjetherrschaften mit ihren „Roten Soldaten" bessere Gewinne im großen Schachspiel der Politik erzielen werden.
Märtyrerlat eines Bahnwärter».
(—) Paris.
Mit dem Aufkommen der Kraftwagen und der Flugzeuge hat die schone Literatur aufgehört, Schienenstrang, Lokomotive und einsames Bahnwärterhaus als Lieferanten poetischen Stosses anzusehen. Und doch ereignen sich fast Tag für Tag auf dem Gebiete der Eisenbahn Tragödien, die. wären sie der Phantasie eines Schriftstellers entsprungen, als grobe Geschmacklosigkeiten in Grund und Boden kritisiert würden. Man höre:
ehemaligen deutschen Kolonien die Wiederkehr der bewährten deutschen Wirtschaftsleiter ersehnen.
Die gesamte deutsche Volkswirtschaft, Industrie und Landwirtschaft, Handel und Schiffahrt bedürfen dringend des Zusammenarbeitens mit deutschem kolonialen Boden in tropischen und subtropischen Gebieten. Es soll hier nicht auf politische Einzelheiten eingegangen, es soll nicht die Forderung erhoben werden: „Gebt uns in den alten Grenzen unsere Kolonien so zurück, wie sie waren!" — aber für jeden unbefangenen Beobachter ergibt sich die zwingende Rotwendigkeit, ei Nie neue koloniale Flurbereinigung vorzunehmen, die deutsche Wirtschaft wieder heranzulassen an tropischen und subtropischen Boden, auch deutscher Verwaltungstätigkeit wieder kolonialpolitische Möglichkeiten zu erschließen. Wenn dafür Formen gefunden werden, die in irgend welchen Arten gemeinsamer Beteiligungen der Kolonialmächte den Konkurrenzneid eindämmen, insbesondere für die weiten Gebiete ganz Mittelafrikas jenen Geist wieder lebendig machen, den Bismarck einst der diese Lande militärpolitisch neutralisierenden Kongoakte verliehen hatte, um so besser. Auf alle Fälle aber erscheint der Zustand unhaltbar, daß wir durch den Mangel an eigenen kolonialen Rohstoffen mit unserer internationalen Zahlungsbilanz immer tiefer in die Verschuldung hineinsinken, daß ein im Gesamtrahmen der Weltwirtschaft so wichtiges Volk wie das deutsche das
• einzige Weltvolk ohne Kolonialboden bleibt.
An einem der letzten Dezembertage des vergangenen Jahres versah der Streckenwärter Maurice Andreux zwischen Flers und Dousront wie üblich seinen Dienst. Um 12 Uhr mittags brachte ihm sein fünfjähriges Söhnchen das Mittagessen, stolperte jedoch und geriet vor den Augen des entsetzten Vaters zwischen die Schienen eines Gleises, auf dem sich eine Lokomotive näherte. Das Kind hatte sich offenbar verletzt, denn es konnte sich nur mit Mühe und Rot erheben. Der Vater wollte, da die Lokomotive nur noch wenige Meter von dem Knaben entfernt war, hinzuspringen, als er bemerkte, daß sich vom anderen Ende der Strecke der planmäßige O-Zug näherte. In diesem Falle war es jedoch seine Pflicht, die Weiche (in Frankreich gibt es auch auf großen Strecken noch Spihweichen) festzuhalten, um ein Entgleisen beä Zuges zu verhindern. Der Bahnwärter stand nun vor der Wahl, sein Kind vor sicherem Tode zu retten oder das Leben von vielleicht 2—300 Passagieren aufs Spiel zu sehen. Ein sekundenlanger entsetzlicher Kampf zwischen Liebe, Trieb und Pflicht, würdig der Feder eines Corneille — und der Bahnwärter eilte zur Weiche, hielt dort aus, obwohl buchstäblich vor seinen Augen, vielleicht hundert Meter entfernt, fein Kind eines gräß- Ijcben TodeS starb. Als der Q-Zug vorübergesaust war, brach der Mann zusammen und lag tagelang besinnungslos im Krankenhaus. — Bald wird das Band der Ehrenlegion seine Brust schmücken.
Kampf gegen den Bubikopf in Asien.
(c) Tientsin.
3m gesamten fernen Osten ist ein fanatischer Kampf gegen den Bubikopf entbrannt. Sogar die Politiker scheinen es sich, um volkstümlich zu werden, zur Pflicht gemacht zu haben, aktiv in diesen Kamps einzugreifen.
In China und auf den Philippinen haben die gesetzgebenden Körperschaften die Einführung einer Bubikopf-Steuer beschlossen. Die japanische Polizei hat erklärt, jede Frau mit Bubikopf sei eine Bolschewistin und als solche zu behandeln. Alle Filmschauspielerinnen mit kurzem Haar, die bei der Ritkatao-Filmgesellschaft in ri~Mmnwi rminritrer.imimrir i •WMdrmaBMiwr-um
Geschichten aus aller Welt.
Gießener Gtadttheater.
Jacques Offenbach: „Die schöne Helena".
Jacques Offenbach schrieb 102 Bühnenwerke, größtenteils Einakter für die man in Frankreich die unübersetzbare Bezeichnung „musi- quette“ hatte, was etwa soviel wie Miniaturmusik bedeutet, jedoch mit einem tadelnden Beigeschmack. Und das mit Recht. Denn bei Licht betrachtet huldigte Offenbach ja schließlich nur in frivoler und persiflierender Tendenz dem Geschmack der Masse und dem Pariser Lebemann besonders. Das war damals Zeitgeist und ist auch heute noch (leider!) Zeitgeist. Daß Offenbach in Paris seine ersten und reichsten Lorbeeren pflückte, ist nicht zu verwundern, denn er verbrachte, obwohl 1819 in Köln geboren, doch sein ganzes Leben, von kleineren Reisen abgesehen, in Paris und wir rechnen ihn daher auch nicht zu den deutschen Komponisten. An sich ein genialer Kopf, war er genügend Franzose geworden, um den Parisern mit Erfolg zeigen zu können, was man mit zynischer Parodie fertigbringen kann. Seine Werke aber, namentlich „Orpheus in der Unterwelt", „Hoffmanns Erzählungen" und „Die schone Helena" gingen weit in die Welt, und Offenbach gilt daher als der wesentlichste Schöpfer des Pariser Operetten- Typs. Aber ein anderes Moment ist vielleicht noch wichtiger. Joh. Strauß ließ sich erst durch die großen Erfolge der Werke Offenbachs dazu bewegen, sich ebenfalls an der Operette zu versuchen, und so ist der indirekte Einfluß Offenbachs auf die Entwicklung der klassischen Wiener Operette möglicherweise sein bedeutenderes Verdienst. Seine Musik ist melodiös, gefällig und einschmeichelnd, ohne sich jedoch auf das Riveau ihrer Wiener Schwester erheben zu können. Sie bleibt mehr oder weniger Phrasengeklingel ohne einen tieferen Gehalt vermuten zu lassen. Sie zündet, aber sie erwärmt nicht.
Die szenische Leitung der Aufführung lag in den Händen von Oberspielleiter Becker. Er lieh dem Humor freieste Bahn und sorgte für ein flottes und frisches Spiel. Der erste Akt war in seiner Gesamtwirkung sehr lebendig, nur stellenweise etwas zu grotesk. In den beiden anderen Sitten war das Spiel dann viel ausgeglichener. Rose Landwehr (Darmstadt) zeigte sich in der Titelrolle von ihrer besten Seite. Mit viel Grazie und Charme spielte sie die schöne, begehrenswerte grau, durch ihren klaren und tragfä^igen Sopran sehr wirkungsvoll unterstützt, wodurch sie, die gesanglich beson
ders hervortrat, eine recht gute Leistung bieten konnte. — Für den verhinderten Rich. v. Schenk hatte Alois Resni die Rolle des trottelhaften Menelaus übernommen. Sehr glücklich karikierte er den dummen, aber doch zu Zeiten wieder schlauen und mißtrauischen König von Sparta und schuf so eine zur anmutigen Helena erfolgreich kontrastierende Figur. Gesanglich trat er leider wenig in Erscheinung. Heinz Steinbrecher gab dem Paris das Selbsichere und Unwiderstehliche, das die Rolle er'ordert. Warme und Ausdrucksfähigkeit seiner Stimme verhalfen auch hier zu einer ausgezeichneten Gesamtleistung. Karl Bauermann (Agamemnon) fügte sich vorteilhaft in den Rahmen des Spiels. Christa Henkel als Orest war mimisch sehr gut. blieb jedoch gesanglich zu schwach und stellenweise unverständlich. A. Hirsch als Achill vermochte in seinem Spiel nicht als gelungene Karikatur des großen Helden zu überzeugen. Eine besondere Leistung bot C. Hechinger als Calchas. Dauernschläue und Habgier nach leiblichen Genüssen sprachen aus jeder seiner Bewegungen. Gin köstliches Bild des guten, treuen, donnernden Jupiterpriesters auf der einen und des durchtriebenen Gauners und Lebemanns auf der anderen Seite. Don den übrigen Darstellern seien noch genannt: Anni Ottendorfer (Pylades), Th. Meutter, Theo Kaiser, Susanne Schäfer, Anna Becker, Helene Krieger und F. V o l tz, die sich in kleinen Rollen geschickt dem Ganzen anpahten.
Am $JuIf waltete Kapellmeister Reff umsichtig seines Amtes. Durch frische und lebendige Tempvnahme wußte er der Gesamtaufführung Schwung und Schmiß zu verleiHen und ließ den prickelnden Melodienreichtum des Werkes in schönster Weise zur Geltung kommen.
Die Bühnenbilder von Karl Löffler waren geschmackvoll und gaben dem Ganzen einen farbenprächtigen Hintergrund. Das zahlreiche Publikum spendete recht verdienten Beifall. B.
Vortrags-Dereinigung.
Heiterer Abend von Ludwig Hardt.
Es wurde schon kurz vor dem Dortrage bekannt, daß Ludwig Hardt sein ursprünglich angekündigtes Programm geändert habe: man mußte auf die Berliner Schauspielerporträts verzichten; schade, wir hätten das gerne erlebt. Aber anderseits ist zu bedenken, daß jeder, der die Urbilder dieser Porträts nicht oder auch nur nicht gut kennt, wenig davon gehabt haben würde; und da wahrscheinlich der
größere Teil der sehr zahlreichen Zuhörerschaft mit den reichshauptstädtischen Bühnengrößen wenig vertraut ist, war die Umstellung durchaus zu billigen.
Auch in der neuen Vortragsfolge hatte Hardt reichlich Gelegenheit, fein eigenartiges und vielseitiges Können zu erweisen. Zu zeigen, daß er ein Routinier und blendender Techniker ist, daß er ein ganz schauspielerisch wirkender Rezitator, daß er ein Menschenkenner, ein Beobachter und ein Mann von natürlichem und zugleich ein wenig philosophischem Humor ist. Die Skala seiner stimmlichen Mittel zeigt eine verblüffende Spannweite und kommt der Plastik, der Rundung und Dramatik des Stoffes überall da unmittelbar zugute, wo es sich nicht um rein lyrische Stücke handelt.
Zum Beispiel bei Peter Altenberg, mit dem Hardt begann und einen nicht unerheblichen Teil des Abends ausfüllte. Drei größere Szenen zuerst, in Altenbergs eigenartiger Form („wie ich es sehe"),, alle mit eingesprengten Dialogpartien. Kleine Kabinettstückchen, glitzernd, geschliffen, umspringend in der Stimmung, bald rührend, bald nachdenklich, bald grotesk, pointiert abgerundet, wienerisch-lite- ratenhaft im Stil. Hardt brachte diese Dinge ausgezeichnet. Er holte alles aus ihnen heraus, vieles sogar, was einem beim Lesen sicher entgegen würde. Aber man hatte mehrfach das Gefühl, daß Alten- berg schon zu differenziert und ästhetisch-delikat ist für einen so großen Saal mit einem so großen Publikum. Einige im Anschluß hieran gebotene anekdotenhafte Kleinigkeiten aus Altenbergs krausen Literaturbereichen wurden mit herzlicher Heiterkeit aufgenommen.
Die folgende Groteske von Robert Walser erwies sich als nicht so unmittelbar wirksam wie die beiden sehr bekannten und allerliebsten Märchen von Andersen: „Die Prinzessin auf der Erbse" und „Der standhafte Zinnsoldat". Hier wurden Märchen nicht nur erzählt, im gewöhnlichen Sinne, sondern für Kinder schauspielerisch lebendig gemacht, für die Großen mit künstlerischen Mitteln verdichtet und nachgestaltet. Man sah die Erbse, man hörte die zimperliche Jungfrau, man fühlte förmlich die unwahrscheinlichen blauen Flecke. Und man erlebte die ©ebnfüdjte, die Abenteuerreise und den traurigen Liebestod des standhaften Soldaten von Anfang vis zu Ende mit und freute 'sich an der beziehungsvoll dreingegebenen „Glosse zur Vortragskunst" nicht minder als an den weisen und boshaften Versen des alten Goethe, die merkwürdig glücklich zu Morgen st em überleiteten.
Eine kleine Blütenlese aus den „Galgenliedern", aus „Palma Kunkel" und aus dem Nachlaß; es
war herrlich; wer nicht da war, dem kann es leider nicht näher beschrieben werden. Hier versagen die Möglichkeiten eines schlichten Referates. Scheer- b a r t kennt man heute schon fast nicht mehr; er hat die moderne Groteske eigentlich literarisch begründet. Lange vor dem Kriege. Es war hübsch, daß man mit zwei luftigen Stücken an ihn erinnert wurde. Heiterster Ausklang: das Märchen „Vom Swinegel un finer Fru"; eine rezitatorisch vollendete Leistung, die Hardt einen ausgezeichneten Abgang sicherte. —y—
Frankfurter Theater.
„Kriemhilds Rache" mit Agnes Straub aus Berlin als Gast im Frankfurter Schauspielhaus. Friedrich Hebbels Ri- belungen-Drama findet man selten auf der Bühne. Dieses Furioso infernalischer Rache eines im Hasse toll gewordenen Weibes stellt die Regie vor schwer zu bewältigende Aufgaben. Das Heldenepos brandet in dramatischer Wucht wie eine wilde Sturmflut über die Bühne und ist schwer in eine geschlossene Inszenierung einzudämmen und zu bändigen. Bestimmend für die Reuinszenierung ist vor allem die heutige Einstellung zum Kunstwerk, die diesem Trauerspiel wesentlich verständnisvoller gegenübersteht als frühere Epochen. Wir hören aus dieser heroischen Tragödie, da Treue um Treue sich im brennenden Saale König Etzels verblutet, hinter dem Schwertergeklirr die differenzierten Seelenschwingungen. Haß stoßt auf Haß, schlägt Funken, die sich zum Wahnsinn entzünden; die Menschen vergehen am übermächtigen Schicksal, das sie in einen gigantischen Totentanz hetzt. — Die Aufführung unter der Regie Richard Weicherts wurde zur kraftvollen, tonenden Wiedergabe des Heldenliedes. Der künstlerische Scheitelpunkt des Abends war Agnes Straubs Kriemhild; sie wußte von Beginn des ersten Bildes den Rachegedanken dynamisch zu steigern, eine blondhaarige Remesis, die über sich selbst hinwegrast, nur noch beseelt vom Vernichtungswillen. Die Darstellung dieser Künstlerin, die mit den einfachsten Mitteln die Hörer in ihren Bann zwang, machte den Abend zum Erlebnis. Auch bei Ernst Sattlers Hagen ist die prächtige Intensität des Spieles hcrvorzuheben. Bei allen Darstellern fühlte man die formende, führende und zügelnde Hand des schöpferischen Inszenators. Der Beifall wollte kein Ende nehmen, und immer wieder muhte sich Agnes Straub mit ihrem Regisseur dem Publikum zeigen. L. W.


