Nr 245 Drittes Blatt
Eichener Anzeiger (General-Anzeiger für Vberheffen) Mittwoch, (7. Oktober 1928
Neue Romane und Novellen.
— Klabund. Borgia. Roman einer Familie. 242 Seiten 8°. Phaidon-Derlag, Wien 1928. (434) — Lieser Roman, eine ter letzten Arbeiten des Frühverstorbenen, knüpft stilmäßig an frühere Erzählungen wieder an, etwa an die Histone „Pjotr". Hier ist Klabunds eigengeschaffene Form des impressionist.schen Kurzromans, die seiner stilistischen Diktion entspricht, und die eine Erzählung entstehen läßt, welch: man leicht, Seite um Geile, Kapitel um Kapitel, wie einen Unter» Haltungsroman im Fluge liest. Dann! soll nichts gegen die künstlerisch: Leistung des Buchs gesagt sein, im Gegenteil, es ist eine außerordentlich gute Arbeit, die sicherlich zum 'S. ft en und Stärksten gehört, was Klabund zci letems geschaffen hat, angesichts derer man fein allzu- srühes Scheiden doppelt schmerzlich betrauern muß, nachsinnend darüber, was von dieser ursprünglichen und vielseitigen Begabung uns noch hätte oeschieden sein können. Man kann, nach der Lektüre weniger kurzer Stunden, zunächst nur wiederholen, was in den ersten Krit ken des Buches schon betont wurde: daß es ergreifend sei, hier äu erleben, wie dieser in jungen Jahren unheilbar Kranke sich mit diesem Roman in eine der lebendigsten Epochen der beschichte xurüdgeträumt und sie in sprühenden, glühenden Farben wieder habe erstehen lassen: die Zeit der italienischen Renaissance, Zeit der unersättlich gesteigerten Lebensliebe, Prunkfreude und Machtgier, die stürmisch bewegten Ta;e der bor- aesischen Herrschaft in Italien. Die Geschichte von Dlück und Ende der berühmten und berüch.igten Dynastie Borgia wird in diesem Roman mit einer erstaunlichen Kraft visionärer Einführung und mit einer drama ischen Konzentration vor uns aufgebaut, die, wie ebenfalls mit Recht bemerkt wurde, nicht allen Schauspielen des Dichters im gleichen Maße innewohnt. 5Xe Gestalten des Papstes Alexanders VI., Cesares, Lukrezias, Savonarolas, Macchiavells, Karls VIII. von Frankreich und Michelangelos erstehen mit einer bewundernswert en Plastik und inneren Wahrhaftigkeit, als handelnde Personen der Historie gegen; inanterg führt, in einem Wirbel hemmungsloser, entfcsselter Leidenschaften oft schrecklich und erschreckend, aber immer im Menschlichen tief begründet und verwurzelt. Sicher scheint uns zu sein, daß viele beim Lesen dieses kleinen Romanes, von Tichterhänden geführt, tiifer und unmittelbarer ins Wesen einer fern abliegen den Zeit hineingesührt werden als durch manchen dicken historischen Wälzer.
— Albrecht Schaeffer: Mitternacht, Zwölf Rovellen. 218 Seiten 8°. Im Insel-Derlag $11 Leipzig, 1928. (482) — Diese Erzählungen — »usammengeschiossen in einem Bande, welcher die früher erschienene Sammlung „Das Prisma" fortfuhrt — scheinen uns zum Wichtigsten und Reifsten zu gehören, was die gegenwärtige deutsche Prosa auszuwe-sen hat. Richt allein um ihrer äußeren Form, um des giasllaven und in sich ruhenden Sprachstils willen, der etwas von ali- meisteriicher Würde ausstrahlt..., sondern vor allem ihres inneren Gewichtes, der zeitlosen, untergründigen, seelischen Mächte wegen, tue hier entbunden sind und auf eine magische Weise Gestalt gewonnen haben. Magisch: nur mit diesem «leider ost genug mißbrauchten) Wort kann, wie uns scheint, die Kunstweise des Erzählers Alb- recht Schaeffer umschrieben werden. Er greift ins 2lbgründige und Wesenlose hinein und formt Dinge und Menschen, die in einem zitternden Zwielicht zwischen Diesseits und Ienseits stehen, deren Schicksal und deren Denken und Handeln von geheimnisvollen Kräften aus unbewußten Bezirken regiert w.rd. Eine Seelen-Kunst, schwe- benb, ungreifbar und dennoch klar, fern von der ierglicbcrnten Kühle jüngster Forschung, offenbart sich in dem, was Schaeffer berichtet. Ihm ist das Tasten am großen Geheimnis, am Unbewußten und Untergründigen im menschlichen Leben oiel mehr als eine modisch: Spielerei und zell- -tenössische Reugier: ihn trägt ein visionäres iluschauen der äußeren und wirklichen Dinge an die letzten Grenzen menschlicher Erkenntnis heran; leine Gestalten sind oft wie Traumfiguren und dennoch mit der Sicherheit eines Nachtwandlers iestgehalten und umrissen. (Kubin würde vielleicht ein ebenbürtiger Illustrator für diese Geschichten sein.) Und ihm gelingt alles, was er anfatzt. Unter seinen Händen wird die blutige Episode ms dem Bandenkrieg zwischen Weißgardisten und bvlschew k:n und die atemver setz ende Beschwörung eines Sensationsprozesses (der vor einiger Zeit ide Welt in Atem hielt) ebenso zum reinen Kunstwerk wie die Erzählung „Bom Fäßchen...“, bi« von Gottfried Keller stammen könnte, oder bi« sanften und weisen Legenden, die in den .Dorgenträumen" bereinigt sind. — Ein sehr sehr schönes, sehr wichtiges Buch. Ster Berlag hat es so würdig ausgestattet, wie es [einer Bedeutung entspricht.
. ~ Der Zinsgroschen. Roman von Wil- ;»m Hegeler. In Ganzleinen gebunden 7 Mk. hanseatische Verlagsanstalt, Hamburg 36 und V«rlin-Leipzig (495). — Das Gesicht unserer (jeit, ihr Wirrsal und chr tüchtiges Streben wird ) er an einer Handvoll Menschen gezeigt, wie sie ms dem Schicksalsbecher der Rachkriegsjahre in buntem Wurf zusammenrolllen. Was diese Wenigen suchen oder was das Leben sie lehrt, ist in das Gleichnis vorn ..Zinsgrvschen" zusammen- kefaßt, so wie wir es heute verstehen: Gebt lern Alltag, was chm gebührt, aber laßt auch rer Seele ihr Teill So sinnvoll dies Gleichnis tan Ganzen untergelegt ist, der Hauptreiz des nomans liegt doch in der berückenden Wirklich- »it feiner Menschen, die von dem Dichter mit so ):s! Wärme und Humor erfüllt sind, daß sie ui$ zu Freunden werden, die wir ein Stuck Jeit begleiten, traurig, wenn sie wieder zurück- niuen in das Element, aus dem sie geschöpft Md. dec Gegenwart, deren Zukunft wir nicht dissen, deren Ziel aber im Streben dieser Men- !yen beschlossen liegt.
— S i b y l l e n l u st. Roman. Von Wilhelm vpeher. Verlag Ullstein. Berlin. (387). — 9i<8 neue Werk von Wilhelm Speyer übt durch
Schilderung seelischer Verwirrungen und ver- kangnisvoller Blutschuld auf den Leser einen Mhn, lange nachklingenden Einfluß aus. Un- tntrnuibar und folgerichtig zieht sich das Der-
Für den Bücheriisch.
hängnis über dieser ehemalig fürstlichen Familie zusammen und erst nach stärkster Erschütterung wird der Leser versöhnt entlassen.
— Liebesfahrt zum Nordkap. Roman von Ludwig Dörfler. Gebunden 3,20 Mk., kartoniert 2Mk. Fallen-Derlag, Hamburg. (483) — In die erhabenen Naturdild.r, die eine Nord- kapfahrt eines deutschen Ozrandampfers zeigt,
sind die Schicksale dreier Liebespaare geschickt J^J^ben, deren verschiedenes Wesen uns der Verfasser nicht ohne Reiz und F.inheit nahe- bringt. Bei allem Gleiten auf du: Oberfläche tritt doch d.e tiefere Absicht des Verfassers ter- Ull$ Mittel einer Erhöhung
^^sgefühls. iner Steigerung des mensch- lichen Geschlechts hinzustellen.
Das neue Konversationslexikon.
Rechtzeitig vor Weihnachten sind die ersten acht Bände der neuen, siebenten Qlu.t :ge von Meyers Lexikon*) erschienen. Ieder geistig Interessierte wird bi Je frohe Botschaft gerne hören. Diele w:rd:n sich noch daraus be, innen, wie es vor zwei Iahr.m um dis Lexikon stand. Damals lief durch di: Press: der ganzen Erde eine Notiz, „der Große Meyer sei tot", „die in Vorder, itung be indliche neue Auslage, für die das Material bis zum dritten Band: schon fertig b:arbeit.t sei tön e wegen Kapit l.nangels nicht erscheinen". Leid:r traf diefe Notiz im wesentlichen das Richtige: bi: Arbeite 1 mußten damals abgebroch:n Wernen. Eine deutsche Ueber- seezeitung rechnete Atoar aus daß „nur“ 320 000 Dollar zur Vollendung d:s Werles notwendig seien, und schrieb: .i.i d.utschameri'anischen Kreisen wird man darüber lächeln, daß an dem Fehlen eines so kleinen Kapitals ein so grosses Unternch.nen scheitern soll. . ." Die,es „Heine" Kapital war damals eben nicht auszutreiben. Denn was war zu jener Zeit ein Dollar, und wer konnte wissen, wie weit er noch steigen würdet Heute hat wohl jeder das Gefühl, daß die Periode der großen wirtschaftlichen und politischen Umwälzungen e.ibgältij hinter uns liegt; jedermann h t den dringenden Wunsch, nun einen Ueb.rblick über den neuen Stand der Dinge zu gewinnen und b.n allen irgendwie auf- tauchenden Fragen einen sachlichen, zuverlässigen und doch unparteiischen Berater zur Hand zu haben. Gin solcher Führer ist der neue „Meyer" in seiner jetzigen Umgestaltung. Die Eigenart der siebenten Au lige test.hl zunächst rein äußerlich darin, daß sie nur 12 Bände, anstatt wie ihr: Vorgängerin 20, umfassen _ wird. Die Beschränkung ist erfreulich, weil sie auf die gesunkene Kiufkrait breitester Dolisschichten gebührend Rücksicht nimmt und weil die Darstellung der einzelnen Sachgebiete durch die straffere Zusamm'nsassung d s Stofes ganz zweifellos gewonnen h t. Wir konnten uns davon überzeugen, daß die Verringerung des Umfanges jedenfalls nicht auf Kosten der Vollständigkeit vorgenommen worden ist. Die An
zahl der Stichwörter und Derw:isungen scheint sogar noch erhöht worden zu fein; das ganze uBert soll deren etwa 162 000 enthalten und wild außerdem mit z hlreichen Textbildern, wosl- gelungenen, ansch ulich n Tafeln und neuzeitlichen Karten ausgestatt.t. Der neue „Meyer" toirb seine Ausgabe zw.isellos am besten in der Hand des Laien erfüllen, dem er über jedes Wissensgrbi.t sorill sagt, wie er braucht, um d.e vielfältigen Erscheinungen seiner Innen- und Außenwelt des privaten und des öffentlichen Lebens verjst.hen zu können. Er findet cingehenLe Darstellungen alles bissen, was die neue Zeit gebracht hat. So haben di: sozial wlitische Ge- sehgcbung, d S neu: Arbeit.recht die (S.ruiifen- scha ten d.r Technik und der N itureoissenschasten, bis hinab in die F.nnheiten der neuen Atom- theo i:n, ihren g bü;r:ntei Platz erhalt n. De' neue Geist, der mit der Psychologie in das Wirtschaftsleben, die Pädagogik, die Rechts- wisscnscha,t Einzug g h It:n hat kommt allmt- helben zum Ausdruck. Die leitenden Gesichts- punite für die Bearbeitung sind offensichtlich gegen früher andwe geworden, nicht nur der fachliche Inhalt, ten: alles getreu widerspiegelt, was die „neue Zeit' ausmacht, begründet Den Wert des neum „Meyer", bei der Bearbeitung der Artilel ist auch die spezifisch moderne, „so- zi. I sychologische" Betrachtungsweise wir sam ge- toefciL Und dieser Umstand ist es der für den tiefer Schürfenden die Be intzung 1 .3 Werkes reizvoll macht. Auf di: geschm.ickwli: und gediegene äußere Ausstattung des Wer.es sei noch besonders hingewllsen.
*) Meyers Lexikon in 12 Bänden. Siebente, völlig neubearbeitete Anlage. Ueber 160 000 Artiiel und Verweisungen auj etwa 20 030 Spalten Text mit rund 5000 Abbildungen, Karten und Plänen im Text; dazu etwa 610 besondere Dildei tafeln (darunter 96 farbig:) und 140 Kar- tenbdlagen, 40 Stadtpläne sowie 202 Text- und statistische Uebersichten. Ieder Band in Halbleder gebunden 30 Mark. Verlag des Bibliographischen Instituts in Leipzig. (522).
Schriften zur bildenden Kunst.
— Gerhart Rodenwald t: D i e Kunst der Antike (Hellas und Rom). Propylaeen Verlag, Berlin SW 68, Ullsteinhaus. (388). — Als dritten Band der rühmlichst bekannten Pro- pyläenkunstaeschichte gibt Gerhart Rotenwaldt, der Generalsekretär des Deutschen Archäologischen Instituts, von seiner Dozententätigkeit an der Landesuniversität her hier noch bestens bekannt, die Kunst der Antike ganz wesentlich in einem außerordentlich umfangreichen, äußerst sorgfältig gesichteten und — wie es in dieser Sammlung selbstverständlich ist, hervorrageird wiedergegebenen Bildermaterial. Das Buch ist, wie das Gesamtwert überhaupt, ja für den gebildeten Laien in erster Linie bestimmt. Und mit diesem Publikum vor Augen kam es dem Verfasser vor allem darauf an, auf Kosten der Vollständigkeit und Systematik die wirklich großen Zeugnisse der antiken Kunst dem Leser im Bilde vor Augen zu führen und in dem kurzen, in seiner Prägnanz und Stilist.! gleich glänzenden Begleittext — auf etwa 90 Seiten Text entfallen fast 600 Seiten Bilder — die große Linie der Kunst von Hellas und Rom durch Markierung ihrer Gipfelpunkte herauszuaroeiten. Man darf sagen, daß dies dem Verfasser durchaus gelungen ist. Lektüre und anschauende Versenkung in dis monumentale Werk gewahren einen seltenen ästhetischen Genuß, darüber hinaus öffnen sie den Weg zum Verständnis der antiken Kunst und die Sehnsucht, die reine Welt von Hellas und Rom Auge in Auge zu schauen.
— Kurt Gerstenberg: Hans Mult- scher. In der Sammlung „Deutsche Meister", herausgegeben von Karl Scheffler und Curt Glaser. 265 Seiten Groß 8° mit 125 Abladungen. Im Insel-Verlag zu Leipzig. (203) — Der namhafte Hallenser Kunsthistoriker hat mit dieser Vorbild ichen Monographie einen ungemein wertvollen Beitrag zur deutschen Kunstgeschichte, im befändern zur Geschichte der deutschen Plastik im 15. Iahrhundert geliefert. Seit etwa einem Dierteljahrhuntert beschäftigt sich die Wissenschaft mit dem schwäbischen Bildhauer Hans Multscher und seinem Schaffen. Dem durchschnittlich gebUbeten Laien wird Multschers Werk kaum in etwa vertraut, sein Name vielleicht nicht einmal geläufig oder gar bekannt fein; aber er würde, wofern er überhaupt nur ein wenig Sinn und Blick für künstlerische Dinge hat, vermutlich überrascht, betrof en und ergriffen sein von der Kraft und der Lebensfülle auch nur einer einzigen Madonna, die aus Multschers Händen hervorqegangen ist. „Sein Name" — sagt der Verfasser — „wird künftig auch in der knappsten Uebersicht der deutschen Plastik des 15. Jahrhunderts nicht mehr fehlen dürfen. In der Zeit von etwa 1430 bis 1462 hat Deutschland keinen größeren Bildhauer besessen." Schon im Hinblick auf diese knappe und kaum widerlegbare Feststellung wird man das Werk Gerstentergs, abgesehen von seiner besonderen, rein wi senschaft- lichen Bedeutung, als ein so notwendiges wie willkommenes Dildungs- und kulturelles Aufklärungswerk einschätzen müssen insofern, als mit ihm einem großen Teil unseres Volkes die Kenntnis Hervorragenter tetenständiger Kunst- tentmäler wenigstens anschauungswei e vermittelt wird, von dmen die meisten Deutschen zuvor wohl nur eine sehr geringe Ahnung und Vorstellung gehabt haben. Das Bildermaterial, das
Gerstenberg vorlegt, ist fast überwäl.igend, sowohl was die Füll: und Schönheit, wie die technische Vollkommenheit ter Reproduktionen betrifft. Bild reiht sich an Bild, systematisch und wohlüberlegt geordnet zu einem Gainen, zu einem imponierenden Eindruck vom künstlerischen Ge- samtschaffen Multschers, das immer aufs neue sowohl durch die kompositionelle Reife wie die geradezu modern anmutente Realistik seiner Fi- guren verblüfft und entzückt. Die innere Anordnung der Darstellung ist sehr einfach und uterzeu- gend: sie entspricht d:n drei umsangr.ichen Hauptwerken, auf denen Multschers heutige Schätzung beruht, und von denen jede wis.enschastiiche Ar- beii über ten Künstler immer wieder wird aus- gehen müssen, diese Werke sind: die Kargnische im Ulmer Münster; ter Wurzacher Altar (Derlin) und der Sterzinger Altar. Selbstverständlich sind auch die (noch weniger bekannten) Gemälde Mu tschers im gehörigen Zusammenhang textlich und mit vorzüglichen Abbildungen zur Geltung gekommen. Eine besondere wifsenschaft- liche Qua i ikation ter Multscher Monographie Gerstentergs ergibt sich aus tem von ihm erschloßenen und h er vorgelegten Maieiialzuwachs; „zahlreich: Merle aus Mu'tschers Werkstatt und Schule" — so bemerkt ter Verfasser selbst —. „die sich als Dogenstücke zwischen diese drei Pfeiler (ter Hauptwerke ei.ifügen las en, habe ich auf vielen Fahrten durch das württemtergische Oberland und durch Bayrisch-Schwaben kennengelernt, so daß allein schon durch dies bisher unbekannte Material eine neue Grundlage für die Multscher,rage gesch.-.f en worden ift“ — Die Anmerkungen (mit einschlägigen Quellen- und Literaturnachweisen) und ein Ortsregister runden das schöne und wertvolle Buch ab, das auch äußerlich jeder Bibliothek zur Zierte gereicht.
— KurtHielscher: Oesterreich, Cante schaft und Baukunst. 304 Abbildungen in Kupfertiefdruck, Einleitung und Dildererläuterung von Dr. Rudolf Guby, Verlag Ernst Wasmuth 21.-®. Berlin W 8. Preis gebunden 26 Mk., m Halbleter 35 M?. (348) — So viel prächtige Bände uns nun Kurt Hielscher, der Meister der Kamera in freier Natur, auch schon im Rahmen der unvergleichlich schönen und instruktiven Bücherreihe des „Orbis Terrarum" geschenkt hat, immer wieder ist man aufs neue berauscht von dem unerhört feinen Gefühl, mit tem hier die richtigen Motive gesehen wurden und aus chnen herausgeholt wurde, was eben nur ein Künstler von Rang herauszuholen versteht. Die wundervolle Einheit von Natur und Kunst, wie sie in dieser Ebenbürtigkeit selten ein Land so bietet wie Oesterreich, kommt in diesen Bildern — wir denken etwa an Salzburg, an die alten Städte und festen Schlösser ter Wachau, an die Dome und Burgen am Donaustrand — außerordentlich eindringlich zur Wirkung. Ein von Iahr zu Iahr breiterer Strom deutscher Wallfahrer ergießt sich Sommer wie Winter ins österreichische Druder- land, an die Donau, nach Wien, der ehrwürdigen Kaiserstadt mit ihren Kunstschätzen, in die Berg» weit des Salzlammerguts, der Steiermark. Kärntens und Tirols, ihnen allen, denen Oesterreich Sehnsucht oder schon Erfüllung bedeutet, ist der neue Hielscher ein Quell freudigen Schauens, ein schönes Dokument deutsch-österreichischer Derbun- denheit.
Drama und Lyrik.
— Richard Dillinger: Das Perchtenspiel. Lanz- und Zauterspiel vom törichten Dauern, von der Windsbraut un) den Heiligen in einem A te. 67 Seiten 8°. 3m Insel- Derlag zu Leipzig. 1928. (372.) - Ein neuer Name in der deutschen Dramatik, und ein sehr meriwürdiges kleines Stück. Das Llbsonterliche und Llngewöhnliche liegt in der stili chm Mischung: das Ganze wirck wie eine Verbindung aus Max Mell und Karl Scho h:rr. Naturalismus und Symbolismus in einem Alte wnnder- lich verschwiitert; Legend? und ernsiha tes Volk?- stück zu gleichen Teilen gemischt. Wir llches u d Llnwir.lichcs läut d -.rch.i.ia d r. Bodeni'.ändiges und Märchenha tes treuzt sich zu einer Einheit, für welche auf dem Theater - denn das Spiel ist ja gewiß nicht nur als Lesestück gedacht — ein n u rD r eil u g i" g u dn wer en mü h: sehr schwierige, vi laicht fe;r dan.bi.e Au.ga e für den Reglfeur. i>er es hier mit Menseln aus Fleisch und Blut und mit vol.smylhvlogischen ©eiftgcftalten zu tun h it, mit Dauern und Perchten. Es gibt schöne (gute, Perchlen und .schieche") die wild und teufliich sind. Ormuzd u:iö Ahriman m der PH mtasie der Al>enbauern. Zwischen den schiechen _unb den schönen Geistern, unter ihrem b ld glückb i g: ihm, bald unseligen Eingrei en i s Menschlich-Däu -rische vollzieht sich Bild um Bild, das Schicksal der Irdischen Man kann es nicht gut erzählen, man muß lesen, hören und sehen. Und man mui willig fein und Phnntasie haben, wenn das Spiel vor einem anhebt mit seinen vielen Stirn:ien, feinem aus Himmel und Erde tönenden Chor: denn es begibt sich, so meint es der Dichter, in „einer nicht fernen, noch tountergläubigen, wundertätigen Zeit.
— Friedrich Schnack: Das blaue ©ei ft erbau S. Gedichte. 119 <5 Len 8°. In Indanthvenlcmen 6 Mark. Verlag Jakob Hegner in Hellerau. 1924. (336) — Diese Sammlung gehört ohne Zweifel zu den bedeutendsten lyrischen Deröffentlichungen der letz.en Jahre; ein Merk, das inmitten einer unermeßlichen, unübersehbaren 5lut von lyrischen Büchern .n Deutschland und aller Welt seinen Wert bewahren wird kraft feiner Reife, seiner Eigenart und seines dichterischen Gewichts. Gedichte sind hier versammelt, aus einer unwirklichen Welt tes Traumes geboren, und eine Traumwelt aufrichtend, welcye manche Wirklichk il magisch überdauern wird. Friedrich, älterer Bruder des unfern Lesern besser bekannten An on Schnack, ist ein Zauberer des Wortes und der Sinne, ein vis 0- närer Gestalter und ein tief melodischer Musiker zugleich. Seine Gedichte sind von einer traumwandlerisch unbeirrten Kraft inne . en Erlebnisses, die man selbst da noch wird anerkennen müssen, wo man etwa feine Strophen rein ästhetisch nicht glaubt rechtfertigen zu können. Aber es gibt lyrische Gebilde in desem Buche — wir nennen etwa: „Zauberei", „Schneehühner In ter S adf, „Traumrcisclicd", „Dogeiwo k.", „Meers..h er". „Die Dorüterfchwcbend.", „Hausgeist', „Seelenwandlung" und „Zautersifche" —, von solcher Reinheit ter dichler.schen Linie, von solcher Klarheit ter Empfindung, so voll von Glanz und Atel ihrer Bllder, daß man, im Innersten an- gerührt, sein mitschwingendes Gefühl nur in die einfachsten Äußerungen zu kleiden vermag: dies ist schön; dies ist Wunder; dieser Mensch, der das geschrieben hat, schuf aus geheimnisvollen Gründen der menschlichen Seele ein vollendetes Kunstwerk. Gegenwartsfern und zeitlos, wird das „Blaue Geisterhaus" überall da genannt werten müssen, wo man das lyrische Edelgut unserer zerrissenen Gegenwart aus einer beängsti;end entfesselten Fülle des Geschaffenen auszulesen und zu sammeln bemüht ist. — Die verlegerische Ausstattung tes Dantes ist würdig und sehr gediegen.
Aus fremden Liieraiuren.
— Friedrich von Stendhal (Henri Dey le): Ar m a nce. Taschenausgabe auf Dünndruckausgabe im InscbDer'ag zu Leipzig.) (371). — In die reizvoll ausgestattete und von Arthur Schurig und Otto Freiherrn von Taube sorgfältig übertragene Ausgabe, die ter Insel- Derlag von den Werken tes großen französi,chm Romanziers veranstaltet, ist nun auch dieser erste Roman Stendhals, erstmalig ins Deutsche übersetzt, ausgenommen worden. Don einem Meister ter Sprache wird hier mit subtilster Ein ühlung in die psychologischen Bedingtheiten und der ost frappierenden, stets fesselnden Diktion, die ihm eigen, ein heikles Motiv, die Geschichte einer Liebe unter eigenartigen Voraussetzungen geschildert, zart, anmutig, erschütternd.
— SigriöUnbfet: OlavAudunssohn auf Hestviken. 358 Seiten 8°. Geh. 5,25 Mk., geb. 7 Mk. Rütten und Loening, Verlag, Frankfurt a. M. (370.) — Zwei einander innig zugetane Menschen, gemartert vorn Bewußtsein ihrer Schuldbelatenheit, ringen um Glück und Ruhe. Mit weiblicher Feinfühlichkeit ist das Leben ter beiden und aller mit ihrem Schicksal verknüpften Gestalten gefchlltert, sind die vielfältigen und geheimnisvollen Wege der Seele bloßgelegt. Bei allem Ernst, ter aus tem schweren Geschick dieser Menschen strömt, ist das Buch reich an Hellen und frohen Bildern.
— Gunnar Gunnarsson, Schiffe am Himmel. Roman. Preis in Leinen gebunden 10 Mk. Derlag von Albert Langen. München (498). — Durch seinen Islandroman „Die Leute auf Borg" ist Gunnar Gunnarsson sehr schnell berühmt geworden. Diese andere Well, die so nahe vor den Toren Europas liegt, konnte nur einer ihrer Söhne ganz unmittelbar schildern. Stärker fast noch liegt Unmittelbarkeit in den „Schiffen am Himmel"; lassen sie doch die Kind- hell des Dichters auf dieser Urwelt-Insel in einem zauberhaften Licht aufleuchten. Wir glauben alte Islands-Sagas zu erleben, wenn wir in diese weitverzweigte Sippe mit ihrer patriarchalischen Gastlichkeit untertauchen. Wir leben mit dem Dichter unter diesen Schafzüchtern, wir lieben seine Pferde und Hunte, wir machen den tagewellen Llmzug zu Pferd über Heide und reißende Ströme auf einen andern Hof mit. Dieses Kind hört das Gras wachsen, sieht Schiffe am Himmel segeln mit unirdischer Last, erlebt das Süßeste und das Blllerste mit seinen Wen-


