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Friede. Achenbach Bethals BW_

Ne. UZ Zweiter Blatt Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesten)Samstag, 19. Mai (928

Müdes Land.

Fahrt durchs Elsa«.

Don unterem R. ^.-Sonderberichterstatter. Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!

Straßburg, Mai. 1923.

'IRbcA Land ein Iahrtausend umkämpst und umworben in ewigem Widerstreit, der ®e- sinnungen abschleist, nicht steigen, und Nationen skeptisch macht, nicht zukunftsgläubig. Willen, jtiorpeit, Ziekbewußtsein, o ja, gibt es auch. Nur der Gegenstand wechselt, dem das alles gilt. Wechselt so rasch, dah, von duften betrachtet. Vie Gesinnungslosigkeit wirkt, was im Innern immer neues Sntslammtsein und immer neue Enttäuschung ist. Hier ist der Wunsch stärker als die Kraft und daS Wort tiefer als die Leidenschaft. Gin Hauch vom alten Oesterreich umgebt den Besucher In den Strasten der alten deutschen Grenzstadt Strahburg.

Sehr leben-sprühend ist Strahburg gerade nicht. Die starke Vitalität seiner Bürger spielt sich in engen Kreisen ab. 3n den beiden Kaffee­häusern am Kleberplah verkehrt die Geschäfts­welt. Hier wird gehandelt und getätigt, wie In Wien am Franz-IoscsS-Kai. Oder in östlicheren Bezirken Aber man legt Wert darauf, unter sich zu bleiben. WaS eben noch ein Warenmuster war. wird, tritt ein Fremder hinzu, plötzlich ein kleiner Grinnerungsgegenstand. den man einem Freund gerade einmal zeigen wollte. Wan ist sehr vorsichtig geworden das ist vielleicht der Grundzug dieser Stadt. Häufig kommt e» vor. dah ein junger Krieger In französischer Uniform solche SrinnerungSgegen- stände in der Hand hält, die er mit sorgfältiger Kennermiene prüft. Denn die Söhne der Ge- fchästSwelt haben auch im bunten Rock, den sie mit ihrem ewigen unergründlichen Lächeln tra­gen. mehr Interesse an preiswerten Offerten,

Trutzig nein truhig ist diese Grenzstadt wirklich nicht. Hier gibt es keine Symbole, wie die Marienburg im Westen und Schloh Tirol im Süden. Keine geballten Fäuste. Nur Hände, die sich dem freundlich entgegen ft reden. den fte nicht abschütteln können. Schmale weihe Hände, die sehr viel gepflegter find als anderSwo. Hoch­gezüchtet ist dieses Volk. Die einfachsten Leute haben Bildung und Schliff. Und Kritik. Nirgends sieht man so viel Lächeln wie in den Strahen von Strahburg Und so wenig lachen. DaS Lächeln, das das Antlitz dieser Stadt trägt, ist nicht MaSke. Aber immerhin Abwehr. Befreiend ist es nicht oder gar herzhaft. Nicht einmal die Strahenarbeiter in der Kneipe, nach Arbeitsfchluh. wissen. WaS daS heistt Gröh- len. Und im Bierlokal des Bürgers, zur Skat­stunde. hört man in einem Saal voller Karten- portien nicht ein lautes Wort. Man erregt sich über gar nichts mehr. Am allerwenigsten über Politik. Immerhin! man spielt Skat und nicht Piquet Auch darin liegt ein Bekenntnis frei­lich ein sehr disserenzierteS und hauchzartes.

Das Lächeln von Strahburg macht nicht warm. SS nidt Gewährung, fragt man am KafleehauS- tifch, ob es erlaubt sei. Dlatz zu nehmen. Aber dann rüdt man nicht zusammen. Unergründlich wie die selige Mona Lisa lächelt ein bärtiger alter Hopsenhändler er kann übrigen» auch Teiitilkausinann gewesen fein oder Melasscagent. aber die Hopfenhändler find hier in der Mehr­zahl als ich mich im Vorgarten deS .Rspu- blique" neben ihm niederlieh. Dann sprachen wir teils über da- Frühlinqswetter und teils über die Renovierung-arbeiten am Münster. Zu weiteren Geständnissen war er nicht zu haben. Gin harmloser Witz schnitt jeden Versuch ab, von etwa» anderem zu reden. Oefterreichisch? Nein japanisch Die Japaner allein meistern die Abwehrwaffe ähnlich virtuos, die Lächeln heiht.

Das Gießener Gtadttheaier in der Spielzeit 1927/28.

Bei einem zusammcnfassenden Rückblick auf die nunmehr abgelaufene Winterfpielzeit un­seres Stadttheaters ist vor allem eine» Sreig- nisse» zu gidenken. daS den vergangenen Theater- Winter in der Shronik der städtischen Bühne al» besonders bedeutsam erscheinen läht: in den ersten Februartagen diese» IafrreS konnte Inten­dant Ho rat Stelngoettcr fein 25jährige» Direktion», ubiläum begehen; er verabschiedete sich mit einer festlichen Aufrührung de» S h a k e a r c- schen .Sommer racht»traumes" vom Gießener Publikum und feinen künstlerischen und technischen Mitarbeitern am Theater Was Hofrat Dtein- Qoettcr In dem Dierteljahrhundert seine» Wirken» al» Theatcrdirektor für den Ausbau der städti­schen Bühne und den Ruf Diehen» al» einer Pslegestätte schön r Künste geleistet hat, ist bei dieser Delegenpeit allenthalben anerkannt worden.

Bald daraus übernahm bann der neugewählte Intendant. Dr. Roll P rasch, von Stuttgart kommend, die künstlerische und geschäftliche Gel­tung bei Theater». Der Intendanten­wechsel war in unserem Falle von besonderer, weittragender Bedeutung insofern, als c# sich ha­bet nicht allein um die Reubesetzung de» leitenden Postens, sondern um eine Gesamtpersonalfrage handelte, um eine grundlegende Reorganisation de» Mitglieder stände», die inzwischen eingeleitet ist und den Ausführungen in der kommenden Winterfpielzeit. teilweise auch schon in der sommer­lichen Saison ein neue» Gesicht geben wird. Im Zusammenhang mit den bereit» abgeschlossenen oder zum Teil noch in der Schwebe befindlichen Gngagement» fei auch an dieser Stelle einer an­erkennenswerten Neuerung gedacht, die in der Einführung von saft überall üblichen Gastspielen auf Engagement besucht, und womit sowohl dem Publikum wie der Presse Gelegenheit gegeben wird, die bevorstehende Umgestaltung de» En­semble» zu versolgrn und zu beurteilen.

Bei einem Ucb.rölick über die in der Winter­fpielzeit (Oktober 192Z bi» April 1923) ins- gesamt aufgeführten Werke Schauspiel. Oper. Operette ist zunächst der Klassiker zu ge- benfen. di«, wie wir früher schon mehrfach be­tont haben und wie wir nachdrüdlich wiederholen möchten, unseres Erachtens durchaus den Grund­stod. da» innere Fundament jedes guten Spiel- planes. insbesondere aber an einer mittleren Prvvinzbichne i Gießen!) bilden müffen. Auch die Gründe für diese Auffassung sind bei früheren Anlässen mehrfach bar gelegt worden; e» fei frier -

als an der ganzen Glorie nebst Weltgeschichte. Auf die sie überhaupt freudig »u verzichten be­reit wären. Man Hot ja in taufend Iahren ge­lernt, Opfer zu bringen.

Nachtbetrieb ift unbekannt. Brausendes Leben in den Hauptverkehrsstraßen ebenso. Straß- bürg wird immer stiller. Die Leute leben zurückgezogen und bann sterben sie schön langsam aus. Da» Wort vom letzten Elsässer flattert immer häufiger auf. Wird übrigen» ohne allen Groll ausgesprochen. Nur mit dem ewigen Lächeln um die Lippen, da» schon im Mai an den Oktober mahnt.

Elsässische Kleinstadt. Solmar. Mühl- Hausen... es ist ziemlich dasselbe. Blitzblank vor Sauberkeit. Uralte, spitzgibelige Häuschen im Zentrum, schnurgerade Straften, die hinführen. Gepflegte Parkanlagen und funkelnagelneue Villenviertel rundum. Erinnerungen an die deutsche ..Tyrannei": die ButzenscheibenhäuSchen auS dem Mittelalter und die Lottages, die un­mittelbar vor dem Krieae entstanden. Ieyt frei­lich von neuem Dreifaro übertüncht. Die Haupt- strafte heiht Rue de la R^publique, die Boule­vards werden nach den Marschällen Foch, Iosfrs und Pstain benannt Well der deutsche Will- taritmu» glüdlich a Sg:trieben ist.

Sanfte», gemächliche» Leben. Schwabenland. Gin Nein bißchen pariserisch ist man geworden. Man lauft wehe Dlousen und bunte Bänder im Grand Magasin de» Mode» und besucht am Abend die Eornädie. Oder man besucht sie auch

nicht Im Stadtpark ifts genau so schön. Wenn Frühling ift. Und billiger. Die De'chäste lassen zu wünschen übrig. Irgendwie hängt das mit verlorenem Hinterland zusammen. Mit Zoll­schranken. Tarifpositionen und ähnlichen Dingen, von denen man lieber nicht spricht Außerdem kann man sich im Stadtpark genau so gut lehr schwäbische Dinge fegen. Wiederum: wenn Früh­ling ist. Die jungen Leute bie frier, altmodisch, wie vor hundert Iahren. auf- und abspazieren, beiden nicht daran, das Wort vom letzten Msässer wahr zu machen. Im Gegenteil! ... Aber auch die jungen Leut« hier sind still und ruhig und beinahe g:brüdt Mit revolutionärer Gesinnung hat das nicht» zu tun. Rur mit der Stille, die über einem ganzen Land liegt

Die Landschaft ift tx&er Farben. Kirsch- blütenbäume tm sanften Grün, wo immer ein Häuschen steht. Heber Felder und Diesen Hegt Freden. Aus den idyllischen HäuSchen frellich liegen Hypotheken. Trotzdem hört man sehr we­nig von Notlage der Landwirtschaft und ähn­lichen Problemen. Rur ein paar unverbesserliche Statistiker rechnen nach, daß der Viehstand dau­ernd fturüdgefrt und die Verschuldung steigt Die Bauern bn Gllah aber sind tnel weltweisere Leute als diese Statistiker. Sie rechnen gar nicht nach. Sie schweigen. Weil sie die allertieffte Philosophie nicht wiflen, aber wit­tern. Die Philosophie, die in der Frage liegt: Wozu auch? ...

Don Colin Roß.

Der bekannte Weltreisende ist kürzlich von einer Fahrt quer durch Afrika zurüd- gekehrt und fchlldert nachstehend seine Eindrücke.

Kein anderer Kontinent scheint mir in seiner önttoidlungeiinic so schwierig zu beurteilen. All da» Chaos der chinesischen Revolution läht doch ziemlich flar die zukünftige Neubildung eine« starken chinesischen Reiches erkennen. Aehnlich verhalt c» sich mit den Entwicklungstendenzen Indiens und der islamischen Länder, von Ame­rika und unserem eigenen Grdteil nicht zu reden. Aber bei Afrika zerfließen einem die Ele­mente. au» denen sich eine Morphologie diese» Kontinent» aufbauen liehe.

2ll» erstes fehlt zunächst einmal ein sicheres Urteil über die Kulturfähigkeit der ver­schiedenen Negervölker und ihre Eignung zur Bildung 'moderner Staaten. Wir wissen aus der innerafrikanischen Geschichte zu wenig, um darauf Rückschlüsse für die Zukunft ziehen zu können. Wir stehen auch zu sehr unter dem all­gemeinen Urteil oder Vorurteil über bfe geringe Intelligenz de» Regers, seiner Faulheit und seiner Unfähigkeit zu kultureller und zivlli- satorischer Entwicklung, alS dah man nicht In feinem klaren Dlick getrübt würde, indem man entweder diese» allgemeine Urteil akzep­tiert oder in Auflehnung dagegen den Neger überschätzt. Gin weitere» Moment der Unsicher- beit bedeutet die Wandlung der Leben S- bedingungen der Eingeborenen sowie der hygienischen Verhältnisse durch die europäische koloniale Herrschaft und die Fortschritte der Tropenmedizin. Kein anderer Kontinent litt je in gleichem Maße die Iahrtausende hindurch unter Krankheiten, welche die Energie und gei­stige Spannkraft der von ihnen "Betroffenen auf Lebenszeit lähmen, wie Afrika. Nachdem e» je­doch nunmehr den Anschein hat, al» ob die Tropenmedizin mit Schlafkrakheil wie mit Ma­laria fertig wird, um nur die wichtigsten afri­kanischen Plagen zu nennen, muß man erst ein­

mal abwarten, welche Eigenschaften ein Schwager entwickelt, der nicht von Kindheit an mit Ma­laria infiziert ist. Die Entwicklung der In gün­stigere hygienische Verhältnisse versetzten ameri­kanischen Reger legt die Vermutung nahe, daß die von der Malaria erlösten afrikanischen Schwarzen gröbere Energie und Aktivität ent­falten werden.

Don dieser Zukunftsmöglichkeit abgesehen, habe ich auf meiner letzten Reise ganz generell eine recht hohe Meinung von der Intelligenz der Eingeborenen erhalten, so daß ich die viel­fach vertretene Ansicht von ihrer 3nfcriorität und Unfähigkeit zu eigener Kultur und Selbstver­waltung nicht au teilen vermag. WaS die Neger an der Westküste und in Uganda leisten, spricht ja auch dagegen. Und ich glaubt, sie würden in Südafrika das gleiche leisten, wenn nur das Ioch, unter dem die .Farbenschranle' sie halt, gelost würde.

Eine ganz andere Frage ist, wie weit eine solche Entwicklung der schwarzen Afrikaner im euro­päischen Interesse liegt. ES ift ja seltsam, wie die Weißen im allgemeinen der Diskussion dieser Frage auSweichen, ja, wie man über­haupt vermeidet, sie konsequent zu Ende zu denken. Schon wenn man mit einem Ameri­kaner übet die Negerfrage spricht, weicht er einer ernsthaften Behandlung mit ein paar Phrasen au», daß der schwarze Mitbürger eben .erzogen" und auf die kulturelle Höhe der Weißen gebracht werden müßte und dergleichen mehr. Daß aber die große Schwierigkeit erst beginnt, wenn diese» restlo» durchgeführt, daran will er nicht denken. ES ift die reine Vogel-Strauß-Politik.

Und ganz ebenfo verhält es sich mit der Gin- geborenenfrage Afrika». Da redct man von der Vormundschaft der weißen Völker und der Pflicht de» weißen Mannes, sie zur Selbstverwaltung au erziehen. Aber wa» werden soll, wenn die» ourchgeführt, davon redet man nicht. Und die I wenigsten wollen sich die peinliche Tatsache flat-

machen. daß die restlose Erziehung und intellek­tuelle Erlüchtgung der Schwar»en das Ende der Weißen in Afrika bedeuten würde.

Gin solche» Ende der weißen Herrschaft wäre aber keineswegs eine so einfache Lach? wie es sich manche Europäer vorzustellen scheinen. In Südafrika leben anderthalb Millionen Weiße, die feit Iahrhundrrten mit der afrika­nischen Erde verwurzelt sind, und die sich nur nach einem äußersten, verzweifelten D brrstand von den Schwarzen majori fieren ließen. Aehnliche Derchältnifle cnnoldtln sich auf den oftafrika- nlfchen Hochländern, und darüber hinaus ist es noch lehr die Frage, wie Europa» Wirt­schaft aut solche Umwälzungen in Afrika rea­gieren würde.

Das afrikanische Prvblein ift ia aus dem Grunde so schwierig, weil c» nicht einmal in einem und demselben Lande in einheitlichem Sinne angepadt werden kann. Siedlung»- und Erportlnteressen stehen einander diame­tral gegenüber. Die Siedler sind daran inter­essiert, Die Schwarzen auf einem möglichst tiefen Niveau zu ba ten. um möglichst billige heute kann man schon sagen, um überhaupt Arbeits- fräfte zu bekommen. Die G'Portindustrie ober braucht wohlhabende kaufkräftige Eingeborene. Wohlhabei d aber wird der Schwarze nie durch Arbeit auf d:r Farm, sondern nur durch eigene Kulturen. Uganda wäre nie der beste Abnehmer der englische i Fahrradindustrie Sworden, wenn nicht Die Engländer frier die aumwollkultur ein geführt und damit Die Ein­geborenen zu Geld gebracht hätten. Dadurch ging aber Uganda für die weiße Besiedlung ver­loren. und gleichzeitig stellte e» mit wachsen­dem Wohlstand und wachsender Zivilisierung auch immer größere Ansprüche an Selbstverwaltung und Unabftängig'eit,

Da» in Afrika arbeitende Kapital aber das ist in der Hauptsache das Minenkapital nimmt eine zwiespältige Stellung ein. Freilich spielt die Arbeiterfrage für dir Minen eine auS- schlaagebende Rolle, allein diese können wesent­lich pöfrerc Löhne zahlen al» die Farmer. Und bei Dem ungeheuren Unterschiede in der Ent­lohnung schwarzer und weißer Arbeit haben die Minengesellscha^ten da» größte Int-resse an der Schulung und intellektuellen Hebung dr Qin» geborenen. Sin schwarzer Maschinist oder Heizer leistet da-selbe wie ein weißer und kostet noch nicht den fünften Teil. Au» diesem Grunde bilden die Äatanaa ninen in eigenen Schulen schwarze Techniker heran, und au» den gleichen Grün e suchen die südafrikanischen Minen die Farben­schranke zugunsten der Reger immer weiter nach oben zu rüden.

Die Schwierigkeiten vermehren sich noch da­durch, daß jede europäische Nation, ja beinahe jedrr Gouverneur in feiner Kolonie bie Schwar­zen wieder ander» bcchandelt. während durch Die Zunahme der Verkehrsmittel und durch die Sachsengängerei der Minenarbeiter die Kenntnis von dieser Verschiedenartigkeit der Ansprüche und der Möglichkeiten, gegenüber dem weißen Manne auf au trumpfen. In Afrika immer weiter verbreitet wird.

Ich glaube nicht, daß sich In unserer Zeit ein zu nationalem Selbstbewuhtsein erwacht S Volk m seinem Freiheitsdrang auf die Dauer Nieder­halten läßt. Das Brispiel Irland», ba» durch all die Uebermacht Englands nicht völlig vergewal­tigt werden konnte, spricht da eine bereite Sprache. Ia, man farm ein Volk auch nicht mehr einfach au«rotten. wie da» Beispiel b.-r Armenier und Türken lehrt. Ich habe gar keinen Zweifel daran, daß der Freiheitsfamps von Ost- wie von Güdostasien unb Indien einen siegreichen Aus- gang nehmen wirb Aber in A \ r i t a liegen die Dinge doch ander». Hier ist In der Hauptsache von einem Freiheitskampf, ja nur von einem Freiheitsbewußtsein der Sing-borenen noch keine Rede. DaS Gelbstbestimmungsrecht und die Pa-

bei nur kurz an zweierlei erinnert, einmal an I die für die Darsteller unbedingt erzieherische | Wirkung jeder klassischen Ausführung. Dann auch an die geschäftliche Seit? de» Unterfangen»: eine gute, durchgearbeitete Klassikervorstellung hat mindestens bei un» in Dießen noch nie einen ungünstigen Kassenrapport gezeitigt und wird immer ihre Anzirhungskraft ausüben. Die Auf­führungen d S .vginonf. d s.Eingebildeten Kran­ken", de» .SominernachtStraumes" tu der ver­gangenen Spielzeit Dürften die» bestätigt haben. Außer den genannten Werken hatten wir noch .Maria Stuart" und zum Äleiftiubiläunr .Da» Käthchen von Heilbronn", da» allerdings infolge unzureichender Vorbereitung in wenig vorteil­hafter Form bargeboten wurde. Im ganzen er­scheint uns die Zahl der Klassiker tm letzten Winter im Verhältnis zu den übrigen, im Schau- spielrcpertoire erschienenen Stüden. und auch absolut, zu gering. Wir möchten wünschen, dah man gerade diesem Teil des ProarammS für den kommende i Winter besondere Aufmerksamkeit unb Pflege widmen werde.

Was da» moderne deutsche Schau­spiel angeht, so hatten wir neben Haupt­mann (, College Crampton") und Suder­mann (.Die Ehre") Bruno Franks geschickt gemachtes Kaflenstüd .Zwölstausend"; wertvoller sind zwei Werke aus dem letzten Teil des ab- aelau'enen Spielplane-: Kaisers .Brand im Opernhaus". in einer guten und sehr inter­essanten Inszenierung von Tannert. sowie Hasenelever» .Besserer Herr", mit dem der neue Intendant. Dr. Pral ch. sich al» Regisseur vorstellte unb einen wohlverdienten Srlolg herausspielte. Mit dem .Besseren Herrn" sind wir beim Lustspiel angelangt, richtiger getagt: bei der umfänglichen Kategorie der un- trag.fchen Schauspiele in allen Schattierungen zwischen Komödie unb Schwank.

Von klassischen Werken wurden derSommer- nachtstraum" unb Moli» res .Singcf i'bcter Kranker" bereits mit Anerkennung erwähnt. Bei wechselndem Erfolge wurde ferner eine Anzahl moderner Lustspiele einheimischer und ausländi­scher Autoren gegeben. Zu loben waren als eine wohlgelungene Bereicherung de» Spielplanes die Aufführungen von Shaw» heiterem .Kapitän Draßbound" und von Gogols nachdenllichem und immer wied^. auch heute noch, gern gegebenen .Revisor". Als zugkräftige PublikumSstüde er­wiesen sich Molnar» .Spiel im Schloß" unb WallaceS raffiniert eingefadelte Kriminal- komödie vom .Hexer". Einen höchst überflüpigen Thcaterfkandal. der ba» Renommee (Sieben» nicht gerade zu heben geeignet war. entfesselte 3oa-

chimsonS harmloses Lustspielchen .Fünf von der Jazzband". Als glatte Fehlschläge erwiesen sich Salten» .Stärkeres Band", LonSdale» .Mr». Eheney» Ende" unb .Da» Kamel geht durch da» Nadelöhr" von Franttsek Langer.

Wenn man von den eben genannten beiden Ausländern absehen will, Haven wir in der letzten Spielzeit mit fremden Stücken im all­gemeinen nicht übel abgeschnitten. Woliöre. Shakespeare, Shaw und Gogol wurden bereit» erwähnt; ebenso Edgar Wallace. Da» Ibsen jubiläumsjahr bescherte unS eine über­raschend gute Aufführung des lange versproche­nen. szenisch schwierigen .Peer Gynt" mit der Gmegschen Musik; auch die .Nora" wurde in befriedigender Form neu einftublert.

D» dürfen hier vielleicht, wir früher bei der gleichen Gelegenheit, einige Anregungen für die kommende Spielzcn eingeschaltet werden. Was die ausländische Bühnenliteratur betrifft, so würde e» zu begrüßen sein, wenn man ©trlnbberg und Oscar Wilde wieder einmal bei uns zu Worte kommen liehe, die beide hier seit längerer Zeit nicht auf dem Spielplan gestanden haben; Shaw wurde bisher gebührend berüdsichttgt; er ift so vielseitig unb stets interessant, daß man auch tm nächsten Winter nicht an ihm vor­übergehen sollte. Don den alten Autoren sei Shakespeare erneut wärmstens empfohlen, auch mit den Lustspielen. Wir erinnern ferner an Ealderon, Moreto unb Goldoni. Für die deutfchen Klassiker haben wir schon gesprochen; im besonderen sei darauf hingewiesen, dah e» von Goethe, abgesehen vom .Faust", lange Zeit nicht» zu frören gab, unb wie dankbar e» ist, nicht nur de» klastischen, sondern auch des jungen Schiller sich anzuncchmen (. FieSco", .Kabale unb Liebe". .EarloS"). Kleist. Grillparzer, Hebbel bieten verlockende Aufaaben. Und wir werden nicht müde werden, un» für den engeren Landsmann, den hessischen Büchner nachdrück­lich eimufeben. der zwar kein Klassiker ist. der aber schon längst einmal in einer guten Auf­führung gerade in Gießen hätte gebracht werden müsten. Von den zahlreichen jungen deutschen Autoren möchten totr Unruh (.LouiS Ferdi­nand". .Bonaparte"), Zuckm aher (.Schindrr- hannes") und Götz (.Gneisenau") vor allem empfehlen; auch Ma? Mohr, Han» I o h st. Mar Mell unb der KleiftpreiSttäger Gerhard Menzel dürften für uns in Frage kommen.

Der Pflege von Oper und Opere tte am Gießener ctabttfreater wurde auch tm letzten Winter gebührende Ausmerflamkett gewidmet. Die Aufführung de» schwierigen unb kostspieligen Wagnerfchen Ringes mit .Rheingold", .Wal­

küre" und .Siegfried" wurde von den zahl­reichen Musikfreunden unb Waanerianern in unserer Stadt lebhaft begrüßt. Die Abrundung de» Ringes mit brr .Götterdämmerung" sollte sich die Zfreaterlettung in der kommenden Spiel­zeit ebenso angelegen sein lassen, wie, wenn es fein kann, die Aufführung einer Mozartvper; wir haben lanae keine hier gehabt unb glauben mit dieser Anregung im Namen zaAreicher Opernintereslenten zu sprechen. Von Operetten, bie nunmehr, wie wir hören, auch tn den Sommer* spielplan übergehen sollen, hatten wir eine Wufterkarte von klassischen (.Zigeunerbaron". .Bettelstudent"), neueren (.EsardaSsürstin", .Der Soldat der Marie", .Dreimäberlfrau»/ und neuen Etüden (.Zarewitsch'. .Madame Pompa- padour"); es wäre sehr erfreulich, wenn m der kommenden Spielzeit eine künstlerisch und aeschästlich gleichermaßen befriedigende Lösung des Gießener Operettenproblem» wenigstens an» zu bahnen wäre, welche in ihrer bisherigen Form ja immerhin noch einige# zu wünschen übrig ließ.

G» ist zum Schluß einiger Gastspiele zu gedenken, die man der Inittative des neuen Intendanten zu verdanken hat, und welche allen Besuchern noch in bester Erinnerung sein dürften; G ö tz e n S herrlicher .HokuSpokus" und die große, immer noch bewundernswerte Schauspielkunst der Asta Nielsen (.Kameliendame") wird man lange nicht vergessen. Auch der ausgezeichneten Münchener Mario netrenspiele (die zur Zeit auf der .Pressa" gastieren) sei dankbar gedacht; sollte sich eine Wiederholung der Spiele m Gießen bewirken lassen, so wäre der Ver­anstaltung ein bedeutend besserer Besuch zu wün­schen, alS er, widriger Umstände wegen, da» letzte Mal leibet zu verzeichnen war. lleber- haupt sollte es freudig anerkannt unb mit einem auSverkauften Hause gelohnt werden, wenn es der Theaterleitung (oft unter erheblichen Schwie­rigkeiten) gelingt, künstlerisch wertvolle Gastspiele an unserer Bühne zu ermöglichen.

Don besonderen Veranstaltungen der letzten Spielzeit wären außer dem bereits erwähnten Sfrrenabenb für Hofrat Steingoetter noch das reizende unb außerordentlich erfolgreiche Weihnachtsmärchen .Peterchen» Monb- fahrt", da» eine bemerkenswerte Au'sührungS- ferie erzielte, unb eine Wohltättgkeitsvorstellung (.Der fröhliche Weinberg", zum Besten de» Per­sonals namhaft zu machen.

Heber die Zusammenstellung des SpielplcnrS für den Theaterwinter 1928/29, sowie über die umfangreichen Veränderungen im Ensemble un­serer Bühne wird später, zu gegebener Zeit,

I etliches zu sagen fein. Dr. Tb»