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Itt. XI Drittes Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Zreitag, 20. Januar {928

ten, die man sowohl vom Standpunkte der Vogelsbergbewohner, wie auch im Interesse der Reichsbahn als dringlich bezeichnen muh.

Sängeriag öes Sängerbundes Horloff'Wetiertul.

# Rodheim an der Horloff, 18. Ian. Sonntag fand hier im Saale des GasthausesZur Lutherlinde" der diesjährige ordentliche Sängertag des SängerbundesHor­loff - W e t t c r t a l" statt. Rach den üblichen Begrüßungsworten durch den Vorsitzenden unseres Gesangvereins, Heinrich Rudel, erstattete an Stelle des erkrankten Bundesvorsitzenden Vöcher- Ruvpertsburg der Stellvertreter Stotz- Lau­bach den Geschäftsbericht. Zu den seither dem Bunde angehörenden Gesangvereinen Röth­ges, Ruppertsburg, Langd, Inheiden, Hungen, Wetterfeld, Gonterskirchen, Altenhain,Eintracht" undHarmonie" Laubach sind im Laufe des Berichtsjahres die Vereine DiMngen undEin­tracht" Rodhetm hinzugekvmmen. Die Zahl der Aktiven Sänger hat sich im Geschäftsjahr erhöht und beträgt nun 418. Im verflossenen Iahre wurden zwei Dorstandssitzungen, ein Dirigenten­tag und das Wertungssingen zu Langd abge­halten, worüber der Bundesdirigent, Lehrer Dietrich von hier, nochmals das Ergebnis zusammenfahte und die Bundesvereine zu wei­terem Vorwärtsstreben im Sinne der vom Wer- tungsrichter, Rektor Schad- Hungen, angegebe­nen Richtlinien ermahnte. An den Massenchören haben sich die Vereine mit ihrer vollen Sänger­zahl zu beteiligen. Es zeigte sich erneut, daß der Bund in dem Bestreben, in chortechnischer Hin­sicht die Leistungen zu heben und auf eine gute Auswahl der Chöre hinzuwirken, auf dem besten Wege ist. Rach Verlesung des Protokolls führte bei der Rechnungsablage der Bundes- rechner W i n g e f e l d - Wetterfeld lebhaft Klage über den schlechten Eingang der Bundesbeiträge ufw. Es'wurde deshalb der Beschluß gefaßt, daß alle fälligen Gelder bis zum 1. Mai jedes Iahres

Buntes Allerlei

das Andenken der begabten Schriftstellerin zu

ten nach Alsfeld herzustellen, haben wir bereits ehren, hat man den Plan gefaßt, im Reuyorker wiederholt berichtet. Reuerdings fand in Busens ' Zentralpart einDogelschutzgebiet und einenKindcr-

born eine Zusammenkunft der Bürgermeister der

Sahnbauplä'ne im Vogelsberg.

Seit einigen Wochen beschäftigt man sich im Vogelsberg lebhaft mit verschiedenen Bahn- bauprojekten, die den Zweck verfolgen, durch Schaffung einer neuen Vogelsberg- Querbahn die wirtschaftliche Abgeschlossenheit und Declehrsisolierung der Orte zwischen Schot­ten und Alsfeld bzw. zwischen ällrich stein und Lauterbach zu beseitigen. Lieber die Be­mühungen, eine Eisenbahnverbindung von Schot-

Derkleine Lord" und seine Gegner.

Das Buch vomkleinen Lord Fauntleroy" der Amerikanerin Frances Hodgson Burnett ist auch bei uns zu einem Lieblingsbuch der Iugend geworden, an dessen anmutiger Erzählungskunst aber auch die Großen ihre Freude finden. Um

Gemeinden Cichelsachsen, Wingershausen, Eschen­rod, Busenborn und Breungehain statt, die zu dem Dahnprojekt Schotten Alsfeld Stellung nahm. Cs wurde beschlossen, das Kreis­amt in Schotten zu bitten, eine Versammlung sämtlicher Bürgermeister der für diese Linie in Betracht kommenden Gemeinden zu veranlassen, damit jeder Gemeinde Gelegenheit zur Stel­lungnahme geboten werde.

Ferner wurde dieser Tage eine Versammlung in Gngelrod auf Einladung des dortigen Bür­germeisters G r e b abgehalten, in der Bürger­meister Appel- Ulrichstein über die neu auf- getauchten Bahnprojette sprach. Der Redner be­tonte in seinem Vortrage eindringlich die Rot­wendigkeit einer Erschließung des nördlichen, wirtschaftlich schwächsten Teiles des Dogelsberges durch eine Dahn, denn nur dann könnten die Erzlager bei Gngelrod ausgebeutet und damit der Bevölkerung ein besseres Auskommen ge­schaffen werden, wenn eine Dahn den raschen und billigen Abtransport der Erze ermögliche. Der Redner trat für ein Projekt Schotten Ulrichstein Burg- und Rieder- gemünden ein, das e'ine Derkehrsmöglichkeit auf Dem Schienenwege von Frankfurt über Fried­berg Ridda Schotten Ulrichstein Burg­und Riedergemünden Homberg Kirchhain Kassel mit Anschluß nach und von dem In­dustriegebiet ermögliche. Die Gedankengänge des Vortragenden fanden allgemeinen Beifall. Rach längerer Aussprache wurde einmütig beschlos­sen. sich für das Projett Schotten Ulrichstein

garten einzurichten, die ihren Ramen tragen. Aber diese harmlose Absicht hat merkwürdiger­weise einen Sturm der Entrüstung entfesselt, und es zeigt sich nun, daß die Amerikaner von heute das Buch nicht in so liebevollem Gedenken tragen, wie man annehmen möchte. Die Gestalt des kleinen Iungen, der so plötzlich zum Lord wird, hat nämlich seiner Zeit eineFauntleroy-Mode" hervorgerufen, nach der die Iungens ganz so angezogen wurden wie der kleine Lord. Es war die Zeit, da die Knaben mit Samtanzügen und langen Locken einherschritten und artig an der Hand der Mutter gehen mußten, damit sie sich ihre schöne Frisur und den feinen Anzug nicht beschädigten. Deshalb können so viele heute im Mannesalter stehende Amerikaner denkleinen Lord" nicht leiden. Ein Schriftsteller, der sich in einem Reuyorker Blatt gegen die Ehrung wendet, beklagt sich darüber, daß er fünf Iahre lang Locken tragen muhte und daß die andern Iungens, die von dieser Mode verschont blieben, ihm auf der Straße den Schimpfnamenkleines Mädel" nachriefen. Mit Tränen der Erinnerui^g, die auf seinem Schreiben Spuren zurückließen, fragt er, ob wohl irgendein anderer Autor so viel Kummer und Leid auf die Iugend gehäuft habe, als die Verfasserin des kleinen Lords, und widerspricht energisch der Behauptung, Frau Burnett sei eine.Wohltäterin der Kinderwelt" gewesen. Auch andere Stimmen beschweren sich über die Verzärtelung der männlichen Iugend, die nach diesem kleinen Tugendbold gemodelt

werden sollte. Aber der Direktor des Reuyorker Zentralparks läßt sich dadurch nicht irre machen. Gr erwiderte, daß auch seine Mutter eine große Verehrerin des Buches gewesen sei und ihn deshalb doch nicht zu Locken und Samtanzug gezwungen habe. Es sei ein schönes und gutes Buch: die Dichterin könne nichts dafür, daß sie den Anlaß zu einer solchen Mode gegeben habe, und so wird denn der Zentralpark mit einem Kostenaufwand von 40 000 Dollar eine pracht­volle Erinnerung zu Ehren der Verfasserin des kleinen Lords" erhalten.

Schlafen in allen Lebenslagen.

Große Heerführer, wie geniale Männer über­haupt, haben sich oft durch die Fähigkeit aus­gezeichnet, in jeder Stellung und zu feder Zeit schlafen zu können. Von Rapoleon wird erzählt, daß er mitten im Getöse einer Schlacht, die er leitete, in einem unbeschäftigten Moment sich auf seinem Feldbett niederlieh und eine ganz bestimmte Zeit in tiefen Schlummer verfiel, nach der er sich wieder wecken lieh. Aehnliches er­zählt man von Friedrich dem Grohen, von Wel­lington, vom Marschall Foch und von dem amerikanischen General Grand. Aber es scheint, als ob diese Gabe nicht nur den großen Männern Vorbehalten ist. Wenigstens behauptet der ameri­kanische Missionar Dr. Arthur Sy Smith, daß der chinesische Soldat in der Fähigkeit, in allen Lebenslagen sofort in Schlaf zu verfallen, von niemandem übertroffen wird.Man würde in China leicht eine Armee von eitler Million, ja von zehn Millionen zusammenbekommen," er­klärt er,wenn man die Eignung zum Soldaten davon abhängig machen würde, ob ein Mensch an einen Karren gelehnt, mit dem Kopf nach unten, den Mund offen und eine Fliege darin schlafen kann. Ein großer Teil der Chinesen würde diese Prüfung zur vollkommenen Zu­friedenheit bestehen."

Birrg- und Riedergemünden einzusetzen. Es wurde eine Kommission eingesetzt, deren Auf­gabe es sein soll, den weiteren Gang der Er­eignisse zu verfolgen.

In den Otten des Ohmtales zwischen U l r i ch st e i n und Mücke findet der Gedanke einer Bahnverbindung von Schotten über U l r i ch st e i n nach der Strecke Gieße nQI l s- f e l dF u l d a ebenfalls lebhaften Anklang: nur würde man hier als Ginmündungsstation in die Strecke GießenFulda nicht Rieder-Gemünden empfehlen, sondern es vorziehen, wenn die evtl, neue Strecke von M ü ck e abzweigen und über Kirschgarten und Wettsaasen nach Ruppertenrod, dann über Ober-Ohmen, Unter- und Ober-Dei- bertenrod nach Ulrichstein gehen würde, um von dort aus nach Rixfeld zur Einnründung in die Strecke S t o ck h e i mG eder nL auterbach zu kommen.

Die Bestrebungen zur Erschließung deS Dogelsberges durch neue Bahnlinien finden auch aus der anderen Seite des Gebirges einen sym­pathischen Widerhall. So hat am Mittwoch in iF u l d a eine Versammlung von Vertretern auS Zahlreichen Gemeind«n deS westlichen Teiles des Kreises Fulda stattgefunden, di« sich unter dem Vorsitz deS Landrates Frhrn. von G a g e r n ebenfalls mit der Erbauung einer neuen Vogelsbergbahn befaßten. Hier wurde zur Weiterleitung an die Abgeordneten und an an­dere in Betracht kommende Stellen folgende Cnt- schliehuna gefaßt:Ueber hundert Männer aus dem westlichen Teile des Kreises Fulda, die unter dem Vorsitz des Landrats Frhrn. v. Gagern und in Anwesenheit von Vertretern zahlreicher Be­hörden und Wirtschaftsorganisationen in Fulda versammelt sind, lenken mit Rachdruck die Auf­merksamkeit auf die schweren wirtschaftlichen Der- hältnisse der Vogelsbergbevölkerung, die sich in­folge des Fehlens zeitgemäßer Verkehrsmittel gegenüber andern Teilen des Landes heraus­gebildet haben. Sie sind der Ueberzeugung, daß der Vogelsberg unbedingt bessere Verkehrsver­hältnisse erhalten muh, wenn sich die dortige Bevölkerung gegenüber andern Gebieten nicht als

Stiefkind behandelt fiihlen soll. Die Versammlung bittet alle in Betracht kommenden Stellen, die schlechte Lage der hart um ihren Lebensunterhalt kämpfenden kleinbäuerlichen und dem Arbeiter­stand angehörenden Bevölkerung zu würdigen und dafür einzutreten, daß alles versucht wird, um mit Unterstützung der in Betracht kommenden In­stanzen den Bau einer Bahn in den Vogelsberg möglichst bald zu verwirklichen." Zum Schluß wurde auf Vorschlag des Landrats ein Arbeits­ausschuß gebildet, der alle mit der Vogelsberg­bahn zusammenhängenden Fragen nachdrücklich weiter fördern soll.

Es ist zu begrüßen, daß man sich jetzt auch im Vogelsberg wieder energisch regt, um für dieses bisher von der Reichsbahn recht stief­mütterlich behandelte Gebiet bessere Verkehrs­und Olbsatzmöglichkeiten zu schaffen. DerGieß. Anz." hat früher schon wiederholt die Rot- wendig kett einer weiteren Vogels­berg-Querbahn betont und dabei darauf hingewiesen, daß die Raturschätze des VoaelS- berges erst dann in wirtschaftlich ergiebiger Weise zum Besten unserer Volkswirtschaft nutzbar ge­macht werden können, wenn durch eine weitere Bahn die Möglichkeit deS Abtransportes zu erträglichen Preisen geschaffen ist. Durch den Güterverkehr dürste die Rentabilität der Bahn als gegeben anzusehen sein. Darüber hinaus ist aber auch vom Standpunkte des Personenver­kehrs aus eine Erweiterung des Dahnnetzes im Vogelsberg als dringend notwendig und jedenfalls auch für die Reichsbahn wirtschaftlich förderlich zu bezeichnen. Man tarnt nur hoffen und wünschen, daß den jetzigen Bestrebungen der interessierten Gemeinden ein voller Erfolg beschieden sei, wobei natürlich über die Einzel­heiten der Linienführung, für die der Gesichts­punkt der Erschließung neuer wirtschaftlicher Hilfsquellen ganz besonders maßgebend fein wird, noch mancherlei zu klären ist. Hoffentlich zeigt die Reichsbahnverwaltung der Vogelsberg-Bevölke­rung nicht etwa die kalte Schulter, sondern er­weist sich bereit, Hand in Hand mit den Inter- essenten an der Lösung einer Aufgabe zu ar&ei­

eingesandt sein müssen, andernfalls sollen sie durch Postauftrag erhoben werden. Dieser Be­schluß ist strengstens durchzuführen. In 1927 stehen einer Einnahme von 130,10 Mk. im ganzen 86 Mk. Ausgabe gegenüber, so daß ein Über­schuß von 44,10 Mk. verbleibt, der zinstragend angelegt werden soll. Eine lebhafte Aussprache rief der Antrag des Vorstandes hervor, alle zwei Iahre ein internes Wertungs­singen ohne Punktbewertung abzuhalten und auch jedes zweite Iaht ein Bundesfest mög­lichst in Verbindung mit einem Derei ns- jubiläum zu feiern. Einstimmig wurde ein Vermittlungsantrag angenommen, in 1928 von einem besonderen Dundessingen mit Wertung Abstand zu nehmen, dann aber zur Förderung von Dirigenten und Sängern alljährlich ein Wertungssingen zu begehen, wozu ein nicht organisierter Preisrichter zugezogen werden soll. Als Massenchöre für das Bundesfest zu Villingen am 1. Iuli werden SchadeDu herrlich Land, du mein Vaterland" undDie Sonn' erwacht" bestimmt. Zur Erzielung einer gleichmäßigen Wiedergabe wird dem Bundes­dirigenten aufgegeben, im Laufe des Frühjahrs jeden Bundesverein abzuhören und Anweisungen zu geben. Als Dundesbeittag wird für jeden Sänger ein Betrag von 20 Pfennig festgesetzt. Ueber den AntragLiedetkranz"-Hungen, im laufenden Vereinsjahre einen Bund es aus- flug an den Rhein zu unternehmen, ent­spann sich eine längere, teilweise lebhafte Aus­sprache. Rachdem festgestellt wurde, daß im ver­gangenen Iahre der größte Teil der Mitglieder mit - anderen Vereinigungen Deutschlands herr­lichsten Strom besucht hatte, einigte man sich dahin, falls sich genügend Teilnehmer finden, mit Sonderzug nach Heidelberg zu fahren. Rach einer bis zum 1. März vorzunehmenden Rundfrage in den Vereinen soll der Vorstand ermächtigt fein, das Weitere zu veranlassen. Als Zeitpunkt soll die verhältnismäßig arbeits­stille Zeit zwischen Heu- und Getreideernte vor- I gesehen werden. Als Ersah für die unter Um­ständen ausfallende Dundesfahrt soll dann ein Sänger tag ohne besondere Aufmachung ab­gehalten werden. Der seitherige erste Schrift­führer Schudt-Laubach hat aus Gesundheits­rücksichten und wegen Arbeitsüberhäufung fein Amt nieöergelegt. Einstimmig wurde Hugo Sommer-Hungen an dessen Stelle gewählt. Im Verlause der Verhandlungen nahm Lehrer D e b u s - Ruppertsburg Veranlassung, die Sangesfreunde zu ermahnen, auch weiterhin ihre volle Kraft und ihr ganzes Können dem deut­schen Liede zu weihen, das gerade in Zeiten schweren wirtschaftlichen Drucks und persönlicher Verärgerung Kraft und Erquickung verleihe. Be­kanntgegeben wurde noch die Voranmeldung des Gesangvereins Wetterfeld fürs nächste Iahr betreffend fein SOjähriges Iuöelfest. Der stellvertretende Vorsitzende schloß dann die von einmütigem Sängergeist getragene Versammlung mit dem Wunsche, daß der Geist des Gemein- schaftsgeftihls auch weiterhin zum Wohle des deutschen Liedes und unseres Vaterlandes er­halten bleiben möge, und dankte für die aus­gezeichnet vorgetragenen Liedervorträge des Ge­sangvereinsEintracht" Rodheim.

Erweitertes

Schöffengericht Gießen.

* Gießen, 18. Ian. Bis in die Räch'- mittagsstunden hinein dehnte sich die Verhand­lung gegen einen zur Zeit vom Qlmt suspen­dierten Polizeibeamten aus, dem eine Reihe schwerwiegender Verfehlungen zur Last gelegt wurde. Er soll Fundsachen, die er als diensttuender Beamter in Empfang genommen hatte, sich rechtswidrig zugeeignet haben, auch soll er Gelder und eine Aktentasche, die auf dem Fundbureau aufbewahrt wurden, entwen­det haben. Obwohl zur Aufklärung des Sach­verhalts eine große Anzahl von Zeugen ge­laden war, konnte ein einwandfreier Schuld- beweis nicht geführt werden. Das Gericht sprach daher den Angeklagten mangels ausrei­chenden Beweises frei.

Cs zogen drei Burschen wohl über den Rhein ....

Roman von Erica Grupe-Lörcher.

22 Fortsetzung. Nachdruck verboten.

Der junge Monsieur Bouoier machte sich jetzt am Klavier zu schaffen. Er tat es nicht ohne die Ab­sicht, in jede seiner Bewegungen ein Gemisch von Pofe und Eleganz zu legen. Die junge Dame be­trachtete ihn aufmerksam.

Nicht umsonst hatte er sich heute in seinen besten, hechtgrauen Jackettanzug geworfen, den er sonst im­mer als zu schade für diesesSpießern est" bezeich­nete. Die Farbe stand ihm unglücklich, hier seit Jahr und Tag in dieser zu dem Wall schwarzer Haare und der kleinen schwarzen Locke, die sich über den nachtschwarzen Augen über die Stirn legte. Anstatt des kleinen schmalen Schlipses, wie ihn jeder brave Provinzler hier trug, hatte er eine elegant und kunstvoll geschlungene Lavaliöre, eine Art Künstlerkrawatte, angelegt.

Er wirkte apart, mit einem gewollten Gemisch von Eleganz und Künstlertum. Bewglich, tempe­ramentvoll, feinneroig, verbindlich und zugleich mit einigem Gran von Selbstgefälligkeit und Selbst- sicherheit, wie sie vieln Franzosen zu eigen ist. Im stillen zog sie Vergleiche zwischen ihm und Diet- wart. Man konnte sich kaum einen größeren Unter­schied denken! Und doch reizte sie hier das ihr Neue, die lebendige Wärme, die sie für ein stark vibrie­rendes Künstlertum hielt, und hinter der sie Größe und Können vermutete.

Er wußte das Instrument in überragender Weise ju meistern. Da auch Melusine keine schlechte Kla­vierspielerin war, hörte sie aus seinem Spiel nicht nur das große technische Können, sondern auch eine künstlerische Persönlichkeit heraus. Und dann sein Gesang!

Konnte diese klangvolle, in allen Lagen gut aus- aeglichene baritonale Männerstimme ein besseres Feld finden als diese prooencalischen Volkslieder mit ihren eigenartig getragenen Melodien, die bald in Sehnsucht klagten und bald in Leidenschaft Barben ...?

Herrlich! Herrlich!" rief Melusine, als er nach einer Weile einige Lieder gesungen.Noch nie habe ich Lieder von so warmer Melodik gehört! Wo haben sie studiert, Monsieur Bouoier?"

Er wandte sich auf dem runden Klaviersessel zu ihr zurück. Seine Augen leuchteten und glühten vor Entzücken an der Musik.Studiert? O, Mademoi- selle, diese Lieder und Melodien gehen uns in Fleisch und Blut über, seit unseren ersten Kinder­tagen. Wenn mir zum ersten Male mit Bewußtsein um uns sehen, hören wir rings um uns singen und spielen. Ach, was wissen die Menschen hier oben von der köstlichen Provence! Don der Herrlichkeit unserer Landschaft, von der Romanttk unserer halb­verfallenen Burgen, von der Glut unserer Sonn« unter der wir erwachen und heranreifen!"

Der alte Monsieur Bouoier stimmte eifrig zu. 3a, du bist unter einer glücklichen Sonne geboren! 21us allen Büschen und Winkeln singt's und tlingfß in der Provence! An den Bäumen reifen die köst­lichen Oliven, und an den Abhängen glüht der ©ein 5ur Ernte. Ach, Mademoiselle, Frankreich ist ein herrliches Land! Und erst das Burgunder Land! D, Mademoiselle trinken Sie von diesem herr­lichen Wein. Es ist ein Burgundertropfen. Ja, trin= fen Sie, er ist Ihnen von Herzen gegönnt. Halten Sie das Glas ans Licht! Sehen Sie dieses tiefe Rubinrot?"

Wie Feuer rann ihr der Wein durch den Kör­per. Ihre Lippen brannten und glühten. Durch ihre Adern pulste heißes Leben. Fast die gleiche auf« jauchzende Lebenslust wie auf dem Ballfest damals unter den ersten Küssen von Dietwart kam über sie.

Mit großen Augen tjörte sie Monsieur Jean Paul noch eine Weile zu, wie er noch lebendig von sei­ner südfranzösischen Heimat zu erzählen verstand. Mußte nicht auch jetzt noch ein eigener Duft von Liebesromantik, von ritterlicher Werbung, von glü­hender Erfüllungssehnsucht, von schwingender Le­bensfreude aus jedem Zoll jenes Bodens bringen, auf Dem einst vor Jahrhunderten die Troubadoure ben_ schönen Frauen auf Burgen und Schlössern zu Füßen gesessen? Auf dem Boden, der vor Jahr­hunderten die stampfenden Rosse der Turnierhelden getragen, die mit der Farbe und der Schleier­spitze der geliebten, besungenen Frau an ihrer Lanze gegen den Nebenbuhler zum Turnier ritten?

O, jenes herrliche Sonen- und Liederland auch einmal kennenlernen und selbst betreten dürfen ...!

Als Melusine nach einiger Zeit aus der Familie Bouoier schied, fühlte Jean Paul mit innerer Er­regtheit und aller Deutlichkeit, diese vergangene Stunde würde nicht ohne tiefen Eindruck auf den jungen Gast bleiben. An ihren Fragen, an dem Leuchten ihrer Augen, an dem Brennen ihrer Lip- ven, an der Art ihrer Verabschiedung von ihm selbst, empfand er, daß seine eigene Lebensmelodie ZU ihr hinüber gedrungen war. Sie fand Resonanz in der beweglichen jungen Mädchenseele und würde mit einem leisen Klange immer in ihr weiter schwingen bis, ja, bis es vielleicht in der Tat im Schatten des Straßburger Münsters ein Wie­dersehen gab.

Unter diesem Empfinden, durchglüht von diesem Ziel, hielt er sein ganzes BenPhmen auch bei ihrer letzten Begegnung. An allen drei Tagen ihres Auf­enthaltes war sie auf ein Weilchen am Nachmittag ins Haus Bouoier gekommen, und jedes Kommen von ihr war ihm ein neues großes inneres Erleb­nis. Gerade ihre bei aller graziösen Lebhaftigkeit zur Schau getragene Reserve, ihr Entgleiten, wenn er Herzensangelegenheiten streifte, reizte sein süd­ländisches Temperament um so toller.

Er sah, der Zufall war ihm gnädig. Denn ihr letztes Zusammensein geschah unter vier Augen. Ein Gewitter war urplötzlich am Nachmittag herein- gebrodjen und hatte seine Großeltern bei einem Be­suche im Vororte von der rechtzeitigen Rückkehr ab­gehalten. Als Melusine das Haus Bouoier betrat, traf sie Monsieur Jean Paul im Garten beschäftigt, die Ranken der schwer behangenen Tomatenstauden wieder hochzubinden, die die Wucht des Gewitter­regens nidergerisfen hatte.

Die Temperatur war wundervoll, die leichte Ab- kühlung von einer milden Frische, die alles auf« atmen ließ. Das Erdreich rings schien zu duften und gesättigt vom köstlichen Naß Rings auf den Halmen und Blumen und Sträuchern zitterten Mil­lionen von hängenden Tropfen, als die Sonne sieg­reich wieder durchbrach.

..............in «amraiLTi i nmnwgeramm

Ein leichter Windstoß kam plötzlich durch den Garten gefahren und schüttelte die Bäume und Sträucher, daß ein Sprühregen von Tropfen auf sie herabkam. Sie blieb stehen und suchte sich mit dem Taschentuche die kleinen Flecken vom grauen Reisekostüm zu wischen. Da schlug er vor:Neh- men wir ein Weilchen hier im Gartenhaus Platz, Mademoiselle! Ich versichere Ihnen nochmals: mefae Großeltern müssen jeden Moment zuriickkom- men. Sie würden es mir sehr verübeln, wenn !ch Sie hätte Weggehen lassen, ohne den alten Herr­schaften Lebewohl gesagt zu haben!"

Melusine folgte dem Vorschlag. Aber ihr Beneh­men war heute nicht von der gewohnten Sicherheit. Da sie am anderen Morgen in aller Frühe abzu- reisen gedachte, hatte sie eben schon Abschied von Raymond nehmen müssen. Gewiß, sie ging wieder von ihm in anderer Stimmung, als sie hergereist war. Sein Befinden, das gerade bei ihrer Ankunft der Krisis entgegengetrieben, hatte sich zum Guten gewandt. Auch nach Versicherung des Arztes durfte sie ohne schweres Bangen wieder abreisen, wenn auch seine Wiederherstellung durch das lange und schwere Fieber noch eine gute Zeit beanspruchen würde. Trotzdem war der Bruder in tief deprimier­ter Stimmung, von der Front waren gestern schlechte Berichte gekommen. Viel mehr, als man durch die Zeilen der Tagesblätter lesen konnte, war von Mund zu Mund gerade hier in der Etappe durchgesickert.

Er hatte beim Abschied ihre Hand in der seinen ^halten und im schweren Ringen um Fassung ge> lagt:Melusine, seid jetzt noch bis zum Ende tapfer daheim! Haltet nur jetzt noch vollends durch. Gerade wie wir j)ier draußen es fein müssen. Ich kann mir gar nicht die Möglichkeit ausdenken, daß vielleicht doch alles umsonst gewesen fein soll!"

Nach einer Pause, in der Dietwart, der ebenfalls neben dem Lager des Freundes gesessen, mit oer- 1 orten, »rgrämten Zügen völlig in sich zusamrnen- ank, hatte Raymond ausgesprochen, um was sich eine Gedanken und die seines Freundes in ban­gendem Ahnen feit gestern drehten:

Melusine wenn wir das Elsaß wirklich ver­lieren sollten?"

(Fottsetzung folgt.)