Nr 93 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffeiv
Dienstag, 17. April (928
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3m Dienste des Friedens.
Die man uns schreibt fand in Paris eine Tagung der Frontkämpfer aller Länder statt, die am Weltkriege tei!genommen haben. Diese Tagung hatte die Ausgabe, die Dorarbeiten für eine allgemeine, grobe Front- kämpfertagung zu leisten, die noch in diesem Jahre ftattfinden soll. Sie soll zeigen, ob eS möglich ist, die einstigen Fronttämpser aus allen Ländern zu gemeinsamer Arbeit für ihr Dat.rland, für Europa und für die ganze Welt zusammen- zusühren. An einem solchen hohen Ziele zu arbeiten. ist in der Tat niemand mehr berufen, als gerade die Männer, die durch Jahre hindurch Tag für Tag dem Tode ins Auge geschaut und alle Schrecken des Krieges am eigenen Leibe gespürt haben. Diesen Gedanken gab der Leiter der Tagung, der Italiener Dansanel- l i. in seiner Begrüßungsansprache beredten AuS- druck. Gr hob besonders hervor, daß alle in Paris vertretenen Verbände in jeder B?zi hung gleichberechtigt seien, und dah jeder Verband vollständige Freiheit habe, die ihm eigenen Ziele zu verfolgen und seine Beziehungen zu den anderen Verbänden dementsprechend zu gestalten.
Dann sprach der Vertreter bo6-„3 ungdeut - schen Orden S". Er betonte zunächst, daß der Orden der von der „Interalliierten Vereinigung ehemaliger Kämpfer" ausgegangenen Einladung gefolgt sei. weil er glaube, daß gerade die Frontkämpfer aller Länder imstande seien, viel für die Zukunft der Völker und den Frieden der Delt zu tun. In der endgültigen Bereinigung des deutlch-sranzöslschen Gegensatzes müsse man den Gipfelpunkt her geschichtlichen Entwicklung deS 2D. Jahrhunderts für Europa erblicken. Denn Deutschland und Frankreich gegeneinanderstehen. so bedeute dies Unruhe und Unfrieden, ja vielleicht Krieg: wenn aber Deutschland unb Frankreich miteinanbergeßen, so bedeute dies Ruhe, Dohlstand und Frieden. Denn Deutschland und Frankreich einig sind, so hat jeder europäische Krieg seinen Sinn verloren. Bedroht sei der Frieden Europas und der Welt mir durch die uneingeschränkte Selbstsucht der heutigen Geldherrschast. die nur ihren Vorteil suche, nicht aber das Wohl der Völker. Gesichert sei der Weltfrieden nur durch Ausschaltung dieser Geldherrschast und durch Schassung einer wahren Volksherrschaft, welche dem wirklichen Willen der Volker entspricht. Für den Frieden notwendig sei eS weiterhin, daß das deutsche Volk von einer ebenso drückenden wie entehrenden Bürde, wie sie ihm durch Versailles auf- erlegt worden ist, daß das deutsche Reichs- gebiet von sremden Truppen geräumt werde, und daß der unhaltbare polnische Korridor beseitigt werde. Diesen Forderungen schlossen sich die Vertreter der anderen deutschen Verbände vollständig an.
Der polnische Abgesandte verlangte diesen deutschen Forderungen gegenüber „Achtung vor dem. waS unterschrieben worden sei." Für die Verhandlungen müßten die unterschriebenen Verträge die Grundlage hüben, von der unter keinen Umständen abgewichen werden dürfe. Die deutschen Verbände erftärten daraufhin, daß die Tagung einen vollständigen Fehlschlag bedeuten müßte, wenn sie auf solcher Grundlage geführt würde. 3n scharfer Weise sprachen die bulgarischen, portugiesischen und englischen Vertreter für den deutschen Standpunkt. Auch der Vorsitzende, welcher die „Interalliierte Vereinigung ehema- tiger Kämpser" vertrat, stellte sich der polnischen Forderung entgegen. Die deutsche Ausfassung drang durch, unb die von dem Polen beabsichtigte Sprengung der Tagung wurde vereitelt.
ES wurde bann beschlossen, eine allgemeine Tagung auf den 15. September 1928 einzuberufen.
Der Bezwinger des Luftmeers.
persönliche AriegSerinnerungen an Hauptmann Köhl
Nachdruck, auch auszugsweise, verboten
Dorn Vorsitzenden drs Riederrheinischen Deren- für Lustschiffch t Se.tion Wuppertal. Herrn Major S u l v i z X_t a i n c. wird uns nachfolgender Artikel über den Führer des glückha.ten Flugzeugs .Bremen". Hauptmann Köhl, zur Verfügung ge- stel't Herr Traine war 1918 Kommandeur deS Bombengeschwader- IV. in welchem der damalig« Oberleutnant Köhl Staffel 19 führte. Spater Höhnten beide in französischer KriegSgefangen'chast l*/i Jahre in gleichem ©«fangen’.agcr Zimmer an wimmer zusammen.
Hermann Köhl, unser alter lieber .Wüschtebub" ist heute in aller Mund, diesseits unb jenseits des Ozeans. Stolz darf sein Vaterland und drppelt stolz die deutsche Fliegerei auf ihn fein. Was Hunderte erstrebten, da- über ein Dutzend mit dem Leben bezahlten. waS aus dem unvergeßlichen Luftfahrertag im vorigen Jahre bei dem denkwürdigen Frühstück in Lennep mit heller Begeisterung von unteren deutschen Fliegern erwartet wurde, da- hat er verwirklichen können unb das blaue Danb deS Ostwestfluges über den Atlantik in ununterbrochenem Flug für Deutschland errungen. Da mag es reizvoll sein, aus unserer gemeinsamen Dienstzeit im Felde unb in Gefangenschaft einiges der Vergessenheit zu entreißen. Von großen Leuten erfreuen kleine Züge ja stets.
Hermann Köhl ist am 15. April 1838 in Reu- illm als Sohn eines bayrischen Offiziers in Königlich württembergifchen Diensten geboren. Er feierte also drüben am vergangenen Sonntag seinen 40. Geburtstag. Zuerst Pionier, erhielt er einen schweren Oberschenkelschuß, der ihn auch heute noch leicht hinken läßt, unb wurde Flieger. Zunächst war er Beobachter, hauptsächlich zum Artillerie-Einschießen der Flieger- abtcilung 41 in Flandern und betätigte sich dort bei meiner benachbarten Feld-Flieger-Abt. 40. die damals als erste Fliegertruppe in beiden Heeren den Racht-Bombenflug als Spezialität pflegte, durch freiwüliges nächtliches Mitfliegen. Als daher das Kampfgeschwader IV als Racht- bombengeschwader ausgerüstet wurde, wurde Kohl dorthin verseht unb bald zum Führer der Staffel 19 befördert. Don seiner Tätigkeit an dieser Stelle sei weiter unten geredet. Nur sei hier schon erwähnt, baß ich als Geschwaderkommandeur wohl niemanden mit größerer Freude zu einer Auszeichnung vorgeschlagen, als Hauptmann Kohl nach seinem rund ficbcnhundertften Feldflug zum Pour le m£ritc. Es ist hierbei zu bedenken, baß namentlich bei den nervenzer- rcibenben Rachtflügen 200 bis 300 Flüge bereits als eine Großtat angesehen würben.
Am 26. Mai 1918 wurde Köhl mit zwei Begleitern im Großflugzeug südlich Royon bei einem nächtlichen Bombenflug auf die Festung Paris abgeschossen. (Er geriet in französische Ge sangenschasi. aus der er am 8. September 1919 glücklich nach der Schwei) entfliehen konnte.
Vach Kriegsende blieb er zunächst bei Pionieren unb Kraftsahrtruppen der Reichswehr, aus der er bei ihrer Verkleinerung ausschied, um zur Lufthansa überzutreten. Diese vertraute ihm schon bald die Einrichtung und Organisation des V a ck t v e r k e h r - F l u g w e s e n s an, als des en Leiter er vor kurzem zurücktrat um den Amerikaflug vorzubereiten und jetzt durchzusühren. Soviel über den äußeren Verlauf feiner Fliegerlaufbahn unb nun mit volleren Segeln zur Schilderung des Menschen Köhl.
Als wir alle in den letzten Tagen den Atem anhielten. ob wohl Köhl von Irland loSkommt. unb ob er fein Flugzeug hinüberzwingt. da fiel mir unwillkür ich b.c oft erlebteS en e n. wenn w r unS im llebeZchwang ber Kräfte auf irgendeiner Wiele unter» Standquartier» zu Fünfen. Sech cn miteinander balgten, horten unb rauften. Dann warS fast immer dasselbe Bild: Unter wackerer Schwabe Köhl lag gut in Fechterstellung, ließ gleichmütig unsere Püffe an seiner Deckung ab- praUcn unb äugte nur ablerldiarf, di» plötzlich bann die Situation ihm günstig schien unb er mit einem Elan sondergleichen zwischen unS fuhr. Zwei, drei Hiebe und Griffe seiner eisenharten Arme unb Hände und die Mehrzahl von uns üöerhigclte sich im Grase. Er aber stand schon wieder pfisfig lächelnd ruhig da. als wollte er in seinem köstlichen, halb bayrischen halb toürttcmbcrgifdben Dialekt tagen: Wann ich nur puste, fliegt ihr doch all' hin!" Und wenn ich einen Vergleich aus der modernsten Technik ziehen will, so möchte ich KöhlS Wesen und Art vergleichen mit den Vorzügen eine- ganz modernen Achtzyjinder-LuruSautomobilS, wie sie uns z. Z. ständig eingehämmert werden: im gewöhnlichen Leben die Ruhe selbst. Weich unb schmiegsam in der Hand eines von ihm anerkannten Führer-. Besonnen unb scheinbar eiskalt! Dann jedoch im geeigneten Augenblick losstürmend mit einem gaiu unheimlichen Ueberschuß von Kraft, ßinbrängenb zum gewählten Ziel und hierbei alles überflügelnd. das in gleicher Richtung zieht, aber alles niederschmetternd, was sich ihm in den Weg stellt.
Köhl war und ist einer der wahrhaftesten Menschen, die ich kenne, aber auch einer, dem niemand die Wahrheit entreißen wird, wenn er sie nicht sagen will. Köhl ist einer ber besonnensten Menschen, den es wohl gibt, dabei aber im Asselt ober in der Begeisterung des Draufgehens von einer oberbayrischen Wildheit und württembergischen verbissenen Zähigkeit, die keine Widerstände kennt. Köhl ärgerte sich z. B. im Jahr 1916 über ein großes Munitionslager der Franzosen bei Cerisy an der Somme, weil die Fllegerabteilung 40 schon mehrfach Bombenangriffe darauf unternommen hatte, ohne es zur Erplosstm bringen zu können. Obwohl Köhl damals eine Äampfftaffel unseligen Angedenkens führte, die die scheußliche Ausgabe hatte, mit Beobachtungsflugzeugen die Artillerie- unb Aufklärungs-Flugzeuge gegen Angriffe feindlicher Jagdflieger zu schützen, obwohl er also den Tag über wahrhaft genügend und noch dazu unbanlbare Arbeit leistete, setzte er sich Vacht für Rächt in ein gewöhnliches Flugzeug, nahm die paar Reinen Bomben mit, die der 120pferdige Motor schleppen konnte und flog nach CerisyI Rächt für Rächt, immer unb immer wieder nach Cerisy,
bis eines Abends der ganze westliche Himmel in rote Glut getaucht erschien und zur Herzens- stärkung der ganzen deutschen Sommearmee drei Tage lang das Riesen-Munitionslager in die Luft flog.
War Köhl so die Pflichterfüllung in Person, so konnte er andererseits auch in Vergnügungen ausgelassen sein bis zur Grenze. Mit urgewaltigem Bayerndurst trank er alles nieder. Warnitz uhalten versuchte! Doch wenn er selbst einmal vom Alkohol bezwungen war. so brauchte nur nächtliches Flugwetter ..auszubrechen" unb im selben Augenblick war er nüchtern, eiskalt und kommandohart auf dem Posten.
Darum.
VI.
Gießener Giadtiheater.
Lurt-Wötz-Gastipicl: „Hotuspokuv." i
Darauf kommt es an. ihr Stückeschreiber, ihr dem Theater talentlos 'Verschworenen: etwas zu können... , _,
Siehe, es ist besser, einen gekonnten Schmarren zu schreiben, welcher ausgesührt wird... als zehn Trauerspiele mit großen Gedanken unb fünffüßigen Jamben unb hohem CthoS (wenn ich das schon höre, o Gott!)... nach welchen kein Hahn kräht unb kein Theaterdirektor.
II.
Schrieb ich vor 25 Jahren. („Die Welt in bet Kritik , Danb V, Seite 399.) Ich weiß: man macht sich verhaßt, wenn man es selber feststellt... aber ein anderer stellt es nicht fest.
Weißt bu?
III.
Götz - Curt, munbfertig - mutterroißiger. getft- behenber Sohn des goldenen Mainz... erinnerst du dich unlerer Rheinfahrt gen AßmannS- baufen? Geliebte!... Götz also. Stückeschreiber. Spielvogt unb Mime in einer Person, Urheber ber .Menagerie", des ,Lampenschirmes" unb ber Toten Tante". Ehegemahl seiner scharmanten Partnerin Martens-Valerie, erschien, bu glaubst es kaum, mit dem Berliner Pre- miercnenfemblc. selbst ein wandernder Komödiant. aus ber Fahrt durch die Provinz m Gießen, ilnb spielte .Hokuspokus"
(Du glaubst es kaum.)
IV.
Darauf kommt es an: einen Schmarren zu schreiben. Einem, der gekonnt ist, einen, dem sozusagen Theaterblut in den Adern pulst. Der auf große Töne verzichtet. (Und die kleinen meistert.)
Der die großen jedenfalls nur zum Lachreiz braucht. Trauertränendrüse bleibt unbehelligt. Gehr mir mit Furcht und Milleid, meine Lieben, ich lobe mir Götzens Curt aus Mainz.
Jawohl.
V.
Darum nämlich, well in diesem Stück — nehmt euch ein Beispiel, Rekruten ihr. Abcschützen des Theaters, dramatische Radebrecher unb Worte- l all er — well bei diesem Stück die Tränen nicht geweint, sondern gelacht werden.
Tränenwasser allein tu 18 freilich nicht. Sondern: Hoher Sinn liegt oft im kind'schen Spiel. Weisheit birgt sich bescheiden im Rarrenlleid... im Hokuspokus. (Wir sprechen noch davon: siehe unter Xkl.)
Richt schenkelschlagendes, backenkrachendes Gelächter nur: o nein: auch geschliffenes Lächeln leuchtet ob diesem Stück.
Anmutiger Witz, scholliger Spott, gelenkiger Hieb.
Guter Götz Sei uns gegrüßt! Wehe der Rach- kommenschast, die dich verkennt!
VII.
Rach Generationen iwch wird man lachen über des moinzischen Stückschreiber-Komödianten bissig-heiteres Spiel.
Er schüttet die Kübel seiner Lauge, er entlädt das Gewitter seines augenrollenden (doch mund- winkelzuckcnden) Zorns über Gerechte und Ungerechte. Läßt Pech und Schwefel regnen über Gute unb Döfe Er zieht vom Leder: er haut um sich. ,
(Er haut um sich: merkt es euch, chr DilettantenI Sein Wort in Euer Ohrl)
VIII,
Pech und Schwefel...
Ad 1: über Pirandello. (Der es gar iucht mehr nötig hat. Ich f eß rieb eS oft genug. Immer. Ich. Pirandello ist mithin eigentlich längst tot. ‘Begraben. Richt» Böses über seinem Grab.)
Immerhin, meine Lieben, immerhin: der Götz! Der gibts ihm. Tüchtig. Kein Hieb daneben. Miramteller heißt er hier. Und fein Stück —
Sollen wir es spielen, sollen wir es nicht spielen > Oder Mücke unb Elefant. Oder das Kleister- äälchen" — fein Stück rettet den Theaterdirektor vor der... Pleite. (Bor der Pleite! Du verstehst, was bas heißt!I Zeitgenosse!!!)
IX.
Sollen wir... sollen wir nicht... wollen wir.. wollen wir nicht... Mücke ... ®kf ant .. . Großes... Kleines... Schein... Wirklichkeit: das ist Pirandello. Oder, wie frier. Miramteller. Oder — Spaß! - Curt Götz. Das ist die Pointe am Schluß, war gar nicht vom Miramteller, das Stück, war vom Curt Götz! April... April!
Das Publikum staunt, glotzt, rast Beifall. Glänzender Witz. Ehrlicher Götz.
Hahaha. x
Ad 2: über die Justiz. (Werkst du was, lieber Geier?) Der gibt er es noch besser. Keinen guten Foden. Aber brillant eingefäbelt (Macht es ihm nach!) „ —
Es wird ernst. (Scheinbar.) ‘Blutigernft, ®e- richtsverhandlung mit allen Schikanen. Mord, Mord! Wie beim .Hexer"! Ein Kientopp tut sich auf. Gekonnt, gekonnt. Sagt was Ihr wollt: noch vom Kino kann die Erneuerung kommen.
Denn wie steht geschrieben: es ist btfier, einen gekonnten Schmarren... (siehe oben unter I).
Darauf, darauf, daraus kommt es an!
XI.
Unb bann wird der blutige Ernst zu Wasser. Richts als Wasser. Richts als Lachtränen. Du lachst dich gesund .. gutgelaunter, verblüffter Mensch im Sperrsitz. Du lachst dich gesund. (Mein Wort!)
Dulde, gedulde dich fein, lieber ein Stündlein Ist das ganze Parkett voll Sonne. Denn aus dem Elefanten der Gerichtsverhandlung, aus dräuendem Mammut von Mord, Totschlag, Anstiftung, Ehebruch ward die Mücke Hokuspokus.
Ward eine Deine Blamage. (Justitia, verhülle dein Haupt!) Es war ja alles gar nicht wahr. Halb so schlimm, viertel so schlimm, gar nicht schlimm. Siebe den Vorbericht!
Großer Taschenspieler Götz!
XII.
Süllen wir ... sollen wir nicht .. Elefant ... Mücke ... Schein ... Sein? Das ist eS eben: Pirandello ist tot. Es lebe Götz.
Iedennoch: das Körnchen Weisheit. Zuletzt vor dem Vorhang: Theaterdirektor, Kritiker. Dichter, Iustizrat. Kassiererin sprechen den Epilog. Den nachdenklichen Epilog. Künden tiefere Bedeutung von Scherz, Satire. Ironie (des selig-unseligen Grabbe aus Detmold, welcher bissiger war als Götzens Curt... und unglücklicher von Jugend auf).
Mso. Ehret bas Handwerk! Könnt etwas! Rur kein Geniefatzkentum und nichts dahinter. (Ich schrieb es längst. Vergeblich, denn keiner hörte drauf I) Besser ein guter Schwank als eine schlechte Tragödie. Besser ein tüchtiger Handwerker als ein sruchlboser Künstler, den niemand kennt.
Es sei denn: nach feinem Tode (Allo zum Beispiel Pirandello.)
XIII.
So ist das Stück Götzens, des Handwerters. Gott grüß ein edles Handwerk. (Seins hat, fürwahr, einen goldenen Boden. Die Aktien der I.-G.-Dramen Götz, Martens L Co. sind in den letzten Monaten rapid gediegen. Pallenberg würde lagen: ei potz! ei doppelpotz!!)
So ist die Aufführung Götzens. des Rampenvogts. ein Feuerwerk. Don Witz und llll und Spott. (Rehmt's ihm nicht übet Alles halb so schlimm.) Brillantes Tempo. Witspielende Pausen. Der Dialog verzahnt, geschliffen, blanf- p^iert. _ , . ,
S#ag auf Schlag. Gin schmuckes ^echterspiÄ, geölt auf langen Gastspielreisen. Blitzend, geschmeidig wundervoll.
Wundervoll! OGötz! Aber ...
Charakteristisch für Köhl war seine D e - Front wurde er. genaMwie einen Monat später ich. von feindlicher Flak berunter- geholt unb mußte nächtlich notlanbcn. Während aber mein frellbrennende- Flugzeug die Sofortige Auftnerlsamlell der umhcrsiedendcn Batterien erregte, sand Köhl Zett, (ich mit leinen beiden Begleitern in die Büsche zu schlagen unb von rückwärts bi- zur seindlichen Front vorzubringen, unb den dritten, zweiten unb ersten Graben in einer Rächt zu durchklettern Zwischen den beiden Gräben, m sogenanntem ..Riern andSland" lagen die Dreie bann einen ganzen Tag und zwei Rächte, zurückgehal.en von Köhls Besonnenhe.t, in einem Trichter, bis sich eine günstige Gelegenheit bö.c. Richt der wütende Hunger unb nicht da- Drängen der Kameraden konnten ihn zu einer unüberlegten Handlung sortreißen llnb al- in der dritten Rach', in einem günstigen Moment er endlich da- Zeichen zum Losstürmen aus den deutschen Graben gibt, da alarmiert ein schlecht unterdrückter Freudenlaut eine- ber beiden Begleiter den feindlichen und den deutschen Graben.
Maschinengewehrfeuer peitscht von hüben unb drüben auf. kreuzt sich über den brei regio- Liegenden, ersch agt d e beiden Begleiter und bannt Köhl in seinen Granattrichter bi- zur vierten Rächt, wo den völlig Erschöpften eine feindliche Patrouille zurück in Gefangenschaft holt. An diesem Morgen unterschrieb fein oLerfter Krieg-Herr für ihn den Pour le meritc, unb ich hatte einen Monat später die Freude, ihm die erste offizielle Kunde davon zu bringen, nachdem bisher nur vage Gerüchte durch andere Krieg-gefangene zu ihm gedrungen waren.
Im Oefanflcncnlagcr Montvtr für le Loir begann bald für ihn die Vorbereitung für einen Ausbruch, den ich mich, der ich Zimmer an Zimmer mit ihm lag, mit meiner Schwerhörigkeit nicht mehr gewachsen glaubte. Rotabene, es hat sich auch niemand gehmben, der mich hätte mitnehmen mögen. Ein halbtauber Au-reißer ist zu bald wieder gefangen. Der erste endigte schon im Drahtverhau. Während aber Köhl sich noch rechtzeitig zurückziehen konnte, ohne von den Franzosen bemerkt zu sein, wurde sein Begleiter von ihnen gefaßt, fürchterlich verprügelt unb ins Zuchthaus gesteckt.
Dann begann Köhl plötzlich fein Herz für die Malerei zu entdecken. Ganze Tage faß er zunächst unb kopierte auf feiner Stube in Aquarell Bilder aus Delhagen & Klasing usw. und brachte es zu einer unzwellelhaften Geschicklichkeit darin ich besitze einige Kopien von ihm. die meisterhaft Unb. Dann aber begann er süv Malen nach ber Ratur zu schwärmen und saß nun wiederum tagelang unb wochenlang auf unserem Lagerhvs herum und malte all die malerischen Eckchen des alten Mönchsklosters sauber und akkurat genau. Daß er dabei die beste Gelegenheit hatte, sich alle Flecken und Ecken aus ihre Tauglichkeit zur Flucht aus- genaueste anzusehen, und die Masse, die er brauchte, dabei exakt abzunehmen, darauf kamen natürlich die so pfiffigen Franzosen nicht. Da Köhl, gewitzigt durch die Erfahrungen, nur allein audrelßen wollte, so mußte er doch wenigstens etwas fron- zösisch kennen. Da aber haperte e- erheblich, und die schwere Bayernzunge wollte garnicht recht an das leichte Geplärr sranzösischer Sprache heran. Und so wanderte.mein Kohl wochenlang in engem Kreis auf dem großen Mittelhof umher, um nicht von den Franzosen gehört zu werden und memorierte vor sich hin: „Ocng kwattriäm puhr Lyong!1.' „Ocng kwattriäm puhr Lyonk!“ Ich glaube, mehr Französisch konnte er nicht, als er ausriß, als dies armselig bißchen: „Ein Dillek vierter Klasse nach Lyon." Al- das aber sicher faß, da konnte es losgehen! Unterbeffen toar
XIV.
2lbei so ist Götz, der Mine: fülle Heiterkeit schüttelt dich, Sperrntjer, sobald bu ihn gewahr wirst. Im Vor- unb Nachspiel als Dichter unb Drn ma-turgen, ech armes, getretenes^ jöchfijchsprechendes Luder, das dennoch zuletzt den Trumpf ausspielt.
Im Spiel, als Peer Bille, bezaubernd. Bejau- berr.b, sag ich: elegant, gepflegt, sarkastisch, trocken unb io überlegen, so Meister über allem unb mit allen Fäden in ber Hand, baß er unmerNich dein unmerHid) stockenden Partner einhelfen kann. (Wer hat's gemerkt?)
Wehe der Nachkommenschaft, bic ihn verkenni.
XV.
Lauter Doppelrollen! Nächst Götz gebührt ‘Ballen tin die Krone. Sein Lprechdurchsoll als pleite bedrohter, Gjpclnber Theaterdirektor ... hinuni st ch! Seine große Verteidigungsrede .. nicht zu bt schreiben. Dir bleibt die Spucke nxg. (Sagt der Berliner.)
Mit Bertoub.
XVI.
Valerie, die Götzjche, sieht entzückend aus als an geklagte Dame 2tgba. Apart im Trommelfeuer des Verhörs. Apart geftetbet. Apart im eigenen Salon. Man glaubt ihr alles ... unb glaubt ihr nichts. Pirandello! (Aya.)
UndStcnnbock, als Iustizrat und Gerichtspräsident. Lauter Doppelrollen. Unb Carl Winter. Unb die knusprige 1411a Uhrig.
Unb Max Kaufmann. Der spielt den Staatsan malt. Außerdem, zuerst unb zuletzt, den Kritiker. Merke: den Kritiker Knorr. Du merkst: es ist 2llsved Sterr (der vor Jahren bebeutenbfte ... jetzt mir noch bekannteste Kritiker in Deutschland.)
Er macht tue Kritik vom .Hokuspokus": Römisch- eins ... römischzwei ... Du verstehst, Leser, md)t mahr? Du kennst ihn: Knorr, Kerr. Kerr- Alrred aus Brestwi.
Der hat Augen gemocht in feiner Loge in Berlin, als er sich plößfiA auf der Bühne stehen faß ... unb war nicht einmal unzufrieden mit sich. (Das ist er selten.)
Bloß: er wollte „lieblicher" gespielt werden. Starke Zumutung.
Aber: Di kennst ihn.
xvm.
Unb hast gemerkt, inzwischen, o Leser, baß di« gar nicht meine, sondern ferne Kritik ist.
Ich habe sie bloß ein bischen frisiert. Meine Tante ... Deine Tante ... Schern ... Wirklichkeit? Mit einem Wort: Hokuspokus!
XIX.
Der Beifall braufte gdftfpteknäßig.
Dr. Th.


