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Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

Samstag, 20. Oktober 1928

Räumung und Reparation von Amerika aus gesehen.

Außenpolitische Umschau.

Von Dr. Otto Hoetzsch, o. Professor der Geschichte an der Universität Berlin.

Wir freuen uns, in folgendem unseren Lesern einen weiteren interessanten Aufsatz unseres außenpolitischen Mitarbeiters von seiner Studienreise durch Nord-Amerika unterbreiten zu können.

Washington. Oktober 1928.

Nach wochenlanger Abwesenheit im fernen Westen, der den Fragen der großen Politik und namentlich der europäischen Politik so abgewandt ist, suche ich nun wieder in Washington den Lieberblick herzustellen über die Gesamtlage und Nordamerikas Einstellung dazu. Kellogg-Patt, das Genfer Kompromiß und das englisch- fran­zösische Flottenabkommen sind die alles beherrschenden Fragen.

Für die öffentliche Meinung sowohl wie die politische Welt hier ist das letztere weitaus das Wichtigste. Namentlich seitdem die Indiskretion eines Hearst-Korrespondenten den Schleier etwas gelüftet hat. Es sei festgestellt, daß weder aus England noch aus Fraickreich. gegen diese Ver­öffentlichung die Behauptung erhoben wurde, sie sei nicht richtig. Sie ist ganz offenbar richtig. Lind nun siqht die politische Welt hier, daß Frankreich und England unter sich einen Nichtabrüstungspakt festlegen, in einem Geschäft, in dem England seine Handelsflotte für militärische -Zwecke und Frankreich seine aus- Mbildeten Reserven sichergestellt werden. Die Disziplin der leitenden Kreise ist groß genug, nach außen nicht erckennen zu lassen, wie stark d i e Niederlage des Präsidenten Evo- lidg« und seiner Partei hier empfunden wird und empfunden werden muß. Nicht nur das, son­dern Amerika wird auf diese Weise isoliert und mit großem Geschick geradezu in die Rolle geschoben, daß es an dem Scheitern der Abrüstungsbewegung schuld sei. -Zwi­schen den Zeilen, aber deutlich genug, spricht die amerikanisch« Note an England und Frankreich das auch aus. Aber man begreift, daß die leiten­den Kreise keine Lust haben, jetzt im Wahlkampf aller Welt zuzugeben. daß Eoolidge eine Ni^er- läge erlitten hat.

Weniger direkt berührt fühlt man sich durch die Genfer Vorgänge. Aber immerhin:jene englisch-französische Fühlungnahme und das da­durch hier entstandene Gefühl bewirken, daß die Genfer Verhandlungen auch hier ähnlich ausge­nommen werden. Man sieht, daß Frankreich auch Driand, der als Friedensapostel grll jede verständige Regelung verhin­dert und daß Deutschland seinersells das Men­schenmögliche getan hat, sowie daß es mit seinen Forderungen auf Abrüstung und Räumung ab­solut recht hat. Man steht den Genfer Angelegen­heiten an sich zu gleichgültig gegenüber, um sich ein Llrteil zu bilden, ob Deutschiland in Genf richtig gehandelt habe oder nicht. Der deutsche Beobachter draußen, der alle diese Meinungen und Stimmungen auf sichs wirken läßt, fühll dafür um so stärker das Fiasko in Genf, die deutsche Niederlage dort.

Eines aber aus den Genfer Verhandlungen, die sich so tot liefen unö naturgemäß in Amerika die Begeisterung für den Vollerbund nicht zu- nehmen lassen, interessierte doch etwas mehr. Das war die Tatsache, daß man in Genf d i e R ä u m u n g s f r a g e und die Repara­tionsfrage miteinander verknüpft hat. An sich geht aus dem Kommunique eine solche Verknüpfung nicht hervor. Aber jedermann sieht diesem Kompromiß an, daß beides miteinander verbunden ist oder anders ausgedrückt: daß sich Frankreich die vorzeitige Räumung extra bezahlen lassen will, und natürlich weiß man, was Frankreich dabei im Auge hatte: weniger die allgemeine Schuldsumme, über die ja das Abkommen immer noch aussteht, sondern d re 400 Millionen Dollar franzö­sischer Verpflichtungen, die im nächsten Fahre unter allen Llmständen fällig werden. Dafür hätte man natürlich in Frankreich gerne

ohne eigene Anstrengung das bare Geld aus Deutschland.

Also noch einmal Thoiry! Lind noch einmal also das Geschäft zu zweit auf Ko st en eines Dritten, den man vorher nicht fragt. Denn um alles in der Welt: die Dinge liegen doch so höllisch einfach I Frankreich will von Deutschland früher eine größere Summe, um sich damit die Räumung bezahlen zu lassen und um selber damit Amerika zu bezahlen. Das Geld kann, mit der sogenannten Kommer­zialisierung der deutschen Schuld, nur aus Amerika kommen. Amerika soll also Geld borgen, um sich selber damit zu bezahlen. Das ist an sich schon widersinnig, aber in jedem Falle ist eine solche Regelung doch gar nicht möglich, ohne daß Nordamerika dabei befragt würde. Aus der Ferne fängt man wirklich an zu lachen, wenn man liest, daß man nun Sachverständige berufen will, die tfa Reparationsfrage weiter­schieben sollen. Das kann und das wird besten­falls theoretische Arbeit sein. Wahrschein­lich aber wird gar nichts herauskommen. Lind für diesen Nichtvorteil hat Deutschland wenigstens die Bereitschaft zu Zugeständnissen in puncto der also immer noch nicht befriedigten Sicherheit und

Kontrolle erklärt, die gefährlich werden kann.

Es war schon Schaden genug, wenn die dies­malige Genfer Verhandlung völlig unergiebig blceb. Aber in dem Kompromiß stecken Gefah­ren, die um so schärfer hervorgetreten, je weiter entfernt man diese Dinge sich fortwährend durch den Kopf gehen läßt. Es wird -Zeit, daß nach diesem Fiasko nun gründlich nachgedacht wird, ob nicht eine andere Anlage der deut­schen Außenpolitik in diesen Fragen not­wendig wird. 3n jedem Falle halte man sich vor Augen, daß eine Behandlung der Reparations- frage ohne Amerika einfach verlorene Zeit ist. und daß Amerika, worunter wir sowohl die finanzielle Welt wie die politische Führung verstehen, sich seine Gesichtspunkte in der Be­handlung der Reparations- und der Schuldfrage ganz bestimmt nicht von den anderen vor- schreiben läßt. 3m Gegensatz zu Frankreich, das dies will, hat Deutschland den großen Vor­teil. daß seine 3nteressen der amerika­nischen Einstellung entsprechen. Dar­aus ergibt sich ohne weiteres, wie verständiger­weise von unserer Seite die Reparationsfrage weiter zu behandeln ist.

Oie Zukunst der Weltwirtschaft.

Am Ende der kapitalistischen Wirffchastsepoche. - Oie wirtschaftliche Autarkie der überseeischen Länder. - Folgerungen für Europa: Einschränkung der Industrie­produktion, Förderung der Landwirtschaft.

Von Dr. Werner Sombart, o. Professor der Volkswirtschaff an der Universität Berlin.

Der berühmte Geschichtsschreiber des Kapitalismus legt in diesem ses'elnden Auisatz seine originelle Auffassung von der künftigen Entwicklung der Weltwirtschaft dar.

Der Wiederaufbau der deutschen Wirtschaft, von dem Europas wirtschaftlicher Wiederaufstieg in starkem Maße abhängt, wird entscheidend durch die La st der Daweszahlungen erschwert. Obwohl die deutsche 3ndustrie in den letzten 3ahren eine durchaus erfreuliche und ziemlich schnelle Wiederbelebung erfahren hat, ist Deutschlands Außenhandelsbilanz noch immer passiv. Deutschland kann, so­lange seine Außenhandelsbilanz Pa siv bleibt, ohne die Gefahr einer Geldentwertung zu lau en, keine Reparationszahlungen leisten, wenn dem Transfer der Reparationszahlungen nicht ent­sprechend hohe Auslandlrediie g genüberstehen. Tatsächlich hat Deutschland, feit der Dawesplan ins Leben gerufen wurde, über 1 Milliarde Reichsmark mehr an Dar'ehen aus dein Aus­lande erhalten, als es selbst unter dem Dawes- Programm gezahlt hat. Wenn es Deutschland nicht gelingt, seine Außenhandelsbilanz aktiv zu gestalten, muh die Lage früher oder später kri­tisch werden. Für eine Aktivierung seiner Han­delsbilanz besitzt Deutschland aber zur Zeit wenig Aussichten. Der deutsche Außen­handel kann nur ins Gleichgewicht gebracht wer­den. wenn Deutschland in die Lage verseht wird, seine Ausfuhr zu steigern. Dies kann andererseits nur geschehen durch eine Vermin­derung der Produktionskosten, die vor­nehmlich auf dem Wege einer Lohnherab- sehung erfolgen muh. Das bedeutet inöef'en allgemeine Verarmung und infolgedes en einen weiteren Rückgang der Konkur­renzkraft der deutschen 3ndustric.

Es ist klar, daß der Fluh ausländischer Dar­lehen nach Deutschland sei es für private oder für öffentliche Zwecke eine Lettensnot­wendigkeit des heutigen Deutschlands ist, solange es Reparationsleistungen zu machen hat. Wie also wird Deutschlands Lage in einigen Fahren sein, wenn es sich unter Zahlung weiterer Re­parationsleistungen auf eine bisher noch nicht, festgelegte Summe hin im Auslande in noch weit höherem Maße verschuldet? Der gegenwärtige Ausb.ick ist in der Tat beunruhi­gend, und es ist außerordentlich schwer voraus­zusagen, wie die sich darbietenden Schwierigkeiten

überwunden werden sollen. 3eder unparteiische Beobachter muh zu dem Schluß kommen selbst wenn er nur oberflächlich zu dem Problem Stel­lung nimmt, daß die Neuordnung der Kriegsschulden eine gründ.ctzliche Vorbe­dingung für den Fortschritt Europas ist.

Soviel über Deutschlands Scnderproblem. Es gibt indessen eine Reihe we'terer typisch euro­päischer Probleme, die durch den Weltkrieg zwar nicht ausgelöst, wohl aber durch ihn mehr betont wurden.

3m Laufe des 19. 3ahrhunderts erlebten die westeuropäischen Staaten infolge eines eigen­artigen Zusammen refs.ns verschied, ner be'onders glücklicher Llmstände einen erstaun.ichen wirt­schaftlichen Aufstieg. Die Bevölkerungsziffer stieg um das 2^/zfache und das gesamte West- e u rop a wurde sozusagen eine ungeheure 3 n d u st r i e st a d t, um welche sich die anderen Teile der Welt gruppiertem Diese Stadt wurde reicher und reicher und ihr ganzer Reichtum wurde nur dazu benutzt, um andere Teile der Welt zu erschießen. So wurde Europa wohl­habend, aber die Bauern des Hinterlandes blie­ben hungrig.

Das 20.3ahrhundert hat große Wandlun­gen gebracht, und die Lage der europäischen Wirtschaft wird wahrscheinlich in nächster Zu­kunft noch weiteren Deränd rangen unterworfen fein. Alle Länder außerhalb Europas streben nach einer wirtschaftlichen Autarkie, um sich aus der wirtscha tlichen Llmklarnmerung Europas zu lösen. Dte alte Welt wird demgemäß gezwungen fein, sich mehr und mehr auf sich selbst zurückzuziehen. Sie wird bestrebt sein sen. ihre Bedürfnisse fo weit als möglich in ihren eigenen Grenzen sicherzustellen. Wahr­scheinlich wird die landwirtschaftliche Produktion des fernen Ostcns und der neuen Welt allmählich auf den Llmfang des eigenen Konsums zurückgehen, während sich die 3 n d u - strieproduktion jener Gebi te mehr und mehr heben wird. Europa wird sich demzufolge bemühen müf en, feinen Nahrungsmi telbedarf mög ichst auf eigener Scholl e zu erzeugen. Es wird ferner durch den allmählichen Ausfall überseeischer Märkte, gezwungen fein, feine In­dustrieproduktion mehr und mehr ein» zuschränken. 3n allen Teilen der Welt wird sich das Streben nach einer möglichst weitgehen­den Selbstgenügsamkeit bemerkbar machen, und zwar außerhalb Europas zum Zweck der Er-

Landschaften des Weines.

Von Anton Schnack.

Weingarten bei Lana.

Das wckr an jedem Morgen: Vögel kamen schon aus den Trieben, die Kröpfe vollgepfropft. Gin paar leichte Nebelwollen rollten um die Gebirgsstöcke.

Lieber den Grasweg war das Lattercholz ge­spannt. über das die Zweige mit blauen Perlen niederhingen. Denn die blaue Traube ist das Charakteristische der Südtiroler Weinberge.

Ein alter Wächter mit graugrünem Hüt'l, weißem Bart und einem Stock in den Händen, kam die Dergleite herauf.

Gottvater schien durch die Weinberge zu gehen.

Wekn von Terlan.

Es läutet Abend. 3m Gebirge ist alles Stein. Dre Leiten der Stöcke sind lang und erzeugen Edles. Es ist ein gnädiger, betörender Trunk: deine Trauer^ wird von ihm gemildert...

Es war ein 3ahr, da gab es eine furchtbare unö sengende Sonne. Als ich damals den ein­samen Hof betrat, hingen die Trauben in weißen Ketten, mit Goldglanz und Braun auf den Backen...

3ch kam wieder an einem blassen undurch­sichtigen Herbstnachmiltag. Schwermüttg und fertig lag die Landschaft. Lieber die Steinnasen der Berge zogen Wolken. Es waren Augenblicke vor dem Regen. Er konnte beginnen und die Land­schaft noch leiser und gedämpfter machen. Die Bäuerin staird am Herd und röstete Mehl. Die Äinöer spielten mit dem Hunde int Hof.

Ein Goldsch-immer durchlichtete die runden und großen Beeren der Straußen. Man sah die Kerne gleich Perlen durch die dünne Haut schimmern. Es mußte einen weihen Wein geben, der das Blut verrückt machte.

Der Dauer sagte:Morgen fangen wir zu schneiden an."

Es regte sich nichts ringsumher. Es war eine Totenstille.

S t. Magdalena.

Es war ein üppiger und großer roter Tiroler Weinstock, der an einer Riefenstange gezogen war und wie eine halbe Laube über den Weg schattete. Er schien mir, überladen von Beeren, als eine Brust, die sich allen darbietet. Da greift. Dorübergehende. Bauern und Händler, Dunkel­häutige intö Nordstämmige, Dögel und Kinder- händ«!

3ch stand auf der Leiten, wo sich die Linien der Gärten hinzogen. 3ch fraß von den Beeren, die mir ins Gesicht hingen. Sie waren warm von der Mittagssonne. Dor mir stieg sie über die Feuermauern des Rosengartens in die Tiefe. Purpurn und feuerrot war das große Gebirge.

3rgendwo in der Tiefe muhte der Eisackfluh durch das Gestein poltern: denn da kam ein fahler Wasserdunst in die Luft.

Edle Zecher der Welt: ich sah euch neben mir stehen und anbeten die Feuerhügel von St. Magdalena, 6t 3ustina Karneid und Steinegg.

Die Luft war dick und süß. 3n den funkelttden Beeren hing das Angesicht Gottes.

Weinpergel bei Bozen

Leise knarrte die Lattentür in der weißen Kalk- mauer. Mitten auf dem Grasweg lag im August der alte Winzer und schlief. Der Pergel war gezogen wie man den Wein fast nirgends zieht: es war ein gewaltiges Gewölbe und im Sommer, wenn das Weinblatt prächtig und breit war. schien kein Fetzen Blau hindurch. Stock war an Stock. Traube hing an Traube.

Pan. Bacchus und Silen hiellen sich hier am liebsten auf.

Rausch von Dürkheim.

Bevor die Ernte beginnt, mitten in der Reife der Trauben, haben die Pfälzer ein Fest: den Murstmarkt zu Dürkheim. Don der Rheinebene herüberkommend, sieht man die kleine Stadt zwi­schen Weinhügeln und Wald versteckt. Lieber eine Woche lang dauert dieses Fest, das mit gewal­tigen Räuschen gefeiert wird. 3m Dialekte der Pfälzer heißt es:Seriemer Worschtrnarkt"!

Da lassen sie auf einem Weinfaß einen trun­kenen Bacchus tanzen, der aus einem Kruge Wein in die Menge schüttet. Don Arm zu Arm schlingen sich Ketten roter Würste. Vielleicht find

diese Tage mit einem Dacchussest der Römer verknüpft.

*

Fruchtbar ist _ diese Landschaft an Wein: Wachenheim, Königsbach, Forst, Deidesheim, Gimmeldingen, Herxheim, Llngstein, Freinsheim unö Karlstadt, hundert glühende und üppige Tränke kocht die Sonne cxn den Hängen der Haardt.

Gerne hätte ich dort ein Wingerthaus und einen Keller voll Fässern und Flaschen. Wie hold ihre Namen sind: Wachenheimer Mander- garten, Dürkheimer Schenkenbühl, Alsterweiler Heldenpfad. Gimmeldinger Schild. Heilsbrucker Kirchgarten und Dürkheimer Feuerberg. Lauter Gedichte. lauter Hymnen, lauter Rauschgesänge I

Hänge Bei Hammelburg.

Dom Grund der Fränkischen Saale steigen Kalk- und Keuperberge an. Da gedeihen an den kleinen steinigen Flanken Trauben, die einen duftigen Wein schenken.

An der Straße, die meine 3ugend ging, war altes Holzgeländer. 3ch nannte die Hügel Raben­berge. weil Wotansvögel dort in Geschwadern hausten. Aus den Hügelrücken gab es unzählbare Wacholderbüsche. Wir pflückten die blauen Beeren im Spätherbst und warfen sie auf die glühende Ofenplatte.

Als ich ging, war kalte Oktoberfrühe. 3m leisen Gespinst der Rebel rollten die Ochsenwagen mit den Kufen.

3m Flusse hatten wir die wllden Barsche noch vor kurzem gefangen. Kaltes nordisches Geflügel sah im trockenen Rohr. Die 3äger zogen einen Graben entlang und schossen manchmal.

Lieber den Rand der Kufe, die mit halb­zerstampfter Traubenmaische angcfüllt war. Beugte sich ein aller Mann, dessen Wangen rot tone Zinnober waren. Es war der Herr des Wein­berges. Herr 3osef Erletoein. Er hatte während seines Lebens schon viele tausend Lrter getrunken. Er freute sich auf den neuen Wein, der in der Kufe schwamm und nach Zimt, Ginster, Kleeduft und heißer Erde roch.

WürzBurg.

Nichts werde ich vergessen, den Main nicht, nicht die Spitzen der Kirchtürme, des Gesumme

Daten für Sonntag. 21. Oktober 1928.

Sonnenaufgang 6.33 Uhr, Sonnenuntergang 16.56 Uhr.^Mondaufgang 14.15 Uhr, Monöuntergang

1790: der Schriftsteller Alphonse Marie Louis de Lamartine in Milly geboren; 1805: der englische Admiral Nelson fällt bei Trafalgar; 1833: der Chemiker Alfred Nobel, Stifter desNobelpreises" in Stockholm geboren.

Talen für Montag, 22. Oktober 1928.

Sonnenaufgang 6.35 Uhr, Sonnenuntergang 16.54 Ußr. Mondaufgang 14.49 Uhr, Monduntergang

1811: der Komponist Franz von Liszt zu Neiding in Ungarn geboren; 1869: der Tierbildhauer Aug. Gaul in Groß-Auheim geboren.

öer Glocken, die diamantene Luft. Vor dem Wein- Berg. den ich Betrat, stand eine Marienstatue. Sie trug ein weißes HäuBchen, da die Vögel sie Be­kleckert hatten.

Ein Mönch wog eine TrauBe in der Hand und lächelte...

Treppe Bei Klinge no er g.

Nuch hier geht der Main im Tal. eine rote Drücke überspannt ihn, ein weißes Floß schwinnnt aBwärts.

Ein Blick nach oben: eine Schlange von rosanen Kopftüchern blüht am Berg; das sind die Frauen m den Lesezeiten. Ein Schuh knallt in dec Höhe: aufgescheucht zieht eine braune Starenkette den Weg hinunter. Eine Rauchsäule steigt kerzen­gerade in den Nachmittag; ich stehe dabei und schüre ein Feuer aus Weinbergslatten. Stein heißt die beste Lage. 3ch habe von ihm geturnten. Ms die Mitternacht vorbei war. lag ich unter dem Tisch

Hochschulnachnchien.

Amtlich werden die Ernennungen des Privat­dozenten Lic. theol. Gottfried Quell von der Llniversttät Leipzig sowie des Privatdvzenten Dr.jur. Erik Wolf von der Llniversttät Hei­delberg vom 1. Oktober 1928 an zu ordentlichen Professoren an der Llniversttät Rostock be­stätigt. Lic. Quell wurde das Ordinariat der all- testamentlichen Theologie an Stelle von Prof. Friedr. Daumgärtel übertragen, während Dr. Wolf Nachfolger des verstorbenen Geh. 3ustizrats Wachenfeld auf dem Lehrstuhl für Strafrecht, Strafprozehrecht und Zivilprozeßrecht wurde.

Ernannt wurde der a. o. Professor an der Uni- Derptät und Technischen Hochschule in Breslau Dr. Bruno Dietrich vom 1. Oktober 1928l an zum ordentlichen Professor für Wirtschaftsgeographie an der Hochschule für Wel'^andel in Wien als Nach­folger des verstorbenen Professors F. Heiderich. Der durch die Berufung von Professor E. Schrödin­ger nach Berlin an Der Universität Zürich erledigte Lehrstuhl der theoretischen Physik ist dem ordent­lichen Profesior Dr. Gregor Wentzel an der Uni­versität Leipzig unter Ernennung zum ordentlichen Professor übertragen worden.

zielung eines höheren Lebensstandards, innerhalb Europas aber durch die erzwungene Anpas ung an veränderte Llmstände. Die landwirt­schaftliche Produktion muh d.mzufolge m ganz Europa gesteigert werden.

Diese große Wiederbelebung der europäischen Landwirtschaft wird dem Bauern eine wett größere Bedeutung für die allgemeine Volkswirt­schaft geben, als dies bisher je der Fall getee'eit tfc Obwohl der Dauer der Zukunft sich stark von dem uns jetzt bekannten Dauerntyp unter­scheiden wird, so wird er sich doch niemals einem kapitalistischen oder sozialistischen Produktions- system unterordnen Wo immer sie hoch ent­wickelt ist, neigt die landwirtschaftliche Produk­tion mehr und mehr dem Genossenschafts- s y st e m zu. Das ist auch einer der Gründe, wes­halb das Genossenschaftssystem in der Zukunft noch stark an Bedeutung gewinnen wird.

Die tiefgehende Umwälzung des gesamten Wirlschastslekens. d'e im 19. 3ahrhundert ein- setzie,_ die Revolution erung der Technik und der geschäftlichen Organi'ation, kurz de ganze Zeit­spanne tiefgehender Wandlungen in allen Aeuste- rungen menschlicher Betätigung nähert sich ihrem Ende. Noch werden wir einen weiteren Fort­schritt erleben. Tie er Fortschritt wird j doch in einem weit ruhigeren Tempo vor sich gehen als früher. Mles wird mehr nach Stabilisierung als in Id er Richtung revolutionärer Derbesse- rungen streben. Tie Bevolkerungsztttec der ein­zelnen Länder Westeuropas wird mehr und mehr stationär werden, die Produktionsmethvden wer­den sich nicht von heute auf morgen verändern und die großen Km junk urschwa ku-gen allmäh­lich verschwinden. Der Prozeh einer zunehmenden Dergeistigung der Produktion wird jedoch bestehen bleiben.

Heute erkennen wir bereits, daß sich die Herr­schaft des Kapitalismus ihwem Ende nähert. Ein neues Wirtschaftssystem hebt sich in t>en Llmrisfen bereits erkennbar am Horizont ab. Der Kapitalismus, jener wund:roorste Vorgang der Menschbeitsge'chichle, das erstaunliche Wun­der^ menschlicher Betätigung, das wir nie ganz verstehen und in dem riesigen Ausmah seiner Organisatton nur fühlen können, ist auf einem Punkte angelangt, wo er einem Mann in den späten vierziger Fahren gleicht. Ein solcher Mann besitzt zwar noch erhebliche physische Kraft und noch von Natur aus eine ziemliche Aktivität, er kann jedoch das Gefühl einer ge­wissen Müdigkeit nicht mehr unterdrücken. Er ist ruhiger, bequemer seßhafter geworden. So wird imf-r? gan e Wir schäft allmählich ruhig r werden. KLn einz l es Wirtschaftssystem w rd herrschen. Der kapiia i ische Llntern hm. n s' _ st wird etwas von seiner Bedeutung verlie' en. während die Landwirtschaft, das Hand­werk, das Genossenschaftssystem ui.d das halböf entliche Llnternehmen an Bedeutung gewinnen werden.

Für die Nationen Europas wird sich aus dieser Entwicklung eine gewisse Schwierigkeit er­geben. den durch die revolutionäre Periode Les Kapitalismus eingeführten hohen Lebensstanl ard aufrechtzuerhalten. Lim dies bei ihrem gleich­zeitigen Autarkiestreben zu ermöglichen, müssen die kontinental europäischen Länder immer mehr anein anderrücken und eine gemeinschaft­liche Basis für ihre gegenseitigen wirtschastl.chen Beziehungen finden.