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Aus der Provinzialhauptstadt.

Dietzen, den 18. Februar 1928.

Oer Gamsiag und die Vorfreude.

Hast du schon einmal eine Reise oder auch nur einen eintägigen Ausslug vorbereitet? War es nicht eine Freude, am Abend vorher, über Karten gebeugt, im Führer lesend, schon im voraus all das Schöne zu genießen, das der andere Tag bringen wird? Du lasest die Beschreibungen im Führer, du merktest dir die Stellen mit den zwei Sternchen. Reich wie ein König gingst du zu Bett. Llird am andern Morgenz ein ßanbtegen! Die Freude war zum Teufel, der Ausflug aber auch. Rur eins blieb dir unver­kürzt: Die Dor freu de. Ist sie nicht auch etwas wert?

Am Morgen wird den Kindern gesagt, datz es zum Mittagessen Pudding gibt, Schokolade- Pudding mit Schlagsahne. Wie leicht erscheinen thnen heute die Schulaufgaben I Wie fliegt die Fc^er! Jedes will zuerst fertig sein. Don weitem winkt der Pudding. Doch herrlich, diese Dor- freride, was? Wohl gibt es Eltern, die lieber Ueberraschungen bereiten. Aber sind die paar LleberraschungLsekunden so viel wert als die Stunden der Dorfreude?--

Und nun zur Hauptsache. Don allen Tagen der Woche ist mir der Samstag der liebste. Es ist der Tag der Dorsreude. Ich weih, dah viele Mitmenschen derselben Meinung sind. Samstag mittag ist in den meisten Betrieben Schluß der arbeitsreichen Woche. Man kann in aller Ruhe seine liegenbliebenen Arbeiten er­ledigen, und dann kommt sie hereingeflutet: Die Erwartung auf morgen! Kein anderer Tag der Woche birgt diese Erwartungen. Man kann morgen länget schlafen, man kann tun und lassen, was man will. Regnet es, so bleiben wir im Zimmer, scheint die Sonne, so pilgern wir hinaus.

Was uns der Sonntag ist, oder was er uns nicht ist, das wurde uns hier an dieser Stelle schon erzählt. Besonders ergriffen war ich von den Ausführungen einer bedrängten Hausfrau, die sich kürzlich an einem Sams lag hier aussprach. Sie behauptet, für die Frau sei der Sonn­tag nur in der Theorie da. Sie sei am Sonntag nur ein Arbeitstier. Muh das so sein? Gibt es, liebe Hausfrau, nicht auch eine Dor­freude für dich? Willst du nicht einmal den Samstag dazu nehmen? O Gott, denkst du, aerobe der Samstag, der Putztaa, das soll ein freudiger Tag sein? Ra, so schlimm ist es ja nicht. Man muß ihn halt zu einem frohen Tag machen.

Also, du backst am SarnStag Kuchen, natürlich. Das ist deine Arbeit, sicher. Aber wenn sie schön geraten, freust du dich ban.i nicht auf den Sonn­tag? Oder du machst a.ws im Hause blitzblank. Wenn du fertig bist, freust du dich dann nicht an dem tadellosen Anblick? Hnb wenn erst dein Mann ein Lob für alle Deine Mühe hat! ünö. deine Arbeit am Sonntag? Bereite sie am SamStag doch vor, richte Gemüse, Fleisch und Kartoffeln ufto. so vor, daß dann alles schnell erledigt ist. Dami hast du auch einen Sonntag. Das Mittagessen kommt etwas früher auf den Tisch, und der Rachmittqg ist frei.

Wie selten kommt die Hausfrau zum Lesen eines Buches. Am Sonntag lieft meine Frau immer. So ein paar Stunden lassen sich schon

herausschlagen. Oder fte spielt sich am Klavier ein Liedchen. DaS Abendessen kann am Sonn­tag besonders, wenn es zum Rachmittaas- kasfee Kuchen gab möglichst einfach fein. Ein Butterbrot mit kaltem Aufschnitt tut es doch auch.

Ich meine, liebe Hausfrau, auch du könntest dir deinen Sonntag in der Praxis schön ge­stalten. Mich dich bei all deiner Qlroeit nicht auch der Gedanke durchwärmen: Geben ist seliger denn nehmen? And wenn dein Mann raucht, dann danke Gott und sei zufrieden, denn rau­chende Ehemänner kommen am ersten über ein schlecht geratenes Mittagessen und das gibt es doch auch einmal hinweg. Dann stecken sie sich ihre Havanna (oder auch ihren Zehner, zweiter Sortierung) in Brand, und du hörst feinen Ton über die versalzene Suppe. Richt- raucher aber, o weh!--

Dein Vorschlag, Sonntags auch einmal in das Hotel zu gehen, ist schön und verlockend. Rur etwas teuer, besonders, wenn man sechs ober sieben Kinder hat. Da meine ich das gilt natürlich für den Sommer lieber hinaus in Wald und Feld, einmal einen ganzen Sonntag im Walde zugebracht I Dann hast du, liebe Haus­frau, nicht nur Theorie, sondern auch Praxis, nicht wahr?

Aber vergiß den Samstag nicht, den Tag der Vorfreude! L.

Prof. Or. Wilhelm Velke.

Wie wir erfahren, hat die Marburger Philosophische Fakultät unserem ge­schätzten Mitbürger, dem langjährigen Mainzer Dibliothetsdireltor Professor Dr. Wilhelm Velke, aus Anlaß seines goldenen Dok­torjubiläums das Diplom erneuert. Die Fakultät bat dabei mit Anerlennung der hohen Verdienste gedacht, die sich der Jubilar als Forscher auf dem Gebiete der Geschichte der Duchdruckerkunst und der rheini­schen Geschichte, sowie als Begründer des Gutenberg museums und der Guten- berggesellschaft erworben hat. Bei uns in Gießen werden viele, die diese Zeilen lesen, noch an andere Dinge beulen: an die erstaun­liche Rüstigkeit, mit der der 74jährige an seinem wohlerworbenen Stammplatz im Lesesaal unserer ilniDerfitätäbibiiotßet tagaus tagein seine For­schungen fortseht, an die bis zur Selbstaufopfe­rung gehende Hilfsbereitschaft, mit der er einem jeden seine große Erfahrung und fein vielseitiges Wissen zur Verfügung stellt, an die anima can- dida, das goldene Herz, das fein Falsch und (eine Feindschaft, sondern nur Teilnahme und Liebe kennt. Diesem seltenen, auch um Kirche und Armenpflege in Gießen verdienten Manne gelten herzlichste Glückwünsche zu seinem Ehrentage! mögen ihm noch viele Jahre segensreicher Wirk­samkeit beschieden sein!

Taten für Tonntag, 19. Februar.

Sonnenaufgang 7.09 Uhr, Sonnenuntergang 17.20 Uhr. Mondaufgang 6.38 Uhr, Monduntergang 14.44 Uhr.

1473: der Astronom Nikolaus Kopernikus in Thorn geboren (gestorben 1543); 1731: Frau Rat Goethe (Goethes Mutter) in Frankfurt a. M. geboren (geb starben 1808); 1745: der Physiker Alexander Volta in Como geboren (gestorben 1827); 1859: der Astronom und Physiker Svante Arrhenius in Upsala geboren (gestorben 1927); 1865: der Forschungs- reisende Sven Hedin in Stockholm geboren.

Daten für Montag. 20. Februar.

Sonnenaufgang 7.06 Uhr, Sonnenuntergang 17.23 Uhr. Mondaufgang 7.13 Uhr, Monduntergang 15.30 Uhr.'

1790: Kaiser Joseph II. in Wien gestorben (geboren 1741); 1810: die Tiroler Freiheitskämpfer An­dreas Hofer und Pater Mayr erschossen (beide ge­boren 1767).

Vornotizen.

Tageskalender für Samstag: Ge­sangvereinHeiterkeit": 8 Uhr,Liebigshöhe", Mas­kenball. RuderklubJjaffio": 8 Uhr, Turnhalle (Oswaldsaarten), Maskenball. Artillerie-Verein: 8 Uhr, Gastwirtschaft Boller, Familienabend. Kutscher-Verein. 8 Uhr, Saalbau Sauer, Masken­ball. Lichtspielhaus, Bahnhofstraße:Sturm­flut". Astoria-Lichtspiele.Die Fremdengaffe von Reuyork".

Tageskolender sürSonntag: Stadt- cheater: 6 Uhr,Der Hexer" (Ende gegen 8.30 Uhr). Kirchenkonzert: 8 Uhr, Johanneskirche. Wie­ner Prater-Abend: 7 Uhr, Neue Aula der Univer­sität; von 3 bis 6 Uhr Kinderfest. Gesangverein Frohsinn": 8 Uhr, (£<rf4 Leib, Maskenball. Turnverein von 1846: 4 Uhr nachm., Turnhalle (Oswaldsgarten), Karnevalistisches Kränzd)en. Lichtspieltheater wie Samstag.

Zu dem Kirchenkonzert, das am morgigen Sonntag, abends 8 Uhr, der Cong- © o n f e r Posaunenchor in der Johannes­kirche veranstaltet, wird uns noch mitgeteilt: Die Mitglieder des Chores sind nicht Derufs- rnusiker, sondern Leute aus den verschiedensten Berufen, die die Ausübung der kirchlichen Po- saunenmusik lediglich aus Liebe zur Sache in ihrer freien Zeit betreiben. Bemerkenswert ist die Instrumentierung des Chores, die nach dem Vorschläge Kustos, des Altmeisters in der Po- saunenchorsache, keine Trompeten, sondern nur weitgebaute Flügelhörner in der ersten und zweiten Stimme verwendet, was einen weichen singenden Ton ergibt. Wer der Meinung ist, alle Posaunenchöre seien nur fähig, eine rauhe und unreine Musik zu machen, der überzeuge sich am Sonntag von der Leistungsfähigkeit eines ernstlich arbeitenden Chores.

Von der Gießener Studentenhilfe wird uns zu dem morgigen Wiener Prater-Abend in der Aula geschrieben:Man ist über und unter der Erde bereits in voller Tätigkeit Riesenrad Katakomben Tanz Studentenhilfe. Wer möchte einem solchen Feste fernbleiben, wo Künstler aus aller Herren Länder auftreten, wo Maderln aus der schönen Wiener Stadt ihren Liebreiz entfalten. Wo der Prater, wo Grinzing, wo der Stephansdom ihre Zauder erstrahlen lassen, wo Wiener Leben in der Gießener Universität floriert. Und bei all der Freude, all dem Trubel einem guten Zweck zu dienen, ist das nicht Pflicht eines jeden Gießeners? Und wo bleibst Du?" (Siehe heutige Anzeige.)

" Die behördlichen Dorfchriften für den Karneval. Das Polizeiamt weist auf die Verordnung des Ministers des Innern vom 7. Januar d. 2. hin. Hiernach ist jede Mas­kerade und jedes karnevalistische Treiben, wie beispielsweise auch das Werfen von Konfetti und Luftschlangen auf öffentlichen Wegen Stra­ßen und Plätzen verboten. In der Zeit von Aschermittwoch ab sind alle karnevalistischen Ver­anstaltungen, wie Maskenbälle, Kostüm- und Trachtenfeste, Kappenabende usw., auch für ge­

schlossene Gesellschaften verboten. Zuwiderhand­lungen werden mit Gefängnis bis zu 3 Monaten unö mit Geldstrafe bis zu 10 000 Mk., oder mit einer dieser Etra'en bestraft. Die Polizeibcamten sind angewiesen, die Einhaltung der vorstehenden Bestimmungen aufs strengste zu überwachen und gegen Zuwiderhandlungen jeder Art unnachsicht­lich einzuschreiten.

Ausstellung der Alice-Sch ule. Vom 19. bis 25. Februar findet in den Räumen der städtischen Gemäldesammiung, Landgraf-Phi- lipp-Platz, Ecle Senckenbergstraße, die die Stadt in anerkennenswerter Weise der im Raum be­schränkten Alice-Schule zur Verfügung gestellt hat, eine Ausstellung von Seminararbeiten der Fachausbildung zur Radelarbeitslehrerin statt. Diese Fachausbildung dauert ein Jahr und baut auf der einjährigen Ausbildung in Hauswirt­schaft auf, während die allgemeinbildenden Fächer, in zwei Jahren aufbauend, durchgeführt werden. Die ausgestellten Arbeiten sind in diesem Jahr vom Gesichtspunkt des Unterrichts­ziels aus geordnet und fassen so die verschiede- nen Lösungen derselben Aufgabe in jedem Falle räumlich zusammen. Eine Führung durch die Ausstellung am Dienstag, 21. Februar, 4 Uhr, soll Interessenten Gelegenheit geben, in diese Ausgaben Einblick zu bekommen, um die Der- schicdenartigleu der Lösungen beurteilen zu kön­nen. Räheres im heutigen Anzeigenteil.

* Bessere Dcleuchtung des Bahn- Hossplahes. Die Reichsbahn hat aus dem Bahnhossplah neuerdings eine sehr hochkerzige Lampe brennen, so daß die Beleuchtung des Platzes, die auch städtischerseits eine Besserung erfahren hat, jetzt nichts mehr zu wünschen übrig läßt.

* D i e evangelische Sterbevorsorge des Hessischen Landesvereins, für Innere Mission hat in der kurzen Zeit ihres Bestehens in Hessen eine Mitgliederzahl von ca. 13 000, im ganzen Reich eine solche von ungefähr 260 000 erreicht; in Gießen selbst sind bis jetzt etwa 200 Evangelische dieser Sterbekasse angeschlo!sen. Die Kasse bietet allen Evangelischen Gelegenheit, schon für einen geringen monat- li en Beitrag eine Beihilfe für den Sterbe­falt sicherzustellen. Die Versicherung tritt sofort nach Zahlung des ersten Monatsbeitrags in Kraft. Aufnahmefähig ist jede gesunde Person bis zum achtzigsten Lebensjahr, ohne ärztliche älntersuchung. Die Sterbekasse fei allen Evan­gelischen empfohlen. Siehe heutiges Inserat.

] Ermittelter Toter. Die vor einigen Tagen in Lollar aus der Lahn geländete Leiche ist jetzt ibentifijiert worden. Es handelt sich um einen Mann aus Wallau (Kreis Biedenkopf), der unter Schwermut litt und den Tod im Wasser freiwillig gesucht hat.

** Aufbaukurse. Eine neuartige Einrichtung zur Erlangung höherer Schulbildung für Jugendliche und Erwachsene trifft die Hanfaschule, Bahnhofstr. 60. Man beachte die heutige Anzeige.

Aus dem Amisverkündigungöblait.

^DasAmtsoerkündigungsblatt Nr.13 vorn 17. Februar enthält: Pachtübertragungen von Siedlungsgelände.' Die Wohl der Beisitzer zum Versicherungsamt. Der Obst- und Gartenbau. Gesuch des Müllers Heinrich Schmitz zu Mainzlar um Genehmigung einer Turbinenanlage. Wasser­versorgung in Obbornhofen. Das Feilhalten und den Verkauf von Weidenkätzchen. >

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NMNöllNS!

Auf,ECHTEN MACEDONEN-TABAKr' den Begriff mochten wir in der nächsten Anzeige noch genauer erklären- entfällt0 heute nur etwa der sechste Teil der samten Orient-Ernte Sein Preis liegt EIN DRITTEL und mehr über dem Durchschnitt des übrigen Orient-Tabaks Es ist deshalb nicht verwunderlich, wenn er im allgemeinen zu Konsum-Zigaretten nicht verarbeitet wen­den kann)-

SCum ersten Mal gibt unsere OVERSTOLZ auch dem Raucher der 5 Pffy-Zig/irette die Gelegenheit, eine echte Macedonen-Mischung zu erhalten-^ie starke Nachfrage, durchs welche erst die Vorbedingung für einen so hohen Tabak-Aufwand gegeben wurde, hat be wiesen, dass der Raucher die (Qualität des Ma- cedonen-Tabaks erkannt hat und seine Vor* Züge zu würdigen versteht-

deshalb möge er auch in Zukunft unterschei­den zwischen dem Sammel-NamenOrieni und dem edlen Tabak aus Macedonien Damit hat er sich einen wichtigen fachlichen Grundbegriff zu eityn gemachh-----

JULACEDONIEN gilt als das Land, in wel­chem die, amerikanische Tabakpflanze zuerst im Orient heimisch wunde-Neben ihm darf man auch die Distrikte umSamsoun und Smyrna als Zentren einer altenTabak Kultur nennen, wenn sie auch nicht die Be­deutung Mazedoniens erlangten- Äls der Zigaretten-Kons um eine gewaltig Steigerung erfuhr, und der Welibedarfan Orienttabak immer grösser wurde,raduendiese Anbauflächen nicht mehr aus-Wie bei andern edlen Naturprodukten, die der Menschheit zu einem Bedürfnis wurden-zum Beispiel beim Weinrso vollzog es sich auch hier Aus dem ur­sprünglichen Anbaugebiet ging man in dies Nachbardistrikte, aus dernTal des Hauptflusses in die Nebentäler, vom Festland auf die Insel- Schliesslich überflutete die LosimgTabak-Avt bau w ie eine Welle alle benachbarten Länder Nach dem Durchschnitt der letzten drei Jahre wurden folgende Tabakmengen produziert- ^GRIECHENLAND jährlich fO Millionen Kilo in der TÜRKEI jährlich 4g Millionen Kilo in BULGARIEN jährlich Millionen Kikr&