Itr 272 Zweites Matt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen) Samstag, (7. November (928
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Ach, ich liebte die Weihnachtsküche. Da lagen sie zu Hunderten entkernt und wurden gewiegt, zerrieben, gemahlen und zerschnitten. Da wurden sie in Zucker- und Eierschaum verrührt. Da wurden sie mit Zitronat und Orangeat fein und klein verwiegt, mit Zimt überstäubt, mit Mandeln gemischt. Da wurden sie geknetet und gewalkt, ausgestochen, auf Häufchen gesetzt, auf Oblaten gelebt und in die dampfende und glühende Ofenröhre geschoben.
3n ihrem süßen Duftgewölk schwebte Weih- nachten. Das war ein Damps aus Schlaraffenland. Das war e’r.e Betörung aus dem Knecht- Ruprechtsberg. So gut und verführerisch mutzte die Luft im heiligen Lande sein. Auf den Blechen glänzten die Honiglebkuchen mit einem glasierten Autz- und Mandelstück im Leib. Die zierlichen und gewürzigen Makronen blähten ihren Fingerhutleib auf. Die schwelgerischen Zimtsterne leuchteten braun und knusperig, und das Weiße und
Raymond pomcare.
Ein Porträt.
.Herr PoincarL ist im Augenblick, da ich dies schreibe, Unterrichtsminister. In einem früheren Augenblick war er Finanzminister, und vorher schon einmal Unterrichtsminister. Der Mann, der soviel regiert hat, zählt heute kaum 35 Jahre. Und vor acht Jahren war er noch Gerichtreporter eines wenig gelesenen Blattes. Ist das nicht eine schöne, demokratische Laufbahn? Sagen wir der Richtigkeit halber: eine mediokratischc. Denn seit Freycinet ist kein so großer mittelmäßiger Mensch aufgetaucht wie Herr Raymond Poincar6. Sein Name wird noch auf vielen Minister- l i st e n stehen, und zwar an der Spitze... Herr Poincarö begeht nämlich keine Dummheiten. Wenn er einmal für lange Zeit verschwinden muß, wird nur eine Uebergeschicklichkeit daran schuld sein." So schrieb Theodor Herzl vor mehr als dreißig Jahren, und die Geschichte hat bewiesen, daß der große, au früh verstorbene Journalist recht hatte. Inzwischen ist Poincarö im Jahre 1906 wieder Finanzminister, im Januar 1912 Minlstervräsident, im folgenden Jahr Präsident der französischen Re- Sublik geworden. Auch in der Zeit nach em Kriege ist er In die Regierung zurckgekehrt, und man brauchte kein Prophet zu sein, um es vor fünf Tagen wahrscheinlich zu nennen, daß der siebenundsechzigjähriae Politiker sich noch nicht endgültig in den Ruhestand zurückziehen wird.
Bei seinem Rücktritt Hot Poincarö zweifellos das strenge, tiefernste Gesicht aufgesetzt, das er bei großen Staatsaktionen zu zeigen pflegt. Man kennt allmählich die verschiedenen Physiognomien und die Zahl der Gesten, die der große Staatsmann, neben Briand und dem altersschwachen Clsmenceau sicherlich der bedeutendste lebende französische Politiker, bei wichtigen Anläßen Aur Verfügung hat. Unbedeutend sah der kleine, breitschultrige Manp aus, wenn er, ein dickes Aktenstück in der Hand, mit schnellen Schritten im Parlament auf die Rednertribüne eilte und mit jedem beliebigen Abgeordneten verwechselt werden konnte. Dann hielt man ihn nicht für den glorreichen Präsidenten einer großen Republik, wie er in den illustrierten Zeitschriften mit stolzem Blick und, zur Erhöhung seiner Würde, mit großer Schärpe, den Ordensstern der Ehrenlegion auf der Brust, gezeigt wurde. Dann hielt man ihn nicht einmal für den Nußknacker, den die Karikaturisten aller Länder aus ihm zu machen suchen, indem sie die Augenbrauen noch buschiger, Die Nase noch mehr nach oben gestülpt und den liebenswürdigen kleinen Spitzbart martialisch gestalten. Dann erschien auch die gewölbte Stirn in ihren richtigen Proportionen, weder so hochragend, wie sie von geschickten und patriotischen Photo- graphen im allgemeinen aufgenommen wird, noch jo niedrig zusammenaekniffen, wie die in- und aus- ländischen Gegner des Staatsmannes es wahr haben möchten. Herzl hat Poincarö vor dreißig Jahren noch mit einem munteren, flinken Eichhörnchen vergleichen können: inzwischen ist er schwer und gesetzt geworden, ohne an Energie und Behendigkeit in der Arbeit einzubüßen.
Dieser Mann ist kein Freund Deutsch- l a n d s. Um seine Haltung voll zu verstehen, muß man wißen, daß er In Lothringen geboren ist: er erblickte am 20. August 1860 in Bar-le-Duc das Licht der Welt, war also zehn Jahre alt, als deutsche Truppen, feindliche Soldaten, In seine Heimatstadt ein rückten. Dieses Bild hat er wahrscheinlich nie vergessen. Gefühlsmäßig wurzelte er nach in seinem Geburtsort, als er schon Präsident der Republik war: damals reifte er gleich nach feiner Wahl nach Dar-le-Duc und hielt dort eine Rede, in der er sagte: „Mir ist, als ob ich von einer langen Reise an den häuslichen Herd zurückkehrte ... Ferne Länder glaubte ich durcheilt zu haben, herrliche Dinge sind vor meinen Augen vorübergezogen, die ich in dankbarer (Erinnerung bewahre, aber mich in eurer Mitte wiederzufinden, erfüllt mich mit unaussprechlichem Wohlbehagen und einem seligen Ruheaefühl." Die Heimat konnte ihm in so angenehmer (Erinnerung bleiben, weil er das Glück hatte, eine ungetrübte Jugend au verleben und in einem Haus aufzuwachsen, das schon dem Knaben viele Anregungen bot Er war
Lob der Nüsse.
Don Anton Schnack.
(Erinnerung, betörende Erinnerung! ...
Hüffe mit frischgewaschenen Rosinen verkant: o unvergetzliche Knabenschleckerei.
O wilde ungezügelte Phantasie, die Rußschale zum großen Piratenschiff zu gestalten, mit einem Streichholzmast und einem Fetzchen roten Glanzpapiers als Blutfahne, und in den Bach zu setzen, wo ihre vielen und braunen Geschwader in das furchtbare und undurchdringliche Dunkel der Kanäle verschwanden, an glühenden Rattenaugen und gurgelnden Strudeln vorbei ...
v Butterbrot, mit Ruh kern dick belegt!
Alle Kinderspiele spielten wir mit Rüssen: Reise um die Well, Fischlein schnapp, Hänsel und Gretel und die aufregenden und ehrgeizigen Würfelspiele. Selig war ich, wenn ich getoann. Aber ein Weinen im Auge stand, wenn ich verlor. Doch ich wußte die Kasten, die Kommoden, dte Truhen und die versteckten und heimlichen Körbe. Was ich an Rüssen verlor, stahl ich mir wieder aus den Körnersieben, die der Knecht auf dem Boden hinter die Kamine zum Trocknen der Rüsse aufgestellt hatte. Jeden Tag zwei Hand voll: da einmal und dort einmal, bis nichts mehr in den Sieben war.
Minister: ein Mann, von dem alle das Höchste erwarteten und der unmittelbar nach seinem Sturz Vizepräsident im Palais Bourbon wurde. (Er galt als ein ungewöhnlich tüchtiger und sorgsamer Jurist, der mit Vorliebe die Prozeße der Schriftsteller und Künsller führte, ein Mann von Willensstärke und Tatkraft, der auch im Alter seine Unermüdlichkeit nicht eingebüßt hat. Von Arbeitswut besessen, pflegte PoincarS noch in den letzten Jahren schon um fünf Uhr morgens aufzustehen, ohne freilich seinen Tag wie der Frühaufsteher Clsrnenceau mit Reiten oder wie Caillau; mit Leibesübungen zu beginnen. Während seiner Ministertätigkeit überflog er sofort, nachdem er das Bett verlassen hatte, die inzwischen eingelaufenen Telegramme, las die Zeitungen und erschien um acht Uhr im Ministerium. Mit großen Unterbrechungen arbeitete er dann bis neun Uhr abends, brachte es aber auch fertig, später noch einmal zum Schrecken seiner Mitarbeiter in das Ministerium Aurückzukehren und dort bis in die späten Nachtstunden Besprechungen abzuhallen. Häufig nahm er um neun Uhr abends wichtige Akten nach Hause mit.
Seine politische Tätigkeit und seine Anwalts- praris ließen Poincorö noch Zeit genug, auch eine Reihe von Büchern zu schreiben, so die im Jahre 1906 erschienenen „Zeitgenössische Ideen" und im Jahre 1912 das Buch „Was Die Stadt verlangt": von 1920 bis 1922 erschien die vierbändige „Politische Geschichte", dazwischen wurden seine ausge- wähtten Reden mit einer biographischen (Einleitung veröffentlicht, und nun liegt schon ein erheblicher Teil seiner Memoiren vor. Das alles war nur mog» lich, weil sich Poincarö immer verhältnismäßig wenig um seine repräsentativen Verpflichtungen bekümmert hat und zum Beispiel sofort nach seiner Wahl zum Präsidenten der Republik im Jahre 1913 einen Teil der Etiketteoorschriften außer Kraft setzte, die seinen Vorgängern ebenso wie vielen anderen (Staatsoberhäuptern das Leben schwer gemacht haben. Er hält überhaupt nicht übermäßig viel von der Traditwn, in der es ja auch nicht üblich ist, daß ein Staatsoberhaupt nach siebenjähriger Präsidentschaft noch einmal einen Ministersessel besteigt. Aber Poincars gelangte schon im Jahre 1922, nach Briands Mißerfolg in Cannes, wieder an die Macht, wurde freilich durch die Wahlen im Mai 1924 uieber von der politischen Tribüne oerjagt und kehrte erst im Juli 1926 als Ministerpräsident wieder.
der älteste Sohn des Straßen- und Brückeninge- nieurs Antoni Poincarö, und sein Detter war der berühmte Mathematiker Henrn Poincarä, durch den er in die Naturwissenschaften eingeführt wurde und dessen Tod der Ministerpräsident im Jahre 1912 sehr beklagt hat. In der Schule war der spätere Staatsmann, im Gegensatz zu der Mehr- Aahl seiner berühmten Amtskollegen, einMusterschüler, der sich nie etwas zuschulden kommen ließ, und der durch sein ernstes, altkluges Wesen auffiel. Man lobte schon an dem Knaben die strenge Logik, das sichere Auftreten, das er sogar behielt, wenn er seine Gedichte vorlas. Denn Raynwnd, der jetzt Wert darauf legt, in seinem Aeußeren und seinem Auftreten einem trockenen Justizrat zu !strichen, hat als Fünfzehnjähriger Verse g e • chrieben und auch spater aus seinem empfind- amen Herzen fein Hehl gemacht. Seine Weichheit Aeigte sich besonders in der zärtlichen Behandlung, Die er seinen Haustieren angedeihen ließ, und auch der etwas rauhe Drill, der dem Gymnasiasten in einem Pariser Internat zuteil wurde, konnte diese Gemütsregungen so wenig ersticken, daß er noch im Jahre 1899 im Generalrat seines Departements eine Verteidigungsrede — für die Spatzen hielt, deren Freiheit beschränkt werden sollte.
Don einer Kleinigkeit hing es ab, daß man heute bei dem Namen Poincarä nicht an einen großen Literaten, sondern an einen bekannten Staatsmann denkt. Raymond wollte Literatur studieren, sollte aber Jurist werden und einigte sich schließlich mit feinen (Eltern darauf, sich in die Rechtsfakultät einschreiben zu laßen, aber nebenbei an der Sorbonne literarische Dorlesungen zu hören. Er hatte das Glück, im Quartier Latin in eine Pension zu geraten, in der der junge Mi11erand, Gabriel Hanotaux und eine Anzahl anderer, später au Ruhm gelangter Studenten verkehrten. Bald siedelte seine Familie von Bar-le-Duc nach Paris über; er verließ jedoch die französische Hauptstadt und verlor als Soldat schließlich die romantischen Neigungen seiner Jugend. Im Jahre 1880, zwanzig Jahre alt, wurde er Advokat. Schnell wurde ihm bewußt, daß es in Frankreich nur zwei Wege gibt, zu politischem Ansehen zu gelangen: die Laufbahn des Juristen und die des I o u r n a • listen. Er schlug beide ein, wurde schon 1887 zum Abgeordneten gewählt und zog im Alter von 27 Jahren in die Kammer ein. Nun begann sein beispielloser politischer Aufstieg. Don 1893 bis 1895 war er abwechselnd Unterrichtsminister und Finanz-
Politik in der Antarktis.
Der Wettlauf zum Südpol. — Kohle unter dem Eise. Don Or. Alphonö Nobel.
Bevor Major Byrd zu seiner diesjährigen Südpolexpedition aufbrach, begab er sich nach Washington, sich dort informieren zu lassen, wie er sich auf neuzuentdeckendem Territorium zu verhalten habe: ob er es für die Vereinigten Staaten annektieren könne und solle. Es ist uns nicht bekannt, was das amerikanische Staatssekretariat dem besorgten Forscher geantwortet und welche Instruktionen er empfangen. Immerhin ist anzunehmen, daß er. wie seine beiden Konkurrenten, die gleichzeitig nach dem Südpol aufbredjen, die nötigen Exemplare des Sternenbanners bei sich hat, um mit ihnen d l e Besitzergreifung der Region des ewigen Eises zu dokumentieren; in einem ernsteren und energischeren Sinne, als der vielge- schmähte Nobile, der eine kleine grünweißrote Triko- lore über dem Nordpol ab warf, nicht um ihn zu annektieren, sondern um ihm die Grüße des Duce au bringen. Aber Amerika will hier Besitz. Ind wenn Amerika, das reichste, mächtigste Land, o etwas tut, findet niemand etwas dabei. Quod icet Jovi (aus Washington), non licet bovi (aus Rom).
So ganz einfach ist das aber mit der Besitzergreifung des Südpoles nicht. Denn wenn auch erst sehr wenige Menschen die Antarktis betraten, und überhaupt erst zwei Männer, nämlich der Engländer Scott und der Norweger Amundsen, den
geschnörkelte Eprihgebackene roch seltsam nach Va- nille und unbekanntem Märchengewürz.
In einer Silbernutz schien ein Wunder zu fein. In einer Goldnutz aber ein Geheimnis. Waren wir nicht kleine, abergläubische Stirnchen und Seelchen? Erschraken wir nicht manches Mal, wenn wir so eine blitzende und funkelnde Rutz knackten? Es konnte ja ein kleiner purpurroter Ruhteu'el herausspringen, oder ein schneeweißer alabasterner Käser mit langen Goldfühlern uns entgegenfunkeln, oder ein traumgeröteter Engel voll Schneelicht und Sternenfeuer herausschweben.
Ach, auf alle Zaubereien und wunderbaren Dinge waren wir gefaßt. Aber es geschah nichts, und doch schienen die Kerne dieser silbernen und goldenen Russe für uns eine besondere Süße und eine besondere Weihe zu haben.
Zu den Rüssen gehört ein Rußknacker. Wir hatten einen Goliath mit blutroten Lefzen, fletschender Zunge und blitzenden Tierzähnen. Sein Wams war blau, sein Kopf war wild und seine großen Glasaugen blickten starr und drohend.
Er war ein unermüdlicher, gewaltiger Knacker und Fresser. Taulende von Rüssen, große und kleine, mußte er zwischen sein krachendes Gebiß nehmen und lustig aufknacken. Im Sommer und Frühling allerdings hatte er feine Zeit; da schlief er im Ofen und sprach kein Wort und die Spinnen krochen ohne Angst und Scheu in fein unbewegliches und riesiges Maul. Aber wenn der Oktober kam, da blinzelte er und rumorte in seinem kühlen Sommerwinkel und wenn er die ersten Rüsse in unseren Bubentaschen rascheln und klappern hörte, mit einem Satz stand er da auf dem Tisch, sperrte das heidnische und wilde Drachenmaul auf und schrie sein wildes, per- wegenes und erbarmungsloses Knack, Knack, Knack...
Reue Rüsse imb neuer Wein: das ist die erste große Schwelgerei des Landes im Herbst. Dann trimmt der wurstreiche Schlachttag. Dann kommt der wilde und gewürzig dampfende Hasenpfeffer mit den Klößplatten auf den Tisch. An Weihnachten wird mit freudigem Geschrei die von Fett triefende, goldbraune Gans begrüßt.
Herrlich säuft sich die süße, trübe Brühe, die der Dauer frisch aus der Kelter schöpft. Ein Saft voll Kraft und Horrig. Herbei nut einem Backkorb junger Rüsse, denen man noch die Haut
Südpol sahen, so haben doch sehr viele andere Män- ner über die politische Seite nachgedacht. Da sie aber nickt in die ungeheuren Eislandschaften, die den Südpol umgeben, ziehen wollten, hier die Grenzsteine elnzusetzen, die Schilderhäuschen in den Landesfarben aufzurichten und vielleicht sogar Zollstationen zu begründen, so nahmen sie einfach die Landkarte, hielten sich an die Längengrade und mallen sie bzw. die dazwischen liegenden Flächen an — eine zwar hellere, doch folgenschwere Beschäftigung: so sind schon zwei Sektoren des Südpolkreises zu e n g l i • schem Eigentum erklärt worden, obwohl die Engländer gar nicht wißen, was ee da alles gibt.
Nun muß Der Leser sich einen ungefähren Begriff von der Gestatt dieses Südpoles und seiner weiteren Umgebung machen. Es ist nicht so klein, wie er, der Leser, wohl denken mag: der antarktische Erdteil ist anderthalb mal so groß wie Europa. So liegt der Südpol auf Land; anders wie der Nordpol, der im Meere liegt. Dieses Südpolland ist in mehreren Hinsichten merkwürdig. Wäre da kein Els und Schnee, so würde es sich vielleicht ausmachen wie Tibet: ebenso umgeben von gewaltigen Randgebirgen und selber eine Hochfläche. Freilich sind die Randgebirge nicht so hoch wie der Himalaja, gehen nicht bis 8000 Meter, sondern „nur" bis 5000! Die Höhe der Fläche mag durchschnittlich 2500 Meter sein. So hoch liegt auch der Südpol!
von dem schneeweißen, öligen Fleisch abziehen kann!
In meiner Erinnerung stehen diese Tage als schweigsame und schwelgerische Stunden. Rur das Krachen der Rußschalen war zu hören, die Lip- Peri schmatzten und die Zähne gingen unermüdlich an ihre zermahlende, herrliche Arbeit. Lind der Wein lag wie dunlles, trübes Blut im Glase: heiliges Erdblut, heiliges Sonnenblut, helliges Fruchtblut . . .
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Immer liebte ich die einsame, beängstigende Streiferei durch das Haselnußgesträuch. Es lieferte die schönsten Ruten, kerzengerade und pfeifende Wurfspeere, und die Rüsse, in denen schon ein Geschmack von süßen und feinen Mandeln war. Immer zwei oder drei saßen wie lustige und koboldhafte Köpfchen beieinander. Wunderbare Dinge trieb ich dabei auf, wenn ich lautlos und heimlich durch das brennende Herbstlaub kroch: rasend ängstliche und lächerlich springende Hasen, eine kullernde Amsel, die laut zankend hinwegstvb oder das Gefieder einer, von einem Habicht zerfetzten, Taube.
Aber ich sammelle nur, klopfte auf mit ein paar Waldsteinen und atz unermüdlich. Lind immer schleppte ich der Mutter einen kleinen Stummel für die Weihnachtsbäckereien und den Nikolaustag heim. Beglückt war ich, wenn ich dabei tote Blutnüsse fand. Sie schienen von Geheimnissen umwittert zu sein und meine Knabenphantasie griff fte mit scheuem Finger an. Denn wir hatten einen Knecht im Hause, der erzählte, dah sie ihren Saft aus einer Blutlache ziehen würden. lind ich versuchte von diesen roten und fetten Rüssen keine, aber er aß sie mit einem grinsenden Lachen.
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Herrlich und unvergeßlich war die Zeit der Rußernte. Die Rußbäume meines Vaters waren Jahr für Jahr mit Früchten gesegnet. Sie standen alle wie stolze und mächtige Könige auf unseren Waldäckern und an den Eingängen zu unseren Weinbergen. Wir sahen sie grünen, wir sahen sie mit unscheinbaren Blüten sich schmük- ken, wir sahen, w e sie kleine, perlengrotze Frucht cmsetzten, und wie die Früchte immer größer wurden. Die Tage der Rußernte waren ans wilde, lustige, schwelgerische und verwegene Feste. Ich durste bis in die obersten Wipfel steigen und mit einer Stange an die Aeste schlagen. Wie
Das ist die eigentliche Antarktis, ein großer, ziem- lich kreisförmiger Landblock, in dessen Mitte sich der Südpol befindet. Dieses Land hot zwei gewattige Meerbuchten, die eine „-'egenüber" von Neuseeland, genannt das Noßmeer, die andere, genannt das Weddelmeer, auf der amerikanischen Seite gelegen. Wenn man sagt: Meerbuchtcn, so darf man sich natürlich nicht offene See vorstellen. Alles ist vereist, wenn auch die nördlichen Teile (also die wärmeren, wir sprechen ja vom Südpol) manchmal die feste Eisdecke sprengen können. Nun geht über das Roßmeer eine sog. Eisbarriere, südlich deren das Els fest und unbeweglich verharrt: die Barriere selbst ist an die 50 Meter hoch und hat eine Länge von 750 Kilometer (das ist ungefähr so weit wie Paris von Berlin entfernt liegt). Die größten Sehenswürdigkeiten dieses Roßmeeres aber wird, wenn es erst dem Fremdenverkehr erschlossen ist, die Vulkaninsel sein, ein kleines Eiland, auf dem sich der feuerspeiende E b e r u s 4000 Meter hoch türmt. Das sind 1000 Meter mehr, als der Aetna hat. Jeder, der einmal Bücher der Südpolfahrer las, wird sich der imposanten Schilderungen dieses feurigen Ungeheuers über der ödesten Eiswüste der Welt erinnern. 1908 haben ihn einige Gefährten des berühmten Shakleton bestiegen. Wundervoll muß das Glühen des Vulkans in den kalten Nächten sich über dem weißen Erdteile ausmachen. „Mitunter war die Glut so stark, daß der Krater von einer großen feurigen Krone bedeckt war." So berichtet Shakleton.
Don diesem antarkttschen Zipfel cous sind bisher alle bekannten Südpolfahrer nach dem Südpolplateau vorg?-drun''en. Die Eisbarriere hat nämlich eine große Einbuchtung, die etwas wie natürlichen Schutz bietet: hier waren die Standorte der Exvedittonen; und wahrscheinlich wird auch Dyrd hier ^eine drei Flugzeuge verwahrt halten. Ob er Starterlaubnis von den Briten hat? Denn England hat diesen Teil des antarkttschen Erdbcils bereits für seinen De - s i tz erklärt! Das ganijie Roßmeer soll zu Reuseeland. dem britischen Dominion südöstlich Australiens, gehören! So wäre auch der Südpol selbst auf britischem Grund und Doden gelegen, obwohl der Norweger Amundsen ihn zwei Wochen vor dem Briten Scott erreichte. Bekanntlich konnten das die Engländer nie verwinden. Scotts tragisches Schicksal ist bekannt: auf dem Rückweg: vom Pole zum Roß- rneer geriet er mit seinen Gefährten in einen der fürchterlichen antarkttschen Stürme — man weiß das aus den später gefundenen Tagebüchern — und siel der Ratur zum Opfer.
Amundsen aber kehrte heil nach Europa zurück, was offensichtlich den Briten kränkte. Denn als ihm die Königlich Britische Geographische Gesellschaft in London, deren Mitglied Amundsen war, «in Diner gab, ereignete sich ein sehr bezeichnender Zwischenfall. Lord Curzon, damals noch Präsident der Gesellschaft, brachte den Toast nicht auf den Forscher, sondern a u f dessen Polarhunde aus, die seine Schlitten gezogen Hattern Amundsen nahm diese offen* sichtliche Beleidigung schwer übel; er erzählte es amerikanischen Reportern und versäumte auch nie, bei seinen öffentlichen Dorträgen in den Bereinigten Staaten den Reid und die Mißgunst der Briten festzustellen. Die Königlich Drittsche Geographische Gesellschaft forderte rhn auf, diese Behauptungen zurückzunehmen, was er verweigerte: daraufhin wurde er auS der Gesellschaft ausgeschloffen.
■Die englischen Blätter haben jetzt noch den Tod des heldenhaften Forschers sehr kühl und sachlich zur Kenntnis genommen. Immerhin ließen sich die englischen Politiker durch den Vorsprung Amundsens nicht aohalten, diese Antarktis für sich in Anspruch zu nehmen. Damit wäre also das britische Weltreich der größte Eis- Herr auf unserem Erdbälle: im Rorden die unermeßlichen arktischen Strecken Kanadas und seiner eisbrdeckten Inselwelt; im Süden der australlsche und der amerikanische sogenannte Sektor.
Warum aber diese Habgier? Was ist so reizvoll an diesen schneebedeckten und unwirtlichen Landschaften, an diesen Gletscherbüsten und Eisbergen, an diesem sturmdurchtosten ant-
ein dicker Platzregen ging es hernieder auf dl« kühle Herbstende, wo Vater, Knecht und Magd, Bruder und Schwester versammelt gebückt uu5 einsammelnd beschäftigt waren. Plauh, schlug eine Ruß dem Knecht auf den grünen alten Hutt Plauh, hüpfte eine andere der Magd auf den fetten prallen Rücken, daß sie au, lachte. Lind plauh, traf eine andere den BruLer auf dre Rase, daß er mit der Faust heraufdrohte und schrie, ich wäre es gewesen.
Llnd durch den nahm Wald streiften die Jäger, und es knallte durch die Büsche. Lind in den Wiesen weideten die Kühe und Ziegen. Lind auf den Aeckern brannten die Kartoffelfeuer, und der Wind trieb einen Duft von Erde und Rauch herüber. Lind durch die Luft zog die Kranichschar in einem Keil und schrie. Lind vom Flusse her stieg der Abenddunst auf und ballte sich zum Rebel. Lind die wilden Enten strichen schillernd und scheu durch das mannshohe und starre Rohr.
Es sind Erinnerungen, Erinnerungen, die wie Sterne aus dem Himmelsgrund der Jugend her- überleuchten in den Schatten und in die Trauer des Alters.
Lind noch einmal mochte ich durch das wilde Haselgesträuch ft reifen, und noch einmal mochte ich mich im Wipfel des Rußbaumes wiegen und noch einmal möchte ich mich in die Weihnachtsküche der Mutter schleichen und mir ein Däh- chen aus der Schüssel mit Rußteig stehlen.
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Aber getrost: im Winkel meiner Vorratskammer zwischen Quittengelee und getrockneten Heidelbeeren habe ich drei beglückende und hohe Bullen von Rußschnaps stehen. Lim ihre dicken Pfropfen habe ich viel Seinen gewickelt, damit kein Hauch ihres geläuterten und vollen Geistes verloren gehe. Seine dicke, schwarz-grüne Farbe haben viele Jahre ausgekocht, gereinigt und ge- llärtt Sein Trank ist wie Feuer und sein Geschmack aus Oel und herber Süße schüttet inS Blut Weisheit und Verachtung. Seine wilde, brennende Kraft segnet meine Stubenhockerci und duichglüht mein stundenlanges Geigenspiel. Er ist ein göttliches Getränk, und er bringt in mein Herz und in meine Gedanken wie ein vollkommener und beseligender Kuß.
Llnsichtbarer Leser, schattenhafter Mensch, Grübler oder Lächler, Schwelger oder Verächter, Gütiger und Frommer, fröblich trinke ich dir au« meiner Rachtkammer zu! ...


