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Aus der Provinzialhauptsiadt.

D i e h s n. den 17. Oktober 1928.

Van der Gießener Zungfliegergruppe.

Die Gießener Iungflieger hoben die schönen Tage der Herbstferien zu eifrigem Schulen ausgenuht. In der ersten Woche fanden die mit dem selbstgebauten Flugzeug »Zögtlng Gießen" bei Marburg auf dem für Gleitfluge gut geeigneten Gelände des ehe- maligen E-rrzierplahes bei Cyriaxweimar statt. Die Schüler H. 3. K ö n i g (Gymn.) und K. E n s - [in (Aealoymn.) machten dort ihre erste Prü­fung, bestehend in ein am gerädrn Gleitflug von 30 6et Dauer und 400 Meter Länge. Ferner beteiligte sich die Gruppe, die in Marburg von dem dortigen Kurhessischen Verein für Luftfahrt auf das freundlichste ausgenommen wurde, an einem von diesem Verein ausgeschriebenen Di­plom-Gleitfliegen, bei dam die Auszeichnung für besondere Leistungen dem Schüler K. Schaum (Realgymn.) und die Diplome für an diesem Tage bestandene ^-Prüfungen den Schülern F. Schmidt aus Aßlar (Realaymn.) und R. Hech- ler (Gymn.) zufielen. Rachdem das Flugzeug Anfang der zweiten Woche nach Gießen zurück- gebracht war, wurde am letzten Samstag und Sonntag das wundervolle, durch leichte Rord- winde für unser hiesiges Gelände besonders gün­stige Wetter wieder zu Hebungen der gan­zen Gruppe im Glettfluge ausgenuht. Auf dem Wicsenhang zwischen der Leihgesterner Straße und dem Garlschen Tonwerk wurden etwa 20 wohlgelungene Flüge ausge­führt Drei weitere Mitglieder sind dabei bis zur ersten Prüfung vorgeschult Das interessante Schauspiel hatte manche Zuschauer herbeiaelvckt.

Die Iungflieger-Gruppe kann mit Stolz darauf Hinweisen, daß ihr selbstgebautes Flugzeug, das in den Herbstferien des vorigen Jahres in der TurnhaÄ des Realgymnasiums ausgestellt ge­wesen ist, sich im Laufe dieses Jahres auf das beste bewährt hat. Es sind über 10 0 Gleit- flüge, sieben erste und drei zweite Prüfungen damit gemacht worden. Die Teilnahme an dem Rhönwettbewerb hat zudem der Gruppe eine Fleißprämie von 55 Mark eingebracht. Aber eine WeitereilntcTftütjung der Gruppe aus den Kreisen unserer Stadt ist dringend zu wünschen.

Polizeivenvaliungsinspekior Pfeffer t-

Heute früh ist das langjährige Mitglied un­serer Gießener Polizei, Polizei verwaltunasin- foeftor Stephan Pfeffer, im vollendeten Z6. Lebensjahr verstorben. Der nunmehr Ver­ewigte trat am 1. Oktober 1878 als Schutzmann bei der Gießener Polizei ein und arbeitete sich im Laufe seiner langjährigen Dienstzeit durch große Pflichttreue und persönliche Tüchtigkeit bis zum Poli-eiverwaltungsins^e tor empor. Am 1. Oktober 1923 trat er in den wohlverdienten Ruhestand. Mit den Beamten der Polizeiver­waltung und ebenso mit der Gießener Bürger­schaft stand Herr Pfeffer stets in den besten und vertrauensvollsten Beziehungen.

Gewerbe- und Maschinenbauschule Gießen.

3n den Abteilungen Maschinenbauschule, Baugewerbe, Schreiner ach schule und Sch. hmacher- fachschule fanden am 9., 10. und 11. Oktober die Abgangsprüfungen statt mit folgendem Ergebnis:

Maschinenbauschule: Der Prüfung un­terzogen sich 23 Schüler, von denen 11 das Zier mitGut bestanden" erreichten, 10 mitBe­standen", 2 fielen durch.

Dauabteilung: Der Prüfung unterzoaen sich 8 Schüler, von denen 4 das Ziel mitGut bestanden" erreichten, die übrigen mitBestan­den".

Schreinerfachschule: Der Prüfung unter­zogen sich 2 Schüler, die beide das Ziel mit Bestanden" erreichten.

Schuhmacherfachschule: Der Prüfung unterzogen sich 8 Schüler, von denen 5 das Ziel mitGut bestanden" erreichten, 2 mitBestan­den", 1 Schüler trat vor der Prüfung zurück.

Ein Gießener Auiounfatt vor dem Reichsgericht.

Die Frau des Gießener Arztes Dr. St. unternahm am 27. August 1926 morgens 8 Ufa in Begleitung des Autofahrlehrers QL eine ab­schließende Autoprobef ahrt durch die schwieriger zu befahrenden Straßen von Gießen. Als sie die Wilhelmstraße durchfuhr, kam es bei der Einmündung einer Querstraße infolge eines Mißverständnisses zu einem Zusam­menstoß mit einem Radfahrer, der vom Vorderrad des Autos er aßt und verletzt wurde. Durch dieses Dorkomm.i irritiert, steuerte Frau St. den Wagen den Bürgersteig hinauf: der neben Frau St. sitzende Fahrlehrer versuchte gerade noch, das Steuer rechts in die Fahrt­richtung zu reihen, als der Wagen plötzlich noch einmal vorschoß und einen Arbeiter aus Hattenrod an der Hausmauer erdrückte. Wahrscheinlich hatte Frau St. in der Oluf» regung versehentlich den Gashebel, statt der Fußbremse getreten.

Das Landgericht Gießen sprach sowohl Frau St. als auch den Fahrlehrer A. von der An­klage der fahrlässigen Tötung frei, indem es aus­führte, daß Frau St. durch das unvorfchristsmäßige Fabren eines Radfahrers dazu veranlaßt wurde, zunächst einmal zu weit nach links zu steuern, und daß der nachfolgende Unglücksfall sich aus der Ver­kettung unglücklicher Umstände ergeben habe.

Dieses Urteil wurde jetzt auf die Revision der Staatsanwaltschaft vom 1. Strafsenat des Reichs- gerichts aufgehoben und mit folgender Be­gründung zur anderweiten Verhandlung und Entscheidung an die Vorinstanz z u r ü ck- verwiesen: In erster Linie bleibt zu prüfen, ob nach Lage des Falles nicht darin eine Fahr­lässigkeit liegt, daß die Angeklagte St nicht recht­zeitig angehalten hat. Weiterhin ist das Verhältnis zwischen beiden Angeklagten zu klären, da die Fahr­lässigkeit des einen die des andern nicht ausschließt. Es ist nicht ausgeschlossen, daß Frau St. noch nicht vollständig ausgebildet war, und daß es sich um eine ausgesprochene Uebungsfahrt handelte, bei der 21. als verantwortlicher Fahrlehrer einzugreifen hatte. (1 D 332/28. 16. Oktober 1928.)

Bornotizen.

TageskalenderfürMittwoch. Stadt­theater:Das Kirschblütenfest". Anfang 20 Uhr, Ende 22 Uhr. RadfahreroereinGermania": General­versammlung, 8.30 Uhr, im KlubhausBayerischer Hof". Lichtspielhaus, Bahnhofstraße:Unterwell". Astoria-Lichtspiele: ,/Der Held der Arena".

* Karl Orbig f. 3m Alter von 83 Jahren verschied heute morgen um 4 Uhr der ehe­malige Stadtverordnete Schreinermeister und

Gastwirt Karl Orbig. Orbip wurde im Jahre 1893 als erster sozialdemokratischer Qlbgeordneter in das Stadtparlament gewählt und gehörte diesem bis 1910 an. Eine Wiederwahl lehnte er wegen hohen Alters und Krankheit ab. Er wurde in den neunziger Jahren außerdem clls Reichstagskandidat für den Wahlkreis Gießen aufgestellt, brachte es jedoch nur auf einige hundert Stimmen. Er widmete sein ganzes Seben der Partei, die er sachlich, aber stets In gemäßig­ter Weise vertrat.

** Das kommunistische Volksbegeh­ren in Gießen. Gestern abend ist die nach amtlicher Vorschrift auf der Bürgermeisterei aufge­legte Liste zur Einzeichnung für das kommunistische Volksbegehren gegen Panzerkreuzerbau geschlossen worden. In diese Liste haben sich als Förderer des Volksbegehrens genau 100 Personen eingezeich­net. Zum Vergleich sei darauf hingewiesen, daß die Kommunistische Partei bei der Reichstagswahl am 20. Mai d I. in der Stadt Gießen 649 Stimmen erhielt und es bei der Reichstagswahl am 7. Dezem­ber 1924 in Gießen auf 731 Stimmen brachte.

** Die Gießener Sammlung für das Rote Kreuz, die von Mille bis Ende voriger Woche in den Häusern unserer Stadt vorgenommen wurde, hat den recht ansehnlichen Gesamtertrag von rund 1700 Mark gebracht. Don dem Sammlungs­ertrag werden 70 Prozent für die Zwecke des Roten Kreuzes in Gießen verwandt, und zwar werden die Beihilfen dem Gießener Zweigverein vom Roten Kreuz, dem Aliceverein und der Freiwilligen Sa­nitätskolonne vom Roten Kreuz zugute kommen; 20 Prozent des Sammlungsertrages werden an das Hessische Rote Kreuz abgeführt, 10 Prozent erhält das Deutsche Rote Kreuz. Um das volle Gelingen der Sammlung haben sich zahlreiche junge Samm­ler, vor allem die Mitglieder des Horstes Gießen des Deutschen Pfadfinderbundes und einige Ange­hörige des Bibel-Kränzchens, sehr verdient gemacht. Diese Sammler stellten sich in uneigennütziger Weise für bcn edlen Zweck zur Verfügung und erfüllten ihre freiwillig übernommene Pflicht in vorbildlicher und dankenswerter Art

* * Ihren 80. Geburtstag können morgen Frau Elise Dürr, Wolkengasse 16, und Frau Witwe Dörr, Schottstraße 10, begehen. Gestern konnte Frau Elisabeth L ö ch e l Witwe, Dammstraße Nr. 50, in voller Rüstigkeit ihren 84. Geburtstag feiern.

* E i n schwerer Derkehrsunfall er­eignete sich gestern nachmittag zwischen 5 und 6 Llhr am Riegelpfad, Ecke WÜsonstrahe. Ein Personenauto von hier fuhr, von der Ludwig- straße her kommend, den Riegelpfad entlang, als eine Radlerin auf ihrem Fahrrad die Wilson- straße h:ru?.t.'r.am und in de r RiegelPfad einbog. Aus bisher noch nicht geklärter älrfache kam es dabei zum Zusammenstoß zwischen der Rad­lerin und dem Kraftwagen. Die Dame, Gattin eines Ingenieurs in der Liebigstrahe, stürzte vom Rade und fiel so unglücklich unter das Auto, daß sie starke Verletzungen an drr rechten Kopfseite und außerdem Hautabschürfungen am Körper da- bontrug. Die sofort hrrbrigerufene Freiwillige Sanitätskolonne vom Roten Kreuz leistete der bedauernswerten Frau die erste Hilfe und ver­brachte sie dann in die Chirurgische Klinik. Das Fahrrad ist völlig zertrümmert. Hebet die Schuld: rage wird die behördliche Untersuchung näheres ergeben müssen.

Das Motorradunglück in Krof­dorf. Zu dem Bericht in unserer Montag- Ausgabe über diesen Llnglücksfall wird uns von Forstmeister Reichard- Krofdorf geschrieben:

Ihre Rotiz im Hauptblatt der Rümmer 243 vvm Montag, behandelnd den Motorrad-älnfall in Krofdorf, muh ich als Beteiligter berichtigen Das Motorrad wollte einem Einspänner, in wel­chem ich, von Gießen kommend, vorschriftsmäßig auf der rechten Seite fuhr, überholen, streifte aber, obwohl bolle 3 Meter Straßenbreite zur Verfügung waren, das linke Hinterrad mit dem Auspuffrohr und den linken Kotschützer vermut­lich mit der ßenlftange derart, daß der leichte Wagen mit- und herumgerissen wurde. Infolge der riesigen Geschwindigkeit, mit der der Fahrer ungefähren war, muhte der Wagen umkippen und das Pferd zu Falle kommen. Meine ira Wagen sitzende Frau erhielt eine schmerzhafte Hanbverletzung, deren Schwere noch nicht fest- gestellt werden konnte; das Pferd wurde leicht verletzt, 'der Wagen schwer beschädigt. Wegen uinvorschriftsmähigen Fahrens wurde gegen den Motorradfahrer Strafanttag gestellt. (Wie wir auf Anfrage hören, liegt der schwerverletzte Mitfahrer auf dem Motorrad, Emmerich, auch heute noch bewußtlos in der hiesigen KliniL. D. Red.)

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