Nr.M Zweiter Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Freitag, 20. Juli (928
Das Rätsel Venizelos.
Griechenland vorneucn fchwerenSonslilten
Q3on unserem «.-Berichterstatter.
Lochdruck, auch mit Quellenangabe, verboten I Athen, Juli 1028.
Die Tatsache, bah DenizeloS aus» neue zue Wacht gelangt ist, hat in ganz Griechenland einen Sturm der Entrüstung hervorgcru- fen. Der kretische Staatsmann, der vor acht Jahren die heÜigsten Eide geschworen hat, sich niemals wieder in politische Angelegenheiten zu mischen, hat bie erste, lich ihm bietende Gc» legenhett benutzt, um in brutaler und dazu ztem- lich geschmackloser Weile daS zweite Äabmett Zaimts-Eafandar.s-Michalacopoutos zu stürzen und stii'e Kandidaten dem armen Prasldenten Eondururtis aulzuzwinaen. der wahrhaftig eine mehr al» undankbare Ausgabe zu erfüllen hat. DenizeloS hat sein Kabmeii auS Personen zweiten und bedien Grabes zufammengtietzt, die. anstatt selbst zu regieren, nur Marionetten an den ^dben von DenizeloS fein Werden. Man kann eigentlich sagen, bafj sich daS Äabmelt CBeni* AelM qu6 diesem selbst und auS einigen Sefrc- tären für die verschiedenen Ministerien zu- sammensetzt. Die Vorwande, die DenizeloS dazu dienten die Koalitionsregierung zu stürzen, waren d« Abkommen, die Eafandaris mit Frankreich und mit bet Danque Nationale (ibgelchlossen hat. .
DaS Abkommen mit Frankreich, daS im Dezember 1927 abgeschlossen wurde, enthielt folgende Bestimmung. Frankreich bekommt von Griechenland die Summe von 727 Millionen Franken, von denen 75 Millionen Darvorschüfse <m die verschiedenen griechischen -Regierungen von 1914 biS 1917 barstellen, sowie 652 Millionen für die MllitärauSgaben voii 1918 biS 1919. AndererseiiS erhält die griechische Regierung von Frmikreich die Summe von 547 Millionen Franken, von bene» 408 Millionen Goldsranken sich aus "Vorschüssen an die Orientarmee und 139 Millionen au« Unkosten Kusammensetzen, die durch die französische Okkupation in Mazedonien verursacht worden sind. Rach langen Verhandlungen wurde von Easandaris unb Briand der Vertrag imterzeichnel, nach bem schließlich der Betrag der griechischen Schuld aus 178 Millionen Goldfranlen. zahlbar in 62 Jahren, festgesetzt wirb. DenizeloS erklärte in einem Briefe an EasandariS, er sände dieses Abkommen Unvorteil- hast, denn Griechenland brauche nicht in Gold -u zahlen.
Bei dem Abkommen mit der Banque Rationale handelt eS sich um die Summe von drei Millionen Psund Sterling zur Deckung der vor dem Weltkrieg abgegebenen 380 Millionen Drachmen. Rach dem Abkommen zwischen Eafandaris und der 'Danque Rationale überweist diese der neuen griechischen Emissionsbank 380 Millionen Drachmen und behält die drei Millionen Psund Sterling als Deckung. D^enwärttg kostet aber das Pfund 375 Drachmen. Also gewinnt die Banque Rationale zwei Millionen Pfund Sterling Venizelos erklärt mit Recht, bafi dieses Abkommen für den Staat nachteilig sei. Aber ob solche Verträge gut oder schlecht sind — im Grunde sind sie alle für Griechenland sehr vorteilhaft —. so haben sie nun einmal Gesetzeskraft erlangt. richtigen» weist Venizelos selbst recht gut. dast man an eine Revision de» Abkommens mit Frankreich gar nicht denken kann Ebenso ist die Danque Rationale nur dem Ramen nach griechisch und national. Jbre Kapitalien find englisch, und ihre Aktionäre sind fämllich englische Banken — also unantastbar
Infolgedessen war die Kritik von Venizelos. so berechtigt sie auch fein mag. nur ein Vorwand, um die -Regierung zu stürzen. Deiches waren nun die wirklichen Gründe, die Venizelos Dcranlafiten, die Macht an sich zu reisten? Seine sehr zahlreichen Gegner behaupten, es wäre von Venizelos nur Eigenliebe und Eitelkeit gewesen. Zweifellos find dies hervorragende Charakterzüge bce Kreters, aber man kann nicht alles mit Machthunger erklären. Schließlich ist Deni- zelos doch auch ein bedeutender Staatsmann, unb er muh sich darüber im klaren fein, was er
Johannes Volkelt.
3um 80. Geburtstag
des Leipziger Philosophen am 21. Juli.
DaS Ringen um die Form der nachkantifchen Philosophie bezeichnet den aufsteigenden Weg des Leipziger Philosophen. Auch er gleichsam Symbol des Lebensdranges. der sich im, klaren Erfassen der letzten Erkenntnisse durch das geschriebene Wort, durch den gesprochenen Ton heraushebt. Volkelts Grundgedanken — handeln sie von der Erkenntnistheorie, der Metaphysik oder der Aesthetik sind in ihrer 6igenfonnung so in äußere Gestalt getreten wie der Gelehrte sie nicht allein zur Anerkennung seines eigenen wissenschaftlichen Wertes, sondern zur Fundierung des zeitüberdauemden Gehalts nottoenbig erschienen. Die nachkantische Philosophie ist ihm unabweisbares Merkmal philosophisch begründeter Gestaltungskraft gewesen, den Kernpunkt findet er durch Kant, dessen Erkenntnistheorie in einer beachtenswerten Schritt „Smanuel Kants Erkenntnistheorie' von ihm analysiert wurde. Seine eigenen Ansichten legt er in den Werken .Erfahrung und Denken". .Die Quellen der menschlichen Gewißheit" unb .Gewißheit unb Wahrheit' zugrunde, als Widerhall eines symbolhaft klbftänbigcn Auf strebens. Volkelts Erkenntnistheorie behandelt die Fragen nach den Gswiß- heitsqaellen der Erkenntnis: der Weg t*on der Gewißheit führt zur Wahrheit. »Das Reich der objektiven Wahrheit läßt sich von der Erkenntnistheorie nicht andes als mittels einer fubjeftwifti» sthen Grundhaltung erobern." (Volkelt. Gewiß- beit und Wahrheit. 1918.) Seine selbständigen kLecntix$,: auch zur Metaphysik, die durch
chn durch eigene ®sbantenform gestaltet, ja aus- qeHaltct wird. Denn sie verfolgt die Richtung des Denkens weiter, aber in der letzten Ans- wcrkung nicht vollziehbar, well wir das auf» gegebene Ziel in seiner Unendlichkeit nickt er- a K^»™Jtncn" spüren nach der Quelle des ^«>enS. stutzen vor Endgeheimnissen, und schließ- ttch führt der Endpunkt an das Unbegreiftiche.
g'Lebende rührt. Unb das Element w» z<n tu verwinden den Geschehens bewegt uns.
wagt wenn er wieder an die erste Stelle tritt. Venizelos weist, bah fein Harne der Inbegriff der griechischen Uneinigkeit ist. Er weih ferner, bah er neben Bewunderern in Griechen- lanb äuw unveribhnltche Feinde besitzt, und er ,st sich schließlich Nar darüber, daß kein griechischer Staatsmann einem Teil der Bevölkerung so verhaßt ist. wie er. 3m allgemeinen besitzt Venizelos unter der Bevölkerung Altgriechen. lanbe saft gar keine Parteigänger 3n diesem alten Griechenland sieht inan in ihm den einzig Schuldigen an allem Unglück, bad von 1914 bis zur kkeinasiatischen Katastrophe über das Land hereingebrochen ist. Man kann ihm nicht verzeihen, daß er im Jahre 1917 dank der Bajonette der Derbünde- t e ir zur Macht gelangte und Griechenland i n einen Krieg hineinzog. der für den Staat nur Ruinen etnbrachte unb drei Millionen von Flüchtlingen, die für das ganze Land eine Dlage sind und es für absehbare Zeit auch blei- Den werden.
Die Parteigänger von Venizelos erklären bei jeder Gelegenheit, die Handlungsweise des Kreters beruhe auf innen- unb außenpolitischen Motiven. Aus bem Gebiete der inneren Polllik hat sich tatsächlich die monarchische Bewegung verstärkt, und die Denizelisten sagen, die Ernennung einer royalistischen Regierung bedeute eine Militärrevvlution. Rur DenizeloS, der über eine große Autorität verfüge, unb dem die Armee blind gehorche, könne bas Lanb vor einer neuen Katastrophe retten, indem er das republikanische Regime festige. Die erste Aufgabe von Venizelos würde also offenbar die Konsolidierung der Republik sein. Außerdem sind die griechischen Finanzen in schlechtem Zustand, und unter allen Hebeln, die in Griechenland herrschen, ist das einer übermäßigen Zahl von Beamten nicht das geringste. Deren Zahl ist unerhört, denn jede Koalitionsparlei versuchte auf Staatskosten eine große Anzahl ihrer Mitglieder unteraubringen. Man müsse also, so heißt es. die Zahl der Beamten auf die Hälfte herabsetzen, und nur Deni- zelos könnte eS wagen, gegen den Willen einer Partei die dieser nahestehenden (Beamten zu entlassen unb so die Ausgaben zu verringern.
Aus dem Gebiete der Außenpolitik findet Deni- zelos. daß Michalacoupolos die Annäherung an Italien zu rasch betreibe und die Empfindlichkeit Südslawiens verletze. Aus absolut zuverlässiger Quelle wird versichert, daß Herrn Michalacoupolos nach seiner Rückkehr von Genf und Mailand, wo er sich mit Tewfik Dey und Mussolini unterhalten batte, von Venizelos geraten worden ist, die Unterzeichnung des grie- cki sch-tü ritschen unb deS griechisch-italienischen Vertrages nicht zu beeilen. Michalacoupolos ist in gewissem Sinne also Anhänger der italien- sreunblichen Richtung. Unb Mussolini hat auch der gleichzeitigen Unterzeichnung der Verträge mit Griechenland und mit Italien so große Bedeutung beigemeffeiv daß der italienische Gesandte in Athen zweimal an ein und demselben Tage Im griechischen Außenministerium vorsprach, um dort die beschleunigte Signierung zu betreiben. Jetzt kann MichalocoupoloS nicht mehr unterzeichnen. Der große Schlag, den Mussolini zu führen gedachte. ist vereitelt worden. Rur Venizelos, so sagen beffen Anhänger, der Schöpfer des Bündnisvertrages mit Serbien, hätte bas Zeug dazu, die Allianz mit Südslawien zu erneuern — etwas, woran übrigens in Griechenland niemand denkt, unb was hier auch niemand will —, unb mit S. H. S. zu einem modus \ ivendi zu kommen, wenigstens auch provisorisch die schwierige Lage von Saloniki zu lösen — ohne mit Italien völlig zu brechen.
Dies sind nach Ansicht der Denizelisten die Gründe, die den Kreter veranlaßten, sich der Staatsgewalt zu bemächtigen, und dies sind auch nach der gleichen Quelle seine Pläne. Qlber selbst wenn man vorauSfetzt, daß alles das, was die Parteigänger von DenizeloS behaupten, richtig ift muß man nichtsdestoweniger bancrlen, daß bie Mittel, deren sich Venizelos bedient. um seine Ziele zu erreichen, gefährlicher sind als die Krankheiten, bie es zu heilen gilt. Venizelos wird vor allem die Kammer auslösen. Da aber die Wahlen nach dem bisherigen Proportionalsystem keinen Sieg für Ve
nizelos ergeben würden, wird der Kabinetts- che' dicseS System durch sogenannte Mehr- heitSwahlen ersetzen die, wie es scheint, einen glatten Triumph für DenizeloS erbringen würden. Diese Umgehaltung des Wahlgesetzes käme jedoch einem wirklichen Staats st reick gleich. Ob die Koalition, die Griechenland seit 192b regierte, gut oder schlecht war. das ist eine andere Frage. Diese Koalition brachte einen
gewissen Burgfrieden unter den Parteien und beendete den ununterbrochenen Kampf, der sich bisher für Griechenland so unheilvoll auswirtte. Das Regime, das DenizeloS aber jetzt aufrichten will, bedeutet bie Rückkehr zum inneren Kampf. DenizeloS wirb nicht allein gegen feine Gegner zu kämpfen haben, sondern auch gegen einen guten Teil seiner bisherigen Anhänger, wie z. D. Eafandaris.
Madrider Gaststätten.
Don unserem M. ^'.-Berichterstatter
Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten. Madrid, Juli 1928.
Ein bekannter deutscher Schriftsteller stellt m einem Duch über Spanien Theorie und Praxis der spanischen Küche in krassen Gegensatz unb bezeichne! Oek und Knoblauch als bie hauptsächlichsten Ingredienzen hiesiger kulinarischer Genüsse, noch dazu das stinkende unraffinierte Olivenöl, das erst durch besondere Koch- verfahren für die menschlichen Geruchs- und Ge- schmacksnerven erträglich wird. — Gegen dieieS vernichtende Urteil muß ich protestieren. Spanien hat sich jedenfalls im Lause der letzten zwanzig Jahre auch in dieser Hinsicht stark modernisiert, der betäubende Oelgeruch. der allerdings früher ganze Straßenzüge fast uubaffierbar machte, ist heute verschwunden unb man kann in Madrid in den spanischen Gaststätten, ganz abgesehen von der erstklassigen Küche der großen internationalen Luxushotels, von der einfachsten Taverne angetan gen bis zum feinsten Restaurant genau so gut, wenn nicht sogar im Durchschnitt bester, aber nicht billiger, essen alS irgendwo in Mitteleuropa.
Dazu gibt eS noch einige Gaststätten, bie durch ihre Spezialgerichte Weltruf unb andere, bie burch ihre typische Aufmachung Interesse verdienen. Zu ihnen gehört an erster Stelle bie „6 a f a Botin", ein alteS enges Haus im Herzen ber Stabt, nahe der (Salle Mayor. Dort gibt es die ausgezeichneten am Spich gebratenen Ferkelchen unb Milchlämmer, sowie prachtvolle Fischgerichte. 3n jedem Stockwerk befindet sich ein winkliger, von Säulen gestützter Speisesaal. in denen fast täglich Bankette mit dem Spezial- Programm der Hauslüche gefeiert werden, dazu die ganz erstklassigen Weine des Marques do Riscal, der für seine Derdienfte um den spanischen Weinbau vor einiger Zeit zum Granden von Spanien ernannt wurde.
Richt weit davon entfernt, in einer Querstraße ber Ealle Arenal, nahe dem Teatro Real, hat die Kneipe des Hilario ihren Sitz und ihre sehr bodenständigen Stammgäste aus allen Schichten der Madrider Bürgerschaft. Don der Straße aus führt eine nichtige unscheinbare Tür in das Innere, das aus zwei Deinen Zimmern besteht, links am Eingang befindet sich das Buffet, hinter dem Papa Hilatio seines Amtes als Spender von Vorspeisen waltet, als da sind Oliven, rote Rüben, Salate. Wurst sowie Desserts, wie eingemachte Früchte. Obst, Käse unb Turron, das spanische sehr süße Marzipan, mit allen möglichen Füllungen. Den übrigen Betrieb versorgt seine zahlreiche Famille. Der älteste unb bickste der Söhne ist Oberkellner, lebendige Speisekarte. Empfangschef und Dolmetscher, seine jüngeren Brüder bringen Brot unb Wein, räumen die Tische ab. sorgen für Reiirlichkeit und beglücken anwesende Damen mit richtigen Servietten, die männlichen Gäste benutzen als Ersah teils die Ecke des Tischtuches, teils den Handrücken oder verzichten überhaupt auf derartige luxuriöse Behelfe. Wenn man von solchen Deinen rin zuträglich keilen absieht, kann man aber wirklich nirgends mehr in Madrid so gut unb billig essen, sofern es überhaupt in dem engen Raume einen Platz gibt. Von halb- neun bis zehn Uhr abends ist das Lokal knüppeldick voll, Angehörige aller sozialen Schichten finden sich ein. um bie Btinirfnifse ihres Magens zu beftiebigen. Die Abfütterung hübet nach einem strengen Reglement statt, das unter keinen Umständen unterbrochen wird. Smd alle Tische besetzt, so stellt sich der dicke älteste Sohn
deS Hauses in die Mitte, fordert energiftb Ruhe und sagt die ungeschriebene Speisekarte de» Tage» her. danach fummelt er von einem Tisch zum anderen die Aufträge und alles wickelt sich trotz der primitiven Organisatton in einer Elle ab, daß innerhalb 25 Minuten daS umfangreiche spanische Menu glatt erledigt ist. Zum Schluß postiert er sich an ber Xur unb kassiert, für Spanienreifende sei bemerkt, daß er für Trinkgelder empfänglich ist Wie schon gesagt, macht er auch den Dolmetscher, nicht nur. daß er für gewisse Speisen feine individuellen Bezeichnungen hat, er unterhält sich auch mit jedem Ausländer in einigen Brocken irgendeiner Sprache, leider besitzt er nicht aenug Menschenkenntnis, dem Engländer verfticht er auf italienisch die Reize von Wiener Schnitzeln Dar zu machen und meinen französischen Kollegen soll er einmal deutsch angesprochen haben.
Weil gerade von Rassefragen die Rede ist. sei erwähnt, daß rohere in auf spanisch „casttzo" heißt. Dieses Wort hat aber im Madrider Sprachgebrauch noch eine zweite Bedeutung, die sich am ehesten mit dem Berliner Ausdruck ...Knorke" deckt Momentan gilt es ganz besonders ..Eastizo". bei dem Sevillano pu Abend zu essen. Es gibt zwei EevillanoS. beide liegen fast vis-a-vis an der Eava baja. einem engen Gäßchen ber Madriber Altstadt, aber nur einer der beiden Wirte zahlt für voll, der Besuch bei ihm verleiht die Würde in das Gremium der wahren und echten ..EastizoS" ausgenommen zu werden. Man ißt dort gaitz gut. die unverfälschte Madrider Küche. Knoblauchsuppe mit gebratenen Speckstücksn darin, geschmorte Rebhühner unb jungen Lammbraten Der Wein wird noch aus Krügen ausgeichenkt. an der Decke hängen alte, vierflammige Leuchter, die Wände sind mit eigenartigen Bildern bedeckt unb zur Hetiung dient im Winter der altehrwürdige „Brafero". das Becken mit glüljenber Holzkohle Sturze Zeit suhlt man lich dort in der poetischen Stimmung der guten alten Zeit, aber halb fangen bie Oel- funzeln an zu stinken und au qualmen, die noch herrschende Kälte des erwarteten Frühlings macht sich unangenehm bemerkbar unb man rüstet zum Aufbruch. Vorher zeigt der Wirt noch ein Album, in das wir unS nunmehr auch als legitimierte ..EastizoS" eintragen dürfen hinter einer Unmenge anderer Unterschriften, teils mit Zeichnungen unb Sinnsprüchen geschmückt, die sich meist auf die gastronomischen Talente des Wirtes beziehen Beim Durchschreiten der Gasse. Autos gibt eS dort meist nicht, passieren wir eine andere Kneipe, vor deren Tür eine Anzahl von Gestalten mit sogenannten Freitagsgesichtern herumstehen, so nennt man nämlich die Klasse von Leuten, die sich nur am Samstag rasieren, sicherlich gute und harmlose Menschen, aber unwillkürlich beschleunigt man feine Schritte.
Dann kommt die große Zahl von Restaurants, die der Pflege einer provinziellen Landesküche ihr Hauptaugenmerk angedeihen lassen, dazu gehört ..El Dilbaino" mit seinem Stockfisch in viebgestalter Zubereitung, bekannt als „B.icalao a la Bilbainc", mit der durch Eervantes Weltruf erlangten ,,011 a potrida", einem Ragout aus verschiedenen Fleischsorten. Wurst, Zwiebeln. Erblen. Kohl. Knoblauch und Kartoffeln. Eine andere Spezialität der spanischen Küche ist die „Paella a la Valencia na", sie ist wirklich überaus schmackhaft. und jeder Reu- angekommene verliebt sich in diese Dame aus Valencia. Ihre Grundlage besteht auS Reis mit Fleisch und Wurst. Fisch, Taschenkrebsen. See- nruscheln und anderen Dingen, die man gerade
Volkelt hat in seinen Werken »Die Quellen der menschlichen Gewißheit'" diese Grundideen lebhaft erörtert. Der Aesthetik steht Johannes Volkelt sehr nahe, hier hat er auch kraft der Tiefe und Weite seines geistigen Blickes bemerkenswerte Schriften und Aufsätze der Allgemeinheit übergeben. vor allem ist sein ,System der Aesthetik' zu erwähnen, das in drei Bänden erschien. Seine Aesthetik ist psychologisch gerichtet: den ästhetischen Wert aber kann er nur als Selbstwert metaphysisch begründen. Vier ästhetische Grundgedanken stehen in lebendiger Form gegenüber. Ge- fühlsbesecltes Anschauen menschlich bedeutungsvolle Ausgestaltung des Gehalts. Gemütsstimmung der willen- und stofflosen Beschaulichkeit organisch einheitliches Gliedern des Gegenstandes. Volkelt gibt hier feste Gesichtspunkte, die dem Problem an Denkkraft höhere 'Beurteilung zugute kommen."
Der Ausstieg Johannes Volkelts läßt lich durch ein Leben verfolgen. Dozentenjahre in Jena führen nach Basel auf ben außerordentlichen Lehrstuhl, Würzburg und Leipzig folgen im Ordinariat. Aeußere Anerkennung zeigt sich im D. theol. und dem Geheimen Rat. Zahlreiche Schriften und Werke geben von der feingeiftigen Schaffenskraft des Gelehrten Kenntnis, und so wird kein ernster Mensch an dem Lebenswerke Volkelts vorübergehen, ohne auf eine subjektive Stellungnahme zu verzichten. Das Grundfundament seiner Ideenlehre hat sich und damit die Persönlichkeit auf eine llchte Höhe gehoben. K. V.
Oberhessische Gesellschaft für Natur- und Heilkunde.
Naturwissenschaftliche Abteilung.
In der letzten Sitzung sprach Prof. Dr. Harrassowitz unter .Kurze Mitteilungen" über Llnchimetamorphvle. die nach ihm das Bindeglied zwischen der Oberflächenverwitterung und der echten Metamorphose in der Tiefe dar- steil t und teilte einige interessante Beobachtungen mit, welche an verschiedenen Sedimentgesteinen
gemacht mürben. Die meisten Sedimente liegen demnach nicht mehr Protomorph vor, sondern sind uns nur in ihren Reliktstrukturen erhalten. In den meisten Fällen haben unter dem Ein- sluß des hohen Druckes und der hohen Temperatur Stoff man berungen und damit in Zusammenhang stehende Reubildungen stattgefunden. Der Vortragende wies an mehreren gut angeschliffenen Kalkplatten nach, daß bei statischen Verhältnissen unter Druck Kalk fortgesührt und durch Schloliken parallel den Schichtflächcn angeätzt wird, wobei die einzelnen Fossilien ineinandergreifen und sich miteinander verzahnen. Untersuchungen an geröllführenden Kalken ergaben. daß bei kinetischen Vorgängen (Faltungen) bisweilen die Konglomerate lneinandergepreht und zum Teil resorbiert werden. Da die Vorbedingungen für die AnchiMetamorphose außer der großen Lössichteit des Gesteines immer hoher Druck und hohe Temperatur sind, muh daher auch bei der Kohle das Hangende infolge der Belastung anders ausgebildet sein als das Liegende. In der Tat haben die Untersuchungen eines Schülers des Vortragenden ergeben, daß der Huminf äuregehalt in den untersuchten Braunkohlenprvfilen vom Hangenden zum Liegenden abnimmt.
Darauf hielt Prof. Dr. Dede einen längeren Vortrag über den Stand unserer Kenntnisse vom Germanium. Er ging aus von der Entdeckung dieses noch verhältnismäßig seltenen Elementes, das 1885 von Weisbach aus der Grube Himmelsfürst bei Freiberg in einem neuen &ü- bererz gesunden und von Winkler analysiert wurde. Dabei ergab die Analyse einen Fehlbetrag ton 6—7 Prozent. Erst nach längeren Untersuchungen gelang es 1886. das fehlende Element als Germanium zu isolieren, das sich nach seinen Eigenschaften ball» als das von Mendelejeff vorhergesagte Ekasiticium erwieS. Das Element kam auch gelegentlich in Bolivien als Argyrodit in einzelnen Restern vor. Verhältnismäßig spät wurde es 1909 miedet in mexikanischer Zinkblende gefunden.^ Während des Krieges entdeckte bann Schneider höhn in den berühmten Gruben von Tlumeb lSüdw.-Afrcka) wieder größere Mengen Germanium in einem rosa gefärbten Erz lGermanit). Die Analyse
von Pufahl ergab außer 0,74 Prozent Oa 6,2 Prozent Ge. Leider ist daS Ge immer noch sehr selten unZ) teuer. Es kostet augenblicklich 142 M. Gr. — Der Vortragende ging dann näher auf die Darstellungsmethoden des Ger- maniuTns ein, wobei ersichtlich wurde, daß die Herstellung ton reinem Ge noch immer äußerst sorgfältiger Laboratvtiumsarbeiten bedarf. DaS Element ist 2- und 4 wertig und hat ein Atomgewicht ton 722. Das spezifische Gewicht bei 20" beträgt 5,47.
Das Germaniutndioxyd soll nach Müller zur (Smcuctunq der roten Blutkörperchen beitragen, Dr. Kregele.
Hochschulnachnchien.
Der Privatdozent Dr. Bartel Sseenbert van der Waerden in Göttingen hat einen Rus als außerordentlicher Professor für Mathematik an die Universität Rostock erhalten. Dr. van der Waerden ist 1903 zu Amsterdam geboren. Er widmete sich auf den Universitäten Amsterdam und Göttingen dem Studium der Geometrie unter Prof. Hendrik de Vries, dem der Invariantentheotie bei Prof. R. Weizenböck sowie dem der Algebra bei Prof. E. Roel her, war zunächst Afsistent bei Prof. Maschke in Hamburg und siedelte Ostern 1927 in gleicher Eigenschaft nach ©öttingen über, wo et sich auch für das Fach der Mathematik habilitierte. — Pros. Dr. Hellmuth v. Weber an der deutschen Universität in Prag hat einen Ruf auf den Lehrstuhl für Straf* und Prozeßrecht an der Uni- verfttät Jena als Rachfolger von Pros. Dr. M. Grünhut erhalten. Prof. v. Weber, der aus Rossen gebürtig ist, studierte in Oxford. Freiburg i. Dr. und Leipzig, besonders unter Geheun- rat R. Schmidt, war dann im sächsischen Iusti>- dienst tätig, erwarb 1922 in Leidig die juristische Doktorwürde unb habLitierte ttch zwei Jahre später ebenda für Strafrecht und Prozeßrecht mit einer Schrift „Das RotstandsproÄem". Seit zwei Jahren wirkt v. Weber als Extraordinarius an der Prager deutschen Universität,
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