Einzelbild herunterladen

Nr. 298 Drilles vlair

Mittwoch, 19. Dezember 1928

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Bücher unter dem Weihnachtsbaum.

Neue Romane und Novellen.

Nikolaus Schwarzkops: Der schwarze Nikolaus. Vornan. 331 Seiten 8°. Verlag Georg Müller. München 1929. (651) Der In Darmstadt ansässige hessische Dichter Niko­laus Schwarzkopf, der sich mit feinen Büchern »Maria vom Rhein", »Greta Kunkel",AmorS- dronn" und anderen eine zwar noch nicht sehr aiohe, aber anhängliche Gemeinde geschaffen hat, dürfte bei den Lesern des Gießener Anzeigers vor allem als Verfasser der vor längerer Zeit bei uns erschienenen schönen Erzählung »Das Dom- find" noch in gutem Andenken stehen. Der neue Nom an.meinem unbekannten Gönner" zugeeig- net, In dem, wie nicht nur der Titel vermuten läßt, offenbar viel selbst Gesehenes. Erlebtes und Durchdachtes in der fliehenden und zusammen- gefaßten Phinlasiesorm e ncs RomancS zum Kia­gen gebracht wird, erweist sich als die Geschlvchte eines Volksschullehrers. Er handelt vom Leben, Lieben und Leiden, von Taten und Meinungen des Schulmeister Vonabiszett, welcher der schwarze Nikolaus genannt wird, zu Klingelheim am Nhein, unb er ist nicht Übel zu lesen, mit gutem Humor, etwas altväterisch geschrieben, oft mit barocken Schnörkeln und einer verträumten Klein- malerei, die aus 3ean-Paulschen Bereichen her­zukommen scheint. Es ist viel Fröhlichkeit, Natür­lichkeit und unbeschwerte, rheinische Lebenslust in diesem Noman, der dennoch, wie m<m_ bald gewahr wird, wiederum nicht so ganz altfränkisch sich gibt, wie es nach den ersten Blättern er­scheinen möchte, und der auch feine sehr ernst­haften Seiten, seine dunklen Hintergründe hat, ja geradezu aktuelle Ausblicke in die Handlung v.rslich; volkserzieherische und soziologische Pro­bleme, die unsere Gegenwart bewegen, werden von Schwarzkopf mit ernsthaftem Bemühen ins Spiel gebracht, und es verschlägt wenig, daß die Dinge aus einem, rein räumlich-landschaftlich be­trachtet, kleinen und unbedeutenden Schauplatz ausgetragen werden Es wäre ja nicht das erste­mal in der Literatur, daß im kleinen, ländlichen Bezirk einer Dorfgemeinde das Abbild einer größeren Welt mit allgemeinen Schicksalen ge­spiegelt wird.

Noberl Michel: Die geliebte Stimme. Noman Mit einem Nachwort von Paul W i e g l e r. Reclams Llniverfal-Diblivthek Nr. 6913/14. Geheftet 80 Pf., gebunden 1.20 Mk. (604) Eine anmutige, launig-beschwingte Liebesgeschichte, die trotz aller Widerstände glück­licher Erfüllung zueilt. Die jung« Nukeja, die fremd ins Dorf gekommen ist, verliebt sich in die Stimme eines Unbekannten, dessen abendlichen Gesang sie hört. Wie der Sänger in der Person deSSchwarzen Beg" ausfindig, wie sein brü­derliches Widerspiel, derWeihe Beg", unschäd­lich gemacht wird, möge der Leser selbst sehen. Mil einer Hartnäckigkeit, deren nur ein liebendes Weib fäh'g ist, kämpft das Mädchen gegen einen Jahrhunderte alten Volksglauben und befreit den Erwählten von furchtbarem Bann, unter dem fein Leben verdorben wäre. Der Schauplatz des kleinen Nomans ist Bosnien, das Land zwischen Orient und Okzident, mit all seinen farbigen Seltsamkeiten und merkwürdigen Bräuchen.

D ie vier Bettler der Gräfin KönigSmark. Noman aus der Zeit Augusts des Starken von Adolf Paul. In Ganz­leinenband 7,80 Mt. Verlag der 3. G. Eotla­schen Buchhandlung Nachfolger, Stuttgart (566). Adolf Paul zeichnet in seinem gcoßangelegten neuen Noman das wechfetvolle Schicksal der Gräfin Aurora von Königsmark, der mächtigen Geliebten Augusts des Starken, und stellt um die lebensprühende, berückend schöne Frau das bunte Treiben all derer, denen sie durch den Neiz ihrer Schönheit zum Verhängnis wurde und deren SchicksaÜe an ihren Aufstieg und ihren Nieder­gang glückhaft oder tragisch gebunden blieben. Das Grüne Gewölbe zu Dresden verwahrt aus versunkenen Zeiten einen sagenhaften orientaTi- schen Perlenschmuck mit einer siebenlöpftgen Kobra. Dieses Amulett, das nach altem Liebereinkommen dem jeweiligen Besitzer im größten Llnglück das größte Glück bescheren soll, zieht als ein mystisches Symbol durch den Noman, und es bringt Heil und Unheil über die vier Bettler um Aurora v. Königsmarks Liebe: über den Grafen Hom, August den Starken, Peter den Großen und den frauenfemen Schwedenkönig Kavl XII. Der Rv- man ist mit dem Schlagwort einer historischen Er- zahlung nicht hoch genug gewertet: ,er bietet als Hintergrund seiner kühn dem Leben der Der- gangercheit nachgeformten Handlung ein tausend- farbig schillerndes Gemälde der Zeit, in der Dresden und der Dresdener Hof sich als das Spiegelbild des großen höfischen Treibens von Paris empfanden. Wan liest dieses Buch mit starkem Interesse und erfreut sich an der präch­tigen Zeichnung der Personen und des Milieus. Ein Buch, das man empfehlen kann.

Richard Doh: Billa Falconieri. Die Geschichte einer Leidenschaft. Eine Neuaus- ?abe mit 16 ganzseitigen Aufnahmen und einem lmschlagbild nach dem gleichnamigen Oswald- Film ist im Verlag von 3. Engelhoms Nachs. in Stuttgart zum Preise von 4.80 Mk. für den Leinenband anläßlich der am Schauplatz der Handlung erfolgten Verfilmung dieses berühm­ten Romanes erschienen. (657).

Das Licht der Heimat. Roman von August Hinrichs. 16. bis 19. Tausend. 400 Seiten. Geh. 4 Mk., Lernenband 6 Mk. Verlag von Quelle & Meyer in Leipzig. (640) Ein Roman aus Moor und Heide. 3n diesem Buche atmet der Geist einer schlichten Erzählerkraft, deren Wurzeln in deutschem Lande haften. 3n raschem Wechsel, idyllisch und dramatisch, ziehen die Bilder an uns vorüber. So sind auch die Wen scheit dieses Buches wie ihre Heimat, stark und roll zäher Kraft.

Buch des Dankes für Hans Ca - roffa. Dem 15. Dezember 1928. 192 Seiten 8°. Mit zwei Lichtdrucktafeln und einer Lithographie. 3m 3nsel-Verlaa, Leipzig. (790) Carolsa, dem Dichter, der Mitte Dezember 1928 ein halbes Lebensjahrhundert volleirde.e. gilt dieses Buch: zu Glückwunsch und Gruß aus edelster, im Geiste verbundener Gesinnung vereinigte sich ein dich­terisch gestimmter Chor von Freunden und Weg­genossen: Alverdes, Rudolf Bach, Ernst Bertram, Billiirger, Brandenburg, Braun, Eurtius, Geiger, Hausenstein, Heuschele, Hofmannsthal, Katharrna

Kippenberg, Kubin, D. H. Lawrence, Max Mell, Mombert, Penzoldt, Ponten, Schaesser, Schoen- berner, Ludwig Strauß, W. E. Süskind, Regina Hlhnann und Stefan Zweig. Diel Schönes, Herz­liches, Kameradschaft und Geistesgemeinschaft, viele kluge, gütige, formvollendete Bekenntnisse sind auf den Seiten dieses vom Verlage wahr­haft festlich ausgestatteten Buches versammelt. Mir verweisen hier nur unter vielem anderem

auf die außerordentlich feinen und eindringen­den Würdigungen von Carossas dichterischem Wesen, die Albrecht Schaeffer und Stefan Zweig als Auftakt und Ausllang bcigesteuert haoen, ferner auf die klangvolle Prosa von Alverdes und Hofmannsthal, die Briefe von Rilke und Ponten. Eurtius' beziehungsvolle DildbeschreiLung, end­lich die Gedichte von Brandenburg und Felix Braun.

Lunge deutsche Lyrik.

Junge deutsche Ly rik. Eine Antho­logie. Herausgegeben von Otto Heuschele. Mit 38 Bildern und kurzen biographischen Slizzen der Dichter. Geheftet 3,50 Mk., in Ganzleinen 5L0 Mk. Sammlung3unge Deutsche". Verlag Philipp Reclam jun. Leipzig. (660) Wir haben schon früher, bei anderen Anlässen, immer wie­der daraus hingewiesen, wie es heutzutage weit­hin um die Lyrik bestellt ist, wie schwer es die chrischen Dichter, zumal die jüngsten unter ihnen, haben, sich durchzusehen, ja auch nur zu Wort zu kommen und gehört zu werden,... wie hoff­nungslos unbeachtet, wo nicht rundheraus ver­achtet und verlacht, das reine Gedicht, das lyrische Kunstwerk heute dasteht. Wir wollen diesmal nicht wieder davon sprechen, vielmehr soll es freudig und dankbar begrüßt werden, daß in jüngster Zeit die ernsthaften Versuche sich mehren, den lyrischen Dichtern bcizuspringen und ihrem Werk wieder ein wenig Ansehen, Klang und öffentliche Geltung zu schaffen. Doppelt erfreulich, wenn ein Verlag vo n Range Reclams in Leipzig diesen Berfach wahrhaft großzügig unternimmt, der außer dem ic ..en 3dealismus, der heute dazu gehört, Lyrik zu verlegen, auch über die Wirtschaf lichen Voraussetzungen verfügt, die ein solches Unternehmen oeansprucht. Die vorliegende Anthologie, von Otto Heuschele herausge­geben, von Hofmannsthal mit einigen wun­dervoll klingenden Sähen seiner edeln Prosa ver­heißungsvoll eingeleitet, umfaßt in Auswahl das Werk von einigen dreißig jungen Dichtem (der Begriff der (Zugendlichkeit ist nicht eben eng gefaßt), meist unbekannten oder doch eben erst ins Licht der Öffentlichkeit getretenen, die durch nichts anderes miteinander zu verbinden und ver­einigen waren, als eben durch die (Zugendlichkeft ihres Herzens und durch die dichterische Gesin­nung. den reinen Willen zum lyrischen Gedicht. Nichts verbindet sie sonst: keine Richtung, kein Programm, kein Manifest, keine Partei und Poli­tik ja nicht einmal eine Einheitlichkeit des Stils. Es konnnt auch auf den Sill, fürs erste, gar nicht so sehr an, nicht einmal auf die Quali­tät, aus den künstlerischen Durchschnitt dieser Anthologie, sondern auf die Tatsache ihre- Vor­handenseins: es geschieht etwas für die Lyrik, es werden Namen genannt, ein renommierter Verlag steht dahinter, und wenn, wie Stefan Zweig im Vorwort zu einer früheren Antho­logie junger Lyrik betonte, unter den über dreißig Namen in diesem Buch nur ein einziger wäre, dem mit dieser Veröffentlichung ein klcin wenig geholfen, Raum und Licht geschafft wäre, dann würde schon um dieses einen willen die ganze Sammlung gerechtfertigt fein unter den Zehntausenden von Neuigkei en auf dem deutschen Büchermarkt. Es ist aber sicher nicht nur einer.

Wenn mir die unserem «Gefühl nach reifsten Leistungen bezeichnen wollen, so müssen wir an erster Stelle wiederum Manfred Hausmann nennen (der hier schon mehrfach empfohlen wurde), mit einem innigen Liebeslied voller Süße und Tiefe des Gefühls, voller Klarheit und Reife der Form. Dann sei vor allem noch auf Ruth Schaumann, Maria Luise Weißmann, Fritz Diettrich (Maria mit dem Kinde"), Georg von der Bring (Liebeslied"), 2er- net-Holenia und Martin von Katte- Z o l ch o w hingewiesen. Das Buch ist ver­legerisch vorzüglich ausgestattet; man muh ihm aus vollem Herzen weiteste Verbreitung wünschen.

Borries, Freiherr v. Münchhau­sen: Liederbuch. Auf Dünndruckpapier in Leinen gebunden 7.25 Wk., in Ganzleder 11 Mk. Deutsche Dell ^gsanst alt, Stuttgart. (686) Sei­nemD.llladenbuch" läßt Börries von Münch­hausen hier einLiederbuch" folgen, das gleich­falls die Ernte von drei Iahezehn en eines Dich- teil:bens umfaßt. Münchhausens lyrisches Werk erscheint zum ersten Male in geschlossener Ge­stalt. Es bildet die Llnterströmung eines Künst­lerwillens, dessen Anteil an dem geistigen Leben der Nation längst in das Bewußtsein der Zeit­genossen über gegangen ist. Leidenschaft und Her­bigkeit, Charakter und Humor prägen sich in rein empfundenen S^ophen aus: zur Melodie ge­wordene Lebenslust und Lebensangst. Spruch und Widerspruch verilären sich zur Harmonie des Kunstwerks. Hier ist das schöne Sei enstück zu Münchhausens berühm emDalladenbuch": ein Gedich:werk, das geworden und gewachsen ist, voll Ausdruck und Gestal, voll Bildung und Begei­sterung, Spiegelbild einer Persönlichkeit, deren männliche Züge von dem Geist der Zeit geprägt sind.

Paul Richter: Krippe und Kreuz. Zwei Gedichtkreise aus dem Leben Jesu. 45 Seiten. Kart. 2,50 Mk., Ganzleinen 4 Mk. Ver­lag von Alfred Töpelmann, Gießeir, 1928. (745) Richter läßt hier die Kindheft Jesu von der Verkündigung bis zur Flucht nach Aegypten und die Passionszeit vom Einzug in Jerusalem bis zur Kreuzigung in zwei lyrischen Zhven plastisch erstehen. Die dazwischen liegende Zeit­spanne, obwohl nicht unmittelbar behandelt, kommt bei dem religiös empfinbenben Leser un­willkürlich zum seelischen Mitschwingen, so daß die Gestalt Jesu in ihrer Ganzheit und das gewaltigste Geschehen aller Zeiten voll Leben durch das Buch und durch die Herzen der Leser strahlt. Nirgends drängt sich kirchliches Dogma oder philosophische Reflexion vor. Lleberall webt und wirkt der Geist der Evangelien, naiv und unmittelbar vor einer frommen Seele erschaut.

Aus fremden Literaturen.

Felix Timmermans: Pieter Drue- gel. Aus dem Flämischen übertragen von Peter Mertens. 320 Seiten 8". 3m 3nsel-Derlag zu Leipzig, 1928. (507.) Timmermans hat vor kurzem hier in Gießen gesprochen, und er hat in den Mittelpunkt seiner Vorlesung die Ent­stehungsgeschichte gerade dieses letzten Romans gestellt; man versteht, wie er innerlich an den Stoff gekommen ist, man begreift, daß Timmer­mans eigentlich seinem ganzen Wesen nach gar nicht an dreiem Stoff, an dieser Figur porüber- gehen konnte. Er und Flandern: ein Herz und eine Seele: so sagt Timmermans von seinem Helden, und dieser Satz scheint uns sowohl das eben Gesagte zu erläutern, wie auch die Art, die Besonderheit, die Grundauffassung dieser dichterischen Biographie cmzudeuten. Wie alle seine Helden -- wofern dieser etwas anrüchige, literarische Begriff hier überhaupt statthaft ist so wuchs auch Bruegels schattenhafte Gestalt aus Flanderns Boden, war ein verstorbener Landsmann und so von Anbeginn diesem Dichter lieb, vertraut und verwandt, der ohne sein Land, ohne den starken mütterlichen Heimatbezirk all seiner Bücher, all seiner Menschen und Land­schaften gar nicht zu denken wäre. Man kennt Bruegels Bilder, man liebt seine saftigen hand­festen Bauern und seine herrlich naiven Sprich­wörter, seinen wundervoll farbigen und reifen Herbst", die Winterbilder, dieJahreszeiten" und manches sonst. Aber von seinem Leben weiß man kaum etwas. Es ist wenig genug überliefert. Timmermans baut Bilder aus dem Unbefangen, Schattenhaften, Namenlosen; er läßt dies Leben einen bäurischen, airmfeligen Ur­sprung nehmen, führt es geruhsam, oft sonderbar wechselnd zwischen Licht und Schatten, zur Höhe und Reise seines Menschentums und seiner Künstlerschaft. Man erlebt Bruegels Wander­schaft durch Flandern und nach Italien mit, man lernt seine Freunde, ferne Lehrer und seine geliebten Frauen kennen, man spurt die Schön­heit und die unerschöpfliche, blutvolle Lebenslust, die jenem Lande und seinen Bewohnern tief eingeboren ist, und man sieht auch die schweren Schlagschatten, den dunlelschimmernden Abglanz der großen Weltbegebenheiten in die blühenden und heiteren Bezirke fallen, auf denen das Malerleben Bruegels sich entfettete. Vielleicht ist die rein künstlerische Entwicklung ein wenig zu nüchtern, zu gegenständlich und zu primitiv vor- | gebracht, cller der menschliche Umriß des Dauern- 1 malers ist ganz plastisch und überzeugend ge­glückt; auch Umwelt. Beiwerk, Szenerie des Ro­mans sind so blutvoll, gesund, blühend und strotzend wie eigentlich alles, was Timmermans anfaßt und schreibt. Die lleinen, Holzschnitthasten Zeichnungen von der Hand des Dichters in den

Text verstreut, passen sich dem Bilderbogen- stil seiner Niederländer Biographie vortrefflich an. Die Ausstattung ist wie stets des höchsten Lobes wert

Virginia Woolf: Eine Frau von fünfzig Jahren. Roman im Inselverlag zu Leipzig. (601.) Der Tag einer Dame der Londoner Gesellschaft wird hier gegenwärtig und dahinter die Stadt selbst mit einer zuvor nie erreichten Eindringlichkeit. Die zwingende Ver­knüpfung scheinbar völlig fremder Schickfalsfäden gibt dem Roman seinen besonderen Reiz. Der Selbstmord eines kleinen Angestellten und die Abendgesellschaft einer Lady was haben sie miteinander zu tun? Aber es geht nichts in der Welt vor, was nicht jeden von uns trifft und erschüttert. Und diese Einheit alles Geschehens ist im Stil des Buches. Ein fafzinierendes Kunst­werk und eine menschlich reiche Dich'.ungl

Glenway Wescott. Die Towers. Der Roman einer Familie. 452 Seiten. F. G. Speidclsche Verlagsbuchhandlung, Leipzig. Ganz­leinen 7.80 Mark. (514) Ein Amerika, das noch unbekannt ist, wird in diesem Roman geschildert, das Amerika, das groß und ernst in feiner Ruhe hinter dem beweglichen und ständig bewegten Leben der lauten Städte stehl. Es ist das Land, das seine Söhne aussendet, im Wettstreit um Reichtum und Macht zu kämpfen, zu fallen ober zu siegen. Und das Schicksal derer, die zu Hause geblieben sind, die diesen Kämpfern Eltern waren, wird in dem Buch mit Eindringlichkeit umrissen. Die eigenartige Darstellung, die feine Deobach.un^gabe und der sel.same Stil, dessen zupackcnde Primi.ivi ät wunderbar zum gewähl­ten Stoffe paßt, die Tiefe der Gedanken und die fast englische Anschauungsweise, alles dies hat Glenway Wescotts Buch jenseits des Ozeans zum Harper-Roman-Preis und zu dem ganz großen Erfolg verholsen, der den Verfasser in die erste Reihe amerikanischer Erzähler rückte.

Edgar Wallace. Leutnant Bo- nes. Autorisierte Ucbertragung und Vorwort von Ravi Ravendro. Volksverband der Bücher­freunde, Wegweiser-Verlag G. m. b. Sy, Berlin- Charlottenburg 2. (632). In ganz kurzer Zeft hat Edgar Wallace beispiellosen Erfolg und Ruhm errungen. In Deutschland ist bisher sein Name mit dem großen Eindruck seiner krimi­nalistischen Werke verbunden. InLeutnant Vo- nes" zeigt Wallace sich als siegreicher Humorist, als ein Künstler, der seine reiche Erfahrung im Erregen hoher Spannung psychologisch ver­tieft. Darüber hinaus hat das Buch durch die Erfchließung der Seele afrikanischer Oiegerftämme einen ethirologischen Wert und Reiz. Der V. d. D. hat auch dieses kleine Werk in einer schönen und soliden Ausstattung herausgebracht.

Politik und Geschichte.

21. v. Gleichen-Ruhwurm: Welt 4 geschichte in Anekdoten. Ganzleinen 12,50 Mk. Max Hesses Verlag, Berlin-Schöne­berg I (795). Blitzartig und rascher als lang­atmige Darstellungen erhellt die Anekdote Vor­gänge, Charaktere, ja ganze Epochen. So zeich­nete Gleichen-Rußwurm ein einzigartiges Welt­bild in vielen Jahren Fleißes. DieWeltge- schichte in Anekdoten" ist ein Reiselagebuch in die Vergangenheit. Wir begleiten den Welt­mann und Causeur, den gelehrten Kultur Historiker und geistvollen Chronisten gleichsam in unbe­kanntes Land und staunen, welche Schönheiten, welche grausigen Abgründe, welche Hellen Gipfel sich dem erstaunten Blick plötzlich enthüllen. Diese Chronik offenbart uns Dinge, die uns noch feine Geschichte enthüllt hat.

D. S. Mereschkowskij: Napoleon. 1. Sein Leben. 2. Napoleon als Mensch. Deutsch von Arthur Luther. Ganzleinen 10,50 Mark. Verlag Grethlem & Co. in Leipzig. (682) Meresch- kowskijs Buch sieht Napoleon nicht als ehrgeizigen, selbstsüchtigen Eroberer, sondern er ist für den Dich­terder Mensch" schlechthin, freilich nicht der schwache, kleinliche Mensch des Alltags, sondern der Mensch in seiner höchsten Vollendung, der Mensch der Zukunft, der ahnt, was kommen soll, wenn er es auch nicht klar erkennt, dessen letztes, nie ausgesprochenes, aber stets intuitiv erfühltes Ziel die universelle Einigung der ganzen Menschheit ist. Diese Einigung kann sich nach Mereschkowskijs tief­ster lleberzeugung nur auf religiöser Grundlage, durch Christus, verwirklichen; das war das Ideal, das auch Dostojewskij vorschwebte. Sein Gegenspiel ist der atheistische Bolschewismus, der die Rcl.gion durch die Internationale ersetzt, der Antichrist. Na­poleon aber iftder Mensch", der zwischen Christ und Antichrist steht und sich zu einem von ihnen be­kennen muß. Er hat das nie in klaren Worten getan, und doch ist er trotz seiner religiösen Gleichgültigkeit, trotz seines scheinbar nur auf das Irdische gerich­teten Sinnes eine religiöse Natur: sein menschliches Wesen und seine Gesetzgebung zeigen das. Er schei­tert, weil er das Göttliche mit menschlichen Mitteln durchsetzen wollte, weil er es nur ahnte, nicht er­kannte. Aber dieses Ahnen allein macht ihn zum Wegbereiter dessen, der da kommen soll Ein Dichter schrieb dieses Buch, besten erster Teil sich liest wie das gewaltigste Heldenepos und dessen an kühnen. Gedanken und überraschenden Ausblicken reicher zweiter Teil die Darstellung des ersten zu rechtfer- tigen sucht.

Arthur Graf P o lze r-H o d itz: Kaiser Karl. Aus der Geheimmappe seines Kabinettchefs. Mit 79 Bildtafeln. Geheftet 16 Mark. Amalthea-Derlag, Wien (789). Der Erfasser, der Kaiser Karl seit dessen frühester Jugend nahe stand und in einer entscheidenden Regierungsepoche dessen vertrautester Ratgeber war, lüstet hier den Schleier über bisher un­bekannt gebliebene Vorgänge am kaiserlichen Hofe und im Arbeitszimmer des letzten Regenten der Doppelmonarchie. Die Hauptakteure in dem Drama deS niedergehenden Reiches stellt er in helles Rampenlicht. Manche Politiker und Staatsmänner sowohl Kaiser Franz Josefs als auch Kaiser Karls zeigen sich in wesentlich an­derem Lichte, als man sie bisher zu sehen ge­wohnt ist. Ein eigenes Kapitel ist der eingehenden Darstellung der vielumstrittenen Sixtusbries- afsäre gewidmet. Die Frage der Kriegsschuld, di« Vorgänge vor Ausbruch des Krieges mit Italien, das ungarische und polnische Problem, das Autonomieprogramm des Kaisers, die Mani­festpolitik, kurz, alle bedeutsamen Episoden in jener schicksalsschweren Zeit werden aufgezeigt. Zwischendurch sind interessante Episoden aus dem Leben von Mitgliedern des Erzhauses mitgeteilt. 3m Anhang finden sich eine Fülle von Ttrkunden und Briefen. Das Buch ist mit vorzüglichen Bildern reich illustriert.

Wirtschaft und Recht.

Handwörterbuch der Staats- wissenschaften. Ergänzungsband zur vier­ten Auflage. Herausgegeben von L. L. Elster und A. D. Weber. Verlag Gustav Fischer in 3cna. (741) Das berühmte Handwörterbuch der Siaatswissenschaften, feit Jahrzehnten ein tatsächlich unentbehrliches Nachschlagewerk für jeden Praktiker der Wirtschaft, für Männer der Politik und Presse, ja für jeden Staatsbürger, der sich über wirtschaftliche Fragen zu unter­richten wünscht, liegt seit einiger Zeit in vierter Auflage vor. Trotzdem wurde es notwendig, jetzt schon einen Ergänzungsband herauszugeoen, der einmal die Aufsätze umfaßt' die vorwiegend aus Raummangel zurückgestellt werden muhten, oder die zum anbern wichtige aktuelle Fragen der Gegenwart in besonderem Maße berücksich­tigten. Schließlich muhten diejenigen Artikel des Hauptwerkes ergänzt werden, deren Materien seitdem grundlegende gesetzgeberische Neugestal­tungen erfahren haben, oder die infolge der Fortentwicklung der wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse neue und eigenartige Wandlungen und somit neuartige Probleme aufweisen. Wir wollen nur Hinweisen auf das große Gebiet der Arbeitsgerichtsbarkeft, das ja in diesen Sa­gen besonders aktuell ist, auch die internationale Arbefterschutzgesehgebung, ferner auch das Aktien­recht. Kartellrecht. Konjunkturforschung und schließlich das riesige Gebiet der Rationalisierung. Der Ergänzungsband bringt auch biographisch' insofern eine Bereicherung, als ausführliche Ar­tikel über Bismarck, Helfferich, Lenin und Ra- thenau ausgenommen worden find. Für alle Be­sitzer der vierten Auslage des Handwörterbuches ist dieser Ergänzungsband, mit dem das große Werk erst feinen endgültigen Abschluß findet, naturgemäß unentbehrlich. Bisher erschienen sind die ersten beiden Lieferungen, deren weitere schnelle Folge der Verlag in Aussicht stellt.

Friedrich Stein, Die Zivilpro­zeßordnung für das Deutsche Reich. Kommentar, 14. neubcarbeitete Auslage von Ministerialrat Dr. Martin 3onas, Verlag von 3. C. B. Mohr, Tübingen, 1928, 8 Lieferungen zu je 20 Druckbogen. Subskriptionspreis 60 Ps. für den Druckbogen. (455). Don dem bereits am 4. Juli 1928 an dieser Stelle angezeigten bedeutenden Werk liegt nunmehr der erste Band