Nr. 66 Viertes Klatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gderhesien)Samstag, (7. Mär; 1928
Sie Zukunft DeuW-Ostafrikas.
Don unserem ^.-Berichterstatter.
Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten. London, März 1928.
Der sogenannte „Friedensvertrag" von Der- sailleS hat hinsichtlich der deutschen Kolonien eine doppelte Regelung getroffen, die als Ausgangspunkt für alle Diskussionen über die künftige Gestaltung der Kolonialsrage angesehen werden müssen: Einmal ist durch den Artikel 119 bestimmt worden, daß Deutschland zugunsten der alliierten und assoziierten Haupt- machte auf alle feine Rechte und Ansprüche bezüglich feiner überseeischen Besitzungen (lies Kolonien) verzichtet, zum anderen ist durch die Einführung und praktische Durchführung des Mandatssystems im Artikel 22 der Döllerbunds- sahungen ein Rechtszustand bezüglich der ehemaligen deutschen Kolonien geschaffen worden, wonach zweifellos keine der ehemaligen deutschen Kolonien in den Besitz einer der ehemaligen Kriegsgegner gekommen ist: rechtlich wurden sie alle vielmehr der Souveränität des Dölterbundes unterstellt. Aus dieser anscheinend doppelseitigen Regelung der Kolonialfrage erklären sich die rechtlichen Wider- sprüche, die in der Diskussion über diese Angelegenheit ausgeführt werden. In Wirklichkeit ist natürlich keinerlei Widerspruch vorhanden, da die Bestimmungen 'des § 119 nur die Aberkennung des Besihrechts Deutschlands enthalten, während die Bestimmungen des Artikels 22 eindeutig feststellen, wem die Souveränität über die ehemaligen Kolonien zusteht, nämlich dem Dölker- bund. Daran ändert auch die Tatsache nichts, daß der Völkerbund bei der seinerzeitigen ersten Verteilung der Kolonien nicht gefragt worden ist. Rechtlich entscheidend ist, daß diese „Verteilung" der Kolonien erst durch den Völkerbund genehmigt worden ist und erst damit dm einzelnen Besitzern die rechtliche Befugnis gegeben wurde, sie nach den Bestimmungen der einzelnen Mandatsaufträge zu verwalten.
Keine der ehemaligen deutschen Kolonien kann somit rechtlich als Eigentum der einen oder anderen „Hauptmacht" unter den einzelnen Alliiertenn angesehen werden. 3m Gegenteil, der Abschluß der Mandatsverträge und deren Genehmigung durch den Völkerbund zeigt, daß die Vesugniss.' der einzelnen Mandatare streng begrenzt sind und daß k e i n e r l e i f r e i e V e r- fügungsgewalt des einzelnen Mandatars gegeben ist. Das hat insbesondere England 1921 anerkannt, a!s es eine Grenzabänderung des ihm übertragenen Gebietes voi Deutschosta.rika zugunsten Belgiens ausdrücklich durch den Völkerbund genehmigen ließ!
Mit diesen rechtlichen Feststellungen ist die Diskussion über die Frage, inwieweit England berechtigt ist, über das ehemalige Gebiet Deutsch- Ostasrilas zu verfügen, entschieden und die Debatte im Unterhaus über die Angelegenheit in den Rahmen gesetzt, innerhalb dessen sie gesehen werden muß. Rur innerhalb diesesRah- mens ist die vom englischen Unterstaatssekretär für die Kolonien zitierte Bestimmung des Mandatsvertrages zu würdigen, die es der Mandats- mocht gestattet, das „Mandatsgebiet" in Beziehung auf die Zollverwaltung, die Finanzen, und verwaltungsmäßig mit den angrenzenden Gebieten unter eigener Gebietshoheit zu vereinigen oder zu verbünden." Denn das heißt eben, daß Hoheitsrechte durch diese Frage nicht berührt werden dürfen, sondern nur, daß aus Zweckmäßigkeitsgründen die g eiche Verwal- tungsart wie in den angrenzenden Gebieten auch in dem Mandatsgebiet eingembrt werden darf, — eine Selbstverständlichkeit, die nur dadurch einen Svndergeschmack enthält, daß die Verwal- tungskon trolle für eigene Gebiete und Mandatsgebiete hiernach nach englischer Aus afsung i n ein e Hand gelegt werden darf. Denn selbst, wenn man an nähme, daß eine derartige „verwaltungstechnische" Lösung eingeführt würde, ohne daß eng'ischerseits die Absicht bestünde, auf diese Weise die Mandatsbestimmungen zu umgehen, die eine Sonderbehandlung der Mandatsaebirte ausdrücklich verlangen (z. D in der militärischen Ausbildung von Eingeborenen). würde es bei t>*r Vereinheitlichung bzw. Zusammenlegung von Mandatsverwaltungen mit eigenen Verwaltungen schwer sein, zwi- schön .mein" und „nicht mein" zu unterscheiden.
Soweit die bisherigen Pläne der Engländer erkennbar sind, ist denn auch nicht ersichtlich, daß sie jetzt schon das Gebiet des ehemaligen Ostafrikö. das sich in ihrem Besitz befindet, einzustecken beabsichtigen. Auch die sogenannte „Hilton Voung"°Mission hat nicht die Au gäbe, eine Antwort auf die Frage zu geben, wie das zu geschehen habe, sie soll im einzelnen eine ganze Reihe von Dingen erforschen, die allgemein für die englischen Besitzungen von Osta'rika von größter Wichtigkeit sind, wie die Frage der Behandlung der Inder, die Beteiligung der Eingeborenen an der Selbstverwaltung und eine Reihe anderer Fragen ähnlicher Ratur, die sich alle auf die Formel bringen lassen: „Soll Weiß oder Schwarz in Afrika herrschen?" Hier besteht in der Tat eine Diskrepanz der Verwaltungstechnik, die um so unangenehmer ist, als das ehemalige Deutsch-Ostafrika nach fortschrittlicheren Gesichtspunkten verwaltet werden muß, als die umliegmden britischen Kolonien, die aber gerade infolge dieser Tatsache mit ihren eigenen Eingeborenen l n Schwierigkeiten geraten. Es ha'delt sich somit gar nicht so sehr um eine „Vereinigung", als vielmehr um eine „Vereinheitlichung" der Verwaltungssähe, die zum Teil, besonders was die Frage der Behandlung her Inder betrifft von epochemachender Bdeutung für ganz Afrika ja für den gesamten Bereich der britischen Herrschaft (infolge der Rückwirkung auf Indien!) sein würden. Aber auch diese Dinge werden, so betonen die Engländer, noch nicht entschieden werden. Sir Hilton QJoung wird über die Angelegenheiten nur berichten, nicht aber selber bereits neue Derwaltungstatsa chen schaffen. Erst auf Grund des Berichtes wird die Regierung ihre Entschlüsse taffen. _
Rach diesen Erklärungen könnte man sich deutscherseits tatsächlich beruhigen, wenn nicht noch zwei Momente zu der Angelegenheit hin.ukämen, die diesen beruhigenden Erklärungen eigentlich ihr Gewicht nehmen: die Berichte, wonach die um Deutsch-Ostasrika Herumliegenden Gebiete Kenya, Uganda, Ryassaland, Rord-Rhodesia und
Süd-Rhodesia die Vereinigung mitTan- ganyita (Deutsch-Osta.rüa!) fordern, u b die ungewöhnliche Betonung, mit der der Kolonial- elretär der Opposition die Versicherung abnahm, daß sie jedenfalls nicht beabsichtige, „Tanganyika an Deutschland zurückzugeben. Hier muh man unwillkürlich tragen, zu welchem Zweck eine derartige Frage gestellt worden ist, und warum eine derartige Feststellung durch einen Staatssekretär erfolgt, der seit Iahren das Recht der vollen Souveränität für England in seinen Mandatsgebieten zumindest theoretisch beansprucht. Ist ihm etwa durch die vorzeitige Propaganda der englischen Kolonien für ein großes Dominion „Ost-Asrita" vorzeitig das Konzept verdorben worden? Die aufsallende Rervosität der englischen Presse bei der Wiedergabe der deutschen Pressekritik an der
„King George" wird verlangsamt.
(a) Reuhork.
Eine der größten Cisenbahngesellschaften des amerikanischen Westens veranstalt: te kürzlich eine Ausstellung in Chikago, auf der die schnellste Lokomotive den Ramen „King George" trug. Run hat Chikago in Big Bill Thompson einen Bürgermeister, der es wohl an Englandfeindlichkeit mit dem nationalistischen Irländer, Perser oder Inder aufnimmt. Dieser Bürgermeister verfolgt alles Britische mit glühendem Haß und leidet dabei an einer Art Verfolgungswahn, indem er erklärt, über kurz oder lang würden die U. S. A. wieder ein Bestandteil des Imperiums, der Union Iack verdränge die Sterne und Streifen, und George Washington habe umsonst gelebt. Diesem hundertprozentigen amerikanischen Big Bill war also der schnelle „King George" ein rotes Tuch, das er am liebsten vernichtet hätte, was allerdings ein zu kostspieliges Vergnügen gewesen wäre. Run durfte aber auf einen Wink des Staatsdepartements nicht einmal der Aarne geändert werden, und so verbrachte Big Dill schlaflose Rächte, in denen er visionär einen königlich britischen Generalgouverneur als Herrn ins Weiße Haus einziehen sah. Da kam ihm endlich ein rettender Gedanke, der inzwischen praktisch durchgeführt worden ist: durch Aenderung der Konstruktion wurde die mögliche Durchschnittsgeschwindigkeit des „K ng George" von 76 auf 60 Meilen in der Stunde reduziert. Und wenn sich jetzt Chikagos Bürgermeister durch den Pankee Doodke sanft in den Schlaf gepfiffen hat, sieht er im Traume die Freiheitsstatue, die ihn dankbar anlächelt — glücklicher Big Dill, glück'iches, gerettetes Amerika! „King George" bricht keinen Schnelligkeitsrekord mehr!
Südamerikanische Idylle.
(p) Amsterdam.
Der Reise-Korrespondent eines bekannten holländischen Blattes hat diesem einen ausführlichen Bericht über die Zustände in einer der kleinsten südameri'anischen Republiken gesandt, deren Ramen er jedoch verschweigt, weil et sonst während seines Aufenthaltes in diesem gesegneten Kontinent nicht mehr seines Lebens sicher sein zu dürfen glaubt. Immerhin enthüllt et einige mehr als romantische .Idylle, an denen gemessen die Kultur des europäischen Balkans zu wahren Dithyramben begeistern körnte.
Ratürlich ist der gegenwärtige Präsident durch einen Staatsstreich a iß Ruder ge’ommen; das scheint in Südamerika der nomia'c Weg zur höchsten Würde des Landes zu sein. Das Der- sassungsgefeh gestand ihm einen Vizepräsidenten zu, zu dem er seinen Bruder bestimmte. Sein ältester Sohn jedoch — der Herr Präsident hat 40 Kinder, aber keine gesetzlich ihm angetraute Ehefrau —, der ebenso wie fein Vater „General" einer imaginären Armee ist, verlangte ebenfalls das Amt eines "Vizepräsidenten. Kurzerhand wurde durch die gesetzgebenden Körperschaften das Der assungsgeseh dahin abgeändert, daß nunmehr dem Herrn Präsidenten zwei Stellvertreter beigegeben werden, und der heißeste Wunsch des jungen „Ge. erals" war damit erfüllt. Folgerichtig warf man, als nun der Onkel Vizeoräsident starb, — er soll von einem betrogenen Geschäftsmann mit vergifteten Spirituo'en auf den letzten Weg gebracht worden sein! — diese Bestimmung des Verfafsungs- gesehes wieder um und setzte dafür die ursprüngliche wieder ein.
Das dankbare Volt beschloß, diesem sympathischen Präsidenten ein Standbild zu errichten, und wo tonnte das besser und sinniger geschehen als in seinem Geburtsort? Obendrein befaß das Staatsoberhaupt dort ein kleines Stück Land von etwa 25 Morgen, das wie geschaffen für einen Denlmalsplah schien. Edelmütig stimmte der Präsident dem ihn ehrenden Vorhaben zu und überließ das Grundstück „seinem" geliebten Volke — gegen eine runde Summe von 1 Million j Goldfranls. Die Presse rühmte so viel Gene- I rosität, das Parlament trat zu einer außerordentlichen Sitzung zusammen, sprach dem Präsidenten den Dank des gesamten Vol.es aus und beschloß einstimmig und unter stürmischen Beifallskundgebungen, dem Präsidenten das Stückchen Land mit dem Erzbilde darauf als persönliches Eigentum wiederzuschenken. Dieser, in einer nur von hohen Geistern ganz zu würdigenden Anwandlung von Chara.terstäme, erklärte, er wolle dieses erhabene Monument nicht für sich haben, denn es gehöre „seinem" geliebten Volke, und „schenkte" es ihm daraufhin zurück — für eine weitere Million Goldfranls, versteht sich.
Ein unternehmender Europäer bewarb sich um das Monopol, die an den Küsten des Landes gefangenen Fische in das Innere des Landes zum Verkauf zu transportieren. Der Gouverneur der Küstenprovinz bewilligte ihm das Monopol gegen eine tägliche Zahlung von hundert Goldfranls — in die persönliche Kasse des hohen Beamten selbstverständlich. Und soweit und solange ging daraufhin alles gut bis zu dem Tage, an der der verdiente Gouverneur zum Innenminister der Republik ernannt wurde. Der europäische Kaufmann machte seinen Besuch bei dem neuen Gouverneur, der selbstverständlich ebenfalls die Abgabe von 100 Franks täglich forderte, erstaunte aber nicht schlecht, als er dann zu Hause ein versiegeltes Amtsschreiben des neuen Innenministers vorsand, worin er mitteilte, daß auch ihm weiterhin die tägliche
Hilton-Voung-Kommission spricht jedenfalls stark dafür.
Deshalb muß schon jetzt deutscherseits fest- gestellt werden, daß für den Fall, daß England tatsächlich die Abstcht ha en sollte, Deutsch-Ost- afriia einem Großdominion „Osta ri.a" einzu- verleiben, dies Deutschland in seiner Eigenschaft als Völlerbundsmitglied und Mitglied der Mandatskommission nicht genehmigen würde. Auch der Versuch, dies in verschleierter Form durch weitgehende Vereinheitlichung bet Verwaltungen zu bewerkstelligen oder vorzubereiten, würde Deutschland nicht billigen können, wenn sie mit dem Mandatsau trage in Widerspruch stehen sollten. Denn noch untersteht das ehemalige Deutsch-Ostafrila dem Völkerbunde und nicht der britischen Kolonialver- waltung in letzter Instanz!
Monopvlsteuer regelmäßig zu zahlen sei. Das ging unserem aus einem rechtlichen alten Lande stammenden Europäer, wie man so sagt, doch über die Hutschnur: er warf sich in seinen besten Staat, fuhr zur Landeshauptstadt, ließ sich beim „Vater des Volles", dem Herrn Präsidenten, melden und trug ihm die Geschichte vor. Entrüstet schüttelte der hohe Herr das Haupt und erwiderte nach langer, weiser ileberlegung: „Von heute ab erhalten die beiden Hallunken nichts mehr von Ihnen!" Gerührt von dieser Großmut wollte der Europäer die Hand des großen Mannes ergreifen, aber der fuhr fort: „Dafür werden Sie m i r täglich 150 Gold- franks überweisen!" — Seit diesem Tage haben die früher so reichlichen Fischzufuhren zur Hauptstadt gänzlich ausgehört.
Der Präsident hatte einen Iugendsreund, der Bezirksrichter war, mit einem Einkommen von elenden 200 Goldfranls monatlich. Der arme Mann suchte seinen so mächtig gewordenen früheren Spielkameraden auf und klagte ihm seine Rot. Mit Rührung erinnerte sich der Präsident feiner seligen Kinderjahre und ernannte seinen Freund auf der Stelle zu seinem „Generalsekretär". Dieser erfreute sich jedoch nicht mehr allzulange seines neuen Glückes und starb bereits nach acht Monaten. Er hinterließ ein Vermögen von — zwei Millionen.
Das alles klingt wie das Expose einer Operette, ist aber buchstäblich von Anfang bis Ende wahr.
Teitjchcs Lprak. . .
(8) Prag.
Die wenigen Rechte, die die deutsche Sprache noch in der tschechoslowakischen Republik genießt, erlegen der hohen Behörde die Pflicht auf, amtliche Mitteilungen unter Umständen auch in deutscher Sprache au erlassen. Aber wie rächt sich die tschechoslowakische Republik an der armen deutschen Sprache für diese lästige Pflicht! Ging der Amtsschimmel schon in kaiserlich-österreichischen Zeiten oft einen Holpertrott im Zaum dieser Sprache, so bockt er heute geradezu gemeingefährlich. Das Amtsblatt der tschechoftowalischen Republik ruft in deutscher Sprache zur Anmeldung von Ansprüchen an einen unerledigten Erbnachlaß auf. Das kann das Blatt in einem Satz von 12 Zeilen auch noch leidlich klar zum Ausdruck bringen. Den Rest desselben (!) Satzes aber verwirrt es folgendermaßen: ... widrigenfalls die Verlassenschaft wird mit jedem, die sich werden erbßerllärt und ihren Erbrechtstiiel aus- getoiefen haben, verhandelt und ihnen eingeantwortet, der nicht angetretene Teil der Derlassen- schaft aber, oder, wenn sich niemand erbserklärt hätte, die ganze Verlasfenschaft vom Staate als erblos eingezogen würde." — Wer hat da Wohl noch Lust, eine Erbserklärung anzumelden!
Die Mode der Thronprätendenten.
(P.) Bukarest.
Die immer noch, wenn auch verschleiert aufrecht erhaltene Thronprätendentschaft Carols macht in Rumänien Schule. Da meldet sich jetzt ein unterer Postbeamter aus Iassy, namens Demeter Dumitrescu, und behauptet, er fei der zweite, aber einzige noch lebende Sohn des ehemaligen Herrschers von Rumänien, Alexander Ion Cuza.
Als im Iahre 1859 die damals den Türken tributpflichtigen kleinen rumänischen Fürstentümer, die Moldau und die Walachei, sich vereinigten und zum Fürsten den Bojarensproß, Oberst Alexander Ion Cuza wählten, da wurde der Grundstein des heutigen rumänischen Staates gelegt. Sieben Iahre später, 1866, bildete sich eine Parteigruppe, die einen ausländischen Fürsten auf den rumänischen Thron bringen wollte, um den ewigen Bojarenintrigen ein Ende zu sehen. An der Spitze dieser Bewegung, die dann zur regelrechten Verschwörung wurde, stand der Vater des heutigen Ministerpräsidenten Vintila Vratianu, der alte Ion Bratianu. Eines Rachts wurden die Hofwachen überrumpelt, Alexander Ion Cuza mußte seine Thronentsagung für sich und seine Rachkommen unterzeichnen und außer Landes gehen.
In jener Rächt nun. so behauptet Demeter Dumitrescu, fei er als dreijähriger Knabe zusammen mit seinem fünfjährigen Bruder Alexander von einem getreuen Offizier, Major Lecca, nach dem Städtchen Duhufi in der Moldau gebracht worden und dort dem Pfarrer Dumitrescu in Gewahrsam gegeben, dessen Ramen die beiden zunächst auch annahmen. Als siebenjähriger Bursche tarn er nach Iassy, als Gerüchte umliefen, daß der damalige Fürst Carol von Hohenzollem abdanken wollte, weil die rumänische „gute Gesellschaft" eine antideutsche Einstellung gelegentlich des Krieges von 1870/71 einnahm. Der Pfarrer wollte ihn in Iassy haben, um ihn in einem solchen Falle sofort dem Volke zeigen zu können. Leider dankte Carol nicht ab. Er. Demeter, blieb jedoch in Iassy zunächst beim Major Lecca, der dort seinen Wohnsitz hatte und dann beim ehemaligen Adjutanten seines „Vaters", Oberst Roznovanu, der ihm auch „eine entsprechende Erziehung" gab. Später sei er Postbeamter geworden. Sein Bruder Lllexander dagegen habe sich das Leben genommen, weil er die Schmach nicht überleben konnte, als einfacher Bürgerlicher sein Leben zu fristen. Gr, der für den Thron geboren war... Run beantragt Demeter Dumitrescu, daß ihm sein richtiger Rame wiedergegeben werde. Ob er auch den Thron für sich in Anspruch nimmt, teilte er dem Landgericht, dem er obiges Ersuchen einreichte, allerdings
Geschichten aus aller Welt.
noch nicht mit, obgleich er eigentlich als direkter Rachkomme des Cuza Prioritätsrecht auf den Thron hat, der seinem Vater gewaltsam entrissen wurde. Es scheint jedoch, daß das Landgericht Suseava sich von den Argumenten Dumitrescus nicht überzeugen lassen will (sicherlich nur aus politischen Gründen!) — denn Dumitrescu selber kündigt schon jetzt für einen solchen Fall die Einlegung einer Beschwerde beim Kammergericht in Iassy an.
Inzwischen ist Dumitrescu, wenn nicht der König von Rumänien, so doch der König der Rarren von Iassy geworden, wenn man nach den Menschenaufläufen urteilen soll, die sich bei seinem Hervortreten bilden. Eine Anzahl von Iassyer Anwälten haben sich bereit erklärt, für feine Rechte zu kämpfen, wenn es auch manchen gibt, der da glaubt, die Anwälte hätten es auS Reklamebedürsnis für sich selber und (im Auftrage des Magistrats) für die einen Fremdenzustrom brauchende Stadt getan.
Wirtschaft.
Wochenbericht
vom Frankfurter Effektenmarkt.
In dieser Woche trat an der Effektenbörse eine Wendung zum Besseren ein. Wenn auch die Umstände im großen und ganzen nicht günstiger geworden sind, so konnte die Börse aus sich heraus eine fast allgemeine Kurserholung durchsetzen, die allerdings nur in Sonderfällen ein größeres Ausmaß annahm. Doch gerade diese Sonderbewegungen toaren es, die dem Markte in dieser Woche das Gepräge gaben und von denen die schließlich allgemein freundlichere Haltung ausging. Hervorg:rufen und gestützt wurden die Kurssteigerungen auf den Spezia gebieten im wesentlichen nur von der berufsmäßigen Spekulation. Don einer Beteiligung des privaten Publikums konnte wieder kaum die Rede sein. Die verschiedenen neuen 8prozentig.n Psandbriefemissionen dürften immer noch im wesentlichen die in Publikums'reisen freiwerdenden Kapitalien absorvieren. Rur vorn Aus- lande sollen verschiede ck.'ich wieder einige Kaufaufträge vorgelegen haben. Daher bewegten sich die Umsätze meist in bcscheide.e.i Grenzen, u .d zeitweise herrschte große Geschäcksstille, bis die starke Rachfrage nach Svezialwerte i d:s Geschäft etwas reger werden ließ. 3m Vordergründe dcs 3nteresses standen Rheinische Braunkohlen, die gegen die Vorwoche über 20 Prozent gewinnen konnten. Man führte dabei verschiedene Mutmaßungen als Gründe auf, die aber alle bis jetzt noch keine Bestätigung erfuhren. Auch die anderen Braun.ohlenwerte waren daraufhin gefragt: so zogen 3lse Bergbau 11 Prozent an. Von der Hausse in Glanzstoffwerten, die zeitweise auch im Frankfurter Freiverkehr recht lebha t gehandelt wurden, angeregt wurden die Z e 11 st o f f a k t i e n, von denen Aschaffenburger Zellstoff 14 Prozent und Waldhof 17 Proz. anzogen. Am Elektro- markt tonnte sich namentlich in den Werten, die Anlehnung an das Ausland haben, recht lebhaftes Geschäft entwickeln. Gcssürel erzielten einen Kursgewinn von 18 Prozent, Licht L Kra t lagen 9 Prozent höher. Von den übrigen Eiei tro- werten gewannen Siemens 5 Prozent, AEG. und Schuckert je 4 Prozent. Stets lebhaft gehandelt wurden von der Spekulation die 3.-G.-F arben» Bezugsrechte, die stärieren Schwankungen unterworfen waren. Rach einem Tiefkurs von 8 Prozent setzten wieder 3>trrvcntions.äufe ein, und gegen Ende der Woche wurde ein Kurs von 9,50 Prozent erreicht. Auch 3.-G.-B o n d s wurden zu 135 Prozent zeitweise lebha t um* gesetzt. Demgegenüber b ieb die Farvenanie setbst zunächst vernachlässigt, erst am Dv morstag, 15. d. M. konnten sich auch hierin größere Umsätze entwickeln, wobei namentlich von Großbankseite Material in ftär.erem Maße aus dem Marcke genommen wurde. Gegen die vergangene Woche zog der Kurs um 8 Prozent a t. Ei ie merk.iche Kursbesserung erfuhren noch Rheinstahl mit plus 10 Prozent. Auf den übrigen Marktgebieten gab es meist nur kleine Kursbesserungen von 1 bis 3 Prozent. Angeboten und 6 Proze ß schwächer lagen wieder Harpener. Außer den genannten Srezialbewegungen wirkten die verschiedenen vorlieg nien, günstigen Iahres* abschlüsse anregend auf die Allgemeintendenz, so verwies man auf die Abschlüsse der Daiatbank, Disco.itogesellschaft. Reichsbank und die Geschäftsberichte von Ha^ag und Rordd. Lloyd. Mit Befriedigung wurde ferner die Unterzeichnung er Freigabebill durch Präsident Cookidge ausgenommen. Andererseits wirkten die Sorgen hi sichtlich der zukünftigen Geldmarktentwicklung hemmend, wenn auch der Geidmarkt in der Derichtswoche lang'am ei e Ents annung erfuhr. Zum Zahltag machte sich dann wieder etwas größere Rachfrage geltend. 3m übrigen blieb der Medio ohne stärkeren Einfluß. Deutsche und ausländische Renten zeigten bei stillstem Geschäft nachgebende Tendenz. Am Devisenmarkt herrschte weiter Angebot an Devisen, und die Mark blieb fest.
Wochenbericht
vom Sranffurkr Produktenmarkt.
3m Anschluß an die festere Tendenz der vorigen Woche verkehrte der Frankfurter Produkten markt weiter in fester Haltung. 3m Einklang mit den weiter hoher lautenden amerikanischen Rotierungen machte sich eine allgemeine Entspannung des Marktes bemerkbar. Das Geschäft bewegte sich aver im wesentlichen in engen Grenzen, doch wurden verschiedentlich auf die knappe Defchicku :g des Marktes Deckungen oorgenommen. Meldungen über Frostschäden in Amerika und verschiedenen Teilen Europas hatten zur Folge, daß die zweite Hand ihre Ware zurückhie.t in Erwartung weiterer Preissteigerungen. Die ziemlich hoch offerierte Ware wurde von allen Seiten glatt ausgenommen, da mit einem weiteren Anziehen der Preise gerechnet wird. Das Angebot in 3nlandgetreide hat weiter stark nachgelassen, so daß sich das Geschäft nur hemmend entwickeln konnte. Weizen und Roggen wurde hauptsächlich von feiten der Mühlen gekauft, was aus das lebhaftere Mehlgeschäft zurückzuführen ist. Hafer war lebhafter verlangt, da hier die 3ndustrie gute Ware in größeren Posten aus dem Markte nahm. Auch Braugerste, die nur noch knapp vorhanden


