ttr.166 Zweiter Blatt Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesfen) Dienstag, (7. Zuli (928
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DerDreibund im nahen Osten
Don unserem kl-Derichterstattcr.
Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten. Konstantinopel, Juli 1928.
Der Bericht über den Abschluß eines Freund- fchastsvertrages zwilchen Persi/n und A f g Hani st an sowie von vier Protokollen, die Streitig- feilen in Zukunft verhindern sollen, sowie die Nachricht über den Abschluß eine» persisch- t ü r k i sch e n Grenzabkommens, das die Kurdengefahr bcsciliyt, lassen klar erkennen, welches politische Ergebnis d i e Reise des Königs von Afghanistan ge- habt Kat. Sie hat. da ja auch zwischen der Tur k e t und Afghanistan ein Bündnisvertrag abgeschlossen wurde, zu einer weiteren Stärkung der Beziehungen zwischen den drei Mächten Türkei. Persien und Afghanistan geführt und das ursprünglich von den Russen auegcdachte System der sog. defensiven Neu- tralilatsoerträge in einem D r e i b u n d. wenn auch vorlausig noch einen sehr lockeren der dre. orientalischen Staaten umgewondelt. Das ist ouhcrordent- lich bedeutsam Besonders wenn man sich dessen erinnert, daß die Vertragsabschlüsse Zwilchen den drei orientalischen Machten mit ziemlicher Leichtigkeit vor sich gmgen. während alle europäischen Staaten bei ihrem Versuch, mit Afghanistan anläßlich der Reise de» Königs Arnanulloh Vertrage abzuschliehen. kläglich abgeblitzt sind, nicht zuletzt England und Rutzland.
Wenn man die politische Bedeutung der letzten Ereignisse abschätzen will, hat man somit gewisse Schwierigkeiten. Da die üblichen und hergebrachten Formeln versagen. Denn die letzten orientalischen Verträge lassen sich weder in ein antirussisches, noch in ein antienglisches System in Asien einordnen. Im Gegenteil, man kann sogar durchaus die Ansicht vertreten, daß vielmehr beide Verträge sowohl Engländern wie Russen schaden — weil sie nämlich die Unabhängigkeit der drei asiati- schen Länder von den imperialistischen Großmächten starken. Das ist wohl auch ihr Ziel. Obwohl man sich keine Waffenhilfe zugesagt Hot. ist doch gerade die Form, in der das Unterstützungsversprechcn gegeben wurde, nur als eine wirkliche Militär- a l l i a n z zu bewerten. Daß sich das nicht ausgesprochen gegen eine besondere Macht richtet, braucht dabei nicht zu stören. Denn es ist eben ganz etwa» anderes, ob England Asghanistan angreift, oder ob Rußland dies bei der Türkei macht, oder ob England die Türkei angreift, oder ob die beiden Mächte sich einander in die Haare geraten. In jedem Falle wird man eine Sondercntscheidung treffen müßen, da sa in allen Fällen immer erst noch in Teheran wird nachgefragt werden müssen, was Persien zu unternehmen gedenkt, das damit in Zukunft einen sehr wesentlichen Teil der Orient- Politik beeinflussen kann, trotz seiner militärischen und strategischen Schwäche. Denn mit Persien existiert bisher kein Abkommen, da» dieses Land zu einer militärischen Beteiligung gegen irgend jemand in irgendeinem Falle verpflichtet. Das mag wohl auch der Grund gewesen fein, warum im türkisch- afghanischen Vertrag eine s o vorsichtige Formel für die etwaige Waffenhilfe gewährt wurde...
Dieser Mangel in den bisherigen Verträgen wirst also die Frage auf, was für eine Prognose man denn einem Unternehmen stellen soll, das von vornherein auf so unsicheren Füßen steht, wie dieser vorderasiatische Dreibund? Nun, das ist nicht schwer zu beantworten, wenn man sich die Wandlung in den Beziehungen der drei Länder zueinander vor Augen führt, wie sie vor dem Kriege bestanden.
Dor 1914 waren die Beziehungen zwischen Persien und Asghanistan bzw zwischen Persien und der Türkei die denkbar schlechtesten, trotz vieler, oft wiederholter Freundschastsoersicherungen. Das war auch nur zu erklärlich. Die Erinnerung an die Feldzüge Nasreddin Schahs ließ den alten Haß zwischen den Völkern, von denen jedes sich als den eigentlich rechtmäßigen Herrn des anderen ansah, der Kampf um Kurdistan, das die Türken ganz für sich beanspruchten, die ständigen Räubereien der Afghanen an der persilchen Grenze, dazu die Intrigen der Eng- länder, Rußen, Franzosen und Amerikaner schufen nicht nur eine Atmosphäre des Mißtrauens, sondern geradezu einen latenten Kriegszustand, der sofort den ganzen Orient in Flammen hätte auf- gehen laßen, wenn nur die Großmächte sich darüber Har gewesen wären, was für sie dabei zu profitieren war Nur weil man nicht wußte, was bei einem der
artigen Kriege für Jie europäischen Mächte heraus- kommen würde, hat man immer wieder zum Frieden geraten, nicht aber weil man Streitigkeiten verhindern wollte. Dazu kamen noch die scharfen Gegen- säge in der Religion der drei Völker, die damals von ihnen selbst als so trennend empfunden wurden, daß man es nicht wagen konnte. Türken, Perser und Afghanen überhaupt zusammen an einen Tisch zu fetzen
Das ist heute zweifellos ander» geworden. Man suhlt sich nicht mehr als Anhänger einer streng orthodoxen Seite, sondern vielmehr als Muslim und Angehöriger der einen großen Religion, die in Mohammed ihren Propheten hakle und die sich als höherstehend preist, denn die älteren Religionen des Judentums und des Christentums. An die Stelle der Erinnerungen an die Unbill, die man sich gegenseitig antat, tritt die an die Demütigungen und Schändungen der Europäer im Weltkriege und die stolze Genugtuung, daß das Unterfangen zur Grün- düng eines zweiten Alexanderreichcs an dem heroischen Widerstand, an dem diplomatischen Genie der Perser und der kampfbereiten Entschlossenheit des freiheitliebenden Aftzhanenoolkes gescheitert sind. Gewiß wird der europäische Geschichtsschreiber die Schuld an den Niederlagen des Abendlandes zum Teil auch den Schwierigkeiten der unzugänglichen Wüsteneien der drei Länder zuschreiben, aber das
hindert eben nicht, daß Türken, Perser und Asghanen in gleicher Weise sich als Sieger fühlen
Diele Genieinsamkeil wird noch oerftärlt durch da» Bewußtsein, daß die Gefahr für die drei Länder noch nicht vorüber ist 'Noch immer droht das rote G . , p e n si vom Kreml beruh er und noch lauen der britifche Leu fprungbereit an den großen historischen Einfallstoren nach den Ländern, vor den Dardanellen, in Mesopotamien und in Indien, um fein Gold und feine Bajonette in das Herz der oorderasiatifchen Gebirgsländer zu tragen und fo Curzons großen Plan von einem „Imperium Britannicum Asiaticum“ doch noch zu oerroirflidjen Und daher weiß man auch, daß man sich solchen Gelüsten gegenüber zusammcnschließen muh. Das mag langsam gehen. Aber derOrienthatZeit. Don dem Turm seiner siebentausendjährigen Geschichte aus gesehen, spielen die paar Jahre, die man dazu braucht, keine Rolle. Inzwischen legt man eben Grundsteine, wie den türkisch-afghanischen, den per- fisch-afghanischen und den persisch-türkischen Vertrag und beseitigt Hinderniße der Annäherung,, wie die Plage der Grenzzwilchenfälle. Gewiß, e i n A n s a n g nur zum Asiatischen Dreibund — aber eben auch ein Anfang, der fo solide und gut fundiert ist, daß das eigentliche Gebäude ruhig erst später errichtet zu werden braucht oder eben dann schnell aufzurichten ist, wenn wirklich Not am Mann ist!
Geschichten ans alter Welt.
Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.
Der abgcschreckte Selbstmordkandidat.
(aga) Reuhvrk.
Vernehmet. geneigte Leser, die teils trübselige, teils ergötzliche Geschichte von Philipp Leary aus Reuyork. der beschlossen hatte, dem irdischen Jammertal auf immer zu entfliehen. Der Ausweg führte ihn direkt in den von der bekannten Brootlyn-Brücke überspannten East River, der Alt-Reuyvrk von der Langen Insel trennt. Eine Weile fah es so aus. als sollte Philipp Leary sein Ziel erreichen. Aber ein Polizist hatte ihn erspäht, und in der an sich durchaus berechtigten Meinung, es handle sich um einen Ertrinkenden, warf er Leary vom benachbarten Dock aus ein Seil zu. Leary rührte es nicht an. DaS Seil versank neben ihm. Leary griff nicht danach. Der Polizist zog es rasch ein unb schleuderte es zum zweitenmal dem Ertrinkenden zu. Wiederum lehnte Leary ab. Jetzt ging dem Schutzmann ein Licht auf, er zog seinen Revolver und rief Leary zu, wenn er nicht sofort aus dem Wasser herauskomme, werde er ihm eine blaue Bohize in den Leib jagen. Und Leary, der ins Wasser gesprungen war, um sich umzubringen, beeilte sich, der Aufforderung nachzukommen, um nicht umgebracht zu toerben.
Das ist gerade lachhaft. Aber der einsichtsvolle Mensch wird Herrn LearyS Gebahren zu würdigen wißen. Es muß doch wohl recht störend sein, wenn man sich schon mal auf eine gewisse Todesarl versteift, alle Dorbereitungen getroffen hat und auf dem besten Wege ist, daß bann einer kommen unb einem mit einer anderen drohen sollte. Unb überhaupt, wie kann ber Mensch gerabe jetzt sterben wollen, wo wir eben bicht vor dem leider nur alle vier Jahve wieber- 'kehrenben heiteren Erlebnis einer Präsibenten- wahl stehen unb sämtliche Clowns der politischen Arena ihr DesteS tun. um unS zu amüfieren? Wir empfehlen Herrn Leary, mit ber Ausführung feines PlaneS minbestens bis Rovember zu warten.
Don Carlos wird exhumiert.
(w) QE a b r i b.
Der ritterliche Stolz bes Spaniers ist weftbekannt. Dieses berühmte iberische Ehrgefühl kam erst jetzt wieder in einem Beschluß der spanischen Akademie der Wissenschaften zum Ausdruck. Diese will nämlich nichts Geringeres alS die Exhumierung der Leiche des Prinzen Carlos, um damit festzustellen, ob dieser im Zähre 1568 eines natürlichen Todes gestorben sei oder nicht. Der Leiter der historischen Abteilung der Akademie hat hierzu folgende Erklärung abgegeben: seit dreieinhalb Jahrhunderten munkelt man in der ganzen Welt, Prinz Carlos wäre
von seinem Tater Philipp II. beseitigt worden. Sogar die Literatur hat sich mit dieser Materie befaßt, ohne daß von spanifcher Seite irgendetwas geschehen wäre, um dieses offenbare Märchen alS solches auch zu dokumentieren. Runmehr wollen wir die Wahrheit wissen. Mit den heutigen Hilfsmitteln der Wissenschaft läßt sich bei einer Exhumierung der Leiche des Prinzen ohne weiteres feststellen, ob dessen Tod natürlich war oder nicht. Entweder war Philipp II. ein Mörder, dann muh die Geschichte ein entsprechendes Urteil über ihn fällen, im gegenteiligen Falle muh aber ebenfalls Klarheit geschaffen werden." Unb so bürste benn als- balb mit ber Ausgrabung der Gebeine deS Prinzen Carlos begonnen werden.
Der mechanische Detektiv.
(a) Reuyork.
Amerika hat bereits seit längerer Zeit den .Televox" — den Maschinenmenschen. Run besitzt eS auch einen maschinellen Detektiv. Der Pfarrer einer hiesigen Kirche. Michael MorriS. beflogte sich seit längerer Zeit bei ber Polizei, bah bie Armenbüchsen ber Kirche von Unbekannten regelmäßig ihres Inhalts beraubt würden, ohne daß eS gelänge, der Diebe habhaft zu werden. Da hatte der Kriminalkommissar Hisfey einen glänzenden Einfall. Er brachte an eine der Büchsen unauffällig einen kleinen photographischen Apparat mit mechanischer Auslösung an, der mit einer Dlitzlichteinrichtung verbunden war und in den Abendstunden eingeschaltet wurde. Mit Hilfe dieses Apparats gelang es tatsächlich, den Räuber ausfindig zu machen unb ihn seiner Tat zu überführen. Man prophezeit bem Hissevschen Maschinenbetektiv eine große Zukunft, aber nur in Reuyork. Denn in Chicago z. 2. ist heute schon jeber bessere Verbrecher maskiert.
Treue unb Klage der Haremswächter
(h) Konstantinopel.
Dor einigen Tagen fanb hier eine ganz seltsame Versammlung statt. Die Eunuchen bes früheren kaiserlichen Harems führten Klage gegen ben Staat, ber sie ihrer Existenz betäubt habe, sich nunmehr aber nicht um sie kümmere, so bah die meisten von ihnen im größten Glend lebten. Bekanntlich hat Mustafa Kemal Pascha den Sultansharem aufgelöst, bie Frauen nach Hause geschickt unb bie Eunuchen entlaß- s e n. „Wir kamen am schlechtesten weg", erklärte einer ber Hauptredner auf der erwähnten Tagung. .wir sind die wirklichen Opfer der großen Umwälzung. Fast ein jeder konnte irgendwie unterkommen, nur wir nicht. Die Männer hätten ja vielleicht noch ein Einsehen und nähmen uns im Haushalt auf. Aber die Damen der türkischen Gesellschaft wollen nicht einmal davon hören, einen Eunuchen anzustellen. Sie sagen, wenn wir
schon männliches Personal halt«, so sollen es auch wirkliche Männer sein." — Ein an- vor er Redner schlug nun folgenden Ausweg vor- .Schließlich , Io sagte er. .find wir bie letzten unseres Geschlechts Dieses stirbt aller Wahrscheinlichkeit mit uns aus. Die Oesfenllich- keit würde aber sicherlich mit brennendstem Interesse aushorchen, wenn wir auf Grund unserer Erlebnisse einige Intimitäten aus bem kaiserlichen Harem erzählten. Dann bürst« man sich vielleicht plötzlich sogar um uns reiben." — Der Debanke gefiel 2lbci einige ältere Eunuchen bezeichneten ein solches Vorgehen alS einen groben Vertrauensbruch unbmit biefer Argumentation blieben sie Sieger Zum lebhaften Verdruß sowie zur bitteren Enttäuschung einiger hiesiger amerikanischer Journalisten kam dann auch ein entsprechender Entschluß zustande. Groß ist das Elend der Haremswächter. noch größer aber ist ihre Treu«...
Mit der Königvkronc in der Generalversammlung.
(f) London.
Kaum sind die großen Feierlichkeiten zu Ehren König Amanullahs vorüber, so beherbergen die Londoner bereits ein weiteres gekröntes Haupt ber Exotik in ihrer Metropole. SS ist kein Geringerer alS A t ta 0 f o r l. ber König von Akim 2riuama an ber afrikanischen Goldküfte. Dieses Gebiet wirb seit vielen Jahren von der sogenannten Akim Ltd. auSgebeutct. die ib en Sitz in London hat. Jetzt hat die Generalversammlung der De'ellschaft stattgeiunben. unb bei biefer Gelegenheit wurde der anwesende König Afori zum Ehrenvorsitzenden gewählt. Se. Majestät, die übrigens auch von König Georg in Audienz empfangen wurde, erschien in vollem Ornat im Saale, üfori hatte sich etwas verspätet und ergriff denn auch gleich daS Wort zu einer Entf(Huldigung. .SS tut mir leid". Tagte er. .daß ich die Herren hab? warten lassen, aber ich war in Hayes, wo man interessante Grammophonplatten aufnahm." Rack die en Worten setzte er sich nieder, legte ben KönigSmantel ab. behielt jeboch bie goldene Krone auf dem Kopse. So hörte er den ganzen Jahresbericht sowie die daranschließende Debatte an. der er infolge seiner guten englischen Kenntnisse durchaus folgen konnte. »Meine Krone", so sagte er später, »ist nämlich auS demselben Gold« gefertigt, da« die Akim Ltd. auf meinem Gebiete findet." Als sich dann kein Redner mehr zum Wort gemeldet hatte, erhob sich Atta Oforl unb sprach: .Ich kenne bas ßanb, da- ich Ihnen vermietet habe, recht gut. Ich kann ruhig behaupten, bah es auherorbentlich goldreich ist. Wäre ich hiervon nicht überzeugt, so wäre ich auch nicht Mitglied Ihrer Gesellschaft geworden, sondern hätte mich einfach mit der Pacht begnügt, die Sie mir zahlen. Aber dort gibt eS Gold, ja noch mehr, sogar Diamanten. Hiervon steht in unserem Vertrage nichts, aber ich gebe ihnen trotzdem auch diese Schätze, und zwar umsonst." Hierauf plädierte der Regerkönia dafür.' dah man nur Leute nach Afrika schicke, die m i t den Eingeborenen umzugehen ver- ftünben. »Glauben Sie ja nicht", sagte Ofori mit erhobener Stimme, .daß der Afrikaner so dumm ist, wie man das in Europa vielfach annimmt. Er hat eint zu ihm passende Intelligenz, unb wer biese versteht, der kommt mit meinen Untertanen glänzend aus." Hieraus dankte De. Majestät für da« ihr entgegengebrachte Derttauen. daS sie stets zu würdigen verstehen werde. Zum Schluß scharten sich bie Aktionäre um König Atta unb schüttelten ihm warm die Hand.
Amtsgericht Gießen.
' Gießen, 13. Juli. Sin Reisender war deS Kreditbetrugs unb ber Unterschka - gung angeklagt. Er hatte bei einem Schneiber einen Anzug bestellt, ben er prompt bezahlte. Hieraus bestellte er einen weiteren Anzug, den er teils bar, teil« mit einem Wechsel bezahlte. Der Wechsel würbe jeboch nicht eingelöst. Ferner soll er einer Firma, von ber er Drogen zum Weiterverkauf bezogen hatte, die einkassierten Beträge nicht abgeliefert unb somit unterschlagen haben. Die Beweisaufnahme ergab zwar einen Verdacht, ber jedoch zur Verurteilung nicht ausreichte Der Angeklagte wurde daher frei- g e s pr vchen.
©er Herr auf der Bank.
Don Marianne Kamniher.
Er lag schon auf ber Bank. alS wir ins Evup4 fticgen. ®r lag in Hemdsärmeln lang auS- geftredt. Heber feine Weste zog sich eine älhr- kette mit bunten Emaillebildchen: Photographien von seinen Kindern vielleicht. Knaben mit Matrosenmützen. Mädchen mit Bernsteinketten. Wir fetzten unS schweigend auf die gegenüberliegende Bank: Ein älteres Ehepaar, nach verjährter Mode sorgsam gekleidet, eine Krankenschwester oder Rönne, den Kops in einer weißen Haube aus steifem Stoff. Wir sitzen fragend dem Herrn gegenüber. »Wir ist auf der Fahrt schlecht geworden," sagt er endlich Sofort ist die Beziehung zwischen den beiden Bänken da.
.Dielleicht etwas Baldriantropfen", sagt die Rönne, an ihrem schweren Rock nestelnd.
Trinke ich nicht", antwortet der Herr ungehalten.
.Etwas Tee mit Zitrone?" bemüht sich die sorgsam gelleidete Dame. Aber der Herr antwortet schon nicht mehr. Rur das große Taschentuch, das er sich über« Gesicht gelegt hat, will sagen, er wünsche nicht weiter indigniert zu werden.
Wir sitzen schweigend da, nur darauf bedacht, ben kranken Herrn zu schönem Lautlos holt bie Dame ihre Räharbeit. blättert ber Herr im Kursbuch. .Kreuzstich?" fragt flüfternb bie Rönne. .Rein, Gretchensttch", gibt die Dame laut Io« zurück. Sann schweigen sie. Dis auf ber nächsten Station ber Herr unter dem Taschentuch den Hamen des Ortes zu erfahren wünscht. Don nun an teilen wir ihm den Ramen der Station mit, ohne dah er ausdrücklich darum zu bitten braucht. Unter bem Taschentuch nickt es beftätigenb.
®r ist Front Man muß ihm helfen. Schwarze Debanken des Zweifels, die sich in mein Hirn schleichen, verjage ich ängstlich. Er liegt in Hemdsärmeln auf bet Bank, er hat ein Taschentuch übers Gesicht gelegt: natürlich ist er krank.
Run oben, scheint er eingeschlafen. Er ahnet tief unb regelmäßig.
.Jetzt hat er enblich Ruhe." flüstert die Rönne.
.Der arme Mann." äußert bie Dame zwischen ihren Grctchenstichen. Ja, er schläft unb mehr als bas: er schnarcht. Die Rönne ist bamit beschäftigt. ihm etwaige Fllegen von Kopf unb Händen zu scheuchen. Sie tut daS mit rührender Zartheit. Ohne ihn im Schnarchen zu stören.
Run kommt aber eine Station. Man überlegt Ihm den Ramen sagen — bedeutet ihn Weckern Ihn schlafen lassen — hieße vielleicht ihn am Ort seiner Bestimmung vorbeifahren lassen. Wenn man nur wüßte, wohin er fahren wollte. Da entdeckt jemand fein Billett, das aus einer Westentasche lugt Sie einigen sich flüsternd, dah man im Intereise des Herrn nachsehen forme
Die Rönne will behutsam das Billett aus der Tasche ziehen. — Da fühlt sie ihr Handgelenk mit eisernem Grift umspannt Der Herr ist aufgesprungen, hat mit der freien Hand die Coupe- tür auf gerissen (mit der anderen hält er bie Rönne gepackt) und .Hllfe! Taschendiebe! Schurken! Hilfe!" ruft er mit dröhnender Stimme auf den Bahnsteig. Stationsvorsteher Bahnbeamte. Publikum laufen zusammen. Der hemdsärmelige Wann bezichtet die bleiche Rönne des Taschendiebstahls. Die DHörde schreitet zur Aufnahme des Tatbestandes. Da aber tritt ein Herr alS Augenzeuge vor. zeigt eine Mitgliedskarte unb klärt die Situation Der Herr in Hemdsärmeln wird auf gefordert, die Rom» loszulassen Der Zug kann toeitergekitet werden In diesem Augenblick belehrt den Herrn, der die Szene verursacht hatte, ein Blick auf das Bahnhoksschild, dah eben dieS die Station seiner Bestimmung sei. Schreiend unb lästernd wirft er sein Gepäck auf den Bahnsteig und springt vom fahrenden Zug.
Die zurückbleiben, ftnb vor Entsetzen starr.
.Vielleicht war er gar nicht krank." fagt die Rönne tonlos.
.Alles Schwindel!" meint die Dame empört.
.Der gemeine Hundl" läht ber Herr zwischen ben Zähnen hindurch. — Dann schweigen sie. Ein Gewitter kam über sie. Run sind sie sich ganz nah. Die Dame stickt seufzend. Dir Rönne bewegt die Lippen über einem frommen Spruch Der Herr reiht nervös an den Blättern seines Kursbuches.
Wir bleiben eng nebeneinander sitzen Niemand wagt sich auf die gegenüberliegende Bank, obgleich sie jetzt frei ist.
pola Jlegri über ben Iuwelenglauben.
Wenn sonst Äünftlerinnen unb besonder« Filmstars in ihrem Iuwelenschmuck nur ein Mittel sehen, ben Reiz ihrer Erscheinung zu heben, so steht Pola Regri in einem befonberen innerlichen Verhältnis zu ihren Kleinodien. bie sie in seltener Kostbarkeit 1H7 eigen nennt. »Ich glaube in Wahicheit. bah i-en Edelsteinen mystische Eigenschaften innewohnen". bekennt die Künstlerin in einem Londoner Blatte. „Jeder der Dielen schönen Steine, die ich besitze, erweckt in mir eine ganz besondere Stimmung. Ich schreibe diese einem tausendjährigen Mystizismus zu. der in dem Blut deS menschllchen Geschlechtes fortlebt. In meinen Filmen wähle ich meine Juwelen immer fo. dah sie mit ber beförderen Stimmung meiner Rolle harmonieren, unb mein Publikum fühlt ihre befonberen Eigenschaften heraus, bie das Menschengeschlecht immer in ihnen erkannt hat." Denn dieser Glaube an ben magischen Zauber schöner Steine hat feit ber Menschheit Kindheitstagen bestanben. und stets find gewisse Steine um ihrer wundertätigen Eigenschaften willen als Amulette und Talismane getragen worden In alten Zeiten wurden dem Diamanten, bem härtesten ber Steine, Eigenschaften gleich jenen, bie Aladdin« Wunberlampe befaß, zugeschrieben Sammlungen solcher tmmbertätiger Steine erben sich noch heute in manchen Hindulamilien Inbiens, dieser Schatz- lammer seltener Steine, vom Dater auf ben Sohn Seltsamerweise war im Mittelalter der Glaube an ben medizinischen Heilwert kostbarer Juwelen entstanden, ber auch später noch lebendig Sm ist. Eine Preisliste einer deutschen firma aus bem Jahre 1757 führt alle ne an, die als Bestandteile von Heilmitteln bad Herz gegen Gift und Krankheit«: zu schützen vermöchten Zu diesen für jeden Drogenhändler unentbehrlichen Steinen zählte man ben Hyazinth, Saphir, Smaragd. Topas, die Perl«, dralle, den Blutftein, Den Adler
stein und Jaspis. Wenn die erwartete Wirkung ber Steine auSblieb. so war man überzeugt, bah bie Juwelen nicht echt gewesen sinb. Der Achat galt als ein HellmittÄ gegen ben Bih von Spinnen unb Skorpionen unb gegen das Fieber. Dem Beryll wurde eine wohltätige Kraft bei Drüsenentzündungen. Augenleiden unb Schlucken zugesprochen, während man vom Karfunkel glaubte, daß er ben, ber chn trägt, giftfeft machte, aber ihn auch zugleich vor Traurigkeit. bösen Gebanlen unb Träumen bewahre. Korallen unb Smaragbe galten, wenn fie in ein Katzenfell eingehüllt und bem Patienten um ben HalS gehängt würben, als Der- treiber löblichen Fiebers. Da« größte Interesse wurde feit jeher bem Diamanten entgegen- gebracht, wie sich auch ber reichste Legenden- :raiu um bissen Stein geschlungen hat. Ihm wurden sechs Eigenschaften zugeschrieben: Sauer, Lüh. Salzig. Stechend, Bitter und Schars. Ist es bei diesem Reichtum Widers brechendster Eigenschaften daher ein Wunder, wenn man dem Diamanten die Fähigteit »utraute, alle Krankheiten und Hebel zu Hellen? Der Smaragd wurde im Mittelalter aanz besonders geschätzt, da man glaubte, er bewahre ein Krnd, an dessen Hals man ihn befestigt^hatte, vor epi- lepttschen Krämpfen und der Fallsucht. Der Hyazinth galt als Gegengift gegen Gifte, Jaspis als Heilmittel gegen Kolik und Beförderer einer regelmäßiaen Blutzirkulation, während man im Saphir ein Wittel gegen Phlegma, Galle, Blähungen unb Beulen sah. Dem B l u t ft e i n wurde eine besondere religiöse Bedeutung zugetellt, da man ihn häufig in christlichen Ornamenten verwandte. Das gleiche galt vom Saphir, der alS Siimblld de« Sternes von Bethlehem gedeutet wurde. Lange Iahr- bunberte hindurch haftete an bem Opal der düstere Glaube, daß er ein llnglückSstein wäre, diese Deutung mag vielleicht aus ber leichten Zerbrechlichkeit des Steines entstanden sein. Aber bie Königin Viktoria hat ben Aberglauben zu zerstören gewußt, inbem sie diesen reizvollen Ebelstein bevorzugte und auf diese Weise wieder in die allgemeine Dunst brachte. Heute ist e» ein beliebte« Brautgeschenk göoartca.


