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!k 299 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gkerhellen) Donnerstag, 20. Vezemver 1928

Studenten und - Deutsche in Brasilien.

Von unserem

Rachdruck, auch mrt Quellenangabe, verboten! Sao Paulo, Dezember 1926.

Die brasilianische ZeitungCorrero Pauli- stana" rügt das Verhalten der Stuben.en:Cs entspricht .nicht unserer Zivilisa.ion, wenn die Studenten als Pöbel auftrelen!" Die Studenten halten eine Versammlung ab. Sie beschließen, sich zu rächen. Sie dringen in die Universität ein, um sich Waffen zu verschaffen. Sie schlagen ihre Professoren, die sich ihnen entgegenstellen. Sie töten einen Soldaten der Wache, die man dort postiert Hal. Sie (türmen durch die Straßen. Johlend schließt sich der Pöbel an:Viva Brasil 1

3r. R i o de 3a nei r d findet die Krönung der Studenlenkönigin statt. Die Festkommission hat die vornehmste Gesellschaft der Hauptstadt eingeiaden. Sie füllt Parkett und Logen des Sladtrheaters. Die Studenten müssen mit der Ga.erie vorlieb nehmen. Sie schreien, johlen, pfeifen, miauen, bel'en, stürzen vom Olymp herab und prügeln chre Gäste heraus:Es ist eine rein akademische Veranstaltung!" 3n Rio schreibt eine brasilianische Zeitung:Es gibt Staaten Bra- l'rliens, wo man jeden Wähler für 5 Milreis gewinnen kann." Die Rechtsstudenten der Haupt­stadt demolieren die Redaktion.

3n Sao Leopold o, in Rio Grande do Sul, wo über 800 000 Deutfchbürtige wohnen, erscheint die TageszeitungDeutsche Post". Sie schreibt: Die brasilianischen Studenten gefährden den Ruf Brasiliens als Kulturnation." Am Abend nach dem Erscheinen der Zeitung: Die goldene Ju­gend von Sao Leopolds versammelt sich vor dem Zeitungshause. Viva Brasil! Rieder dieDeutsche Post"! Pfeifen, 3ohlen, Steinwürfe, Fenster- mtren, Polizei rückt an. Fortsetzung im Cafe: Reden. Reden, Reden! Es lebe die brasilianische Kultur!" Am Abend in Porto Alegre, der Hauptstadt von Dro Grande do Sul. Durch die Hauptgeschäftsstraße zieht die jSludentenschast. Sie hält vor der Filiale derDeutschen Post". .Plan reiht die Schilder ab. Man dringt ein. 'Bucher, Zeitschristen. 3a)res!alender, Zeitungen, alles flattert auf die S.raße. Ein Scheiterhaufen brennt:Viva Brasil! An der Straßenecke lächelt ein Polizeiposten.

Drei Autobusse rattern von Porto Alegre nach Sao Leopolds. Vierzig Kilometer durch die Rächt. Rahe derDeutschen Post": Halt! 100 Studenten sie gen aus. Sachte pirschen sie sich zum Verlags- Haufe. Cs ist 3 Hfjc früh. Polizei ist nicht da. Man schlägt Türen und Fenster ein. Stürzt die Setzmaschinen um, wirft ihre Teile auf die Straße. Die Setzkästen fliegen hinterher. Viva Brasil! Am nächsten Abend. Durch die Rua do Flores und die Rua do Andrades schrei­tet feierlich gemessenen Schrittes ein langer Trauerzug. Studenten mit brennenden Kerzen gehen vor, hinter und seitwärts dem Sarge ge­senkten Hauptes, weinend, schluchzend. Der Sarg trägt zwei große Kränze und die Au schrift: ..Deutsche Post". Dor der Hauptpost hält der Zug. Ein Pseudogeistlicher spricht die Grab­gebete. Der Sarg wird verbrannt. Laute Aufschreie des Schmerzes. Plötzlich «in ohren­betäubendes Johlen:Viva Brasil! (So will es ein löblicher vielgeübter Brauch imKultur- ftaat" Brasilien).

Uni) die Folgerung: Wenn man die brasilia­nische Presse verfolgt, so wird man täglich ®e- legenheit haben, ein Dutzend Vorfälle anzu- ne.'ken, die besagen: Der Richterstand ist bestechltch. Die Polizei ist willkür­lich. Der Staat ist ohnmächtig. Die Te- amlenschait ist korrupt. Das Volk ist durch das Hazardspiel demoralisiert. Die Syphilis ist stärker verbreitet als in irgendeinem Lande der Welt. Die Mörder werden in den seltensten Fällen gefaßt. Für zwei Mark kann man jeder­zeit einenCapanga", einen Mörder, taufen. Irgendwo tu dem R.efenreich ist immer ein Putsch. An irgendeiner Stelle wird immer eine Te schwörung zur Revolu.ion aufgeweckt. Irgend­wo erklingt immer der Aufschrei eines ge. uälten. Bolles gegen die Despotie eines Beamten, der

H. ^.-Berichterstatter.

fern der Duirdeshauptstadt Herr über Leben und Tod seiner iln er anen ist. Irgendwo in Bra i ien streicht immer e.ne Räuberbande, die zu fassen jah e ang nicht möglich ist. Irgendwo findet sich immer ein Offizier oder Beamter, der sie ent­schlüpfen läßt und Halbpart macht.

Wohlge nertt: es sind das nicht Vehaupiungen ohne Beweise, nicht die Meinung eines Fremden, sondern die der Landespresse selbst. Es ist einfach absurd, von einen zivilisierten Dolle zu sprechen! DaS sind die Zeichen der Ration, de ihr portugiesisches Dlu: millionen­fach mit 2 egern, Mulat en u rb Indianern ver­mischt hat. Argentinien und Chile in einem Alen mit Brasilien zu nennen, wäre Beier- digung. Und was sagen die Sudenten dazu, die Blule der Ration, die kommenoen Führ.r der sädau e.i.änischen Adrwla enrepub iken? Sie sehen, we che Lebensarbeit ihrer harrt, nicht wahr? Sie sind ernste, glühende Patrioten, die sich vor- terci.cn, ihr Volk emporzuheben, wie? Siehe die Vorgänge!

We n verdankt Brasilien die Blute seiner Zen­tren, seiner Küstenstriche und einiger gut ver- walieler Staaten: Sao Paulo, Rio Parana, Santa Katharina. Rio Grande do Sul? Der europäischen Einwanderung, de.n italienischen, dem deutschen Bauern, den eng.ischen, nvrdameriianischen Gechäfts- mann und Industrie ren, der Pionierarbeit der Portugiesen! Alles, was dieser Staat besitzt, ist Geschenk. Wenig ist selbst erworben! Und was tut der Caboclo, der Mischling? Maßlose Ue'eerhebung, Eitelkeit, P.auenstolz, Uebertrump- fung des ach so geliebten Franzosen u n 10CO Prozent! Man kleidet sich elegant, erwirbt Reich­tum, sendet die Söhne au' die Universitäten, schminkt sich heil und wird au s tiefste beleidigt, wemt man ihn nicht als vollkommenen Weißen respektiert. Unter der Schminke schlummert der Bastard mit seinen üblen Eigenschaften. Es ist e.n Jammer, w.e die Laster alle bewunderns­werten Eigenschaften des Brasilianers über­schatten. seine Liebenswürdigkeit, Höflichkeit, Großzügigkeit, Geduld, Gastfreiheit. Lebens- fleude, das vorbildliche stolz-bescheidene Verhält­nis zwischen den Ständen und manches andere.

Ist ein deutscher Au.oc zu so h.trnen Urteilen berechtigt? Was geh: es uns an? Ja, die Dinge gehen uns etwas an! Wir haben f a st eine Million Deutschstämmiger hier. Sehen wir zu, wie sie sich bei einem solchen Anlaß verhalten. Die Reda.lion derDeutschen Post" hat Mut gehabt. Ohne Zweifel. Sie war in ihrem Ausdruck denkbar vorsich.ig. Was tut der Verlag? Schlotternden Knies geht er. zur Polizei, leistet Aobi.te, bittet um Schutz. Rasch druckt man einen Widerruf.Man hat die wer­ten Herren Studenten nicht beleidigen wollen, oh, das sei ferne, es fei alles nur ein Mißverständ­nis!" Rasch rasch, wo ist die brasilianische Flagge? Heraus damit! S olz weht sie auf dem VerlagsgebäudeI Run laßt sie kommen! Ja, man hat Stammesbewuhtsein! Und was für eins. Konnte man doch so manchen deutschstämmigen Jüngling in Sav Leopolds und Porto Alegre sehen, der bei dieser Gelegenheit seintreues Bvasilianertum" zu zeigen wünschte!

Ewiger Kri.iler!" ruft mir der Leser zu kannst du nicht auch Gutes berich.en?" Es sei! Also: die gesamte deu sch-bra llianische Presse von Rio Grande do Sul stellte sich sewst- verständlich auf die Seite ihrer deu.schen Kolle­gin und wies in ruhigen, würdigen Worten auf das schlechte Auftre.en der brasilia.tischeä Lands­leute hin. Soll ich die Idealisten kränten? Die Träumer aufschrecken? Es sei! Man lese das Deutsch eBoltsblatt" aus Porto Alegre: Der Artikel der .Deutschen Post' sagt: Rur der Pöbel bediene sich der physischen Kraft, wenn er sonst nicht Wei er komme. Wenn sich die Stu­dentenschaft bei allen möglichen Vorfällen solchen Auffassungen anschließe, sei das zu bedauern, die Ansich'en über Brasilien als Kul.urland würden durch solche Creigni.se ei:en erheblichen Stoß er­halten, das sollte den Hitzköpfen von Studenten.

einer Handvoll junger Leute ohne Verantwor­tungsgefühl. klargemacht werden." DasDeut­sche D o l k s b I a 11" fährt (ort:Diese schnod­drigen Redensarten muß:en in brasilianischen Kreisen mit vollem Recht Entpörung Hervorrufen, sie zeugen inchl nur von maßloser pleberheblich- keit, fonbrrn von einer vollständigen Verkennung der Lage. Die .jungen Leute' von Sao Leopolds haben denn auch den Aräkel der .Deu.schen Post' nicht ruhig ausgenommen, sondern In ihrer Art kräftig daraus geantwortet. Sie brachten dem Blatt eine tüchtige Daia!"

Kommentar? Das .,Deutsche Volksblatt" ist politisch etwas anders einge st eilt als dieDeutsche Post". Unb die anderen Zeitun­gen? Sie geben die tatsächlichen Rachrichten wieder, ohne ein Wort dazu zu sagen. Warum? Soll man auch ihre Redaktion stür­men, wie? Oder sollte man gar den Vorwurf hören müssen, kein loyaler Brasilianer zu sein? Denn wenn ein eingewander^er Brasilianer, gleich welcher Ration er angehört, irgendeine Krillk äußert, ist er kein Brasilianer!

Darf ipan aus solchen Vorfällen allgemeine Schlüße ziehen? Das Deutsch-Brasilianertum ist zum Teil schon Über 100 Jahre an­sässig. Sie lieben die neue Hc'.mat, beim sie ist reich und schön. Sie linb treue Brasilianer. Sie gedenken in Treue der alten Heimat. Denn was sie groß werden ließ, war das, was sie von drüben mitbrachten. Was b ieb davon: ein wenig Häuslichkeit, Familie ein klein wenig Schule, ein wenig beriete deutsche Re igion, hin und wieder deutschbra i ionische Zeitungs'ellüre. Auch das Märchenbuch, denn weiter reicht der Sprachschatz und die Geistesschule nicht mehr. Alles andere der deutschen Kultur: Mu i*. Kunst, Literatur, Heimaussta tuna, Deschäf igung mit geistigen Dingen, Tiefe, Innerlichkeit, Idealis­mus, Mut, Treue, Energie fraß Brasilien. Es blieb: Intelligenz, F'eiß, Sparsamkeit, Geschick- lichlei', Zähigkeit, Organ sationstalent mtd tndu- strie'l? Kenntnis. Dank ihnen wurde dasDeutsch- brasstianertum eine Wirtichaftsmacht.

Ans icherheit ist das Zeichen des Deutfch- brasilianers. Man soll nicht spotten! Man muh erschüttert sein, wenn inan sieht, wie die große Mas e der geistig tätigen Deutscher hier der Kulturdünger eines Volkes wird, das ihnen mit Verachtung dankt. Man muß die Fäuste ballen, wenn man merkt, tote der deutsche Bauer hier der Arbeitsknecht einer Bastardrasse ist, der Urwälder und 3nbu)'trie erschließt und dann als Brasilianer zweiter Kiasse angesehen wird, dem man denAllemano batato" denKar- tof'eldeutschen" verächt ich an den Kops wirft. Glaubt man, daß sich unter solchen älmständen ein selbstbewußter, mutiger, aufrichtiger Volks­schlag erhalten läßt?

Wer Deutschland verlaßt, um dem Partei­kampf zu entweichen, sollte er nicht mit Recht glauben, er könne beim Aus'andd. ullchtum Er­holung finden? O, daß sich niemand täuschen möge! Man reise nur einmal lang am durch deutschbra titanische Kolonien, so wird man e'nen Kampf Unter den Deutschbra ilianern antreffen, so gehässig, daß man sich tausendmal lieber den deutschen Parteikampf gefallen läßt! Wie macht man den Pfarrern das Leben zur Hölle! Wie schindet man den Lehrer, schlimmer als den ärm­sten Lohnknecht! Wie gehässig spricht man hinter dem helfenden Arzt her! Wie ist fast immer der Rachbar ein Betrüger, ein Lump, ein Moral- loser, wie eS keinen schlimmeren gibt! Alles unter Den ts chenl!

Es ist unendlich schwer, sich mit den Hun­derten von Männern in Widerspruch zu setzen, die seit Jahrzehnten oder seit Jahren für das Deutschbra i iancrtum kämpfen. Riemais kann man ihrem Heroismus und ihrem Opfergeist genug Achtung zollen, die in Rio Grande do Sul einen heldenmütigen Kampf führen, damit das Deutschtum nicht verbastardet. Wer wird es jenen Kämpfern verdenken, daß sie nicht mit ihrer wah­ren Meinung herausrücken, mit ihrer Befürch­tung in bezug auf die junge Generation so­lange sie noch einen Funken Hoffnung haben? Aber wer nüchtern nur schaut und betrachtet, der fürchtet für die Arbeit dieser Taperen...

Es leben Tausende unter dm 30 Millionen des unermeßlich weiten Brasiliens, die toif.en, daß

des Autors harte Worte sie nicht treffen. Di« Welt kennt von diesem Staate nurdic Prunk­fassade eines mächtigen Hau es aus schönen und starken Quadern. Der seltene Blick nach innen lehwt, daß dort seit Jahren nicht weiter- gebaut wurde. Das deutsche Kolonistenhaus liegt stattlich vor dir. Trittst du näher, ist-es aus dünnem Holz und nicht tiefer als ein Raum. Rur nach Breit?, nicht nach' Festigkeit und Tiefe stand des Erbauers Sinn...

Vierzehn Tage sind seit dem Ereignis ver­strichen, das Anlaß, nicht Grund war. harte Worte zu schreiben. Zwei Wochen ruht das Manuskript. Küh'en Blutes sei es überprüft. Richts ist hinzuzusetzen, nichts hinwegzustreichen.

Die Vkstetleruna des GewerbedeMebes im Llmherziehen.

Das vom Hes ischen Landtag in der Dezember- tagung angenommene Gesetz über die Besteue­rung des Gewerbebetriebs im Um* herziehen geht auf eine Vorlage der Re­gierung zurück, die diese dem Landtag in der Drucksache Rr.313 gemacht hatte. Zur Begrün­dung wurde regierungssei ig angeführt,die starke Zunahme Der Wandergewerbelr.ibenden läßt den Schluß zu, daß die für Wandergewerbe- 6etriebe ongeforberte Wandergewer e" e.:cr eh:r zu niedrig, als zu hoch ist. Dies trifft ohne Zweifel zu bei den Hausierbelr'e^en, die im grö­ßeren Umfange insbesondere mit Fuhrwerken oder Kraftwagen ausgeübt werden. Eine besondere Stellung nehmen hierbei die Autoläden ein, dabei handelt es sich um solche Fälle, in denen Sinnen mittels Kraftwagen, bi? wie Läden ein­gerichtet sind, ihre Waren an zahlreichen Orten außerhalb ihrer Detriebsstätte zum Verkauf an* bieten.

Rach Angaben interef' ierter Kreise wird ins­besondere von bet ansässigen Geschäfts­welt in Oberhessen lebhaft über diese neu­artige Absahsorm geklagt, dir eine schwere Schä­digung nicht nur für den ortseingesesse­nen Kleinhandel, sondern auch für den Großhandel bedeute, der Info g? dieses Grohhau ierwe'eils einm nicht unerheblichen Aus­fall an Absatz habe. Es muß zugegeben werden, daß dieser Autohausierhandel in wirt­schaftlicher Hin icht zahlreiche Existenzen des Han­dels gefährdet und in steuerlicher Hinsicht Ge­fahren vorliegen.

Dem will das neueAbänderungsgesetz abhel'en. Cs waren im a gemeinen die im Gesetz von 1900 festgesetzten Steuer ä;e mit Ausnahme für Wanderlager trotz der seit die er Zeit einge- tretenen UmtoaUung auf wir schäft iche.n Gebiet unverändert geblieben. Don besonderem Inter­esse sind in dem neuen Abänderungsgesetz die Steuersätze für die Wanderlager, die als ganz besonders schwere Schädigung der orts- ansä sigen G:w:rbetr ibcnlen d r kl i'.erenStäd e und Gemeinden mit Recht angesehen werden. Die Steuersätze für die Wanderlager werden dai> nach geändert, und zwar in Gemeinden bis zu 3000 Einwohnern von seither 83 Mk. in 163 Mk., in Gemeinden über 3300 bis 10 003 Einwohner von seither 120 Mk. in 240 Mk.. in Gemeinden über 10000 Einwohner von seither 150 Mk. in 300 Mk. Dies bedeutet also eine Verdoppe­lung der sei herigen Tarif,ätze. Auch die übrigen berg igen Höchstsätze für das Hau iergewerbe, Detai r.i ende, Siu i auf(ür rungen. Schauste lan­gen u. dgl. sind entsprechen) erhöht worden. In Artikel 4 des neuen Gesetzes ist die Bestim­mung en Hel en, daß di: Wandergeto:rlebetri.<c- mit Kraftwagen, insbesondere di? sogenannten Autoläden, für die Fo'gr durch die allgemeine Wandergcwcrbesteuer. di? bis zu 5203 Mi. erhöht werden kann, zu treffen sind, eine Bestimmung, die im Interesse des Schuhes des ortsansässigen Ge­werbes nur zu begrüßen ist. Zu bemerken wäre noch, daß die mit kleinem Betriebs­kapital arbeitenden Wanberge- werbetreibenden nach wie vor geschont und aus biesenl Gruirdr die für bi? eigentlichen Hausierbetriebe zur Zeit't gen niedrigen An- fangssteuersatze beibehallen worden sind.

Zu Stefan Georges neuem Werl

Von Friedrich Gundolf.

Aach fast zehn Jahre langem Schweigen ver­öffentlicht Stefan George ein neues Werk, die Ernte seiner Gedichte seit dem©Lern des Bun­des", der gerabe vor dem Krieg 1914 erschienen war. Mehrere Gelänge daraus hatte er in den Blättern für die Kunst" oder als Einzeldrucke während dieser Zeit schon vorher zugänglich ge­macht. Das ganze Buch, vermehrt um drei große Dichtungen und einige Sprüche und Lieder, zu- sammenge.aßt unter dem RainenDas Reue Reich", bezeichnet wie jedes Wert Georges nicht nur ein f risches 3ie.cn oder Wittern, sondern eine andere Ebene oder Ordnung seines Schas­sens. Er ist derselbe geblieben als Charakter, als Küirder und als Künstler, der vor bald 40 Jahren die Erringung seiner Sprache begann, mit einer Stetigkeit ohnegleichen in der Ge­schichte deutschen Schrifttums: doch der Wahr- nef mangdftoh. den er mit die fern Charakter durch­drang, leine Merkwelt hatte sich erweitert, be­stätigt, geklärt, und der Dahrnehmungszustanb hatte sich aus dem triebhaft sicheren Ringen des Jünglings, der sich zuerst fast noch ohne andere Welt als seine weltsüchtige und welt- trächtige Seele um deren bildschaffendes Aus- brucksmittel, das unbeftedte, unverbrauchte Wort mühte, über die allmähliche Eineignung geschicht­licher und naturischer ©egenbenbeiten, dann über die geistige Erscheinung des eigenen Lebens und seiner Gaben und Ausgaben gewandelt, bis zur Heimkehr in den Strahlungsraum eines erst er­flehten, bann beschworenen, dann verwirklichten Gnadenbringers. Sein Wahrnehmungszustand wandelte in diesen Jahren von der versunkenen Inbrust eines besessenen Werkers zur fast eis- klaren Helle eines entrückten Sehers.Ihr sehet Wechsel doch ich tat das gleiche" Hai er selbst imZeitgedicht" 1907 gesagt und damit zugleich das Immer-airders-erscheinen und das Richt- Onders-können ausgesprochen, das heißt, das not­wendige Verhältnis des wandlungsfähigen, zu- kunftshaltigen Dichters zu einer alljährlich neu gereizten, zeitverhafteten Menge. Der Wahr- rrehmnngszustarrd, woraus Georges Kunst stammt,

ist mit einem viel mißbrauchten Wort be­zeichnet mythisch, in dem doppelten Sinn: übet- zeitlche Bildwerbung wirklichen Da eins und räumliche Wortwerdung wirllichen Geschehens

Wir grenzen bas Wort ab gegen die Miß­verständnisse, denen es heute ausgesetzt ist, durch Romantik und durch Raturalismus. Das My­thische des Homer, Aeschylus, Pindar, selbst der Ribelungen und des Dante ist nicht im histo­rischen und ästhetischen Sinn des 19. Jahrhun­derts die private Religionsstifterei von Sektie­rern, Schulmeistern und Literaten, die Aufhöhung. Abrückung und Ausschmückung gegenwärtiger Vorgänge mit Kostümen, Attributen oder Be­deutungszeichen früherer Religionen, wie etwa das größte Beispiel WagnersRibelungen" oder ein kleineres das Caesarengetue um Mussolini, oder noch kleinere die zahl- lofen apollinischen oder dionysischen ober buddhi­stischen ober mutterrechtlichen Poeme ber euro­päischen Reuromantik kurz: nichts Mytho­logisches ... auch nichts umgelehrt Mythologisches, z. B. daß etwa homerische Götter als Schweizer Bauern trutzen und knurren wie in Spitte.ers Olympischem Frühling". Mythos ist weder ver- llärende noch verkauzende Romantik aus Sehnsucht nach dem Anderen, Ramn ober Zeit fernen, sondern die Beschwörung der gegenwärtigen Wahrnehmung durch einen gedrungenen, finnen- frischen, hochherzigen Menschen In den Stunden, da seine Atltagsbedürfnisse, die er mit jedem Bürger teilt, seine Rotdurstzwecke und -urteile schweigen vor seiner gesammelten Liebe, Sorge, oder Erkenntnis. Dann fallen von seinen Um­gebungen die Schleier des zweckmäßigen Meinens. Tadelns. Scheinens, und er nimmt sie wahr in dem Licht, kraft dessen er überhaupt wahrnimmt. Wir alle erinnern uns solchen ursprünglichen Sehens aus der Kirrderzeit oder aus Träumen, vielleicht aus den Entzückungen der ersten Liebe nur fehlt diesen Zuständen zum Mythensichti­gen das geistige Bewußtsein, die haltbare Helle, die verewigende BildkiÄft, die dem Dichter als das Wort solchen Zustandes mitgeboren wird. Dieses Sehen und Sagen ist verschieden von der noch so scharfen Beobachtung eines äußeren Mllieus ober von ber noch so feinsinnigen Zer­legung ber Gefühlsabläufe.

Jedes neue Werk Georges enthält bas Ganze feines Daseins und Erkennens, ohne Zuwmchs von Stoffmotiven in einem neuen Licht, auf einer anberen Ebene, in verwandeltem Zustand. Die Motive Georges sind im frühesten, wie im jüngsten Werk, in engerem ober weiterem Um­fang, bumpseren ober deutlicheren Zeichen, kar­gerer oder üppigerer Fassung die nämlichen: das Ringen ber gegenwärtigen Seele um die Weihe des ewigen, allhaltigen und angütigen Gottesbildes im Hier und Jetzt, im schönen Augenblick... der Kampf des lauteren Stolzes und der ergriffenen Andacht gegen die Störungen durch den lärmenden Taumel, die schmutzige Gier und den verworrenen Wahn einer Mit- und Gegenwelt, die entseelte Dinge will oder körper­lose Ideale, Ziele, Prozesse... die großen Ge­stalten ber Dorwelt, die noch mitschafsen am heutigen Tag, oder die schönen, worin er heute die Zukunft schaut, glaubt, zeugt... die Feier der freudigen Mächte, die in heimischer Landschaft ihn sichern, in fremder ihn locken... die Be­schwörung der finsteren Gegenmächte, die heimlich, unterirdisch, verfemt oder drohend das erschlaffte Treiben des jeweils herrschenden auflösen und er­schüttern ... die Winke an die Seinen zur Lenkung ihres liebenden Tuns unb Leibens aus bem Grunde seines Herzens unb aus ber Fülle seines Geistes... die Winke an die Fremden zum Schutz seines ihm ganz eigenen Raumes... die Lieder der trunkenen Einkehr in den holden ober schau­rigen Ru mit Mensch unb Erde ober bes Aus­schwingens in bas verzauberte All.

Der TitelDas Reue Reich" hat einen drei­fachen Sinn: er bezeichnet zunächst den Lebens­zustand des Dichters selbst, die Gesichte unb Gesetze, um bte er von Kind auf erst dumpf ahnenb, bann klar wissenb gerungen von ihnen selbst halb bestimmt, bald gehemmt, bald belüftet, bald erhoben erscheinen ihm jetzt unverbrüchlich gesichert als eine Ordnung seines Willens, durchwaltet von demGott", der ihn ^um Wort berufen, von den Lebenskräften, die m ihm einmalig kundgewordewDas Reue Reich" heißt, daß George wohl noch zu sehen unb zu faaen, doch nicht mehr zu forschen unb zu eifern hat; auch bie Kampfgebichte sink) jetzt unter die gelassene Gewißheit gestellt. Rächst

diesem persönlichen Herrschaftsgefühl weist der Titel auf ein neues Raumgelicht. Wenn der Stern des Bundes" gleichsam den Sinn der von George gewollten Gemeinschaft erhellte, so sam­meltDas neue Reich" ihre Inhalte... und was früher im Wirken gezeigt wurde, das er­scheint hier gewirkt aus der Seele des Sehers, umgefetzt in Gemeinschaftsgesichte. Die Vorschau auch imSiern des Bundes" noch ber ent­scheidende Wille ist hier Lieber schau ge­worden, auch sie nicht willenlos, doch nicht mehr genötigt, eine Ordnung zu schaffen, sondern ge­neigt, sie zu zeigen. Der dritte Sinn des neuen Duchnamens gilt den sinnlich-sittlichen Gewalten selber, bie hier zu Worte kommen und burch ihren Dichter, ihren heutigen Mund, sich bewäh­ren.Reich" heißt also einmal Oebietertum, bann Gebiet, bann Gebot. Wie weit George nach der Lleberwinbung seiner inneren Gefahren, nach ber Eroberung neuer Werkmittel unb Wirkebenen, nach ber Scharung von Jüngern, Anhängern und abhängigen Gegnern, seinem neuen Reich staat­liche oder gesellschastliche Folgen in Zukunst zu- rnutet ober zutraut, ist gleichgültig. Er selbst sagt einmal, jeder wirkliche ilrgebanle eines Menschen fruchtet unaufhaltsam, bis er all seine Kräfte erschöpi't hat. Was imReuen Reich" Georges als Ton, Gebärde, Gestalt. Strahlungs- raum unb Strahlungsstärke heute schon faßbar, unausweislich ober unheimlich da ist, als Zeugnis eines Willens unb eines Wissens, bas trägt die Male eines solchen Llrgedankens nicht einer Formel oder eines Programms oder eines Systems, sondern eines menschgetoordenen Sinnes,

Das Werk ist abermals eine Feier der unsterb­lichen Kräfte von ihren Elementen In der Ratur über ihre Verkörperung in der Geschichte biS zu ihrer Erscheinung in des Dichters eigenem Gemeinschafts- unb Einzeltag, überall zugleich mit der Abwehr des Widergeistes ober Fremb- stoffes, woran ihre Gewalt unb- Gestalt sich trübt ober frischt. Von aller romantischen Ge- bächtnispoesie auf antike, mittelalterliche oder exotische Wunschbilder, von der historMen oder artistischen Trümmerwehmut unterscheidet sich Georges Hymnik. Spruchweisbeit unb Lied durch die stete Inbrunst des Willens, ber sich alle« Ferngesichten leidenschaftlich einverleibt und noch