Rr.2^4 Weites Blatt Eietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Dberheffen) Dienstag, 16. Oktober (928
Erinnerungen an Rasputin.
Dom stbtt-.schen Bauern zum Beherrscher Rußlands.-Lu den Rehen St. Petersburgs. - Eine merkwürdige Klientel. - politik und Mystik.
Don Mana Grigorjewna Rasputin.
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3n letzter Zeit macht die in ein merkwürdiges Halbdunkel gehüllte Gestalt Ra- sputins. des sibirischen Wundermönchs am Hose des letzten russischen Zaren, wieder viel von sich reden. Den Anstotz baxu gibt Wohl der bevorstehende P r o z e tz, den die Tochter Rasputins, Frau Maria Grigoriewna Rasputin gegen die Mörder chres Balers, den Großfürsten Dimitri Pawlowitsch und den Fürsten Felix 3 ussavow in Paris angestrengt hat. Die Beklagten, von dencn ein Schadenersatz von 25 Millionen Franks gefordert wird, werden von dem berühmtesten Verteidiger von Paris, Mailre Moro Gafferi vertreten werden. 3n einer R.ihe von packend geschriebenen Aufsätzen wird nun Frau Rasputin interessante Züge aus d:m Leben ihres Vaters schildern und namentlich auch in ihrem eingehenden Bericht neues und wichtiges Material über die Ermordung des grvtzen Wundermannes beibringen.
Denn ich von meiner Kindheit in meinem sibirischen Heimatsdorfe Pokrowskoje absehe, so habe ich mit meinem Vater in besonders enger Verbundenheit von 1929 bis 1916 in Petersburg zusammen gelebt, also in den 3ahren, in denen er am häufigsten dei^>Kaiserlichen Hof besuchte, und in denen sich recht eigentlich die Legende um seine Person gebildet hat.
Wenn ich auf der einen Seite eine 3deali- sierung seiner Persönlichkeit vermeide, auf der anderen mich aber vor den Verleumdungen hüte, mit denen ihn seine Feinde verfolgt haben, so bin ich in der Lage, sein wahres Bild zu zeichnen, das ihn in seinen Lebensgewohnheiten zeigt, und das den Einfluh seiner Persönlichkeit und seine politische Betätigung erkennen läßt.
Bei der Beurteilung meines Vaters vergißt man nur zu oft, daß er eigentlich mir e i n Dauer mit bescheidenen Ansprüchen, einfachen Gefühlen und primitiven 3nstinkten war. Als er in die Hauptstadt kam, hatte ernochnieeinen T r opfen Wein getrunken, den man in Sibirien nicht kennt, wo wir nichts anderes als Kwas (ein aus Hefe und Brot hergestelltes leichtes Getränk) tranken. Er hatte ebensowenig eine Ahnung voü dem Glanz der Paläste, in denen er Aufnahme finden sollte, wie von der Freiheit der Sitten, die in der eleganten und raffinierten Petersburger Gesellschaft herrschten. Richt er ist es also gewesen, der die Petersburger verführt hat, sondern es war Petersburg, das sein Leben auf den Kopf gestellt hat.
3n Pokrowskoje kümmerte sich mein Vater nur um seine Pferde, die Felder, die Ernten und die Holzfuhren. 3n Petersburg wurde er sogleich verhimmelt und von tausend Dittstell- lern umlagert. Er war von Frauen umgeben, die an seine prophetischen Gaben glaubten, während ihn gleichzeitig eine Meute von Feinden hetzte, die seinen Einfluh auf den Zaren und die Zarin fürchtete. Aus dem einfachen Muschik, der er gewesen, aus dem Staretz, zu dem die Bauern wegen der wunderbaren Heilungen, die ihm gelungen waren, von weither kamen, wurde er jetzt erst b.r Rasputin der Legende, derVertraute derKaiserin, der Minister ernannte und über die Staatsgewalt verfügte.
Als er nach Petersburg kam, trug er noch die russische Leinenbluse, die weiten Hosen und die hohen Stiefel des Bauern. Ein 3ahr darauf war er nur noch in Seidenblusen gekleidet, die ihm seine Verehrerinnen mit Stickereien verziert hatten. Wenn er abends ausging, so trug er Lackstiefel und Pelzmäntel aus Rerz und Zobel
„Unterwelt."
Lichtspielhaus Bahnhofstraße.
Auf diesen amerikanischen Film wurde seit langem als etwas ganz Besonderes hingewiesen. 3n der Tat ist einiges daran so bemerkenswert, daß es sich lohnt, ihn zu sehen und sich mit ihm zu beschäftigen.
Also zunächst: es ist kein literarischer Film. Das heißt: es ist nicht bekannt geworden, dah er sich einer anderen stofflichen Vorlage bedient hätte, als nüchterner amerikanischer Polizeiakten. Das hort sich an wie ein Versuch zu äußerster Sachlichkeit auch in der Filmproduktton. (Aber die „Dache" hat einen Haken: es wird noch davon zu sprechen sein.)
Ferner: es ist eiy Kriminalfilm. Das ist nun keineswegs etwas Besonderes. 3m GegenteT, dies entspricht dem herrschenden Geschmack, der Vorliebe für „Fälle" mit Verbrechen, Aufklärung, Kamps, Verfolgung, wintersuchung und so weiter außerordentlich. (Film, Theater, Roman, Novelle kommst ja solcher Vorliebe in letzter Zeit vielfach entgegen.) Aber dieser Film, und das ist das Besondere daran, ist nicht nur überwiegend, sondern ausschließlich von der „Gegenseite" aus gesehen, geschrieben und inszeniert. Aus der Perspektive der „Unterwelt", der Kaschemme und der lichtscheuen Derbrecherbezipke. Der Zuschauer erlebt die Vorgänge der acht Akte nicht gemeinsam mit dem Detektiv und dem Lieberfallkommando, sondern mit so dunklen Ehrenmännern wie Dull Weed und dem „Professor" und einer „Dame", die den eigenartigen Namen „Feder-Else" führt.
Was nun die Vorlage angeht, so wurden die Polizei-Akten bereits erwähnt, und es war auch fein schlechter Gedanke, sie als Manuskriptbuch zu benutzen. Sie hätten dazu dienen können, einen Bericht aus der Wirtlichkeit zu liefern, die zwar höchst unerfreulich, abstoßend und nicht einmal in „aufklärendem" Sinne zu brauchen ist, — aber einen überaus fesselnden und spannenden Bericht, den man aufgeregt und ohne zu Atem zu kommen, miterlebt... eben einen Film, wie er sein soll, aus Bildern gebaut, von Handlung strotzend, lebendig zusammengesetzt
und benutzte Automobile, die ihm f:ine Freunde und Anhänger nur zu gern zur Verfügung stellten.
Wenn sich aber auch seine äußeren Lebens- umstände noch so sehr änderten, so blieb er doch im Gru n d e stets derselbe. Seine Stärke ^stand nicht nur in der Faszinationskraft des Blickes, der sein Gegenüber erschauern lietz, sondern ebenso sehr in seiner Einfachheit, in seiner offenen Art zu sprechen und in der unabhängigen und freien Art seines Wesens, die er sich bis an das Ende bewahrt hat. 3ch war dabei, wie er Fürsten, die er zum ersten Male traf, mit „öu“ an redete und umarmte. Man erzählt von einem Höfling, er habe Nikolaus II. auf die Frage, wie spät es fei, geantwortet: „So spät, wie es Cw. Majestät gefällt." M.in Vater hat dem Zaren und der Zarin stets gesagt, was die Stunde geschlagen hatte. Sein Einfluß erklärt sich ebenso sehr aus seinem Freimut, wie aus seiner WillerLkrast.
Wir, mein Vater, meine Schwester Waria und ich mit zwei Dienstmädchen, Dun la und Katia, wohnten in einer Dierzimmerwohnung in der Gorochowaja-Straße. Dort empfing mein Vater in seinem kleinen Arbeitsz mmer oder in unferm Eßzimmer vom frühen Morgen an d i e unzähligen Besucher, die kamen, um ihn um Rat oder Hilfe anzugehen.
Seine Desucher bestanden aus Leuten aller Art, Arme und Reiche, 3uden uni) Rechtgläubige, Fürsten, Genert le und Dauern. Die einen kan en und baten um Rat, die andern wollten ein H il- mittel und wieder andwe baten um eine E np e> lung oder eine Fürsprache bei der Regierung. Wie zahlreich die Besucher auch immer waren — es hat Tage gegeben, an denen wir bis zu zweihundert gezählt haben —, stets hörte mein Vater sie geduldig an, versprach feine Hilfe, schrieb Empfehlungsbriefe und nahm von dem Reichen ein Geschenk an, das er dem Armen weiter gab.
Alle, die ihn gekannt habm werden bestätigen, daß das Geld für ihn leinen Wert besaß: er nahm es mit demselben G.elchmut an, mit dem er es wieder verteilt?. Er lebte in den Tag hinein, ohne sich den Kopf darüber zu zerbrechen, was der nächste bringen würde. Rach seinem Tode besaßen meine Schwester und ich kaum ein paar tausend Rubel. Wenn uns die Zarin nicht geholfen hätte, weiß ich nicht, was aus uns geworden wäre.
Während der Sprechstunde Tingelte das Telephon sehr häufig bei uns. Es war der Minister des 3nnem Protopopow oder unsere Freundin Anna Wirubowa, die Ghrcndame der Kaiserin, oder auch der Fürst 3 u s s u p o w, der nur hinter dem Rücken feiner Familie mit uns verkehrte, und der in Wirklichkeit die Ermordung meines Vaters plante, die ihm auch dann später, am 16. Dezember 1916, int Kellergeschoß seines Palastes gelang.
Häufig wurde auch von dem Alexanderpalast in Zarskoje Selo, der Residenz der Zarensamilie, angerufen und mein Vater dorthin bestellt. Wenn der junge Großsürst-Thronso'ger, der häu ig unter Anfällen von Hämophtzlie litt, sich nicht wohl fühlte, dann ließ die Zarin sogleich meinen Vater benachrichtigen, dem es früher mehr'ach gelungen war, die Blutungen zum Sli lstand zu bringen. Wenige Minuten nach dem Anruf erschien dann ein Hofautomobil, um meinen Vater abzuholen.
Wie stand es zu dieser Zeit um den politischen Einfluß meines Vaters? Die Unter- suchung, die auf Anordnung der Provisorischen Regierung von dem Unterstaatsanwalt Rudniew vorg-enommen wurde, hat festgestellt, datz mein Vater sich nie direkt in politische Angelegenheiten eingemischt hat und daß die von seinen Feinden erhobene Beschuldigung, er habe Der r a t verübt, jeglicher Grundlage entbehrt.
Dagegen steht fest, datz mein Vater dem Kaiser Personlichkei.cn wie Protopopow, den Patriarchen P i t i r i nt und den Bischof Barnabas empfohlen hat.
Ich habe auch mit eigenen Augen gesehen, wie er im Jahre 1914 eine Reihe von Telegrammen an denüaiser aufsehte, in denen er ihn anflehte, den Krieg um jeden Preis ju vermeiden. Als er erfuhr, daß der Befehl zur allgemeinen Mobilmachung gegeben war, schrieb er dem Zaren die folgenden prophetischen IDorte: „Ein furchtbares Unwetter bedroht Rußland; Unheil und Leiden ohne Ende ... Ich weih, alle wollen den Krieg. Sie begreifen nicht, daß sie blindlings dem Abgrund zu rennen Rußland im eigenen Blut ertränkt, wird Qualen und endlose Trauer durchmachen ..
Später hat er auch die Bedeutung einer geordneten Lebensrn t clv.rsergung vo.aus e ef ea, deren Mängel dann zu den ersten Ausständen in Petersburg führ.en, und er hat über dieses Prob'ern an die Zarin zahlreiche Briese geschrieben.
Die Leute, gegen deren Pläne sich die Ratschläge meines Vaters richteten, ver,uchien natürlich bereits feit den ersten 3ahren, ihn aus Petersburg zu entfernen. Die Liste würde endlos werden, wenn ich alle Versuche aufzählen wollte, die in dieser Richtung gemacht worden find. Graf Kokowzew hat ihm als Ministerpräsident hunder. ausend Ru'e! ange- boten, wenn er sich ber.it fände, Pe eröbura zu verlas en. Später versucht: eine poii ische Vereinigung „Der Verband der wahren Russe n“, den mein Vater lange unterstützt hatte, ihn zu entfernen. Der Mönch 3liodor ver
suchte, ihn durch die Gusseva ermorden zu lassen, der es auch in Pokrowskoje gelang, ihn durch einen Messerstich zu verletzen. Auch me; c e Großfürsten hatten seinen Untergang b.schlos en.
Schließlich tarnen seine Feind: zu der Ansicht, datz das einfachste Mittel, um ihn aus dem Wege ,-u schaff, n, fr-.rin ke eh , ihn in den Augen des Kaisers una der Kai erin zu kompromittieren. Er war von S auen umgeben, die ihn bewunderten, er l ebte den Tanz un) besonders die Weisen der Zigeuner, die ihn ganz von Sinnen bringen konnten, er war l icht berauscht, ’iebte afer di: schweren Wie Spaniens und dee K im. obwohl er sie schlecht vertrug, und bot so diesen Angriffen ein leichtes Z e'. Er w rde bald ständiger Gast in der „Villa Rods", dem bneühmten Petersburger Nachtrestaurant, und hatte sich noch kurzer Zeit daran gewöhnt, jeden Ab.nd aus- zuMrhen.
Man holte ihn ab oder lud ihn ein. Spät in der Nacht fuhr er noch zu den Zizeun:rn. Fürst Andronikow, der Mittier Eh-ostow und zahlreiche andere hochgestellte Pcrfönlichse.ten gehörten zu dm ständigen Gefährten dieser nächtlichen Unternehmungen. •
Besonders dazu an-e'teHte Po i ei'eamten verfaßten über d'ese nächt ichen Fahren tmden'iöse Berichte, die den einzigen Zweck verso'gtea, bei der Kaiserin Entrüstung zu weck n. Abe: d r Zar und die Zarin ließen sich nicht beirren. Nichts konnte ihr Der rarer erschütte n.
Da entschlo sen sich lie Gegner meines Dattrs, zu den äußersten Mitteln zu"gr if n. Der Aege- ordn'te Purischkewitsch. Großfürst Di nit.i P'w o- witsch und Fürst Fe ix 3ufopov machtm sich d e nächtttchen Ausflüge meines Vater; z nu'-e. um den Hinterhalt an der Moika vorzuberei en. in dem er durch die Kugeln aus ihren drei Revolvern den Tod finden sollte.
Vor neuen Arbeiiskänipfen.
Von unserer Berliner Redaktton.
Berlin, 15. Oft. Der Beginn des Wenters ist für die sozialen Verhältnisse immer ein schwieriger Augenblick. Die Arbeitslosenziffern steigen mit der Beendigung der landwirtschaftlichen Kampagne und mit der Einstellung der Bautätigkeit, die Bedürfnisse des kleinen Haushalts für die Anschaffung von Brennmaterial und Kleidungsstücken machen sich schmerzlich bemerkbar und die lastende allgemeine Depression, die in diesem 3ahr noch obendrein mit der Beendigung einer verhältnismäßig günstigen 3ndustnekonjunktur zu- sammenfällt, führt zu Lohnkämpfen und Arbeits- streittgkeiten, die einen oft nur schwer erkennbaren Derzweiflungscharakter tragen. Unter diesem Gesichtswinkel muß man die Vorgänge betrachten, die augenblicklich nicht nur in Deutschland, sondern in den großen Industriegebieten der meisten Länder bemerkbar werden,
3n den französischen Bergrevieren ist bereits vor Wochen ein allerdings lokal und branchenmäßig beschräntter Lohnkampf ausgefochten worden. 3n der Tschechoslowakei steht die Bergarbciterschaft fett Ende September in einem schweren Arbeitskonflikt, der das ganze für die Tschechoslowakei wichttge Bergbaugebiet von Kladno betrifft. Das Wirtschaftszentrum P o- lens, die Textilindustrie von Lodz liegt gleichfalls und aus den gleichen Gründen seit etwa zwei Wochen lahm, und auch in Deutschland ist zu dem lange latenten Konflikt in der niederrheinischen Textilindustrie, in der weit über 100 000 Arbeiter beschäftigt werden, die Gefahr eines noch größeren Lohnkampfes in der nordwestlichen Eisenindustrie hinzugetreten. Der Ar
beitgeberverband der nordwestlichen Ersen- und Hüttenindustrie hat am 13. d. M. der gesamten Belegschaft zu Ende dieses Monats gekündigt, also die Aussperrung von etwa 225 000 Arbeitern vorbereitet. Freilich ist damit der tatsächliche Ausbruch eines Kampfes, der mit Stillegung beginnen würde, noch nicht deklariert. Denn es soll nach den Angaben des ArbeitgeberDerbandes durch die Massenkündigung nur erreicht werden, datz ein vertragsloser Zu st and und die damit verbundene Gefahr von Einzelstreitigkeiten vom 1. November ab vermieden wird. Also ein Vorgehen, ganz ähnlich wie dasjenige im Dezember v. 3., das freilich durch eine ziemlich beträchtliche Lohnerhöhung beendet wurde.
Diesmal sieht die Sache anders aus, denn die Forderung einer Lohnerhöhung von 15 Pf. für die Arbeitsstunde scheint bei der Lage der Eisenindustrie so wenig tragbar, datz auch die Schlichtungsinstanzen, bzw. das Reichsarbeiis- nrinifterium kaum Neigung haben dürsten, den Forderungen der Arbeiterschaft zu entsprechen. Denn hier treten volkswirtschaftliche Erwägungen in ihr Recht, da größere Lohnerhöhungen ohne entsprechende Preisherhöhungen nicht getragen werden können und die letzteren bei einer Industrie, die die Grundlage fast aller verarbeitenden 3ndustrien bildet, volkswirtschaftliche Nachteile und verminderte Konkurrenzfähigkeit der ganzen deutschen 3ndustrie auf dem Weltmarkt nach sich ziehen würden.
Es läßt sich also vorläufig noch nicht absehen, tote gerade dieser große Lohnkonflift zu Ende geführt werden wird, zumal die Stimmung auf
und mit möglichst wenigen Texttiteln dazwischen. Das ist alles gelungen.
Aber — jetzt kommt der Haken — die Handlung war offenbar doch aus den Akten nicht glatt abzulesen, zu rekonstruieren und in Filmszenen zu übersetzen —, oder sie schien doch vielleicht zu einfach, zu nüchtern, zu wirklich. Kurz: man hat den Willen zur nackten Sachlichkeit doch nicht bis zuletzt durchgehalten, man hat also die Handlung zuletzt mit einer „Handlung" totgeschlagen und dadurch den Eindruck abge- schwücht.
Nämlich: die Amerikaner sind komische Leute: Sie sind technisch auf der Höhe (der Regisseur 3csef von Sternberg inszeniert das Ganze mit einem bemerkenswerten Schmiß, geschickt, großzügig und äußerst beweglich). Aber ein Film ohne happy end, ohne den Sieg der rächenden Gerechtigkeit und ohne eine Belohnung unschuldig verfolgter Tugend — dasging einfach nicht. Sie tun es nun einmal nicht. Man sehe sich den Film an und überprüfe die eigenen Eindrücke. Es ist ja nicht aufdringlich, aber es ist doch eben das letzte Wort, oder die letzte Szene und nicht wegzuwischen. Alnö sie will uns nach al em, was zuvor ganz natürlich, glaubhaft unb folgerichtig vor sich ging, nicht behagen. (Wir kennen bis jetzt nur einen Spielfilm, der den Schr.tt in die einfache Wirklichkeit, unter Verzicht auf Liebesgeschichten und glückliches Ende mit entsprechender Großaufnahme entschlossen, ohne Sentimentalität und ohne jede Konzession an den Publi- kumsgefchmack vollzogen hat: er heißt „Berlin", Symphonie einer Großstadt, und ist durchaus nicht langwci.ig, sondern so in'er.'f ant, spannend und lebensprühend, wie es nicht viele gibt.
3m übrigen ist der szen.sche Aufbau ausgezeichnet. (Der einzige bedenkliche Punkt, wo man die „Handlung" spürt, ist die Szene im Gefängnis, wie der Verurteilte mit dem Wärter ein Drett- spielchen macht: der Beamte legt eine sträfliche und disziplinwidrige Leichtferligleit an den Tag, die denn auch alsbald böse Folgen zeitigt.) Aber sonst ist nichts auszusetzen. Die älnierweltsquar- tiere, das „Milieu" der Verbrecher-Ball, das erbitterte Feuergefecht zuletzt mit dem abermals gestellten und eingekefselten Mörder — das ist regiemäfjig und aufnahmetechnifch glänzend bewältigt. ;
Ein paar famose, mit ungeschminktem Temperament spielende Darsteller in den Hauptrollen — Dancrost, Brook und Evelyn Brent — heben sich aus der gut verteilten Besetzung sehr eindrucksvoll heraus. —r—
Neues von Jedermann.
Don Hans fKiebau.
Federmann hat fein Leben versichern lassen. Mit 20 000 Mk. Aber der Arzt muß ihn noch untersuchen. Der hat einen langen Fragebogen.
„Verheiratet?"
„3a."
„Wie lange?"
„Drei 3ahve."
„Kinder?"
„Nein."
„Nanu?" lächell der Arzt. „Warum denn nicht?"
„Da ist nichts zu machen," zuckt Federmann die Achsel. „Kinderlosigkeit ist in unserer Familie erblich."
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Federmann ist von Bremen nach Berlin gefahren. 3n der dritten Klasse. Für 17 Mark.
Als er durch die Sperre will, sucht er feine Fahrkarte in allen Taschen. Sie ist weg.
„Da müssen Sie nachlösen," sagt der Beamte. „Bahnsteig I.“
Federmann geht auf Bahnsteig I. „3ch habe meine Karte verloren," sagt er.
„Woher?" fragt der Mann am Nachlöseschalter.
„Don Stendal," lügt Federmann.
„Fünf Mark zwanzig."
Federmann zahlt.
„Schade," sagt der Beamte und fieljt Federmann an, „gerade eben hat hier jemand eine Karte Bremen—Berlin abgegeben."
Federmann ist in Berlin. Geht über den Potsdamer Platz. Paßt aber nicht auf. Hnö schon liegt er im Dreck: Sin Auto hat ihn um» geworfen.
Ein Schupo hebt ihn auf.
»Der Chauffeur hat Schuld," sagt Federmann.
„3ch?" entrüstet sich der Chauffeur. „Seit acht 3ahren fahre ich und habe eine Zuverlässigkeitsplakette."
-Das ist noch gar nichts," sagt Federmann. „3ch gehe seit 41 3ahren."
Als Federmann um die Ecke biegt, fegt chm ein Windstoß ins Gesicht: der Hut ist weg.
Federmann läuft hinter dem Hut her. Läuft und läuft Endlich hat er ihn, tritt darauf, nimmt ihn auf.
„Erlauben Sie mal," sagt da jemand, der auch gelaufen ist, „das ist mein Hut!"
„Das ist mein Hut," sagt Jedermann.
Als sie das vierzehnmal wiederholt haben, ruft Jedermann nach ernem Schuhmann. Der Schutzmann kommt.
„Aber warum denn zanken?" lacht er und nimmt einen Hut, der Jedermann auf dem Rücken hängt.
Jedermann schweigt einen Augenblick.
„Sehen Sie wohl!" sagt er dann zu dem anderen, „man sollte feinen Hut stets an einer Sicherheitsschnur befestigen," und geht.
Jedermann hat eine Vase gekauft, eine antike römische Vase.
„3st die auch echt?" fragt Mücke.
„Garantiert echt," sagt Jedermann, und zeigt mit dem Finger auf die eingebrannte lateinische 3nschrift am Boden.
-Wie heißt denn das auf Deutsch?" fragt Mücke.
Und Jedermann übergeht: „Angefertigt in Rom im 3ahre 200 vor Christi Geburt."
Jedermann geht auf der Landstraße. Plötzlich ein Stoß, und schon liegt er im Graben Ein Fahrrad klirrt zu Boden. Jedermann kriecht aus dem Graben. Sieht eine dunkle Gestalt. „Unverschämter Lümmel," packt Jedermann zu, „bet dieser Dunkelheit — ohne Licht — Strafanzeige — Körperverletzung--“
„Lassen Sie mich doch los," fegt die dunkle Gestalt. „3ch bin Schneidermeister Mosebunsch."
-Oh," sagt Federmann, und die 400 Mark, die Mosebunsch von ihm zu bekommen hat, fteben ihm deutlich vor Augen, „entschuldigen Sie. 3ch dachte. Sie wären ein Radfahrer ohne Laterne."


