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Ciehener AnzeigerfGenerai-Anzeiger für Gberhessen)

Samstag, 18. August (928

Volifik ober TMosigkeit?

Don Or. Paul Rohrback.

S, gibt nn große« cnalikbce Blatt. Mlcn -Stimmt <edt> WM bann zitieren läßt, wenn rt sich darum handelt, einen Beweis für da» Hpr» handenkm eine» ..belferen'* Onglanb z» lie­fern. D es Blatt ist bet Manchester ® u a r- bi an, bat einjiflc Organ innerhalb der n'd)t- hauptstäot'fchen Piefse in England. das 1td) in Bedeutung mH den Landen, r Blättern mellen tonn. DerDuarban ist liberal Sogar wäh­rend des Äncge» hielt er sich verhältniSmähig besonnen und war beinahe die einzige Zeitung im ganzen alliierten Lager, bic nichl der Hafz- bropoganda restlos erlag. Ällerdtng» - wenn man fragt ab die non ihm nertretene Dent* nd)tunq auf die vraftilche Politik Englands je­mals von 8 i n f 1 u fi gewesen ist. so kann darauf im Grunde nur mit nein geantwortet werden. Das ..beHetc" England ist da, aber es hat in der Politik nichts zu sagen. So stellt jetzt her Guard^ni" die Frage, ob es lich bei den plötzlich ingesagten Gemeinschaft-- n, anövern der englischen und fran­zösischen Sefatzungstruppenim Bheinlande um eine bloße Taktlosig­keit militärischer Kommandostellen handle, oder um eme Tatsache von polit ischer Be­deutung. 3n dieser Fragestellung liegt natur- lich schon die Verurteilung, und insofern tönnen wir auch jetzt wieder den . Guardian" als Zeugen dafür nnlupren, daß es in England Leute gibt, die sich eine Rechenschaft von der Wlrkmig dieser üblen Provokation auf das deutsche Gefühl ab­legen ,öir fürchten aber, dost e» sich in der Tat um Politik handelt, tum mindesten um die Be­nutzung der militärischen Befehlsgewalt zu poli« trfchen 3ir>e<fen.

Zw-sch. n England und Frankreich ist etwas oorgegangen, wodurch England in entschiedenerem Sinne al« bisher sich bewogen fühlt, die fran­zösischen Dünsche zu horten. und da diese Dünsche nor allen Dingen eine gegnerische Einstellung gegen Deutschland haben, so folgt daraus, bah der Schatten bet getroffenen Abmachungen sich auf b-efem Gebiete abzeichnen muh. Die ver­stärkte Annäherung ist. soviel man lieht, aus dem gerne nsamen Mißbehagen über den sogenannten Ketlogg-Pikt entstanden. Den Franzosen durchkreuzte dieser Plan ihre ganze militärische Büdnispolitik in Europa und den Engländern tnor er unbequem, weil sich aus ihm Störungen für die eventuelle bewaffnete Regulierung von Unstimmigkeiten auf dem weiten Gebiet von Alerandr eii bis Singapore ergeben könnten, das England als seine besondere Znterelfenspbär« betrachtet. Auch Äonhilie zwischen dem Mutter­land und den groben Kolonien mit Selbstverwal­tung könnten dahin gezogen werden, z. B mit Südafrika wenn es auch unwahrscheinlich ist, bah England es dort jemals bis zur Anwendung von Dassenmacht kommen läßt. Genug, die Linie eines gemeinsamen Dorgehens gegen den Pakt, mit dem bekannten Erf«ge bah nicht viel mehr als ein bl oste s Schaustück übriageblieben ist. war gegeben Der formulierte Ohcdcr'chlag dieser Interessengemeinschaft ist das kürzlich veröffent- l'd)ie Abkommen über Seerüstungs­und Mittelmeerfragen, bei dem der brtn- fenbe Bei dacht behebt, das; o» geheime Zu- atze hat, die natürlich den Zweck hätten, Im ge­gebenen Fall den Rest milder AntikriegSfäure. der dem Kellogg-Patt 'noch geblieben ist. eben­falls zu ncutraLfirren. Dies ist der Hinter­grund, auf dem die Teilnahme englischer Ka­vallerie an dem französischen Blanöver im Hhein- land angesehen werden muh

Zur Sache seien zunächst zwei englische Stimmen angeführt. 1. her ..Evenig Standard*. der es bestätigt, bah die Einladung zur Teilnahme nicht vom französischen Kriegsminister oder (Sencrab- siabsches ausgegangen ist, sondern vorn französi- scheii Austenministerium, und 2. die Moming- Post", die erklärt, jede deutsche Kritikan An­gelegenheiten. die nur England unb das befreuiv- bete Frankreich angingen", könne den guten De- ziehungeii zwischen England und Deutschland *nur fthaden! Diese hochmütige Unverschämtheit und

Kampf im Dunkel.

Don Frank Highman.

Hart, unerbittlich Hari ist das Schicksal von Menschen und Böllern. Eines der grausamsten Geschicke eröffnete sich mir vergangenen Herbst im lieben, alten München. Das gutbürgerliche Hotel, in dem ich abgestiegen toar, schien eine ernziqe große Familie zu beherbergen, fo zwang- los war der Verkehr der Gäste untereinander. Schon am Tage meiner Ankunft sah ich mit zwei Berliner Herren, die ich vorher nie gesehen hatte, in der g rosten Halle, und wir unterhielten uns. als wären wir langjährige Bekannte. Da kam ein Boy auf mich zu unb bat mich in bad Bureau de» EmpsangSbeamten. Ich dachte nichts cnderes. als bah irgendeine Formalität, wie 1 <* reifenben Fremden gegenüber üblich ist. zu er­ledigen lei und ging in bas Bureau. Die er- tounte ich aber, als der Beamte, ein distin- cuterfer Herr in mittleren 3obren, freudig auf "ich zueitte, meine Hand fastte und audrief:

.Tatsächlich bist du es! Sei herzlich gegrüstt ii München! Ich habe im Fremdenbuch deinen -kamen gcfxmben. Du kannst dir denken, wie ich nich freue, einen alten Freund Wiedersehen zu können''

Während er sprach, zerbrach ich mir vergebend ?cn Kopf, wer er sei imb woher er mich kenne, ^r schien auch meine Unwissenheit zu bemerken, renn er fuhr fort:

,3a. ich habe mich stark verändert, feit ba- pcld. als wir uns in London das letztemal fiden. Hicht nur älter geworden! Auch so...!"

Bun hatte ich ihn erkannt. Es war ganz un- g.aubfich, was knappe zwölf Jahre aus dem ciemakgcn Premierleutnant Joachim non H. gc- ixa4>t hatten. Dicfer gebeugte hagere Mann vor ' er nul ^STt Etüden, flackernden Augen, die dem i glicht einen dumpfen, welken Ton gaben, ritte <jreunb Joachim vom preußischen Genie-

f,cm? ^cner 3oachim v. R., der seinerzeit Armeepistolenschiesten in Dilmersdorf über- egen gewann^ Der'clbc. der zu Beginn des Krie-

Sil $r. technischen Äunb<4>afterbicnftc nta) dem feindlichen England kommandiert wor­den war. m einem wi.tzigen Segelboote die bri- tt'che ©bcrrlmic an der englischen Ostküste burch-

n.cht die vernünftige Ucberlegung, die der .Man­chester Guardtan" über die Frage ..Polnik oder Taktlof-.gkeif anftdlt, ist es an die toir uns diesmal in der Praris zu halten haben. Ltlmmen w.e derGuardian" lind m England im Prinzip lehr nützlich für die Zulunft. nämlich um lich auf sie dafür zu berufen, dast es immer ein ..bessere»- England gegeben habe (beim Tuten» frieg war es ebenso, beim Opiumlricg ebenfalls, und bei der Ausbeulung Indien- ist es noch heute so), u ib chr ..moralischer" Austen ist um Io gröber, als d e englische Politik gar nicht nach ihnen zu handeln brauchl Sie tut das auch jetzt nichi. viekmehr unterstützt !ie die Heraueford.'- rung, d.e der ..Minister für Dersödnung". Herr B t i a n d. Deuttchland gerade m dem Augen­blick zugehen lähr, wo man den deutsthen Äe.chs- auhenminiftcT zur Unterzeichnung des Ke.Iogg- Patts nach Paris einlabet.

Es ist möglich, dah 5>crr Briand für seine Person es lieber anders sähe. Dann lind eben diejenigen Stellen, die aut dem Rücken Deutsch­land» eine französis ch'englische Berbrüderungs-

Dir können uns schwer vorstellev. wie Dr. Slre'e- mann es fertigbringen frJie. dielen Alt. der überhaupt noch n.e norgrtommen ist. feit fran- zösifche und englische Truppen miteinander im Rheinland stehen, zu ignorieren. Ignorieren aber mühte er ihn. wenn er zur Unterzeichnung nach Par.S ginge unb durch seine Teilnahme mH dazu beitrüge, bai franzö'ische Prestige von neuem zu erhöhen. Darauf käme die Sache -luch dann hmaus. wenn das unterzeichnete Doku­ment nicht tn Paris, sondern in Amerika hinter­legt werden sollte.

Was bei der Sache beabsichtigt tst. scheint nach alledem einfach. Entweder steckt man in Deutsch­land die Herausforderung ein, dast Franzosen

und Engländer zur Berl.nnbildltchung des Geistes von Locarno gcmem<d>ah?.4) den deurfchen Boden al» Mavoveige.ände benuticn und schicht trotz- dem den Letter der auswärtigen Politik nach Por-:s - oder man tut es nicht. Dr. Strvkmann bleibt z u Hauke, und dann hat Deut'chland den Beweis für mangeln be mora­lische Abrüstung" gelie'ert, nach dem feder französtschc Militarist sich fo sehr lehnt, wetl er dann n.cht aus dem Rhem'.and hinauszugehen braucht'

Im übrigen ist bemerkenswert wie geschickt man w.eder m Paris auf bte öffentliche Met- nung in den übrigen Ländern, namentlich in Amerika. Rücksicht zu nehmen versteht. Das Be­stehen auf der Oüie Lieferung der deutschen An­geklagten an dte französische Mtlttäriusttz hatte einen zu 'ch.echten Eindruck gemacht. Darum hat man in dielem Fall nachgeg.den^ hätten wtr die ministerielle Teilnahme an der Unterschrift aus lvich einem Grunde verweigert, ko wäre die Sym­pathie der Weit überwiegend auf linieret Seite cortoefen In der Manöverfrage stehl es anders. S:e ed<beint 'Aussenstehenden eine Bagatelle, und man muh schon ein besserer' Eng.ander fein, um zu erkennen, bah hier eine Provo­kation vorliegt. In Amerika wird man sich überhaupt nicht darum kümmern. Darum kann Deutschland ohne Gefahr riicks.chtslos behandelt werden Gewollte Rückfichtslosigkeit, ersten- zur Bekundimg einer erdöhten Wärme in der Zreundschatt zwischen England und Frank­reich. unb zweitens zur Herbeiführung einer Lage für Deutschland, wo es zwischen einer Selbst demüttgung und einer unoor- tilhhaftenm o r a l i I d) e n P o l i t i o n zu wählen hat - das ist die Antwort, auf unsere eingangs gestellte Frage, ob es sich hier um Pviitil oder um Taktlosigkeit handelt

Ein Lehrer, der angeblich ober wirklich nichts taugte unb Eltern, d e tobe etwas anderes vom Lehrer forderten, dazu einen verxvxi eiten unb ichlecht bezahlten Lehrer htn- unb hergeworke t oen den Parteien der Kolonie, austerstande allen Wünschen zugleich zu folgen. Dann bi? Schul- ivreine der verschiedenen K rchen der Protestan­ten. Katholtlen. norbamertkanifchen Lutheraner und Sabbat ficn unb die Konkurrenzfchulen der örtlichen aiiquen! Gettennte Feste. bafwrlüUtc unb gemein geführte K'tnpse Anschuldigungen bei den nichtbeutschcn Dehördvn des Gastlai des' Und dann untrer wieder der Reid unterein­ander. Der Bauer aus den Bauer, der «Be- schäftsinann gegen den Geschäftsmann, der 2.1t- eingefessene auf den Aeaeliitoanberer und alle untereinander anders als anderwärts denn hier wird der Beneidete gleich für einen moralischen Lumpen erklärt, her nur auf unehrliche ie vorwärtsgekommen ist.

Denn ich alles Gehörte alauben toolltc. fo gäbe es üd rdaupt feinen Auslandd.utschen der auf streng ehrliche Weife zu Wohlstand gdommen tst! Aicht zu verg-efien die dauernden Ltrentg- feiten in den Kirchengemctnden P'arrer deoen der Auslanddienst zur 5)öllc ge..tach: wird und Pfarrer, die ihm nicht gewachsen auch drüben unfähig waren. Die Dvmcintxm find an den Fingern abzuzühlen. wo nicht irgendwie Knegs- zustand herrfchte. Es darf auch nicht unerwähnt bleiben wie mtstachtet und befeindet die G.lnl- teten find, und wiederum die gemeint Ausbeu­tung der Einfachen durch viele drüben gestran­dete Intellektuelle. Unb nicht zuletzt we'.ä z Mauer trennt bic Aeueinwanberer von den 2 lf- eingeftfsemn: die einen arrogant unb felbft- betpubt im Belitz einer h he die anbereii misstrauisch in einem ein gc Ml beten Minbenver igkeitsge ühl. Welche Quellevon Zank und Streit und Verbissen heil! 3a, man wird es fo müde. Immer wieder das gegenseitige Kritisieren zu b ren. daS fiele Bcob- achten und Moralffteren a!S di.' Hauptnahrung eines immer regen deutschen Geiste-, d.r hier keine andere B7tatigung find.t uni) fich nur Io au einem Leben von zweifelhaftem Wert rrhälf

Ja vor allem furchte ich mich. Es wird wieder werden, wie es immer war, fast ein ganzes Jahr lang, n Sudbrafilien. in Aord- nrflcntlnien und in Paraguay 3m Anfang ein? Hoffnung auf prächtige Menschen, und zum Lchlust wieder eine Enttäuschung. Unb warum Ent­täuschungen? Liegt nicht die Schuld an dir selbst? Setzen Enttäuschungen nicht Erwartungen voraus? Wer fal'che Erwartungeii hegt, dars sich über Enttäuschungen nicht beklagen Warum sollte der Deutsche drauhen anders und besser sein als der daheim? Der den Di, gen ferne Idealist sagt: In der Fremde fällt die deutsche Kleinlichkeit ab! Die harte Wirklichkeit laute: DerDentfdbebleibt der Deutsche, hier wie dort! Im Inland wie im Ausland ist ee gleich grob auf wirtschaftlichem Gebiet, und gleich klein auf dem des menschlichen Alltag«. Drüben ein Kamps der '"Parteien, ein Streit im Qro.n. hier ein Kamps der Vacfcharn. ein ewiger Zank im kleinen. Enttäuschungen konnte nur einer er­leben, der nicht auS eigener Anschauung muhte, wie die an und für sich gröbere Blickweitc des Auslanddeutschen wieder ausgewogen wird durch die Art seines Kampfes um wirtschaftliche Ent­faltung unter den schwierigsten Verhältnissen. Wer im Ausland nicht lernt, beide Ellenbogen zu gebrauchen und nur das eigene Ich zu ken­nen. bleibt unten Jeder muh sein ganzes Menschentum entfalten, das Gute in ihm unb das Bose, und alle unsere Vationattugenben fin­den fich drauben. gleich den Vationalfehlern. in gesteigertem Maste Wie darf man da enttäuscht sein? Wie durste man auch vergessen, dast doch der grösttc Teil der Auswanderer au« rein materiellen Dingen au« einem schon sehr materiellen Deutschland herauSging. ganz ab- gesehen von den vielen, die sich drüben nicht mehr halten konnten? Wie konnte man also ver­langen. hier drauben ein besseres Deutschtum alS in Deutschland selbst zu sinden. nicht politisch, sondern charakterlich gesehen? Und wenn man schon in Deutschland selbst der Meinung war, die heutigen Verhältnisse seien nicht geeignet.

Vor den Toren einer deutschen Kolonie.

Don unserem Äerichtechoiier Helmut fronte».

Vachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!

Picoletta lParaguay», August 1928.

Wieder einmal bin ich am Eingang einer gröbe­ren Stadt, die natürlich, wie fast überall in Südamerika auch eine deutsche Äolort * enthält. Auf einem Landgutchen gebe ich meinem über- anstrengtcn Aeisepferb di? verdiente Ruhe und mir selbst Rechenschaft, warum ich hier brauhen bleibe unter Paraguayern, statt drüben in der Stadl, unter Landsleuten zu sein. Nun ich war lange, sehr lange unterwegs und habe über hundert Kolonien in Stadt und Land, Wald und Kamp, neue unb alte, reiche und arme, gute und schlechte gesehen und bin wohl ein wenig deS Schauens müde. Bemüht, ein rechtes Urteil zu gewinnen, habe ich mich viel­leicht überladen mit Unterhaltungen über Kolo­nisation und Handel und Industrie. Landesver­hältnisse und deutsches DolkStum. über Kirche und Schule und Vereine, über den Alltag und den Feiertag. Aber ist daS wirklich, was mich bic.1 mal hier brausten festhäit? Waren nicht bic Verschiede nheiton immer wieder interessant? Die Menschen immer wieder andere?

Ich versuche, mir den wahren Grund dieser Scheu einzugestehen. warum ich diesmal nicht gezwungen. Durchreisender zu sein jenen vor­läufigen Endpunkt eines dreivierteljährigen Rit­te-, nicht aufiuche. Sollte es mich schrecken, zum hundertsten Male ein bekanntes Lied zu hören: Das Schelten auf die schlechte Qualität der Reu- eintoontxrer oder die Enttäuschungen der Frisch- angrkommenen. Beispiel auf Beispiel? Schrecken mich die gewohnten Klagen über Absatzschwierig­keiten für die Landesprodukte. die Krise des Handels, die teure Importware, über Geldver­luste durch XlnerfabrcTibett und Betrug, über die Unsicherheit der staatlichen Verhältnisfe: Revo­lutionsgefahr. Rechts Unsicherheit und Vogelfrei- heit des Ausländer-? Ist es das, was mich

) Vgl. den Aufsatz .Ritt in Süd-Amerika" in Ar. 188 vom 11. August 1928.

fern halt? Vcin! Denn ich f>abe gelernt, hast fich trotz aller äuhcreit Schwierigkeiten die Deut­schen srüher oder später überall durch­setzen. dank ihrer Zähigkeit im Anfang, ihre« Fleistcs und ihrer 3ntollig?ni. Hier liegt kein Grund zum Bedrücktlrin, eher ein Anlast zu frohem Stolz.

Was ist es sonst, was vorzieden iastt, hier brausten unter den Paraguayern zu bleiben, statt bei den Lands'euttn einzukehren? Se'en w>r auf­richtig! Es ist einfach auf die Dauer für den Unbeteiligten nicht zu ertragen, wie fich die Deutschen untereinander verhalten. Man ist verzweifelt, die ewigen Verdächligungen, daS Ehrabschneiden, den Klatsch, den Zank, den Reid und den Hast der nächsten Vachbarn mitaruu- sehen, den Streit in den Vereinen und zwischen den Vereinen. Schliestlich - - wir find nur Men­schen und man lästt diese Dinge gelten! Aber wenn sich Glied zu Glied zu einer ununter­brochenen Kette gleicher Art fügt, wenn aus der Ausnahme die Regel wird, und man nach einer fo langen mühevollen Rcise nicht in der Lage ist, auch nur eine deutsche Kolonie mit Hamen zu nennen, wo leidlicher Friede herrscht, so möchte man in der Tat nichts mehr hören und sehen. Wie oft verliest ich irgendeine deutsche Kolonie mit dem Gefühl: Jetzt hast du über­haupt jeden Wertmaststab verloren, jeglichen An­rechte- auf Menschenkenntnis bist du ledig ge­worden, hast überhaupt keinen Voden mehr unter den Füsten!

Ucbcrall das gleiche Bild: Eine Familie, die dir anfangs ehrenwert erfchien. über fie erhieltst du schon bei der nächsten Mitteilungen Io be­stimmter Art, dast deine Hochachtung schwinden mustte. Kamst du zur nächsten, wurde dir Har- gelegt, dast du soeben die scheinheiligsten Leute der Kolonie verlassen hast, beim nächsten wieder hörst du. es gäbe keinen gröberen Lumpen al­ben, von Dem du kommst. 3st eS ein Wunder, dast du dich nach und nach vor jeder deutschen Kolonie fürchtest? Immer wieder dasselbe Lied:

brach. WaS war aus dem schneidigen, über­mütigen Manne geworden?

Wir plauderten von vergangenen Tagen und von gemeinsamen Freunden. Da fragte ich un­vermittelt nach einem Kameraden Joachim«, der ebenfalls der deutschen Spionageorganisation in England angehört hatte und, wie mir bekannt, mit Joachim eng befreundet gewesen war. Der Blick meines Gegenüber- wurde beinahe furcht­sam, und er sagte leise:

.Willy ist tot! Erschaffen im Feindesland zum Wohle de« Vaterlandes!"

Vatürlich war ich auf nähere Einzelheiten ge­spannt unb Joachim begann

.Aufrichtig gestanden, bin ich froh mit je­manden. her mich .früher" kannte, darüber spre­chen zu können. Da» erleichtert. Die Gedanken, die man schweigend hinunterschluckt,. sind nur all- geeignet, das innere Gleichgewicht zu zer­ren. Erinnerst du dich noch dem Hamen nach an die ruslische Spionin Sonja Fedorvwna. die seinerzeit der deuckchen Staatspolizei tm eft- preustischen Festungsgebiet so viel zu schassen machte? 3a? Hun diese Fedorowna sollte Willys Schicksal werden!

Es war im Sommer 1916. 3n einem fashio- nablcn englischen Seebad trieb sich eine elegante Russin herum, von welcher unter Ehcs erfuhr, dast he in vertraulicher Million nach England geschickt worden war. Willy und ich bekamen den Austrag, da» Treiben der Russin zu erfor­schen und ipr Woher zu erkunden. Wir deschlo'- feu. getrennt zu operieren, da wir uns davon höheren Erfolg versprachen und weniger auf- fielen. Hun. wir hatten beide Glück. 3d) machte die Bekanntschaft der Russin bei einem Wohl- tätigkeit-fest, unb als ich von ihr halb daraus zum T« geladen wurde, stellte sie mir einen Freund ihres HaufeS, Mister Frcdenk Hanlen. einen Dänifdxm Maler vor. E« war Willy!

3n der Folge glaubte ich zu bemerken, hast sich die beiden nicht gleichgültig blieben. Die Russin war eine grazile, raffige Schönheit und Willy jung und lebenshungrig. Wir machten zu drin kleine Ausslügo mit, luftigen Picknicks und nah­men auch das Souper beinahe regelmäßig zu­sammen. Die Korrespondenz mit unserem Lhef hielt ich aufrecht, konnte aber vorderhand noch keine positiven Resultate berichten. Da kam eines Tages cm Ehisfrebrief. der den Auftrag enthielt,

eine gute Photographie der Russin frenuftcllen und sofort dem Lhef zu übermitteln. 3ch sprach mit Willy darüber und wir einigten uns. schon am kommenden Tage die Ausnahme gelegentlich eines Ausfluges zu machen, da die Russin kurz darauf verreisen toollt?. Um sie nicht misttrauisch zu machen, mustte fich Willy mit ihr abnehmen taffen, um. wie ich sagte, eine Erinnerung an beide zu haben. Alles ging scheinbar glatt von- statten. 3ch stellte den 'Verschluh de» Apparates aus .Moment" und visierte vorher mit der Matt- scheide. Da bat mich Willy einen Augenblick um den Apparat, um sich, wie er sagte, die Blld- schärse zu besehen. Al« ich den Apparat wieder zur Hand nahm und knipsen wollte, sah ich anfäl­lig aus den Verfchlust und mußte zu meinem mafjlofen Erstaunen konstatieren, dast er auf .Zeit" stand. Hjemand anders als Willy konnte diele verräterische Manipulation vorgenommen haben. 3ch stellte wieder auf .Moment', rief die Russin an, damit sie mir da« Gesicht zukehrte. und knipste. Willy hatte, al6 ich die Frau an­riet mit ihr weilergescherzt, so daß sie sich be­wegen und lachen mußte. Kein Zweifel, mein Freund wollte durch diese Praktiken eine scharfe Aufnahme unmöglich machen ES sollte noch är­ger kommen.

Ich war fo unvorfichtig. ihn beim Entwickeln der Platte anwesend fein zu lasten. Al« er lah. daß das Bild gelungen war, liest er die Platte aut die Steinfliehen de« Badezimmer- fallen, natürlich ging he m taufend Trümmer Hun fagic ich ihm. so schwer e« mir sieh auf den Kopf zu. bah er ein schurkischer Verräter an der Sache des Vaterlandes fei und gehängt ge­höre. Da fah er mich eine kurze Weile mit leinen guten, klugen Augen an und bann tagte er;

.Iochol, hast bu schon einmal geliebt?"

Mein Gegenüber, der ehemalige Premierleut- nant Joachim R.. wischte den glänzenden Schweiß von seiner blaffen Stirn, bann sprang er plötz­lich auf ein anderes Thema über und sagte gleichgültig:

.Hun, und wie ich heimkehrte in das arme, geknechtete Deutschland, verschafsre mir ein Freund diese Stelle hier als SrnpiangSbeamter: da ich ja einige Sprachen beherrsche, hat man mich nach einigem Zögern genommen!"

.Und Willy?" srug ich unvermittelt.

.Willy? Ach ja, Willy! Der arme Junge ruht unter englischem Rasen, unb wollte man ihm eine Grabinschrift widmen, so müßte man in den Stein meißeln: .Erschossen im Zweikamps zum Wohle des Vaterlandes von feinem Freunde Joachim von R."

Hart, unerbittlich hart ist das Schickfal von Menlöhen und Völkern.

Oer größte Zirkus der Welt.

Der größte Zirkus der Welt befindet fich selbst­verständlich in den Vereinigten Staaten und ge­hört den Hachfolgern B a r n u m s, den Brüdern Hingling. Der Direktor diese« Reseiizirku«, Georg Hingling, weilt zur Zeit in Kopen­hagen, wo er dem Mitarbeiter einer führenden dänckchen Zeitung einige MUteilungen über fein gigantisches Unternebtr.cn gemacht hat. .Vor acht wahren," erzählte Direktor Hinglinghaben wir den ZttckuS Barnum und Bailey übernommen. Unter ZirtuS besitzt 700 Pserde, 40 Eleianten unb eine große Monge anderer Tiere. Wir haben 1700 Angestellte: das Inventar umfaßt nicht nur Reise- wagen, sondern auch Eisenbahnwagen, die ltd) während unseres Aufenthaltes tn einer Stadt in beaueme Wohnungen verwandeln lassen. Der Zir­kus spielt auf dem Land unb in einem Zelt, in dem 15000 Zuschauer Platz haben, und in dem drei Manegen und vier Bühnen untergebradn sind. Es wird gleichzeitig auf sämtlichen Buhnen unb Manegen gefpieit, wobei jebe Hummer von einer Bühne auf die andere wandert und un Laufe des Abends also dreimal auf den Rund- plätzen und viermal auf den Bühnen auf geführt wird. In Heuyork wird natürlich in einem rich­tigen Zirlu-gebäude gespielt. Die Spielzeit in den Vereinigten Staaten dauert lieben Monate, die nut zum Teil in Heuyork verbracht werden. Fünf Monate verbringt daS' ganze Personal am sonnigen Floridastrand, wo man sich ausruht und neue Hummern für die kommende Saison tin- studiert." Mister Hingling, der übrigen« der beste Freund des demokratischen PräsidentichastSkandi- daten Al Smith ist, stellte fest, daß der Welk- friea die Zirkusarbeit nicht gelähmt habe. Seine größte Attrattion ist zur Zeit ein 6ee-®Ie*(, bet 3,5 Tonnen wiegt.