Nr. 273 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)Montag, 19. November (928
polom'a rediviva.
Zehnjährige Erfahrungen des neuen polenstaats.
Don S Brandström.
3n Warschau und der Provinz wird in diesen Tagen das zehnjährige Dostehen Polens in aller Feierlichkeit begangen. UnD eg ist kennzeichnend für die Gesamtlage des heutigen polnischen Staates: nicht die -ftamen jener Polen, die zum „ob'buboiDame ojczhsnh", zur ^Wiederherstellung des „Vaterlandes" kräftig beigetragen haben, eineS Paderewski, eines Dmowski und anderer, sondern der Dame Pilsudskis als Begründer unD Führer Polens in dessen „Helden- Periode" sowohl als in der prosaischen Gegenwart steht im Mittelpunkte. Er wird nicht nur als Staatsmann, sondern auch als Feldherr gefeiert, und selbst das kürzlich erschienene unt> mit einer Borrede Fvchs versehene Buch des Generals Sikorski, In dem die militärischen Ber- dienfte Prlsudskis nicht gerade hoch eingeschätzt werden, vermag diesem Ruf keinen Abbruch zu tun.
In Deutschland werden diese Feste, gerade rn ihrer Konzentrierung um die Persönlrchkert Prl- sudskiS, ganz andere historische Rennniszenzen wecken.' Hat doch erst kürzlich Harry Graf Kehler seine überaus interessanten Erinnerungen darüber veröffentllcht, wie er seinerzeit Pilsudski im Auftrage der deutschen Regierung während der Revolutionstage aus derMag- deburger Haft befreit und wie dieser ihm versprochen hat, dah Westpreuhen von Polen unangetastet bleiben werde. Run gewiß, die Korridor-„Lösung" geht in erster Linie auf Dmowski und dessen rücksichtslose antideutsche Propaganda bei den Alliierten zurück... Allein man hat nichts davon gehört, dah Pilsudski in irgendwelcher Weise seinen Einfluh im Sinne jeneS Versprechens geltend zu machen versucht hatte... Im Verlaufe der seither verstossenen Jahre haben aber die Alliierten selbst reichlich Gelegenheit gehabt, Erfahrungen über die Funktionieren der von ihnen in Versailles „rektifizierten" Ostgrenze Deutschlands zu sammeln. And je länger desto mehr wurde jenen von ihnen, die sich die Objektivität des Arteils bewahrt bzw. wieder erlangt haben, die ganze Annatürlichkeit ihres eigenen Geschöpfes klar.
Es ist nun eine Folge dieser Erfahrungen, dah wir heute im Besitze nicht nur englischer, sondern auch mancher französischer Stimmen über die Anhaltbarkeit des „Korridor"-Zustandes sind. Der auf dem Gebiete des internationalen Rechts bekannte französische Gelehrte Professor 6ceile hat vor einiger Zeit in der Zeitschrift „Le progrös civique“ dem deutschen Standpunkt in oezug auf Westpreuhen recht gegeben und die Wiederherstellung der territorialen Einheit des deutschen Reiches verlangt. Selbst die der polnischen Regierung nahestehende „Epoka", die diesen Auftatz zitierte, wagte nicht, den ehrlichen Willen Scelles bezweifeln; vielleicht erklärt sich diese ungewöhnliche Milde dadurch, dah Scelle die Lösung des Problems zwar darin sieht, Danzig Deutschland zurückzugeben, dafür aber Litauen als autonomes Gebiet einschließlich Memels dem polnischen Staate einzugliedern (so wie ehemals Hymans).
Eine ganz hervorragende französische Publi- kation, rn der die Kritik des gesamten Korridor- Systems, in allen Einzelheiten fundiert, zum Durchbruch kommt, ist ferner die im laufenden Jahre in Paris erschienene Schrift Robert Tourlys: „Berlin — Varsovie — Dcrnhig". Eine Darstellung der Dinge, die kontradiktorisch gehalten ist, in der also auch der polnische Standpunkt ausführlich dargelegt und darauf ebenso eingehend erwidert wird — und die trotzdem von der polnischen Presse als ein „Produkt der immer stärker werdenden deutschen Auslandpro- pagcrnda“ hinzustellen versucht wird.
Sowohl bei diesem Franzosen als auch bei dem ehemaligen Abgeordneten Linfield, der sich über die Korridor-Frage in der Londoner „Ration" sowie in der Reuyorker „The corrent history“ äußert, wird nicht nur auf die bedrohliche Lage des vom Reiche ab geschnittenen Ostpreußens hrngewiesen, sondern vor allem auch daraus, dah alle die Früchte jahrzehntelanger deutscher Arbeit und Mühe um die Weichsel
Lmtzs Bajazzo r
Vornan von J. ^chneider-Foerstl.
Urheberrechtsschutz Oskar Meister, Werdau i. Sa.
Nachdruck verboten.
Der Himmel gab seine letzten Wasserreserven! Als schieße es aus Kübeln und bodenlosen Fässern, so plätscherte das Rah auf das Dächergewirr Wiens, spritzte klatschend gegen Schieser imb Ziegel, gluckste mit lautem Schwall in die Dachrinnen und schoß zuletzt gurgelnd in die gitiergesicherten Abflußrohre, wo es an langen dicken Wänden weiterrann.
Anter ihre Schirme geduckt, in Kapuzen und Mäntel gehüllt, eilten die Passanten dahin. Der letzte Trambahnwagen war vorbeigesurrt und nun setzte der Sturm auf die Droschken und Autos ein. Wer eine Fahrgelegenheit erwischte, gehörte $u den Glücklichen. Jene, die leer ausgingen, stapften brummend und polternd ihren Weg weiter.
Eng an den Windfänger eines Hotels gedrückt, standen drei Männer, sahn: erst nach unten, dann nach oben, schielten sich mit komischem Entsetzen ins Gesicht uird lachten.
„Teufel, wie das tuscht!" Dr. Fehmann, der ältere von ihnen, zog den Mantellragen hinauf, reckte seine überschlanke, biegsame Gestalt und lieh sich vorwärts geneigt, das Rah auf den dunklen Scheitel tropfen.
„Kinder! Wie das gießt!" Die Siegfriedgestalt Baron Hettingens dehnte sich in allen Muskeln. Die dunkelblauen Augen lachten dabei in das Perlengeschnür, das da vom Himmel zur Erde herniederrann. Den Hut etwas aus der Stirne geschoben, klemmte er den Stock mit dem Silber- flriff fester unter die Achseln und sah den kleinen, etwas korpulenten Mann an seiner Seite schalkhaft an. „Rett Poldl! - Was?"
„3a! — Zum Ausrutschn! — And fein Tram- koeikastn, kein Fiaker! — Rix! — Gelt na, da
von den Polen, trotz ihres „Dranges nach dem Meer", vollständig ungenutzt und zuschanden gemacht touröen. And genau das gleiche Argument findet sich auch in dem Anfang dieses Jahres in der „Englisli Review“ erschienenen Aussatz über „Die polnischen Arftprüche auf den Korridor und Danzig". Wahrlich eine seltene Einmütigkeit Richt-Deutscher mit dem deutschen Standpunkt!
Die Korridor-Frage leitet xm8 von selbst zu Polens Rationalitätenfrage hinüber. „Die Lage Polens ist jeder Logik und Realpolitik zuwider", schrieb mit Rücksicht auf das Rationalitäten-Problem Franceses Ri 11 i in seinem bekannten Buch über den europäischen Frieden. Ist es mm Polen im Laufe feines bisherigen Bestehens gelungen, mit dieser Frage wenigstens in seiner Innenpolitik einigermaßen fertig zu werden? Die Weigerung der Abgeordneten der Minderheiten an den gegenwärtigen Iubelfeierlichkeiten teilzunehmen, ist wohl eine klare Antwort auf diese Frage. Aber es erfolgte noch eine krassere Antwort, und auch sie hängt mit den Gedenkfeiern zusammen. Für die Akrainer Polens ist es nämlich ein Gedenken der Kämpfe, die sie vor zehn Jahren gegen die Polen ausfechten mußten und in denen sie unterlegen sind. And es ist sicherlich kennzeichnend, daß, trotz der seither verflossenen Zeit, trotz der Existenz und der Bemühungen einer einflußreichen Gruppe ukrainischer Politiker aus dem ehemaligen Pelljura- Lager, einen polnisch-ukrainischen Ausgleich innerhalb des gegenwärtigen Staates zu finden, jene historischen Erinnerungen heute mit einer solchen Frische und einer solchen Vehemenz Wiederaufleben. Die blutigen Ereignisse, die neuerdings in Lemberg, Tarnvpol und Sambor statt- f an Den, sie trugen in allen ihren Einzelheiten das Gepräge eines Kampfes von Volk gegen Volk: die Akrainer versuchten, das polnische Nationaldenkmal in Lemberg zu zerstören, die Polen demolierten die Gebäude der ukrainischen Rationalzeitungen und belagerten das Halis des Leiters Der geheimen ukrainischen Aniversität. Es ist geradezu so, als hätte die Jubelfeier des Siegesvvlkes eine Protest feier der Besiegten ausgelösL
And in steigendem Maße wird auch der Sejm selbst zum Schauplatz dieser Konflikte. 3m vorigen Jahre erklärte ein Abgeordneter des Akrai- nischen Sejmllubs von der Tribüne des polnischen Parlaments nicht mehr und nicht weniger: „Die von 3offe und Grebski im Frieden von Riga gezogenen Grenzen des polnischen Staates sind eine Fiktion. Das Volk der Akrainer wird nicht auf die 6 Millionen Akrainer verzichten, die von ihm heute durch einen schmalen Fluß getrennt sind". And heute, nach Den Lemberger Ereignissen, erklärt der ukrainische Abgeordnete Chrucki den regierenden Polerr, daß auch sie ihren Staat doch dem SelbstbestimmungS- recht der Völker verdankten, dasselbe Recht aber den Akrainern Vorbehalten; trotzdem werde die Vereinigung der ukrainischen Gebiete zu einem eigenen Staat nicht zu verhindern sein. And als der 3mrenminister Skladkowski darauf erwiderte, die Regierung werde fä^on wissen, in Ostgalizien Ruh? und Ordnung wiederherzustellen, erheben sich die ukrainischen Abgeordneten und stimmen im Sejmsaal die ukrainische Rationalhymne an! Anwillkürlich drängt sich jedem Unbeteiligten der Schluß auf, dah der polnisch- ukrainische Gegensatz mit der Zeit nicht überwunden, sondern durch die Erfahrungen im polnischen Staate noch verschärft ift.
And prompt fand der neueste polnisch-ukrainische Konflikt auch ein außenpolitisches Echo. In Kiew und Charkow, in Odessa, Poltawa und Dnjepropetvowsk, kurz, inden Hauptstädten der Sowjet-Akraine, Die einen autonomen Bundesstaat im Rahmen Der Sowjet-Anion bildet, fanden antipolnische Demonstrationen und Versammlungen statt, m denen gegen die Politik Polens gegenüber den nationalen Minderheiten protestiert und daS ukrainische Volk zum Kampf gegen den polnischen Imperialismus ausgefordert wurde. — Fast gleichzeitig mit diesen Kundgebungen machte sich eine andere außenpolitische Folge der „heldenhaften" Periode der Abrundung der polnischen Grenzen geltend: das Scheitern Der polnisch-litauischen Konferenz. Man glaube ja nicht, daß dieses Scheitern für Pölen, das doch der beatus possi- dens des Wilna-^Aebiets ist, gleichgültig wäre.
kriegst keine Autvtaxen z' sehn, wenn's a so schnürst! And wenn d' Sonn scheint, rennen s' dich duhendweis übern Haufn. Grad wie verzaubert sind's! Wie vom Erdbodn verschwunden! Als wann das so der Brauch war bei uns in Wenn, daß ma bei an solcher Wetter z' Fuß geht — nachts um halber Eins."
„Räsonier nicht, Poldl! — Es wird nicht anders deswegen!" Baron Hetllngen spähte über die Straße, ob nicht die Lichter eines Fahrzeugs aus dem Dunkel krochen.
Währenddessen klang wieder die gereizte Stimme Don vorher neben ihm auf. „Richt rösonieren soll ich! Trägst mich nüber vom Kärntnerring in die Mariahilf erstrahn? Ja?" Das runde Gesicht, dem der scheltende Heine Mund gehörte, suchte eine ärgerliche Pose anzunehmen, aber es glückte nicht; die graublauen Augen lachten dabei zu Hetllngen auf, der ihn gut um Haupteslänge überragte. „Wie komm ich jetzt heim! Sag's doch, du Siebengscheiter!"
„Wenn's fein muh, trag ich dich halt!"
„Hast es ghört, Doktor? Tragn will er mich" Ein unbändiges Lachen folgte. „Da mußt dich schon z'erst als Kindermadl bei der Riesendam im Prater engagieren lassn, eh du mit mir einen Versuch machst."
„Dann schwimmen wir halt!" Baron Hettingen maß an seinem Lackschuh die Wassertiefe im Rinnstein. „Bis daher!" er zeigte an die Knöchel. „Ich schlage vor, wir gehen erst nicht lange nach Hause, soirdern bleiben sitzen da drinnen." Sehnsüchtig spähte er nach den hell- erleuchteten Fenstern des Restaurants.
„Freilich die ganze Rächt durchlumpn, zwegn dem bisserl Regn! Heimgängen wird!" erklärte Leopold Richthofen kategorisch. „Bis in die Mariahilferstrahn nüber verwascht's uns net gleich!"
„And bann?“ fragte Hettingen trocken.
„Mein Gott, wie er wieder fragt! Rachher schmn wir halt, daß wir in ein trocknes Gwandl kommen und ein Haferl Grogg erwischen oder sonst was, das uns Die Gedärm warm macht. Iessas, wird der Franzi lachn, wann wir so
Der Mangel eines direkten Eisenbahnverkehrs mit Litauen, Der Polen zu Amwegen über Ostpreußen oDer Lettland im Wirtschaftsverkehr zwingt, sowie das Ruhen Der Holzflößerei auf Dem Memel- ftuß sind vielmehr für Polen lästige und unangenehme Dinge, auf Die es immer wieder, aber bisher immer vergeblich, zurückkommt. Man muh sich hier dessen erinnern, daß Pilsudski einmal offen zu verstehen gab, er habe in einer schlaflosen Rächt mit sich schwer gerungen, ob er die Truppen nicht marschieren lassen soll, um Den widerspenstigen Partner gefügig zu machen.
Wir Deuteten indessen eingangs an, daß Polen heute PilsuDski nicht nur als Feldherrn, sondern auch als Staatsmann feiert. Darnit ist vor allem Die Beendigung jener akuten Wirtschaftskrise gemeint, die für Polen unter seinen Vorgängern zu einem chronischen Zustand geworden war. Gewiß, Pülsudsll ist es gelungen, Die Produktion zu steigern, in die ©teueremgange einigermaßen Ordnung hineinzubringen unD den Zloty-Kurs zu stabilisieren. Aber die jüngste
polnische Statistik hat erwiesen, dah über ein Fünftel der polnischen InDustricunternehmun- gen, und wohl Die leistungsfähigsten, In Hän - Den von Auslän Dem ist. Vor allem aber hat Der Lodzer Generalstreik die ganze sozialpolitische Rückständigkeit und den in Dieser Industrie angefammelten Konfliktstoff Der Welt enthüllt.
Es ist wirklich kein Zufall, sondern ein innerer Zusammenhang, Daß die Jubelfeiern des polnischen Staates mit dessen negativen Erscheinungen: den polnisch-ukrainischen Kämpfen, Dem Schiftbruch Der polnisch-litauischen Konferenz und Dem LoDzer Generalstreik zeitlich mehr oder weniger koinzidieren. Raiv Ware es, Daraus auf einen balDigen Zusammenbruch dieses Staates schließen zu wollen. Aber jene negativen Entscheidungen, besonders in Der ukrainischen Frage, zeigen auch Die zentrifugalen Kräfte dieses Staates, Die ihm in einer gegebenen Lage zu einer Gefahr werden können.
Das Rätsel um Anastasia.
Lebt die letzte Zarentochter? — Eine neue Veröffentlichung.
Von Professor Or. jur. ei Phil. Karl Esselborn, Darmstadt.
Wenn wir aus alter Zeit von geheimnisvollen Menschen, wie dem Grafen Cagliostro oder Kaspar Hauser lesen, so denken wir, daß derartiges in einer Zeit, die die Meere im Luftschiff überfliegt, die von einem Weltteil zum andern das gesprochene Wort ober musikalische Vorträge aller Art sendet, die viele der kühnen Phantasien des Volksbuches vom Dr. Faust ohne Pakt mit dem Teufel nur auf Grund tieferer Erkenntnis der Natur verwirklicht und auf diese Weise Raum und Zeit in einem nie geahnten Maße gemeistert hat, nicht mehr vorkommen könne. Und doch ist dem nicht so. Dem Menschen sind gewisse Schranken der Erkenntnis gesetzt, und wenn sie auch in vielen Dingen wesentlich verschieden von den Menschen früherer Zeiten geworden sind, so sind sie sich auch in ebenso vielen durchaus gleich geblieben und sehen nicht weiter und tiefer als die Altvordern. Das zeigt die Schwierigkeit, die es macht, festzustellen, ob die jüngste Tochter des letzten Zaren, die am 17. Juni 1901 geborene Großfürstin Anastasia Nikolajewna noch lebt und die sich für S» Ausgebende die echte ober eine Betrügerin ist.
Uerbings ist bieser Fall burch ben Krieg bebingt, der Verhältnisse geschaffen hat, die an längst vergangene Zeiten erinnern.
Die Geschichte dieser rätselhaften Frau, die sich für die Zarentochter Anastasia ausgibt, ist eine Odyssee, seit in der Nacht vom 16. zum 17. Juli 1918 ihre Eltern und Geschwister in Jekaterinburg das Opfer eines sinnlosen Mordes geworden waren. Als ein römisch - katholischer Bauer, ein Pole, der sich Alexander Tschaikowsky nannte und in der Nähe von Jekaterinburg mit seinen Eltern und Geschwistern eine kleine Bauernwirtschaft betrieb, in ihrem bei ben Ermorbeten liegenben Körper noch etwas Leben bemerkte, da benutzte er die allgemeine Verwirrung, wickelte sie in eine Decke und floh mit ihr nach feiner Besitzung. Aus Furcht vor den Bolschewiken floh er mit (einen Eltern, Brüdern und Schwestern auf einem Bauern wagen nach der rumänischen Grenze. Die von ihm Ge- rettete, deren Schädel durch Kolbenhiebe eingeschlagen und deren Hand durch einen Bajonettstich verletzt war, konnte er nur mit kaltem Wasser behandeln. Wochenlang dauerte die Fahrt nach Rumänien. Zu ben von ben Kopfverletzungen herrührenden furchtbaren Schmerzen gesellte sich ein Neroenfieber. Und während sie noch darniederlag, empfing sie von ihrem Retter ein Kind, das sie in Bukarest, wo die Familie Wohnung nahm, zur Welt brachte. Nach ihrer Wiederherstellung ver- langte sie von ihm, daß er sie heirate, was auch in einer katholischen Kirche zu Bukarest geschah. Wie das Kind getauft wurde, weiß sie nicht, auch nicht, unter welchem Familiennamen es eingetragen wurde, nur dagegen hatte sie sich verwahrt, das es den Namen Romanow erhielte. Bald nach der Hochzeit wurde ihr Mann auf der Straße erschossen; an der Beerdigung nahm sie teil. Anfang 1920 beschloß sie, nach Deutschland zu reifen, um ihre Taufpatin, die Prinzessin Irene von Preußen, aufzusuchen.
halbzerronnen heimkommen. — Häng dich ein, Dokwr, — ganze Kompanie: Marsch, marsch! — Hau nur f^t nei, Baron! Is eh schon gleich!" Anter dem taktmäßigen Schritt der Männer spritzte das Raß Der Straße in hohem Dogen auf. Die Kopfe geduckt, Die Hüte tief in die Stirne gezogen, Den Rücken weit nach hinten geneigt, stapften sie durch die Wassermassen, die ihnen entgegenrannen.
An der Ecke der dritten Straßenkreuzung machte Dr. Fehmarm halt und streckte den beiden anderen je eine Hand entgegen.
„Servus, Baron! — Eine Empfehlung an die Herrschaften zu Hause — und deinem Fräulein Schwester einen Handkuß, Poldl!"
„Ich dank schön!" lachte Richthofen. „Hast schon Eil, daß d' in Deine Federn kommst! Schau nur, daß dich keiner von deine Patienten holt heut nacht, — a Sauwetter das! — Gehn wir, Baron! Wir habn wenigstens inorgn früh keine Sprechstund abzhaltn! — Servus Doktor!"
Drei regenschv^re Hüte lüfteten sich. Zweimal noch toanDte sich Baron Hetllngen nach dem Freunde zurück. „Ein guter Kerl! — Was, Richthofen?"
„Ich sag's eh allaweil! — Diel z' gut! Eine Frau tat er halt brauchen! Eine Frau! Weißt ihm keine?"
„Ich?---"
„Ra ja, fteilich! — Du kuglst soviel in der Welt umeinander, daß d' ihm schon amal eine finden könntst!"
Hettingens Lachen klang belustigt durch die Regennacht. Er gab keinerlei Antwort, sondern schüttelte nur seinen Mantel, daß die Tropfen Richthofen bis ins Gesicht sprühten.
„Bist naß?" sagte dieser- resigniert. „Dauert bloß nur mehr an die fünf Minuten, dann haben wir's!"
Roch vor der angegebenen Zeit kreischte ein Schlüssel an einer schweren Eichentüre, die sich lautlos in den hohen Angeln drehte.
„Wart a bisserl, Joachim! — Herrgott, bis ich deinen Ramen allemal heraußen hab, komm ich die halbe Ringstraßn nunter! — So jetzt!"
Die Reise nach Deutschland, die sie in Begleitung Sergei Tschaikowskis, des Bruders des erschossenen Alexander Tschaikowsky, machte, war unsäglich beschwerlich. Nach der anfänglichen Bahnfahrt nmßte sie oft tagelang in Grenzstädten in einem kleinen Gasthauszimmer sitzen und warten, bis ihr Begleiter die Wege ausgekunbschaftet hatte, auf denen sie zu Fuß die Grenze überschreiten konnten. Darauf konnte die Reise wieder mit der Bahn fortgesetzt werden; sie fuhr erster Klasse, Tschaikowski aber nie mit ihr in demselben Abteil. Auch in Berlin, wo sie am 17. Februar 1920 ankamen, wohnte dieser im Hotel in einem von dem ihrigen ziemlich weit entfernten Zimmer. In der ersten Nacht in Berlin verlieh sie das Zimmer, um im Landwehr- tanal ihr Leben zu enden. Sie wurde aber her- ausgefischt, nach dem Elisabethkrankenhaus und von Dort, als sie ihren Namen nicht nannte und auch sonst nichts sprach, als geisteskrank in die Irrenanstalt Dalldorf gebracht. Dort hielt sie sich zwei Jahre lang auf. Sie ließ sich dort alle Zähne im Oberkiefer, die ihr infolge der erhaltenen Verletzungen wehtaten und wackelten, herausnehmen.
Ende Mai 1922 wurde sie aus der Irrenanstalt entlassen, nachdem sie seit März an einem Fieber, das wohl der Beginn ihrer späteren tuberkulösen Erkrankung war, gelitten hatte. Sie kam nun zu einer russischen Auswandrerfamilie. Zwar hatte sie geglaubt, baß man sie nur aus rein menschlichen Gründen aus dem Irrenhaus geholt hätte, allein bald wurde sie gewahr, daß sie nur das Objekt für die Menschen war, die daran Pläne und Hoffnungen auf Verdienst knüpften, und als sich diese Pläne nicht in der gehofften Weise verwirklichten, sie fallen ließen.
In der Irrenanstalt hatte ein« gewisse P., die Damals etwa fünfzig Jahre alt war, einen gebildeten Eindruck machte und früher in Rußland in besseren Häusern gewesen fein mußte, neben ihr gelegen und sie als eine Tochter des letzten Zaren, unD zwar die Großfürstin Tatjana, erkannt. Nachdem die P. entlassen worden war, hatte sie ihre Wahrnehmungen den Deutsch-russischen Aus- wandrern mitgeteilt und diese Kreise für die Unbekannte interessiert. Bei ihnen fand sie, als sie Dalldorf verlassen hatte, zunächst ihre Unterkunft. Als aber etwa zwei Monate später in der Zeitung ein Artikel gegen sie erschien und sie es ablehnte, darauf zu erwidern, wurde sie mitten in der Nacht vor die Türe gesetzt. Eine nebenan wohnende Arbeiterfamilie erbarmte sich der Armen und nahm sie etwa sechs Wochen bei sich auf.
Don dort nahm sie im August ein Berliner Polizeikommissar zu sich auf seinen Landsitz bei Neu- hoff-Teltow, um ihren durch den Aufenthalt in Dalldorf zerrütteten Nerven die Stärkung durch frische Landluft zuteil werden zu lassen. Dort besuchte sie auch die Prinzessin Heinrich von Preußen, die sich unter einem falschen Namen bei ihr einführen ließ. Die Prinzessin glaubte sie nicht wiederzuerkennen: ihre angebliche Nichte, damals schwer leidend wandte sich von ihr ab; als sie ihr allein in ihr Zimmer gefolgt war, gab sie ihr auch
Ein leises Knacken, Dann lieh Die Darauffolgen De blendende Lichthrlle jeden Gegenstand der mahagonigetäfelten Diele flimmernd aufleuchten. Das reichgeschnörkelte Treppengeländer, das sich zur Höhe des ersten Stockwerken wand, warf einen zierlich verästelten Schatten über das spiegelnde Parkett, auf dem sich vereinzelte Wassereichen breit machtm.
„Lift hab ich kernen! — Mußt dich schon so hinaufbemühn, Baron---"“ beschieß Richt
hofen. „Macht nix, das bisserl Rässn! Geh nur voran! — Ich läut derweil dem Franzl!"
„Du wirst doch niemand wecken!“ Hetllngen hielt ihn am Aermel zurück.
„Richt? — Hast eh recht! Das kann ich selber auch! Magst an Kirschenen? — Oder is dir ein Zwetschgener lieber? — Oder ein Glaserl Wein? Brauchst es bloß sagn, nach was dir ist!"
„Rach einem warmen Bett!" Hettingen klap-> perte zum Scherze mit den Zähnen.
„Das kannst habn! Zuerst aber komm noch auf ein Sprüngerl da herein!"
Ein weit ausladender Hirschhornlüster und eine rotseidenbeschirmte Stehlampe warfen ihr Licht zugleich in das große Eßzimmer. Reflex von Rickel und Silber sprühte gegen die kasset- llerte Decke. Die niederen Türen der Eichenkredenz knarrten leise und schlossen sich nicht wieder.
„Trink, Joachim!" Richthofen goß zwei kleine bauchige Gläser voll und reichte eines davon dem Freunde hinüber, der es prustend wieder absehte. „Is er dir leicht zu stark, Baron? — Is a Zwetschgener, von meinem Debresziner Landgut lauf,“ erklärte er. „Da is noch was drinnen, net? — Magst lieber ein Damen- schnapserl? Auch nicht? Ra also, Dann können wir's ja «anpacken. Dein Gwand hängst raus! Der Franzl bsorgt'F schon. AnD schlafen tust, so lang gern magst. Treibt Dich ja nix auf."
Richthofen schüttelte Die Dargebotene Rechte Hettingens und schob Diesen Dann über Die Schwelle eines großen, matt erleuchteten Raumes.
„Wann D’ was brauchn solltest in Der Rächt — Da iS die Klingel. In Die Schubfächer finDst


