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Nr 192 Drittes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)Donnerstag, (6. August (928
Oie Geschichte einer Lüge,
ter Potsdamer Äronrat vom 5. Juli 1»14
Unter dem Mateirat, dos Deutschland» Äriefl»- flegner zusammengetrapri haben, Lin die Bell da- oon zu übertrügen, daß Deutschland willentlich und absichttech den Weltkrieg berbeigefuhri hohe, ipeelt dee Behauptung eine grofte IHoUe, Malier Wildelm IL habe am S. Juli 1914 un Potsdamer schloß einen Ä r o n r a t abgebolten, der die Herbeiführung einen Weltkrieges beicht offen habe. Taufende von Heilungen haben es berichiel, Tauienke von Rednern haben es den Maffen in die Obren geschrien, bin alle Welt e glaubte, daß auf dieser Konferenz fall und nüchtern von Diplomaten, Mili- tiirs, Finanzleuten und Industriellen besprochen worden sesi Deutlchland» Weltherrschaftsplane durch einen Weltkrieg zu verwirklichen, daß von Potsdam aun systematisch alle Vorbereitungen für den baldigen Krieg getroffen worden seien und flotter D'Ihrlm lediglich zur Tauldiung der Welt über Deutschlands wahre Ziele seine Nordlandreise enge- treten habe. Scheinbar logisch trägt die geschickte Propaganda der Entente Zeugenaussagen und Indizien zuiommen. bl» für den wenig kritischen Befragter kein Zweifel an Deutschlands Kriegsschuld mehr möglich ist. Sinnfällige Silber In der gegneri- fchen Preise unterftujen noch die Vorstellung bru- toter, mordgieriger Äeslchter, geballter säusle, zielklaren Willens zur Untat, die bei ihren liefern bei der Lektüre solcher Schandtat entstehen mußte. So kam es, daß der Äronral zu Potsdam zu den fiauptonklogen in der Begründung de» Versoiller Diktate» gehört Erhärtet durch zwei deutsche Bot- schofler al» Kronzeugen. Und doch Hot dieser Rronrat niemals flatlgefunben.
(Fs Ist ein neue» Verdienst der „S ii d d e u t f ch e n Monatshefte" (München), daß sie in ihrem neuesten Heft „Der Potsdamer Kronrat" durch einen so I). roorragenden Renner wie Kurt Iagow (Bc- tchjcht. und Legende de» Potsdamer flronrate» restlos aufklaren aus fflrunb z. T. unbekannter Quellen, flnapp und klar und pfychologifch fein ist diese be- beutfame Darstellung. Wir sehen hier sozusagen an einem Musterbeispiel wie au» einem historischen
• — einigen Cinzelbesprcchungen dcc- Kaiser» - durch Indi»kretionen, Eitelkeiten, Uebertreibungcn, falschen Ideologien eine weltgeschichtliche Lüge non nerhöngnl»nollsler Wirkung, eben die Lüge dieser Kriegskonferenz entstehen konnte
Hier der Rem: Oesterreich-Ungarn beobachtete feit langem mit Mißtrauen die angreifende Tätigkeit de» (Bro6-€-erbentum» auf feine Ostgrenzen und entschloß sich zu Keaenmaßnahmen diplomatischer Art, die der deutschen Reichsleitung norgeschlagen werden sollen. Eine Denkschrift hierüber wird fertig- gestellt. Ehe sie übereicht wird, bringen die Schlisse non Sarasewo die firage schon in ein neue», schwie-
Ium r.-r Denkschrift wird ein .Handschreiben Äoiler Franz Josephs bei gefügt, das, wenn e» auch nick)! unzweideutig einen Slraffeldzug gegen Serbien vorfchlagt doch so abgefaßt ist, daß unter der Forderung auf sofortige» scharfe» Durchgreifen gegen Serbien auch ein Krieg verstanden werden kann. Denkschrist und Handschreiben werden Kaiser Wilhelm II. am V 3uli in Potsdam ü 6 e r r e I mf. Der Kaiser muß anerkennen, daß Oesterreich Maßnahmen für seine künftige Sicher- Heilung treffen muß, und empfahl insbesondere in her bestimmten Erwartung, daß der Konflikt dann lokalisiert werden könne, sofortige» Durch- greifen. Oesterreich wurde die Zusicherung gegeben, daß Deutschland, auch für den yaö eine» russischen Eingreifen», da» Kaiser Wilhelm au» ver- schiedenen Gesichtspunkten für unmöglich hielt, feinen Bündni »pflichten nachkommen würde. Ein Rronrat hat ober nicht ftattgefun- den Der Kaiser besprach sich nur gesondert mit einzelnen Herren der Reichsleitung, de» fieere» und der Marine. Die allgemeine Ueberzeugung war, daß der Konflikt sich nicht ausdehnen wurde und deshalb wurden auch keinerlei besondere Maßnahmen für notwendig gehalten
Wie konnte nun daraus die verhängnisvolle Legende entstehen? ole nahm In Deutschland ihren Ursprung. Und hier sind die Feststellungen Iagows eine lehrreiche und beschämende Lektion, welche furchtbaren Wirkungen entstehen können, wenn maßgebende Persönlichkeiten sich ihrer Verantwortung für das Volksganze nicht bewußt sind und ent- weder aus Leichtsinn oder Geltungsbedürfnis oder
Verhängnisse.
Vornan non Liesbei Dill.
Copyright by Martin Feuchtwanger, Halle (Saale).
I. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
..Madame?"
..Sehen Sie doch einmal dort drüben, Artemis . sagte Madame, die am Fenster stand, „ist da» nicht ein Lichtschimmer hinter den Laden'"
,Lch sehe nicht», Madame."
..Strengen Sie Ihre Augen einmal an. Artemis. Dort rechis, die zwei letzten Fenster."
..Die Läden sind doch geschloffen, wie kann man da etwa» |ehen
.Aber ich sehe e • doch E» ist ein Licht, da» wandert Und je«, sehen Sie. ist e» ausgegangen. Run ilt wieder alles dunkel. Ja. das ist sonderbar."
..Madame, ich glaubt. Sie haben geträumt", sagte die alte Wirtschafterin.
..Ich habe nicht geträumt*. sagte Madame. Aber was kann das gewesen fein? Soll der Ea- pitfline doch gekommen fein?-
..Nun, bann wird er sicher morgen Herkommen", sagte Artemis, ..und bann werden wir ihn hier uun Essen haben. Ich habe die Pastete einmal '-.cmacht."
Madam.' antwortete nicht, ihr fiert schlug stark. ~schwüle, druckende Atmosphäre hatte in ihr ein körperliche» Angstgefühl erzeugt, da» mit ihrem Tranten fierzen vüammenhing. Ihr Atem ging muMom.
..Sie sollten sich hinlegen. Madame", meinte Artemis
„9lefn. ick wM warten, bi» meine Schwiegertochter kommt."
_ da» wird immer sehr spät, Madame. Lcaen eie sich nur schlafen."
In diesem Augenblick fuhr ein Windstoß durch i ic Baume bes JRadibarganens. und ein Blitzstrahl leuchte durch da» Zimmer, der die grauen bien- lchrie auf. Madame ergriff die alte -Wirtschafterin am Arm. Das Trollen zog rasch naher Draußen wiegten sich die Bäume im Sturm, ber alte (Barten fam in Bewegung, der Nachtwind uhr switchen Sträucher und Baumäfte und schul- leite sie. Irgendwo rollte ein Ziegel vorn Dache.
Nankesucht oder auch reinem übertriebenen Be- laiigung»drana Dinge erlebt haben wollen und erzählen, die in Wirklichkeit gar nicht existieren. Zuerst erzählten Potsdamer (BarbeOffiziere in einem Berliner fiotel von <o etwas wie einem Äronrai, bann wollte der deutsche Botschafter in Konstantinopel, r Ban gen he i m , sogar dabei gewesen (ein, wie der flriegsenttchluß gefaßt wurde, und er erzählte
Amerikaner, der Franzose und sch! östlich die ganze Well Dann verfaßte ft ü r ft Lichnowsky eine indiskrete und größtenteils unrichtige Denkschrift, die in die Hände Der Unabhängigen Sozialdemokratie geriet. Vie Unabhängige Sozialdemo rratie brachte das Märchen in den Reichstag und schließlich auf den Stockholmer Kongreß ihrer (Be- sinnungsgenosien. von dort bezog sie die „Time »*
und dann die ganze Beltprefk in entsprechend wachsender Ausschmückung und Uebtrtreibung Später bekräftigte noch >t a u t » k y die Legende und zu Suh r Letzi stand jiein berBearünbung zum riebensbiktatvonversaille»,«,t§ trüge fugler Stein in ber Kerker mau er be» deunch-i Volke?. Trop aller amtlichen Dementi»' Allmählich erst beginnt d e Luge offenbar zu werden Ia^ow» mdauliig fianenber Bericht in den „Süddeutschen Mona! -heft<-n" wird beitragen, sie zu -erftoren $r ist dankenswert aber auch deshalb, roe.l er Meustti l'che». AU zumenschliches in seinen Einwirkungen auf ein<-_- Volkes Schicksal zeigt Und weil deshalb Lehren barau» für die Zukunft gezogen werden können uon denen, die lernen wollen Seine BcDeutung innerhall' de» ungeheuren Tatsachenmaterial» gegen die Schuldlugen ist (ehr hoch einzuschatzen.
Geschichten aus aller Welt.
Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten
Ter «uhv, der Welt
(a) 21 c u b o r f
.2Dir kennen Sie nicht und von un» unbekannten Leuten nehmen wir keine Schecks . Mit dielen Morten wurden am 11. Juli zwei junge Leute in einem bescheidenen Restaurant in dem Städtchen Nord Platte im fernen Nebraska abgeferhflt. wo sie sich in aller Oltoraenfrüb? je eine Tasse Äafiec und zwei Brötchen halten vorsetzen lassen. Die Rechnung bezifferte sich auf zehn Lents pro Mann, und der eine der beiden jungen Leute hatte ein Scheckbuch aus der Tasche gezogen und ein Formular auf vier Dollar ausgefüllt, um sich etwas Kleingeld zu verschaffen. Besonders vertrauen?rweckend war das Aeußere der beiden Gälte ja nicht gerade, sie trugen ileber&ofen und ziemlich schmierige Ar- beiferttcibcr. Der eine, ein baumlanger Mensch, durchstöberte schließlich seine Taschen und sand auch richtig die zwanzig E-ents Er und fein Gefährte waren am Abend vorher auf dem Fluge von Detroit in dem kleinen Lufthasen von 2tord Platte angelangt und beide hatten ein Gasthaus ums andere aufaelucht. waren überall abgewiesen worden und hatten schließlich mit einem billigen Logierhause, bas nur eine kleine Stufe über dem städtischen Asyl für Obdachlose steht, vorlieb nehmen müffen.
Das Konterfei des Langen ist seit einem Jahr in Hunderten Millionen Gremvlaren m der amerikanischen Press» veröffentlicht worden: in Aord Platte aber scheint man sich mit den Gesichtszügen Oberst Tharles QL Lindberghs noch nicht vertraut gemacht zu haben. Sein Begleiter war sein Mechaniker
Anatole Krancc, Hcan Iacquetz Vroufson nnb die Pantoffeln
— Paris.
Man wird sich vielleicht noch erinnern, daß vor einigen Jahren der Privatsekretär hon Afta- tole France, Jean Jaques Brvusson. mit <*mem Buche Aussehen erregte, m dem er sämtliche Intimitäten auS dem Leben des großen französischen Schriftstellers zur Kenntnis der Oeffentsichlett brachte. .Anatole France in Pantoffeln", so hieß das 'Buch deS Privat- sekvetärs. das so ziemlich in all« Kultursprachen übersetzt worden ist. Jetzt hat mm Brvusson die Remesis erreicht. Brvusson selbst ist durch daerwähnte Buch ein reicher Marrn geworden, so daß er sich selbst einen Privatsekretär halten konnte. Dieser, ein Journalist nanrens Ollauricc Aouzard. hat nun ebenfalls en Bändchen veröffentlicht, dos die bezeichnende lleberschrift .Jean Jacques Brvusson in Pantoffeln" trägt. Darin erzählt Rouzard alles aus hem Leben des Sekretärs von Anatole Frarrce. wobei er jedoch forgfältia alles vermeidet, was auf Brousion ein gutes Licht werfen könnte. Brvusivn selbst tobt natürlich vor Mut und cr- tlärt es als eine .SckNveinerei sondergleichen, sogar die Schlafzmimergebeinrniffe einer Privatperson in dre OeffenÜluKeit zu zerren". Als man Brousion darauf aufmerksam machte, daß er doch seinerzeit ganz ähnlich gehandelt habe, erwiderte er .Ich schrieb Geschichte, aber dieser Tauge- mchts von Avuzard hat hier das Blaue vvm
Hm.mei ^ruirtergelogen. Ich schleppe den Ker! vor den Aichtcr.' Bis jetzt macht aber Avuzard mit fernem Büchlein dae reihenden Absatz hat. di« denkbar besten Drichäfte
„altmodische" nationale Lftina.
(o) Tsingtau.
Bei der letzten Antorieitheit des national- chinesischen Generals Tschiangkaischek in Peking wurde ein großes Bankett gegeben, zu dem sämtliche ausländischen diplomatischen Tcrtrcter ein- geloben traten, mit Ausnahme allerdings des Japaners, ber wegen der bekannten Spannung zwischen Tokio und Qtanfing es lieber vorzog, der Veranstaltung ferrrzu blei den. Hi.rbei siel es nun allgemein auf. daß die ^raa des ®encral< Tschianakaischek in altchinesischer K ei dang erichien. währeno die übriaen Damen den Befehlen ber letzten Pariser Mode gefolgt waten. 3frau Tschiangkaischek. die wegen Ihrer Schönheit berühmt ist und auch noch nicht einmal das zwanzigste Lebensjahr erveicht hat, erklärte auf ent- sprechendr Stagen; .I ch bleibe beim 2111- he rg ebtach ten. weil ich es hübsch finde. 2lber ich habe nichts t>agegen, wenn meine Um« aetnmg europäisch gcfleilxt geht." Hätte man auf diesem republi'anischen Bankett eine Schbnheits- fi-nigin gewählt, so wäre Frau Tschiangkaischek sicherlich der Preis zuerkannt worden, obwohl die übrigen Damen mit Bubiköpfen und kniefreien Aockchen zu brillieren trachteten.
Dostojewskijs „Lpielcr" in — dckionte Carlo.
- Monte Carlo.
Der in Monte Sarin lebende russische (Emigrant <Tüdt Biasemskij erbrachte kürzlich den Beweis, baß die Typen, die Dostojewskij in feinen weltbekannten Romanen und Srzählungen so vortrefflich schilderte, bis zum heutigen Tage rricht aus gestorben sind. Seit der russischen Revolution tm Jahre 1917 fristete der ehedem reiche Fürst als Hausdiener tn einer Pension m Monte Carlo fein Leben. Bon einem Verwandten, der in Amerika m etwas besseren Verhältnissen als er selbst lebte, erhielt er zu Ostern underhofsterweise eine kleine Nntrrstützung. Fürst Biasemskij hat in der jahrzehntelangen Qk-rbannung nichts »zu- grfernt“ urdv eilte mit dem Delde. anstatt eS remünftig anjwiegen. prompt inS Kasino, ötn einziger Toup und — der tolle Hasardeur sprengte tatsächlich die Bank. Biasemskij verfügte nunmehr über das nicht zu unterschätzende Vermögen von 600 000 Franks. Wer aber an- nhnmf. er hätte sich eine sichere O > gründet, irrt sich gara gewaltig Der Fürst taufte sich einen Luliiswaaen. kleidete sich ,fürstlich" ein und begann daS Leben von .anno dazumal" zu leben. Die Aarrlichkeit dauerte natürlich ni-fit übennähig lan^e: nach knappen zwei Monaten stand Bialernskii abermals vor dem Richte. Da verkaufte er das Auto für einen Pappenstiel, bezahlte feine Pariser Hvtelrochnung. reiste dies- mal mit der Eisenbahn aber immer noch erster Klasie -- kurz ensichtollen nach Monte Carlo zurück, trug dairibst leine überflüssige Darderobe nach dem Leihamt und — begab sich wiederum nach dem Kasino. Diesmal war ifmt Fvrtuna treniaer hold und noch am selben Tage verlor bet Spieler ohne Furcht und Tobel fernen letzten E-ent. Am nächsten Morgen sprach er sodann bei
Da» fBeroittrr stand direkt über der Stadt, die Blitze züngelten über die Dächer und leuchteten in die fiäufer, daß die Menschen auflchroken au» ihren Betten. Ueberoll wurde Licht ongezündet, Fenster wurden klirrend geschlossen.
Artemis war zu Bett gegangen, Modomc saß am offenen Fenstk-r und schaute in die Nacht hinaus. Ihr fitn schlug stark, wie immer on solchen (Sewliierabenden fieutc war e» besonder:, schlimm. Schon den aanzen lag bedruckte iic etwas. Das Gewitter hatte eineErlofimg gebracht in der-Natur, aber nicht ihr. Sie fühlte sich umgeben von etwas Drohendem, einer Gefahr, die sich ihrem fiaus« zu nähern schien. Do mochte Charles jetzt sein? In der Jagdhütte hofienllich. Aber daß Odette nicht heimkam? Do mochte sie noch so Ipat hinaegangen sein? Und wie fam sie nach fiause, ort dem Detter?
Sie ging hinüber in die Wohnung ihre» Sohne». In dem «chlaszimmkr lagen noch hmgestreul einige feinet Kleider umher. Er war unordentlich und warf immer alles rasch hin. Aber Odette war doch sonst so ordentlich. Sie batte auch heute alle» liegen lassen, so ellig hatte sie e» gehabt, diese flohen- mutter zu bejuchen. Merkwürdig, was sie ,etzt platz- lich zu der asten Tante hinzog. Die Erbschaft? Du lieber (Bott, die Longeville überlebte sie sicher noch alle. Sie war ja kaum sechzig. Und Odrttc war gar nicht berechnend. Für da» Geschäft hatte sie absolut kein Intereste.
Sie mar keine ideale Schwiegertochter, wenn sie sich auch äußerlich vertrugen — innerlich bestand zwischen ihnen kein Band.
Und daran hatte auch der gutmütige und in feine bubfche Frau versiebte Charles nichts ändern können.
Odette und Madame waren sich fremd geblieben, wie am ersten Tage.
Odette stammte nicht au» der etabi, iic war au» Orleans. Charles, der dort tue Schule besucht banc, hatte sie don kennengelernt und brachte sie in ihr J)au=. Sie hatte sie nehmen müssen, wollte :ie cs mit dem einigen Sohne nicht Derberben. Er wat so gut, al» oobn und al» Gaue, und tüchtig war Charles, fleißig und ordentlich, und e» war nicht seine Schuld, daß sie nicht oorwärt-kamen und nie aus den Sorgen heraus un .Lion d'or". Hatte er wenigstens eine Frau genommen, die Geld mit-
brachte. Aber diese verwöhnte Frau mit den feinen fiänben, die nur Tapisserien sticken konnte.
..Die soll das einmal werden, wenn es mit mir nicht mehr geht?" dachte |ie bekümmert
Gott, wie das da draußen goß! Jetzt kam Odette sicher gar nicht mehr von dem fiause ihrer Tante herunter. Allein konnte sie den Weg doch nicht machen bei dem Wetter, und Dienstboten waren ja keine droben. Wahrscheinlich würde sie über Nacht bleiben, wie oft in dieser letzten Zeit, wenn sie sich verspätet hatte. Nun. hier mar sie Ja nicht nötig, das fiaus besorgten Madame und die olle Artemis.
Der ‘Hegen strömte auf den fiöfteren fios und klatfchte auf die Dächer der Stallungen, und in dem dunklen (Barten dort drüben bogen sich die regennassen Bäume. Einer war darunter, der immer bei •cturm ä(fixte, wie ein Mensch, der leidet. E» war eine alte Kiefer, die in den Wurzeln locker nxir und abgehauen werden >ollt.'. aber es kümmerte sich ja keiner mehr um dcn alten (Barten, ber, al» Madame Dupon noch lebte, mit seinen Teppich- beeten, dem englischen Rasen und dem Teepavlllon, den Treibhäusern, so schön und gepflegt war
J)ui. hui", feuhte die olle Kiefer, und bog sich im Winde. Da, Licht sah Ile nicht mehr.
Man sah jetzt vor züngelnden Bligcn überhaupt nicht» mehr Lic 'amen fast gleichzeitig mit dem Tonner. Krachend schlug, prasselte und bsitzte e» au» dem schwarzen (stewölk. Ein furchchare» 'stewitter enllud sich über der stabt. Das Daster fchoß au» ten Dachrinnen, quoll über und füllte die Straßenrinnen. Diese liefen über.
E? entstanden Bäche, die bur$ die engen Gißen rauschten und sich über den schrägen Marktplatz ergossen.
Madame gmg die oenfter schließen im ganze" fiause, erst die Läden, bann die Ijenfter. Sie hatte feine Furwt vor Gewittern, es war etwa» andere», das sie bedrückte.
Dieses fiaus, das heute an dem fmhmmcn <Be» roirrerabenb von ihrem -ohne und der schwieger- achter verlaßen war. erschien ihr plötzlich wie ein Gleichnis zu ihrem eigenen Leben. So einsam und schutzlos wie dieses fiaus stand man da, wenn man alt mar. Sie setzte sich in ihren «fiel am Df en und ffiaute mit gefasteten fiänben m die bsitzdurch« leuchtete schwarze Rächt.
teritrr früheren fierrichatt vor und bat um Wdv- derernStellung m den Dienst alo Hausdiener. Da er ..uch al# grich efter Änd' oyi bc-t Pen'imüiren geMxabt wnrd.- kam der bcin Wunsche
nach und so bart Hurst V.jsi nlk.i Weeder die Hchufie h?r (fiafic putzen >b sich lur bie Trinkgelder imt einem :ab»llokn Diener IvMnfen. Der kurze Traum mechl ein für alternd
ausgerräumi unb rohnjem'hi# »um Leben erweckter .Spieler" fühlt fich Utenn man seinen de-!'. Reportern gegenük-r geäußerte' Auslagen il'^auber fefienfen darf restlr».- glücklich 3n teilen Salle b« 'ich allo ber Lvr-.ich .Der Wahn
Lokaltermin im Hammelslall.
(h) Kon stonttn opel.
D>< hieftgc etiitung .Allan» hat «veven dem Versiipeziaüsten Dr. Sabib Veb ci hundert türf.lifie Psiinb Schabenertatz wegen ..böswilliger Tetieumbung“ zahlen müssen. .Allan» hatte nämlufi behauptet, ein fiammel an bem Dr Beblet eine Verjüngung-operatron auslührtc, wäre, vor- h:r em kraftstroyenbes. gelunbe* Tier, plötzlich ttark gealtert und lä k nunmehr m ben letzten öugen. Bebtet lieft sich b es nsfii gefallen, ging zum Kabi. und im Verlaut des sich anlfiliefienben Prozesses tarn ei' zu e.nem Lokaltermin im fiammelflall. bas he sit. ber Behaisiung be» be- treffenbea Tieres. ba.> auf ferne Iugenblichkelt. b^tehungsweile auf seinen körperlichen Verfall untersucht werben sollte. Die itewei saus nähme war naturgemäß recht schwierig, galt es doch überhaupt erst einmal fest zustellen, ob der fiam- mel auch ber richtige war usw. ul ». Schließlich fanb bas hohe Qterxfit auf (Jfrunb einer forg- fältigcn Untersuchung, haft bas Tier von Dr. Bebset operiert war »mb zum mlnbeft an seiner E»efundhe»t keinen Schaben gelitten batte Tic hunberl Pfund würben au»gezahU. Osieichzenig wirb aber bekannt, baß ber fiammd mzwrscheir boch verendet ist. .Alsam' wird also gegen bae Urteil Revision cinlegen, da er behauptet, mit seinen ursprünglichen »rflärungcn Recht gehabt zu haben. Dr. Bebfet hingegen erllärt, ber fiammel wäre den Aufregungen eine« Lokaltermins nicht gewa chs en gewesen. Man wirb also eine neue Untersuchung am toten Objekt anstellen müssen.
v^propriation der Lrpropriateurc.
iu) Kvwno.
In Kowiio ereignete sich kilrzlich ein lehrreicher kleiner Vorfall, der in bet Prelle Litauens und ber baltischen Staaten einen lebhaften Widerhall fand. Aus her litauischen Messe in Kownv hatte auch die Sowjetregierung einen Stand eingerichtet, in dem unter anderen Erzeugnissen bee heutigen Rußlands auch russische . ii» garetten zum Derkaus auSgeboten würben. Unter ben Besuchern des russischen Standes befand sich nun ein russischer Emigrant Sine Welle stanb er vor ben russischen Waren, betrachtete bie Zigaretten eingehend und steckte bann m aller Seelenruhe sämtliche Zigaretten in die Taschen seines Airzuge» und ferne» Mantel». Die Sowjet- Aull ich tsbeam ten waren über da» merlwiirdige Gebaren des Besucher», her die Zahlung für die „erworbenen" Zigaretten nachdrücklich verweigerte, natürlkfi wenig erbaut und riefen um Hilfe. Daraus aber erklärte der Emigrant mit der gleichen Ruhe: „Diese Zigaretten sind i n meiner früheren Fabrik gefertigt worden und ich habe also das volle Recht, das zu rück zu nehmen, waS mir von Quitt Regierung geraubt tourbe.“ Und mit diesen Worten verließ et in derselben Sceienruhe und ungehmdert durch die Zuschauermenge, die sich vor bem russischen Stand angefammelt hatte. daS Meßgebäude Aber auf ber Melle, hx ganz Kowno und zuletzt in einem groften Teil ber osteuropäischen Oefsentlichkeit lachte man nicht wenig über diese gelungene Anwendung des boi- fchewistischen Drundsatzes ber „Sspropriation ber Expropriateure".
England befiehlt die Liebe nach dem Tode.
(f) London.
Vtehc.r war man allgemein der Ansicht, baft sich die sogenannte ..L'.ebe" niemals erzwingen und noch viel wenig?« durch Gesetze regeln läßt. Der edle Lord Astor, ssincs Zcicheir» Mll- a'ied des englischen Oberhauses, will cs letzt fernen Mitmenschen zeigen, daß auch die L'eve
Wenn sie einmal nicht mehr war, wer sorgte dann für diese» alte fiaus? Sie ro.-r in diesem fiause geboren, im „L'vn d'or", das feit zweihundert Jahren das erste Gasthaus ber ctabt war.
:ucl)aroi(L Damals war bie Stabt eine große Garnison. Jetzt lagen nur noch zwei Bataillone darin, und hie eine flahrnr in der Stabt stand ganz leer. Di üremben, bie zuweilen im Sommer herkanien, um die flnibcbrale unb da» historische Museum zu besuchen, wohnten m bem mobernen „fiotel des Arcades", das, nreiß ac- strichen und ganz neuzeitlich eingerichtet, der flafoc- brate aegenuberlag. Dem .Lion d'or" nxiren hie osten Kunden treugeblieben, die Reifenden, die ihre Baumwolle und Seife hier absetzten, ein Stammtisch aller Junggesellen, bie auf eine alte, gute fluche hielten. Diric Küche war da» einzige, was ben „Lian d'or" noch über Wasser hielt.
Und die Seele dieser fluche mar Madame. Odette verstand nicht» von brr Win schall und wurde nie eine Kasserolle onrichren mit ihren oenvöhnten, seinen fiänben. Die wollte in immer heraus aus bem alten fiause. Wenn Madame einmal die Augen schloß, kam der „Lion d'or" unter den fiam« mer. Und das »vor, was sie bedruckte. Es war, als nb bem fiause eine Veränderung beoorftonb, bie nicht gut war.
„Ich kann Odettes wegen nicht bic ganze 71-ifit ausbleiben", bofiic SRabanir. und ging in ihr -filafymmer. (*s lag mfi dem fiste, war groß und ruhig, eie legte sich hm. Aber he konnte nicht nnjfilaun Ihr fier» ftepfk so sehr Sie nahm brri Listen in ben Rucken, ober si- hielt es v'cht auf, -ine solche Unruhe war In Ihr. Immer glaabt- sie, jemanden br Treppe heraufkommen zu hören. Sie dachte an ihren Sohn Quartes. Der Reaen strömte m die hnftere Rocht. Wo nwfiten sie sich untergetteQt haben, in einer Jagdhütte, im Salb'-, beim Förster? Großer Gott, wenn ihm nur nicht» passiert war! Sie stand auf, Heitetc sich wieder an und ging über ben Flur noch brühen. Die Kinder 'chliefen fest in ihren Betten, da» große, stille Schlafzimmer mit dem breiten, unberührten Bett ängstigt? sie. Sie erhielt Stöße von ihrem logen« den fierzen. Immerzu pofitc und mahnte es. (Fe kommt etwa» es ist etwa» in Anzug, gib acht!
(Fortsetzung folgt.)


