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Nr. XI Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

Zrettag. 20. Zanuar 1928

Wechsel in der Saamgienmg.

Der Belgier Lambert tritt zurück.

Der seit Jahren von der Saarbevölkerung sehnsüchtig herbeigewünschte Rücktritt des Belgiers Lambert, der übrigens in den letzten Monaten wiederholt gemeldet, aber auch ebenso oft energisch dementiert wurde, ist nunmehr er­folgt. Lambert Hot erklärt, daß er auf eine Erneuerung seines am 31. März ablaufenden Mandats verzichte. Ein Aufatmen wird durch die Bevölkerung des Saargebietes gehen, war doch Lambert ein erbitterter Deutschen­feind, der seine Aufgabe nur darin sah. sich voll und ganz in den Dien st der fran­zösischen Ausbeutungspolitik zu stellen und jede Maßnahme der Franzosen gut- zuheißen, die dazu angetan war, aus dem Saar­gebiet eine französische Kolonie zu machen und den Saarländer um die ihm zustehenden Rechte zu bringen. Acht Zahre hindurch war Lambert ein ergebener Diener Frankreichs, das sich auf ihn verlassen konnte, besonders dann, wenn es galt, dem wegen seiner Aufrichtigkeit und seines ehrlichen Spiels bei den Franzosen verhahten Kanadiers Stephens ein Dein zu stellen, bis dieser dann schließlich das Feld räumte und den Kampf gegen die franzosisch- tschechisch-belgische Mehrheit innerhalb der Re­gierungskommission aufgab.

Es fragt sich jetzt, wer an die Stelle Lamberts rücken wird. Lambert wird nicht ohne vorherige Fühlungnahme mit der Pariser Regierung zurück­getreten sein, so daß also schon ein Rach- folger bereit steht. Vielleicht ist das wieder ein Belgier, der die gleichen Eigenschaften auf­weist. Dann würde der Saarbevölkerung der ganze Rücktritt nichts nützen. Zu wünschen und zu fordern ist seine Ersetzung durch einen Neu­tra len. Zu entscheiden hat darüber der Völkerbundsrat in seiner nächsten Sitzung. Es braucht wohl nicht erst besonders betont zu werden, daß Deutschland nichts unterlassen wird, um dahin zu wirken, daß an Lamberts Stelle eine Persönlichkeit tritt, die eine Gewähr für eine fruchtbringende Arbeit der Regierungs­kommission und für eine Erleichterung der Lage der Saarbevölkerung gibt.

Oberhessen.

Larr-.reis Gießen.

Großen-Linden. 19. Januar. Um Verkehrs Unfällen vorzubeugcn. die im unteren Teile der in die Frankfurter­straße ein mündenden Dahn Hof st raße wegen ihres starken Gefälles leicht mög­lich sind, ist die gefährliche Strecke vom Hause des Spenglermeisters Magnus aus für Kraft­fahrzeuge jeglicher Art endgültig gesperrt und vor einigen Tagen durch entsprechende Zei­chen kenntlich gemacht worden.

Lollar. 19. Jan. Kommenden Samstag und Sonntag findet hier im Saale3ur Linde" eine vom hiesigen Geflügel- und Vogrlzucht- verein veranstaltete allgemeine Geflügel- ausstellung statt. Da die Beschickung mit nur erstklassigen Tieren zu erwarten steht, bietet diese Schau für Liebhaber und Käufer großes Znteresse.

* Kesselbach, 19.Ian. Die Musik- und Wanderfreunde Kesselbach 1926 Zweigverein des D. H. C. hielten am Samstag ihr Zweites Wintervcrgnügen feit dem Be- stehen des Vereins ab. Musikstücke, einige gut auf­geführte Theaterdarbietungen und weitere Borträge ernsten und heiteren Inhalts brachten den zahlreichen Besuchern genußreiche Stunden, die ihren Ausklang in einem Tanzvergnügen fanden.

Beuer n, 19. Zan. Am Sonntagabend hielt der hiesige Dolksbildungsverein im Saale derGermania" einen Vortrags- abend ab. in dem der frühere Zeppelinluft- schiffer Karl Hahn von Beltershain über den Flug des .,L 59" nach Afrika sprach. Cs wurden etwa 100 Lichtbilder über jenen Flug, sowie über den Flug von Dr. Eckener nach Amerika gezeigt. Der Redner, der selbst viele Flüge im Zeppelinluftschiff während des Krieges mitgemacht hat. schilderte in ausgezeichneter

Schinderhannes."

Zuckmayers neues Schauspiel.

Das ist der Schinderhannes, Der Lumpenhund, der Galgenstrick, Der Schrecken jedes Mannes, Und auch der Weiberstück I"

Don denen, die in den letzten Zähren den Kleist, preis verteilten, hat der Kritiker Paul Fechter in 'Berlin am meisten Grund, mit seinem Er­wählten zufrieden zu sein; er hat sich in der ersten Zeit, als mancherlei Angriffe kamen, ritterlich vor ihn gestellt, und er hat das Vertrauen zu ihm nicht zu bereuen brauchen; er hat es nicht nötig gehabt, ihn fallen zu lassen, wie anderlr, die heute enttäuscht sind und keinen Federstrich mehr tun für den vormals von ihnen Gekrönten, «-rechter darf zufrieden sein: sein Zuckmayer hat gehalten, was er damals mit. seinem ..Fröh­lichen Weinberg" versprach; der Dichter hat sich auch den Kopf nicht verwirren lassen, ist nicht taumelig geworden über dem Riesenerfolg. Son- dern ist ruhig weiter gegangen und hat ruhick

^schafft. Schritt für Schritt, ohne Hast, mit lRuhe und Bedacht und im Vertrauen auf 1$ fet&fl Und was er gab seit seinem Glücks- luftspiel, das ihm mit einemmal alle Türen auf- rannte das kann sich sehen lassen, so gering und unscheinbar es, äußerlich betrachtet, daher kommt. Die Masse hat es noch nie allein gemacht: di'e paar Dutzend Gedichte, und die Handvoll Er>« Zählungen, die nachkamen, waren des großen und verpflichtenden Preises wert. Und das neue Stück Oat es auch in sich. Wir haben es gesehen und wir haben es sehr aufmerksam gelesen. Wir wissen auch ganz genau, was dawider einzu­wenden ist, und wievieles dagegen spricht. Aber «SL nur wenige unter unseren jungen Dichtem, denen wir ein gleiches zutrauen.

Dolkssagen, halbvergessenem Spinnstuben» Gespräch und bänkelsängerischer Ueberlieferung ^eht der Schatten einer zerlumpten Gestalt um, bombastische Schinderhannes-Gespenst, das ror fünf Vierteljahrhunderten weite Landstriche <uf beiden Seiten des Rheins mit Schrecken und Angst und Gerücht und Ehrfurcht erfüllte:

Weise die Mühen und großen Gefahren der Luftschiffahrt und zeigte, welche enormen An­forderungen an die Äerven der Besatzung ge­stellt wurden. Die zahlreichen Zuhörer spen­deten reichen Beifall. Die gestern in unserem Gemeindewald abgehaltene Rutzholzver- steigerung ergab folgende Preise: Duchen- ftämmc im Durchschnitt in der 3. Klasse 33 Mk., 4. Klasse 42,50, 5. Klasse 48,50 Mk. und für die 6. Klasse 52 Mk. Die Beschaffenheit des Holzes war durchschnittlich sehr gut. Zn Kürze soll eine Brennholzversteigerung stattfinden. Dieselbe soll imGießener Anzei­ger" ausgeschrieben werden und somit, im Gegensatz zu den Vorjahren, Steigerern von auswärts zugänglich sein. Die Holz- hauerarbe i ten schreiten, begünstigt durch das gelinde Wetter, rüstig vorwärts. Die Zahl der Holzhauer beträgt 30. Die Arbeitslosen-- Siffer betrug seither für unser Dorf zirka 50.

D L i ch, 19. Jan. Am Dienstag, dem 17. Januar, waren fünfzig Zahre verflossen, seitdem ein Sohn unserer Stadt, der Dirigent und Komponist Heinrich Reeb in Frankfurt a. M., seine Augen für immer schloß. Aus Anlaß dieses Tages brachte am Mittwochabend der Männer­gesangvereinCäcilia" seinem Grün- dun g s d i r i g e n t e n an dessen Geburtshause eine Ehr u n g dar durch den Vortrag der beiden ChöreWeihe des Gesanges" undStumm schläft der Sänger". Der Rame Reebs ist mit der Geschichte des GesangvereinsCäcilia" eng ver­bunden; war es doch Reeb, der schon vor der offiziellen Gründung des Vereins die ersten Uebungsstunden im damaligenSingverein" ab­hielt. Das Geburtshaus Reebs steht in der Oberstadt, an der Ecke Seelenhofgasse, und trägt eine Gedenkplatte, welche die FrankfurterLie­dertafel", deren Dirigent und Ehrenmitglied Reeb war. im Zahre 1911, anläßlich des 100. Geburtstages des großen Meisters, anbringen ließ.

* L i ch, 20. Ian. Am nächsten Sonntagabend fin­det in der hiesigen Turnhalle wiederum, wie all- jährlich, ein Militärkonzert statt, das von der Kapelle des 1. Bataillons Inf.-Regt s. Nr. 15 unter Leitung des Obermusikmeisters L ö b e r ausgeführt wird. Ferner wird Herr Heinz B e ch - st e i n (Gießen) durch Gesangsvorträge das Pro­gramm bereichern. Es handelt sich um ein Wohl- tätigkeitskon.zert, dessen Ueberschuß zur Unterstützung notleidender Kameraden des Bezirks Lich verwendet werden soll. Ein starker Besuch der Veranstaltung darf woyl mit Sicherheit erwartet werden.

* Langd, 18. Zan. Gestern wurde hier die erste Brennholzversteigerung der staat­lichen Försterei abgehalten. Es hatten'sich nahezu 200 Käufer aus der näheren Umgebung und aus den Dörfern der Wetterau eingefunden. Reben 987 Raummetern Scheitholz, Knüppeln und Stöcken kamen rund 2000 Raummeter Reisig zum Ausgebot. Es kostete 1 Raummeter Duchen- Scheitholz 1. Klasse 1 2bis 15 Mk 2. Klasse 10 bis 12 Mk.. Sichen-Scheitholz 8 bis 10 Mk.. Duchen- Knüppel 7 bis 9 Mk., Hainbuchen-Knüppel 6 bis 9 Mk., Eschenknüppel 14 Mk., Eichenknüppel 5 bis 1 Mk.. Erlenknüppel 4 bis 5 Mk., Aspen-Knüppel gleichen Preis uno Lärche und Weimutskiefer 4 bis 6 Mk.; Reiserholz 1. Klasse, sog. Eichen- Knüppelreiser kostete das Raummeter etwa 60 Pf., Reiferholz 2. Kl. (Stammreisig) 85 bis 90 Ps., Reiserholz 3. Kl.. Duchen-Astreisig, stellte sich das Raummeter auf 80 Pf. bis 1,30 Mk Eichen-Astreifig 40 bis 50 Pf. Hohe Preise er­zielten Vuchen-Stöcke 1. Klaffe, je Raummeter 8 bis 9 Mk., 2. Klaffe 5 bis 7 Mk. Die Ver­steigerung wurde sofort genehmigt.

s. Utphe, 19. Zan. Gestern feierte die äl­teste Einwohnerin unseres Dorfes, die Witwe Karoline Raab. geb. Momberger. ihren 9 0. Geburtstag. Sie hat sechs Enkel und sieben Urenfel, die sich sämtlich, zum Teil von auswärts, zu einer Familienfeier zusammen» aefunden hatten. Das ganze Dorf nahm leb­haften Anteil an dem seltenen Ereignis. Es ist. erstaunlich, mit welcher geistigen Frische die Zubi- larin noch Unterhaltung pflegt und die Zeitung liest. Auch ihr Gedächtnis ist noch sehr klar, ver­mag sie sich doch noch deutlich auf die Vorgänge des Aevolutionsjahres 1848, insbesondere auf den

3m Schneppenbacher Forste, Da geht der Teufel rumdibum, De Hals voll schwarzer Borste, Und bringt die arme Kaufleut um!" Dos ist der Schinderhannes, weiland Zohann Buckler. Zuckmayer griff sich das Gespenst, erweckte die schattenhafte Gestalt aus dicken stau­bigen Akten zu strotzender Leibhaftigkeit. Schon steht er da: breitspurig, abgerissen, verwegen und verwettert, eine Kreuzung aus Heckenreiter und Volksheros, eine abenteuerliche Mischung von Florian Geher und Till Eulenspiegel. Man hat sogar auf den Räuber Karl Moor als seinen Ahnherrn Hinweisen wollen, aber uns scheint, man hat sich da vom äußeren Gleichklang unb un­wichtigen Ähnlichkeiten blenden laffen und die tiefen Abstände übersehen, die den jungen Schiller vom jungen Zuckmayer abheben. Ob es sich in den böhmischen Wäldern oder im hohen Hunsrück und am Rheinufer begibt das ist ohne Belang. Aber dds dröhnende Anerkenntnis eines sittlichen Weltregrmentes ist im Schiller-Schauspiel un­möglich zu überhören. Bei Zuckmayer fehlt das. Und darauf kommt es an. Das zieht die Grenz- scheide zwischen dem Sturm und Drang von 1781 und 1927.

Zuckmayer bringt seine Sache ganz unbekümmert an den Mann: einfach, natürlich, fachlich, historisch. Historisch das soll hier heißen; er schiebt seinemHelden" keine nachträglichen Motive unter, macht ihn nicht postum zum Träger einer Tendenz oderZdee" (am allerwenigsten einersittlichen Zdee"), er macht ihn nicht zum Strohmann, etwa zum Anstifter und Führer einer sozialen Revolution im Rheinland um 1800; er setzt ihm keine Maske auf. hängt ihm kein Mäntelchen um; erverherrlicht" ihn auch nicht öer Bückler wäre kaum das geeignete Objekt da» für, sondern er stellt ihn sich vor. Mit einer funkelnden, schöpferisch schweifenden Phantasie stellt er ihn sich und uns vor. Und wir geben ihm recht. Obwohl keiner von uns dem Bückler vielleicht zum Glück jemals begegnet ist. Nie­mand weiß, wie der Kerl wirklich ausgeschaut hat. Znnerlich. Aber wenn djeses Schauspiel mit seinen vielen Figuren, mit seinem Geschrei und Getön, mit seinen zahllosen Stimmen und bunten Farben und raumfüllenöen Bildern und

Durchzug des österreichischen Militärs, zu ent- ftrtnen, obwohl sie damals erst zehn Zahre alt war. Ebenso erstaunlich ist ihre körperliche Rüstigkeit. Sie macht fast täglich noch Gänge und Besuche im Dorfe. Bei aliebem weist die Greisin zu berichten, daß ihr Leben reich an Arbeit und Mühe war.

Kreis Friedberg.

WER. Friedberg, 19. Zan. Gestern nach­mittag fand hier unter dem Vorsitz des Kreis­direktors Gebhardt die diesjährige Haupt­versammlung des Kreis-Obst- und Gartenbau Vereins statt. Den Geschäfts­bericht erstattete Garteninspektor R e n t s ch. Rach der Rechnungsablage ergab sich eine Gesamtem- nähme von 5593 Mark und eine Gesamtaus­gabe von 5381 Mark. Der Vorstand wurde bis auf den zweiten Vorsitzenden, der eine Wieder­wahl ablehnte, einstimmig wiedergewählt. Direk­tor Dr. Schad übernimmt das Amt des zweiten Vorsitzenden. Kre sgbstbauinspeltor Mazarin- Worms hielt sodann einen Vortrag über Stein- obftfultur, der mit großem Interesse aufgenom­men wurde. Aus seinen Ausführungen waren die Wege ersichtlich, die den ausländischen Obst­bezug entbehrlich machen. Garteninspektor Rentsch verbreitete sich am Schlüsse der Versammlung noch über Schädlingsbekämpfung, die nun mit einer Motorspritze gemeinschaftlich durchgeführt werden soff.

Kreis Büdingen.

- Echzell, 18. Zan. Der Landwirt Wil­helm Groth I. von hier hat in diesen Tagen ein Schwein von 637 Pfund Lebend­gewicht geschlachtet.

Kreis Schotten.

LJ L a u b a ch, 18. Zan. Trotz der regnerischen Witterung unternahm am Sonntagmittag der hiesige Zweigverein des Vogelsberger Höhenklubs unter der Führung des Wander­meisters Kaufmann Zustus Zunior durch die prächtigen Waldungen, die von anmutigen Wiesen- slächen unterbrochen und von munteren Bächlein durchrauscht werden, nach dem Forst hause Ruthardshausen, feine letzte Wanderung in diesem Vereinsjahr. Rachdem der Kaffee ein­genommen war, erklärte das Ehrenmitglied Prof. Dr. Roeschen. der Vorsitzende des wissenschaftlichen Ausschusses, die Stauanlage der unweit des Forsthauses auf einem Ausläufer des sog.Kirchberges" gelegenen Kirchen­ruin e. Von diesem Dau stehen noch der west­liche Giebel desSchiffes" und die Grundmauern des viereckigen Chors,* das ein Kreuzgewölbe hatte; noch um 1850 war der Chor geschlossen. Das Dach der Kirche ist längst zerfallen. Roch sieht man die spihbogigen Fenstergewände in ein­zelnen Ueberresten. Auch der Triumphbogen zeigt noch den spitzbogigen Stil. Die Kirche gehörte der frühgotischen Bauzeit an und ist etwa 1300 his 1350 anzusetzen. Deutlich erkennt man noch die einstige Einfriedigung durch die kreisrund angelegte Kirchhofsmauer, sowie die Fundamente der Hofreiten hinter der Kirchenruine. Auch im Wiesengrunde unterhalb der Ruine stand eine Anzahl von Gebäuden, darunter auch das Back­haus, wie durch eine Flurkarte noch festzustellen ist. Hierauf begab man sich wieder in das Jägerbau s", wo Prof. Dr. R o e s ch e n sich über die Sage und die Zeit und Gründe des Ausgehens der Dörfer an der Hand der Urkunden eingehend verbreitete. Znsgesamt sind hier 20 Dörfer ausgegangen. Eine Urkunde von 1340 betr. Verkauf des Amtes Laubach durch U l r i ch v o n H a n a u an das Haus Falken- stein, wovon eine Photographie im Zägerhause hangt, nennt noch den gesamten Bestand des Amtes. Im Teilungsbrief der Grafen Bern­hard und Zohann Grafen zu Solms von 1432 werden schon 16 Orte als Wüstungen bezeichnet; die anderen, darunter auch Ruthards­hausen, werden erst imErbbuch" von 1551 als ausgegangen genannt. Die beweist deutlich, daß die gewöhnliche Angabe, die Dörfer seien im Mährigen Krieg zerstört worden, völlig falsch M. Die Abwanderung geschah auf friedlichem SDeg. Sodann zeigte Prof. R o e s ch e n noch die Photographie eines Kruzifixes (Gräfliche Sammlung), das in der Kapelle des ausgegan­genen Dorfes Kreuzseen gefunden wurde. Es

auch mit seinen zarten und innigen Worten der Siebe, des Beisammenseins und Auseinander- gehenmüßens sich vor uns auftut dann sagt man zu sich selber: wer weiß, ob das alles so zugegangen ist .... aber e s könnte so g e - toefen sein, aNes genau so und nicht anders. Mit feinem Wort, mit keinem Gelächter, mit feinem Seufzer, mit feinem noch fo leisen Hand" peben anders! Und das gilt viel mehr als alles im strengen alten Sinne Historische (obschon sicher nicht einmal viel Ungeschichtliches in diesen Bil­dern steckt). Solche Erwägungen find immer und von ieher der Prüfstein für das Dichterische an einem Werk und an einem historischen Schauspiel zumal.

Man weiß gar nicht recht zu sagen, warum einen dies alles so einspinnt, wenn man es auf der Bühne sieht. Denn das Stück ist noch undramatischer, noch lockerer, noch sorgloser hin­geschrieben als derWeinberg". Man hat auf bem Theater Szenen toeggelaffen, die im Buch stehen, Szenen, die überhaupt bis vor kurzem noch gar nicht gedruckt waren... aber niemand, c. aufrichtig sein will, kann sie ernstlich ver­mißt haben. Dergleichen kann sowohl für wie gegen ein Drama sprechen; hier, wie uns scheint, spricht es dafür. Das Ganze ist wie eine flüchtige ®5tontf, ein Bilderbogen, zu dessen Betrachtung von Rechts wegen ein Seierfaften gespielt wer­den müßte, es kann auch eine bänkelsängerisch grelle Mädchenstimme zur Moritat begleiten:

3m Soonewald. im Soonewald steht manche dunkle Tann, darunter liegt begraben bald ein braver Wandersmann ..."

216er wunderbar genug: wenn sie alle mit­einander in der Wirtschaft zum grünen Baum das Sutherische Osterlied zu fingen anheben, wie Srundsbergische Sandsknechte oder hündische Bauern vor der Schlacht, dann ist abermals kein Ton in der Melodie, der nicht zum Bilder­bogen paßt. Die Farben, in denen der Bilder­bogen getönt ist, sind auch nicht so grell und fo schreiend und plump wie auf den Erzeug­nissen von München und Reuruppin. Es sind da Farben, die, wenn man so sagen darf, dem Zuckmayer den Kleistpreis eingetragen haben:

gehörte etwa der Zeit um 1200 an. Zum Schlüsse trug der Redner nach Bindewald noch verschie­dene alte Volkssagen vor, die sich auf die Wüstung Ruthardshausen beziehen. Der Vorsitzende Obersekretär Elbe dankte herz­lich für den lehrreichen Vortrag. Rachdem man noch eine Stunde in angeregter Unterhaltung verweilt hatte, trat man gegen 7 Uhr den S)cim- toeg an. Arn Samstag tagte imSolmser Hof" eine Versammlung der hiesigen Ortsgruppe deöRoten Kreuzes" unter Vorsitz von Oberamtsrichter Zimmermann. Geheimrat Dr. v. Hahn, der Vorsitzende des Landesver­bandes desR. Kr." berichtete über die Tätigkeit dieser 'Bereinigung. Außerdem wurde die Er­richtung einer Sanitätskolonne in Aussicht genommen. Die hiesige Ortsgruppe des Alice"- Frauenvereins, dessen Vorstand auch anwesend war, wird hierbei mitwirken. - Das gräfl. solms-laubachische Forst- a m t hielt jetzt aus den Distrikten des Förster­bezirks Freienseen seine erste Holzderstei­gern ng ab. Aus Wetterfeld, Münster, Ei- tingshausen, Obcr-'Bef fingen usw. waren zahl­reiche Käufer erschienen. Der Raummeter Buchen­scheiter kam auf 11 bis 12 Mk-, Knüppel und Stöcke auf 8 bis 9 Mk.

- Ober-Schmitten, 19. Zan. Gestern nachmittag gegen 2 Uhr wurde hintereinem H o l z st o ß e, der sich gegen ein Haus anlehnt, die Leiche eines neugeborenen Kin - deS aufgefunden. Der Befund läßt an­nehmen, daß diese erst kurze Zeit vorher dahin verbracht wurde. Da zur Zeit jegliche Verdachts­momente fehlen, erwartet man von der Unter­suchung die Aufklärung.

§ Ulrichstein, 19. Zan. Die gewaltigen Er­eignisse der ersten Kriegszeit mürben der Be­völkerung in dem G r o ß f i l mDer Welt­krieg" vorgesührt, dessen erster Teil,Des Volkes Heldengang" betitelt, hier im Saal von, Droh lief. Der Andrang zu der Vorführung von hier und aus den Rachbarvrten war so stark, daß noch eine zweite Vorführung angeschlossen wurde. Durch die sehr anschaulichen Bilder fühl­ten die Zuschauer sich in jene Zeit mit ihrem Ernst und ihrer ganzen Größe zurückversetzt und folgten m großer Spannung und tiefer Er ­griffenheit. Die mündlichen Erläuterungen von Kreisschulrat Lorenz, Lauterbach, trugen we« fentlich zur Vertiefung der Eindrücke bei.

Kreis Alsfeld.

te* Alsfeld, 19. Zan. Aus der Stadk- vorstandssihung: Zn der ersten Sitzung im neuen Zahre wurde der Voranschlag über das beschlossene Reichsfinanz- beamtenwohnhaus genehmigt. Dieser beträgt 30 000 Mk., dazu erhält die Stadt aus Reichsmitteln von dem Reichsfinanzministerium 11 000 Mk. und einen Betrag in derselben Höhe aus Landesmitteln, den Rest hat die Stadt als Eigenkapital aufzubringen. Das Haus kommt in der neuen Siedelung in der Rambach zur Er­bauung. Gegen die Einschätzung zum Wassergeld in Reubauten hat ein Be­sitzer gegen die Höhe des festgesetzten Wasser- geldes Einspruch erhoben. Gemäß dem Vorschlag der Finanzkommission wurde beschlossen, das Wassergeld um eine Klaffe, 5 Mk., zu er­mäßigen. Die beantragte Setzung eines Wasser- messers wurde abgelehnt. Straßen bau- ko st en: Gegen die nach dem Ortsoaustatut zu­lässige Heranziehung von Anliegern in neu aug­gebauten Straßen zu den Kosten der Straften - Herstellung haben mehrere Einspruch erhoben. Die geltend gemachten Einwendungen wurden nach den Vorschlägen der Bauloimnission als unbegründet abgewiesen. Auf Antrag wird den Schuldnern die Zahlung der Anliegerbeiträge in Raten gegen eine angemessene Verzinsung gestattet. Abänderung der Markt­ordnung: Anläßlich eines am vorjährigen Prämienmarkte vorgekommenen Einzelfalles wurde eine Abänderung der Marktordnung dahin beschlossen, daß bei Krannnärkten das Feilbieten von Waren nur auf den von dem städtischen Marktmeister angewiesenen Straßen und Grund­stücken zulässig und auf allen anderen Grund­stücken, auch auf privaten, verboten ist, und daß bei Zuwiderhandlungen eventuell solche Markfftände im Wege polizeilichen Zwanges

starke ungebrochene Raturfarben, Ldkalkolorit, aus dem Tuschkasten des wirklichen Lebens ge­nommen. Landschaftliche Stimmung, wie sie im Weinberg" am Ende doch über alle berechtigten Einwände triumphiert; eine unglaublich deut­liche. unfeierliche, in jedem Wortgewachsene" literaturferne Sprache; die Rundheit und Blut- fülle der Charaktere, die bei aller geschichtlichen Beglaubigung eine menschliche Gültigkeit haben, welche sie für uns noch ebenso legitimiert wie zur Franzosenzeit am Rhein das sind drei starke Pfeiler, die alle dramaturgischen Lücken. Lockerheiten und selbstherrliche Unbekümmertheit überzeugend ausgleicheir.

Man grübelt bei diesem Stück, sowohl nach dem Anschauen und Anhören wie nach dem Lesen, Immerfort darüber nach, wie das kommen mag, daß die Szenenfolge, roh und geradezu wie sie oft ist, fo unheimlich auf uns wirkt und uns sesthält; wie das zugeht, daß dieser Bückler- Zohann, der ja, um das Kind einmal beim Ramen zu nennen, ein echter und rechter Ver­brecher war, Lumpenhund und Galgenstrick,die Ank voll schwarze Borste" daß der fo alle Sympathien auf sich zieht und sammelt; daß man allezeit mit ihm und für ihn ist und gegen die andern; obwohl er ja doch alles eher ist als eintragischer Held" mit Schwert und Krone und Schuld und Sühne, der Furcht und Mitleid erweckt. Wir haben keine Furcht und kein Mir- leid. Aber wir erleben die bänkelsängerischc, unsentimentale Volksballade vom Leben und Sterben eines Menschen, der ein Kerl war - nehmt alles nur in allem. Der mit einer Fülle menschlich prachtvoller Züge ausgestattet ist, der viel gesundes Gefühl beweist, Und der oft genug den Ragel auf den Kopf trifft, wenn et jeman­den in Schuh nimmt, und oft genug den Galgen nicht verdient hat, wenn er gegen etwas Front macht und mit dem FeldgeschreiHimmelhund" vom Leder zieht.

Und an seiner Seite steht so ein junges Ge­schöpf aus dem Volke, ohne Tadel an Leib und Seele, zwischen Kindsein und Mutterschaft mitten- inne, das einfach und ohne viel Worte ja sagt zu seinem starken und unverfälschten Gefühl, sich zum Schinderhannes stellt, alles hinter sich wirft, was vorher war, und den Weg mit dem