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Nr. 222 Zweites Blatt

Siegener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen) Donnerstag 20. September (928

Keine falschen Hoffnungen!

England- Ahcinlandpolitil im Pariser Fahrwasser.

(Bon unteren E. F ./Beriet er (tatter.

'Xtidibrad. auch mit Quellenangabe. verbotenI

London. Mitte Orolember 1928.

3n den letzten Wochen Haden sich einige eng- lisch« Plätter da» R-ert-icnh erworben, die Rhein- landsrage in systcmattscher und Harcr Behand­lung einem Xeil der englischen Oeisentlichkeit uneber etwa- nährizubringen Die Entrüstung, die die Teilnahme eines englischen Kavallerie-Regiment» an den M a- ndvern der Besatzungsarm ee in Deutschland hervo^gekulen hatte, bot den Anlaß zu dieser Kampagne. Wan muh aner­kennen. doh sich einige Blätter, unter ihnen in erster Linie der .Manchester Guirdian" beträcht­lich« Mühe gaben, die llnhaltbarkeit der Be­satzung vom rechtlichen wie moralischen Stand­punkt au- nachzuweisen und die britische Oeisentlichkeit darüber auf zull ren, dah die eng­lisch« Teilnahme an Besatzung und Wanovern durch den schmeichclhasten Hinweis auf den guten Eindruck dec brittschen Truppen im Rheinland nicht restlos abgetan ist. Insofern war diese Kampagne zu begrüben, als sic auch konservative Organe nötigte, von ihr Kenntni» zu nehmen, toerm auch teilweise nur in abwehrenden Ar­tikeln. Sine rühmliche und sehr bemerkenswerte Ausnahme mad>tc kürzlich die angesehene konser- vattve Wochenschrift .Spectator". die in einem überzeugenden Artikel nachwies, es könne gar keine Rede davon sein, daß man in Deutschland die Anwesenheit englischer Truppen aus deut­schem Boden als einen besonderen Glücks soll betrachte und die aus der gegebenen Lage den Schluß zog. daß die sosortige Zurück­ziehung Der britischen Truppen b i e einzige A l tern ative für die britische (Regierung sein könne.

Den erzieherischen Wert dieser Feststellungen für einen weiteren Kreis der englischen Deffent- lichkeit wird man auch au1 Seite aner­

kennen und dafür dankbar sein, da offenbar heute auch in England ein gewisser Wut dazu gehört, ungern gehörte Wahrheiten zu vertreten. Der Ginslich dieser Stimmen auf die Haltung der englischen Außenpolitik bleibt aber durchau» unsichtbar Die offizielle Agentur hat aus die Beschwerden über die Teilnahme eines eng­lischen Äabülterie-Rcgiment» an den Wanovern mit einem liebevollen Bericht über den ..herz­lichen Empfang" der britischen Husaren in Trier geantwortet, und die ohiyöfe Presse hat sich mit der abgegriffenen Erklärung der Rvtwendig- feit des manövermäßigen Training» in großen Verbänden geholfen Und der Weisheit letzter Schluß blieb hier wie immer, daß doch gar fein Grund zur Beunruhigung bestehe, und daß btt englische Politik unverändert fei. Die Haltung in dieser, an sich nicht einmal so wich­tigen Frage war als Auftakt für die späteren "Räumungsverhandlungen von symptomatischer "Bedeutung Aber die englische Politik hatte kurz vorher schon ihre Stellung für diese Ver­handlungen definiert. Am 18. Juli erklärte Chamberlain Im Unterhaus, die britische "Re­gierung schließe sich dem vom deutschen Reichs­kanzler 8um Ausdruck gebrachten Standpunkt an, daß das Rheinland vor Ablaus der im Ver­sailler Vertrag sestgesetzten Frist geräumt werden sollte. Gr fügte aber einschränkend hinzu, dah er nicht glaube, daß die britische Regierung gegenwärtig irgendwelche nützlichen Schritte in dieser Angelegenheit hm könne und beantwortete eine weitere Frage, ob Großbritannien nicht durch Zurückziehung seiner Truppen vor aller Welt ein gutes Beispiel geben könne, dahin, daß die alleinige Zurückziehung der britischen Truppen die Angelegenheit nicht bereinigen könne. Am gleichen Tage erklärte Ehurchill, di« britische Regierung fei bereit, irgendwelche Vor­schläge für die Endregelung der deutschen Re-

Das Stadttheater in der Spielzeit 1928/29. Dramaturgisch ist au dem Gpiclplan zu be­merken. daß er vor allem in gemäßigten Grenzen versucht, in das moderne Theater einzusühren. (Natürlich bleibt em rein klassisches Repertoire bestehen. Aber auch das soll durch die Art der Inszenierungen neuzeitlich gestaltet ©erben und dramaturgisch fortschrittlich sein.

Ein klastischer Genius wie Büchner, der mit Gteß»n durch seinen dortigen Aufenthalt eng verknüpft ist. muß endlich in den Spiclplan des Stadtthcaters auf genommen werden. Dieser erste Versuch einer theatralischen Würdigung Büchner- in Gießen wird mit seinem Lustspiel .Ceonc; und Lena" ober mit seinem dramatischen Fragment ^Woyzeck" gemacht. Profestor Dr. "Bieter hat die dramaturgische Einführung übernommen. Lessings 200. Geburtstag be­gebt daS Theater mit einer Fest auf führung des dramatischen Gedichtes .Ralhan der Wei e". Den Ratban spielt Dr Ludwia Wüllner als Gast, einer der besten Rathan-Darsteller Deutschlands. Zu Beginn der Saison kommt Shakespeares .Richard III." (Regie Intendant Dr. Prasch» heraus. Für den Laus der Spielzeit ist Shake­speares Lustspiel .Watz für Maß" oorgeeben. Aus der Spi-Iaufstcllung der K'as iker sind ferner u. a. folgende Werke fcreit» feft gelegt: Schil­ler. .Don Earlos". Selber on, .Dame Ko­bold". Euripides. .Trverinnen" (Rachdich­tung von Franz Werf elf.

Das Drama .Und daS Licht scheinet in der Finsternis" von Leo Tolstoi (zum Gedenken an Tolstois 100. Geburtstag» nimmt b.e literar­historische Zwi'chenftellung zwischen klastischer und neuzeitlicher Theatrr.ileratur ein.

3m zeitgenössischen Spiclplan gebent man vor allem frcs kürzlich verstorbenen K l a b u n b. Seine letzte Dichtung .Kirschblütenfest" (.Die Liebe auf dem Lande" kann nicht als Dichtung bezeichnet werden» wird mit der Wusik von Ernst T o ch. einem Führer der modernen Musik- betoegung. am 2. Oktober zur Eröffnung der Winterspick-eit aufge'ühri.

Die Theatcrwelt fci?rt im kommenden Winter den 50. Geburtstag eines feiner fähigsten und vorstohendsten Dramatiker. Georg Kaisers. Iehner eröffnete vor einigen Tagen die "Berliner

parattonsverpslichtungen zu prüfen, vorausge­setzt. daß knete Vorschläge bi« britischen Rechte und Interessen wahrten Ein Schritt der briti'chen Regerung lommc nicht in Sraac

Auf Grund b.der Erklärungen. die die Grund­lage für de Haltung der brtiSben Delegation in Genf beiden. kann man d e Zwcckmäyigfeir der E..Leitung von Räumung«Verhandlungen im gegenwart.gen Rugenbad anzwelleln, da Eng­land auf de ersten deutschen Fühler durch den Mund der stechen Wmister klar und bündig zu erkennen gab. daß c» sich in der Räumungs- sragc unz«rtr«nnl:ch mit Frankre ch verbunden fühl«, und daß jede endgült ge Reparat onSregelung den ena^'chan Interessen zu «otsprschen habe. Franlre chs Einstellung aber war bekannt und sie ist natürlicherweise durch solch« englischen Feststellungen nicht zugunsten Deur-'chlands g?m.lbert worden. Inzwischen aber kam noch daS engl.'ch-fvanzöfilche Flotten- kompromiß ans Tageslicht, durch das Eham- berlain vor seinem Kranffreit»urlaub der Well noch einmal bewies. daß ferne Birminghamer Phrase Anfang d.eses Jahves, daß er Frank­reich liebe, tote man eine Frau liebt, nicht ganz inhaltlos ist. England bat durch das "Ab­kommen. das noch eine große Rolle spielen bürftc, Franlre.ch bi« pd*1c Baufreiheit tur Bei­ne« Unterseeboote zugestanden und damit zu­gegeben. daß fe.ne Furcht vor einer starken fran- -osischen Warin« und Unter f cd) ootsflotIlllc die auch nach eng7rscher Feststellung rem militä­risch gesehen gesährl.cher ist. al- es die deutsche Flotte 1914 für England war vollständig geschwunden ist. De englische Politik hat also nicht nur jede Krcegsmöglichleit mit Frank­reich aus ihren Berechnungen auSgeschallet, son­dern sich mit Frankreich verbunden gegen Machtfaktoren, die sicherlich in London heute noch anders bewertet werden, als es vor­läufig mitt Deutschland geschieht.

Diese Vorgänge sollten in Deutschland jede Verwunderung aus^chliehen. daß es aus eng- iischer Seite in der Rheinlandsrage immer wieder bei schönen, aber leeren Gesten bleibt. Daran wird sich nach der geschilderten grundsätzlichen Einstellung Londons kaum etwas ändern. Dabei kommt es England selbstverständlich gar nicht auf seine 7500 Wann Besatzungstruppen an, gegen denen Zurückziehung nur wenige Leute mi.itärisch etwas einzuwenden hätten. Aber die politischen Bedingungen gegenüber P a r i s verbieten solche Schritte und sühren dazu, daß eine sachlich und moralisch schwer halt­bare Stellung m t fadenscheinigen fjintoänben verteidigt wird, die naturgemäß in Deutschland den Eindruck einer unehrlichen Politik erwecken müssen. Lord Gushendun hat. getreu dieser Haltung, nach der fenfationellcn Rede BriandS einige beruhigende Worte an die deutsche Adresse gerichtet und. genügtem und selbstzufrieden, an die Fortschritte der Abrüstunasfrage irn allgemei­nen uni) die britischen Leistungen auf diesem Gebiet im besonderen erinnert Die deutsche Delegation wird sich schwerlich durch den liebens­würdigen Gastgeber Tushendun. der nach einer ganz in den Rahmen der Briand-Rede passen­den Erklärung der Versammlung der Sechs- mächte-Vertreter über die Räumungsfrage mit Tee auswavten lieh, haben täuschen lassen. Lord Lushendun ist der Wann, der Tecils Pollttk in Gens z u weitgehend sand und dem Völkerbund einmal bescheinigte, daß er sich ge­fälligst nicht in englische Interessen e i n m i s ch e n solle, sonst würde die britische Regierung zu prüfen haben, ob ihre Interessen nicht besser außerhalb des Völkerbundes gewahrt werden können. Sine solche Persönlichkeit ist genügsam m Fragen, die andere mehr an­gehen alS ®ngtanb, das ja zu gleicher Zeit Frankreich- militärische Vorherrschaft durch die Konzession der Richteinbeziehung der Reservisten in die aktuelle Kampfstärke sicherte.

So ist es keineswegs verwunderllch. dah auch die britische Regierung je nach Bedarf die De- satzungsfrage als französisch-deutsches oder als

Saison mit einer Neuinszenierung von Kaisers ,®a$ im Staatstheater Da» Gießener Stodt- tfreater stellt daS neueste Stück diese- Autors. .Oktobertag", zur Diskussion. Don Zuckrnayer, der im Laufe des Winters persönlich in Gießen sprechen wird (Goethebund). erwirbt da» Stadt- tbeater entweder die Tragödie .SchinderhanneS" oder fein neueste» Stück .Katharina Knie". Harm» Jobsts Männerstück (es ist keine einzige Frau unter den Mitspieienben' .Thomas Paine" und Fritz t». Unruh» .Prinz LouiS Ferdinand" sind al» Standardwerke moderner Dramatik auch für Gießen zur Ausführung erworben worden. Gerhart Hauptmann ist mit .Rose Bernd" in dem Spiclplan cing:gfiebert. Bernard Shaw mit feiner reifsten Komödie .Eäfar und Kleo- patra". Das erfolgreiche Drama .Der Patriot" von Alfred Reumann gelangt voraussicht­lich noch in der ersten Hälfte der Spielzeit zur Erstaufführung.

Von den Lustfpieldichtern wird Rudolf Pres- ber zu feinem 63. Geburtstag mit der .Balle­rina de» Königs" gefeiert Don Kurt Götz, dessen Gastspiel .Hokuspokus" in der vergan­genen Spielzcit hier einen außerordentlichen Erfolg hatte, wurde da» Lustspiel .Ingeborg" angenommen. Da» Stück wird kurz nach der Eröffnung der Spielzeit her aus kommen. Arnolds und Bachs Schwank .Unter Ve- schästsauf ficht" ist eben'alls für die ersten Spiel­tage vorgesehen. Don soziologischen S.ücken find noch OSkar Wildes .Ladn Windermere- Fächer" und Bayard Deiller» .Dor Prvzeh der Mary Dugan angenommen worden

Zwei Uraufführungen find von der In« tendanz erworben worden: da- Schauspiel.Karl und Rima" von Leonhard Frank und .Das Dorf 6t Iusten von Werrier Johannes Gug­genheim. Frank gefrört zu den bedeutendsten deutschen Rovellisten. .Karl und Anna" ist eine seiner Rovellen in dramati cher Form. Guggen­heim. ein junger Deutsch-Schwcizer gefrört zu den noch unbekannten (Begabungen des deut­schen Theater».

Als be'ondere Anregung für literarisch inter­essierte Kr ife hat d e Theat r eitung befchlos em im Der c in mit dem Goethe b ord erstmalig «men Kammerspiel-Zyklus zu veranstalten. Dieser Zyklus ist mit vier Darbietungen fest­gelegt und findet an zwei ibitifreien Abenden und an zwei Sonntag-Watin -en statt .Die Mit­schuldigen" von Goethe. das altdeutsche Spiel

deupch-a.. lertci Problem bezeichnet Der Zweck frciligt hier offenbar b'X Dlnrel. der Zweck näm- »ich. da» deutsche Recht an der Räumung auf Grun> des Arukels 431 des Der a^ller Ver­trages durch neue De*Huldigungen zu verfchleiern Eng.and ha: fich gegen diese diesmal von Briand selbst g?üb:«n Methoden wicht gewehrt und da- urv. nut den Bestrebungen vervund.-n. aus der Erfüllung einet mvraU'ch.n und rechtlichen Ver­

pflichtung noch «in große» Geichäst zu machen. Wan kann sich desball» nicht dringend genug den eng.ll'chen Warnungen an die dn«sche Rcmerung antch i.eßcn, bürd' Zugeständnisse eine te.che m : der deutschen Srfüllungspolltrk. Lo­carno und Kr egsvcrzichrsvertrag in ftrdlem Gegtnfay steh.nde Erprefserpoi »n zu präjudi- i een.

Geschichten aus aller Welt.

Rachdruck. auch mit Q.*'(Ucnangibe. verboten. Professor" 81 Cuafi.

Pari».

E l Quasi, dem Marathonsieger der 01hm- piade von ist aJ Amerika woher

denn sonst? das Angebot zugegan^en. eine Professur sür LeibeSudungen an einem der bekanntesten College» anzunehmen. Iahres- gefra't. die K emi ikcit von 10 00? Dollars.

Aber der so plötzlich zu Weltruhm gelangte Französi'ch-Afrilaner Hal aus die» 2;,cbot bi» dato noch nicht g-aniworte'. Journalisten, die ihn in Pari» aufsuchten, wo er sich von den Strapa-en des Marathonläufe» erholt, hat er erklärt:

.Vorläufig muß ich meine Rufr? haben. Der mir an gebotene Vertrag hat noch etwa- Zeit. Ich weiß überhaupt noch nicht, ob ich eigentlich nach Amerika gehen soll. Ich habe «S in meinem Leben noch nie sehr eilig ge- habt. warum soll ich es jetzt auf einmal fo eilig haben?"

Die einzige Antwort, fürwahr, die man von einem Marathon-Läuser erwarten darf.

Ter Kampf gegen den Kutz.

(a) R c u D o r F.

Dr. M c Ke lvey. Profcs or an der Univcr'i- tat von ff olorabo. verossen lich.e vor kurzem eine Kampfschrist gegen da» Küfsen. Sr erfiärte: .Da» Äüijen kann von furchtbaren Wir­kungen fein, die menschlichen Verven ruinieren, physisch schwächen, ein frühes Alter zur Folge fraben und schließlich die ganze Raffe verderben." Aus diese geharnischten Worte hin suchte ein Reuyorker Journalist, der den Pro­fessor nicht al» die zuständige Stelle für ein Urteil über das Kus en ansah. Hollywood auf, um dort einige Filmstars über ifrrc Ansicht zu befragen. Al» erster gab John Gilbert feine Meinung ab. Er tagte:

.Möglich, daß da» Killen gefährlich ist. Ich habe jedoch bisher an mir selbst kein Zeichen frühen Mtern» bemerti. Im übrigen, sollte das Küssen wirklich die menschlichen Energien töten, so nehme ich da» noch immer lieber in den Kauf, al» daß ich mich zu dem Brauche des SSkimoS bekehrte, die bekanntlich ihre Rasen aneinander reiben. Denn das bedeutet doch mindesten» eine ebenso große An­strengung wie das Küssen."

Hieraus wurde die Partnerin Gilberts. Grete Garbo, befragt, und sie erklärte:

.Auch edb habe nicht fest stellen Simen, daß man durch Küssen alt wird. Außerdem finde ich, daß die Gefahr der Bazillenüberttagung durch daS Küssen lange nicht s o gefähr­lich ist wie z. D. ein Aufenthalt von 10 Mi­nuten in einem überfüllten Straßenbahnwagen."

Der Elefant alS Eisenbahner.

(o) Sidney.

In Australien gibt es den schwarzen Schwan, das Känguruh, das eierlegende Schnadeitter, und ähnliche Merkwürdigkeiten. Man kann sich des­halb nicht wundern, wenn man jetzt erfährt, daß frier ein Elefant als Eisenbahner sich höchst ver­dienstvoll betätigt hat Sin Wanderzirkus, der am nächsten Tage in Sidney auftreten sollte, hatte am Abend vorcher eine Gisenbahn-.Panne". Vor seinem Transport-Zuge war nämlich der Wagen eines anderen Zuges entgleist und ver­

sperrt« nun die Strecke Ties gclchah an einer Stell«, die. wie da» in Australien nicht un- gewöhnllch ist, mellenweU von der nächsten Sta­tion. ja sogar vom nächsten Wärterhau« entfernt war Da» Personal de» Vorzuges stand ratlos da. Da hatte der Zirku-d'reltor einen sabeläa ten Gedanken spannt« einen Inner Slesaiuen vor den entgleisten Wagen und lieft dielen gänzlich bell.ite - eh n was natürlich durch die Lo ornottve nicht mög ich gewesen wäre. Der Versuch gelang glänzend, der Zirkus kam zur rechten Zeit in Stdnetz an und hatte gleich zu Beginn dcs Aus­tretens ein« Sensation, indem er den verdien st- vollen Elefanten einem begeisterten Publikum vorstellen konnte.

Ter Stier als Hotelgast.

(r) Wien.

St. ®ilgcs liegt Im Salzkammergut und ist eine vielbesuchte, von Ratur und Klima bevorzugte Semmerfrifche. "Das Leben in St Gtlgen ist fr.-itcr unb erfrpUom und loctt viele Gäste, besonder» auch aus dem Reiche, in dies Stückiean Gottesgarten. E-s hat sich dort noch etwas von jener liebens­würdigen. leichtsinnigen, warmherzigen unb behagn-chen Lebensfreude erhalten, die uns neben mancherlei anderen guten Eigenschaften I da- liebe alte Oesterreich so wert und tKrtrau» gemacht haben.

Kürz ich aber wurde diese Beschaulichkeit St. Gilgens recht jäh unterbrochen. St. Gilgen und seine Kurgäste erlebten eine aufregende Sen­sation und das war eine wirklich recht un­gemütliche Sachei An einem strahlenden Sommer- tage führte ein Fleifch.r einen soeben gekauften zweijährigen Stier durch die Straßen "Wag nun da- Tier fein Schicksal vorausgeahnt ober ein Auto den Sohn der Bergtriften erfchrectt haben plötzlich riß sich der junge, kräftige Stier los, rannte über den Bürgersteig mitten durch die Spiegelscheibe eine» Hotel- Vestibüls in die Halle, zertrümmerte dic ge­samte Imieneinrichtung und scheuchte die Hotel­gäste wie einen Schwarm lauben auseinander. Der fife o dofk-Xee sand eine recht peiilliche und unerwartete linterbrettung Die Baßgeige auf dem Musikpodium hauchte mit einem jamiucr* vollen Laute unter dem Horn des Stieres ,hr Leben au», und die Tänzer und Tänzerumen, die sich In die ebenen Stockwerke des Hauses ge­flüchtet hatten, verbrachten eine Zeit unfreiwilli­ger Gefangenschaft unb mußten schließlich aus Den Fenstern, mittels Leitern, ins Freie ge­schafft werden. Der wütende Stier behauptete das Schlachtfeld, und da kein tobe*nutig.*r Torero ttne jüngst bei tinem ähnlichen Anlaß In Madrid zur Hand war. sah man sich gezwungen, den gesährlichen Störenfried zu erschießen

Lchrcifrunterrtcht mittels Elektrizität!

(f) Lon don

Einen höchst eigenartigen .Sieg der modernen Technik" hatte der Dollsschullehrer Edward Hearth in Cambridge zu verzeichnen Er konnte einem seiner besten Schüler, der in allen Fä­chern sehr gute Fortschritte machte, da» Schreiben nicht belfrnngen Hearth, ein begeisterter An­hänger der .individuellen" Erziehung^kunde. gab sich redlich Mühe, um hinter dic Ursache dieser unmotivierten Schwäche des sonst geweck­ten Knaben zu kommen unb sand, bau der Junge da» Schreibzeug viel zu stark aus das Papier drückte. Aus diese Weise ermüdete der

vom .Ackermann au» Döhinen". ein Oprogestal- tungSabend .Don Gluck bi» Strauß" von Frau Bahr-Mildenburg sind in AuS'icht ge­nommen. Zu Wedekinds 10. Todestag ist eine Wedelindfeier unter dem Titel .Zirkus" vor­gesehen. bei dem die Tochter des verstorbenen Dichters. Pamela Wti»:kind. ihre Mitwirkung zuaesagt hat.

Zur Einführung in den Spitiplan sind (Bor- träge von Prof Dr. Diötor. Intendant Dr. Drasch (Einsührung zum .Ackermann aus Böhmen"). Dramaturg Dr. Karl Ritter (.Da» moderne Theater". Einführung in den Spielplan) vorgesehen.

In der Oper werden Gastspiele de» Hessi­schen Landesth-eater-, Darmstadt, und des Mainzer Stadtthcaters ftat ftnben. Für die Be­sucher der Operette wird e» eine ganz be­sonder» erfreuliche Mitteilung fein, daß sämtliche Opercttengaftspiele von drr Intendanz mit dem Reuen Operettentheater Frankfurt a. W. abgeschlossen worden find, so daß auch auf diesem Gebiet künstleri ch cirttoanbfreie Ausfüh­rungen geboten werden. Die Titel der Opern und Operetten, sowie nähere Angaben über die Gast­spiele werden seinerzeit noch mitge'.e lt

Die Intendanz de» Stadtthoaters hat auch in diesem Jahre wieder ein Abonnement ausgelcgt. da» dem regelmäßigen Besucher des Stadttheater» bebeutenbe Ermäßigung gewährt.

Dr. Karl Ritter.

Turgenjew über sich selbst.

Im Rachlaß ber Enkel der berühmten Sängerin Riat bot in Paris, die. tote bekannt, mit Turgenjew eng befreundet war wurde ein intern arte» Schriftstück gefunkten, das die Per- sönlichteit deS .großen rufsilchen Romanttkcrs". wie Turgenjew nicht ohne Herafrlas ung von der zeitgenps ischen Literaturkritik gewannt wird, in ein neues Licht rückt. Es sind bi franzö'ischer Sprach« geschrieben« Antworten auf Fragen in einem . Fragenalbum"' die im vorigen Jahr­hundert lefrt verbreitet waren. Die Fragen hat Turgenjew zweimal 1869 unb 18&) beant­wortet wobei die Antworten im zweiten Fall« von den ersten bedeutend abweichen. Die Freunde des Dichters haben ihn gebeten, diele Antworten in einem Buch das zugunsten bar Hungerteiben.- den in den 30er Jahren in Petersburg heraus­gegeben wurde, zu veröffentlichen. Turgenjew

hat aber die Veröffentlichung au»drücklich ver­boten. Die Fragen und Antworten lauten tote folgt: Ihre LiaolingStugend? 1869 fchrieb Tur- g'injeto. .Osser .Jugend".

Die schönste Eigen'chast de» Wanne»? .Güte unb ein Alter von 25 Jahren." Ihre Lted- ling»beschäftigungV - .Jagd und Tabakriecheru" Ihre bedeutendste Lharaktereigenschast? Beidcmal war die Antwort dieselbe .Faul­heit". Wie stellen Sie sich das Glück oor? Zuerst schrieb Turgenjew: .Dollftändtg« Gesund­heit". dann .Richt»tun"! Wie stellen Sie sich da» größte Unglück vor? Zuerst hieß es: .Blind zu sein", bann: .Arbeiten". Welche sind ihre Lieblingsfarben unb ihre Lieblings- Mumcn? .Blaue Farbe unb "Narzissen", unb bann: .Drau unb Blumenkohl". Was möchten Sie sein, wenn Sie nicht Sie wären? Dafl erste Wal war die Antwort: .Mein Hund Pegasus", bas zweite Wal. .Richt»", llnbweiter. 1869 bezeichnete Turgenjew Tervante » al» feinen viebüngflautor. erklärte aber im Jahre 1880, bah er nichts mehr lese. Zuerste waren Homer, Shakespeare. Goethe und Puschkin seine LieblingSbichter. bann lautet die Antwort .Ich interef icre mich nicht mehr für Dichter Turgenjew der Schubert als feinen LieblingSkomponiften bezeichnet, erklärt bann, bah er sich feine Musik mehr anfröre. Die Lteblingshclden ber Dichtung Äjnig Lear unb Prometheus traten bann ihre Stelle an Falstaff unb ©argantua ab. Waren sclbst Roastbeef unb Champagner das Leibgericht und das ßeibgetränf Turge«jews. so bezeichnet er später als sein Lechge richt diejenigen Speisen und Getränte, bte sein Magen am besten verträgt. Liebt er die poetischen Romen Paris unb Maria, so gefällt ihm später am besten der ulkige ralfifd)e Rame Spiglassoll. Ist 1869 der gegenwärtige Geistes- zustand des Dichter» .Ruhe", so ist er 1830 .gltich Rull". Aus die vorletzte Frage dieses Inquisitoriums .Für welches Laster haben Sie da» größte Verständnis?" antworete der Dichter zuerst: .Für die Trunksucht"" und bann: .Für alte." Die letzte Frage lautet .Welche ist Ihre Liediingsweise?" Das erste Wal lleh Turgenjew bte Frage unbeantwortet das zweite Wal schrieb der Dchtrr: .Gute Rächt." Diese intereffanie Gegenüberstellung offenbart die Wandlung des Romantikers zu einem zynischen Spötter, als welchen man Turgenjew bisher nicht kannte.

Dr.P.