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Aue der provmzialhaupisiadl.

Gießen. den 17. lllovember 1928.

Oer unentbehrliche Feind.

Da steht der kleine K:rl. kaum so grob wie eine Hntertaf «, oft noch windiger, mtt seinem rmw^l, unschuldigen De icht und tickt und tiat llnö welch». Grausamkeit verbirgt sich htn.ee d.esem gleich- mäßigen Licken! Rur wenig Mensen können i^n entbeh.en. diesen kleinen Mahner, den W ecke r.

Es ist wahrlich eine große Familie. Zn? au« dem Geschlecht der Uhr-m. Den Arm der reifenden Damen laber auch dec Herren!) schmückt die meb- lieh« Armbanduhr, in der Me te steckt dienor- male Taschenuhr, an der Wand sehen wir a Le möglichen Arten, und erst die ganz großen, die Standuhr im Speise.'immer und hoch auf dem Turm die Kirchenuhr! Sie alle begl.ilen uns im Leben, mahnen, trösten, erfreuen oder e sch ecken uns. Keine H&c aber ist unangenehmer als der Wecker, und doch steht er fast in jedem Hause. Die Menschen, die ohne ihn au-ürmmen, sind zu zählen. Wohl gibt es bei ganz regelmäßigem Leben eine solche Sicherheit deZ Wachwerdens, daß man den Q inen Mahner nicht braucht: aber bei Reisen, an wichtigen Tagen, sen wir ihn aufziehen and seufzend bekennen: .Hoffentlich weckt et auch zur rechten Zeit!"

Und er tut seine Schuldigkeit, ohne Murren, ohne besondere Mehrforderung, schicht und ein­fach wie etwa- Selbstverstand iches. aber auch ohne Herz und Seele. Gr kennt keinen Linier- schied zwt chen jung unb alt. zwischen reich und arm, er fennt nut feine Pflicht.

Da liegt der kleine Quartaner, umgaukelt von den schönsten Träumen, mit roten Wangen, halb- offenem Munde. Die erste Morgendämmerung ist kaum angebrochen. Er schläft so süb und ist weit, weit von hier. Er sucht und findet Aben­teuer drüben in Amerika, kämpft mit Indianern wie ein Held, und mitten im schönsten Karl- Matz-Roman ertönt da« laute Rasseln des Weckers. Die Schlacht ist aus. Roch weih er nicht, wo er eigentlich ist. noch kämpft er mit Scharen fliehender Feinde. Die müden Augen öffnend, erlebt er die frühe Dämmerung, verflogen und verhallt sind Siegesruse, Ao segetrappel und Ge­wehrsalven. Einen bösen Blick wirft b r Träumer auf den Wecker und steigt noch schlaftrunken aus den Federn. Unb, o Schreck! da liegt auch noch das lateinische Uebungsbuch. Cie schrei­ben ja heute eine Arbeit, und er wollte die Sähe noch einmal durchgefen. Traum unb Wirklich­keit, .Der dumme Wecker!" knurrt er. dann aber schasst daS kalte Waschwasser Ordnung in seine Gedanken.

Äebenan dem Primaner geht es ebenso, nur sind seine Ausdrücke etwas stärker und drasti'cher. und an Stelle des Lateinbuches findet er als Morgengruh einen Zettel mit brr vertrackten Gleichung, die ec nicht lösen kann, aber keinen der Blicke der blonden Else, von der er eben noch geträumt hatte.

Grausam und unerbittlich zerreißt der kleine Wecker die schönsten Augenblicke, führt uns aus seligen Geck den wieder hinein In die harte Wirk­lichkeit. In den grauen A ltag. Wenn eS noch fo stark stürmt und regnet draußen, ober wenn die ganze Welt in Eis unb Schnee erstarrt ist. eS hilft alles nichts. Du mußt dein warmes Lager verlas,en: denn er hat das harte Wort ge­sprochen: Heran«! Da hilft kein Zögern, kein Bitten unb Betteln.

An bte paar Tage im Jahre, an benen an­der Wecker mit Freude den Morgen anzeigen will, an dem wir unsere Erholungsreise antreten wollen oder zu einem schönen Feste geladen sind, denke ich gar nicht: die sind ja so selten, und außerdem sind wir viel zu aufgeregt, daß wir an diesen Tagen niemals verschlafen unb ganz gut ohne Wecker auSkommen. Qlber daran ist er ja nicht schuld.

An einem Abend in der Woche nicke ich aber meinem Wecker freund.ich zu unb sage ihm gut gelaunt:Gute Aacht, aitec Geselle, morgen früh brauche ich dich nicht." Das ist der Samstag­abend. Unb wenn ich dann am Sonntag meistens leider zu früh aufwache und sehe ibn da auf dem Nachtschränkchen stehen, dann halte ich ihm gern eine kleine Moralpredigt:Siehst bu, lieber Freund, auch du bist manchmal ent­behrlich. es geht auch einmal ohne dich. Gibt es nicht auch Menschen, die immer mahnen unb

Schwerer Orkan über England.

Oie Kanalschifsahrt lahmqelegi. Schwere Sturmschäden auf den Inseln.

Conboa, 16.Roo. (2BIB.) Der Im englischen Kanal wütende Sturm Hot bei einer D.ndgeschwin- bigkeil von 60 Mecken in bet Stunbe eine so un­geheure Wucht entwickelt, baß selbst große Passagierdampfer non den Wellen w i e leichte Bälle hin unb hergeworfen wurden. Der RicsenbampferMlaunla der Gunarb- Cinie, ber von Southampton auslaufen sollte, konnte benhafennlchtnerlassen. Vier rie- sige Krane, bie auf dem Qnai stauben, wurden non ihrer Itntertonftruftion lovgerissen und stürzten zu Boden. Liner non ihnen, im Gewicht non 15 Tonnen, zerschmetterte den dicht besetzten Er­frischungsraum auf dem Qual Drei Personen wur­den verletzt. 3n Liverpool traf ein Dampfet ohne Schlot ein. Der Sturm hatte den Schorn- stein einfach abgerissen. Die auf den verschiedenen Routen in ber Uebersahrt England Frankreich beschäftigten Schiffe konnten, soweit sie noch unterwegs waren, nur mit äußerster Mühe ihre Bestimmungshäfen erreichen Auch das Anlegen innerhalb bet hafendämme bereitete noch erhebliche Schwierigkeiten. 3n vielen Kanal- Häfen ist das Auslaufen von Schiffen überhaupt unmöglich. Der Flugverkehr ist etnge- stelll. 3eboch ist eine 20 Personen fassende Der- kehtsmaschine von Pari» kommend noch in Lroy- ben eingetroffen. Sie hatte unterwegs einen furcht- baren Kampf mit b e m Sturm zu be­stehen. lieber dem Kanal wurde die Maschine plötz­lich vom winb herabgebrückt unb glitt eben noch wenige Fuß über bem Mast bee DampfersMaid of Orleans" hinweg.

Auch in Conbon herrschte nachmittag» ein mit wolkenbruchartigeu Regengüssen verbundenes Sturmwetter. 3m Telegraphen- unb Telephon­verkehr würbe beträchtlicher Schaden ungerichtet. 3n vielen Fällen würben Straßenpassanten vom winb zu Boden geschleudert. Da» orkanartige Un­wetter hat im ganzen (Belief ber englischen 3useln große Verwüstungen ungerichtet. Die von allen Seiten einlaufenben ersten Berichte sprechen bereit» vom Einsturz ganzer Häuser, von meh- rereuToteu und zahlreichen verletzten, unb überall finb bie Straßen mit ben Trümmern herabgestürzter Schornsteine und zerschmetterter Fenster bedeckt.

Unwetter über Holland.

Amsterdam, 17. Dov. (XSL) Heber Holland und dem Kanal wütet feit Freitag ein heftiger 6turnt, der überall großen Schaden anrichtet. 3n Rotterdam wurde e ine Schule fo arg beschädigt, daß sie geschlossen werden mußte. Mehrfach wurden Schiffe im Hasen durch den Sturm vorn Anker los Kris en, ohne daß jedoch Menschen zu Schaden kamen. Die Antenne der Rundfunk st ation in Huizen wurde vom Sturm umgelegt und auch dec Zugverkehr zwischen Amsterdam und Rotterdam war zeit­weilig gestört. Besonders die Schiffahrt hat große Schäden erlitten. So strandete bei B m u i oe n der spanische DampferJmanol", (in zweiter spanischer Damp er liegt mit gebrochenem Steuer vor dem S)afeneingang Rotterdam. Der eng ische DampferOaffielb wurde vom Anker logge­nden. konnte aber von Schleppern wieder ein­geb raebt werden.

mahnen und glauben, ohne sie ginge die Welt unter? Siehst du, so ein Geschöpf bist du auch. Du glaubst wunder, wie nötig du wärst, und doch gibt es Zeiten, in denen wir dich wohl ticken, aber nicht rasseln las en. Gerade fo lassen tri auch solche unnützen Wahne: r.den und r.den, doch wir hören nicht darauf. Aber ein tüchtiger Ä.*ri bist du trotzdem. Weißt du noch, wie du vor vielen Jahren mit anderen Kameraden im Schranke meines Freundes standest?"

Ja, das ist schon lange her, aber schön war es doch. Wir hatten unfern Freund zu einer kleinen Festlichkeit abgeholt, und jeder von uns sieben hotte in Watte wohl verpackt In seiner Manteltasche seinen eignen Wecker. Während Karl, der nie fertig wurde, hin und her rannte, schafften wir die Wecker unauffäl ig in seinen Kleiderschrank. Sie waren so gestellt, daß von zwei llhr nachts an alle halbe Stunde einer wecken sollte. Den Schlü.sel zum Schrank zog ich ab und steckte ihn in meine Tasche. Natürlich kamen wir erst nach Mi temacht heim, lieferten Karl bei seiner Hauswir.in ab und suchten selber unsere Klau e auf. Wir sieben sch.ie'en alle gut, aber Karls Rächt vertief etwas unruhiger. Kaum war er eingefchlafen, als der erste Wecker an ing zu klingeln. Karl war )u müde, um festzustellen, wo es tlinge te und schltef wieder ein. Eine halbe Stunde später kam dann daS harte Ra lein eines Deinen gelben, bann folgte ein Repe.ier- wecker usw. Als er schließlich entdeckt ha'.te. wo eigentlich diese Quälgeister standen, da hatte er keinen Dchlüs ei. und feinen Kl.iderfchranl konnte er doch nicht zertrümmern, dachte auch, eS ist der letzte. Leider war es noch nicht der letzte...

Wir erschien en am Mittag mit b?n un chuldig- sten Gesichtern und liehen dann das Donner­wetter über unS ergehen.

Ja, warum sollte auch solch ein ernster Mah­ner nicht einmal zu einem Scherz mißbraucht werden? Ich habe ihn noch, den Wecker, der damals mithalf, daß Karl nicht schlafen konnte, und an so einem schönen Sonntagsmor^en steigen da manchmal alte, langst vergessene Geschichten ». Morgen aber, wenn er wi.der fein har'es ei auf mich niederschmettert, schaue ich ihn nicht so freundlich an.

Schade, daß man keinen Büchmann hat, in dem die lieblichen Aussprüche stehen, die wir und unsere Mitmenfchen beim Ertönen des Weckers von un« geben. ES wäre gewiß eine wunder­volle Blutenlese! P-

Unser neuer Roman.

3n unserer Ausgabe vom kommenden Montag, 19. d. M, beginnen wir, nachdem die Erzählung Geld fällt vom Himmel" in der heutigen Rüm­mer abgeschlossen wurde, mit der Veröffentlichung eines neuen großen Romanwerkes. Die Verfas­serin,

I. Schncider-Foerstl,

ist den Lesern des Gießener Anzeigers nicht mehr unbekannt, dürste vielmehr zahlreichen Freunden unseres Blattes von ihrem früher hier mit außerordentlichem Erfolg abgedruckten Ro­manMärtyrer der Liebe" noch in bester Erinnerung sein. Das neue Werk, eine der ge­lungensten Arbeiten der beliebten Autorin,

Lache Bajazzo!",

ist ein überaus spannender und packender Ge- sellschafts- und Liebesroman, der, hauptsächlich in Wien spielend, eine Fülle von Ereignissen und Gestalten In buntem Wechsel lebendig und ein­dringlich an uns vorüberziehen läßt und die Handlung nach immer neuen, überraschenden Wen­dungen, ohne einen Augenblick an Spannung zu verlieren, mit dramatischer Steigerung einem harmonischen Ausklang zuführt.

Die Verfasserin, die, wie der ungewöhnliche Erfolg ihrer Romane beweist, den Geschmack des Lesepublikums vorzüglich zu treffen versteht, dürfte mit diesem neuesten Werk den KreiL ihrer zahl­reichen Anhänger noch bedeutend erweitern. Wir hoffen jedenfalls, mit der Erwerbung de« kom- menben RomanS einen mindestens ebenso glück­lichen Griff getan zu haben wie mit dem ersten, und wir wünschen, daß er den gleichen Anklang bei unseren Leserinnen unb Lesern finden möge wie jener.

Schwere Novemberstürme.

Der gestrige Tag brachte uns ein sehr übles Rovembecweiter. Schon am Rachmittag gingen beträchtliche Regenmengen hernieder. Am Abend gegen 7 älhr erhob sich plötzlich ein gewalti­ger Sturm, ber von wolkenbrucharti­gem Regen begleitet war, so daß die zahl­reichen Straßenpasianten in wenigen Augenblicken völlig durchnäßt wurden. Der Sturm riß in ber Marburger Straße einen der großen Bäume um unb stürzte ihn quer über bie Straße, bie dadurch völlig versperrt wurde. Der stürzende Baum ritz bie elektrische Strom­

leitung herunter, wodurch ber Stratzea- bahnverkehr zum ötlflftanb kam. Die alsbalb herbe.gerulene Feuerwache beseitigte daS Verkehrshindernis und legte dabei einen gegen* überstehenden Daum, ber ebenfalls dem Stur- nahe war, teÄweise nieder. Ferner wurde bie Starkstromleitung sofort wieder in Ordnung ge- bracht, so daß die Straßenbahn nach cttrxi halbstündiger Pause wieder verkehren konnte. Zum Glück tarnen Menschenleben bei dem Slurz des Baumes uib der Beschädigung der Stark­stromleitung nicht zu Schaden, jedoch war man in Wieseck infolge ber Stromunterbrechung fast eineinhalb Stunden ohne elektrische Beleuchtung. Auch au der Straße nach Annerod wurde ein Daum vom S u.nn umgelegt und über die Straße geschleudert, wodurch diese gesperrt war. Die Feuerwache sorgte auch hier für die Beseiti­gung des Hindemisies. Rachdem das heftige llnwetter gegen */«8 Uhr fein Ende erreich? hatte, trat vorübergehende Aufklärung ein. je­doch begann gegen 11 Uhr erneuter Regenfall, dem dann von Mitternacht ab ein heftiger, fast die ganze Rocht währender Sturm folgte. Welche Schäden hierdi rch in Wald und Gärten entstan­den finb, ist bis zur Stunde noch nicht bekannt.

** Prof. Dr. Ernst Leutert Gestern nach­mittag ist der ord. Universitätsprofessor L 9t Dr. med. Ernst Leutert nach schwerer Krankheit im 66. Lebensiahr verstorben. Der Verewigte war als früherer Direktor unserer Universitäts-Obrcn-Klinik eine in weiten Kreisen bekannte und geschätzte Per­sönlichkeit. Eine eingehendere Würdigung de» Heim­gegangenen beb alten wir uns vor.

Der Dau des Marktlaubenge­bäudes an der Markllaubenstraße wird am Montag in Angriff genommen. Zunächst werden die dort stehenden Bäume gefällt, anschliehenb wird mit den Ausschachtungsarbeiten begonnen werden. Der Wochenmarkt findet vom nächsten Dienstag ab nur auf ber einen Hälfte ber Markt­laubenstraße, Im übrigen auf dem Drandplatz, dem Landgras-Philipp-Platz, in der Sencken­bergstraße und auf dem Kanzleiberg statt. Ein Heiner Teil des Lindenplahes bleibt zunächst noch für den Wochmmarkt frei.

** Umbau Im (Siebener Bahnhofs­gebäude. Wie wir zuverlässig erfahren, wirb jetzt im (Siebener Bahnhofsgebäccde erfreulicher­weise em größerer llmbau vorgenommen. Der Fürstenpavillon wirb zur Aufnahme von Bev- waltungsbureaus heraerichtet. die zur Zeil neben den Fcchrkartenausgaberäumen ihren Platz haben. In die Räume d-eser Bureaus soll bann die Gepäckabfertigung aus b:r Bahnhofshalle ver­legt werdnr, fo daß dadurch bie Bahnhofshalle um den Raum der Gepäckabfertigung erweitert werden kann. Hoffentlich wird man bei dieser Erfüllung einer dringenden Rotwendigkeit auch die Dahnstergsperren innerhalb der Bahnhofs­halle beseitigen und an die Hallenausgänge ver­legen.

(weitere Lokalnachrlchlen im 2. Blatt)

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