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Nr 194 Drittes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesseist Samstag, 18. August 1928

Wandern und Reisen Bäder und Sommerfrischen.

Passau, um fünf Uhr früh.

Sin Reise-LniermeUo.

Bon TR. Büttner

vUn laum'dxr Fa-rpUmzufatt wckl ei. bah man auf bem CEoge zw.^chen gnxt Hauptstädten aus btm nächtlichen Schnellzug ou*flcte4>nct m brr fünften Morgenstunde rgendwo an ben Donau» ftranb ge'pült fcxcb Unausgeschlafen unb mth- mutig bet man sich unter und aus bem ®cpäd» netz )u'amm en gerafft unb gleich Darauf in einem mkf)*emen TPartdaal wiebergefunden. atne Xaffe Äaffee von echt hajuvat-.lcher Gröhe unb Kraft ft mmerh m geeignet. bit Lebe.»geister trieber zu wecke-. Man rr *1 aus bem Bahnhof unb er­lebt bas unwahr!chemluhe Schauspiel einer Stadt tn leuchten bem Sonnenglanz ohne menschliche Leöewe^c Man schleicht fast auf Zehenspitzen um ja cht zu ft Ören, burch winklige Dassen unb erlebt e n neues TDunber: italrenischc Architektur überall, an ben Stnftem der meinen allen Häuschen die charakteristischen Hel­len Umrahmungen. Schnell wirb man ganz munter vor llei^crra'chuna unb ^rcubv über maler.^che Durchblicke, prächtige Fassaden. wahre abelftr.ne alter Baukunst. Unb über allem liegen 2te j| unb Stimmung des Südens

Man kommt burch duftende Anlagen, auf deren Blumenbeete der Tau der Rächt schimmert, und S erstaunt am Ufer eines breiten Stroms: un- rbtg br-ingen sich förmlich die grünlichen en bei Inn. Sine starke Brücke trägt uns b nüber. Auf ihr begegnen uns die ersten Ar­beiter unb Bubiköpfe. Drüben in der Dorstadt steigt man langsam unb genieherisch unter blü- benben L'.nden unb zwischen würdigen Kleefeldern aufwärts Her oben auf der Höhe steht ein we schimmernder Klosterbau. der den frommen

i Marians trägt. Don ben zierlichen lürmvn des WallsahrlSlirchleinS schwebt Morgen- glvckenklang ins Tal hinab, unb die Besucher der Frühmesse treten schon ben Heimweg an. Hann man sich trennen von diesem gesegneten Berges­bang? Da unten liegt herrlich gebreitet an sechs Ufern bit ehrwürdige R-delungenstadt an der Dren*' zwischen zwei deutschen Ländern, von drei Strömen umflossen, von grünen Hügeln ein- gerahmt Man sollte Schnellzüge nur noch um 4 Uhr früh verlassen unb fremde Städte nur in bet fünften Morgenstunde entdecken!

Dun ,e <]i-n hier und da die ersten blauen Rauchfähnchen. bah bie Stadt da unten zu er­wachen beginnt, bah der Morgenkaffee 'chon kocht. Da kommen aus den nahen Dörfern auch bie Milchwägtlchen gerollt unb streben stadteinwärts ben Bcrgweg hinunter Dur schwer entschlieht man sich ihnen zu folgen. Unten spenden dann die kunstvollen altertümlichen Bauwerke, der selt­sam italienische Sharakter dieser Stadt, immer neue Augenweide. Da ist ein altersgrauer Dom, der sich stolz rühmen fann, die größte Orgel der Welt 206 Register. 17 000 Pfeifen! zu besitzen: In ihm erlebt man später, wie ein De- Witter aufwühlend, ein machtvolles Orgelkonzert, gleich Posaunenklängen des Jüngsten Gericht»

Da schreitet man hx stiller Freude über einen der schönsten deutschen Städtewinkel, den Resl- denzplatz mit dem breiten Barock eines fürstlichen Bischvfs'ineS. der aufstrebenden Dotik des Doms und dem schönen Antlitz alter Patrizierhäuser. Weiter führt der Weg diirch diese» Stadtjuwel an einer alten Kirche vorüber, die drastisch zeigt, wie .Frömmigkeit sich tolerant mit Weltlichkeit zu paaren weih: Unter dem hohen Kirchenportal, zu bem eine Treppe hinaufführt, wohnt still­vergnügt als geistlicher Untermieter ein ..Bett- fedcrn^Soezialgefchäsr'.

Run ist » nicht mehr weit zur köstlichen ..Orts» spitze", wie man hier eine fchmale. baumbestandene Landzunge nennt, die sich kühn in schimmenche Gewässer hinein reckt. Don links kommt ruhig unb dunkelgetönt die ehrsame Donau gezogen, von rechts hellgrün, jung und schäumend der schnelle Inn. der sich hier stürmisch der Donau vermähl! und jenseits aus dem Tal heraus kommt als Dritte im Bunde die stille Ilz. Wo drei Flüsse sich zugleich finden das gibt » nut einmal, das kann nur in Passau sein? Run noch schnell über die Donaubrücke, durch ein Felsentor. das xn waghalsiger Kurve die AutoS durchlärmen, abermals über eine Brücke, dann

gemächl-ch bie buntblühenben Hänge bet n.ed- l-.chen Ilzstadt hinaus unb vor den trunkenen Blicken breiiet sich da» unvergleichliche Pano­rama der Drc:flu"eftabt m.t ihren italienischen Dächern hren Türmen unb ihrem g.itzemden Wasserreichtum. ..Das bayerische Venedig"!

Als man lchl.eh'rch w eder htnabsteigt. beginnt überall der Werktag, die ersten Gäben werden geöffnet, unb man kann um der Welt draußen fein Morgeng.ück zu verkünden endlich An­sichtskarten kaufen ...

August-Wochen im südlichen Norwegen.

Bon Märtin Waqenfchein.

II.

Der Fjord.

Luirdal. das düstere.

Ss ist gar fern Ort. Die Landungsbrücke, das Kauflädchen. ein paar Höfe im Hintergrund und dos kleine Hotel, dessen Wirt un» vom Schiff wie beftclllc Ware abholt Unb dem wir gleich wieder entlausen, denn der Dlclscher. in der Rähe wieder entschwunden, zieht uns an.

Wir gehen das U-tal hinauf, einen schmalen Pfad im strömenden Regen. Reden uns tost der toeihgraue Gletscherbach, eisigen Dunst ausströ­mend. Hausgroste Blöcke liegen um uns her und bi Iben trode c Höhlen. Au» einem schmalen, lichten Gehölz zwischen Weg und Bach, fremden oerfnorrten Bäumchen mit graufe.digcr Rinde, treten träumerisch kleine falbe Pferde mit klugen Augen. Stirnlocken und langen Schwänzen. Sie hören uns nicht im Lärm des Baches und des Regen» und bleiben ohne Scheu, als wir sie streicheln. Ein Stückchen weiter sieht uns ein Schafbock an. stampft erregt den Boden und wendet sich schüttelnd, eine Walze fliegender Regentropfen. Hinter jeder Wendimg vermuten wir den Gletscher, aber eS dauert eine Stxmde, bis wir auf einmal vor einem kleinen kalten See stehen, von dem die Wände zirkuSartig fast senkrecht aussteigen, nur dem Gletscher Raum laiienb, der fich jenseits fast bi» zum See herab- lästt. wild verklüstet und erschütternd durch seine Masse und da» lüfte, kühle Grünblau, wie Kupfervitriol, mit Zucker bestreut. Rechts und link» von ihm stürzen je zwei Wasserfälle die jähen Felswände herab

Wir bleiben über Rächt und fahren am an­deren Morgen, denn das Schiffchen kommt erst in acht Tagen wieder

Zurück in ben Hauptfjord, zurück nach Ror- bejmfunb vorüber und ganz in den Fjord hinein, den ganzen Tag, ln- er sich am Ende wie eine Hand verzweigt. Gute» Wetter kommt vom Meere und geht mit un». Wir sitzen hinten auf dem Schiss und sehen wieder aus die schwach gewölbte Wasserkugel. Auf dem blaugrauen glatten Wasser laufen recht» und link» zwei Reihen quecksilbrige Halbmöndchen auseinander. Zitternd spiegelt es die schimmernden Wolken­bäusche über den blauen Bergen noch einmal so hoch wie sie, die weihen Häuschen am Ufer unb daS grobe Schneefeld wieder des Fvlge- fonden. Sanfte, klare Farben, nicht viel anders al» in Italien, mir kühler und ohne Braun.

Da. wohin wir fahren, ist eS noch dunkel, und um die Spitze des mächtigen Berges, an dem der Fjord sich x>erzweigt. hängt immer eine Wolkenkappe. Da» ist der 1000 Meter hohe Offen. Ihm gegenüber liegt lltnc, wohin wir wollen und wo wir die Bauern suchen müssen, an die ein Freund uns gewiesen hat. Wir denken mit Besorgnis daran, beim in lltnc steigt kein Fremder au», und wir können nicht nor­wegisch sprechen.

Allerdings bewirken unsere Fragen Lachchöre einer Kinderschar und die Flucht einer Frau: wir müssen Zettel schreiben und englisch reden, bis wir schliehlich den verwachsenen steilen Weg sinden zu dem einsamen Hot Fru Sigrid selbst, eine alte, stolze Frau, steht davor und gibt uns die Hand auf eine Art, die selten geworden ist. Sie sagt ernst, fast feierlich: Delkommen!

lltnc, das prächtige.

Der Hos liegt an einem steilen, felsigen, dicht bewaldeten Abhang. 50 Meter über dem Fjord. Der macht hier fast eine halbe Wendung und

umgibt un» wie ein Ring Bon Unk» hinten kommt er aus dem Meere, nach recht» hinten wendet er lich. enge werdend. Doch davon sieht man nichts Dor un». hinter ihm. fünf Ktiome'cr entfernt, steigt der rie ige Offen 1000 Meter an­dern Wähler, recht» und links abfallend zu Seiten­armen de» Fjord» Man sieht chre Eingänge, link- nur ein Felsentor. rechiS einen weiten Ein­blick in fernes Hochland mit Schnee und Wolken Diele Wafleriälle stürzen von den Höh?n wie silberne Bänder. Die einsamen und entrückten Hochflächen, von denen sie kommen, glänzen nah in der Sonne. Man erkennt ihre setfigen Wöl­bungen und Wälder auf ihnen wie Rtoos. Sie locken wie ein unerreichbares und reines Land.

Die Holzhäuser des Hofes, auf geschichteten Gneisplatten al» Fundament erbaut, sehen von aufjen tote alte Scheunen aus. mit den grauen Hvlzplanken und den groben Steinplatten auf dem Dache Aber innen unser Zimmer ist würdig und groß. An den duftenden, glatten, gelben Holz wänden hängen in der Mitte g roste Schmuck­teppiche und durchleuchten mit ihren bunten, ruhi­gen Mustern das Zimmer. Die hat die groste Tochter selbst gewebt, und wenn Gäste kommen, werden sie ifrnen gezeigt. Alle. buntbemalte Truhen mit Jahreszahlen stehen da. und Schrank und Betten, alle mit Kunst und Sorgfalt ge­arbeitet von den Männern oder ihren Dätem, tote sie das ganze Hau» gemacht haben, bi» zu den Kochlöffeln und Quirlen, au» Resten ge­schnitzt. Ein Grammophon und ein Klappstuhl sind als die ersten kläglichen Dorposten der Zivt- lifation eingedrungen. Roch kann man sie über- sehen

Die Menschen sind still und ernst und haben harte Arbeit. Auf vielen kleinen, steilen Wiefen- flächen. em paar Quadratmeter manche nur grob und oft nur mit dem Kahn erreichbar, mähen sic zwischen Felsen und "Bäumen mit kleinen Sensen daS Gras. Auf schmalen Terrassen bauen sie Kartoffeln. Beladene Iohanmsbeerbüsche und Kirschbäume stehen in der WildniS. Sie essen wenig, denn fee haben nicht viel Kartoffeln. Brot und wenig Mülch Trotzdem sind sie braun und gesund, und man denkt mit Beschämung an die Schwelgereien, die in den nordischen Pen­sionen unumgänglich sind.

Oft. toenn e» ncMig ist und regnet sitzen wir im Zimmer und horchen auf das ungeheure Schweigen, das auf unS fällt nach dem Rauschen de» Gletlchcrbache» und dem Stampfen de» Schisse» tn den letzten Tagen. Manchmal tutet vom Fjord ein Schiss oder die Kuh brüllt dumpf au» dem Stall nebenan. Dann hört man nur wieder das eigene Blut. Aus dem Tisch steht ein Lindenblütenstraust und lockt mit starkem sähen Duft Hummeln herein: eine rote MonatSrvse mit zartem altertümlichem Geruch und ein brennender Geranienstock stehen in den Fenstern, hinter denen grost und säst erdrückend der Offen steht.

Wenn wir gehen auf der einzigen Strahe über dem Nord, so geht er mit und lästt un» nicht lo». Die Strahe ist schmal. Alle paar Stunden kommt ein Mensch gegangen und grüßt ernst, fast schwer. An den Höfen über lltnc stehen Kinder, starr von Staunen, und Katzen stieren minuten­lang. Man könnte auf die Berge steigen, aber es ist so nah unb schwül. Sie glänzen unb fliehen ringsum von Ralle und ftreuen immer neue Wasserfälle wie silberne Fäden herab.

Abends wird es meist heller, und jedeSmal erscheinen bie Berge in anderen Farben, gestern scharf unb schwarz vor grünem Himmel, beute hinter verwehtem Gewölk wie violetter Samt. Rocht» ist tnc Stille noch größer In der duften- de". Heumatratze farm man sich eine Kuhle machen und tn die helle Rächt träumen

Oas Gebirge.

Rom F,orb toanberr. wir einen bethei Tag lang nördlich nach Dost, einem Reinen $u*Uort an einem schonen kalten See zwilchen hoben, weist getigerten Bergen Die Senlatwn Ni» Da- ge» ist der Abendschnellzug Demen Oslo. ?aim gebt bie halbe Stadt zum Bahnhof und hebt die Reifenden auf dem Bahnsteig promenieren.

Hit dieser .Bergenbahn wollen Ivir morgen quer über den Kopf der skandinavischen .stutze fahren und an den höchsten Stelle de» Gebirges einen Tag lang bleiben

8in engeo Tal mit vielen Tunneln führt bald in die Region der Schneeflocken, die von unten gelehen fo locken unb in der Rähe recht schmutzig

-?er Wald hört auf. her Fel« tritt heran», unb bann kommen jene lilometerlangtn selt­samen Holzüberbauten über der Tifenbahn. die im Winter ben Zug gegen Schnee schützen sollen. Gin ganzer Bahichos ist so dämmerig überbaut unb gleicht einem BergwerkSstollen. Denn der Zug fährt, flimmert durch die Luken blendend Sonne unb Schnee, und wenn der Holztunnel aufhört, ruht ba» Auge dankbar auf ben weiten runden Formen des .relsgebiraeS mit feinen un­geheuren Dimensionen Sie Kühe an den grauen Hängen jenseits der düsteren Seen find klein wie Maden.

Die Sonne vergeht langsam. Die Kälte nimmt zu. die Holzkanäle nehmen gar kein Ende mehr, unb um 2 Ahr steigen wir in Finte (1200 Bie­ter) aus bem Zug Zuerst sehen wir nur das pompöse hölzerne Hotel, auher dem Bahnhof da» einzige Haus inmitten der Ginöde. Trotzdem, es ansängt zu regnen, ist unter Zimmer hell von den Schneefeldern, die von ben weiten, sehr flachen Kuppen berüberscheinen über einen fro­hen. eisgrauen See Wir sehen bas Blau von drei Gletschern leuchten.

Rachmittagsspaziergang tn der Steintoildnis. Regen, Kälte. Stille, unb etwa» fabc Höhen- müdigkeit. Bald lockere Schneedecken lieber das tosende schwarze Wasser des SeeauLslufseS führt noch ein geländerloser Steg, dann hört der Weg auf. Rur Steinpyramiden sind geschichtet, in Sichtweite voneinander. Wir folgen ihnen auf und ab, kletternd über grosse und kleine Zels- wellen und Trümmer, gegen ben harten Wind, auf den Gletscher zu.

Kleine Moore, die den Tritten unheimlich nachgeben, plötzliche Wasserlöcher, rcgung.'los mit halbversunkenen hellgrünen Eisschollen, yel»- blode. soweit wir sehen. Die Häuser sind längst verschwunden hinter den flachen Wölbungen die­se- FelsenmeereS von größten AuSmasten. Die Himmelsrichtung geht verloren. An jedem Stein- türmchen bleiben wir stehen und suchen das nächste. Man sieht in die Weite zwischen den Wellen hindurch und doch oft das Rächste nicht. Anfangs glaube ich. ich habe diese graue, hofs- Äfe Unendlichkeit im Traume schon einmal aber dann satten mit Dor»» Bilder zur Borhötte ein.

Wir klettern auf einem Schneefeld eine kleine Anhöhe hinauf, um dem wehrlosen Singeschlof- sensein in diesen Mulden zu entkommen, und sehen nun fernere Horizonte, doch immer nur die runden, flachen schneebedeckten Selfenberge, von niederem grauen Himmel überspannt. Die Häuser sind weit, aber der Gletscher noch wei­ter. und Rebel {egt um die ferneren Höhen. Wenn er kommt, finden wir die Steinzeichen nicht wieder.

Wir suchen den Weg zurück. Jetzt erst sehen wir. dast diese Welt nicht ganz tot ist Graues Renntiermovs steht hier und dort, und fremde, glühende kleine Bergblumen zwilchen den Blöcken. Auf dem Moor weht regennasse- weihe» Woll­gras.

Durch luxuriöse Dielen gehen wir in den Speisesaal des Hotels. Unter strahlenden Kron­leuchtern sitzen an kleinen Tischen reiche Inter­nationale Leute. Don einem überladenen Büfett holt fich jeher selbst, was er haben will, unb trägt seinen Teller mit künstlicher Gleichgültig­keit vor sich her durch den Saal zum Tisch zurück.

Am anderen Morgen kommt langsam die Sonne und wir sehen die Landschaft neu Der gestern flache Himmel hat sich -ar hohen Äuppel

Bei Nieren-, Blasen- und Frauenleiden, Harnsäure, Eiweiß, Zucker

1927: 19300 BadegAste

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