Einzelbild herunterladen

Ur. UZ viertes Matt

Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheflen)

Samstag, 19. Mai (928

Moskau.

rone;'Pro;etz,«irt^chaftö»ot,AönigSbtsuch

Don unserem D. B. Moskauer Mitarbeiter.

Moskau, Mai 1928.

Denn man schon vor Wochen die Stimmung hier al»<Belpenftcriurd)t" kennzeichnen konnte, so muh heute seslgesleUt werden, daß sie sich irywtjdxn b i s jur wahren Hysterie gesteigert hat. Der nun­mehr für den 18.Mai endgültig anberaumte Sen- so t i o n s p r o > e h , der im schonen weihen flo- lonnensaal, der letzigen Zentrale der kommunistischen Gewerkschaften, des früheren Gebäudes der Mos­kauer Adelsgenossenschaft, stattfinden soll, mit seinem keil» sinnlosen, teils maßlos übertriebenen Anklage- material ist nur eine der wenigen, ja vielleicht sogar nicht die krasseste Aeuherung dieser Stimmung. Die anders haben sich die Dinge entwickelt, als es so viel«Kenner" «owjetruhland» vor einem halben Jahre oorousgesagt haben, damals, als Stalin als vollständiger Sieger aus seinem Kampfe mit der Opposition herausging. Dieradikale" Opposition war unterworfen. Also das wäre ja auch die lofiifdx* Folgerung gewesen ist für denge­mäßigten" Stalin die Bahn eiper ruhigeren Ent­wickelung, eines stufenweisen Abbaues des Kommu- ntsmu» frei. 2a man konnte sogar damals in aus- ländischen Kreisen hier in Moskau da» kühne Wort hören, dah in der Person von Stalin der rus­sische Napoleon, der die wahren Errungen- schäften der Revolution konsolidieren und die vom ermüdeten Volke so heih ersehnte Ruhe und Ordnung ; bringen sollte, bereit» aus die historische Szene ge­treten wär,.

Man übersah dabei nur eine Kleinigkeit, nämlich, dah die Dinge in der Sowjetunion ihre u r eigene innere Logik haben, die sich durch keine au» den Schulbüchern entnommene Parallele beseitigen läßt. Was wäre einfacher, als dah die leitenden Kopfe aus nüchternen Erwäounqen der Machlerhalmng dem Lande diejenige Portion von wirtschaftlicher Freiheit verabreichten, di« unbedingt notwendig ist, damit die Bauern ihre Aecker im ausreichenden Mähe bestellen und die staatliche In- dustrie nicht in den Fesseln des Bureaukratisrnus erstickt. Aber wirtschaftliche Freiheit, das bedeutet die Stärkung des reichen Bauern, desNepmans" (bee Privat Händlers) und schließlich desSpezis", des alten Fachmanns In der Staatsindustrie. Das sind aber in Wirklichkeit feineGespenster", sondern lebendige Feind« de» kommunistischen Regimes. Und daher die Folgerung: lieber das größte Risiko wirtschaftlicher Erslbiillerungen, als diesen Feinden wieder auf die Beine Helsen. Wie dem Boxkämpfer, der sich beineun" mit legten Kräften erhebt, um im nächsten Augenblick durch einen vernichtendenknock-out" wieder zu Boden geschlagen au werden, ist'» in den legten zehn Jah­ren den russischen Bauern ergangen. Kaum hatte er angefongen, sich von den Folgen von Krieg, Hun- gersnot und vor allem desKriegvkommunismus" der ersten Jahr« zu erholen, kaum hatte die Ge- tveideoussuhr wenn auch nur die klägliche Zahl von etwa einem Sechstel der Dorkriegsausfuhr er­reicht. als mit einem Schlage durch eine Flut von Beschlagnahmungen, steuerlichen Schikanen und an­dere Erprelsungen die schwachen Ansätze einer Besse­rung zunichte gemacht wurden. Die (Betreibe- bereitftellunaen haben im April einen noch nie ba- gewesenen T i e s st a n d erreicht. Der Eirport von Getreide Hot ausgehört, die Passioitöt de» Außen­handel» nimmt von Monat au Monat zu.

Wichtiger noch sind die Riickwirkunaen auf die Psyche des Sowjet-Durchschnittsmenschen, des Ar­beiters und des kleinen Sowjetbeamtcn. E» ist schwer für einen Außenstehenden, sich in die Stellung eine» Menschen xu versetzen, der seit 1918 jahrein, jahraus alsgeistige" Nahrung nichts, aber über­haupt nichts, als die ofsizielle kommunistische Presse erhalten hat. Dor ollem, welche maßlosen Derwir- rungen haben in den Gemütern die spalten- und seitenlangen Berichte ijber dieVerschwörun­gen" im Kohlenbergbau verursacht: Berichte, an die sich in den letzten lagen ganz nach der glei- chen Schablone ausgezogene Berichte über die -tcrtil induftrie und die Tabakinduftrie gesellten. Bisher wurde ja nur in wahrhaft ermüdender Eintönigkeit über die Errungenschaften der nationalisierten, ftcot- "sichen 2nbuftric berichtet, wobei stets betont wurde, daß diese Erfolge dank der ausopfcrnden Tätigkeit

de» Arbeiter» und des Sowjetbeamten, also auch der Ingenieure, und dank der Srjeitigung des früheren prohtgierigen kapitalistischen Beüncrs erreicht wer­den konnten. Plötzlich, ohne jeden Uedergang. ift über Nacht alles anders geworden: man hon nichts mehr von den Erfolgen, aber um so mehr von Millionen Verlusten, von absichtlich unter Wasser gestellten Gruben, von in den Fabrikhöien oer- rostenden kostbaren auslänbischen Maschinen. ja so- aar, daß deutsche Fabriken mit Absicht schlechte Ma­schinen geliefert hätten, um ... recht bald neue Auf­träge auf neue Maschinen zu erhalten. Ebenso ist es mit deraufopfernden" Tätigkeit der Sowjet- beamten bestellt: statt dessen eine Verschwörung von oben bi» unten, bis zu den Spitzen de»Donugols" und anderer Staatstrusts. Und hier schießen die Leiter der Sowjetregierung in ihrem Anklageeiser ganz bestimmt über da» von ihnen gesetzte Ziel hin­aus. Denn wenn der Leser der billigen Zeitungen, der immer und nicht ganz ohne Grund an die Macht- Vollkommenheit des bolschewistischen Staatsapparates geglaubt hat, nunmehr hört, daß dieser Staat durch die Machenschaften und Verschwörungen seiner Die­ner an den Rand de» Abgrundes gedrängt ist, was soll er bann überhaupt über die nächste Zukunft denken?

Und wenn diese Stimmung durch neue E r- nährungssorgen, durch die sich vor den Läden häufendenSchlangen" (nicht nur für Lebensmittel, auch für Kleiderwarcn, Seife usw.) noch gesteigert wird, so darf cs nicht wundrrnehmen. daß die Lust mit Elektrizität geladen ist von den obersten Kreisen bi» zu den untersten. Mitten herein in diese Zeit der wachsenden Depression siel der Besuch de» afghanischen Königs. Es war das erste Mal, daß eine gekrönte Persönlichkeit, dazu noch ein orientalischer Despot, den Boden derproletarischen Republik" betrat. Keine leichte Aufgabe für die kam-

Soeben veröffentlicht Lord Beaver- b r o o k in einem großen Londoner 'Blatt Erinnerungen an den Beginn de- Welt­krieges. Gr schildert darin u. a., wie sich die Mitglieder deS englischen Kabinetts in der Stunde der Entscheidung zu einer Partie Bridge versammelten.

So oft die kaum noch übersehbare Reihe der Memoiren von Dolitikern und Generälen, die den Ursprung und den Berlauf deS Weltkrieges in gehobenen Stellungen erlebten, um ein neueS Werk vermehrt wird, gedenkt man unwillkürlich des unvergänglichen Wortes des schwedischen StaatSkanz'er» Ofcnftierna, dah die Mensch­heit gar nicht ahne, mit wie geringer W e i S he i t sie regiert werde. Nur sehr wenige dieser Werke, mit denen sich bereits eine recht stattliche Bibliothek füllen ließe, erwecken nicht in dem Leser, der sich von ihrer ersten Seite durchgearbeitet hat bL6 zu ihrer letzten, das Gesühl einer gewissen Enttäuschung Lind da hat nun neu ich ein Engländer, Lord Beaver­brook. der bei Beginn deS Krieges dem Kabi­nett angehörte, zur Feder gegriffen und so leb­haft und ungeniert, wie man sich In England nach einem guten Diner bei altem Portwein unter Mannern zu unterhalten pflegt, die Stun­den geschildert, die i m Ä u g u st 1914 der Entschließung Englands zur Teilnahme am Kriege unmittelbar vorangingen. Und Lord Beaverbrook hat auSgeplaudert, daß die In der Admiralität, bei Winston Churchill. dem Marineminister, In begreiflicher Erregung versammelten Kabi- nett-mitglieder sich schließlich zu einer Par­tie Bridge niedersetzten. Nur ein paar Mi­nuten lang entfernte sich, nach dem Empfang von Depeschen, Winston Churchill von der Partie, bat einen anderen statt seiner die Karten zu hal­ten, und eilte hinaus, um schnell öle Mobil­machung aller englischen Streit- kräste zur Sec anzuordnen. Dann wurde die Partie fortgesetzt, als wäre nichts vor« gesallen. Nur das Schicksal Europas war ja auch in diesen paar Minuten entschieden worden.

munistisch« Regie. diesen Besuch dem eigenen Pudli- kum oerständlich und ..jchmackhaft" zu machen, auch wenn da» Won König" von der offiziellen Sowietpresse sorgfältig gemieden und durch da» an- gedliche annehmbare WortP a d i s ch a h" ersetzt wurde, Hinzu kam. daß her König gleich nach der Maiseier eintraf und noch die wellzertrummernben Aufschriften aus den Plakaten und Fahnen lesen konnte (wenn er e» eben konnte!).

Die dem auch sei. der Königsbesuch ist alles in allem programmäßig verlausen, die Regie hat im ?rofoen und ganzen gekloppt. Dadurch, daß die Mos- auer Würdenträger sich für diesen Fall besondere schwarze Anzüge ansertigen ließen (benbourgeoisen" Frack anzuleaen dazu konnte sich der Präsident der proletarischen Republik. Kalinin, auch bei einem solchen Falle nicht entschbeßen) und baß Aman Ullah aus Rücksicht auf seine Gastgeber bie schlichte Feld- uniform statt ber prunkvollen Galaunisorm trug, wurde jene Mittellinie geschassen, die sich dem herr­schenden Tlifieu anpahte. In einer Hinsicht muß aber die Lowjetregierung den Königsbesuch al» einen außenpolitischen Mißerfolg buchen^ zu irgendwelchen herausfordernden Demonstrationen gegen England ließ sich der kluge Aman Ullah nicht »rovozieren. Die für den vorigen Sonntag ange- agte grandiose Luftparabe, bei der die neuen Luft- ahrieuge ber Roten Armee, bie sämtlich die Auf- (trift tragen ..Unsere Antwort an Chamberlain", Sie erst« Rolle spielen sollten, konnte nicht stattsin- den. ba ber Afghanenkönig sich rociaerte, ihr be-.zu- wohnen. Mehr Glück hatten bie Gastgeber beim Besuch be» Königs in der Kriegsakademie: hier würbe 21 man Ullah gewissermaßen überrumpelt unb gezwungen, einer längeren Vorlesung eines ber Professoren beizuwohnen. Das Thema lautete:Die Kriege Afghanistans mit Englanb".

Obwohl daS Spielen und besonders das Wetten In Englcmd bei hoch und niedrig, bei jung und alt ungemein beliebt ist. würde eS verkehrt sein, den Männern, die sich da im August 1914 in eine Partie Bridge vertieften, während der Telegraph die Mobilmachungs­order rund um die Erde nach allen englischen Besitzungen trug, Frivolität oder ZyniSmuS vor­zuwerfen. Denn Bridge ist kein Hasardspiel sallS man nicht jedes Kartenspiel Im Grund als ein Hasardspiel betrachten will, sondern eS ist ein Spiel, das Ueberlegung, Berech­nung und Kombinationsgabe voraus- setzt, und bei dem man mitBluff allein auf die Dauer nichts erreicht. Winston Churchill und seine Ministerkollegen lenkten ihre Gedanken ossenbar mit Absicht aus die Karten, um die Karten, um sich nicht von der zweifellos wohlerkannten Bedeutung deS Äugenbftcks über­wältigen zu lassen. »ES gibt feinen Zusalll läßt Schiller feinen Wallenstein sprechen, und eS ist nur folgerichtig, wenn Wallenstein mit Hilfe SeniS, feines Qlflrologen, kommende Ge­schehnisse auS den Sternen lesen möchte. DaS ist nichts weiter alS ein blinder Fatalismus, nämlich die fteberzeugung, daß alleS^ was uns hieniedcn auf Erden widerfahren soll, von ge­heimnisvollen Mächten im voraus bestimmt ist und unser vermeintlicher freier Wille auf naiver Selbsttäuschung beruht. Wir glauben, zu schieben, und wir werden geschoben. Romani­schen Völkern liegt der Fatalismus mehr im Blut als nordischen, und es ist beglaubigte Tatsache, daß sich Napoleon I. des öfteren vor einer Schlacht eine Kartenpatience legte, die nach ihm benannt geblieben und ziemlich kompliziert ist. Sein Fatalismus hinderte ihn im übrigen nicht, die Schlacht auf daS sorg­samste vorzuberetten und jede Ehance, die sich ihm bot, jeden Fehler seine- Gegners, so rasch wie energisch au-zunutzen. Zum Kartenspiel als Zeitvertreib mangelte ihm die Geduld. Ihm war nicht, tote Moltke, eine Partie Wh. st al- harmonischer Abschluß de- Tages Bedürfnis und

Staatsmänner am Spieltisch.

Oie Bridgepartie am Beginn des Weltkrieges. - Wie Napoleon die Karten befragte.-Bismarck und das Jeu.-Wenn Eduard VII. beim Spiel gewann.

MMMdriWiSMen.

Vornan von Edgar Wallare.

Copyright by Wilhelm (Bolbmann, Verlag, Leipzig 11. Fortsetzung. Nachdruck verboten.

Ich seh« «» Ihnen an, Sie haben noch etwas auf dem Herzen", sagte er plötzlich und faßte Bertram Eoby scharf ins Auge.

Ich brauche Geld", gestand Eoby verdrießlich.

Staktti sah Cody einen Moment an, dann bückte «r sich wortlos, schloß eine Schublade des Schreib­tisches auf, entnahm Ihr eine zerbeulte Kassette, öffnete fk und legte ein dickes Notenbündel vor Eoby hin.

Da sich setzt unsere Zahl verringert hat, konnte Ihr Anteil erhöbt werben", sagte er.Sollte ich da» Zeitliche segnen, so wirb auch da» Ihr Gewinn sein. Hingegen wenn Sie..."

Eoby schauderte. ,

Darum über so gräßliche Dinge sprechen , flagte er unb strich sich mit zitternder Hand über bk Glatze.Freuen wir uns. dah wir leben und gesund sind. Dir haben uns schon viel zu weit von unseren ursprünglichen Plänen entfernt Denken Sie an ba» Bibelwort: Wer Menfchenblut ver­gießt ..."

J>abe ich Meyschenblut vergossen?"

Das müßen Sie Ihr Gewisien fragen, nicht mich", sagte Eoby.

Stalettis Lippen krausten sich in Hohn.

Es war einmal ein Mann, namens Lew Phee- ney", jagte er, jebes Won obwägend.Er starb allerdings eines gewaltsamen Todes, aber ba man den Mörder nicht gefaßt hat, muß er sich wohl selber umgebracht haben."

Er kicherte.

Ich siebe die Herrschaften nicht, bie ihr Herz der hohen Obrigkeit ausschütten. Das verdirbt das Geschäft: denn die Polizisten sind Leute ohne Phantasie und höhere biologische Bildung. Eie wissen nichts davon, um wi« vieles wertvoller ein Spinngewebe ist als die kleine Fliege, die darin zappelt! Sie wisien nicht ..."

Er hielt plötzlich inne unb legte den Finger war­nend auf den Mund. Eody war das leise Quiet­

schen der Fensterläden entgangen, aber Stalettis überfeines Ohr halte es zweimal vernommen.

Es ist jemand draußen", flüsterte er.

Giaco?" hauchte Cody in banger Frage.

Nein, Giaco ist es nicht. Bleiben Sie hier. Ich werde nochscben!"

Auf Zehenspitzen verließ er bas Zimmer. Cody härte noch das leise Knarren ber aufaeschlosienen Tür. Dann nicht» mehr. Nur ber Dino seufzt« in langen Stößen an ben Ecken de» Hauses.

Dann kehrte Staletti zurück. Er blinzelte, als müsie er feine Augen erst roieber an das helle Licht gewöhnen, aber Cody hatte ihn schon einmal so gesehen und wußte, dag Stalettt in einer unge­wöhnlichen Erregung war.

Er legte einen Gegenstand auf den Tisch, ber wie bie Hörmuschel eines Telephon» aussah. Unten hing eine Gummistrippe herab.

Es hat jemand am Fenster gelauscht, mein Bester, und ich glaube zu ahnen, wer ... Sie sind im Auto aekommen? Denn ja, so wissen Sie, daß es gegen bie Verabredung war."

,Lch kam zu Fuß", log Bertram Eody.

Sic haben einen ausgezeichneten Ehauffeur, aber er ist 3U neugierig."

Ich sagte Ihnen doch, ich tarn zu Fuß und allein I"

Er kann Ihnen heimlich gefolgt fein!"

Er zog eine zerknüllte Mütze aus der Tasche.

.«Haben Sie diese Mütze schon mal gesehen?" Eoby schüttelte den Kopf.

Er bat sie abgenommen, um bie Muschel ans Ohr zu legen. Ich konnte das Mikrophon leider nicht iinben, aber ich glaube bestimmt, daß er alles ge­hört hat. was hier besprochen wurde."

Aber es kann nicht Cawler gewesen sein", be­harrte Eody.Darum sollte er spionieren? Er ist der Reffe meiner Frau!"

Unb siebt sie wie feine leibliche Mutter", höhnte Stalettt

Er zog da» Mützensutter nach außen unb las ben Namen des Fabrikanten ab.

Ein Spion in Ihrem Haus das könnte für uns alle sehr peinlich enden!"

..Ausgeschlossen! Er weiß doch genau, wo sein Borteil liegt!"

Man sollte trotzdem ein wachsames Auge auf ihn haben. Was war er denn früher? Ein Autvdieb,

dessen Bild in jedem Verbrecheralbum prangt. Jeder Kriminalbeamte kennt ihn. Als unser gemeinsamer Freund wie heißt er doch noch gleich Mar­tini nein, Martin als Martin mich bas erste Mal heimjuchtc, erkannte er Cawler gleich roieber, unb ich war sofort durch ihn kompromittiert."

Das mag schon sein," gab Eody zögernd zu, aber er ist selbst viel zu sehr in die Sache ver­wickelt, um den Angeber spielen zu können."

Und er beugte sich über ben Tisch unb flüsterte lange und eingehend. In Stalettis Augen wuchs das Interesie. Mehrmals schlug er, heimlich belustigt, mit ber flachen Hanb auf den Tisch.

Schade", sagte er endlich,daß Giaco vorhin nicht im ©arten war. Dann wären jetzt alle Zweifel behoben!"

Er begleitete Eody zur Tür unb schaut« ihm nach, bis bie Dunkelheit ben kleinen Mann verschluckte.

Cody fand sein Auto auf der gleichen Stelle wie­der. Der Ehauffeur döste auf seinem Sitz. Er rieb sich die Augen, als Cody ihn am Arm rüttelte.

Tommy," fragte Eoby, unb seine Stimme war merkwürdig heiser,du hast doch getan, was ich dir gesagt habe? Du bist mir doch nicht etwa heimlich gefolgt?"

Bei dem Hundewetter? Ich bin doch nicht ganz von allen guten Geistern verlaflen."

Er bückte sich und schaltete die Lampe ein. Der Motor begann zu surren. Der Wagen federte. Eody stand und starrte feinen Chauffeur an.

Er trug feine Kopfbedeckung.

Cody bebte vor Zorn.

Cawler, wo hast du deine Mütze gelosten?"

Der Wind hat sie fortgeweht," erwiderte Tommy gelosten und ohne eine Spur von Verlegenheit.

Das sog ich dir, Tommy, wenn du mich zum Narren Int, sollst du es bitter bereuen!"

Steig ein unb rede kein dummes Zeug", brummte Tom Cawler unhöflich, unb ba er seinen Wagen anfuhr, ohne auf fernen Herrn Rücksicht zu nehmen, blieb Cody nicht, weiter übrig, als seine Wut zu mesttern und auf bas Trittbrett zu springen.

Während ber ganzen Fahrt sah er Tommys kan­tiges Profil vor sich. Er grub sich ins Polster. Pläne des Hostes unb der Abwehr jagten in feinem Ge­hirn, ober er wußte, er konnte keinen ausfübren; denn er hatte sich schon zu sehr in Cawters Hand gegeben.

Gewohnheit. Fatalist biS in bie Fingerspitzen war des kvriifchen ZmperatorS Neffe Napo­leon III. (=c:n 5alaliömui bewirkte, baß er burch keines ber gegen ihn verübten Attentate ouS ber Zastung geriet. Obenbrrin war ihm einst von eintr Zigeunerin prophezeit worben, baß er .unter dem Messer'' ft erben würbe sous le bistouri** so baß feine Kugel, keine Höllenmaschine ibm etwas an hoben konnte, Er ist wirklich .unter dem Messer" gestorben, zwar nicht unter bem Dolche eine- gegen Irin Leden Verschworenen, so doch unter dem Ope­ration- mefser eines Chirurgen

Fatalisten kann naturgemäß Hasardspiel nicht reizen. Der echte Hafardfpieler will stärker sein als da- Schicksal, will c-5 sich unterwerfen und setzt, wenn der Zufall sich gegen chn wendet, sckstießlich fein letztes Hab unb Gut. Hau- unb Hofttuf bie Korte. Die Polittk, die .Kunst des Möglichen", schäftet aus ihrem Kalkül grunb« löhsich den Zufall, den Holarb, auS. verliert jedoch nicht bi« Eventualität aus dein 2uge. daß der dümmste Zufall unter Umständen Die raffiniertesten Kalküle glatt über den Haufen wirst. Sämttiche vorstellbaren Möglichkeiten zu überdenken und sich auf jede von ihnen einxu- stellen, raubte BiSmarck. wie er schreibt, be­vor er ein Vorhaben in Angriff nahm, den Schlaf mancher feiner Vächte. Daft. die meist von Franzosen. den Bänezed und Blanc ge­pachteten Spielbanken in deutschen Kurorten auf­gehoben würden, sobald er die Macht dazu hätte, nahm BiSmarck sich, vor, als er in den Jahren, die er alS preußischer Bundesgesandtee in Frankfurt am Main zubrachte, daS verderb­liche Ginwirken de« öffentlichen Spiels auf blfi Moral beobachtet hatte. Charakteristischerweife gestand BlSmarck aber ein. nachdem er dem Tpiel in Baden-Baden zugeschaut hatte, er habe sich denken können, baß da- Spiel auch auf ihn seine dämonische Anziehungskraft nicht ver­fehlt haben würde, aber dann hätte es nicht ein Spiel um rin paar LvuiS dors oder rin paar hundert Taler e- hätte ein Spiel .um- Danze" fein müssen.

Drollig erscheint e- uns. wenn vormals hohes Spiel allen Ernstes al- eine vortreffliche Schule de- Mute- und der Kühnheit für Offiziere, zumal für Beiterof uiere, geschätzt wurde. Blü­cher, der .Marschall Vorwärts', war noch al- weißhaariger Siebziger eine unverbesserliche 3eu» ratte und warf das Geld mit vollen Händen an den Pharao tischen deS Palai- Voyal während der Okkupation ton Paris 1814 zum Fenster hinaus. Daß König Eduard VII. von Eng­land al- Thronfolger mit Passion .die Karle bog", verstrickte ihn in häßliche Händel und Prozesse. Ein angenehmer Partner beim Spiel war er nicht und trieb u. a. auch von einem deutschen Diplomaten, bem Grasen *K, in Lon­don einen rund 10 030 Pfund Sterling betragen­den unbaren Spielgetoinn rücksicht-lo- drängend ein. Der deutsche Diplomat hatte au seinem Heil in Berlin einen immenS reichen, kinderlosen alten Onkel, der für ihn bezahlte. Äl- später auS dem die europäische Skandalchrvnik ständig mit Stofs versorgenden Prinzen von Wales der überraschend gescheite König Eduard VII. ge­worden war, versuchte man. nicht einmal ganz ohne Berechtigung, seinen Deist, insbesondere seine geschickte Menschenbehandlung, daraus zu- rückuführen. daß er beim Spiel feinen Berftanb geschärft unb bie Menschen gründlich studiert habe.

Heute glaubt man bie .Diplomatie der alten Schule" endgültig überwunden was aber keineswegs der Fall ist. 3m Gegenteil: sie ist immer noch lebendig genug. Zu ben Besonder­heiten dieser Diplomatie der alten Schule ge­hörten Galanterie und Spiel al- unentbehrliche und selbstverständliche .dslassements"Ent­spannungen", und der Schreiber dieser Zellen war selbst Zeuge, wie ber damalige Botschafter deS Zaren mn Berliner Hose, Graf S ch u wa - l o to. auf diesem Gebiet brillierte. Wenn rin Ball in den glänzenden Räumen des Botschafter- palaiS unter den Linden zu Ende war, und die Schar der geladenen Düste nach Hause fuhr, war das Fest für Öen Grafen noch keine-toeg- beendet. Er zog sich mit den Attaches und den jüngsten Leutnants in einen verschwiegenen Salon zurück, wo noch manche Stunde dem Spiel

11.

Mr. Havelock hatte kaum am andern Morgen sein Bureau betreten, als Dick sich melden lieh. Die buschigen Brauen be» Anwalts zogen sich beim An­blick seines Besuchers erstaunt in die Höye.

,Hch komme zu einer Beichte", begann Dick.

Havelock zwinkerte mit den Augen.

,Lst es so schlimm?"

Dick ging auf ben Scherz nicht ein.

Mott) schlimmer vielleicht, als es klingt,Mr. Have- lock. Ich habe Ihnen gestern etwas verheimlicht, bas Sie jetzt unbedingt erfahren muffen."

Er erzählte ihm von bem Auffinden be» Lösch- papiers mit Codys Abresse.

Augenscheinlich steht Lorb Selsorb mit ihm in Derbinbung. Ich hielt es für meine Pflicht, biefer Spur nachzugchen."

Bertram Cody?" fragte Havelock stirnrunzelnd. Der Name kommt mir bekannt vor."

Er war der Käufer ber Selforbschen Besitzungen in Australien", half Dick ein.

Havelocks Gesicht klärte sich auf.

..Ah, jetzt erinnere ich mich. Der Fall war sogar nicht ohne Komplikation. Es würbe nach bem Sauf- abschluß auf bem Gelände eine Goldader entdeckt. Sogar die .Times' brachte darüber einen Artikel. Cody, natürlich! Wie konnte ich chn oergeffen! Aber eine persönliche Bekanntschaft mit Lord Selford halte ich für ausgeschlossen!"

Dorum bann ber Brief?"

Bielleicht eine Antwort auf eine Anfrage, die Cody an ihn gerichtet hat", mutmaßt« der Anwalt, sichtlich beunruhigt .Haden Sie Ihn denn nicht ge­fragt, ob er Lord Selford kennt?"

Er streitet jede Bekanntschaft und jeden Brief« wechsel mit Entschiedenheit ab, und eben bas scheint mir auffällig. Um so mehr, als ich kurz barauf eine Entdeckung machte, bie ihn unbedingt Lügen straft."

Er legte Codys Notizbuch auf ben Tisch unb ent­faltete es so, daß ber Schlüssel au» ber Seiterttasche herausfieL Mr. Havelock ncchm ihn und betrachtete ihn mit neugierigem Interesie.

Das ist ja ein merkwürdiges Dina ein Schlüsiel. nicht wahr? Und den hat 3gmn Cody gegeben?"

(Fortsetzung folgt)