Nr. 248 vierter Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzekger für Gberhessen)Samstag. 20. Oktober M8
Erinnerungen an Rasputin.
Die verhängnisvolle Nacht des 17. Dezember 1916. — Die Bluttat im Palais Luffupow. —Entdeckung der Verschwörer.
Von Maria Grigorjewna Rasputin.
Copyright
by United Press Association of America. Nachdruck, auch Im Auszug, verboten.
Um halb ein Uhr nachts war mein Vater dem Automobil des Fürsten Jussupow entstiegen und hatte in Begleitung seines Gastgebers den Palast an der Moika betreten. Zwei Stunden später vernahm ein Schutzmann Schüsse und schlug Alarm. 3n diesem Augenblicke lag mein Vater, im eigenen Blute schwimmend, mitten auf dem Hof des Palastes. Was hatte sich inzwischen ereignet?
Damit der seltsame Empfang im Kellergeschoß des Gebäudes, der nach Ansicht der Mörder ihnen die Ausführung des Verbrechens gestatten sollte, ohne gehört zu werden, bei meinem Vater keinen Argwohn erregte, hatte Fürst Jussupow mehrere Tage damit verbracht, diese Räume in einer fast prächtig zu nennenden Art zu möblieren. Das erste Zimmer im Kellergeschoß, das durch eine Wendeltreppe mit dem Arbeitszimmer des Fürsten verbunden war, war mit Perserteppichen und großen chinesischen Vasen ausgestattet worden. Der zweite, größere Raum war als Eßzimmer hergerichtet. Auf dem Tisch standen neben dem dampfenden Samowar, Tassen, Flaschen und Gläser. Die Einrichtung war nicht weniger luxuriös als in dem anderen Zimmer. Antike Wandttsche, Kleinmöbel aus Ebenholz, venezianische Leuchter standen umher. Es war offenbar alles darauf abgesehen, das Interesse meines Vaters zu wecken und seine Aufmerksamkeit für einige Minuten von dem Gesicht seines Gastgebers und den Indizien des Mordplanes abzulenken.
Großfürst Dimitri, Purischkewitsch, Dr. Lazo- vert und Hauptmann Sukotin waren eine Stunde vor meinem Vater angebommen. Die vier Komplizen hatten vor der Abfahrt Jussupows ihre Vorkehrungen überprüft, die Waffen geladen und den Mordplan rekapttuliert. Es war vereinbart worden, daß Felix Jussupow meinen Vater allein empfangen sollte, während die übrigen sich im Obergeschoß aushalten und warten sollten, bis die Reihe zum Eingreifen an sie käme.
Beim Betreten des Haules glaubte mein Vater Stimmen und die Kkänge eines Grammophons zu vernehmen, die gerade aus dem Zimmer kamen, wo Jussupows drei Mitverschworene sich aufhielten.
„Ach so, du hast noch andere Gäste?" fragte er.
„Online Frau hat ein paar Freunde zum Essen bei sich," erwiderte Jussupow, „aber sie werden gleich fortgehen. Gehen wir ins Eßzimmer hinunter und warten, bis sie frei wird und zu unS kommen kann."
Wein Vater folgte dem Fürsten und legte feinen Pelz in dem kleinen persischen Salon ab. Die erste Schwierigkett war überwunden. G r hatte seinen Fuß in die Falle gesetzt.
Purischkewitsch,und Fürst Jussupow haben erzählt, daß die Unterhaltung des Fürsten mit meinem Da'.er f a st eine Stunde gedauert habe, und daß mein Vater beim Plaudern einen ganzen Teller voll Kuchen, der mit Blausäure vergiftet war. gegessen und dabei zwei Glas von gleichfalls vergifteten Madeira getrunken habe, ohne daß er sich im geringsten dadurch unwohl gefühlt hätte. Tatsächlich haben sich die Dinge ganz anders zugetragen.
Es ist möglich, daß die vier Verschworenen in Unkenntnis der Gewohnheiten meines Vaters vergiftete Kuchen hergerichtet hatten. Mein Vater hat sie aber bestimmt nicht angerührt. Er aß niemals Zuckerwerk, und ich habe ihn in meinem ganzen Leben noch nicht in einen Kuchen beißen sehen. Um so weniger kann er, wenn er wirklich einmal von seinen Ger^ohn- heiten abgewichen wäre, in jener Rächt einen ganzen Teller voll Teegebäck und Pettts Fours verzehrt haben.
Geld fällt vom Himmel.
Roman von paul En-erling.
Copyright by Carl Duncker, Verlag, Berlin.
22. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
„j)aben Sie: Glücklich im Besitz schroer und mit Opfern errungenen Wohlstandes?"
„3a, Herr Brodersen." Das kleine magere Fräulein saß am Schreibtisch, dem Zimmer den Rücken kehrend, und bemühte sich, dem Diktat zu folgen. Der Bleistift hatte es nicht leicht, die heftig hervor- gestoßenen Sätze, die plötzlich langen Pausen folgten, auf das Papier zu bringen.
Brodersen ging während des Diktats langsam im Zimmer auf und ab. Die Zigarre saß ihm schief ün Mund. Ab und zu fielen Aschenreste auf den Perser.
„Schreiben Sie weiter: Aber ich war nicht immer reich. An meinem Kinderbett — wenn es ein Bett genannt werden kann, dieser Kartofkelsack voller Laub —, an meinem Bett also stand die Erniedrigung der Armut. Meine Mutter wusch Geschirr im Hotel, ja, sie wusch mit ihren vom Hunger ausgemergelten Händen die fetten Schüsseln der Prasser und Fresser sauber — für andre Prasser und Fresser. Mein Vater war Lokomotivheizer gewesen und bei dem großen Unglück im Zentralbahnhof von Kopenhagen umgekommen; er war zu einem unkenntlichen Brei zerquetscht worden. 3d) kannte ihn gar nicht. Dafür um so besser meine Mutter, meine über alles geliebte Mutter —"
Brodersen ging immer den gleichen Weg, vom Fenster bis zur gegenüberliegenden Tür, die Hände auf dem Rücken, den Kopf vorgeschoben.
Ohne sich umzusehen, fragte das Fräulein vor- sichtig: „Soll ich Treffer* schreiben?"
Mit einem Ruck drehte er sich auf dem Absatz um. „Schreiben Sie, was ich diktiere", schrie er grob. „Das ist 3hre Aufgabe. Nichts andres. Wenn ich gesalbte und geschminkte Worte brauchte, würde ich mir einen Dichter kaufen. Die sind billig genug."
Das Fräulein duckte fid), als wenn sie geprü- gelt würde. „3ch tue natürlich alles nach Ihrem Wunsch", sagte sie zitternd.
In Wirklichkeit hat sich das Drama v iel rascher abgespielt. Mit seinem seltsamen Seherblick, mit der wunderbaren Jntuitionsgabe, mit der er die Gedanken seiner Gespräd)sparlner zu durchschauen wußte, wäre mein Vater ganz gewiß nicht eine Stunde lang mit dem nervösen Füstern Jussupow alleingeblieben, ohne an einen Verrat zu denken, ohne Verdacht zu schöpfen und ohne sich eine Verteidigung zurechtzulegen, zumal er kurz vorher Todesahnungen gehabt hatte und von Pvotopopow und Anna Wirubowa. die beide sehr beunruhigt waren, gewarnt worden war.
Rach meiner Ueberzeugung hat sich Der Mord folgendermaßen zugetragen: Mein Vater hatte kaum das zweite Zimmer betreten, das nur durch zwei vergitterte Kellersenster mit der Außenwelt in Verbindung stand, als auch schon auf ein Zeichen von Jussupow dessen drei Gefährten herbeieilten. Ob mein Vater das Glas vergifteten Madeiraweines angenommen oder ab» gelehnt hat, ist von untergeordneter Bedeutung. Ich möchte indessen fast annehmen, daß er, bereits von einem Vorgefühl ergriffen, den Wein zurückgewiesen hat.
3n diesem Augenblick, während Jussupow seine Aufmerksamkeit au) ein Kruzifix aus Berg- kristall und Silber, das auf dem Kamin stand, zu lenken suchte, hat entweder der Fürst selbst oder einer seiner Komplizen, der hinter dem Vorhang, der das Eßzimmer von dem persischen Salon trennte, seine IDaffe aus nächster Rahe auf meinen Vater abgeschofsen.
Dieser stürzte sofort zu Boden. Er war nur verwundet, wie es sich bei der Leichenöffnung herausstellte. Hatte er in diesem Augenblicke die Geistesgegenwart, sich tot zu stellen, oder war er wirklich ohnmächttg geworden?
Die vier Verschwörer, die zu früh über das Gelingen ihres Verbrechens triumphierten und keine Ahnung von den ungeheuren physischen Kräften und der ungewöhnlichen Willensstärke meines Vaters hatten, waren, nachdem sie sich überzeugt hatten, daß das Herz meines Vaters zu schlagen aufgehört hatte, in das Arbeitszimmer des Fürsten hinausgestiegen, um zu beraten, wie man am besten die Spuren des Verbrechens verwischen könne.
Purischkewitsch machte für den Fall, daß die Geheimpolizisten, die der Person meines Vaters attachiert waren, ihm auch jetzt trotz aller Vor- sichtsmahnahmen gefolgt sein sollten, den Vorschlag, er wolle Hauptmann Sukotin, der einen weiten Pelzmantel an le gen und die Mütze ins Gesicht ziehen sollte, in seinem Wagen mitnehmen und an unserer Haustür tn der Goro- chowaja-Stvaße absetzen, um den Eindruck her- vomurufen, als habe mein Vater lebend den Palast an der Moika verlassen. Erst gegen Morgen sollte ein anderes Automobil, der Wagen deS Großfürsten Dimitri, die Leiche des Opfers zur Petrowsky-Brücke, der vorbestimmten Stelle an der Rewa, bringen.
Während die Mörder so im Erdgeschoß ihre Beratung abhielten und über ihren leichten Sieg jubilierten, hatte mein Vater das Bewußtsein wiedergewonnen, und es war ihm gelungen, sich mit Mühe bis zu der kleinen Tür oben an der Treppe zu schleppen, die unmittelbar auf den Hof führte. Das Knarren der Tür und der eindringende kalte Luftzug wurden ihm zum Verräter. Jussupow erschien in der Tür, und eS kam zu einem kurzen Handgemenge zwischen den beiden Männern. Trotz seiner Wunde behielt mein Vater die Oberhand, und es gelang ihm, sich freizumachen. Jusiupow alarmierte jedoch mit seinem Schreien seine Freunde, die nur durch einen Vorhang von der Szene getrennt waren.
Jetzt begann eine grauenvolle Menschenjagd auf dem Hofe.
„Tun Sie es, und Sie tun wohl daran." Seine Stimme wurde um einen Grad weicher. „Sind Sie übrigens hungrig?"
Sie uerncinte schüchtern.
„3Hre Stimme Hingt aber hungrig. Reden Sie mir nichts dagegen! Ich verstehe mich darauf. Nun, hier können Sie nicht essen. Dies ist hier kein Restaurant. Sie sollen Geld zu einem vernünftigen Frühstück haben, das Leib und Seele zusammenhält. Erinnern Sie mich nachher daran!"
„3ch danke 3hnen, Herr Brodersen." Es war ihr anzumerken, daß sie so was nie wagen würde.
„Fahren Sie fort: Meine Mutter brachte es fertig, mir von ihrem Erlös ab und zu eine kleine Ueberflüffigteit zu kaufen, ein Butterhörnchen oder Roedgroed mit Floede. Schreiben Sie, wie es klingt, es ist ein dänisches Gericht. Weiter! Don dem Essen im Hotel, von all den guten Brocken durfte sie nichts mitnehmen. Die Ueberbleibfel wurden zusammengescharrt und für billiges Geld einem Tierasyl verkauft. Das ist der Grund dafür,, daß ich niemals ein Tier um mich geduldet habe. Ich sah in jedem Hund einen Feind, der mir einst - meine Nahrung roeggefreffen hatte ... Haben Sie zu Hause Tiere?" unterbrach er sich.
Das Fräulein dachte an den kleinen Kanarienvogel zu Hause, aber sie getraute sich nicht, ihn einzugestehen.
Brodersen roartete ihre Antwort gar nicht ab und diktierte unvermittelt weiter. „So wuchs ich heran in Not und Dunkel. 3ch war Zeitungsjunge, dann brachte ich vor dem Schulbeginn die warmen, duftenden Brötchen in die Häuser von Kongens Nytorp und da herum. Es war eine Riesenenergie nötig, um dies Geschäft mit hungrigem Magen zu besorgen, aber diese Energie habe ich schon damals gehabt. 3n meinem Schulranzen stak ja nur ein Stück trockenes Brot, das hart war, ehe ich es zwischen meine Zähne stecken konnte. Aber ich tat meine Pflicht und sammelte jeden Der in eine blecherne Zigarettendose, die ich einmal auf der Straße gefunden. Der Kopf einer Sängerin war drauf, das weiß ich noch. Man darf es mir aber nicht Übelnehmen, daß ich mitunter Die Brötchen beleckte. 3ch wundere mich noch heute, daß ich nicht Darauf gespuckt habe.
„Herr Brodersen!" schrie das Fräulein unwillkürlich auf, aber sie biß sich schon wieder auf Die Zunge und krümmte den Rücken.
Mein Vater, der viel Blut verliert — die Polizei hat große Blutlachen gesunden, von Denen Jussupow behauptete, sie rührten von einem Hunde her, den er mit Revolverschüssen getötet habe —, versucht das Tor des Hofgitters zu erreichen. Die beiden Diener sind herbei- gerilt und schließen sich, mit Knüppeln bewaffnet, den vier Verfolgern an. Vier Schüsse blitzen auf. Mein Vater stürzt zum zweitenmal und fällt wenige Schritte vor der Pforte auf einen Schneehaufen. Diesmal hatte Purischke- witfch geschossen, und seine Unvorsichtigkeit sollte die Täter verraten.
Kaum ist der letzte Schuß in Dem stillen Palast- viertel verhallt, als schon ein Schuhmann am Tore klingelt und höflich, aber bestimmt eine Aufklärung verlangt. Jussupow sucht Die Situation DaDurch zu retten, daß er den Beamten an Das andere Ende Des Hofes führt und ihm erklärt, Daß einer Der Gäste nach einem lustigen Bankett zum Vergnügen mit seinem Revolver in Die Luft geschossen habe. Der Beamte zeigt sich zurückhaltend und mißtrauisch und will sich mit dieser Erklärung nicht zufrieden geben. Da mischt sich P u r i s ch k e w i t s d) ein. Er fetzt alles auf eine Karte und begeht einen getoaltigen psychologischen Mißgriff, indem er, um den Beamten einzuschüchtern, mit lauter Stimme erklärt:
„Hör' mal, mein Freund, weißt Du, wen Du vor dir hast? Ich bin Der Duma-Abgeordnete Wladimir Mitrofanowitsch Purischkewitsch. Zusammen mit diesen Herren habe ich die Kanaille Rasputin aus Dem Wege geräumt. Hüte Deine Zunge, sonst bekommst Du es mit mir und meinen Freunden zu tun.“
Dank dieser Ungeschicklichkeit von Purischkewitsch hatte Die Polizei, die tatsächlich nicht gewußt hatte, wohin mein Vater am Abend gegangen war, bereits am nächsten Morgen Den Zusammenhang zwischen Dem Verschwinden meines Vaters und den Schüssen an der Moika hergestellt.
Gegen Morgen brachte das geschlossene Automobil des Großfürsten Den verpackten und verschnürten Leichnam meines Vaters zur P e - trowskh-Brücke. Bei der Autopsie ist fest- gestellt worden, daß seine Lungen Wasser enthielten, und daß er deshalb, als man ihn in Die Rewa warf, noch gelebt haben muß. Die Strömung hat aber ■ nicht, wie die Mörder gehofft hatten, Die Leiche ins Meer getragen. So kam es, daß man an Der Pettowsky-Brücke Dann das erste schwerbelastende Deweismaberial gegen Den Großfürsten Jussupow fand.
(Schluß folgt)
Kunst und Wissenschaft.
Eine Rolgemeinschasl des Deutschen Schrifttums.
In einer gemeinsamen Sitzung Der Deutschen Schillerstiftung m Weimar und des ReichsverbandeS des Deutschen Schrifttums In Berlin ist Die Rotgemeinschaft Des Deutschen Schrifttums gegründet worden. Die Deutsche Schillerstiftung stellt dabei die bevollmächtigte Vertreterin Der geldwerbenDen Stiftungen Dar. Der Reichsverb and Des Deutschen Schrifttums ist Die Spihenorganisatton Der schriftstellerischen Berussverbände. Wie Die Rotgemcin- schaft Der Deutschen Wissenschaft für die Erhaltung und Förderung Der wissenschaftlichen Arbeit in Den letzten Jahren Entsch idendes geleistet hat, so will Die Rvtgemeinschaft des Deutschen Schrifttums nach ihrer Anerkennung Durch Die Reichs-' unD LandesbehörDen Die Wohlfahrtsarbeit auf Dem Gesamtgebiet des kulturell bedeutsamen schriftstellerischen Wirkens, sofern es sich nicht um strenge Fachliteratur handelt, planmäßig gestalten. Die Aufgabe Der Rotgemeinschaft besteht in Der Hilfe an Der Person Des schöpferischen Menschen unD in Der Hilfe an ihren Werken. Der
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Der Blinde hatte gar keine Notiz von ihrem Aufschrei genommen.
„... Es war die erste große Freude in meinem Leben, als ich von meinem Ersparten meiner Mutter einen wollenen Schal in einem billigen Ramschladen kaufen konnte. Er war rot und grün mit gelben Querstreifen — merkwürdig, wie man solche Kleinigkeiten behält. 3ch sehe ihn jetzt ganz deutlich vor mir. Wahrscheinlich war er scheußlich. Die Aestheten unter meinen Gästen von heute würden sehr in Verlegenheit geraten, wenn sie ihn vor mir loben müßten. Uno das müßten sie ja, solange sie meine guten Weine trinken und mein Geld annehmen ..."
Er stand jetzt an der Tür, lauschte einen Augenblick, riß sie auf und starrte angestrengt hinaus. Dann warf er sie knurrend wieder zu.
„Schreiben Sie: Ich lernte wie ein Teufel, bekam Prämien und freie Mittagstische, gewürzt mit Ermahnungen und Demütigungen. Aber ein junger Lehrer gab mir Bücher. Mich interessierten übrigens nur Sprachen und Reiseberichte. Das erste handelte von einem mutigen Franziskanermönch, der um das 3ahr eintausendzweihundertundfünfzig — also vor Marco Polo — durch Asien wanderte, ungefähr dort, wo in unfern Tagen SvenHedin gezogen ist. Dann ein Buch über die spanischen Konquistadoren. Es war voll Blut und Grauen, vom Triumph der Roheit und der Zähigkeit — es gefiel mir weit besser, dies teuflische Buch, als der Bericht des frommen Mannes, der mit dem Brevier in der Hand auf dem Kamelrücken schwankte. Notabene habe ich diese Wege später auch gemacht, allerdings im Zug ober in einem Reifeauto."
3n den wasserblauen Augen des kleinen Fräuleins schimmerte Bewunderung auf. „Was Sie alles gesehen haben!" seufzte sie.
Brodersen zuckte zusammen. „Gesehen ..sagte er langsam. „Gesehen habe ich, ja. Vielleicht habe ich zuviel gesehen, und bas mußte ich bezahlen." Er ließ sich, wie von einer jähen Müdigkeit überwältigt, in einen Sessel nieder. „Bewundern Sie mich, well ich soviel gesehen habe?" fragte er lauernd.
„Ich bin nie hinausgekommen. Aber mein Sruber ist bis Berlin gekommen." Es klang wie eine Ehrenrettung der Familie.
Er winkte ab. „Weiter! Da ich bei Kerzenlicht nachts las, ist es kein Wunder, wenn meine Augen
Verwaltungsrat der Rotgemeinschaft besteht auS: Hans Marttn Elster, Fritz Engel, Georg Engel, Walter Harlan, Heinrich Lilien- f e in, Werner Mahrholz.
(Erfolge eines Gießener Komponisten auf dem Tonkünstlerfeft.
Aus Der Jublläumstagung Des „Reichsver - bandes Deutscher Tonkünstler und Musiklehrer“ in DarmstaDt kam Anfang Oktober auch unser Gießener Mitbürger, Der Komponist Willi v. M o e 11 e n D o r f f, mit seinem Viertelton-Harmonium zu Worte, und es war ihm auch hier wieDer em großer Erfolg beschieden. ____________________
Wirtschaft.
Oie Vorgänge in der Kaliindustrie.
Zwischen dem Wintershall-Konzern und Der B urb a ch-G r uppe ist eine Abmachung zustande gekommen, wonach Die Bur- bach-Gruppe ihre Wintershallkuxe, Deren Wert beim Erwerb Durch Herrn Korte mit 23 bis 25 Mill. Mark genannt wurde, und der sich jetzt wesentlich erhöht haben dürste, an ein Kon ortium abgibt. Die Wintershall-Gruppe ihrerseits gibt das in ihrem Besitz befindliche Paket an Gum- pel-Werten, die im Gesamtwert niedriger stehen als das Wintershallkuxenpaket, an Durbad) ab. Diese Regelung hat nichts mit der Frage der Winters Hall-Ausbeute zu tun. Aus der neuen Abmachung kommen Mittel herein, De der Beteiligung an der Entwicklung der chemischen und sonstigen Kaltindustre be.r senken Probleme dienert soll. Dir Burbach-Derlreter schei- den bei Wintershall aus. Die sonstige wechselseitige Vertretung in Aufsichtsräten und Vorständen bleibt bestehen. Das Abkommen bedeutet eine entscheidende Klärung der Verhältnisse Wintershnil Barlach, bzw. d:r Herren Rosterg- Wintershall und Karte Durkach, und darü er hinaus eine grundlegende Bereinigung der ve- wickelten Besitzverhältnisse in d r deutschen K li- industrie. Don besonderer Dedeutang ist noch die Ausführung Kortes, daß der Bürbach Konzern die Transaktion tatsächlich nur vorgenommen habe, um sich intensiver mit chemischen Problemen und besonders auch mit Problemen des Mischdüngers befassen zu können. Da sich auch Wintershall und Salzdetfurth stark mit De: Frage Der Kalichemie beschäftigen würden sich in Zukunft in der deutschen Kaliindustrie in der Hauptsache drei in sich geschlossen« Konzerne, nämlich Bürbach. Win e shall und Salzdetfurth, gegenüberstehen. Wie sich das Verhältnis von Wintershall und Bürbach. deren Verhältnis, wie Dr. Korte besonders betonte, nach wie vor ein ungetrübtes ist. zu Der Salzdetfurth- Gmppe gestalten wird, b'eibt abzuwarlen. Bei einer freundschaf lichen Zusammenarbeit zwi'ch n Bürbach und Wintershall haben die beiden Konzerne innerhalb des Deutschen Kali yndikats die ausschlaggebende Rolle. Man darf daher Der Entwicklung der Verhältnisse in der Kaliindustrie hinsichtlich der zukünftigen Bezieh mgen zwischen den trustfreundlichen Konzernen Wintershall und Bürbach einerseits und der ttustfeindlichen Salzdetfurth-Gruppe anderseits gespannt entgegen» sehen.
Wochenbericht
vom Frankfurter Effektenmarkt.
In dieser Woche blieb die allgemeine Dörsen- fbtuation unverändert ungünstig, und die Abwärtsbewegung der Kurse machte auf Den meisten Marktgebieten Fortschritte. Diie Umsahtätigleit wurde eher noch geringer, da das private Publikum in seiner Teilnahmslosigkeit verharrte. Verschiedentlich sollen sogar, wie es in Der vergangenen Woche befürchtet worden war, Verkäufe von Publikums
früh schwach wurden. 3ch mußte schon im zehnten Jahre eine Brille tragen, was meine Mutter viel unnützes Geld kostete. Sonst war ich stark wie ein Satan. Aber das half nichts, als meine Mutter eines Nachts erkältet nach Haus kam. Sie hustete, als ob sie die Seele aus dem Hals husten wollte. Sie verlor Die Stellung im Hotel, und ich rang mit Der Krankheit wie jener in der Bibel mit Gott. 3ch glaube, ich habe damäls sogar gebetet ..."
Das Fräulein mußte lange warten, bis er fortfuhr, und sie tat es, ohne sich umzusehen. Die Stille, die im ganzen Haus herrschte, war so beklemmend, daß sie kaum zu atmen wagte. Es war eine Erholung, wenn von der Straße her eine Autohupe hereinlärmte.
„Sie ist verkommen", diktierte die dunkle, grollende Stimme weiter. „Gestorben, weil ein paar Kronen zu den teuern Medizinen fehlten, die der Arzt, ein eiliger alter Trottel, verschrieb. 3ene Nacht gebar einen Haß in mir, mit dem mein späteres ßeben nie fertig wurde. Er gewann neue Nahrung mit jedem Anwachsen meines Vermögens in spätem Jahren, wie das Raubtier durch Fleischbrocken gierig und kräftig wird. Ich haßte Geld, je mehr davon in meine Hände kam. Ich liebte es vielleicht nur als Mittel zum Zweck meiner Rache. Und nur darum habe ich jene übermenschlichen An- ftrengungen gemacht, die mich in allen Tellen der Welt gefürchtet, also geachtet machten ..."
Wieder Dauerte es eine Weile, bis er fortfuhr: „Nur mit Geld kann man das Geld entthronen. Das begriff ich bald, längst, ehe es mir fanatische Theoretiker mit einem Schwall von Gründen verbringen wollten. Und jetzt ist es so weit. Es soll nicht Ruhe herrschen in den Palästen. Die Peitsche der Sorge soll um die Ohren der Zufriedenen knallen. Aus den Tresoren ihrer gepanzerten Geldschränke soll sie die Verzweiflung ihrer Ohnmacht angrinsen ...
Es gab einen kleinen Knacks. „Mein Bleistift ist abgebrochen", flüsterte das Fräulejg schuldbewußt. „Ich fjole einen andern aus meinem Mantel."
"Nein, es ist genug", sagte Brodersen langsam. „Es ist genug für heute. Sie sind ja auch schon ganz entkräftet." Das Fräulein wagte keinen Widerspruch und sammelte die Notizen zusammen.
(Fortsetzung folgt.)


