IMS Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)
Montag, 20. Februar 928
Grausiges Erlebnis.
Von Hugo Krizkovsky.
Gesucht
für sofort eine krestige Persohn. Dieselbe muh männlichen Geschlechts sein und braucht derselbe keine Dorkenntnisse.
Hoher Derdienst!
„Weltzirkus und Menagerie Ziüeriandl", Kl. Exezierplah, hinter der reitenden Atilleriekaserne.
Franzl Wopize kratzte sich das unrasierte Kinn, dann las er noch einmal das tuschgemalte Plakat, das mit vier Reißnägeln am Daum festgemacht
Warum nicht? dachte er und beschloß hinzugehen. , ,
Er war kräftig gebaut, männlichen Geschlechts und besaß ganz und gar keine Dorkenntnisse, so daß er ollen Forderungen des Plakats zu entsprechen glaubte.
Also setzte er sich in Bewegung und trabte die Reugasse entlang, scharwenzelte um die Ecke der Artilleriekaserne und stand vor dem „Weltzirkus und Menagerie Zickerkandl".
Ein Wohnwagen stand da und ein paar Lastkarren, dazwischen ragte das Zeltchen empor, und im grünen Gras weidete ein unterernährtes Röhlein. Franzl Wopize trat an den gelb- ?estrichenen Wagen und klopfte an dos Mattglas- enster. r. .
Halts Maull“ ries eine Frauenstimme, und Franzl zog sich bestürzt zurück. Er stolperte über etwas und fiel hin.
Das Etwas war der Herr Direktor, der hier geruht hatte. Er öffnete die Augen und blickte Vein Franzl, der neben ihn hingeplumpst war, forschend ins Antlitz.
„Fabelhaft! Was wollen Sie, wer sind Sie, wie heißen Sie, was tun Sie, von wo smd Sie? fragte er kurz. ., ,
„Mein Rame ist Franz Wopize, ich komme wegen ..." _ .
„Fabelhaft! Sie sind also der Herr von der Steuer!" unterbrach ihn der Zirkusdirektor. (Er hatte zufällig leinen auf gezwirbelten Schnurz bart, sah aber darum nicht weniger stattlich aus.)
Graf Luüners Sieg in Amerika.
3m März wird Graf Luckner, der mit seinem .Seeadler" eine Umsegelung der Welt vorgenommen hat und in allen Ländern der Erde neue Sympathien für sein deutsches Vaterland geworben hat, von Amerika kommend wieder in Hamburg eintreffcn. Anläßlich seines Aufenthalts in Amerika gibt Dictor Ridder von der Reuyorler Staotszeitung in einem Artikel seine Eindrücke über den Grafen Luckner wieder, aus dem wir folgende bewerkenswerten Stellen wicdergeben möchten, weil sie ein wahres Loblied dieses deutschen Pioniers im Auslande bedeuten:
Als ein deutscher Wandervogel ist vor einigen Monaten Gras Luckner nach Amerika gekommen, just eine Dekade, nachdem trotz Krieg und Rot der Erdball Widerhai.te von Ruf und Ruhme Les heldenmütigen Führers des „Seeadler" und feiner tapferen Getreuen. Der „Seeteufel" k o m, sah und siegte — siegte durch die bloße Kraft seiner Persönlichkeit, durch die er im Frieden seinen: Vaterlande einen kaum geringeren freiwilligen Dienst zu erweisen den Dorzug hotte, wie im Kriege. Gras Luckner kam nicht als Propagandist nach Amerika, nicht als Vertreter einer Regierung _ oder von abgegrenzten Jntercsscn- kreisen. Während seines Aufenthaltes sprach er wie er dachte und fühlte. And diese Gedanken und Gefühle eines urdeutschen Geistes und Herzens sind ihm in Amerika Eroberer gewesen. Einer feiner markantesten Erfolge war auch in Amerika fein Buch „Der Seeteufel", von dem in 2 Monaten nicht weniger als 50 000 Exemplare abgeseht worden find und dessen Herausgabe die Reuyork Times in einer Buchbesprechung als ein Beispiel dafür zitierte, daß „keine Ration ein Monopol auf Heldentum hat und keine Ration ihre Helden für sich behalten kann. Früher oder später gehören sie vielmehr der ganzen Welt".
Seit dem Erscheinen des Buches ist Gras Luckner dermaßen mit Aufforderungen zu Dor- trägen überhäuft worden, daß er sich zu einer neuerlichen Verzögerung seiner Rückkehr entschloß und begonnen hat, eine Dorlesungstournee durch ganz Nordamerika zu unternehmen. Bisher hat Graf Luckner vor insgesamt 70 Schulen Vorträge gehalten und in mehr als 200 Clubs, von denen ihm 43 die Chrenmitgliedschaft verliehen, gesprochen. 250 Vorträge hielt er vor Verbänden der „American Legion", deren einziges reichsdeutsches Mitglied er seit seiner Ernennung zum Ehrenmitglied in Seattle ist. Dort ließ man übrigens an seinem Vortragsabend in feiner Symbolik weiße Tauben fliegen. Die Stadt San Franzisko machte ihn sogar zum Ehrenbürger, die Stadtverwaltungen empfingen ihn überall, wo er zum Besuch eintraf, mit höchsten Ehren. In Buffalo wurde er mit Polizeigeleite eingeholt. Der Buffalo-Club, dem bisher nur Präsidenten als Ehrenmitglieder angehört hatten, zeichnete ihn durch Aeberreichung des Ehren- diploms aus. In Reuyork selbst lernten Luckner die Amerikaner als einen regulär fellow kennen und lieben. Als „blutloser Kriegsheld" bildete er für die Zeitungen und ihr Publikum gleichzeitig Reues, noch nie Dagewesenes. Bei allem Erfolg war ihm sein natürlicher Takt eine wesentliche Hilfe. Eine seiner ersten Handlungen in Reuyork war die Rückgabe der amerikanischen Flagge des Segelschiffes „Pas of Balmaha", das er in seinen „Seeadler" umgewandelt hatte, an den früheren Besitzer. Er spielte nicht den Helden, der seine Kriegstaten rühmen will, sondern gab sich als friedfertiger Deutscher zu erkennen, der im Kriege seine Pflicht ge- t a n und nun seinen: Daterlande die Freundschaft der Welt erschließen und erhalten helfen will. 2lls solcher erkannte und ehrte ihn neulich auch Henry Ford. And erst vor einigen Tagen wurde ihm in Reuyork ein Empfang in dem exklusiven Aniversith Club bereitet, wo ihn Rockefeller, Morgan, Astor und andere Amerikaner feierten, deren wohlwollende Freundschaft dem Grafen als Fürsprecher und Dor- kämpser deutscher Friedensliebe unschätzbar Diel bedeuten.
Wenn Republiken Könige empfangen.
Von Dr. A. von Witte.
Der Emir von Afghanistan und feine Gemahlin, die am 22. Februar in Berlin erwartet werden, sind die ersten Monarchen, die der deutschen Republik einen offiziellen Besuch abstatten.
Die Pariser, überaus empfänglich für den Anblick öffentlichen Schaugepränges, sind auch glänzende Regisseure prächtiger Auszüge: sie haben daher dem König von Afghanistan und seiner schönen Frau einen recht wirkungsvollen Empfang bereitet, der schwer zu übertreffen sein dürfte, wenn die asiatischen Majestäten im weiteren Derlauf ihrer europäischen Tournee nun auch der deutschen Republik ihren Besuch abstatten. Sicherlich hat sich das sportlustige Dolk von Paris dabei innerlich ein wenig über die feierliche Veranstaltung lustig gemacht: es mag ein leiser Unterton von Ironie mitgeschwungen haben, wenn es begeistert „Vive le roi!" und „Vive la reine!" gerufen hat. Für die Bewohner der Stadt, die sich für die Metropole der Welt hält, ist es nichts Angcwohntes, Herrfcherpaare aus mehr oder weniger entlegenen Gegenden in ihren Mauern zu begrüßen. And die eigene Erinnerung schweift zurück zu dem Pariser Besuch des Zaren Rikolaus II. und der Zarin Alexandra, ein Besuch, der um rund drei Jahrzehnte zurückliegt. Es war wohl der Höhepunkt im Leben des ziemlich eitlen, sehr stattlichen Präsidenten Felix Saure und seiner bürgerlich-behäbigen Gattin, als die beiden, rechts und links zur Seite des Zaren und der Zarin, in der großen Pause der Gala-Vorstellung auf den Balkon der Oper hinauStraten und die gewaltige Volksmenge, zu ihren Füßen lebensgefährlich dicht zusammengeballt, zu ihnen empor- jubclte. 2lls der letzte Selbstherrscher aller Reußen und seine Gattin die Oper verließen und über die von einem Truppenspalier eingesäumten Boulevards, die taghell beleuchtet waren, zurückfuhren, umbrauste dann neuer Jubel die goldene Glaskutsche, in der sie sahen, Rikolaus II. in dem langen roten Schoßrock der Kosaken, Alexandra Fsvdorowna, deren liebliche Züge auch in diesem Moment ihren melancholischen Ausdruck nicht verloren, funkelnd im Strahlenglanz ihrer Diamanten — die seitdem Wohl zumeist in die Schmuckschat'llen amerikanischer Millionärinnen gewandert find.
Aber nicht immer find die Franzosen so galant zu ihren königlichen Gästen gewesen. Alfons XII. von Spanien, der Vater des augenblicklich regierenden Alfons XIII., wurde in Paris ausgezischt und mit beleidigenden Zurusen empfangen, offenbar, um ihn dafür zu strafen, daß et an den deutschen Manövern teilgenommen hatte und zum Chef eines preußischen Alanenregiments im Elsaß ernannt worden war. Auch die Kaiserin Friedrich war Beleidigungen ausgesetzt, als sie die Anvorsichtigkeit beging, sich durch eine Kunstausstellung zu einem kurzen Ausflug an die Seine verlocken zu lassen. Es war wohl auch ein Fehler des deutschen Botschafters Graf Münster, die Kaiserin in einem offenen Wagen durch den Bois de Bou- logne kutschieren zu lassen. Sie hatte ihre heimliche Reise unter einem Inkvynito-Ramen gewagt, ihre Anwesenheit ging folglich die Polizei nichts an und fiel auch nicht in das Ressort des Zeremonienmeisters der Republik, ein Amt. das damals Philippe Crozier. der spätere Botschafter in Wien, innehatte.
Dieser Zeremonienmeister der Republik — zur Zeit Monsieur Pierre de Fouquiöres — ist ein geplagter Mann, wenn die Republik einen König empfängt! Bor dem Zarenbesuch, der das franko-russische Bündnis besiegelte, trug der Conferencier Furoy, der mit seinem wahren Ramen Drehfuß heißt, in feinem Kabarett ein ergötzliches Couplet vor: dort, in der „Boite ä Furoy“, „Furohs Bude", konnte man einem gut erfundenen Gespräch des Präsidenten der Republik
„Verzeihung, ich bin nicht von der Steuer, ich komme wegen ..."
„Richt von der Steuer? Fabelhaft! Dann sind Sie aber am Ende der Falott, der was immer unser Reserl, das schönste Mädchen aus Oesterreich und Umgebung belästigt, aber das sag' ich Ihnen, wenn Sie sich noch ein einziges Wal unterstehen ..."
„Entschuldigen Sie, ich bin auch nicht der Herr Falott, den Sie meinen, ich komme auf das Plakat am Baum in der Augartenstrahe."
„Aha, fabelhaft! Warum sagen Sie das nicht gleich, Sie Rebbich! Können Sie brüllen?"
„Wie beliebt?"
„Ob Sie brüllen können! So: Uhuaaaaaaaa!" „Ich kann's ja probieren: Uhua...!"
„Sie meckern ja, Freunderl! Wilder müssen's brüllen, wilder!"
„Huhuaaaaaaaaa!"
„Fabelhaft! Gemacht. Fünf Schillinge täglich bekommen Sic, keinen Heller mehr, ich laß nicht mit mir handeln, damit Eies wissen. Einverstanden?"
Franzl Wopize zögerte noch: „Das schon. Aber ich möchte erst gerne wissen..
„Gott, was sind Sie für ein Trottel! Mein Tiger ist unlängst gestorben, an Herzverfettung. Da näh' ich Sie halt in das Fell ein und Sie müssen brüllen. 2m Käfig ist zwar noch ein alter Löw', aber der tut Ihnen schon nix, der ist alt und halb blind und stinkfaul, so ausgesressen ist der, da brauchen's ka Angst haben!"
„Aber wenn es ihm doch einfiele...?“
„Dem fallt nix ein, sag ich Ihnen, der wird sich gar net um Sie kümmern, so brav ist der. Da habens fünf Schillinge und um zwei Uhr müssens zur Stelle sein. FabelhaftI Gschamster Diener!"
Mit einem bangen Gefühl im Bauch ließ sich Franzl um zwei Uhr von der Frau Direktor in das Tigerfell einnähen. „Schneller, schneller , drängte der Ches. „Das Publikum tribuliert schon. Bist fertig, Miherl? Ra alsdann. Fabel- hast. Und jetzt nein in den Käfig. Und gut brüllen, Sie Pülcher!"
Franzis Knochen schlotterten in dem ö’eU bedrohlich durcheinander, als er in den Käfig gc- schubbst wurde.
„Hallo! Da kommfs Luder ja!" schrie man begeistert im Publikum. „Dös is woll erscht äußerln gewesen!"
mit seinem Zeremonienmeister, dem „Chef de Protocole", lauschen. Der Präsident beriet, wie er seinem erlauchten Gast ein großes Vergnügen bereiten könnte: schließlich meinte er: „Wie wäre es mit einer Jagd?" Der „Chef de Protocole" erwidert skeptisch: „Dann wird er Sie eben für einen Chasseur halten!" Unter einem „Chasseur" versteht man nun sowohl einen Jäger als auch einen Türhüter im Restaurant — ein Doppelsinn, der ein Schlaglicht auf die Selbstherrlichkeit des Zaren im Vergleich zur parlamentarischen Abhängigkeit des französischen Präsidenten warf.
Wilhelm II. hatte mehr Glück als feine Mutter, als er in seiner Bonner Studentenzeit einen Abstecher nach Paris machte: auch er reifte ut»ter einem Inkognitonamen, der nun wirklich einmal unbekannt blieb, und -niemand nahm Rotiz von dem künftigen deutschen Kaiser. Die einzige Republik, die jemals offiziell von Wilhelm II. besucht worden ist, war die Schweiz. Er wählte für diesen Zweck, nämlich für einen Aufenthalt auf der Durchreise in Luzern, als Tracht die Uniform de' Garde- schühen, der sog. „Reuchateller", die ihren Ersah aus Reuchatel bezogen, bevor sich dies Ländchen, das zu Preußen gehört hatte, von Deutschland loslöste und der schweizerischen Eidgenossen- schast anschloß. Ob die Wahl just dieser Uniform besonders geeignet war, den Schweizern zu gefallen, ist zweifelhaft. Sie ähnelt übrigens im Schnitt der Uniform der schweizerischen Armee.
Richt immer hat die Schweiz, das gastlichste Land Europas, mit königlichen Güsten gute Erfahrungen gemacht. Dem Sah „De mortuis nil, nisi bene“ zuliebe sei jener König nicht genannt, den die Schweiz aus ihren Grenzen auswies, da fein Lebenswandel berechtigten Unwillen erregte. Besonders seine Gewohnheit, sich, notdürftig bekleidet, mit jungen Damen auf der Terrasse der von ihm bewohnten Villa zu zeigen, so daß ihn feine Rachbarn beobachten konnten, wie er sich beim Champagner nächtlich amüsierte, fiel unangenehm auf. Die schweizerische Republik sah sich deshalb gezwungen, diesem König den weiteren Genuß ihrer Gastfreundschaft zu entziehen. Aber nicht immer hatte die Eidgenossenschaft solche Scherereien mit königlichen Gästen. Daß sich der Bayernkönig Ludwig II. mit Joseph Kainz einmal für einen Sommer am Vierwaldstätter See niederließ, brauchte die schweizerische Behörde nicht zu kümmern, da er ausdrücklich um Wahrung seines strengsten Inkognitos gebeten hatte, ebenso verfuhr auch die unglückliche Kaiserin Elisabeth von Oesterreich, die als „Gräfin von Hohenembs" in Genf weilte, als sie den tödlichen Dolchstoß empfing.
Das Inkognito allein enthebt eine republikanische Regierung noch nicht der Verpflichtung, über die Sicherheit eines Königs aus ihrem Boden diskret zu wachen. Man munkelt indes, einige Kronenträger hätten die geheime Bewachung gar nicht gern gehabt und eS sehr übel vermerkt, wenn sie feststellen mußten, daß die Wächter ihnen sogar folgten, wenn sie heimliche Freuden genießen oder irgendein kleines Abenteuer erleben wollten. Die Pariser Polizei hätte wohl viel zu tun gehabt, falls sie dem „Grafen von Takowa", den man ehemals König Milan von Serbien nannte, bei Tag und bei Rächt auf seinen Bummelfahrten zwischen Rennplätzen, Restaurants, Spielklubs und den Kulissen der kleinen Theater auf Schritt und Tritt nachgespürt hätte.
Die größte Republik unseres Planeten hat noch keinen König empfangen. Rur eine Königin — Maria von Rumänien — ha: die Vereinigten Staaten von Amerika betreten und sich dort, wie sie es liebt, von den Dollarfürstinnen feiern und bewundern lassen, als schöne Frau, Vorbild der Eleganz,
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Dem guten Franzl war aber nicht so zumute. Er druckte sich in die Ecke und schielte hinüber zu dem Leu. der da gemächlich ausgestreckt lag und von ihm keine Rotiz zu nehmen schien. Er blinzelte träge ins Publikum, wedelte ein bißchen mit dem Schweif, gähnte und stierte weiter vor sich hin.
Wenn's so weitergeht, dachte Franzl, dann geht's gut. Aber zu brüllen getraute er sich nicht. Die Bestie verhielt sich ruhig, wahrscheinlich war sie vollgefressen bis zum Hals und zu faul, um Muh zu sagen. So verging einige Zeit, in der Franzl fein pochendes Herz etwas beruhigte. Schließlich, so dachte er, muß der Zickerkandl ja wissen, ob dös Biest einem was tut oder nicht. Er wird schon recht haben. Aber Gottes Ratschluß ist unergründlich. Der Leu erhob sich.
Dem Franzl rieselte eine Gänsehaut unter der Tigerhaut über n Rücken. Himmel, was wollte das Biest auf einmal? Der Löwe reckte sich, schüttelte die Mähne, riß den Rachen auf, wendete urplötzlich das Haupt und äugte angestrengt zum armen Franzerl, der in die äußerste Ecke kroch und zu beten anfing. — Der Leu brüllte, wie zehn Franzeln eS nicht vermocht hätten und setzte sich langsam in Bewegung. Er kam näher und näher. Roch zwei Schritte... noch einen ... jetzt stand er neben ihm, duckte sich, fauchte, fletschte die Zähne ... Großer Gott... Der Löwe brüllte, daß die Eisenstangen wankten. Run hob er die Tatze. Franzl schloß die Augen und dachte: Jetzt zermalmt er mich. — Aber nichts geschah.
„Kriegst du auch nur fünf Schillinge?" fragte der Leu.
Frankfurter Theater.
Alfred Wolfen st eins Drama^ „C e l e - st i n a“ gelangte auf der Bühne des Frankfurter Schauspielhauses zur A r a u f f ü b r u n g. 2n „Celestina" lernt man eines der ältesten^ spanischen Dramen kennen: es entstand ungefähr um 1500, und der episch-dramatische Dialog ergoß sich über 21 Akte. Alfred Wolfenstein hat es sich zur dichterischen Ausgabe gemacht, dieses dramatische Wert des Fernando de Rojas neu zu gestalten. Bei die er R'udramarisierung des altspanischen Sto fes hat frei ich die große Kupplerin Celestina ein etwa« anderes Gesicht bekommen. Auch das Schick al des Helden Ealisto erfährt' wesentliche Veränderung, er stürzt nicht als Romeo von der Leiter, da er mit seiner
deS C harmS — und Meisterin der Reklamekunst. — Berlin, das a:s Hauptstadt einer Republik bisher noch kein gekröntes Haupt empfangen hat, wird für den Beiuch deS Königs Aman Allah und seiner Gemahlin keinen so großen Luxus entfalten können wie in den Zeiten, da es noch Hauptstadt eineS Kaiserreiches war, ja es wird sich nicht entfernt in so hohe Ankosten stürzen tonnen wie ei.ist das republikanische Paris bei dem Besuch des russischen Zaren und der Zarin. Deutschland ist ärmer und ernster geworden, und das Prunken, das Glänzen würde dieser Stadt der Arbeit nicht zu Gesicht stehen. Dennoch wird man natürlich den a fghanischen Majestäten viele Aufmerksamkeiten erweisen, wie sie im internationalen Verkehr üblich sind — und man kann darauf rechnen, daß der prachtliebende asiatische Monarch auch in Deutschland auf seine Kosten kommen wird.
Aus der Provinzialhauptstadt.
Gießen, den 20. Februar 1928.
Mummenschanz.
2n diesen Tagen erreicht die Losung: „Lasset uns das Leben genießen!" die Gipfel närrischer Tollheit. Prinz Karneval ist noch immer unumschränkter Monarch in einem freilich aus Phantasiegebilden gezimmerten Reich, dessen Bewohner die denkbar gefügigsten Untertanen sind. Die diesmal sogar ohne Groll ihre Steuer für ein Vergnügen entrichten, auf das meist mit einem Katzenjammer nachgezahlt werden muh. Selbst wenn sich nicht „alle Bande frommer Scheu" lösen, in dem Wirbel der Faschingslaune reißt sich von jedem etwas los, was sich sonst ängstlich hütet, die Lackschicht zu sprengen, mit der sie die sogenannte Kultur überzogen hat. Das braucht, weil es menschlich-allzumenschlich ist, nicht verwerflich zu fein.
Was soll der ganze Mummenschanz, diese oft mit einem Feuereifer, der einer besseren Sache würdig wäre, betriebene Verwandlungskomödie? Ein Rarr fragt Diel, woraus in der Faschingszeit nur ein Rarr die rechte Antwort geben könnte. Aber darnach fragt eben kein Demünf- tiger Mensch, weil in dieser Zeit sogar Logik und Vernunft unter Kuratel stehen. Weil die normalen Begriffe jetzt in die Zwangsjacke gesteckt sind, mit der man während der übrigen Zeit im 2ahr selbst herumläuft. And mancher ist in einer Chamäleonhaut plötzlich nicht mehr der, den man hinter ihm suchte. Der eine „ein reizender Salonlöwe", der andere „ein gefährlicher Don 2uan“ und der dritte „ein Witzbold, wie es keinen zweiten gibt“, eine 42-Zentimeter- Stimmungskanone. Oft zeigen sich im Rarren- gewande Fähigkeiten, mit denen em Mensch Karriere hätte machen können, wenn er nicht eine „Laufbahn" hätte einschlagen müssen.
Wohlfeiler Stofflitter zaubert Krösus-Illusionen und das Gefühl, „etwas porzustellen", gibt dem Betreffenden mindestens cbenfooiel Frohlaune, wie dem anderen, der über die Harleki- naden in ein Lachen ausbricht, wie es keine Gehaltserhöhung zustande bringt Rur der zwingt das Leben, der es lächelnd überwindet B. B.
Hessen und der preußische Zollverein.
Die „Darmstädter Zeitung" erinnert daran, daß Dt>r hundert 2ahren Hessen dem Preu ßischen Zollverein beitrat womit befanvi llch eia bedeutsamer Schritt zur Einigung Deutsc!: lands zurückgelegt wurde. Preußen hatte im 2ahre ISIS ein neues Zottgefeh erlassen, wodurch die Provinzen dieses Staates zu einem großen einheitlichen Wirtschaftsgebiet zusammengefaßt wurden. Bayern und Württemberg unternahmen eine Konlurrniz- grünöung und schloßen sich zu einem Zollbund zusammen, dem Hessen-Darmstadt nicht abgeneigt war beizutreten. Allein, so schreibt die „Darmstädter Zeitung", entgegen dieser Auffassung des gesamten Landes beschloß der damalige Minister du Thil nach sorgfältigen Erwägungen, sich
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geliebten Melibea kosen will, sondern er wird von Celestina, die er verschmäht, erstochen. Das weitere Schicksal der armen Melibea läßt Wolfen- siein uns nur ahnen, er verzichtet auf ihren frassen szenischen Tod. Mittelpunkt des Dramas ist die große Kupplerin, die Hexe Celestina. Die Tragödie dieser Meisterin der Liebe wurzelt darin, daß sie sich unrettbar in den frommen Calisto verliebt. Die eifersüchtige Kupplerin wäre vielleicht ein recht guter Stoff zu einer Tragikomödie, aber bei Wolsenstein verzehrt sich Celestina, die mit kaltherziger Berechnung um klingenden Lohn rings um sich her Flammen schürt, an ihrer eigenen Liebessehnsucht. Sempro, der als Freund des Calisto gilt und gleichzeitig mit Gewinnanteil an Celestinens Liebes-Hochschule beteiligt ist, trägt mit teuflischer Frechheit auf zwei Schultern. So stiftet et Celestina an, Calisto Melibea zuzusühren, damit er um , so schneller, der ersten Liebe überdrüssig, in chre eigenen Arme eile, aber der Plan scheitert an der Treue der beiden Liebenden, imd hierin gipfelt die dramatische Bewegtheit des Dramas, welches von sehr viel Liebe handelt, sehr viel Szenen aufweist, aber nie so recht zum eigentlichen 2nhalt findet. Sicherlich war diese „Celestina" von bedeutungsvoiler Wichtigkeit für die Weiterentwicklung des spanischen Dran:as, einzelne Gestalten atmen vorahnend S Hakespeare- schen Geist, aber uns Heutigen hat die seltsame Dame nicht mehr viel zu sagen: ihre leidenschaftlichen Zuckungen lassen kalt, ihre Dämonie verpufft in bunten Szenen, der Rachhall fehlt. — Die Ausführung unter der Regie Weicherts war zündend und voll dramatischem Elan, immer wieder versuchte er der Szenenreihe den Reiz künstlerischer Bewegtheit zu schaffen. Caspar Rehers Bilder hatten bei geschickter Ausnützung der Drehbühne malerisch dramatische Eindringlichkeit. Wundervoll, das Werk darstellerisch vertiefend, war die Celestina der Agnes Straub! Eine gleißende Schlange, bewandert in allen Künsten der Verführung und doch im Retze eigener Verstrickung sich fangend. Reben ihr — mit Abstand — alle übrigen in vollem Einsatz ihres Könnens. Das Publikum ließ sich in erster Linie von der großen Künstlerin hinreißen, folgte dem Drama mit 2ntereffe und dankte mit lautem Beifall für die ausgezeichnete Ausführung. 2mmer wieder mußten Autor, Regisseur und Darsteller auf der Bühne erscheinen.


