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Nr. 142 Zweiter Blatt

Gießener Anzeiger tSeneral-Anzeiger für Gberheffen)

Dienstag, 19. Juni 1928

Sine neue Aera in Spanien.

Don d. v. UngernEternbcrg.

Spanien toll eine neue Tetloffung erhalten. Die Diktatur «General Primo b e Rivera» ift heute nicht mehr dieselbe, die sie nach dem Staatsstreich vom September 1923. die sie noch vor einem Jahr vor der Einberufung der Asamblea Tlacional war Schon alt Weihnachten 1025 die reine Militärdiktatur durch d,e so­genannte Zivildittatur ersetzt wurde, und Primo de Rivera nicht mehr alt General, son­dern alt Ministerpräsident mit unbeschränkten Dollmachten die Zügel der Regierung in der Hand behielt, lieh sich die Weiterentwicklung der Sreignisse voraussehen. Primo de Rivera batte wiederholt versichert, bah seine Diktatur keine endgültige Regierungüsorm bedeute beh er (Spanien nur aut dem Sumps der parlamen­tarischen Korruption erretten, da» Parlciwesen vernichten, Ordnung und Ruhe wieberhersiellen wolle und dann solle da» Land selb st über seine neue Verfassung entscheiden, die seinen Bedürfnissen entspräche Am 10. Oktober 1927 versammelte sich im srüheren Tvrtetpolast die von chm einberusene Rationalverlamm- lung. Die alte Uebcrschrisl .Eongresfo de Di- putadot". die durch Jahrzehnte über hem Ge­bäude geprangt hatte, wurde durch eine neue .Asamblea Hacimuil" ersetzt 3ur Ausgabe der Asamblea gehörte unter anderem die Aus­arbeitung einer neuen Verfass u n g. Die Rationalversammlung war trotz ihres tönen- den Rament nicht» weiter al» eine beratende Stammet, ihre Initiative war aust äufierfte beschränkt, ihre 400 Mitglieder waren zum gröhten Teil von der Regierung unter den tüchtigsten Männer des Königreichs, ohne An­sehung ihrer politischen Einstellung. al» Ver­treter der verschiedenen Veruststünde ernannt worben. Parteipolitische Reden waren ihnen untersagt und ihre Immunität erstreckte sich nur auf den Sitzungssaal. Zum Präsidenten her Versammlung wurde der frühere Auhenminister Sr. DanguaS-Messia ernannt, der als einer der Führer der Union Patriotica ein treuer Anhänger der Diktatur und Primo de RiveraS ist. A!S Ritter beS JesuitenordenS vom Pilar besitzt er auch die Unterstützung deS in Spanien mächtigen KleruS.

Bevor die Asamblea zusammentrelen konnte, war in Spanien ein heftiger theoretischer Streit um die Verfassung auSgcbrochen. Die srüheren Minister und Politiker auS der EorteSzeit. die durch die Schaffung der Asamblea Racional ihrer Hofsnungen und ihre» letzten Einflusses ver­lustig gingen, wurden beim König vorstellig und ziehen »hn^deS offenen Derfasfungtbruchet, fall» er der Rationalversammlung zustimme. Dabei ergab sich die seltsame Tatsache, dah sich die konservativen Kreise energischer gegen die Asamblea auflehnten, al» die Arbeiterkreise und die Sozialdemokraten, die eine neutrale Hal- tuna einnahmen. Der Erminister Gras Bu - C o fa 11 sagte z. D. in einer Eingabe an Don atfonfo, bah die noch immer geltende Der- «... >g vom Jahre 1876 durch den DolkSwillen v,. .fsen worden sei und bah eS ganz unzu-

sig wäre, diese Verfassung durch cm einfaches Dekret umzustohen. Der Exminister Don Fran­cisco Dergamin fügte hinzu, dah alle Mi­nister. Staatsmänner, ja alle Spanier, die einst auf die Verfassung vereidigt worden seien, ihre Pflicht erkennen uiid mit allen Mitteln gegen die Reuordnung kämpfen mühten. Wenn Der König die Verfassung breche, so sei kein Spanier mehr verpflichtet. Monarchist zu fein. Aehnlich äiiherten sich Gras Romanones. Villanueva und andere sührende Politiker der Sorteszeit. Primo de Rivera trat den Rörglern mit der Erklä­rung entgegen, bah jede Verfassung Menschen- nxn sei und dah jedes Menschenwerk, wenn es sich alS untauglich erwiesen, abgeändert wer­den müsse: der ganze Streit um die Verfassung blieb ein Sturm tm Wasserglas. Die protestieren­den Exministsr und EorleSpoliliker hatten in den breiten DolkSmassen gar keinen Anhang, die Vergangenheit schien endgültig begraben und die Asamblea Racional trat ohne alle

Lottchen.

Don (Sofie v. Uhde.

Geben Sie sich keinen falschen Illusionen hin Lottchen ist ein Mann. Sin männlicher Papagei, farbenprächtig, mit einem kecken roten Helm- bufch. So oft ich bei feiner Besitzerin zu Besuch bin, gerate ich in heftigen DiSput mit ihr wegen dieser Asseminierung eine» virilen Geschöpfe»: aber ganz ohne Erfolg. Lottchen ift und bleibt Lottchen. und ich kann mich nicht ander» au» der Affäre ziehen, al» indem ich wenigsten» der Lottchen sage.

Als Lottchen inne ward, dah eine Eierschale kein dauernde» Domizil ist. und sich nach einem etwa» gröberen Aktionsradius umsah. rauschten um ihn die Wipfel der Urwälder. Aher da» soll 50 Jahre her fein, und da er. kaum flügge ge­worden, gefangen wurde und nach Deutfchland wanderte, so ist diele Urwaldjugend ohne Ein­fluß auf LottchcnS innere Gestalt geblieben. Lott­chen ist ein Deutscher geworden, ob, mehr noch, er wurde Sachse.

Der Lottchen redet utmnterbrochen. unmöglich, neben chm rc zu Worte zu kommen. Da feine Herrin von früh bi» abends eigentlich nichts anderes tut. al» mit chm zu lernen und dabei darauf achtet, dah er feine Sätze nur an paffender Stelle anbringt, so hat er wirllich in erstaun­lichem Mähe gelernt, sich der menschlichen Sprache mit einem gewissen Sinn zu bedienen. Was er sagt, ist. von Knigge» Worte auS besehen, oft recht unpassend, niemals aber in bezug auf die Situation: irgendwie hat e» immer Hand und Fuh. Man kann wirllich Konversation mit ihm machen.

Doch er lebt in Sachsen. Und so ist sein Deutsch in jeder Hinsicht apart zu nennen, zumal seiner Zunge, von einem scharrenden R abgesehen, harte Buchstaben nicht licaen; und so ist er schon von vornherein für da» Idiom feiner Besitzerin prädestiniert.

Lottchen wandert auf einem Schnabel und zwei einwärts gesetzten Füßen durch die ganze Woh­nung und bintcrtdht all und überall in groh- züaiger Weise Rückstände, die wirllich ganz wo­anders hinge hören. Dazu plaudert er unablässig da» Blaue vom Himmel in seinem infernalischem

Hemmnisse zusammen. Sie leistete fruchtbare Ar­beit. die politischen und wirtschaftlichen Ver­hältnisse festigten sich unb Spanien wurde end­gültig ein Land im Ausstieg

Die Kommission der Rationalversammlung. die damit betraut worden war. hat nun den Ent­wurf der neuen Verfassung auSgearbeitet und ihn dem Plenum zur Bestätigung vorgelegt. Die neue Dcrtatsung ist nur in allgemeinen Zügen be- kanntgegeben Sie entspricht soweit e» sich be­urteilen läht, nicht den üblichen demokratischen Idealen hc hat Eigenheiten, die in keinem an­deren Staate bekannt sind. Die Hauptntacht er­hält der sogenannte Eonsejo Real (königlicher Rat), der sich au» etwa 100 Mitgliedern, au» den erbberechtigten Granden Spanien» und au» einigen vom König ernannten Räten zufammen- setzt Er erhält da» Recht, den Dekreten Ge- seyeSkrast zu verleihen, sali» da» Unterhaus nicht tagt Der königliche Rat kann auch bei Ablehnung eine» Gesetzentwurfes durch die Zweite Kammer diesen von sich auS zum Gesetz erheben, er darf ferner ein bereit» vom Unter­hau» angenommene» Gesetz zur nochmaligen Be­ratung zurückschicken Der königliche Rat er­nennt auch die Richter des Obersten Gerichts­höfe». die vom Iustizminifter unabhängig ge­macht werden. Da» Unterhaus fetzt sich zur Hälfte auS vom König und den Ministern er­nannten Mitgliedern zufammen. die andere Hälttc wird nach allgemein gültigem Wahlrecht gewählt, jedoch dürfen die Kandidaten keine Parteiprogramme aufstellen und Parteipolitikcr fein. Die Regierung ist nicht vor den Kammern, sondern nur vor dem König verantwortlich. Rach- dem die Asamblea Racional dem VerfassungSent- tourf zugestimml hot. soll ein allgemeiner Volk»- entscheid chr endgültige Gesetzeskraft verleihen. Wer die Verhältnisse in Spanien kennt, der wird keinen Zweifel über die Annahme der neuen Verfasfung hegen.

Wie vor dem Zufammentritt der Afamblea Racional regen sich auch jetzt wieder die alten Eortespolitiker und protestieren gegen die Einführung der neuen Versaffung. Primo de Rivera hat ihnen in der offiziösen Zeitung .La Racton" eine wenig bffriedigende Antwort ge­geben. er fügte unter anderem, das) nach wie vov die überparteiliche Union Patriotica die Defchicke des Reich.-v« leiten werde Gr lehnt mit den schärfsten Worten die Wiederkehr der früher belasteten Exminister aus der EorteSzeit ab. Ein parteipolitische» Parlament werde in Spanien niemal» mehr auflcben können Er spricht gleichzeitig seine Absicht aus. evtl am 13. September, dem 5. Jahrestag seiner Dik­tatur. zurückzutreten und das verantwortliche Amt eine» Regierungschefs einem Rachfolger zu überladen Primo de Rivera ift zuckerkrank, und die übermäßige. aufopserunaSsreudige Ar­beit hat ihn allzusehr ermüdet. Auf jeden Fall will er da» Ministerium des Aeuhern und bas Kriegsministerium. das er auhr dem Präsidium verwaltete, von Ressortministern besehen lassen. Da sich in der Person de» General» bisher alle Fäden der Diktatur vereinigten und da sein An­sehen und seine Autorität alle sozialen und poli­tischen Ereignisse überschatteten, und da er auch bei seinen Feinden al» Kavalier und integrer Mann Achtung genoß, so ist e» fraglich, ob fein Austritt au» der Regierung so ohne weitere» sich wird durchführen lassen. Seine Vaterlands­liebe wird ihm den richtigen Weg zeigen, er hat seine viel beachtete Verlobung mit einem Fräu­lein Easellono» aufgelöst, weil die Dame sich angeblich an dunklen Börsengeschäften beteiligt hatte. Keine Familienrücksichten können seine Entschließungen beeinflussen. Man spricht davon, dast er feinen Vertrauensmann, den jungen Der- kehrSminister Grafen Guadalahorce, zu feinem Rachfolger bestimmt hat und dast e» ihm Vorbehalten bleiben wird, unter Primo de Ri­veraS Oberleitung das StoatSschisf aus der Dik­tatur in die neue Versaffung herüberzusteuern. Wie dem auch sein mag. auf alle Fälle hat eine neue Acra in Spanien begonnen.

Sprechstunden der Redaktion.

12 bi» 1 llhr mittag». 5 bi» 7 Uhr nachmittag». Samstag nachmittag geschloffen.

3m Vorzimmer der Wüste.

Von unserem römischen L -Korrespondenten. Tripoli» im Juni.

Vor dem Throillaol Ihrer gelben Majestät, der libyschen Spb nr. liegt der noch heute durch den limes tupohtanu abget.ennt. Dartriaal. em auch nicht kleiner, schon . kwa» europäisch mit Klubsesseln und Touristenautos ausgeftatleter X kann ohne gefrefft den Ordentlich graft

sind ja die Ausmaße, Tripolttanien ha' fd>ai- zungsweise 900 003 CUtihrattilomcter. dreimal so viel wie daS Mutterland Italien, aber man gewöhnt sich dran.

Menschen, um deren Herkunft e» dunkel bestellt ist. die sich jedoch ganz so wie ihre Horfabrcn in dieser Gegend herumbalgen. g.eichviel ob Phönizier. Römer. Vandalen. Byzantiner, Ara­ber. Berber. Spanier. Malteser. Türken oder Juden, gleichviel, ob um eine Herrschaft oder ein Sünfhrcftüd de» Fremden, dikfe schreienden, blitz- oder triefäugigen, in Eäsartogen oder Last- trägerburnusfe gehüllten Menschen bauen dir. sowie du auS dem Grandhotel berau4trittft, eine Autvbrille um die Rase, drängen dich in einen Ledersiy, der um kein Haar ander» auS- lieht alS der de» Gvokautos in Rom und Kairo, und schleudern dich mit wohlgezielten Fußtritten, wenigstens bat man diese Empfin­dung. durch das Wartezimmer in die Arme Ihrer gelben Majestät der Wüste.

?Imtl'd) 1k.fit dao gibt in torpedone, Aus­flug im offenen Autobus. Wer e» unbedingt romanttfch haben will, es gibt ja auch solche Käuze, kann natürlich auch daS Kamel benützen, wie man noch immer abenteuerlich den Vesuv binaufrxiten rann, statt einfach die Drahtseil­bahn zu benützen. Bei dem Kamel, daS übrigens immer ein Dromedar ift, liegt aber die Gefahr, ohne 3tri|cbcnfdlle an» Ziel zu kommen, kbr nahe, während da» Auto immerhin noch Wert darauf legt, ab und zu an der ungeeignetsten Stelle stecken zu bleiben, in welchem Falle den allahverfluchten RumiS die Aussicht winkt, entweder an Ort und Stelle ober erst nach einem vierzig stündig en Marsch durch die Wüste zu verschmachten. DaS darf und soll mau wissen, sonst iersteht man die unerschrockene Zähig­keit. mit der die italienischen Pioniere aus Tripolitanien ein modernes Land machen wollen, nur halb.

Diese Streusandbüchse des Regno, durchsiebert von dem Ehrgeiz, es derjenigen deS heiligen rö­mischen Reiches deutscher Ration nachzumachen, bat alle» das nicht, was Algerien so rasch zum Blühen brachte. Keine Bergketten und ff.neu Regen, keine Flüsse, keine Flora, keine - Fauna, von künunerlichen Ansätzen abgesehen. Jeder, der in BiSkra gewesen ist man kann, glaube ich. jetzt schon mit der Straßen bahn von Algier aus hinsahren schwärmt von den Affen, die dort um die Fünsuhrteegälte herum turnen, e» gibt in ^cr französischen Rachbarkolonie Bade­orte. die schon seit der Antike in Betrieb stehen, in manchen Gegenden von Tun!» fi.

lienischer aus al» in Sizilien. Tripoli» da­gegen. Tripoli» will erst noch erobert sein, mit Pickel und Schweiß, Maschinengewehre allein tun e» nicht. Die französische Kolonie ist hundert Jahre alt, die italienische erst fünf oder fünf- 8 ebn.

Vorerst sieht es, wie gesagt, noch ganz ma­nierlich auS: solange man in der Oase anti­chambriert. Kaum durch die Porta Benito durch­gefahren. eine» der wenigen Tore in der von Schiehscharden durchschlihten. mit Glasscherben übersäten Stadtmauer, fühlt man sich ordentlich umschmeichelt von Palmen, schönen Dattelpalmen, deren Schlankheit der Orientale leider nicht so besingen kann wie unsereins, da bei ihm ja die Frauenschönheit nach dem Gewicht geht. Wälder von träumerischen Wipfeln, alttestamentliche Zieh­brunnen darunter, fveundliche Menschen, die den Arm zum römischen Droh heben. Mandelbäume. Oliven. Motorpflüge. Geraten wir in die Tos­kana? Ach nem. da schiebt sich etwas heran, da» verteufelt nach jüngster Vergangenheit schmeckt, eine endlose Streisenschlange. eine Kette von spanischen Reitern: der LimeS unserer Zeit.

der Stacheldrahtverhau. Roch vor wen.gen Iah» ren floh h er Blut

Aus der Lafette m den Kolonialkriegen 'itzt immer der Äauhnann. und so kann man jetzt sch 'n Konzessionen au(»crbalb der Oase haben, billige» Regierungsland in Hundert­tau'end. u von Hektaren das aber bei Strafe der Kon' ^zieruug binnen einer bestimmten Frist kult.viert 'ein mufi Da hilft feine Ausrede mit dem trostlosen Detter oder dem ftyftchten ©amen und den unzuverlässigen Arbeiter asten. Rom schreibt eine schwere Hand Hut ab vor dem, wa» hier der Italiener des längst sagenb t ge­wordenen dolce (ar mente leistet.

3ft e» nun grün geworden da unten, haben Sie da» Grün ge'ehen? so w.rd m ch Musso­lini fragen wenn ich zuruckto:mtte. denn eint feiner hervorstechenden Eigenschaften ist bie Un­geduld. de in Wochen erzwingen möchte, was sich gerne Jahr, lang Zeit lassen würde. Run. so werde ich antworten von lästigem Buchengrüir kann noch keine Rede sein, felbü die schnellwüchsigen Akazien sträuben sich, gleich in den Himmel zu wachftn. aber der grüne Gürtel erwe.tert (ich, daS ist leine Frage Im Jahre 1919 waren es so zählt man hier die fn'i- baren Geschenke der Matur. 108 383 Bäume, jetzt sind eS 1482 000, die Setzttng« allerdings ein­gerechnet.

Plötzlich hält der Wagen in einem aufgeregten Eingeborenenschwarm Urahne, Grofzmutter. Mutter und 5tmb stürzen mit wuchern mib Tep- v chen auf das ?)i emen Bergaserbrand zu löschen gäbe. Man springt heraus und ist auch schon buchstäblich in die bunten Dinger verwickelt. Kaufen soll man sie. Denn da» ist Sugh el Giunw, der Freftaa»markt. Für zehn Lire lriegt man eine wollgestickte Decke, an der Kinderhände wer weist wie viele Wochen benrmgebafte. 1 haben. Be­sonder» hingerissene Europäer greifen nach den itrobbeiigen, nach Wüste riechendeil Fezen. flül- pen sie gleich m b. t ItorfU 11

Stammtisch zu Hause sür Augen machen ü>erbe, über und erfahren erst fixier, haft es Tee­wärmer sind. Arabische Anpassung

Run aber genug der Alltägliche»!, die Palmeii weichen zurück wie demütige Diener, der frembc Sahib braust in» Land hinein. Rein, zur Win- kn geht in ewiagleicher, nwndartiger Weise da» Meer mit, grotz. still und rätselblau. So lag e» um die Tri re men. so schmiegt es sich an die Panzerkreuzer, es ist zeitlos wie ein Gestirn, es duckt die hochfahrenden Gedanken. Die Slraste wendet sich beleidigt ab. Und gerät in Sand.

Steppe. Wieder Sand. Die ersten gelben Dünen.

ErfchütterndeS, «rar, isend« 4

schlagt ein unsichtbarer Finger die Bibel aut. Da müht sich ein Eselchen dahin, halb gezogen von einem QHannc, der nicht auf,lebt. Tapp um ? app den Stock vor fich hinseht. Und auf dem Eselä>en fitzt eine dicht in Tücher gehüllte Frau, ein Kind in den Armen die Flucht nach Aegypten

Andere Seiten im Buch Gotte», andere Bilder. Diese Menschen wollen nichts wissen von elektri­schem Licht und einem Waller, das rinnt, sowie man den Hahn aufdreht. Sie hassen unS um unserer Fortschritte willen sie lieben ihre Karg­heit, ihr unabänderliches Vermähltfeln mit der glühenden Wüste um sich und dem gestirnten Himmel über sich. Vielleicht haben sie Recht, die Entwicklung darf nicht danach fragen Stolze Wüstensöhne hocken an der Strafte und klopfen Steine, grüben fafziftifch. Dort ist ein blenbend- weiste» Viereck mit bösartigen Zinnen, ein Fort, daS nicht mit fich fpaften lSftt. Gerade bringen zwei berittene Soldaten de» römischen Herrscher» einen Gefangenen ein.

Wir schneiden eine Karawane mitten durch, wie ein Wurm krümmt fie fich zu beiden Seiten der Strohe. Die Dromedare haben ein hoch­mütige» Schauen viel hochmütiger al» ihre Herren. Schöne Tiere, verwachsen mit bcc Land- fchaft. Da» Pferd, das arabische Vollblut samt Schelk und Harem der Romane ist hier nicht zu Haufe, wo noch die ungezügelte Wildnis l-errscht. Ungezügelt? Da» imperiale Italien MusfollnlS kennt daS Wort nicht. Da find Dünen, die wan­dern und im Wandern alle» Geben ersticken Do nagele man sie festl Und fie werden festgenagelt.

Deutsch. Aber in Abständen von einer Viertel- tunde unterbricht er sich, und e» erfolgt eine en timentale kleine Familienszene. die darin be- teht, dah der Lottchen fich vor feine Pflegemutter sinpflanzt, den Kops zur Seite legt und blinzelnd agt: .Hibsches Gindl", woraus ihm immer auf» neue die herzlich gerührt» Antwort wird: .Mei gute» Dierl"

Sr Tagt auch zu mir zuweilen: .Hibsches Gind", und infolge bd en bin ich recht befreundet mit ihm. Aber allzuviel darf man sich daraus nicht ein­bilden: denn wenn er sehr guter Laune ist. so sagt er dasselbe auch zu dem alten Diener: da ist eS ja nun wieder gut dah er Lottchen bei6t.

Wenn er nur nicht fo wahnsinnig sächsisch reden würde! An und für sich ift mir ja fein zweifelhafter Dialekt noch von Kinderzeiten her recht angenehm. Denn wenn mein Tater wütend wurde. To verfiel er urplötzlich in heimatliche Dresdener Laute, die einem ernsten erziehe­rischen Moment durchaus abträglich sind: und ich stand denn auch so erstickend an verhaltener Hei­ke rftrit vor dem Erzürnten, dah ihm der Faden rih und er sich meist recht schnell und ohne Pointe, die wohl in einer Ohrfeige bestanden hätte, entfernte. Und fo habe ich alle Ursache, Lottchen» Dialekt zu lieben, aber es chokiert mich doch immer wieder auf» neue, dah die» exotische Geschöpf, um dessen leuchtendes Gefieder noch Ahnung ferner Urwaldheimat spielt. auSgerechnet sächfüch spricht.

Trifft Lottchen einen in Hut und Mantel, dann wird er unternehmungslustig und ruft: .Ru, mach' mer mal nach Därne!" Wa» auf Deutsch beihen foll: Wie wär'S. werm wir mal nach Pirna führen? Wird ihm aber bann bedeutet, dah keine Wagenfahrt in Aussicht steht bei der er immer mit darf, sondern dah sein Zuhausebleiben beschlossen Ist. dann wird er übel­nehmerisch. begibt sich mit einwärtSgeftellten Fühen abseits und schimpft: .Ru Harn Sie mal, das » aber ne fcheene Schweinerei!".

Sr hat auch allen Grund, Pirna zu lieben: denn er dar, jedes Jahr einige Wochen dort zu­bringen. bei FZeunden. die ein wirkliche» Lottchen haben, ebenfalls Hunt mit rotem Schopf. Und es ift von grotesker Komik, wenn er verliebt vor ihr auf und abtrippelt und .hibsches Kindl" sagt, während sie, die nicht

sprechen kann und überhaupt ein ganz unver- seinerte» Urwaldlottchen ist, ziemlich geistlos schaut und von feiner lebemännifchen Eourtoifie nicht» begreift

Lottchen ist von beneidenswerter feelischer Hei­terkeit. Rur wenn Äoffer gepackt werden, also ein längere» Alleinsein mit dem alten Johann bevorsteyi, den er al» einzige» erzieherische» Ele­ment Im Hause nicht besonder- liebt, dann wird er melancholisch: sein erstaunlicher Redesluh versiegt, und er äufjert nur noch lakonisch .schciylich!"

Ec pseift auch: meist moderne Schlager und eigentlich immer recht unpassende Sachen, wie: .Denkste denn, ich brächte dich umsonst nach HauS". Dazu legt er den Kops aus die Seite und ist offenfunbig von seinem eigenen Liede gerührt. Aber wenn e» zu essen gibt verfliegt ihm alle Sentimentalität Er ist wirklich ab- fcheillich gierig, und wenn er schon ganz rund ist und wahrhaftig genug hat. schlägt er immer noch mit den Flügeln und schreit .Roch ein )cheeneS Demmchen, noch ein scheene» Bemrnchen! " Aber mit ein» wird er dann doch inne, dah er weih Gott nicht mehr kann, und nachdem er eine Welle ft essinnig geschwiegen hat. ent-emt er sich auf einwärl» gestellten Fühen. unter Hinterlassung eingangs erwähnter Rückstände

Dor wenigen Tagen erreichte mich nun die betrübliche Kunde, dah der Lottchen ganz plötzlich und gant still in den Papaqeienhimmel ent­flogen ift. der meiner Anficht nach wohl auS ctmg heiteren, ewig blühenden Urwäldern besteht. Aber dort wird Lottchen vermutlich viel Be­fremden erregen mit feinem merkwürdigen Idiom, und niemand finden, mit dem er Konversation machen kann. Und fo wäre es schon in jeder Hinsicht besser gewesen, er würde noch ein wenig hier unten geblieben sein, wo er sich so viel Sympathien Tchus, wenn er mit seitlich geneigtem Kopie konstatierte: .Hibsches Dind!"

Schiffbrüchig im Südpolareis.

Sin tragische- Abenteuer haben Marrn schäft und Pastagrere de- französischen DegelschisseS 209ere bestehen müllen, die in bet Räbe der Ketauekn-Infri Schiffbruch erlitten. Die Mairn- fchaft und einige der Passagiere, im ganzen 82

Personen, darunter zwei Frauen unb e n zehn­jährige- Mäbchen, sind jetzt auf dem Dampfer ..Kilbalkey" in der Tasel-Boi gelandet, und 5iap- städter Blätter bringen Berichte über ihre Er­lebnisse. DieLozöre" segelte in 60 Fuh liefern Waller, al- sie plötzlich auf einen Fellen unten Wastet stieh und schwer beschädigt wurde. Der höchste RotrufS. O.S " wurde auSgefondt: Passagiere und Mannschaft landelen mit einigen Borräten auf der Insel, während die 600 000 Mark betragende Petroleumladung verloren tvar. Auf der Insel herrschte eine auherordentliche Kälte, und die Schiftbrüchigen. die sich in einem kleinen Gebäude zusammendränglen, hatten schwer zu leiben. Ihre Hoisnung aus Hilfe wurde auf eine harte Probe gestcLlt, unb al- fein C-riatj- schiff anlangte, fafttc man den verzweifelten Enllchluh, auf einem allen befchädigten Motor- fchvnet nach Australien zu fahren, um boti H Ife zu holen. Drei Perfonen, zwei m-innliche Pc.' a- giere und eine Frau, sollten auf der Insel Zu­rückbleiben. Schon vvrhe: hatte ein Mann nainen- Iaque- Legalloud« mit zwei Gefährten fck) in filtern He mm Fifcherboot auf den We^i g;ma <>t, um nach Rahrung zu suchen. DaS winzige Fahr­zeug zerschellte in einem Schneesturm, aber die Männer krochen an die Küste und ve.suchten in dem Schneesturm ein unerforschtes (fr?b rgc mit Gletschern zu überschreiten, um eine Walfisch- ftation zu finben, die man dort vermutete. Die Männer waten halb erfroren, und Ichliehlich konnte Legalloudec nicht weitet. Seine Ge ährten trugen ihn eine Zeitlang, waren aber selbst out- äuhetste erschöpft. Da sagte Legalloudec plötzlich: ..Ich fühle mich helfet und kann gehen Geht voraus, ich komme nach." Die andern toollten ihn zunächst nicht zurücklaffen, aber er bestand darauf. Solange die andern noch in Sicht waren, schleppte et sich vorwärts, dann aber legte et sich nieder und opferte so sein Leben, damit seine Begleiter sich, durch ihn nicht gehindert, retten könnten. Einige Tage später erreichten sie die Walftschstation. Man rüstete eine Expedition au», die Iacque» Lagalloubec erfroren auf fand und im Meer begrub. Unter den Geretteten, die jetzt mit dem endlich angelangten Ersahschrft nach Kapstadt zurückgekehrt sind, bchnben sich feine Frau und Tochter.